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Endlich einmal Leistung!

Die Forderung kommt so regelmäßig wie der Regen nach dem Föhn: Die Lehrer, heißt es dann, sollen nach Leistung entlohnt werden. Endlich einmal Leistung! Oder zumindest soll die Leistungskomponente eine größere Rolle bei ihrer Besoldung spielen.

Klar. Es ist uns allen nur zu gut bewusst, dass es sich bei der Leistung erstens um eine Heilige Kuh unserer Gesellschaft handelt, dass sie zweitens in Bezug auf Lehrer und deren Besoldung schon oft, schon seit langem gefordert wurde und dass dem auch in Zukunft so sein wird; sowie drittens dass jeder Einwand flugs ad hominem gekontert wird: Klar, die Lehrer, wollen nichts leisten!

Mag ja sein. Trotzdem stellen sich zumindest zwei peinliche Fragen:

(1) Worin besteht eigentlich die Leistung eines Lehrers?

(2) Wie könnte sie gemessen werden?

Vorweg sei daran erinnert, dass es eine gewisse Art der Differenzierung schon immer gegeben hat. Fächer mit größerem Aufwand bei Vorbereitung und Korrektur zählen mehr als andere. Die Abgeltung erfolgte früher in Form von Abschlagsstunden oder – an Mittleren und Höheren Schulen – durch die Wertigkeit einer Schulstunde (sie wurde also mit einem kleinen Faktor mul­tipliziert). Wie das heute ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Da wurde nämlich fürchterlich herumreformiert.

Bloß – ist das wirklich gemeint mit der „Leistungskomponente“, mit leistungsorientierter Belohnung? Geht es da nicht vielmehr um das, was gemeinhin als Leistungsanreiz bezeichnet wird?

Und eben hier erhebt sich unsere erste Frage: Worin besteht denn nun eigentlich die Leistung eines Lehrers? Besteht sie darin, möglichst gute Noten zu geben? In der Freizeit an der „Schulentwicklung“ teilzunehmen? Möglichst viele Haus­übungen zu korrigieren? Oder womöglich gute Evaluierungen zu bekommen, sich also bei den Schülern einzuschmeicheln?

Laien mögen sich bloß keine Illusionen machen. In der Praxis wird die „Leistung“ ganz einfach definiert: Der Lehrer hat „engagiert“ zu sein. Und was heißt das? Er hat (a) gratis in seiner Freizeit in Projekten und ähnlichen Aktivitäten herumzuwursteln, zur höheren Ehre des Direktors − und er hat (b) mit naivem Enthusiasmus die jeweils neueste Linie der pädagogischen Doktrin umzusetzen. Leistungs­orientierte Bezahlung ent­puppt sich somit als Herrschaftsinstrument. Sie soll Lehrer willfährig machen.

Woraus sich bereits die Antwort auf die zweite Frage ergibt. Wer in den Genuss leistungsorientierter Bezahlung kommt, entscheidet der Direktor. Oder der Inspektor. Oder ein Erziehungswissenschaftler. Das ist an sich schon bedrohlich genug. Doch sind wir in Österreich. Ich bin Österreicher, die meisten Leser werden’s sein. Wir wissen schon, was folgt. Wie man in Wirk­lich­keit dann als „engagiert“ eingestuft wird. Es geht doch nichts über gute Freunde, oder? (Oh pardon! Netzwerke, müsste es heute wohl heißen.)

Aber – so wird man einwenden – was willst du dann? Überhaupt keine Leistungs­komponente? Das kann doch nicht sein! Denk an den privaten Sektor, wirtschaft­liche Prinzipien, Effizienz und so!

Nun, schamhaft errötend gestehe ich’s ein – ich will in der Tat keine Leistungskomponente bei der Bezahlung von Lehrern. Ich will überhaupt viel weniger „Leistung“, viel weniger „Effizienz“. Und ich will auch sagen, warum.

 Worin besteht denn nun wirklich die Leistung eines Lehrers? Doch wohl im Unterrichten. Und was ist das nun wieder? Wie funktioniert das? Wie macht man’s besser?

Es gibt keine eindeutigen Antworten, ebenso wenig wie auf die Frage, „Wen liebt man?“. So viele Menschen, so viele Antworten. Na ja, nicht ganz, vielleicht; aber Eindeutigkeit, Einstimmigkeit wird man bestenfalls in Aus­nahmefällen erzielen. Wenn wir zurückdenken – wer waren denn die Lehrer, die uns nachhaltig beeinflusst haben? Die uns etwas mitgegeben haben, das blieb? Waren das wirklich immer jene, die der jeweiligen offiziellen Päda­gogik-Linie entsprachen – aalglatt, zeitgeistig, effizient? Oder waren’s viel­leicht andere: bunte Vögel, schrullige Originale?

Wenn man die Schule unter das Diktat der „Leistung“ stellt, der Effi­zienz – droht dann nicht die Gefahr, dass eben solche Menschen in den Hinter­grund gedrängt werden, ja dass sie überhaupt keinen Platz mehr finden an unseren Schulen? Wenn neuerdings Aufnahmsprüfungen statt­finden an den so genannten Pädagogischen Hochschulen, dann weist das genau in diese Richtung. Direktoren und Inspektoren werden’s begrüßen. Aber wen bekomme ich denn mittels Selektion, wen fördere ich mittels „leistungs­orientiertem“ Anreiz? Will ich wirklich ein Schulwesen voll von beflissenen Leistungsfreaks?

Wie wär’s demgegenüber mit folgenden Vorschlägen:

  • Das Besoldungssystem soll so verfeinert werden, dass unterschied­licher Arbeitsaufwand möglichst zielsicher abgegolten wird.
  • Jegliche „leistungsorientierte“ Komponente wird aus der Lehrer­besol­dung verbannt, ein für allemal.
  • Die Pragmatisierung wird wieder eingeführt, zwecks geistiger Freiheit (Freiheit der Lehre), und zwar für alle Lehrer, welche gewisse, rein formale Mindestanforderungen erfüllen.
  • Wenn schon Aufnahmebedingungen, wie wär’s mit den Folgenden: Noten­durch­schnitt in der Oberstufe nicht besser als Zwei Komma Fünf; Ver­hal­tensnote nie besser als „Zufrieden­stellend“; und mindestens ein Diszipli­nar­verfahren im Laufe der Schulzeit.

 Letzteres ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, könnte uns aber doch zum Nachdenken anregen: Wer soll nun wirklich un­sere Kinder unterrichten, welche Art von Persönlichkeit?

Sechzig Prozent

Man berichtet mir, dass inzwischen an die sechzig Prozent aller Medizinstudenten in Innsbruck aus dem Ausland kämen. Zumindest sei das im Radio gesagt worden. Es handelt sich folglich um Hörensagen, aufgeschnappt – weswegen das Folgende bitte schön mit Vorsicht zu genießen wäre. Obwohl: Selbst wenn die Zahlen nicht genau stimmen, wissen wir doch schon seit langem um das Problem Bescheid. Das lässt sich nicht leugnen.

Zu einem Großteil werden diese Studenten natürlich aus der EU kommen, hauptsächlich aus Deutschland. Wir verdanken das der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union, und grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Ganz besonders nicht, wenn’s um die Universitäten geht. Die haben von jeher vom Austausch, von der Mobilität gelebt, besonders die Professoren und Lektoren.

Das spezielle Problem, dem wir uns in Österreich gegenübersehen, das ist die Sprache, die wir mit unseren nördlichen Nachbarn teilen. Und das sind viele, sehr viele – fast zehnmal so viele wie wir Österreicher. Da droht der Austausch stets zur Flut anzuschwellen, zur Gefahr der Überschwemmung. Früher galt die Regelung, dass nur jene Deutschen bei uns studieren durften, welche daheim, im Land des numerus clausus, bereits einen Studienplatz nachweisen konnten. Durchaus vernünftig, möchte man annehmen, aber leider hat das irgendeine EU-Instanz verboten; fragen Sie mich nicht, welche oder gar mit welchen Argumenten.

Aus europäischer Sicht gilt es immer, jegliche national motivierte Diskriminierung zu unterbinden. Alle Bürger der Union müssen gleich behandelt werden, jegliche Beschränkung muss für alle gleichermaßen gelten: So, als gehörten wir alle zu einem einzigen Staat. Bloß ist dem nicht so. Denn in so einem Falle würden die Deutschen indirekt via Brüssel auch für unsere Universitäten aufkommen – und vice versa (anteilsmäßig). Aber das tun sie bekanntlich nicht. Und so finden wir uns – falls die aufgeschnappten sechzig Prozent stimmen – in der eigenartigen Lage, dass wir unsere Medizinuniversität mehrheitlich für Ausländer, spezifisch wohl für Deutsche unterhalten.

Kann man was dagegen tun? Interventionen bei der EU dürften nutzlos sein. Die hat ja auch temporär ausgehandelte Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium gestoppt. Ersatzlos gestrichen. In Brüssel zählt das Prinzip. Unsere Nöte erscheinen demgegenüber klein, engstirnig, provinziell. Andererseits können wir nicht gut zuschauen, wie Deutsche unseren jungen Leuten massenweise die Studienplätze wegnehmen, oder? Bei gewissen Studien, vor allem der Medizin, könnte das drastische Folgen haben.

Also? Ich bin gewiss kein Experte und folglich dürfen die folgenden Vorschläge keineswegs allzu ernst genommen werden. Aber wie wär’s zum Beispiel mit folgender Vorgangsweise: Wir verrechnen jedem Studenten und natürlich jeder Studierenden ohne Ansehen der Staatsbürgerschaft einen angemessen Preis für ihren Studienplatz. So was lässt sich ja ermitteln. Bloß haben österreichische Staatsbürger oder ‑bürgerinnen beziehungsweise deren Eltern mittels ihrer Steuern bereits ihren Beitrag geleistet. Man kann sie nicht gut zweimal zur Kasse bitten. Solche Leute bekommen also die Studiengebühren erstattet. Um Missbrauch vorzubeugen, könnte man die Refundierung staffeln, je nachdem, wie lange die Betroffenen hierzulande bereits Steuern gezahlt haben.

Wirksam? Wie gesagt, ich bin kein Experte, trau’ mich aber vorauszusagen, dass der Zustrom deutscher Studiosi sehr schnell zu einem schwächlichen Tröpfeln degenerieren würde. Es könnte natürlich sein, dass andere Staaten den Uni-Zugang österreichischer Studenten auf die gleiche Weise beschränken; aber in diesem Falle könnten wir unsere Steuerzahler ohne weiteres so wie im Inland unterstützen.

Schüler-App

Lernsieg nennt sich anscheinend jene App, mittels welcher Schüler neuerdings – oder doch zumindest bald – ihre Lehrer und ihre Schule im Internet bewerten können. Es ist auch von der Lehrer-App die Rede. Was eine App ist, das möge man mich bitte schön nicht fragen.

Die Bewertung auf dieser App erfolgt natürlich anonym. Der Widerstand der Lehrergewerkschaft scheint nichts gefruchtet zu haben. Wozu anzumerken ist, dass rechtliche Einsprüche, womöglich gar Verbote in so einem Fall überhaupt nichts nützen. Irgendwer wird irgendwo immer so eine App installieren können. Da ist’s vielleicht besser, die Betreiber sind bekannt und in Österreich ansässig.

Ein paar Dinge, so denke ich, könnten aber doch bedacht werden – zusätzlich zu dem, was in den Medien bisher diskutiert wurde. Zunächst: Wenn sich Lehrer gegen eine solche Art der Beurteilung wehren, dann wird ihnen entgegengehalten, dass sie selbst ja ununterbrochen beurteilen. Warum sollten sie selbst ausgenommen sein?

Gute Frage, ja. Übersehen wird dabei, dass die Lehrer-App – so wie übrigens die rituelle Evaluierung an unseren Bildungseinrichtungen – ganz anders funktioniert als die Notengebung durch Lehrer. Erstens sind Lehrkräfte nicht anonym. Zweitens muss ihre Beurteilung nach sehr genauen, man könnte fast sagen: minutiösen Regeln erfolgen. Die sind in einer Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen festgelegt. Wenn jemand glaubt, eine Lehrkraft habe sich nicht an die Regeln gehalten, kann er oder sie sich dagegen wehren – man weiß ja, wer da am Werke war.

Das wäre demzufolge das Mindeste, was man von der so genannten Lehrer-App fordern dürfte: Wenn Lehrer schon namentlich an den Pranger gestellt werden, dann kann man von den Beurteilern doch wohl entsprechende Offenheit verlangen, oder?

Das gälte im Übrigen auch für jene Evaluierungen, welche an unseren Schulen inzwischen gang und gäbe sind (wenn nicht sogar vorgeschrieben). Man wird mir als ehemaligem, lang gedientem Lehrer vielleicht verzeihen, wenn ich nicht gar so viel davon halte. Das liegt an den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Und zwar, wohlgemerkt, mit vorwiegend guten bis sehr guten Beurteilungen. Das kam so: Im Zuge eines Lehrauftrages an einer Fachhochschule musste ich jedes Semester solche Evaluierungen über mich ergehen lassen. Zum Großteil fielen sie, wie gesagt, gut bis sehr gut aus, manchmal gab’s aber auch vernichtende. Wie konnte so was geschehen? Nun, die Antwort erwies sich als simpel: Da hatte es mit dieser Gruppe nicht funktioniert, die Stimmung war schlecht, missmutig vielleicht gar. So was kommt vor. Man darf ja nie vergessen, dass man es im realen Unterricht (also nicht in pädagogischen Idealvorstellungen) stets mit Gruppen, Klassen oder Jahrgängen zu tun hat. Die entwickeln aber ihre jeweils eigene Identität. Das ist etwas, was sich Außenstehende nur schwer vorstellen können und was Anfänger lernen müssen – meist mittels bitterer Erfahrung.

Also: Wenn die Stimmung in und mit einer Gruppe gut war, dann waren die Beurteilungen gut. Und wenn sie schlecht war – man kann sich’s vorstellen. Wohlgemerkt: Ich spreche hier von fortgeschrittenen Studenten, sechstes oder siebtes Semester. Nach einem oder einem halben Jahr würden sie als graduierte Akademiker draußen in der Realität über entsprechende Kompetenzen verfügen, über Verantwortung. Dessen ungeachtet waren sie nicht in der Lage, eine objektive Bewertung ihrer Lehrkraft vorzunehmen.

Solche Erfahrungen machten im Übrigen alle Kollegen, nicht nur ich. Weiblichen Lehrkräften gegenüber konnten die anonymen Beurteiler geradezu ausfällig werden. Aber selbst wenn nicht: Für mich war’s ernüchternd zu sehen, wie sogar die Beurteilung meiner fachlichen Kompetenz abhing vom Gefühl der Studierenden, von der Stimmung im Unterricht. Wobei ganz allgemein festgestellt werden konnte: Je weniger solche Studierenden im fraglichen Fach wussten oder konnten, desto schlechter schätzten sie die fachlichen Kenntnisse bzw. Fähigkeiten des Vortragenden ein – selbst dann, wenn sie selbst zu so einem Urteil gar nicht in der Lage waren. Dann erst recht.

Auch dies vermochten die Damen und Herren Diplomkandidaten nicht zu durchschauen. Was wir, die Lehrkräfte, taten, das war hingegen ganz simpel: playing to the galleries, wie man im Englischen sagt, wir passten uns also an, waren den Studenten zu Gefallen. Gerade so, dass wir’s mit unserer Berufsauffassung noch vereinbaren konnten, die Evaluierung am Ende des Semesters aber trotzdem passte. Die war durch und durch vorhersehbar: Input–Output. Steuerbar.

Eigentlich eine deprimierende Erkenntnis, wenn man’s einmal bei Lichte betrachtet. Denn die wichtigste Aufgabe eines Lehrers besteht ja nicht darin, zu gefallen, Beifall zu erheischen. Im Gegenteil: Eine gute Lehrkraft wird sich unter Umständen unbeliebt machen müssen. Sonst ist’s mit dem Lehren nicht allzu weit her.

Ändern wird das alles freilich nichts. Die Evaluierung ist so was wie eine sakrale Handlung geworden, wer was dagegen sagt, macht sich der Blasphemie schuldig. Und ihre Ergebnisse sind genau so sakrosankt.

Aber wenn dem so ist – warum nicht auch vice versa? Warum gehen Lehrer nicht her und konstruieren eine App, mittels welcher sie selbst – anonym, versteht sich – Schüler evaluieren können, die allerdings beim Namen genannt würden. Eine Schüler-App. Da wär’s dann endlich einmal möglich, das zu sagen, was man als Lehrkraft eigentlich immer schon sagen wollte. Das geht im Zuge der regulären Beurteilung nämlich nicht. Da könnte man endlich einmal offen aussprechen, um was für ein faules, verlogenes Individuum es sich im gegebenen Fall handelt. Oder um was für indolentes, aufsässiges Exemplar. Derlei Erscheinungsformen treten in der Schülerpopulation ab einem gewissen Alter ja mit schöner Regelmäßigkeit auf.

Und das steht dann im Netz, so wie die Beurteilung des Lehrers durch die Schüler, für jeden einsehbar, für immer. Das fände ich ausnahmsweise einmal fair.

Wenn Pädagogen denken

Zugegeben, der Anlass für meine Überlegungen liegt schon weiter zurück und ist insofern nicht mehr taufrisch. Trotzdem, so glaube ich beobachtet zu haben, ist er nach wie vor aktuell. Es lohnt sich vielleicht, ihn noch einmal aufzuwärmen.

 „Finnlands Schüler sollen fit für den modernen Alltag gemacht werden“, erfuhren wir nämlich in einem jubelnden ORF News-Artikel (Verknüpfung am Ende des Beitrags):

Phänomen-basiertes Lernen (PBL) heißt die Lehrmethode, die heuer erstmals landesweit angewandt wird und klassische Unterrichtsfächer irgendwann obsolet machen soll.

Nun ist Finnland bekanntlich so etwas wie das Gelobte Land der Pädagogen, seit es in PISA-Studien regelmäßig exzellent abschneidet. Mit entsprechender Ehrfurcht betrachtet man die Entwicklung seines Schulwesens.

Doch bei aller Hochachtung – es kann nicht entgehen, dass schon die ersten beiden Sätze des zitierten Artikels zwei äußerst gewagte Behauptungen enthalten. Nämlich:

erstens, dass Schüler bisher nicht für den Alltag fit gewesen seien, und

zweitens, dass die neue Lehrmethode diesem unterstellten Übel ein- für allemal abhelfen werde.

Erstens wird durch den Augenschein widerlegt. Sowohl in Finnland als auch bei uns sind die allermeisten Menschen jetzt schon „fit“ für den Alltag.

Bei Zweitens handelt es sich um eine Prognose. Solche kann man natürlich anstellen, keine Frage, seriöser Weise aber nur aufgrund gesicherter Daten – und selbst dann bleibt noch ein kleinerer oder größerer Rest von Unsicherheit übrig. Siehe Wettervorhersage.

Leider bleibt der Artikel solche Daten schuldig. Dafür malt er idyllische Bilder aus dem zu erwartenden Schulalltag:

Wenn Kyllönen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Maßnahmen […] plant, macht sie es sich selbst möglichst gemütlich […]. Und ähnlich angenehm und fröhlich soll auch die Lernerfahrung in der Klasse sein.

Weiter kann man sich kaum noch entfernen vom modernen Arbeitsleben, von der Wirklichkeit, die uns umgibt. Unwillkürlich fragt man sich, wie solche Pädagogen unsere Kinder „fit für den Alltag“ machen sollen.

Aber darum soll’s hier nicht gehen. Was mittels PBL vor allem geschult werden soll, so belehrt man uns, das sei die „direkte Beobachtungsgabe“:

Denn wer lernt, genau hinzuschauen, so hofft man in Finnland, fällt später nicht so leicht auf ‘Fake News’ herein.

Dem könnte man ja durchaus zustimmen – wäre da nicht gleich der nächste Absatz unseres Artikels:

Es wäre ein grober Fehler, den Kindern zu vermitteln, dass es weiterhin ‘Fakten gebe’, die man nur auswendig zu lernen brauche. Lernen bedeute vielmehr ‘Denken zu lernen’, sich das Nachfragen anzugewöhnen […].

Als „Fake News“ bezeichnen wir Nachrichten, welche Fakten missachten. Um sie zu entlarven, braucht’s – ja, was wohl? Richtig: Fakten. Um „Fake news“ überhaupt zu erkennen, braucht’s zunächst einmal Wissen. Mit „Denken“ allein kann man da gar nichts ausrichten, im Gegenteil: Faktenfreies Denken, das ist doch genau das, was die „Fake News“-Produzenten selbst betreiben, oder?

Denken ohne Fakten, ohne Wissen gibt’s überhaupt nicht. Deswegen kann man auch nicht einfach „Denken lernen“, ebenso wenig wie man einfach „Violine spielen“ lernen kann, ohne Noten, ohne mühsames Üben. Pädagogischen Nihilismus nennt der Philosoph Konrad Paul Liessmann solch irregeleiteten Vorstellungen.

Was natürlich nichts an ihrer Popularität ändert. In der Pädagogik scheint so was möglich zu sein. Vielleicht wären ein paar Fakten halt doch nicht ganz so unnütz? Und vielleicht auch ein bisschen widerspruchsloses Argumentieren?

„Selbst beobachten statt ‛Fake News’ vertrauen“, news orf.at 30.05.2017 <http://orf.at/stories/2393428/2393429/>, [Stand 2. Juni 2017].

Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (München: Piper, 2008), S. 36.

Vivat academia

Warum ich ausgerechnet jetzt über jene Zeiterscheinung nachdenke, welche ich kurz und bündig als Akademisierung bezeichne, das dürfte klar sein: wegen der Affäre um unsere ehemalige Ministerin Chrisitine Aschbacher. Trotzdem soll sie nicht im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen stehen. So deppert, wie sie sich verhalten hat – da verdient sie eigentlich gar keine Aufmerksamkeit.

Bloß ist ihre Gier nach akademischen Diplomen und Titeln gewiss keine Ausnahme. Aus eigener leidvoller Erfahrung als Betreuer von schriftlichen Arbeiten weiß ich davon wahrlich ein Lied zu singen. Denn es geht ja nicht nur um Diplomarbeiten oder Dissertationen. Nein – wie ich festgestellt habe, müssen inzwischen sogar Altenpflegerinnen, Radiologie-Assistenten oder -innen, Physiotherapeutinnen oder -therapeuten und weiß der Himmel wer noch aller im Zuge ihrer Ausbildung schriftliche Arbeiten verfassen, wobei auch noch auf das äußere Kostüm von Wissenschaftlichkeit bestanden wird, will sagen: auf Anmerkungen, Literaturverzeichnis und so weiter – manchmal fälschlich als kritischer Apparat bezeichnet.

Wozu?

Nun, die naheliegende Antwort lautet: Weil sie sich dann Bachelor nennen dürfen, ein akademischer Grad. Und dazu bedarf es eben einer schriftlichen Arbeit.

Wer sagt das?

Der Bologna-Prozess. Der schreibt ja auch die credits vor, die man hamstern muss.

Aber das sind nur die naheliegenden Antworten. Ich fürchte, die Sache mit der Akademisierung geht tiefer (wenn wir einmal bei diesem Ausdruck bleiben wollen). Angefangen hat’s schon viel, viel früher, nämlich mit dem Zug zur Matura. Mein Gott, wie wollten sie alle die Matura haben, ob geeignet oder nicht! Und welche psychologischen und pädagogischen Spitzfindigkeiten hätten wir da anwenden sollen, um einen widerspenstigen Knaben (in meinem Falle waren’s stets solche) mit ausgeklügelter List doch noch so weit zu bringen, selbst wenn er’s selbst ganz offensichtlich gar nicht wollte.

„Lass es“, pflegte ich in späteren Jahren zu sagen. „Such dir etwas, das du wirklich willst. Mittelmäßige Maturanten wird’s in Zukunft zum Saufuttern geben. Engagierte Praktiker werden mit Gold aufgewogen!“

Aber das wollte niemand hören. Meine Vorgesetzten schon gar nicht.

Doch sind wir übers Stadium der Matura inzwischen hinaus. Die hat praktisch jeder, der sie haben will, und sei’s in Form der Berufsreifeprüfung, die gefälligerweise so verwässert wurde, dass der Vorsatz „Berufs-“ in den Ohren jener wie Hohn klingt, welche selbige wirklich neben der Arbeit ablegen. Wie sich herausstellt, ist inzwischen genau jener Effekt eingetreten, vor dem stets gewarnt wurde: dass die Berufsmaturanten glauben, ihre Qualifikation sei nicht bloß formal, sondern auch inhaltlich gleichzusetzen mit der einer AHS- oder BHS-Reifeprüfung. Früher oder später sehen sie sich dann der rauen Wirklichkeit ausgesetzt – etwa auf einer Uni –, welche Enttäuschung!

Man kann nur hoffen, dass die Universitäten über kurz oder lang nicht auch dem Sog des fallenden Niveaus nachgeben müssen, so wie wir in der Schule.

Also: was früher die Matura war, das ist jetzt vielleicht schon der Bachelor. Um den zu erlangen, muss eine Arbeit geschrieben werden. Und so ergibt sich doch noch eine Antwort auf die Frage: Wozu?

Es würde sich um eine Aufgabe handeln, eine Probe, die zu bewältigen ist, um ans begehrte Ziel zu gelangen. Ein alter Germanist denkt sofort an eine aventuire, von denen Aspiranten einst etliche zu bestehen hatten, um in den erlesenen Kreis der Ritter aufgenommen zu werden. Parzival, zum Beispiel. Die Art des Abenteuers spielt da keine Rolle. Hauptsach’ dass. Ob das angehenden Alten- oder Krankenpflegerinnen bzw. -pflegern ein Trost ist, möchte ich nicht beurteilen.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Pseudo-Akademisierung von selbst in die Höhe schraubt. In meinen Tagen galten vierzig Seiten als Richtwert für eine Diplomarbeit (damals hießen die noch Hausarbeit). Heute, so berichtet man mir, geht das an hundert. Das wäre für uns beinahe eine Dissertation gewesen. Wie lang die heute sind, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Nun ist mir schon klar, dass dank Textverarbeitung das Verfassen solcher Arbeiten leichter geworden ist, besonders bei den Anmerkungen, die für uns an der Schreibmaschine wahre Teufelchen waren. Allerdings wird so aber auch das Stehlen leichter: copy and paste. Siehe oben.

Die eigentliche Frage ist jedoch: Was wird da geschrieben? Worüber? In solcher Ausführlichkeit? Ist es denn wirklich vorstellbar, dass immer mehr Kandidatinnen und Kandidaten immer mehr zu immer enger gesteckten Themen zu sagen haben? Man schaudert, wenn man sich versucht vorzustellen, was da in die Tastatur geklopft wird.

Und wird’s dann auch gelesen? Irgendwie wahrscheinlich schon, zumindest teilweise. Zweifel dürften trotzdem erlaubt sein. Vielleicht ist bereits, in Ergänzung zur Plagiats-Software, eine akademische Beurteilungssoftware in Entwicklung? Die würde das Problem nicht nur lösen, die würde es zugleich ermöglichen, noch mehr und noch längere Arbeiten zu vergeben. Je mehr aventuiren, desto mehr Ritter und Ritterfräulein.

Vivant professores!