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Wenn Pädagogen denken

Zugegeben, der Anlass für meine Überlegungen liegt schon weiter zurück und ist insofern nicht mehr taufrisch. Trotzdem, so glaube ich beobachtet zu haben, ist er nach wie vor aktuell. Es lohnt sich vielleicht, ihn noch einmal aufzuwärmen.

 „Finnlands Schüler sollen fit für den modernen Alltag gemacht werden“, erfuhren wir nämlich in einem jubelnden ORF News-Artikel (Verknüpfung am Ende des Beitrags):

Phänomen-basiertes Lernen (PBL) heißt die Lehrmethode, die heuer erstmals landesweit angewandt wird und klassische Unterrichtsfächer irgendwann obsolet machen soll.

Nun ist Finnland bekanntlich so etwas wie das Gelobte Land der Pädagogen, seit es in PISA-Studien regelmäßig exzellent abschneidet. Mit entsprechender Ehrfurcht betrachtet man die Entwicklung seines Schulwesens.

Doch bei aller Hochachtung – es kann nicht entgehen, dass schon die ersten beiden Sätze des zitierten Artikels zwei äußerst gewagte Behauptungen enthalten. Nämlich:

erstens, dass Schüler bisher nicht für den Alltag fit gewesen seien, und

zweitens, dass die neue Lehrmethode diesem unterstellten Übel ein- für allemal abhelfen werde.

Erstens wird durch den Augenschein widerlegt. Sowohl in Finnland als auch bei uns sind die allermeisten Menschen jetzt schon „fit“ für den Alltag.

Bei Zweitens handelt es sich um eine Prognose. Solche kann man natürlich anstellen, keine Frage, seriöser Weise aber nur aufgrund gesicherter Daten – und selbst dann bleibt noch ein kleinerer oder größerer Rest von Unsicherheit übrig. Siehe Wettervorhersage.

Leider bleibt der Artikel solche Daten schuldig. Dafür malt er idyllische Bilder aus dem zu erwartenden Schulalltag:

Wenn Kyllönen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Maßnahmen […] plant, macht sie es sich selbst möglichst gemütlich […]. Und ähnlich angenehm und fröhlich soll auch die Lernerfahrung in der Klasse sein.

Weiter kann man sich kaum noch entfernen vom modernen Arbeitsleben, von der Wirklichkeit, die uns umgibt. Unwillkürlich fragt man sich, wie solche Pädagogen unsere Kinder „fit für den Alltag“ machen sollen.

Aber darum soll’s hier nicht gehen. Was mittels PBL vor allem geschult werden soll, so belehrt man uns, das sei die „direkte Beobachtungsgabe“:

Denn wer lernt, genau hinzuschauen, so hofft man in Finnland, fällt später nicht so leicht auf ‘Fake News’ herein.

Dem könnte man ja durchaus zustimmen – wäre da nicht gleich der nächste Absatz unseres Artikels:

Es wäre ein grober Fehler, den Kindern zu vermitteln, dass es weiterhin ‘Fakten gebe’, die man nur auswendig zu lernen brauche. Lernen bedeute vielmehr ‘Denken zu lernen’, sich das Nachfragen anzugewöhnen […].

Als „Fake News“ bezeichnen wir Nachrichten, welche Fakten missachten. Um sie zu entlarven, braucht’s – ja, was wohl? Richtig: Fakten. Um „Fake news“ überhaupt zu erkennen, braucht’s zunächst einmal Wissen. Mit „Denken“ allein kann man da gar nichts ausrichten, im Gegenteil: Faktenfreies Denken, das ist doch genau das, was die „Fake News“-Produzenten selbst betreiben, oder?

Denken ohne Fakten, ohne Wissen gibt’s überhaupt nicht. Deswegen kann man auch nicht einfach „Denken lernen“, ebenso wenig wie man einfach „Violine spielen“ lernen kann, ohne Noten, ohne mühsames Üben. Pädagogischen Nihilismus nennt der Philosoph Konrad Paul Liessmann solch irregeleiteten Vorstellungen.

Was natürlich nichts an ihrer Popularität ändert. In der Pädagogik scheint so was möglich zu sein. Vielleicht wären ein paar Fakten halt doch nicht ganz so unnütz? Und vielleicht auch ein bisschen widerspruchsloses Argumentieren?

„Selbst beobachten statt ‛Fake News’ vertrauen“, news orf.at 30.05.2017 <http://orf.at/stories/2393428/2393429/>, [Stand 2. Juni 2017].

Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (München: Piper, 2008), S. 36.

Vivat academia

Warum ich ausgerechnet jetzt über jene Zeiterscheinung nachdenke, welche ich kurz und bündig als Akademisierung bezeichne, das dürfte klar sein: wegen der Affäre um unsere ehemalige Ministerin Chrisitine Aschbacher. Trotzdem soll sie nicht im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen stehen. So deppert, wie sie sich verhalten hat – da verdient sie eigentlich gar keine Aufmerksamkeit.

Bloß ist ihre Gier nach akademischen Diplomen und Titeln gewiss keine Ausnahme. Aus eigener leidvoller Erfahrung als Betreuer von schriftlichen Arbeiten weiß ich davon wahrlich ein Lied zu singen. Denn es geht ja nicht nur um Diplomarbeiten oder Dissertationen. Nein – wie ich festgestellt habe, müssen inzwischen sogar Altenpflegerinnen, Radiologie-Assistenten oder -innen, Physiotherapeutinnen oder -therapeuten und weiß der Himmel wer noch aller im Zuge ihrer Ausbildung schriftliche Arbeiten verfassen, wobei auch noch auf das äußere Kostüm von Wissenschaftlichkeit bestanden wird, will sagen: auf Anmerkungen, Literaturverzeichnis und so weiter – manchmal fälschlich als kritischer Apparat bezeichnet.

Wozu?

Nun, die naheliegende Antwort lautet: Weil sie sich dann Bachelor nennen dürfen, ein akademischer Grad. Und dazu bedarf es eben einer schriftlichen Arbeit.

Wer sagt das?

Der Bologna-Prozess. Der schreibt ja auch die credits vor, die man hamstern muss.

Aber das sind nur die naheliegenden Antworten. Ich fürchte, die Sache mit der Akademisierung geht tiefer (wenn wir einmal bei diesem Ausdruck bleiben wollen). Angefangen hat’s schon viel, viel früher, nämlich mit dem Zug zur Matura. Mein Gott, wie wollten sie alle die Matura haben, ob geeignet oder nicht! Und welche psychologischen und pädagogischen Spitzfindigkeiten hätten wir da anwenden sollen, um einen widerspenstigen Knaben (in meinem Falle waren’s stets solche) mit ausgeklügelter List doch noch so weit zu bringen, selbst wenn er’s selbst ganz offensichtlich gar nicht wollte.

„Lass es“, pflegte ich in späteren Jahren zu sagen. „Such dir etwas, das du wirklich willst. Mittelmäßige Maturanten wird’s in Zukunft zum Saufuttern geben. Engagierte Praktiker werden mit Gold aufgewogen!“

Aber das wollte niemand hören. Meine Vorgesetzten schon gar nicht.

Doch sind wir übers Stadium der Matura inzwischen hinaus. Die hat praktisch jeder, der sie haben will, und sei’s in Form der Berufsreifeprüfung, die gefälligerweise so verwässert wurde, dass der Vorsatz „Berufs-“ in den Ohren jener wie Hohn klingt, welche selbige wirklich neben der Arbeit ablegen. Wie sich herausstellt, ist inzwischen genau jener Effekt eingetreten, vor dem stets gewarnt wurde: dass die Berufsmaturanten glauben, ihre Qualifikation sei nicht bloß formal, sondern auch inhaltlich gleichzusetzen mit der einer AHS- oder BHS-Reifeprüfung. Früher oder später sehen sie sich dann der rauen Wirklichkeit ausgesetzt – etwa auf einer Uni –, welche Enttäuschung!

Man kann nur hoffen, dass die Universitäten über kurz oder lang nicht auch dem Sog des fallenden Niveaus nachgeben müssen, so wie wir in der Schule.

Also: was früher die Matura war, das ist jetzt vielleicht schon der Bachelor. Um den zu erlangen, muss eine Arbeit geschrieben werden. Und so ergibt sich doch noch eine Antwort auf die Frage: Wozu?

Es würde sich um eine Aufgabe handeln, eine Probe, die zu bewältigen ist, um ans begehrte Ziel zu gelangen. Ein alter Germanist denkt sofort an eine aventuire, von denen Aspiranten einst etliche zu bestehen hatten, um in den erlesenen Kreis der Ritter aufgenommen zu werden. Parzival, zum Beispiel. Die Art des Abenteuers spielt da keine Rolle. Hauptsach’ dass. Ob das angehenden Alten- oder Krankenpflegerinnen bzw. -pflegern ein Trost ist, möchte ich nicht beurteilen.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Pseudo-Akademisierung von selbst in die Höhe schraubt. In meinen Tagen galten vierzig Seiten als Richtwert für eine Diplomarbeit (damals hießen die noch Hausarbeit). Heute, so berichtet man mir, geht das an hundert. Das wäre für uns beinahe eine Dissertation gewesen. Wie lang die heute sind, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Nun ist mir schon klar, dass dank Textverarbeitung das Verfassen solcher Arbeiten leichter geworden ist, besonders bei den Anmerkungen, die für uns an der Schreibmaschine wahre Teufelchen waren. Allerdings wird so aber auch das Stehlen leichter: copy and paste. Siehe oben.

Die eigentliche Frage ist jedoch: Was wird da geschrieben? Worüber? In solcher Ausführlichkeit? Ist es denn wirklich vorstellbar, dass immer mehr Kandidatinnen und Kandidaten immer mehr zu immer enger gesteckten Themen zu sagen haben? Man schaudert, wenn man sich versucht vorzustellen, was da in die Tastatur geklopft wird.

Und wird’s dann auch gelesen? Irgendwie wahrscheinlich schon, zumindest teilweise. Zweifel dürften trotzdem erlaubt sein. Vielleicht ist bereits, in Ergänzung zur Plagiats-Software, eine akademische Beurteilungssoftware in Entwicklung? Die würde das Problem nicht nur lösen, die würde es zugleich ermöglichen, noch mehr und noch längere Arbeiten zu vergeben. Je mehr aventuiren, desto mehr Ritter und Ritterfräulein.

Vivant professores!

Wenn die Fahne weht…

Fünf Millionen Euro würden ausgegeben, versprach Bildungsminister Heinz Faßmann im Fernsehen, um Corona-Tests für unsere Schüler anzuschaffen. Die könnten schnell und einfach daheim durchgeführt werden und würden so einen normalen Schulbetrieb ermöglichen.

Verpflichtend?

Nein, beteuerte der Herr Minister eilig, daran sei nicht gedacht.

Und würde das kontrolliert werden, ob die Schüler die Tests durchgeführt haben?

Nein. Reine Freiwilligkeit.

Meine bessere Hälfte heulte ebenso auf wie Ihr werter Berichterstatter. Fünf Millionen für ein Spielzeug!

Denn genau dazu würden die Tests degenerieren. Natürlich.

Es fragt sich, wie man auf solche Ideen kommen kann. Und da sieht man schnell, dass es wieder einmal um die Freiheit geht, die dieser Tage unablässig beschworen wird, sei’s in Diskussionen, sei’s als Parole auf Demonstrationen.

Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Es handelt sich ganz eindeutig um das, was ich als Fahnenwort bezeichne. Ein solches braucht bloß geschwungen zu werden, schon reiht sich alles ein, schon denkt alles im Gleichschritt.

„Wenn die Fahne weht“, pflegte Konrad Lorenz ein ukrainisches Sprichwort zu zitieren, „ist das Hirn in der Trompete.“

In der Tat, ja. Keine Widerrede! Und zwar selbst dann nicht, wenn dieses Fahnenwort in unserer Wirklichkeit, in unserem Alltag eigentlich schädlich wirkt, so wie eben jetzt die Freiheit in unserem Ringen mit der Pandemie.

Aber das hilft alles nichts – wir haben’s mit einem Dogma zu tun. Mit einer Ideologie. Damit hätten wir im Laufe des 20. Jahrhunderts eigentlich genügend Erfahrung sammeln können. Eine Ideologie, so haben wir gelernt, geht zunächst von bestimmten Annahmen aus, die mögen mehr oder weniger realistisch sein (meistens weniger); daraus wird dann ein komplettes Gedankengebäude konstruiert, aus dem heraus schließlich Anweisungen erteilt werden. Bloß haben sich diese Anweisungen inzwischen so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt, dass sie sich in der Praxis kontraproduktiv auswirken. Aber die Ideologen können das nicht mehr ändern: Dazu müssten sie ihre Ideologie aufgeben, ihre Dogmen, und dann wären sie nicht mehr das, was sie sind und was sie sein wollen: dogmatische Ideologen.

Im 20. Jahrhundert haben wir derlei an den Bolschewisten in der Sowjetunion beobachtet. Die konnten bis zum Schluss nicht von der Planwirtschaft abgehen, obwohl sie so offensichtlich nicht funktionierte. Andererseits kann ich mich selbst noch an die Alten Krieger aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, die das mörderische Verhalten der Nazis in der Ukraine beklagten; das habe die Deutschen den Sieg gekostet. (Gut so, dachte ich bei mir.) Dabei konnten die Nazis gar nicht anders! Hätten sie die Bevölkerung in den besetzten Teilen der Sowjetunion wirklich „befreit“, mit Respekt behandelt, zu Verbündeten gemacht, dann wären sie keine Nazis gewesen. Wären sie keine Nazis gewesen, hätten sie die Ukraine nicht erobert. Wahrscheinlich hätten sie von vorneherein gar keinen Krieg angefangen.

Weit hergeholt? – Mag sein. Aber das waren eben jene Beispiele, anhand derer ich gelernt habe, was das ist: das Diktat eines Dogmas.

Beide, Bolschewisten und Nazis, saßen in der Falle ihrer eigenen Ideologie. Und so ähnlich – wenngleich natürlich bei weitem nicht so drastisch! – geht es uns heute mit unserem Liberalismus, mit dem Dogma der Freiheit. In der gegenwärtigen Lage behindert es uns, so wie eben jetzt bei den Selbsttests der Schüler.

Wenn die Fahne weht…

Warum zum Teufel soll ein demokratischer Rechtsstaat nicht anschaffen dürfen? Gesetze erlassen? Verpflichten? Strafen aussprechen? Wenn wir ihm diese Kompetenz nicht mehr zugestehen, dann schaffen wir ihn ab. Wenn wir ihn abschaffen, dann gibt’s auch keine Demokratie mehr. Was an ihre Stelle tritt, das haben wir im 20. Jahrhunderts ebenfalls schon gesehen (siehe oben).

Krokodilstränen

Jetzt wurden die Schulen geschlossen; umgestellt auf home learning. Und jetzt wird gejammert: Was die Kinder und Jugendlichen alles versäumen, sie werden die Lücken nie mehr schließen können, ihr ganzes Leben lang – eine verlorene Generation!

Komisch: Vor der Corona-Epidemie hat das mangelnde Können und Wissen unserer Kinder niemanden gekratzt.

Im Gegenteil: Die ganze Pädagogik, der ganze Schulbetrieb beruhten auf dem Dogma, dass viel zu viel in die Kinder hinein gestopft werde, dass ihnen zu viel zugemutet werde. Und „zu viel“, das war in diesem Sinne praktisch alles, was Mühe machte. Zulässig war ausschließlich lustvolles Lernen. Spielerisch. Es musste alles von selbst gehen.

Und wenn’s nicht von selbst ging?

„Das braucht’s nicht“, hieß es dann.

Ich rede da, bitte schön, aus eigener Anschauung. An meiner ehemaligen Schule erklärte mir einmal ein Kollege, seine Tochter habe von dem, was sie in Mathematik gelernt hatte, später höchstens zehn Prozent gebraucht.

Und was unterrichtete der Kollege? – Mathematik. An einer Höheren Technischen Lehranstalt.

Das braucht’s nicht.

Motto der Schule von heute.

In einer anderen Auseinandersetzung wurde ein anderer Kollege kritisiert, weil er eine Aufgabe mit Nicht genügend beurteilt hatte, deren Ergebnis falsch war – ohne Rücksicht auf richtigen Ansatz, Rechengang, aufs Bemühen des Schülers!

Es handelte sich ums Fach Mechanik.

Wenn’s in der Mechanik falsch ist, dann ist es eben falsch, argumentierte er, dann bricht die Welle oder die Brücke stürzt ein.

Aber nein: so streng darf man doch nicht sein, oder? Da kam dann immer gleich die Rohrstockpädagogik aufs Tapet, das reine Faktenlernen und so.

Das einzige, was uns bisher gerettet hat, war die Widerstandskraft jüngerer Kollegen und Kolleginnen. Ich bewundere sie einfach, wie sie zwar brav ihre Pädagogik studiert haben, wie sie aber trotzdem völlig unideologisch ihren Unterricht durchziehen, ganz ruhig und unspektakulär. Ich hab’ über solche Gelassenheit leider nie verfügt. Mich hat es sehr viel Energie gekostet, der pädagogischen Gehirnwäsche zu widerstehen. Das kam wahrscheinlich daher, dass ich so ein Sch***-Intellektueller bin. Kann immer nur ideologisch denken, du meine Güte!

Aber wie dem auch sei – wenn man jetzt den Ausfall von Unterricht bejammert, dann handelt es sich um reine Krokodilstränen. Ob unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule nichts lernen oder aber selbiges zuhause tun, wo soll da der Unterschied sein? Vielleicht haben sie daheim sogar weniger Stress durchs angeblich so verknöcherte Schulsystem?

Nachsatz: Ich hab’ von meiner Gymnasiums-Mathematik auch nichts mehr gebraucht, das meiste dementsprechend vergessen. War’s umsonst? Ganz im Gegenteil: Ich weiß, was mir fehlt. Das ist eine ganz wichtige Funktion der so genannten Bildung.