Gelesen / Just read

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine

Ich hab’ keine Ahnung, was gescheite Leute zu dem Roman der jungen schottischen Autorin sagen: Vielleicht ist er ihnen zu seicht. Und tatsächlich könnte man argumentieren, das Ende habe etwas Kitschiges an sich. Was glückliche Enden freilich so an sich haben. Andererseits strahlt der Roman einen Optimismus und damit eine Stärke aus, die anderen abgeht. Im Zentrum steht die Hilfsbereitschaft durchschnittlicher Menschen ohne großen Ehrgeiz. Sie bringt die Handlung in Gang, sie bringt schließlich die Lösung – selbst für eine verschreckte, verbitterte alternde Jungfer.

Empfehlenswert? – Ja, ganz ohne Einschränkung.

I have no idea how clever people react to this novel by a young Scottish author: They may well find it rather thin. And indeed, one could argue that the ending has something kitschy about it; but then, this is the way with happy endings. On the other hand, the novel projects a sense of optimism and thus strength that others sadly lack. The focus is on the helpfulness of average people without much ambition. This is the quality that gets the plot going and finally leads to a denouement  – even for a frightened, embittered ageing spinster.

Recommended? – Yes, without reservation.

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine (London: HarperCollins, 2017).
Jonathan Coe, Middle England

Was gescheite Leute hingegen zum Roman von Jonathan Coe sagen, ist klar: Er handelt ja von ihnen. Hauptfigur ist – man glaubt es nicht – ein millionenschwerer Schriftsteller.

Wobei der Autor brillant erzählt. Sein Roman liest sich spannend und unterhaltsam von Anfang bis Ende, und das obwohl er letztlich von nichts anderem handelt als von einer kleinen Gruppe schnatternder Intellektueller: the chattering classes. So was hinzukriegen, zeugt schon von gehörigem Talent.

Nur tieferer Sinn steckt keiner dahinter. Und schon gar kein politischer – denn auch der wurde dem Roman von eifrigen Rezensenten zugeschrieben, von wegen Brexit und so. Sogar von einem state-of-the-nation Roman war die Rede! Nichts dergleichen – dazu ist der gesellschaftliche Horizont viel zu beschränkt.

Empfehlenswert? – Als reine Unterhaltung, ja. Man darf sich nur nicht zu viel erwarten.

Whereas it’s abundantly clear how clever people react to the novel by Jonathan Coe: After all, it is about themselves. The main character is – believe it or not – a millionaire writer.

And yet, the author is a brilliant narrator, and his novel makes fascinating as well as amusing reading from beginning to end, even though it isn’t really about anything but a small group of intellectuals – the chattering classes. To pull this off is no mean achievement and testimony to considerable talent.

As long as one is not hoping for any deeper meaning; and certainly not in a political sense, which has also been attributed to the novel by friendly reviewers: Brexit, and so on. There has even been talk of a state-of-the-nation novel! Far from it – the range is just too limited for any such thing.

Recommended? – If you’re looking for pure entertainment, yes; just don’t expect anything else.

Jonathan Coe, Middle England (London: Viking, 2018).
Margaret Laurence, A Jest of God

Margaret Laurence (1926–1987) zählt inzwischen zu den Klassikern der kanadischen Literatur. Einige ihrer Romane sind in der fiktiven Kleinstadt Manawaka in der Provinz Manitoba angesiedelt, so auch dieser hier. Er handelt von der verschüchterten Lehrerin Rachel Cameron, der übel mitgespielt wird – von den lieben Mitmenschen ebenso wie vom Schicksal. Ihre Schweigsamkeit, ihre Angst offen zu reden, die daraus resultierenden Missverständnisse, die tragen das ihre dazu bei. Die Geschichte endet nicht gut, aber ausgesprochen schlimm auch nicht. Wie könnte es auch anders sein?

Interessant: Der Roman ist 1966 erschienen. (Ich hab’ ihn erstmals so um 1977 oder ‘78 gelesen.) Offenbar sind die sechziger Jahre zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Manawaka angekommen – ebenso wenig übrigens wie in Innsbruck. Oder ist das traurige Leben der Heldin bewusst als Kontrapunkt gesetzt?

Empfehlenswert? – Durchaus, obwohl’s schon ein bisschen Geduld und Leseerfahrung braucht.

Today, Margaret Laurence (1926–1987) is considered one of the major figures in Canadian literature. Some of her novels are set in the fictional small town of Manawaka in the province of Manitoba, as is this one. It is about the shy and inhibited schoolteacher Rachel Cameron, who is dealt a rotten hand – by people just as much as by fate. This is aggravated by misunderstandings created by her taciturn ways, by her reluctance to speak openly. Her story does not end well, but not overly disastrous either. How could it be otherwise?

It is interesting to note that the novel was published in 1966. (I first read it around 1977 or ’78.) Obviously the Sixties have not arrived in Manawaka yet – nor had they in Innsbruck, by the way. Or is the heroine’s sad life deliberately set as a counterpoint?

Recommended? – By all means, although a certain amount of patience and reading experience may be required.

Margaret Laurence, A Jest of God (Toronto: McClelland and Stewart, 1974). 1st publ. 1966.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Ein Realist ersten Ranges

Anna of the Five Towns von Arnold Bennett

[for an English version, see below]

Als ich englische Literatur studierte, da kam Arnold Bennett praktisch nicht vor. Er hatte das Pech, zu spät geboren zu sein für einen Realisten – er lebte von 1867 bis 1931. Damit geriet er mitten hinein in die Moderne: Virginia Wolf, Bloomsbury. Diese Leute verachteten ihn wegen seiner Herkunft und seiner handwerklichen Einstellung zum Schreiben.

Inzwischen ist uns die Moderne allerdings auch ein bisschen ranzig geworden. Bennett hat hingegen eine Art Wiedergutmachung erfahren, seit ihn der Literaturwissenschaftler John Carey zu seinem Lieblingsautor erklärte. [1] Wie’s heute um seinen Ruf steht, weiß ich nicht.

Aufgrund meiner Leseerfahrung stimme ich John Carey jedenfalls zu, voll und ganz. Es ist nicht nur so, dass da ein Realist ersten Ranges zu uns spricht; vielmehr hat er den Realismus auch nachhaltig weiter entwickelt. Zwei Aspekte fallen mir sofort ein:

Erstens, die Realität, welche er beschreibt. Sie ist zumeist in den Five Towns angesiedelt, also jener Agglomeration, welche heute als Stoke-on-Trent bezeichnet wird. Das war – und blieb – Arnold Bennetts Heimat. Und dabei handelt es sich um das Herz der Potteries, wo einst alle unsere mugs herkamen, unsere Kaffeehaferln. Folglich beschreibt er Menschen aus den Midlands, einer Industrieregion. Selbstverständlich war so etwas keineswegs.

Zweitens, die Frauen. Nicht bloß stellen sie oft die Hauptfiguren seiner Romane so wie in diesem hier, oder im Falle von The Old Wives’ Tale; sie sind auch – ja, sie sind überraschend selbständig, selbstbewusst. Sie sind, wenn man so will, tatsächlich Heldinnen, ganz anders als, sagen wir, bei Anthony Trollope – um von Charles Dickens erst gar nicht zu reden.

Das gilt auch für Anna im hier besprochenen Roman, obwohl’s am Anfang gar nicht so ausschaut: Da lebt sie nämlich unterdrückt und praktisch entmündigt im Haus ihres diktatorischen, geizigen Vaters (Ebenezer Scrooge mit Kindern). Doch als ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag unversehens ein reiches Erbe zufällt, da macht sie sich aller Unerfahrenheit zum Trotz auf ihren Weg. Den muss sie allerdings erst noch finden. Einfach ist’s nicht – es stehen schmerzliche Entscheidungen an, immerhin ist sie zur Gläubigerin geworden. Und ihr Vater bleibt eine unerbittliche Autorität. Herzensangelegenheiten spielen natürlich auch eine Rolle, klar, in diesem Falle allerdings ohne happy ending. Aber darum geht’s nicht. Was beeindruckt, das ist Annas Festigkeit – ihr Charakter.

Ich weiß nicht, ob andere den Roman so aktuell finden werden wie ich. Ich lese die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts oder – wie in diesem Falle – des frühen 20. Jahrhunderts (erschienen 1902) immer noch mit Interesse, mit Spannung und mit Freude. Sie haben mir nach wie vor etwas zu sagen – mehr als so mancher zeitgenössische Roman. Aber was? Nun, darüber bin ich mir selbst nicht ganz klar. Aber was ändert das schon?

Empfehlenswert? – Meiner Ansicht nach: ja.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
Anna of the Five Towns by Arnold Bennett

When I was studying English literature, Arnold Bennett was practically non-existent. He had the misfortune to be born rather late for a realist – he lived from 1867 to 1931. And thus, he became a contemporary to the moderns: Virginia Wolf, Bloomsbury. These people despised him for his background and for his craftsman’s approach to writing.

In the meantime, however, modernity has in turn become a bit stale. Bennett, on the other hand, has enjoyed a certain renaissance since literary scholar John Carey declared him his favourite author. [2] I’m not sure about his standing today.

In any case, because of my reading experience, I agree with John Carey, wholeheartedly. It’s not just that a realist of the first order is speaking to us; rather, he has also developed realism in a substantial way. Two aspects come to mind immediately:

First, the reality he describes. It is mostly located in the Five Towns, the conurbation which is known as Stoke-on-Trent today. It always remained Arnold Bennett’s sentimental home. And it used to be the heart of the Potteries, where all our mugs once came from. Consequently, he describes people from the Midlands, an industrial region – a remarkable feat at the time he was writing.

Second, women. Not only are they often the main characters in his novels as in this case, or in the case of The Old Wives‘ Tale; they are also – well, they are surprisingly self-reliant, self-confident. You could say that they are real heroines, unlike, say, Anthony Trollope’s female characters – not to mention Charles Dickens.

This also applies to Anna in the novel discussed here, although it starts inauspiciously enough: Initially, Anna lives in the household of her dictatorial, tight-fisted father (Ebenezer Scrooge with children), subdued and dependent. But when she unexpectedly comes into a wealthy inheritance on her eighteenth birthday, she sets off on her own course in spite of all her inexperience, even though that course has yet to be determined. It’s not easy – there are painful decisions to be made; after all, she has become a creditor. And her father remains an unrelenting authority. Of course, tender feelings also play a role, in this case however without a happy ending. But that’s not the point. The reader is impressed by Anna’s firmness – her character.

I do not know if others will find the novel as up to date as I do. I still read realistic literature of the nineteenth century or, as in this case, the early twentieth century (published in 1902) with interest, with excitement and with joy. I feel that these books are telling me something – more than many a contemporary novel. But what? Well, I’m not sure. But does that make any difference?

Recommended? – Well, if you ask me: yes.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
[1] Das geschah in seinem Buch Hass auf die Massen: Intellektuelle 1880–1939 (Göttingen: Steidl, 1996).

[2] In The Intellectuals and the Masses: Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880–1939 (London: Faber, 1992).


“Conservative party members would happily support the break-up of the UK, ’significant damage‘ to the British economy and even the destruction of their own party in order to secure Brexit, a poll has found.”
(John Stone, Independent, 18 June 2019)


„Natürlich ist es spannend, nach Silicon Valley zu reisen. Keine Frage. Ist es jedoch für Medienmenschen genauso aufregend, sich an der Propaganda für einen wahlkämpfenden Altkanzler zu beteiligen? Anders gefragt: Ist in Österreich die Pressefreiheit nur durch die Politik in Gefahr – oder ist der lockere Umgang mit Politiker-Offerten die größere Gefahr für die Unabhängigkeit der Medien?“
(Rubina Möhring, Der Standard, 22. Juli 2019)


Als ich vor langer, langer Zeit als freischaffender Kolumnist bei einem Regionalblatt anfing, da liefen meine neuen Kollegen ganz aufgeregt durch die Redaktionsräumlichkeiten:
„Wohin fliegst du?“
Wie sich herausstellte, hatten sie soeben Flugmeilen geschenkt bekommen. Vom örtlichen Flughafen. Und wie es sich traf, kämpfte der gerade um eine Verlängerung seiner Piste.


How many Brexiters does it take to change a lightbulb? – One to promise everyone a brighter future. The rest to screw it up.


“I don’t understand how a man can be recorded offering to facilitate the assault of a journalist and reach high office. I don’t understand how a man can be fired twice for cavalierly making stuff up and reach high office.”
(Hannah Jane Parkinson, The Guardian, 23 July 2019)


Ibiza-Video, Stadthalle, Boris Johnson in Nr. 10 Downing Street und sein Kollege im Weißen Haus. Also die Kabarettisten tun mir leid, dieser Tage. Bei der Konkurrenz?


“Boris Johnson has promised the ‘beginning of a new golden age’, as he makes a first Commons statement as PM.”
(BBC News 25 July 2019)


He – und ganz vergessen: Das Schreddern. Unter falschem Namen. Und dann vergisst der türkise Held aus dem Kanzleramt, die Rechnung zu zahlen! Das reicht locker ans Ibiza-Video heran. Von solchen Leuten werden wir regiert?


Für gescheite Menschen scheint’s ausgemacht zu sein, dass es den Klimawandel gibt. Aber dann gibt’s da noch die ganz Gescheiten. Die bezweifeln das.
Wenn ich mit solchen Leuten rede – was in jüngster Zeit mehrmals der Fall war –, dann gebe ich keineswegs vor, bessere Argumente zu haben. Ich hab’ überhaupt keine. Ich bin nämlich kein Naturwissenschaftler, und Meteorologe bin ich schon gar keiner.
Das war mein jeweiliges Gegenüber allerdings auch nicht.


(The Guardian, 26 July 2019)


Ach ja – und die ganz Gescheiten sagen auch: „Klimawandel schon – aber ist er menschengemacht?“
Und da denk’ ich an eine Graphik, die ich meinen Schülern zu zeigen pflegte, wenn wir über die Industrielle Revolution sprachen:

World population, billions

Nach einem Jahr

„Wann platzen die Blasen?“, hab’ ich vor einem Jahr gefragt und am Ende bloß eines gewünscht: In einem Jahr wissen wir hoffentlich mehr.

Bei den drei Blasen, die ich damals auszumachen glaubte, handelte es sich um

  • den so genannten Brexit,
  • die US-amerikanische Präsidentschaft von Donald Trump, sowie
  • die „türkise Bewegung“ von Sebastian Kurz.

Man kann’s drehen und wenden, wie man will, aber geplatzt ist keine dieser Blasen – nicht einmal die der „türkisen Bewegung“. Denn obwohl ihre Koalition mit der FPÖ scheiterte, obwohl Sebastian Kurz aus dem Bundeskanzleramt flog, scheint doch niemand daran zu zweifeln, dass er nach den Wahlen im September wieder dorthin zurückkehren wird – vielleicht als strahlender Held.

Was den Brexit angeht, so sind Parlament und Regierung im Vereinigten Königreich in eine Krise geschlittert, die sich gewaschen hat. Von Theresa May wurde gesagt, sie werde sich als die schlechteste Premierministerin seit weiß Gott wann herausstellen. Heute residiert Boris Johnson in 10 Downing Street. Es geht immer noch ein bisschen tiefer – auch wenn man’s nicht für möglich hält. Die Brexit-Blase, so habe ich vor einem Jahr geschrieben, müsste meiner Auffassung zufolge platzen, wenn sie an der Realität schrammt. Aber so weit ist’s noch immer nicht, dank zweimaligen Aufschubs des endgültigen Austritts. Wie’s weitergeht, wagt niemand vorherzusagen. Aber dass die Leavers, dass die Konservative Partei da eine Blase erzeugt haben, das steht inzwischen wohl fest. Insofern wissen wir tatsächlich mehr, zumindest in dieser Hinsicht.

Trump sitzt weiterhin fest im Sattel. Auch in dieser Beziehung habe ich vor zwölf Monaten nichts anderes erwartet. Aber wissen wir mehr? Nun ja – mit jeder Woche, mit jedem Monat wird es wahrscheinlicher, dass seine Amtszeit in einem Desaster enden wird. Und je länger seine Amtsführung dauert, desto verheerender wird es sein. Leicht möglich, dass er einen Scherbenhaufen hinterlässt, gegen den Tricky Dicks (Richard Nixons) Watergate wie Stümperei wirkt.

Doch erhebt sich in diesem Zusammenhang wohl eine andere Frage: Wenn so genannte Blasen so lange anhalten, wenn sie folglich so viel Schaden anrichten können – kann man dann wirklich noch von „Blasen“ reden? Die erwecken ja das Bild eines zarten, flüchtigen Gebildes, nur zu bereit, in jedem Moment – nun ja, eben zu platzen. Schaden entsteht keiner – außer vielleicht Enttäuschung bei ganz kleinen Zusehern.

In diesem Sinne muss ich wohl mein Urteil revidieren. Trump, Brexit und Kurz – das sind keine Blasen, so schnell gehen die nicht vorbei. Nicht, dass sich an ihrer Substanz, an ihrem Wesen deshalb etwas geändert hätte. Es geht bloß um die Dauer.

Damit werden wir uns abfinden müssen, fürchte ich. Mehr noch – wir werden lernen müssen: neue Zeiten, neue Politik. Auch wenn wir’s manchmal noch immer nicht so recht glauben können – siehe Boris Johnson.


Welcher Liberalismus?

Im Guardian lese ich, dass der russische Präsident Vladimir Putin anscheinend die Idee des Liberalismus für „obsolet“ hält. [1]

Schön und gut – oder schlecht (je nachdem). Aber welchen Liberalismus meint er?

Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie man zunächst annehmen möchte. Das ist mir selbst erst jüngst bewusst geworden, als ich zufällig wieder auf das alt-ehrwürdige Zitat des amerikanischen Soziologen Daniel Bell stieß, der seine Einstellung einst folgendermaßen beschrieb:

„A socialist in economics, a liberal in politics, and a conservative in culture.“

Wobei für ihn, vor US-amerikanischem Hintergrund, socialist natürlich so viel bedeutete wie: sozialdemokratisch.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur, dass sich viele Menschen genau so definieren würden – in den USA ebenso wie hierzulande, damals ebenso wie jetzt. Genau so bemerkenswert ist die Unterteilung, welche da zum Ausdruck kommt: wirtschaftlich–politisch–kulturell. Drei Dimensionen, könnte man sagen, drei Sphären. Und die Anschauungen, die Haltungen in diesen drei Sphären können durchaus unterschiedlich sein, ja sogar konträr!

Das spielt gerade beim Begriff des Liberalismus eine Rolle, der zur Zeit ja häufig, fast schon zu häufig in den Mund genommen wird beziehungsweise in den Schlagzeilen aufscheint. Daniel Bells Eigendefinition erinnert uns nämlich daran, dass es auch von ihm drei Arten gibt:

  • wirtschaftlicher Liberalismus,
  • politischer Liberalismus, und
  • kultureller Liberalismus.

Wirtschaftlicher Liberalismus ist das, was man heute als Neo-Liberalismus bezeichnet. Er zeichnet sich – unter anderem, versteht sich – dadurch aus, dass es ausschließlich um die Freiheit des wirtschaftlich handelnden Individuums geht. Der ist alles andere unterzuordnen.

Der politische Liberalismus bedeutet hingegen nichts weiter als: Demokratie. Politisch liberal bin ich dann, wenn ich für jene Art von Demokratie eintrete, wie wir sie in unserem Lande seit 1945 kennen und schätzen gelernt haben – und wie sie Karl R. Popper in seinem grundlegenden Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde beschrieben und untermauert hat. Nicht umsonst hat er bereits erkannt, dass die wirtschaftliche Freiheit um der politischen Freiheit willen eingeschränkt werden muss, gezügelt – daher sein „Ökonomischer Interventionismus“, wie wir ihn auf diesen Seiten hier schon einmal beschrieben haben. [2]

Man muss sich allerdings klar sein, dass politischer Liberalismus kein konkretes Programm enthält. Er stellt lediglich eine Verfahrensweise dar. Kein Fußballmatch, könnte man sagen, nur dessen Voraussetzungen und dessen Regeln.  Das gilt sogar für Parteien, die sich selbst Liberal nennen. Auch sie benötigen irgendein Programm – in der Regel wird’s natürlich wirtschaftsliberal sein, darüber hinaus mag es mehr oder weniger konservative, progressive oder ökologische Elemente enthalten. Aber Liberal an sich ist unmöglich – zumindest im Rahmen einer liberalen Demokratie.

Umgekehrt bedeutet das auch: Wenn von der liberalen Demokratie die Rede ist, so heißt das nicht automatisch wirtschaftsliberal. Eher im Gegenteil (siehe Popper). Verständlicherweise legen Neo-Liberale keinen Wert auf diese Unterscheidung. Die Verwirrung dient ihrer Propaganda.

Was den kulturellen Liberalismus angeht, so kann man von ihm nur eines mit Sicherheit feststellen: Der Begriff ist so schwammig, dass man ihn kaum zu fassen bekommt. Er umfasst so viele Bereiche – von Erziehung, Bildung und Schule über LGBT und Pluralismus, vielleicht gar Multikulturalismus bis hin zu Kunst und Literatur. Deshalb wird’s auch in dieser Sphäre kaum möglich sein, dass eine Person in allen Bereichen gleichermaßen liberal oder konservativ oder progressiv denkt.

Hier sei bloß eine Beobachtung eingefügt, die mich schon seit langer Zeit verwirrt: Zumindest im Bereich der Erziehung, des Schulwesens geben sich wirtschaftlich Liberale gern auch kulturell liberal. Sie sind also für progressive Pädagogik mit fröhlich lachenden Kindern, die glücklich durch Blumenwiesen laufen, alles nur Spaß und lustvolle Neugier, keine Langeweile, keine Anstrengung, keine Noten versteht sich, kein Leistungsdruck. Aber wie ist das mit der wirtschaftsliberalen Welt zu vereinen? Die schaut bekanntlich ganz anders aus, da gelten ganz andere Werte – und die werden ganz offen eingefordert. Also?

Aber das nur nebenbei. – Wichtig ist jedenfalls, dass man sich der drei Dimensionen des Liberalismus-Begriffs bewusst wird, und dass man jegliche Äußerung unter diesem Gesichtspunkt beurteilt: Welcher Liberalismus?

Man wird sehen: Das bringt erstaunliche Ergebnisse, erstaunliche Klarheit.

[1] „Western liberalism is obsolete, warns Putin, ahead of May meeting”, The Guardian, 28 June 2019.

[2] „Ökonomischer Interventionismus“, 10. Januar 2019.


Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).

Gesundes Misstrauen

Über Misstrauensantrag, Sebastian Kurz – und was man von einem Staatsmann erwarten dürfte

Als die regierende Koalition letzte Woche zerbrach, da wünschte ich mir – wie so viele andere vermutlich – genau das, was nun eingetreten ist: weiter regieren, die leer gewordenen Ministersessel mit Experten füllen. Und ich wünschte mir, dass diese Regierung – ohnehin nur Platzhalter bis zu den Wahlen im September – vom Parlament unterstützt werde, obwohl sie dort an sich keine Mehrheit hat. Kein Misstrauensantrag also.

Inzwischen hat man mich aber an einige Dinge erinnert – und Erinnern, Gedächtnis ist ja immer so wichtig! –, außerdem sind ein paar andere Dinge geschehen, sodass ich meine Haltung geändert habe.

Zunächst, und ganz wichtig, muss festgehalten werden: Der Misstrauensantrag, welchen die Liste Jetzt am Montag einbringen will, gilt nur Bundeskanzler Sebastian Kurz. Um ihn geht’s hier also in erster Linie.

Und da muss, gerade in Anbetracht seiner medialen Selbstdarstellung, daran erinnert werden, dass er es war – er und seine türkise Partei oder Bewegung oder was auch immer sie sein will –, dass es also die waren, welche die FPÖ in die Regierung holten; quasi mit Regierungsfähigkeit und Regierungsverantwortung salbten.

Und nicht nur das. Es war ja keineswegs so, dass Sebastian Kurz mit knirschenden Zähnen Koalition spielte, nach dem Motto: Es geht leider nicht anders. Ganz im Gegenteil! Im Anfang, da konnte er seinen neuen Koalitionspartner gar nicht genug loben, da war alles eitel Wonne und Eintracht, da schaute es manchmal so aus, als hätten er und H. C. Strache am liebsten vor laufender Kamera geschmust. [1] Politisch gesprochen, haben sie das auch. (Rein politisch, versteht sich, als Metapher.)

Unschuldiges Opfer ist Sebastian Kurz also keines. Er ist mitverantwortlich. Er und seine türkise Dingsbums, und die ganze schwarze ÖVP. Und die Mitschuld beläuft sich auf – wie viel? – fünfzig Prozent?

In anderen Ländern wäre unter solchen Umständen ein Rücktritt keineswegs ungewöhnlich, keineswegs überraschend gewesen. Und schon gar nicht von einem „Staatsmann“.

Gekommen ist’s anders. Schon bei seinem ersten Auftritt, in welchem er die Koalition auf- und Neuwahlen ankündigte, konnte Sebastian Kurz nur von Stimmen reden. „Geben Sie mir Ihre Stimme!“ Wahlwerbung. Staatsmännisch war das sicher nicht. Und Vertrauen für eine Minderheiten-Expertenregierung fördert man auf diese Weise auch nicht.

Doch ging’s in dieser Tonart weiter. Am Wochenende unterstellte Sebastian Kurz der SPÖ, sie bastle bereits an einer Koalition mit der eben erst desavouierten FPÖ. Das ist Wahlkampfmodus, ganz eindeutig, und selbst der noch ziemlich primitiv. So dürfte der SPÖ eigentlich gar nichts anderes übrig bleiben, als am Montag für den Misstrauensantrag zu stimmen. Obwohl – 52 Prozent aller wahlberechtigten Österreicher waren Ende letzter Woche noch anderer Meinung; sie lehnten jeglichen Misstrauensantrag ab, wie der Standard aus einer Umfrage zitierte.[2] Dabei handelt es sich, nüchtern betrachtet, bloß um das, was man gemeinhin als „gesundes Misstrauen“ bezeichnet. Und das soll angeblich doch immer gut sein, oder?

[1] Es gibt jede Menge Bilder im Web, man braucht die beiden bloß zu suchen. Hier nur ein Beispiel. 

[2] Conrad Seidl, „Mehrheit der Bevölkerung würde an Regierung Kurz festhalten“, Der Standard, 25. Mai 2019.