Splitter

Junge Leute

In der Tiroler Tageszeitung lese ich, dass zwei junge Leute Opfer von Internetbetrügern geworden sind. So sehr mir die beiden leid tun, klar – aber ist es nicht auch ein bisschen tröstlich, dass offenbar nicht bloß alte Menschen zum Opfer werden?

https://www.tt.com/panorama/verbrechen/15540627/junge-tiroler-verloren-mehrere-tausend-euro-an-internetbetrueger

Julian Assange

Die Verhaftung von Julian Assange, so wird überall in Europa alarmiert, sei ein Anschlag auf die Pressefreiheit. Das wird von so vielen gesagt, und von Leuten, die viel besseren Einblick haben als ich, dass ich keineswegs widersprechen möchte. Ich denke bloß an zwei weitere Dinge: (1) dass er in Schweden vor Gericht stehen sollte, wegen des Vorwurfs einer Vergewaltigung. Ob der Vorwurf stimmt oder nicht, das spielt zunächst keine Rolle – das hat das Gericht zu bestimmen; und jeglicher Zweifel an der Rechtspflege in Schweden ist ein Affront, das sollten wir bitte nicht vergessen. (2) haben alle seriösen Blätter ebenso wie das ICIJ, das International Consortium of Investigative Journalists, die Zusammenarbeit mit Assange eingestellt. Sein Umgang mit den leaks war einfach nicht professionell. Man darf ja nicht vergessen: Es geht nicht bloß um vertuschte Skandale; es geht auch um Menschen, deren Leben durch Offenlegung gefährdet sein kann; und es geht um die – stets notwendige, stets auch nutzbringende – Arbeit von Staaten. Verantwortung heißt unter anderem, nicht alles zu tun, was man tun könnte. Wer diese Verantwortung nicht wahrnimmt, der missbraucht seine Freiheit. Wer die Freiheit missbraucht, der schadet ihr, der provoziert ihre Einschränkung. Julian Assange – und die Pressefreiheit?

Meinung + Journalismus

Kürzlich im Guardian über diesen Satz gestolpert:

For years, privileged men have been able to frame themselves as agents provocateurs – often spouting the kind of opinions a roaring, angry drunk on the night bus might, but with a plummy accent, an Oxford degree, and an overreliance on antiquated vocabulary – in columns in national newspapers.

Zu deutsch (und frei übersetzt): Seit Jahren konnten sich privilegierte Männer in den Spalten seriöser Zeitungen als Provokateure gebärden – oft mit Ansichten, wie sie ein wütender, brüllender Betrunkener in einem Nachtbus von sich geben mag, bloß in gepflegter Sprache, mit akademischer Bildung und unter reichlicher Verwendung altertümlichen Vokabulars.

Also – sofern Sie selbst Zeitungsleser sind: Wer fällt Ihnen da zuerst ein? Ich brauch’ jedenfalls nicht lange nachzudenken; und in die Ferne zu schweifen brauch’ ich auch nicht.

https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/apr/15/niall-ferguson-free-speech-power

He he he!

A piece of good news after all — highly welcome:

Gelesen

Der Nazi-Jäger

Simon Wiesenthal gehört zur österreichischen Zeitgeschichte. International bekannt wurde er durch seinen Beitrag zur Ausforschung von Adolf Eichmanns Inkognito und Versteck; hierzulande erregte in den sechziger Jahren sein Buch Doch die Mörder leben Aufsehen, insbesondere der Fall Franz Murers, des „Schlächters von Vilnius“. Da trat Wiesenthal erstmals biederen Österreichern im Trachtenanzug auf die Zehen. 1975 deckte er die Zugehörigkeit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zu einer SS-Mordbrigade auf; damit störte er die Kreise unseres damaligen Sonnenkönigs, Bundeskanzler Bruno Kreisky, und dementsprechend ungehalten fiel dessen Reaktion aus – er unterstellte Wiesenthal, nur deshalb etliche KZs überlebt zu haben, weil er mit den Nazis kooperierte. Das war ohne Zweifel ein Tiefpunkt österreichischer Nachkriegspolitik. Im Zuge der Waldheim-Affäre behielt Wiesenthal kühlen Kopf und bestand darauf, dass es keine Beweise gebe für Kriegsverbrechen des Präsidentschaftskandidaten – zu Recht, wie wir heute wissen. Die Vergangenheitsbewältiger haben’s ihm nicht verziehen.
Tom Segev ist ein renommierter israelischer Historiker. Sein Buch über das Jahr 1967 im Nahen Osten steht bereits in meiner Bibliothek. In seiner Wiesenthal-Biographie zeichnet er ein vielschichtiges Bild eines vielschichtigen, durchaus auch widersprüchlichen Menschen. An seiner Objektivität kann kaum Zweifel bestehen; im Kapitel über die Waldheim-Affäre wirkt sie geradezu herzerfrischend. Österreichische Verhältnisse stellt er fehlerfrei dar, da muss er sich mehr als ordentlich eingearbeitet haben – eine beachtliche Leistung.

Empfehlenswert? – Unbedingt, ohne jegliche Einschränkung!

Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, aus dem Hebräischen von Markus Lemke (München: Siedler Verlag, 2010).
Ein seriöser Spitzbub

Arik Brauer hat heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert, und aus diesem Anlass wurde er gebührend geehrt. Interessant, wie er selbst im hohen Alter das ihm eigene spitzbübische Lachen nicht verlernt hat. Das macht ihn sympathisch – aber beileibe nicht nur das. Bekannt ist er vor allem als Maler, als Repräsentant dessen, was sich „phantastischer Realismus“ nennt. Für jemanden wie mich ist er eine Schlüsselfigur in der Entstehung des Austropop. Das Erscheinen seiner Langspielplatte 1971 stellte ein epochales Ereignis dar: moderne populäre Musik, und doch unverkennbar österreichisch, inklusive eines jüdischen Einschlags. Dass so was möglich war! Und der Austropop – nicht nur repräsentiert durch Arik Brauer, versteht sich, aber eben auch – bildete einen wesentlichen Baustein für das österreichische Selbstverständnis, für unseren (sagen wir’s ehrlich) Stolz in den siebziger und achtziger Jahren.
Brauers Erinnerungen Die Farben meines Lebens sind ursprünglich 2006 erschienen. Auch hier gibt sich der Autor durchaus seriös, ohne gleichzeitig den Spitzbuben verleugnen zu können (oder zu wollen). So erzählt er durchgehend von sich selbst in der dritten Person. Das Ergebnis – nun, man lese selbst, ein Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Danke, Arik Brauer, auch dafür – aber nicht nur, sondern ebenso für alles andere!

Empfehlenswert? – Versteht sich von selbst, unbedingt.

Arik Brauer, Die Farben meines Lebens: Erinnerungen, durchgesehene, erweiterte Neuauflage (Wien: Amalthea, 2014).
Die Industrielle Revolution…

… ist die prägende Episode in der Geschichte des so genannten Abendlandes. Sie definiert das, was wir – auch in Europa, auch in Österreich – heute sind im Vergleich und Kontrast zu der Zeit vor dieser Revolution. Sie war der Grund für die europäische Dominanz der Welt, von der wir uns eben jetzt so schwer verabschieden. Für die USA gilt sinngemäß dasselbe. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir mehr wüssten über diese Revolution. Leider beschränkt sich das Wissen meist auf Oberflächliches, qualmende Fabriksschlote und Dampflokomotiven. Das vorliegende Bändchen aus der Reihe A Very Short Introduction  bietet einen ersten, kompakten Zugang. Für Fortgeschrittene ist es auch nicht nutzlos: zum schnellen Nachschlagen – Wie war das doch gleich? Wann war das? Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in welchem der Autor dem weiteren Verlauf der Industriellen Revolution auf der ganzen Welt nachgeht – nichts und niemand (na ja, fast nichts und niemand) konnte sich ihr bekanntlich entziehen. Kein größeres Land sei je ohne Industrialisierung reich geworden, merkt er an; und da es immer noch arme Länder gibt, müssten wir hoffen, dass auch sie industrialisieren würden.

Empfehlenswert? – Ja, historisches Interesse (und englische Sprachkenntnisse) vorausgesetzt.

The Industrial Revolution …

… is the formative episode in the history of the so-called West. It defines what we – also in Europe, also in Austria – are today in comparison and contrast to the time before that revolution. It was the reason for the European dominance of the world parting from which we are presently finding so hard. The same applies to the USA. And that’s why it would be important for us to know more about that revolution. Unfortunately, knowledge is mostly limited to superficial aspects such as smoking factory chimneys and steam locomotives. This little book of the A Very Short Introduction series offers a first, concise access. But even for advanced users it will have its uses, e. g. for a quick reference – What exactly did happen? And when? The last chapter is remarkable as the author pursues the further course of the Industrial Revolution around the world – nothing and nobody (well, almost nothing and nobody) was able to escape the process, as we know. No major country has ever grown rich without industrialization, it is stated, and as there are still poor countries, we must hope that they, too, will become industrialized.

Recommended? Yes – provided the reader has an interest in history (and sufficient command of English).

Robert C. Allen, The Industrial Revolution: A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2017).
Noch eine Liste

Seit Schindlers Liste kommen wir, scheint’s, aus den Listen nicht mehr heraus. Bei dieser hier handelt es sich um die Kartei von Diana Budisavljevic, geborene Obexer aus Innsbruck. Während der Ustascha-Herrschaft (1941–1945) lebte sie als Gattin eines Medizinprofessors in Zagreb. Als ihr die Not serbischer Kinder zu Ohren kam, handelte sie kurz entschlossen – und bis Kriegsende gelang es ihr, Tausende von ihnen vor einem elenden Tod zu retten. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft wollte sie Mütter und Kinder mittels ihrer Kartei wieder zusammen bringen; aber die wurde sogleich von den Kommunisten beschlagnahmt.
Wenn die Bezeichnung „Heldin“ einen Sinn haben soll, dann muss sie auf Diana Budisavljevic zutreffen – und auf ihre Helferinnen und Helfer. Gut, dass ihr hier ein literarisches Denkmal gesetzt wurde; gut, dass ihre Taten doch noch an die Öffentlichkeit kamen. Ob der „biografische Roman“ von Wilhelm Kuehs die ideale Form bietet, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was übers Gute geschrieben oder gefilmt oder sonstwie gemacht wird, muss deshalb auch gut sein. Trotzdem –

Empfehlenswert? Durchaus – um sich durch all die Ungeheuerlichkeiten der Ustascha hindurch zu lesen, braucht’s aber einen starken Magen und ein robustes Gemüt.

Wilhelm Kuehs, Dianas Liste: Ein biografischer Roman (Innsbruck: Tyrolia-Verlag, 2017).

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.

Gesehen

Was ich heute gesehen habe…
Telfer Kirche mit Elfer und – ziemlich schüchtern dahinter – Habicht (gemeint ist natürlich der Berg, nicht ein Vogel)
… und was ich auch gern gesehen hätte
The Guardian, 23 March 2019 <https://www.theguardian.com/politics/gallery/2019/mar/23/fromage-not-farage-best-placards-peoples-vote-march-brexit#img-14>

Heute fand in London nämlich wieder eine große Anti-Brexit-Demonstration statt, für eine neue Abstimmung: „A People’s Vote“. Angeblich sollen mehr als 1 Million Menschen teilgenommen haben!

Ich hab‘ das Ende so einer Demonstration letzten Oktober selbst miterlebt – siehe Just back from…

Auch dieses Mal lief die Kundgebung vollkommen friedlich ab. Im Herbst war die Stimmung ausgesprochen freundlich – fröhlich sogar! Heute soll’s etwas ernster zugegangen sein, hört man.

The Guardian, 23 March 2019 <https://www.theguardian.com/politics/gallery/2019/mar/23/fromage-not-farage-best-placards-peoples-vote-march-brexit#img-6>

Hier noch mehr Bilder: „Fromage not Farage“, The Guardian, 23 March 2019.

Der Weg zur Prosperität: Vorschläge

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Stephan Schulmeisters Buch Der Weg zur Prosperität vorgestellt. [1] Unter anderem lobte ich es deshalb, weil konkrete – und dennoch gut fundierte – Vorschläge gemacht werden, wie wir aus unserer gegenwärtigen Malaise herauskommen könnten.

Hier nun ein paar dieser Vorschläge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und notgedrungen ohne die überzeugende Begründung, die Schulmeister jeweils mitliefert:

Förderung der Realwirtschaft durch Stabilisierung der Finanzmärkte

  • Gründung eines Europäischen Währungsfonds;
  • Ersetzung des Fließhandels auf den Finanzmärkten durch elektronische Auktionen (alle zwei Stunden);
  • Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer;
  • Aufbruch zu einem neuen Weltwährungssystem;
  • Gründung einer EU-Behörde zur umfassenden Beaufsichtigung des gesamten Finanzsektors.

Verbesserung der Umweltbedingungen als „Wachstumsmotor“

  • Festlegung von in der EU gültigen Preispfaden für fossile Energieträger – festgelegte Teuerung (mittels Besteuerung), das bringt Sicherheit und Planbarkeit für Investitionen;
  • thermische Sanierung des Gebäudebestandes in der EU;
  • transeuropäische Netze für Hochgeschwindigkeitszüge;
  • Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und Förderung von Elektromobilität.

Erneuerung der Sozialstaatlichkeit Europas

  • Verbesserung der Bildungschancen und „Ent-Ökonomisierung“ des Bildungswesens;
  • Schaffung von erschwinglichem Wohnraum;
  • Neue Jobs „zwischen Markt und Staat“: z. B. Alten-, Behinderten- und Kinderbetreuung, kulturelle Initiativen, Denkmalschutz, Umweltverbesserung etc.
  • Förderung gemeinschaftlicher Aktivitäten;
  • Stärkung des Sozialstaates: z. B. Altersvorsorge, Gesundheitssystem;
  • Garantie der „Daseinsvorsorge“ = Infrastruktur: Eisenbahn, Öffis, Gas, Wasser, Kanalisation etc.;
  • Soziale Mindestsicherung in der Europäischen Union.

EU-Strategien in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft

  • Europäisches Software Konsortium: Vernetzung der besten IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der gesamten EU; europäische Plattformen, Betriebssysteme etc.;
  • europäische Kontrollmöglichkeiten: „ … wir Europäer [werden] nicht von einem Orwell’schen ‘großen Bruder’ in der ‘eigenen’ Union überwacht, sondern von privaten ‘großen Brüdern’ in den USA…“.

Stärkung der Rolle der EU in der Weltwirtschaft

  • Investitionen in die Infrastruktur von Entwicklungs- und Schwellenländern;
  • Gründung gemeinsamer Unternehmen (Joint Ventures) für den Technologietransfer.
Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).
[1] „Der Weg zur Prosperität“, 27. Februar 2019.

Soeben retour…

… aus Wien…
Zentralfriedhof, Jüdische Abteilung
In der Albertina
Carl Schindler, Der alte Flurhüter
Ferdinand Georg Waldmüller, Wiedererstehen zu neuem Leben

… und einem Ausflug nach Bratislava…

Noch ein Genre-Bild aus dem Biedermeier?
Der Mann ist wenigstens berühmt!
Abschied…
Das Naturhistorische, später Nachmittag

Der Weg zur Prosperität

Über Stephan Schulmeisters neues Buch

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen der neo-liberalistischen Ideologie seien so erschüttert, dass sie nur noch Trümmern gleichen. Dazu gibt’s inzwischen jede Menge Literatur – so viel, dass wir gar nicht anfangen wollen, hier solche zu zitieren.

Was natürlich nicht bedeutet, das Problem habe sich gelöst. Dass dem nicht so ist, das hören, sehen und erfahren wir jeden Tag. Macht hat der Neo-Liberalismus nach wie vor, und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass eben dies seine Aufgabe darstellt, seine raison d’être: als Ideologie im Dienste der Reichen und Mächtigen. Folglich werden wir uns noch einige Zeit mit den nachteiligen Auswirkungen dieser Herrschaft herumschlagen müssen.

Eben deshalb ist es wichtig, den kritischen Druck aufrecht zu erhalten. Wir können gar nicht genug wissen, wir können gar nicht genug lernen über die Schwächen, die Mängel, die Widersprüche des Neo-Liberalismus – und seine Lügen.

Deswegen widmet Stephan Schulmeister sein neues Buch Der Weg zur Prosperität wohl auch den „Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“. Das verweist auf Friedrich Hayeks berühmtes Buch vom Weg in die Knechtschaft, The Road to Serfdom (1944), dem er die Widmung vorangestellt hat: „To the Socialists in all parties“. Man braucht Hayek nicht lange zu lesen, um zu verstehen, dass er das wirklich so meint: die Politiker des New Deal in den USA ebenso wie jene der Labour Party in Großbritannien oder – später – der Sozialdemokratie in Westeuropa. Als ob die unsere Freiheit bedroht hätten!

So weist Schulmeister also schon von Anfang an subtil-ironisch auf eine Lüge im Fundament des Neo-Liberalismus hin. Den Kern seines Buches bildet freilich die These von den beiden „Spielanordnungen“, wie er das nennt: der realkapitalistischen und der finanzkapitalistischen. In ersterer wird vorwiegend in materielle Produktion investiert, deshalb steigen auch die Löhne und somit der Wohlstand insgesamt. Das führt jedoch zu einem Überhang an Geldvermögen; es wird rentabler, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern – wie’s heißt – das Geld für sich arbeiten zu lassen: die finanzkapitalistische Spielanordnung. Dem Realkapitalismus ist sie abträglich. Krisen sind vorprogrammiert.

Beurteilen möchte ich Schulmeisters Thesen nicht; und wenn ich sie absichtlich kurz fasse, so hat das weder mit Kritik zu tun, noch mit Geringschätzung. Ganz im Gegenteil. Schließlich schlägt der Autor gegen Ende seines Buches ja auch eine erkleckliche Anzahl konkreter Ansätze vor, wie die unselige Herrschaft des Neo-Liberalismus aufgebrochen und überwunden werden könnte – der Weg (zurück) zur Prosperität. Diese Vorschläge zeugen von Sachverstand ebenso wie von seinem unverzichtbaren Adlatus, dem Hausverstand.

Keine Abwertung also, ganz gewiss nicht! Bloß sollte uns noch etwas klar werden, schön langsam: Man kann den Ökonomismus (also die Wirtschaftsdiktatur) nicht mittels ökonomischer Argumentation besiegen; ebenso wenig wie einst die kommunistische Diktatur überwunden werden konnte, indem man ihr Marx entgegenhielt. Im Gegenteil: Wir müssen uns von den ökonomistischen Fesseln befreien, wir müssen der Politik ihren Spielraum zurück erobern, der Demokratie. Es geht ums gestalten, nicht um die fatalistische Unterwerfung unter – angeblich – unabänderliche Gesetze der Marktwirtschaft.

Auch davon spricht Stephan Schulmeister, das soll ihm sehr zugute gehalten werden. In der „Marktreligiosität“ sieht er eine Abkehr von der Aufklärung. Das ist zwar kühn, aber durchaus zutreffend. Auf jeden Fall erzwingt dieser Gedanke geradezu die Konsequenz aufgeklärten Handelns. Ich würde mir wünschen, dass die sozialdemokratische Führungsschicht – sagen wir: die Parlamentsfraktionen in Wien und in Brüssel / Straßburg – Schulmeisters Buch aufmerksam studieren, seine Vorschläge aufgreifen und daraus ein klares Forderungsprogramm erstellen. Es wär’ höchste Zeit!

Dass solches nicht geschieht, offenbar auch nicht geschehen wird in absehbarer Zukunft, dafür kann der Autor natürlich nichts. Bleibt also nur, sein Buch zu loben, in höchsten Tönen: Ein Experte, der sich sein Herz bewahrt hat, den Blick für die menschliche Wirklichkeit, gleichzeitig aber auch seinen scharfen Verstand: a cool head for a warm heart.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt – für Leute, welche sich mit der Thematik befassen, ein Muss.

Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).

Gelesen

Namen, die keiner mehr nennt

„Ritt durch Masuren“ nennt sich eines der Kapitel im vorliegenden Buch. Wir bekamen es während unserer Busreise durch Polen letzten Herbst zu hören, und das war der Grund, warum ich die anderen Teile ebenfalls lesen wollte. Marion Gräfin Dönhoff  ist – war? – vorwiegend aus anderen Gründen bekannt: Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit, Grande Dame des gehobenen Journalismus in Deutschland, Mitstreiterin Helmut Schmidts. Sie stammte von einem hochherrschaftlichen Gut in Ostpreußen, nicht weit von Königsberg. Es ist eine versunkene Welt, die sie beschreibt – zerstört am Ende des Zweiten Weltkriegs, die alte Kultur ausgelöscht. Heute existieren – wenn überhaupt – nur noch Relikte. Die Autorin selbst entkam im Jänner und Februar 1945 der vorrückenden Roten Armee nur knapp, auf einem weiteren Ritt, dieses Mal aber gegen Westen. Auch davon berichtet sie, immer in unaufgeregt trockenem Ton. Verständlich, dass ihre Erinnerungen überwiegend liebevoll ausfallen – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber das beeinträchtigt weder die literarische noch die historische Qualität ihrer Aufzeichnungen.

Empfehlenswert? Ja, zweifellos.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen – Menschen und Geschichte (Düsseldorf und Köln: Eugen Diederichs, 1971).
Tote Seelen

Einen Schelmenroman erwartet man in der russischen Literatur nicht unbedingt, doch handelt es sich bei den Toten Seelen von Nikolaj Gogol um eben dies – genauer gesagt: beim ersten Teil des Romans, der Rest besteht nur aus Fragmenten. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, aufgewachsen in unscheinbaren Verhältnissen und mit undurchsichtiger Vergangenheit, taucht in einem Landkreis auf, um zwecks dubioser Geschäfte so genannte tote Seelen zu kaufen – also Leibeigene, die zwar gestorben sind, vorläufig aber noch auf den Steuerlisten der Gutsherren stehen. Solche Gutsbesitzer sucht der Held denn auch auf, einen nach dem anderen, und das ergibt ein Panoptikum aller möglichen, durchaus skurrilen Verhaltensweisen und Charaktere. Das Bild von der russischen Landwirtschaft, welches da gezeichnet wird, ist trostlos – und das schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (der erste Teil des Romans erschien 1842). Und die Verwaltung ist ebenso hoffnungslos korrupt. Auf der anderen Seite verdirbt westlicher Einfluss den Charakter – auch dies ein Motiv, welches wir aus späteren Werken der russischen Literatur kennen, bis hin zu Solschenizyn. Bei Gogol überrascht es insofern, als sich der Autor zwölf Jahre lang Europa anschaute – freiwillig. Was immer er dort gesehen haben mag: Ein Schuss „Westlertums“, so hat man das Gefühl, wär’ vielleicht doch nicht schlecht gewesen.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt.

Nikolai W. Gogol: Die toten Seelen oder Tschitschikows Abenteuer, übers. von Alexander Eliasberg (Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1965).
Vater Goriot

Vater Goriot von Honorè de Balzac gehört zu dessen schier endlosen menschlichen Komödie, genauer: zur Unterabteilung Szenen aus dem Privatleben. Angesiedelt ist die Handlung im Paris des Jahres 1819 – also in jener Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Im Wesentlichen geht’s nur um eins: die Oberschicht, Aristokratie samt Reichtum. Wie kann man sich dort Zutritt verschaffen? Arbeit, und sei sie noch so gehoben, Karriere, und sei sie noch so erfolgreich – nichts kommt an ein Vermögen heran, welches jährlich ein hübsches Sümmchen an Zinsen abwirft. Und um an ein solches zu gelangen, gibt’s laut Balzac nur einen Weg: Erben. Wenn schon nicht selbst, dann indem man eine vermögende Erbin heiratet. Thomas Picketty hat diesen Roman jüngst hergenommen, um seine eigenen Thesen zum Kapital im 21. Jahrhundert zu illustrieren – mehr an Aktualität geht wohl nicht.

Empfehlenswert? Ja.

Honorè de Balzac, Vater Goriot, Übersetzung aus dem Französischen von Franz Hessel (Leipzig: Paul List Verlag, o. J.).

Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).
Transcriptions

If you like spy stories you might like this book. It’s well written, no doubt, and the narrator seems lifelike enough. But then, of course, the same things could be said of a host of similar stories. Like all modern products of the genre, this one reveals not just one, but multiple layers of deception – fog is the metaphor used, not very surprisingly either.

Recommended? Well, not really – unless you’re looking for something light to read on your holidays.

Kate Atkinson, Transcriptions (London: Transworld Publishers, 2018).

Wer ist Shakespeare?

Vergangene Woche hatte ich Gelegenheit, mich mit einer Lektorin am Institut für Musikwissenschaft hier in Innsbruck zu unterhalten. Im Wintersemester, so erzählte sie mir, habe sie ein Seminar über „Shakespeare in der Musik des 20. Jahrhunderts“ gehalten. Aber die Studenten konnten mit diesem Shakespeare nicht viel anfangen. Wer ist das? Irgend so eine berühmte Persönlichkeit, oder?

Die Schuld für derlei Missstände schiebt man sofort den Jugendlichen von heute in die Schuhe: Das Handy, das Internet; die können den Blick gar nicht mehr vom Smartphone nehmen, total abhängig.

Mag ja sein. Aber meiner Erfahrung nach waren die Jugendlichen, mit denen ich’s während meines Berufslebens zu tun hatte, um nichts anders als wir selbst, 50 Jahre vorher. Im Schnitt zumindest. Wir waren genau so faul, klar, genau so überheblich und kaltschnäuzig, gleichzeitig aber auch genau so dankbar, sobald sich ein Erwachsener die Mühe nahm, mit uns zu reden, uns was zu erzählen, zu erklären – uns etwas beizubringen.

Wenn sich seitdem etwas geändert hat, dann ist das die Welt, die wir uns geschaffen haben, oder die wir doch wenigstens hinnehmen. Die wir den jungen Menschen zumuten. Und wenn schon irgendwen Schuld trifft, dann sind das die Erziehenden, Lehrer ebenso wie Eltern. Da liegt der Hund begraben. Da ist nämlich etwas ganz Fundamentales passiert.

Ausnahmsweise brauche ich die Behauptung nicht mit meinen eigenen Eindrücken zu untermauern, mit anekdotischer Evidenz. Ausnahmsweise kann ich einen Zeugen aufrufen: In seinem Roman A Week in December lässt der Autor Sebastian Faulks einen seiner Charaktere erklären, woher seine – anscheinend so mühelose – Bildung stammt.

Ich hatte vermutlich Glück, weil ich zu einer Zeit in die Schule ging, als Lehrer immer noch glaubten, Kinder könnten mit Wissen umgehen. Sie haben uns vertraut. Dann kam eine Zeit, als sie entdeckten, dass nicht jedes Kind in der Klasse solche Dinge verstehen oder sich daran erinnern kann, und deshalb beschlossen sie, ihnen nicht mehr so viel beizubringen, weil’s nicht fair war gegenüber den weniger guten. Also haben sie Wissen zurückgehalten. Und dann, so nehme ich an, kamen bereits die nächsten Lehrer, die hatten nicht einmal mehr ein Wissen, das sie hätten zurückhalten können. [1]

Das deckt sich auffallend genau mit jener Erfahrung, welche ich selbst in den letzten zehn Jahren meines Berufslebens machen musste. Und unter der ich gehörig litt.

Kurz und prägnant gesagt: Was da abhanden kam, das war der Wille zum Unterrichten. Zum Lehren.

Zu einem Gutteil geht das Fiasko natürlich auf die so genannte progressive Pädagogik zurück. Weswegen ich besagte Lektorin gerne an ihre eigenen Kollegen und Kolleginnen am Institut für Erziehungswissenschaft verwiesen hätte. Aber selbst die steuern letztlich bloß die theoretische Rechtfertigung bei (obwohl das schon schlimm genug ist). An der Universität ganz allgemein, in der akademischen Sphäre – was zählt denn da? Die Vorlesungen? Oh nein: Da zählen Forschung, Projekte, Drittmittel, Veröffentlichungen, peer reviews (inzwischen elektronisch erfasst und automatisch ausgewertet). Die Lehre kommt, wenn überhaupt, unter „ferner liefen“.

Soll man sich da wundern, wenn’s an den Schulen noch viel schlimmer ist? Dort geht’s nur noch um die Unterhaltung: edutainment, wie’s so ein Progressiver einmal auf den Punkt gebracht hat (und er meinte das positiv). Der Mann war – ja, wo wohl? – der Mann war in der Lehrerausbildung tätig, Didaktik für Lehramtsstudenten auf der Uni.

Und so ist’s tatsächlich kein Wunder, wenn österreichische Maturanten im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nichts mehr mit Shakespeare anfangen können, nichts von ihm kennen. Auch wenn’s ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen kaum zu fassen vermögen. ––


PS: Wenn wir schon von Bildung reden – was fällt Ihnen spontan zum Thema „Shakespeare in der Musik des 20. Jahrhunderts“ ein? Also mir ehrlich gestanden bloß zwei Beispiele: Kiss Me Kate, das Cole Porter-Musical frei nach The Taming of the Shrew (Der Widerspenstigen Zähmung) sowie Leonard Bernsteins West Side Story nach Romeo and Juliet. Womit mein Niveau offen und ungeschminkt zutage liegt: nicht sonderlich sophisticated, bestenfalls middlebrow.

[1] Sebastian Faulks, A Week in December (London: Vintage, 2010), pp. 305–6. Meine Übersetzung.

Neo-Liberalismus und Sozialdemokratie

Die folgende Passage stammt aus einem Buch mit dem Titel National Populism. Bei uns spricht man üblicherweise von Rechtspopulismus. Wie auch immer: Den Autoren geht’s darum, die Wurzeln dieser politischen Bewegung aufzuspüren, die Motive jener Menschen zu verstehen, die solcherart wählen – in den USA (Trump), in Großbritannien (UKIP und Brexit), in Frankreich (Le Pen). Von Österreich ist zwar nicht die Rede, doch gilt das, was über national populism gesagt wird, offensichtlich auch hier bei uns.

In einem Abschnitt wird der Aufstieg des Nationalpopulismus auf wirtschaftliche Ursachen zurückgeführt:

Nach den Verwüstungen durch die Weltwirtschaftskrise in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen begannen die Regierungen im Westen, mehr Verantwortung für das materielle Wohlergehen ihrer Bürger zu übernehmen. Dies beinhaltete das Anliegen, einen hohen Grad an Beschäftigung zu erreichen und den Wohlfahrtsstaat auszuweiten, obwohl die Vorkehrungen äußerst unterschiedlich ausfielen, von dünnen in den USA bis hin zu umfangreichen Systemen „von der Wiege bis zur Bahre“ in Europa, wo der Staat eine beträchtliche Rolle spielte.
Dies gipfelte nach dem Zweiten Weltkrieg im so genannten „Goldenen Zeitalter“ – einer neuen Ära des Wachstums, steigender Löhne und zunehmender Einkommens- und Vermögensgleichheit. Es war jedoch nur von kurzer Dauer und ging in den siebziger Jahren zu Ende, als die Stagflation (Inflation begleitet von geringerem Wachstum) ihr Haupt erhob. Vor diesem Hintergrund kehrte der marktwirtschaftliche Fundamentalismus mit aller Macht zurück. In den achtziger Jahren erlangte dieser Neoliberalismus, wie er genannt wurde, globale Bedeutung.
Im 21. Jahrhundert geriet der Neoliberalismus jedoch zunehmend unter Druck. Die Wachstumsraten im Westen waren enttäuschend, während der weltweite Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 2008, der die Große Rezession auslöste, in vielen Ländern zu einer Periode schmerzhafter Sparpolitik führte, einschließlich dramatischer Einschnitte bei den Staatsausgaben und öffentlichen Dienstleistungen, zum Leidwesen von Millionen von Bürgern. Darüber hinaus hat der Neoliberalismus die Einkommens- und Vermögensverteilung erheblich verändert. Der Ökonom Thomas Piketty hat gezeigt, dass die Ungleichheit im Westen auf ein Niveau zurückgekehrt ist, das zuletzt vor über 100 Jahren gegeben war – im Gegensatz zum obersten Prozent der Eliten, welche viel reicher geworden sind, ein getrenntes Leben führen und sich kaum noch der Sorgen bewusst sind, welche die „zurück gebliebenen“ Wähler vereint. [1]

Eine kurze, prägnante Darstellung, sie entspricht einer weit verbreiteten Sichtweise. (Die Datierung entspricht allerdings der anglo-amerikanischen Erfahrung, weniger der kontinental-europäischen.) Wir können davon ausgehen, dass der Neo-Liberalismus intellektuell inzwischen abgehaust hat, sowohl was seine Logik betrifft, also seine Annahmen und Schlussfolgerungen, als auch – wie oben angedeutet – seine beobachtbaren Erfolge.

Das braucht uns hier also nicht weiter zu beschäftigen (intellektuell zumindest – die reale Macht ist ein anderes Problem). Interessanter erscheint schon die Frage, warum ausgerechnet Rechtspopulisten aus diesem Niedergang Kapital zu schlagen vermochten. Man sollte doch annehmen, das sei klassisches Terrain für Sozialdemokraten? Alle ihre ursprünglichen Annahmen scheinen bestätigt zu werden:

  • der Unsinn vom Freien Markt und der segensreichen Konkurrenz;
  • die Bedeutung staatlicher Wirtschaftspolitik – des Interventionismus nach Karl Popper [2];
  • rapide wachsender Reichtum bei den Reichen, gleichzeitig stagnierende, wenn nicht gar sinkende Reallöhne bei breiten Schichten der arbeitenden Bevölkerung, bis hin zu den working poor;
  • und das alles bei ständig schärferen Arbeitsbedingungen, längerer Arbeitszeit, Leiharbeit etc.;
  • sowie bei ständig verschlechterter sozialer Absicherung und Infrastruktur.

Das klingt ja beinahe schon wie ein sozialdemokratisches Forderungsprogramm von vor hundert Jahren!

Aber wo waren sie, die Sozialdemokraten, in den letzten zwanzig Jahren? Wo waren sie seit der großen Krise ab 2008?

Das ist Teil jener Katastrophe, in welche wir geschlittert sind – und die Talsohle ist noch lange nicht erreicht, wie ich fürchte; Ursache jener Hoffnungslosigkeit, in welcher wir uns wiederfinden.

Und angesichts dieser Lage, so glaube ich, müssen wir zweierlei tun: Wir müssen anfangen, uns über die Gründe fürs Versagen klar zu werden; und wir müssen die jetzigen Gegebenheiten unverblümt beim Namen nennen. Vor hundert Jahren war das möglich –warum heute nicht?

[1] Roger Eatwell and Matthew Goodwin, National Populism: The Revolt Against Liberal Democracy, Pelican Books (London: Penguin Random House, 2018), pp. 179–180. Meine Übersetzung.

[2] siehe „Ökonomischer Interventionismus“, 10. Jänner 2019.