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Wer ist Shakespeare?

Vergangene Woche hatte ich Gelegenheit, mich mit einer Lektorin am Institut für Musikwissenschaft hier in Innsbruck zu unterhalten. Im Wintersemester, so erzählte sie mir, habe sie ein Seminar über „Shakespeare in der Musik des 20. Jahrhunderts“ gehalten. Aber die Studenten konnten mit diesem Shakespeare nicht viel anfangen. Wer ist das? Irgend so eine berühmte Persönlichkeit, oder?

Die Schuld für derlei Missstände schiebt man sofort den Jugendlichen von heute in die Schuhe: Das Handy, das Internet; die können den Blick gar nicht mehr vom Smartphone nehmen, total abhängig.

Mag ja sein. Aber meiner Erfahrung nach waren die Jugendlichen, mit denen ich’s während meines Berufslebens zu tun hatte, um nichts anders als wir selbst, 50 Jahre vorher. Im Schnitt zumindest. Wir waren genau so faul, klar, genau so überheblich und kaltschnäuzig, gleichzeitig aber auch genau so dankbar, sobald sich ein Erwachsener die Mühe nahm, mit uns zu reden, uns was zu erzählen, zu erklären – uns etwas beizubringen.

Wenn sich seitdem etwas geändert hat, dann ist das die Welt, die wir uns geschaffen haben, oder die wir doch wenigstens hinnehmen. Die wir den jungen Menschen zumuten. Und wenn schon irgendwen Schuld trifft, dann sind das die Erziehenden, Lehrer ebenso wie Eltern. Da liegt der Hund begraben. Da ist nämlich etwas ganz Fundamentales passiert.

Ausnahmsweise brauche ich die Behauptung nicht mit meinen eigenen Eindrücken zu untermauern, mit anekdotischer Evidenz. Ausnahmsweise kann ich einen Zeugen aufrufen: In seinem Roman A Week in December lässt der Autor Sebastian Faulks einen seiner Charaktere erklären, woher seine – anscheinend so mühelose – Bildung stammt.

Ich hatte vermutlich Glück, weil ich zu einer Zeit in die Schule ging, als Lehrer immer noch glaubten, Kinder könnten mit Wissen umgehen. Sie haben uns vertraut. Dann kam eine Zeit, als sie entdeckten, dass nicht jedes Kind in der Klasse solche Dinge verstehen oder sich daran erinnern kann, und deshalb beschlossen sie, ihnen nicht mehr so viel beizubringen, weil’s nicht fair war gegenüber den weniger guten. Also haben sie Wissen zurückgehalten. Und dann, so nehme ich an, kamen bereits die nächsten Lehrer, die hatten nicht einmal mehr ein Wissen, das sie hätten zurückhalten können. [1]

Das deckt sich auffallend genau mit jener Erfahrung, welche ich selbst in den letzten zehn Jahren meines Berufslebens machen musste. Und unter der ich gehörig litt.

Kurz und prägnant gesagt: Was da abhanden kam, das war der Wille zum Unterrichten. Zum Lehren.

Zu einem Gutteil geht das Fiasko natürlich auf die so genannte progressive Pädagogik zurück. Weswegen ich besagte Lektorin gerne an ihre eigenen Kollegen und Kolleginnen am Institut für Erziehungswissenschaft verwiesen hätte. Aber selbst die steuern letztlich bloß die theoretische Rechtfertigung bei (obwohl das schon schlimm genug ist). An der Universität ganz allgemein, in der akademischen Sphäre – was zählt denn da? Die Vorlesungen? Oh nein: Da zählen Forschung, Projekte, Drittmittel, Veröffentlichungen, peer reviews (inzwischen elektronisch erfasst und automatisch ausgewertet). Die Lehre kommt, wenn überhaupt, unter „ferner liefen“.

Soll man sich da wundern, wenn’s an den Schulen noch viel schlimmer ist? Dort geht’s nur noch um die Unterhaltung: edutainment, wie’s so ein Progressiver einmal auf den Punkt gebracht hat (und er meinte das positiv). Der Mann war – ja, wo wohl? – der Mann war in der Lehrerausbildung tätig, Didaktik für Lehramtsstudenten auf der Uni.

Und so ist’s tatsächlich kein Wunder, wenn österreichische Maturanten im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nichts mehr mit Shakespeare anfangen können, nichts von ihm kennen. Auch wenn’s ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen kaum zu fassen vermögen. ––


PS: Wenn wir schon von Bildung reden – was fällt Ihnen spontan zum Thema „Shakespeare in der Musik des 20. Jahrhunderts“ ein? Also mir ehrlich gestanden bloß zwei Beispiele: Kiss Me Kate, das Cole Porter-Musical frei nach The Taming of the Shrew (Der Widerspenstigen Zähmung) sowie Leonard Bernsteins West Side Story nach Romeo and Juliet. Womit mein Niveau offen und ungeschminkt zutage liegt: nicht sonderlich sophisticated, bestenfalls middlebrow.

[1] Sebastian Faulks, A Week in December (London: Vintage, 2010), pp. 305–6. Meine Übersetzung.

Wenn Pädagogen denken

„Finnlands Schüler sollen fit für den modernen Alltag gemacht werden“, erfahren wir neuerdings (news orf.at 30.05.2017):

Phänomen-basiertes Lernen (PBL) heißt die Lehrmethode, die heuer erstmals landesweit angewandt wird und klassische Unterrichtsfächer irgendwann obsolet machen soll.

Nun ist Finnland bekanntlich so etwas wie das Gelobte Land der Pädagogen, seit es in PISA-Studien regelmäßig exzellent abschneidet. Mit entsprechender Ehrfurcht betrachtet man die Entwicklung seines Schulsystems.

Doch bei aller Hochachtung – es kann nicht entgehen, dass schon die ersten beiden Sätze des zitierten Artikels zwei äußerst gewagte Behauptungen enthalten. Nämlich:

erstens, dass Schüler bisher nicht für den Alltag fit waren, und

zweitens, dass die neue Lehrmethode diesem unterstellten Übel ein- für allemal abhelfen werde.

Erstens wird durch den Augenschein widerlegt. Sowohl in Finnland als auch bei uns sind die allermeisten Menschen durchaus „fit“ für den Alltag.

Bei Zweitens handelt es sich um eine Prognose. Solche kann man natürlich anstellen, keine Frage, seriöser Weise aber nur aufgrund gesicherter Daten – und selbst dann bleibt noch ein kleinerer oder größerer Rest von Unsicherheit übrig. Siehe Wettervorhersage.

Leider bleibt der Artikel solche Daten schuldig. Dafür malt er idyllische Bilder aus dem zu erwartenden Schulalltag:

Wenn Kyllönen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Maßnahmen […] plant, macht sie es sich selbst möglichst gemütlich […]. Und ähnlich angenehm und fröhlich soll auch die Lernerfahrung in der Klasse sein.

Weiter kann man sich kaum noch entfernen vom modernen Arbeitsleben, von der Wirklichkeit, die uns umgibt. Unwillkürlich fragt man sich, wie solche Pädagogen unsere Kinder „fit für den Alltag“ machen sollen.

Aber darum soll’s hier nicht gehen. Was mittels PBL vor allem geschult werden soll, so belehrt man uns, das sei die „direkte Beobachtungsgabe“:

Denn wer lernt, genau hinzuschauen, so hofft man in Finnland, fällt später nicht so leicht auf „Fake News“ herein.

Was man ja durchaus akzeptieren könnte – wäre da nicht gleich der nächste Absatz unseres Artikels:

Es wäre ein grober Fehler, den Kindern zu vermitteln, dass es weiterhin „Fakten gebe“, die man nur auswendig zu lernen brauche. Lernen bedeute vielmehr „Denken zu lernen“, sich das Nachfragen anzugewöhnen […].

Als „Fake News“ bezeichnen wir Nachrichten, welche Fakten missachten. Um sie zu widerlegen, braucht’s – ja, was wohl? Richtig: Fakten. Um „Fake News“ überhaupt zu erkennen, braucht’s zunächst einmal Wissen. Mit „Denken“ allein kann man da gar nichts ausrichten, im Gegenteil: Faktenfreies Denken, das ist doch genau das, was die „Fake News“-Produzenten selbst betreiben, oder?

Denken ohne Fakten, ohne Wissen gibt’s überhaupt nicht. Deswegen kann man auch nicht einfach „Denken lernen“, ebenso wenig wie man einfach „Violine spielen“ lernen kann, ohne Noten, ohne Melodien, ohne Üben. Pädagogischen Nihilismus nennt der Philosoph Konrad Paul Liessmann solch irregeleiteten Vorstellungen.

Was natürlich nichts an ihrer Popularität ändert. In der Pädagogik scheint so was möglich zu sein. Vielleicht wären ein paar Fakten halt doch nicht ganz so unnütz? Und vielleicht auch ein bisschen widerspruchsloses Argumentieren?

„Selbst beobachten statt ‛Fake News’ vertrauen“, news orf.at 30.05.2017.

Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (München: Piper, 2008), S. 36.