Lohnabhängige

Lohnabhängige sind auf ihren Lohn angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie haben sonst nichts. Sie müssen Lebenszeit und körperliche oder geistige Arbeit verkaufen.

Zweifellos können Lohnabhängige Vermögen besitzen. Sie mögen dann auch Einkommen aus diesem Vermögen beziehen (Rendite). Aber es wird nicht ausreichen, um davon auf Dauer leben zu können.

Es ist natürlich wahr, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt Lohnempfänger im obersten Einkommenssegment gibt, die derart gigantische Summen verdienen, -zig Millionen pro Jahr, dass sie sich von der Lohnabhängigkeit befreien können oder schon befreit haben. Aber das heißt bloß, dass sie nicht mehr lohnabhängig sind, selbst wenn sie Lohn beziehen.

Die Masse der Lohnbezieher – wahrscheinlich 95 oder 99 Prozent – sind hingegen lohnabhängig. Und das bedeutet:

(1) Sie sind darauf angewiesen, dass sie arbeiten können, um überhaupt Lohn zu beziehen. Es muss also genügend Arbeitsplätze geben.

(2) Sie sind darauf angewiesen, dass sie für ihre Arbeit einen angemessenen Lohn bekommen, von dem sie einigermaßen anständig leben können. Und sie sind darauf angewiesen, dass sie sich dafür nicht zu Tode schinden müssen, also auf einigermaßen anständige Arbeitsbedingungen.

(3) Sie sind auf Ersatzzahlungen angewiesen für Zeiträume, in denen sie nicht arbeiten können. Das kann Krankheit sein, Arbeitslosigkeit, Kindererziehung, aber natürlich auch das Alter. Was auch immer sich Lohnabhängige ersparen mögen, es wird niemals ausreichen, solche Zeiträume zu überbrücken.

(4) Sie sind auf den Zugang zu einer gut funktionierenden Infrastruktur angewiesen. Das beginnt beim Verkehr – Straßen, öffentliche Verkehrsmittel – und reicht über Wasser, Strom, Müllentsorgung bis hin zum Schulwesen sowie, last but not least, zur Gesundheitsversorgung vom praktischen Arzt bis zum Krankenhaus. –

Banal? Mag sein. Aber Hand aufs Herz: Wann war Ihnen das zum letzten Mal so richtig bewusst?

Wichtig ist das deshalb, weil es sozialer Politik genau darum gehen muss, um die Lebensqualität der Lohnabhängigen. In erster Linie. Ohne Wenn und Aber.

So was taugt mir

Montag Vormittag, Ecke Boznerplatz / Wilhelm-Greil-Straße. Ich steh’ da am Fußgänger­übergang, warte bis die Ampel grün wird, nicht gerade bester Stimmung wegen dem mise­rablen Winter in Innsbruck, Sie wissen schon: gefrorener dreckiger Schnee am Straßenrand, auf den Gehsteigen eine dünne braune Schicht von Salzmatsch. Außerdem ist es kalt. Ich hab meine Mütze über die Ohren gezogen und den Kragen des Anoraks hoch geschlagen.

Neben mir steht ein junger Mann asiatischen Aussehens, kleines Ziegenbärtchen unterm Kinn. Und er ist, wie ich bemerke, im Hemd. Ich schau noch einmal: ja wirklich, weißes Hemd, drunter nichts.

„Brrr“, mach’ ich.

Er lacht.

„I hab kahn langen Weg“, sagt er in gepflegtem Innsbruckerisch ohne den geringsten Akzent. Klingt angeboren. Oder zumindest seit frühesten Kindesbeinen.

„Trotzdem. So was geht nur, wenn ma jung is.“

„Oder wenn ma lei schnell a Jausn holt.“

Wir lachen beide, überqueren die Straße gemeinsam bei Grün.

„Schönen Tag noch“, sagt er.

„Tschau!“

Und während ich weitergehe, erwärmt ein Lächeln mein Gesicht. Ja, ich muss grinsen. So was taugt mir, macht mich ganz vergnügt!