Gelesen

Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).

Gesundes Misstrauen

Über Misstrauensantrag, Sebastian Kurz – und was man von einem Staatsmann erwarten dürfte

Als die regierende Koalition letzte Woche zerbrach, da wünschte ich mir – wie so viele andere vermutlich – genau das, was nun eingetreten ist: weiter regieren, die leer gewordenen Ministersessel mit Experten füllen. Und ich wünschte mir, dass diese Regierung – ohnehin nur Platzhalter bis zu den Wahlen im September – vom Parlament unterstützt werde, obwohl sie dort an sich keine Mehrheit hat. Kein Misstrauensantrag also.

Inzwischen hat man mich aber an einige Dinge erinnert – und Erinnern, Gedächtnis ist ja immer so wichtig! –, außerdem sind ein paar andere Dinge geschehen, sodass ich meine Haltung geändert habe.

Zunächst, und ganz wichtig, muss festgehalten werden: Der Misstrauensantrag, welchen die Liste Jetzt am Montag einbringen will, gilt nur Bundeskanzler Sebastian Kurz. Um ihn geht’s hier also in erster Linie.

Und da muss, gerade in Anbetracht seiner medialen Selbstdarstellung, daran erinnert werden, dass er es war – er und seine türkise Partei oder Bewegung oder was auch immer sie sein will –, dass es also die waren, welche die FPÖ in die Regierung holten; quasi mit Regierungsfähigkeit und Regierungsverantwortung salbten.

Und nicht nur das. Es war ja keineswegs so, dass Sebastian Kurz mit knirschenden Zähnen Koalition spielte, nach dem Motto: Es geht leider nicht anders. Ganz im Gegenteil! Im Anfang, da konnte er seinen neuen Koalitionspartner gar nicht genug loben, da war alles eitel Wonne und Eintracht, da schaute es manchmal so aus, als hätten er und H. C. Strache am liebsten vor laufender Kamera geschmust. [1] Politisch gesprochen, haben sie das auch. (Rein politisch, versteht sich, als Metapher.)

Unschuldiges Opfer ist Sebastian Kurz also keines. Er ist mitverantwortlich. Er und seine türkise Dingsbums, und die ganze schwarze ÖVP. Und die Mitschuld beläuft sich auf – wie viel? – fünfzig Prozent?

In anderen Ländern wäre unter solchen Umständen ein Rücktritt keineswegs ungewöhnlich, keineswegs überraschend gewesen. Und schon gar nicht von einem „Staatsmann“.

Gekommen ist’s anders. Schon bei seinem ersten Auftritt, in welchem er die Koalition auf- und Neuwahlen ankündigte, konnte Sebastian Kurz nur von Stimmen reden. „Geben Sie mir Ihre Stimme!“ Wahlwerbung. Staatsmännisch war das sicher nicht. Und Vertrauen für eine Minderheiten-Expertenregierung fördert man auf diese Weise auch nicht.

Doch ging’s in dieser Tonart weiter. Am Wochenende unterstellte Sebastian Kurz der SPÖ, sie bastle bereits an einer Koalition mit der eben erst desavouierten FPÖ. Das ist Wahlkampfmodus, ganz eindeutig, und selbst der noch ziemlich primitiv. So dürfte der SPÖ eigentlich gar nichts anderes übrig bleiben, als am Montag für den Misstrauensantrag zu stimmen. Obwohl – 52 Prozent aller wahlberechtigten Österreicher waren Ende letzter Woche noch anderer Meinung; sie lehnten jeglichen Misstrauensantrag ab, wie der Standard aus einer Umfrage zitierte.[2] Dabei handelt es sich, nüchtern betrachtet, bloß um das, was man gemeinhin als „gesundes Misstrauen“ bezeichnet. Und das soll angeblich doch immer gut sein, oder?

[1] Es gibt jede Menge Bilder im Web, man braucht die beiden bloß zu suchen. Hier nur ein Beispiel. 

[2] Conrad Seidl, „Mehrheit der Bevölkerung würde an Regierung Kurz festhalten“, Der Standard, 25. Mai 2019.

Eine Aporie

„Verwend’ keine Fremdwörter“, fährt  man mich sofort an.

Okay (aber das ist eigentlich auch ein Fremdwort). Na schön also. Aporie, so belehrt uns das philosophische Wörterbuch, bezeichnet „die Unmöglichkeit, zur Auflösung eines Problems zu gelangen, weil in der Sache selbst oder in den verwendeten Begriffen Widersprüche enthalten sind“. Das trifft das, worüber ich hier nachdenke, ziemlich genau.

Eine Aporie demnach – eine demokratische Aporie noch dazu. Denn wir wollen uns einmal einen braven Österreicher vorstellen, er möge Hannes Wähler heißen, der bei einer Nationalratswahl – der letzten, der nächsten – soeben in der Wahlzelle steht, unbeobachtet, und ganz geheim sein Kreuzerl macht. Oder die Hanna Wähler, von mir aus. Ein Kreuzerl für die FPÖ.

Und nun erhebt sich die Frage: Was geht in ihm, was geht in ihr vor?

Über Beweggründe ist inzwischen schon tonnenweise geschrieben worden, endlos diskutiert, ganze Schulen kluger Politikwissenschaftler und Journalisten haben sich bemüht, den FPÖ-Wählern, den Wählern der Rechts- oder Nationalpopulisten schlechthin eine Stimme zu verleihen. Von ihrer Vernachlässigung im politischen Diskurs ist da die Rede, von ihren Ängsten, Abstiegsängsten, von prekären Beschäftigungsverhältnissen; von liberalen Werten, die ihnen zu weit gehen, von ihrer Verwurzelung im Örtlichen, in örtlichen Gemeinschaften, ganz im Gegensatz zum Internationalismus der Eliten – und so weiter, und so fort.

Schön. Aber wenn unser Hannes Wähler, unsere Hanna Wähler das Kreuzerl machen – sind sie sich da bewusst, was sie eigentlich wählen?

Die FPÖ, das kann man heute durchaus mit Sicherheit behaupten, schleppt Formen des schlimmsten Rassismus mit sich, von Gewaltphantasien: Erschießen, Verbrennen, Vergewaltigen, ohne Fallschirm überm Mittelmeer abwerfen. So geht das hin und hin. Man kann vielleicht darüber streiten, ob die Partei bloß Opfer ihres extremen Randes wird oder ob sie mit diesem Rand durchaus bewusst augenzwinkernd spielt. Kann, sage ich – sehr viel Spielraum gibt’s in Wirklichkeit nicht mehr, wie mir scheint. Wozu ja auch noch andere bedenkliche Äußerungen kommen, etwa über das Verhältnis der Macht zum Recht, zum Gesetz in einer Demokratie.

Nein, wird man antworten, davon wissen unsere Wählers nichts. Wie sollten sie auch? Das ist zu kompliziert, zu abstrakt, zu weit her geholt. Weswegen es ihnen, sofern sie davon hören, schlicht und einfach egal ist.

Und wirklich: Es hat sich in der politischen Diskussion eine Konvention eingebürgert, wonach „den Wählern“ das Recht zusteht, ihre Unzufriedenheit zu äußern, und zwar ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Es geht ihnen nicht gut – ergo wählen sie FPÖ oder AfD oder UKIP oder Trump. Völlig natürlich.

Andererseits beruht unsere Auffassung von Demokratie auch auf der Annahme von Wählern, die jeweils strikt individuell und rational entscheiden. Ja mehr noch: Gerade heute, in Zeiten des Populismus, wird „den Wählern“ überdies überlegene Einsicht, überlegene Weisheit zugeschrieben! Man lese bloß die Kronenzeitung. Das würde freilich ein gewisses Maß an Verantwortung mit einschließen.

Wie geht das zusammen? Einerseits – rationales Handeln, jeder für sich, eine Einzelentscheidung ganz allein und geheim in der Wahlzelle. Andererseits – vorhersehbare Trends, Massenphänomene; eine Frage von Wahlwerbung, dem Image von Polit-Stars, des investierten Geldes gar! Voraussagbar, berechenbar.

Eine echte Aporie, wie mir scheint – die demokratische Aporie.

Zur erwähnten Literatur über den Rechtspopulismus seien lediglich zwei Bücher angeführt, die auf diesen Seiten bereits zur Sprache kamen:

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). Mehr dazu hier >>

Roger Eatwell and Matthew Goodwin, National Populism: The Revolt Against Liberal Democracy, Pelican Books (London: Penguin Random House, 2018). Auch dieses Buch habe ich schon einmal erwähnt: hier >>

Bernie Sanders

Er war mir natürlich längst ein Begriff – 2016 verfolgte ich verblüfft, ja beinahe schon hypnotisiert seine unglaubliche Beliebtheit im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Aber dass Bernie Sanders auch ein Buch geschrieben hat, das erfuhr ich erst dank seines denkwürdigen Auftritts jüngst bei Fox News – und dass er damit ebenfalls erfolgreich war: anscheinend hat’s ihm Millionen eingebracht! [1]

Also: Buch her, lesen. Our Revolution heißt es. Im ersten Teil schildert Sanders zunächst seinen Werdegang – er stammt aus Brooklyn –, dann eben jene Kampagne um die Nominierung. Das liest sich so spannend wie ein Krimi, unputdownable, wie’s auf Englisch heißt. Aber warum eigentlich? An sich sind politische Manöver doch keineswegs der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht werden, oder?

Ich glaube, Sanders’ Wirkung beruht auf zwei Dingen – das galt schon während seiner Auftritte 2016, und es gilt ebenso für sein Buch. Da ist einerseits das, was er sagt. Der Inhalt steht bei ihm stets im Vordergrund, nicht etwa die Public Relations. Schon das kommt einer Revolution gleich. Was er sagt, das hat’s aber auch in sich: Sanders hat die Gabe, Tatbestände klar, ganz trocken beim Namen zu nennen – Tatbestände, die im Grunde ohnehin jeder kennt, jeder weiß, die bloß so selten offen ausgesprochen werden. Dazu gehört etwa die obszöne Raffgier der Reichen und Superreichen; der gigantische Diebstahl öffentlicher Mittel durch die riesigen Konzerne, deren unglaubliche – und vollkommen undemokratische – Macht; der Umweltskandal; der Zustand der Gesundheitsversorgung; bis hin zur Ausbeutung verzweifelt arbeitender Lohnabhängiger, der grassierenden Armut, und das im reichsten Land der Welt!

Es kommt aber noch was dazu: Die emotionale Seite, wenn man so will – wie er’s sagt. Und da ist es eben nicht so, dass Bernie Sanders als polemischer Marktschreier auftritt. Ganz im Gegenteil. Er bleibt ruhig, sachlich, trotzdem aber engagiert, durchaus mit Gefühl. Doch dieses Gefühl – so vermittelt er – ist positiv, freundlich, lächelnd, ermutigend. Ich glaube, dass man (a) so was nicht spielen kann, nicht kalkulieren, und (b) dass es einen großen Teil seiner Popularität ausmacht.

Nicht nur im inner-demokratischen Wahlkampf von 2016 fiel Sanders die Rolle des David zu, der gegen einen Goliath kämpft; er hat das, scheint’s, sein ganzes politisches Leben lang getan, schon als er Bürgermeister von Burlington in Vermont wurde, später Kongressabgeordneter und Senator. Und er hat in all diesen Fällen viel mehr erreicht, als man zunächst hätte annehmen können. Ein David, ja – aber einer mit Erfahrung, um nicht zu sagen: ein existentieller.

 Über Sanders’ politisches Programm wird vielleicht noch zu sprechen sein, über seine klare Analyse, über seine Vorschläge. Vorerst nur so viel: Manches ist natürlich spezifisch US-amerikanisch; anderes könnte hingegen entweder eins zu eins oder aber mutatis mutandis auf Europa beziehungsweise auf Österreich angewandt werden, könnte hier vorgeschlagen werden. Insofern handelt es sich bei seinem Buch auch um eines, das politisch Interessierte hierzulande lesen müssten. Sanders lehrt uns, klar zu sehen, klar auszusprechen, selbst wenn’s der Schulweisheit von Politologen und Journalisten zufolge schädlich wäre. Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Wahrheit. Und um die Hoffnung: nämlich vielleicht doch noch etwas bewirken zu können, zum Besseren wenden.

Deshalb scheut sich Bernie Sanders auch nicht, von „unserer Revolution“ zu sprechen. Das mag in den USA einen anderen Klang haben als bei uns. Wir denken da gleich an die bolschewistische Revolution, Beginn einer gigantischen Katastrophe. Sanders knüpft an den Gründungsmythos der USA an: 1775, so sagt er einmal, haben geldgierige britische Aristokraten die Kolonien ausgebeutet und unterdrückt; heute sitzen die Unterdrücker, die Ausbeuter im Lande selbst. Deshalb bekennt er sich auch offen als Sozialist (womit in seinem Falle natürlich gemeint ist: als Sozialdemokrat). Doch das S-Wort, der Schulweisheit zufolge absolut tabu, hat ihm bisher nicht geschadet, eher im Gegenteil.

Wie wir wissen, ist er wieder in den Ring gestiegen für den nächsten Kampf – um die Nominierung der Demokratischen Partei im Sommer 2020. Wird’s ihm dieses Mal gelingen? Wird er den gleichen Enthusiasmus entfachen, denselben Schwung?

Man wird sehen. Immerhin scheint sich da eine Bewegung zu formieren, unter dem Namen Our Revolution (und als solche lässt sie sich leicht im Web finden). Aber gleichgültig, wie’s weitergeht: Ein bisschen etwas hat Bernie Sanders jetzt schon bewirkt, und sei’s bloß, indem er dieses Buch geschrieben hat.

Empfehlenswert? – Absolut, ohne Einschränkung, im Gegenteil: ein Muss, würd’ ich fast sagen. Das umso mehr, als das Buch auch auf Deutsch erschienen ist.

Bernie Sanders, Our Revolution: A Future To Believe In, paperback edn. (London: Profile Books, 2017).
deutsch: Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft (Berlin: Ullstein, 2017).

[1] Bernie Sanders draws enthusiastic cheers in surprising Fox News town hall.

 

Just back from…

Flying into Heathrow
Clifton Suspension Bridge
Banksy mural in Bristol
Floating Harbour, Bristol
Brunel’s famous steam ship (thanks, Reinhold!)
Cleveland House – the former canal company’s headquarters
Sydney Gardens
Pulteney Bridge, Bath
Death in Bath
Dyrham Park
Bourton-on-the-Water
A selfie?
Lower Slaughter (the name could be straight out of Midsomer Murders)
Big Pit, Blaenavon

In der Tat!

Zufällig gefunden:

https://twitter.com/ferdinandscholz [Accessed 17. April 2019]

In der Tat, kann man da nur sagen. In der Tat.

Allerdings haben wir uns hier die Aufgabe gestellt, nicht immer gleich Schnellschüsse abzugeben, sondern womöglich einen Schritt zurück zu treten, nachzudenken, unter einem etwas weiteren Gesichtswinkel zu sehen.

Da muss man einerseits natürlich fragen: Stimmen die Zahlen? Und worauf bezieht sich das „vor eineinhalb Jahren“? Meines Wissens gehen diese Erkenntnisse, diese Enthüllungen weiter zurück – zum Beispiel auf das Buch Treasure Islands von Nicholas Shaxson aus dem Jahre 2011 (deutsch: Schatzinseln). Im April 2013 erfuhr ich von den Enthüllungen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) bezüglich der Machenschaften diverser Steueroasen – darunter auch der Cook Islands, wie ich in deren Blatt, den Cook Islands News, zu lesen bekam. Woraus leicht zu schließen ist, wo ich mich damals gerade aufhielt.

Aber das gehört nicht hierher. – Andererseits, so müssen wir ebenfalls feststellen, andererseits kann gar kein Zweifel bestehen, dass der Sachverhalt, wie er im obigen Twitter post geschildert wird, zutrifft. Dazu liegen uns inzwischen einfach zu viele Zahlen, Aufstellungen, Statistiken vor. Und deshalb müssen wir weiterhin festhalten:

  • Die Steuern, welche Superreiche und Konzerne nicht zahlen – das sind inzwischen Beträge, die übers Individuelle weit hinausgehen; das anzuprangern, hat mit Neid oder Anpatzerei nichts mehr zu tun.
  • Diese Beträge sind vielmehr budgetrelevant.
  • Sie tragen bei zur Schuldenproblematik so vieler Saaten; wie groß der Beitrag ist, wage ich nicht zu sagen, aber beträchtlich ist er bestimmt!
  • Das bedeutet, allgemeiner ausgedrückt: Die Superreichen und die Konzerne ziehen Geld ab, das eigentlich der öffentlichen Hand gehört, uns allen. Wenn wieder einmal kein Geld da ist – zum Beispiel für ein kleines Krankenhaus oder für die Sozialhilfe, was auch immer – dann sollten wir wissen, wo wir uns hinzuwenden haben.

Leider wissen wir’s nicht. Die „große Debatte“, die unser Twitter-Poster  glaubt versäumt zu haben, die hat niemals stattgefunden. Warum? Das ist eine ganz, ganz peinliche Frage. Sie richtet sich zunächst einmal an seriöse Zeitungen, an öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten: Was ist los mit euch? Eurer Information? Eurer „kritischen Berichterstattung“?

Und sie richtet sich an sozialdemokratische Parteien. He – das wär’ eigentlich euer klassisches Thema, oder? Was hört man von euch?

Nicholas Shaxson, Treasure Islands: Tax Havens and the Men Who Stole the World (London: The Bodley Head, 2011). -- deutsch Schatzinseln: Wie Steueroasen die Demokratie untergraben, aus dem Englischen von Peter Stäuber (Zürich: Rotpunktverlag, 2011).

Rachel Reeves, "Peering Into Legal Loopholes", Cook Islands News, 24 April 2013, p. 3.

Splitter

Junge Leute

In der Tiroler Tageszeitung lese ich, dass zwei junge Leute Opfer von Internetbetrügern geworden sind. So sehr mir die beiden leid tun, klar – aber ist es nicht auch ein bisschen tröstlich, dass offenbar nicht bloß alte Menschen zum Opfer werden?

https://www.tt.com/panorama/verbrechen/15540627/junge-tiroler-verloren-mehrere-tausend-euro-an-internetbetrueger

Julian Assange

Die Verhaftung von Julian Assange, so wird überall in Europa alarmiert, sei ein Anschlag auf die Pressefreiheit. Das wird von so vielen gesagt, und von Leuten, die viel besseren Einblick haben als ich, dass ich keineswegs widersprechen möchte. Ich denke bloß an zwei weitere Dinge: (1) dass er in Schweden vor Gericht stehen sollte, wegen des Vorwurfs einer Vergewaltigung. Ob der Vorwurf stimmt oder nicht, das spielt zunächst keine Rolle – das hat das Gericht zu bestimmen; und jeglicher Zweifel an der Rechtspflege in Schweden ist ein Affront, das sollten wir bitte nicht vergessen. (2) haben alle seriösen Blätter ebenso wie das ICIJ, das International Consortium of Investigative Journalists, die Zusammenarbeit mit Assange eingestellt. Sein Umgang mit den leaks war einfach nicht professionell. Man darf ja nicht vergessen: Es geht nicht bloß um vertuschte Skandale; es geht auch um Menschen, deren Leben durch Offenlegung gefährdet sein kann; und es geht um die – stets notwendige, stets auch nutzbringende – Arbeit von Staaten. Verantwortung heißt unter anderem, nicht alles zu tun, was man tun könnte. Wer diese Verantwortung nicht wahrnimmt, der missbraucht seine Freiheit. Wer die Freiheit missbraucht, der schadet ihr, der provoziert ihre Einschränkung. Julian Assange – und die Pressefreiheit?

Nachtrag: Wesentlich fundierter, erfahrener und umsichtiger dazu natürlich Alan Rusbridger im Observer, 26 May 2019: "US efforts to jail Assange for espionage are a grave threat to a free media".
Meinung + Journalismus

Kürzlich im Guardian über diesen Satz gestolpert:

For years, privileged men have been able to frame themselves as agents provocateurs – often spouting the kind of opinions a roaring, angry drunk on the night bus might, but with a plummy accent, an Oxford degree, and an overreliance on antiquated vocabulary – in columns in national newspapers.

Zu deutsch (und frei übersetzt): Seit Jahren konnten sich privilegierte Männer in den Spalten seriöser Zeitungen als Provokateure gebärden – oft mit Ansichten, wie sie ein wütender, brüllender Betrunkener in einem Nachtbus von sich geben mag, bloß in gepflegter Sprache, mit akademischer Bildung und unter reichlicher Verwendung altertümlichen Vokabulars.

Also – sofern Sie selbst Zeitungsleser sind: Wer fällt Ihnen da zuerst ein? Ich brauch’ jedenfalls nicht lange nachzudenken; und in die Ferne zu schweifen brauch’ ich auch nicht.

https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/apr/15/niall-ferguson-free-speech-power

He he he!

A piece of good news after all — highly welcome:

Gelesen

Der Nazi-Jäger

Simon Wiesenthal gehört zur österreichischen Zeitgeschichte. International bekannt wurde er durch seinen Beitrag zur Ausforschung von Adolf Eichmanns Inkognito und Versteck; hierzulande erregte in den sechziger Jahren sein Buch Doch die Mörder leben Aufsehen, insbesondere der Fall Franz Murers, des „Schlächters von Vilnius“. Da trat Wiesenthal erstmals biederen Österreichern im Trachtenanzug auf die Zehen. 1975 deckte er die Zugehörigkeit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zu einer SS-Mordbrigade auf; damit störte er die Kreise unseres damaligen Sonnenkönigs, Bundeskanzler Bruno Kreisky, und dementsprechend ungehalten fiel dessen Reaktion aus – er unterstellte Wiesenthal, nur deshalb etliche KZs überlebt zu haben, weil er mit den Nazis kooperierte. Das war ohne Zweifel ein Tiefpunkt österreichischer Nachkriegspolitik. Im Zuge der Waldheim-Affäre behielt Wiesenthal kühlen Kopf und bestand darauf, dass es keine Beweise gebe für Kriegsverbrechen des Präsidentschaftskandidaten – zu Recht, wie wir heute wissen. Die Vergangenheitsbewältiger haben’s ihm nicht verziehen.
Tom Segev ist ein renommierter israelischer Historiker. Sein Buch über das Jahr 1967 im Nahen Osten steht bereits in meiner Bibliothek. In seiner Wiesenthal-Biographie zeichnet er ein vielschichtiges Bild eines vielschichtigen, durchaus auch widersprüchlichen Menschen. An seiner Objektivität kann kaum Zweifel bestehen; im Kapitel über die Waldheim-Affäre wirkt sie geradezu herzerfrischend. Österreichische Verhältnisse stellt er fehlerfrei dar, da muss er sich mehr als ordentlich eingearbeitet haben – eine beachtliche Leistung.

Empfehlenswert? – Unbedingt, ohne jegliche Einschränkung!

Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, aus dem Hebräischen von Markus Lemke (München: Siedler Verlag, 2010).
Ein seriöser Spitzbub

Arik Brauer hat heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert, und aus diesem Anlass wurde er gebührend geehrt. Interessant, wie er selbst im hohen Alter das ihm eigene spitzbübische Lachen nicht verlernt hat. Das macht ihn sympathisch – aber beileibe nicht nur das. Bekannt ist er vor allem als Maler, als Repräsentant dessen, was sich „phantastischer Realismus“ nennt. Für jemanden wie mich ist er eine Schlüsselfigur in der Entstehung des Austropop. Das Erscheinen seiner Langspielplatte 1971 stellte ein epochales Ereignis dar: moderne populäre Musik, und doch unverkennbar österreichisch, inklusive eines jüdischen Einschlags. Dass so was möglich war! Und der Austropop – nicht nur repräsentiert durch Arik Brauer, versteht sich, aber eben auch – bildete einen wesentlichen Baustein für das österreichische Selbstverständnis, für unseren (sagen wir’s ehrlich) Stolz in den siebziger und achtziger Jahren.
Brauers Erinnerungen Die Farben meines Lebens sind ursprünglich 2006 erschienen. Auch hier gibt sich der Autor durchaus seriös, ohne gleichzeitig den Spitzbuben verleugnen zu können (oder zu wollen). So erzählt er durchgehend von sich selbst in der dritten Person. Das Ergebnis – nun, man lese selbst, ein Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Danke, Arik Brauer, auch dafür – aber nicht nur, sondern ebenso für alles andere!

Empfehlenswert? – Versteht sich von selbst, unbedingt.

Arik Brauer, Die Farben meines Lebens: Erinnerungen, durchgesehene, erweiterte Neuauflage (Wien: Amalthea, 2014).
Die Industrielle Revolution…

… ist die prägende Episode in der Geschichte des so genannten Abendlandes. Sie definiert das, was wir – auch in Europa, auch in Österreich – heute sind im Vergleich und Kontrast zu der Zeit vor dieser Revolution. Sie war der Grund für die europäische Dominanz der Welt, von der wir uns eben jetzt so schwer verabschieden. Für die USA gilt sinngemäß dasselbe. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir mehr wüssten über diese Revolution. Leider beschränkt sich das Wissen meist auf Oberflächliches, qualmende Fabriksschlote und Dampflokomotiven. Das vorliegende Bändchen aus der Reihe A Very Short Introduction  bietet einen ersten, kompakten Zugang. Für Fortgeschrittene ist es auch nicht nutzlos: zum schnellen Nachschlagen – Wie war das doch gleich? Wann war das? Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in welchem der Autor dem weiteren Verlauf der Industriellen Revolution auf der ganzen Welt nachgeht – nichts und niemand (na ja, fast nichts und niemand) konnte sich ihr bekanntlich entziehen. Kein größeres Land sei je ohne Industrialisierung reich geworden, merkt er an; und da es immer noch arme Länder gibt, müssten wir hoffen, dass auch sie industrialisieren würden.

Empfehlenswert? – Ja, historisches Interesse (und englische Sprachkenntnisse) vorausgesetzt.

The Industrial Revolution …

… is the formative episode in the history of the so-called West. It defines what we – also in Europe, also in Austria – are today in comparison and contrast to the time before that revolution. It was the reason for the European dominance of the world parting from which we are presently finding so hard. The same applies to the USA. And that’s why it would be important for us to know more about that revolution. Unfortunately, knowledge is mostly limited to superficial aspects such as smoking factory chimneys and steam locomotives. This little book of the A Very Short Introduction series offers a first, concise access. But even for advanced users it will have its uses, e. g. for a quick reference – What exactly did happen? And when? The last chapter is remarkable as the author pursues the further course of the Industrial Revolution around the world – nothing and nobody (well, almost nothing and nobody) was able to escape the process, as we know. No major country has ever grown rich without industrialization, it is stated, and as there are still poor countries, we must hope that they, too, will become industrialized.

Recommended? Yes – provided the reader has an interest in history (and sufficient command of English).

Robert C. Allen, The Industrial Revolution: A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2017).
Noch eine Liste

Seit Schindlers Liste kommen wir, scheint’s, aus den Listen nicht mehr heraus. Bei dieser hier handelt es sich um die Kartei von Diana Budisavljevic, geborene Obexer aus Innsbruck. Während der Ustascha-Herrschaft (1941–1945) lebte sie als Gattin eines Medizinprofessors in Zagreb. Als ihr die Not serbischer Kinder zu Ohren kam, handelte sie kurz entschlossen – und bis Kriegsende gelang es ihr, Tausende von ihnen vor einem elenden Tod zu retten. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft wollte sie Mütter und Kinder mittels ihrer Kartei wieder zusammen bringen; aber die wurde sogleich von den Kommunisten beschlagnahmt.
Wenn die Bezeichnung „Heldin“ einen Sinn haben soll, dann muss sie auf Diana Budisavljevic zutreffen – und auf ihre Helferinnen und Helfer. Gut, dass ihr hier ein literarisches Denkmal gesetzt wurde; gut, dass ihre Taten doch noch an die Öffentlichkeit kamen. Ob der „biografische Roman“ von Wilhelm Kuehs die ideale Form bietet, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was übers Gute geschrieben oder gefilmt oder sonstwie gemacht wird, muss deshalb auch gut sein. Trotzdem –

Empfehlenswert? Durchaus – um sich durch all die Ungeheuerlichkeiten der Ustascha hindurch zu lesen, braucht’s aber einen starken Magen und ein robustes Gemüt.

Wilhelm Kuehs, Dianas Liste: Ein biografischer Roman (Innsbruck: Tyrolia-Verlag, 2017).