Steuerreform mit Selbstbehalt

Einen großen Wurf strebt unsere derzeitige Regierung bei ihrer geplanten Steuerreform an: Sie soll nicht bloß drastische Vereinfachungen bringen, sondern auch beträchtliche Einsparungen: 3,5 Milliarden Euro durch eine Tarifreform bei kleinen und mittleren Einkommen, 1,5 Milliarden durch Entlastung der Unternehmen.

Auf Details brauchen wir hier nicht einzugehen, die sind im Standard nachzulesen (2. und 3. September 2018, siehe Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Die Frage, welche einen Lohnabhängigen beschäftigt, lautet ja schlicht und einfach: Woher kommt das Geld?

Es muss eindeutig und unüberhörbar festgehalten werden, dass wir darauf keine Antwort bekommen haben – weder von Seiten der Regierung noch von den Journalisten im Standard. Wir müssen schon selbst im wirtschafts- und steuerpolitischen Nebel herumtasten und versuchen, wenigstens ein bisschen klarerer zu sehen, ein ganz kleines bisschen.

Nun, eine mögliche Antwort lautet: Einsparungen. Die öffentliche Hand verschwendet demzufolge 5 Milliarden, und wenn man diese Verschwendung aufspürt, beendet, dann steht schwuppdiwupp genügend Geld zur Verfügung, vielleicht sogar mehr als genug.

Glauben Sie das?

Und selbst wenn: Theoretikern mag es ja gelingen, vermeintliche Quellen solcher Verschwendung ausfindig zu machen, vielleicht mahnen sie vollmundig sogar noch größere Beträge ein – aber Theoretiker tun sich bekanntlich leicht. In Wirklichkeit sind derart drastische Effizienzsteigerungen bisher niemals geglückt, weder bei uns noch anderswo.

Daher – zweitens – eine weitere mögliche Antwort: Weniger Steuern → mehr Konsum und mehr Investitionen → lebhaftere Wirtschaft → mehr Steuern.

Absolut logisch.

Sofern man an Wunder glaubt. (Was in unserem barocken Winkel der Welt allerdings keine Schwierigkeit bereiten dürfte.)

So dämmert uns durchschnittlichen (folglich: kleinen) Lohnabhängigen langsam, dass wir die Frage falsch gestellt haben. Das Geld wird nicht magisch irgendwoher kommen, quasi von selbst. Das wird jemand bezahlen müssen. Aber wer?

Darauf gibt’s immerhin Ansätze einer Antwort im Standard: Die Arbeitnehmer, wird da so nebenbei erwähnt, dürften „eine Art Selbstbehalt“ zahlen müssen, indem nämlich bisherige Vergünstigungen – Freibeträge und andere Sonderregelungen – gestrichen werden, zum Beispiel bei den Reisekosten.

Für Unternehmen wird’s so einen Selbstbehalt natürlich nicht geben. Klar. Das kann man von dieser Regierung nun wirklich nicht erwarten.

Im wirklichen Leben wird dieser „Selbstbehalt“ aber noch viel weiter gehen. Denken wir noch einmal nach: 5 Milliarden weniger Steuern – die öffentliche Hand kann fünf Milliarden weniger ausgeben – sie wird kürzen – wo?

Schon heute fehlt’s an Geld, soweit es öffentliche Leistungen betrifft: Gesundheitswesen (Ärztemangel an unseren Krankenhäusern zum Beispiel), Schulwesen (da fehlt’s hinten und vorn), Sicherheit (zu wenig Polizisten).

Für die Reichen, die Profiteure ist das nicht so wichtig: Die haben genug Geld, um sich die Behandlung und ihren Kindern die Schule trotzdem zu finanzieren. Und die Sicherheit – nun, die wohnen dort, wo’s nicht so tragisch ist, und wenn, dann gibt’s halt Alarmanlagen, vielleicht sogar Security Guards wie in den Vereinigten Staaten.

Aber wir?

Wir werden die Steuerreform bezahlen, so oder so, und möglicherweise wird das ziemlich bitter. Wenn das nächste Spital zum Beispiel eine Stunde weit weg ist, und wenn Sie dort in der Notaufnahme einen Tag lang warten.

Natürlich ist’s immer schön, wenn man weniger Steuern zahlen muss. „Entlastung“ – klingt ja schön, oder? Selbst für kleine Leute. Bloß profitieren die von der öffentlichen Hand viel, viel mehr als sie investieren.

„Jede Steuersenkung ist grundvernünftig“, wird im Standard der Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, Klaus Hübner, zitiert.

Echt?

Ganz abgesehen davon, dass das an sich schon eine dumme Äußerung ist: wirklich jede? So was kann man einfach nicht behaupten. Unmöglich.

Abgesehen davon also – so wie sich die Lage derzeit darbietet, hat die öffentliche Hand eher zu wenig Geld als zu viel. Immer aus der Sicht des durchschnittlichen Lohnempfängers betrachtet, versteht sich. Und wenn man da um fünf Milliarden entlasten will – nun, dann würde uns doch interessieren, wie man sich das vorstellt, oder? Wer die Zeche zahlen soll?

„Regierung: Steuerreform soll ‘radikale Vereinfachung’ bringen“, Der Standard, 2. September 2018.

„Steuerreform soll laut Löger fünf Milliarden Euro Entlastung bringen“, Der Standard, 3. September 2018.

„Von Zulagen bis Diäten: Zittern um Steuer­begünstigungen“, Der Standard, 3. September 2018.

Only few get away

On J. G. Farrell’s Novel «The Singapore Grip»

J. G. Farrell was born 1935 into an Anglo-Irish family; he grew up in Liverpool and in Dublin. While studying at Oxford, he contracted polio, which left him crippled for the rest of his life. His first novel was published when he was twenty-eight but it did not meet with critical acclaim; the same can be said for his next two attempts.

It was only in 1970, when Troubles appeared, that he became noticed as a writer. This novel is set in Ireland in 1919, during the Irish War of Independence (1919–1921). It was followed by two more works which were eventually grouped as the so-called Empire Trilogy: The Siege of Krishnapur (1973), set during the Indian Mutiny (1857), and The Singapore Grip (1978). Shortly after the publication of this latter novel Farrell decided to move to a remote part of Ireland where he died in a fishing accident in 1979, aged 44. By that time, he was an esteemed writer, claimed by both the English and the Irish.

The story of The Singapore Grip takes us back to the Straits Settlements – as the colony of Malaya and Singapore was then called – at the end of 1941. The war is far away in Europe, and Japan so far only a menace with the United States sitting on the fence. If the brewing crisis affects the colony at all it is in the way of rising prices and the shortage of shipping.

The plot centres on the Blackett family whose wealth comes from a successful business in rubber production and trading. When the aged partner Mister Webb dies, his son Matthew is called in. He’s an idealistic young man who used to work with the League of Nations in Geneva. As the story unfolds he slowly moves centre stage, although it involves a considerable number of characters from beginning to end, including even the ill-fated commander of the Army, Lieutenant-General Arthur Percival.

Gradually, the war comes nearer. The Japanese first land on and then race down the Malayan peninsula, unstoppable in spite of all the efforts by Commonwealth troops. Singapore itself is subjected to bombing raids steadily increasing in number and intensity. Life is fast deteriorating to an extent that would have been inconceivable at the beginning of the story. Still, characters cope in one way or another, and they keep coping in the enveloping inferno around them. In fact, this slow inevitable process can be seen as the drama underlying the novel.

It comes to mind that the second book in the Empire Trilogy, The Siege of Krishnapur, deals with a similar predicament: in this case, of a small group of beleaguered Englishmen in a remote part of India. It seems that Farrell was particularly interested in and skilful at depicting such extreme challenges.

In Singapore, the story ends as we all know it has to. Only few get away: an Australian general under dubious circumstances for example, marauding Australian troops – or the very rich and unscrupulous such as the women of the Blackett family. The elder daughter and her wealthy young husband even manage to take their car with them while thousands of others have to stay behind due to lack of shipping space.

And indeed, there is a lot of social criticism in the novel, particularly of the plantation system in Malaya, although it mainly comes in the form of mild satire; and indeed, there is a good deal of comedy in this book in spite of the apocalyptic scenes described. Whatever the historical background or the implications, Farrell always tells stories first and foremost, keeping his eyes firmly on his characters: a good read, no doubt, entertaining and gripping throughout.

Gripping? The Singapore Grip? There is some speculation in the book as to what the term may mean. Although it is revealed in the end, it certainly won’t be given away here. Spoiler alert off!

J. G. Farrell, The Singapore Grip, paperback edn. (London: Phoenix, 2010). First publ. 1978 by Weidenfeld & Nicolson.

Otto Wagner

Wien-Museum am Karlsplatz, die Otto Wagner-Ausstellung: umfangreich, informativ, äußerst interessant.

Otto Wagner ist bekanntlich eine Heldenfigur der Wiener Moderne – vielleicht sogar der Held schlechthin. Er vollzog den Schritt vom So tun als ob hin zur sichtbaren Verwendung zeitgemäßer Materialien, in seinem Falle vor allem Stahl und Glas: Die Logik der Moderne in Reinkultur, könnte man fast sagen, und deshalb eignet sich Wagner auch so wunderbar für pädagogische Zwecke. Inzwischen kann wahrscheinlich jeder durchschnittliche AHS-Maturant oder jede durchschnittliche AHS-Maturantin die Geschichte im Schlaf herunterbeten. Auch ich hab’ sie erzählt, und zwar meinen Deutsch-Klassen an einer HTL.

Womit der Wert der Ausstellung nicht im Geringsten geschmälert sei: Denn mein Wissen in punkto Architekturgeschichte ist, obwohl vorhanden, doch ziemlich kursorisch. Da hab ich also viel Neues erfragt, Lücken geschlossen.

Zwei Beobachtungen, zwei Gedanken gehen mir nicht aus dem Kopf und sollen hier dargelegt werden, quasi als Anmerkungen, als Fußnoten: Da sind zum einen Wagners grandiose Entwürfe zur Stadtplanung. Wie es scheint, handelte es sich nicht nur um ein privates Steckenpferd: Von seinen Meisterklassen an der Hochschule verlangte er im dritten Jahr eben so ein Projekt als Abschlussarbeit. Bloß zeichnen sich die Vorstellungen des Meisters selbst durch einen unübersehbaren Hang zur Gigantonomie aus. Und da fühlt sich der unvoreingenommene Betrachter halt doch erinnert an einen gewissen Pseudo-Amateur-Architekten unseligen Andenkens.

Natürlich hatte Wagner nichts mit den Nazis zu tun – das wäre rein chronologisch schon unmöglich (er starb 1918 – deswegen die Ausstellung). Wieviel Hitler von Wagners grandiosen Ideen gewusst hat, muss hier offen bleiben. Auf keinen Fall wird er gemeinhin mit der Moderne in Verbindung gebracht; der schien er vielmehr feindselig gegenüber zu stehen. Obwohl dieses Verhältnis vielleicht doch ein bisschen genauer untersucht werden sollte. Die Inszenierung der Reichsparteitage etwa, überliefert durch Leni Riefenstahls Filme, könnten da einen ersten Wegweiser bieten.

Zurück zu Otto Wagner und seiner Stadtplanung. Ein Modell soll einen ganzen Stadtteil darstellen. Wagner konzentriert sich auf eine großzügig angelegte luftige Achse mit streng geometrischen Grün- und Wasserflächen, verbunden durch eine Avenue. Schön. Den Rest bilden uniforme gesichtslose Wohnblocks, angeordnet in einem monotonen Gitternetz von Straßen.

Und so sollten die Menschen leben?

Otto Wagner plante zwar Mietshäuser, so erfahren wir in der Ausstellung, aber sozialer Wohnbau interessierte ihn nicht. Viele seiner Schüler waren dann allerdings an den Bauten des Roten Wien beteiligt, den berühmten Bauten, deren Architektur ja wirklich beeindruckt, selbst heute noch. Allerdings – so erfahren wir weiter – wurden diese Schüler kritisiert, weil die Wiener Kommunalbauten im Innern so unkritisch, so konservativ die kleinbürgerlichen Vorstellungen von Wohnen übernahmen.

Na, Gott sei Dank! (seufzt der unvoreingenommene Ausstellungsbesucher).

Performancekunst

Irgendein Radioprogramm, irgendeine Sendung. Es geht um die Wiener Gruppe, wieder einmal, um ihren avantgardistischen Mut in den fünfziger Jahren – das wohlbekannte Heldenepos, erzählt wahrscheinlich schon zum fünfhundertdreiundachtzigsten Male.

Zum Schluss eine super-gescheite Stimme, zieht wohl Resümee: Heute sei in der Kunst alles erlaubt, doch im Leben kehre die Konvention zurück.

Und da schreit der naive, folglich unvoreingenommene Zuhörer gequält auf: Aber das stimmt doch nicht!

Donald Trump – das ist doch ein Performance-Künstler, oder? Vielleicht sogar par excellence, weil’s bisher keinen gegeben hat, der auch nur annähernd so gesellschaftlich relevant gewesen wäre. Das gilt gerade für seine schlimmsten Ausfälle. Denn eben dies haben uns avantgardistische Künstler und Schriftsteller doch gelehrt, durch all die Jahrzehnte herauf: die Provokation; die Lächerlichkeit von Sitten und Manieren, die „Brüchigkeit von Konventionen“; den Tabubruch – ganz wichtig, geradezu der Sinn und Zweck von Kunst (glaubt man besagten Künstlern).

Und was tut Trump?

Oder nehmen wir die fake news, Trumps stereotype Parole. Haben uns nicht gerade Künstler und Schriftsteller eingebläut, dass die Wirklichkeit eigentlich gar nicht wirklich ist? Dass nur unbedarfte Philister so was glauben? (Leicht herablassendes Lächeln aus den schnatternden Zirkeln des Kulturbetriebs.) Und dass es folglich gar keine Wahrheit gibt? Alles nur relativ, nicht wahr, eine Frage des Blickwinkels. Alles nur Sprache, alles nur Gestaltung – künstlerische Gestaltung.

Wann platzen die Blasen?

Blasen? Welche Blasen?

Nun, in den letzen zwei oder drei Jahren habe ich geglaubt, gleich drei solcher Gebilde ausmachen zu können. In chronologischer Reihenfolge handelt es sich um

  • den so genannten Brexit,
  • den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, sowie
  • den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz und seine türkise Bewegung.

Für manche wird das selbstverständlich klingen, keiner weiteren Erklärung bedürftig; für andere schon – wir können ja nicht voraussetzen, dass alle gleich denken. Also: Warum sehe ich Blasen?

Was den Brexit betrifft, so besteht das Problem gar nicht im Wunsch so vieler Briten, aus der Europäischen Union auszutreten. Das könnte durchaus vernünftig sein – vorausgesetzt, man ist sich der Konsequenzen bewusst, man ist also bereit, den nötigen Preis zu zahlen. Genau das ist aber nicht der Fall: weder das eine noch das andere. Deshalb bewegt sich die gesamte Debatte in einer Art Blase. Sie müsste – so meine Erwartung – platzen, wenn sie an der Realität anstößt. Das könnte die Position der EU sein, oder aber die reale Auswirkung eines mehr oder weniger harten Brexit.

An der Tatsache, dass Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, dass er das Amt folglich ausübt und weiter ausüben wird, kann hingegen kein Zweifel bestehen. Trotzdem erheben sich Fragen: Wie lange kann das gut gehen, einen derart unberechenbaren Menschen an der Spitze der – vorläufig noch – stärksten Macht der Welt zu haben? Trump trampelt durch akzeptierte Regeln und übliche Verhaltensweisen wie ein – man entschuldige bitte – wie ein Wildschwein. Das gilt für die Demokratie in den USA ebenso wie für internationale Beziehungen.

Natürlich kann so was kurzfristig Erfolg bringen: nicht nur wegen des Überraschungseffekts, sondern auch, weil’s manchmal wirklich vorteilhaft sein mag, Tabus zu brechen. Bloß sagt uns die Erfahrung, in diesem Falle also die Geschichte, dass die Strategie allen kurzfristigen Erfolgen zum Trotz in der Regel nicht aufgeht. Das wissen wir seit Napoleon und seit Hitler. Wobei mich Trump an keinen der beiden erinnert, sondern an Mussolini: Man braucht ja bloß zu beobachten, wie er Grimassen schneidet und pseudo-heroische Posen äfft. Mussolini, dieser elende Maulheld, hatte zunächst auch Erfolg, er konnte den Schein ziemlich lange aufrecht erhalten, notdürftig sogar bis 1940, bis zum Kriegseintritt Italiens. Immerhin achtzehn Jahre. Aber dann? Wie hat’s geendet?

Was Sebastian Kurz und seine türkise Bewegung angeht, so darf daran erinnert werden, dass sie auftauchte wie das oft bemühte Kaninchen aus dem Zylinder. Im Sommer 2017 war die ÖVP so am Ende, dass bei den bevorstehenden Wahlen nichts als ein Debakel drohte. Schwuppdiwupp, da war der neue Spitzenkandidat da, und nicht nur das: auch die ÖVP war völlig neu, ganz anders, keine Länder- und Bündestruktur mehr. Aber wo blieb dann die Machtbasis?

Nun, inzwischen wissen wir, wo die liegt: bei der Industriellenvereinigung und beim Wirtschaftsbund. Bloß – da gibt’s zwar jede Menge Geld, aber wie viele Stimmen? Bis dato hat Kurz das Manko wettmachen können, und zwar mit seinem persönlichen Appeal, wie man so sagt, mit seinem Image als Star. Und genau das verstehe ich unter einer Blase. –

Bleibt natürlich die eingangs gestellte Frage: Wann wird sie platzen? Und die anderen auch? Wie lange noch?

Oder womöglich – überhaupt nie?

Auch diese letzte Frage stelle ich mir. Ich hab’ keine Ahnung, wie’s weitergeht, wie die Zukunft aussieht, und weil ich kein Journalist bin, möcht’ ich auch gar nicht so tun als ob. Worum’s mir geht, ist etwas anderes:

Wenn wir eine Blase ausmachen, dann erwarten wir, dass sie platzt. Sie möge gefälligst platzen. Das verlangt – ja, was eigentlich? Unser Sinn für Gerechtigkeit? Für die Realität? Der Hausverstand?

Nun ist’s bei keiner der drei Blasen so weit, dass ich ihr Platzen jetzt schon für fällig hielte. Für Präsident Trump, so habe ich von Anfang an angenommen, kommt die Abrechnung frühestens im Jahre 2020, wenn er sich den nächsten Wahlen stellen muss. Und selbst dann ist’s noch gar nicht sicher, wie diese Abrechnung ausfällt. Eine zweite Amtszeit habe ich mir ebenfalls von jeher vorstellen können.

Beim Brexit hätte ich eher angenommen, dass die Wirklichkeit inzwischen ernsthafte Schrammen hervorgerufen hätte. Bis dato hat sich Premierministerin Theresa May aber durchschwindeln können. Sicher, die Spannungen innerhalb der Konservativen nehmen zu, bauen sich auf – aber die große, die dramatische Auseinandersetzung, der showdown, blieb bisher aus.

Und Sebastian Kurz samt seiner türkis-verschämten neuen ÖVP liegt in Umfragen nach wie vor vorne, deutlich vor SPÖ und FPÖ. Zwar rumort’s in der alten, der echten ÖVP, aber wie’s scheint, darf man sich auch hierzulande vorläufig keine dramatische Entwicklung erwarten.

Also?

Nun, wie schon gesagt, in die Zukunft kann ich nicht sehen, und ich will auch nicht so tun als ob; hier ist es nur um meine Erwartung gegangen. In einem Jahr wissen wir vielleicht mehr.

Vielleicht?

Hoffentlich!

Flucht, Liebe und Überleben

Über Niko Hofingers Roman «Maneks Listen»

Zehn Jahre lang, von 1976 bis 1986, war Ernst Beschinsky der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Sein Grab findet sich im jüdischen Sektor des Westfriedhofs. Ungefähr fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod stellte sich allerdings heraus, dass es zwei Männer mit derselben Identität gab – und der Innsbrucker Beschinsky war nicht der echte. Eigentlich hieß er Emanuel Willner, gerufen Mano oder auch Manek, und stammte aus Galizien, damals Teil der Donaumonarchie, später polnisch.

Ein Skandal? Nicht ganz. Denn der echte dürfte vom unechten gewusst haben – schließlich handelte es sich um alte Freunde aus Wien! So eröffnete sich aufgrund zäher Nachforschungen eine atemberaubende Geschichte von Flucht, List, vom Geschick, den Verfolgern stets um Haaresbreite voraus zu sein: Chuzpe. Doch handelt die Geschichte ebenso von einer lebenslangen Liebe, vom Mut und der Standfestigkeit einer jungen Tirolerin, und deshalb letztlich auch vom Überleben.

Auf österreichischer Seite recherchierte der Innsbrucker Historiker Niko Hofinger in dieser Causa. Die TV-Dokumentation des israelischen Filmemachers Yair Lev brachte sie erstmals an die Öffentlichkeit. Doch blieb vieles vage, wenn nicht gar ungeklärt – es konnte auch kaum anders sein. Vermut­lich hat sich Niko Hofinger deshalb entschlossen, einen Roman zu schreiben.

Als Erzähler fungiert der verstorbene Ernst Beschinsky II, also Manek Willner – daher der Titel.

(Aber warum gleich Maneks Listen? Zwar kommen im Buch ein paar solcher vor, aber bedeutende Rolle spielen sie keine. Die Anbiederung erscheint mir – man entschuldige bitte den Ton – deppert. Wahrscheinlich stammt der Titel ja vom Verlag. Den möchte man außerdem gerne fragen, wie’s zum eigenartig kleinen Buchformat kommt. Das hat nämlich zur Folge, dass auf den zahlreichen Abbildungen praktisch nichts zu erkennen ist.)

Diesem Manek also verleiht Niko Hofinger eine Stimme – und er tut das gekonnt, stilgerecht (bis auf ein, zwei Schnitzer) und somit glaubwürdig. Da beweist ein Historiker beträchtliches Talent als Schriftsteller, und das verdient Bewunderung. Das Buch ist von Anfang bis Ende spannend, amüsant, gleichzeitig doch auch erhellend. Mich hat, als ich die Fernseh-Dokumentation sah, die Frage geplagt, warum sich dieser Manek Willner, ohnehin schon jüdisch, auf der Flucht vor seinen Nazi-Verfolgern ausgerechnet eine neue jüdische Identität zulegte!

So lässt Niko Hofinger seinen Protagonisten antworten: „Ich musste mir eine Geschichte suchen, die glaubwürdig war, weil damals an jeder Zollstation und auf jedem größeren Bahnhof selbsternannte Spezialisten für Juden-Erkennung lauerten. Ich sah nach den von Hobby-Antisemiten empirisch-wissenschaftlich gesammelten Kriterien ganz eindeutig aus wie ein Wiener Jud. […] Und natürlich war ich beschnitten und wäre schon beim ersten Fingerzeig auf meine Hose gnadenlos aufgeflogen. Mein Ernst Beschinsky, der war gut. Ich kannte seine Geschichte […].“

Ein gelungener Roman also, auch und gerade stilistisch, was bei literarischen Produkten heimischer Provenienz ja keineswegs vorausgesetzt werden kann. Und trotzdem bleibt da ein Aber. Denn im Grunde geht’s Niko Hofinger ja doch um Geschichte, um Fakten und um Dokumentation. Davon zeugen die seitenlangen klein gedruckten Danksagungen am Ende des Buches. Man staunt, wie viele Archive, Institute und Dokumentationszentren es gibt, und wie viele Menschen da offenbar ihren Lebensunterhalt verdienen.

Die Romanform erlaubt es, Lücken zu füllen, Erklärungen zu liefern, die in keinem Dokument aufscheinen, gar nicht aufscheinen könnten. Bloß – wo hört die historische Dokumentation auf, wo fängt die Phantasie an? Über lange Strecken erhebt sich die Frage nicht, das gebe ich zu – Beweis von Hofingers erzählerischem Geschick; aber manchmal eben doch, zum Beispiel wenn Manek, der Erzähler, seiner giftigen Verachtung Israels Luft macht.

Damit man mich recht versteht: Das ist keine Kritik. Ich wüsste selbst nämlich auch nichts Besseres. Anders würde man diese Geschichte kaum so gut erzählen können wie hier. Verschiedene Schriftarten vielleicht? Aber wie pedantisch wäre das, fein säuberlich getrennt?

Trotzdem – die Frage bleibt:  Gewusst, Herr Hofinger, oder erfunden?

Niko Hofinger, Maneks Listen, Roman (Innsbruck: Limbus Verlag, 2018).

Nachtrag: Man macht mich darauf aufmerksam, dass der Titel auch anders verstanden werden kann: Listen als Plural von List. Schön. Aber wie viel ändert das an der Anbiederung?

Teschen lässt grüßen

Über „Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939“ von Walter Rauscher

Mitteleuropa ist ein vielgesichtiger Begriff. Er hat eine lange Geschichte und erfuhr etliche, nicht immer erfreuliche Deutungen. Der Historiker Walter Rauscher schränkt ihn deshalb auf jene Staaten ein, die entweder aus der Konkursmasse der Donaumonarchie entstanden sind oder sich Teile selbiger einverleibten. Es handelt sich in grob nord-südlicher Reihenfolge um Polen, die Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn, Rumänien sowie das Königreich Jugoslawien. Ausgeklammert bleiben demzufolge die baltischen Staaten sowie das Königreich Bulgarien. Man mag das als Lücke empfinden, doch muss man dem Autor zugestehen, dass er sich sein Arbeitsfeld selbst aussuchen kann (und muss). In diesem Falle, so scheint es, bringt die Be­schränkung Gewinn.

Mitteleuropa also in diesem Sinne. Keiner der hier besprochenen Staaten war sonderlich groß, geschweige denn mächtig. Mit der Donaumonarchie zerbrach auch ein mehr oder weniger organisch gewachsener Wirtschafts­raum. Unter den Folgen litten alle Nachfolgestaaten, am meisten wahr­scheinlich Österreich. Außer in der Tschechoslowakei herrschten überall landwirtschaftliche Strukturen vor samt allen Problemen, welche sie mit sich brachten. Die Region war mit einem Wort rückständig.

Von Anfang an gab es deshalb auch Überlegungen, wie die jungen Staaten zusammenarbeiten könnten. Frankreich war daran gelegen, einen Cordon sanitaire gegenüber der Sowjetunion zu schaffen. Auf der anderen Seite stand Deutschland – zunächst, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, nicht als Machtfaktor, sehr wohl aber als bedeutender Markt.

Doch die Zusammenarbeit der neuen Staaten gestaltete sich schwierig. Zwei Faktoren standen im Wege: Zum einen war keiner der neu ge­schaffenen „Nationalstaaten“ wirklich national – in jedem lebten nationale Minderheiten von beträchtlicher Stärke, sodass man eher schon von Viel­völkerstaaten sprechen musste. Diese Minderheiten sorgten für interne Spannungen und gegenseitiges Misstrauen. Dabei spielte auch eine Rolle, dass sich die einen als Gewinner der Nachkriegsordnung empfanden – die Tschechoslowakei etwa –, andere hingegen als Verlierer: allen voran Ungarn. Letztere strebten eine „Revision“ dieser Ordnung an.

Österreich gehörte zwar eindeutig zu den Verlieren, stellte aber keine revisionistischen Gebietsansprüche. Dazu war es zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit seinem eigenen Überleben. Was die anderen Nachfolge­staaten fürchteten, das war einerseits der Anschluss an Deutschland, andererseits eine Restauration der Habsburger. Warum diese so ernst genom­men wurde, derart substantielle Ängste auslöste – besonders, wie es scheint, in Jugoslawien – das kann ein heutiger Leser nur schwer nachvollziehen. Trotzdem vergifteten solche Befürchtungen zusätzlich die Atmosphäre.

Doch standen nicht bloß nationale Empfindlichkeiten einer stärkeren Kooperation entgegen. Da gab’s ebenso einen logischen Fallstrick, wenn man so will: Denn es lag ja auf der Hand, dass die jungen Staaten jene Souveränität, welche sie eben erst und unter großer nationaler Begeisterung errungen hatten – Erfüllung einer Jahrhunderte alten Sehnsucht (wie man damals glaubte) – nicht gleich wieder einschränken wollten, indem sie einem übernationalen Bündnis beitraten. Vielmehr hüteten sie diese Souveränität eifersüchtig, bestanden darauf, als eigenständige, eigenmächtige Staaten zu handeln, und nur als solche.

Aus diesen Gründen lehnten sie alle ganz entschieden jeden Ansatz einer „Donaukonföderation“ ab, wie sie immer wieder ins Spiel gebracht wurde, nicht zuletzt von Frankreich. Was es gab, das war die so genannte Kleine Entente, ein Bündel bilateraler Abkommen zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien und dem Königreich Jugoslawien. Sie bestand seit 1920/21. Später betrieb Italien vorübergehend eine engere Zusammenarbeit mit Ungarn und Österreich, festgeschrieben in den Römischen Protokollen von 1934.

Genützt hat das alles nichts, wie wir wissen. Mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933–34 änderten sich die Verhältnisse in Mitteleuropa drastisch. Der Macht des Dritten Reichs hatten die mitteleuropäischen Staaten nichts entgegenzusetzen. Österreich verfiel dem Anschluss, es folgte erst die Amputation der Tschechoslowakei 1938, dann ihre endgültige Zer­schlagung und Unterwerfung 1939. Im Herbst desselben Jahres war Polen dran. Der Rest – nun, man weiß.

Den verbliebenen Kleinstaaten Mitteleuropas blieb nur die Kooperation, um nicht zu sagen Unterwerfung. Ungarn tat sich unrühmlich hervor – in den beiden Wiener Schiedssprüchen ergatterte es große Teile der Slowakei (1938) und später Rumäniens (1940). Ersteren Gewinn könnte man ohne weiteres als Leichenfledderei betrachten.

Doch waren die Ungarn keineswegs allein. Seit 1918 gab’s einen Disput zwischen der Tschechoslowakei und Polen um die kleine Stadt Teschen samt Umgebung – das so genannte Teschener Gebiet. Die Stadt wurde schließlich geteilt (1919). Kaum war das Münchner Abkommen unterschrieben, in welchem der Tschechoslowakei 1938 bekanntlich das Sudentenland entrissen wurde, sah Polen seine Stunde gekommen und besetzte im Einverständnis mit dem Dritten Reich den tschechischen Teil des kleinen Gebietes.

Wow! Was für ein Triumph! Der wieselflinke, bauernschlaue Nationalismus! Denn in der Tat – für sich betrachtet, von Einzelfall zu Einzelfall, ist die nationalistische Logik ja unwiderlegbar: Unser Vorteil, sonst nichts; wir nehmen uns, was wir bekommen, und wenn wir was hergeben sollen, ertönt lautstarkes Wehklagen.

Doch zeigt die Zwischenkriegszeit 1918–1939 nur zu deutlich, wie trügerisch das Erfolgsrezept dieser eng geführten Logik letztlich ist. Sie führte nämlich geradewegs in die Katastrophe: zunächst des Zweiten Weltkriegs, aus dem sich keiner der Nachfolgestaaten heraushalten konnte, ganz im Gegenteil. Und darauf folgte die kommunistische Diktatur unter sowjetischer Dominanz, fast ein halbes Jahrhundert lang. Da konnte von Souveränität, von Unabhängigkeit und Freiheit überhaupt keine Rede mehr sein. Da verloren diese stolzen, so auf ihre Unabhängigkeit bedachten Pseudo-Nationalstaaten viel mehr, als sie durch eine Kooperation je eingebüßt hätten.

Haben sie daraus gelernt? Darüber schreibt Herr Rauscher natürlich nicht – er ist ja Historiker. Der Leser kann sich die Frage trotzdem nicht verkneifen.

Also? Eingedenk der traurigen Erfahrungen im 20. Jahrhundert möchte man solches wohl annehmen. Aber nein: Zumindest die Staaten der so genannten Visegrád-Gruppe, nämlich Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn scheinen sich derzeit genau so zu verhalten wie in der Zeit zwischen 1918 und 1939. Aber damit tappen sie nicht bloß erneut in die Falle der engen, allzu schlauen nationalistischen Logik. Dieses Mal tragen sie gleichzeitig bei zur Schwächung, vielleicht gar zur Zerstörung der Europäischen Union. Und damit zerstören sie die einzige Hoffnung für ihr eigenes Überleben als einigermaßen souveräne Gebilde. Teschen lässt grüßen, Herr Morawiecki, Herr Orbán!

Walter Rauscher, Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939 (Wien: Kremayr & Scheriau, 2016).

Just back from…

… a trip to Yorkshire with the AustroBrits

York – the Minster
Yorkshire Moors
Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? (The hired car I was driving)
Whitby
Bingley Five-Rise Locks
Haworth Parsonage – the Bronte Museum (https://historicengland.org.uk/listing/the-list/list-entry/1313933)
Harrogate – Royal Baths
Thanks to Reinhold for the pics!