Archiv der Kategorie: Rezension

Gelesen: Singapur + Meereshöhe

Ein Jahr in Singapur

Irgendwann hatte jemand beim Herder-Verlag die Idee zu einer Reihe Ein Jahr in… Und als Autorinnen wurden durchwegs weibliche Wesen ausgewählt. So auch für den Band über Singapur.

Mir fiel der Titel auf, weil wir selbst einmal in Singapur waren, und weil mich die Stadt damals faszinierte – vor allem die Sozialpolitik, der Wohnbau, die Infrastruktur. Wie kam es, dass hier – zumindest dem Anschein nach – der soziale Zusammenhalt derart gut zu funktionieren schien, der Gemeinsinn?

Auf solche Fragen erwartete ich mir Antworten, oder doch zumindest Antwortversuche, von dem Bändchen. Verfasst wurde es von einer jungen Dame namens Nicola Kaulich-Stollfuß. Und man muss ihr zugestehen: Schreiben kann sie! Nicht nur flüssig, sondern auch leichtfüßig, immer mit einem guten Schuss Ironie, nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Nur leider bleibt’s dabei, zwölf Monate und zwölf Kapitel lang. Tiefer wird’s nicht. HDB, Housing Development Board, wird nur am Rande erwähnt, kein einziges Wort der Erklärung. Die Häuser seien halt so hässlich. Dabei war dieses HDB verantwortlich für eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Wie in einer asiatischen Stadt geordnete Wohnverhältnisse einkehrten, und zwar für alle. Ich hab’ diese Bauten gesehen – gar so hässlich erschienen sie mir nicht – und ich war beeindruckt.

Darüber hätt’ ich, wie gesagt, gerne mehr erfahren. Aber nein. Mich plagen weiterhin meine Fragen. Singapur hätte sich Besseres verdient.

Empfehlenswert? – Na ja. Die Lektüre ist durchaus amüsant, keine Frage, und wer nicht mehr verlangt, der wird gut bedient.

Nicola Kaulich-Stollfuß, Ein Jahr in Singapur: Reise in den Alltag (Freiburg: Herder, 2013).
Über Meereshöhe

Ein weiterer Roman von Francesca Melandri, die hier ja schon zweimal ihren Auftritt hatte (Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Er unterscheidet sich von den anderen, indem es diesmal nicht um große Geschichte geht, um Jahrzehnte und um weite Räume. Ganz im Gegenteil: hier geht’s um Gefängnis, um Haft. Die Handlung ist beschränkt auf einen kleinen Kreis von Personen, eigentlich bloß auf drei: Zunächst Paolo, welcher seinen geliebten Sohn im Hochsicherheitsgefängnis besucht; der hat nämlich als Mitglied einer roten Terrorgruppe mehrere Menschen ermordet (der Roman spielt in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren); dann Luisa, sie besucht ihren Mann im selben Gefängnis; und schließlich Nitti, ein Justizwachebeamter. Aufgrund eines unvorhergesehenen Zwischenfalls werden sie für kurze Zeit zusammengeführt, im Falle von Paolo und Luisa sogar zu einem one-night stand.

Wir haben’s  demnach nicht mit einem großen Orchester zu tun, einer Symphonie, sondern mit Kammermusik. Das ist für einen Roman, wenn schon nicht ungewöhnlich, so doch eine Herausforderung. Da bedarf es großen Geschicks bei der Handlungsführung und bei der Zeichnung der Charaktere. Francesca Melandri, das kann man wohl sagen, bewältigt die Aufgaben meisterhaft. Auch dieser Roman liest sich spannend von Anfang bis Ende, und das gänzlich ohne stilistische Verrenkungen oder Verschnörkelung. Die Charaktere leiden, aber sie tun das auf stoische Art und Weise. Sie leiden, weil sie nahestehenden Menschen die Treue halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das macht zugleich ihr Heldentum aus.

Die Politik, vor allem die des Terrors kommt, wenn überhaupt, nur im Hintergrund vor. Früher, so reflektiert Paolo einmal, gab’s das Wort Revolution, und es gab die Sache: 1789, 1848, 1917. Aber im Italien des Jahres 1979, da gibt es nur das Wort, die Phrasen: „von der Gewalt der Gedanken zum Gedanken der Gewalt“. Das charakterisiert treffsicher die jugendlich-studentische Hirnverbranntheit jener Zeit.

Aber wie gesagt: Es spielt nur eine untergeordnete Rolle. Melandri geht’s um Menschen, um deren Schicksale – und wie sie damit fertig werden. Der Roman endet einigermaßen gut, obwohl man als Leser spürt, wie das Leiden die Charaktere weiter begleitet, durchs ganze Leben.

Empfehlenswert? – Ja, ohne Einschränkung.

Melandri, Francisca, Über Meereshöhe, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (München: Karl Blessing Verlag, 2012). Orig. Più alto del mare.

Rezension Eva schläft

Rezension Alle, außer mir

Just Read: Revolution in Russia

Deutsche Fassung >>

When I was at university, we were constantly discussing „the revolution“. It became something like a sacred concept: Revolution good, opponents evil. Although I did not share the view, I learned a lot about a chapter in history that I had only heard about vaguely. But I only learned certain aspects: heroic, glorified.

Thirty years later, the British historian Orlando Figes re-tells the story with the knowledge of today, especially of course with access to archives. He does so in two related but distinct works: First, in the detailed 900-page study A People’s Tragedy 1891-1924, then in a condensed history of the Russian Revolution from 1891 to 1991, Revolutionary Russia. In the latter work, the revolutionary year 1917 itself is discussed rather briefly. Thus, while the two books certainly overlap, they do so only partially; mostly, they complement each other.

Even the run-up, including the 1905 revolution, is rather depressing: the unshakeably autocratic rigidity of the tsarist system; violent conflicts in the countryside; supply shortages during World War I, which also caused gigantic losses resulting in the war-weariness and rebelliousness of Russian soldiers – as well as their readiness to resort to violence.

The year 1917 is mainly presented as anarchist chaos: hunger riots, strikes, all kinds of armed gangs, shooting, plunder, torture, murder. In Orlando Figes’ narrative, Lenin and his Bolsheviks appear less as intellectual saviours than as reckless members of an armed gang. They won because they had the least – or more precisely, because they had no scruples at all. Execute, execute, execute. It was Lenin who introduced this mode of action and who made terror a means of Bolshevik politics. Figes paints a rather critical picture of the revolutionary leader, and I think rightly so. Lenin was the first of those horrible 20th century monsters.

And what about revered Marxism? The intellectual dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, the author comments dryly.

The armed coup of October 1917 was followed by civil war, terror, famine of unconceivable dimensions. Stalin was not a deviation but the logical consequence of what Lenin had initiated. And so it went on, in drastic form until 1953 (Stalin’s death), somewhat less drastically until the eighties.

„History is the science of human misery“, the French writer Raymond Queneau reportedly said. Nowhere does this become more bleakly visible than in the two books by Orlando Figes.

Recommended? – Yes, especially the shorter book. The first one requires stamina, and the reader has to put up with a lot of cruelty.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen: Revolution in Russland

for an English version, see here >>

Als ich an der Uni studierte, da wurde dauernd über „die Revolution“ geredet. Sie wurde zum sakralen Konzept: Revolution gut, ihre Gegner bös’. Ich teilte diese Auffassung zwar nicht, trotzdem lernte ich viel über ein Kapitel, von dem ich zuvor nur höchst vage gehört hatte. Allerdings lernte ich nur bestimmte Aspekte: die heroischen, die glorifizierten.

Dreißig Jahre später geht der britische Historiker Orlando Figes dieser Geschichte mit dem Wissen von heute nach, besonders natürlich mit dem Zugang zu Archiven. Er tut dies in zwei verwandten, aber doch unterschiedlichen Werken: Zunächst in der 900 Seiten schweren detaillierten Untersuchung A People’s Tragedy 1891–1924, dann in einer komprimierten Geschichte der russischen Revolution von 1891 bis 1991, Revolutionary Russia. Hier wird das eigentliche Revolutionsjahr 1917 eher kurz besprochen. Die beiden Bücher überschneiden sich demnach nur teilweise, ergänzen sich eher.

Schon die Vorgeschichte inklusive der Revolution von 1905 ist eher deprimierend: die völlige Starre des autokratischen zaristischen Systems; die oft gewaltsamen Konflikte auf dem Lande; Versorgungsengpässe während des Ersten Weltkriegs, der überdies gigantische Verluste verursachte, woraus die Kriegsmüdigkeit und die Aufmüpfigkeit der russischen Soldaten resultierte – allerdings auch ihre Gewaltbereitschaft.

Das Jahr 1917 bietet sich vor allem als anarchistisches Chaos dar: Hungerkrawalle, Streiks, alle möglichen bewaffneten Formationen, es wird geschossen, geplündert, gefoltert, gemordet. Lenin und seine Bolschewiken treten bei Orlando Figes weniger als intellektuelle Heilsbringer auf denn als eine eiskalte bewaffnete Bande. Sie gewannen, weil sie am wenigsten – oder genauer: weil sie überhaupt keine Skrupel hatten. Erschießen, erschießen, erschießen. Es war Lenin, der diese Gangart einführte, den Terror zu einem Mittel bolschewistischer Politik machte. Insgesamt kommt er nicht gar so gut weg bei Figes, und ich glaube: zu Recht. Lenin war das erste dieser schrecklichen Monster des 20. Jahrhunderts.

Und der hehre Marxismus? Die intellektuelle Dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, kommentiert der Autor trocken.

Auf den gewaltsamen Putsch des Oktobers 1917 folgten Bürgerkrieg, Terror, Hungersnöte ungeahnten Ausmaßes. Stalin war keine Abweichung, sondern die logische Konsequenz aus dem, was Lenin grundgelegt hatte. Und so ging es weiter, in drastischer Form bis 1953 (Stalins Tod), etwas weniger drastisch bis in die achtziger Jahre.

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen“, soll der französische Schriftsteller Raymond Queneau einmal gesagt haben. Nirgends wird das so unerbittlich, so trostlos sichtbar wie in den beiden Werken von Orlando Figes.

Empfehlenswert? – Ja, besonders das kürzere Buch. Das erste braucht schon einen langen Atem, und die Grausamkeiten muss man auch aushalten.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen

Der hohe Preis des Friedens

Am 23. November 1918 marschierten italienische Truppen unter klingendem Spiel – wie’s damals wohl hieß – in Innsbruck ein. In den Wochen zuvor hatten sie bereits Südtirol besetzt. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Tiroler hatten die Bayern zu Hilfe gerufen, welche tatsächlich bis Franzensfeste vorrückten, dann aber Tirol wieder räumten.

Die Jahre 1918–1922 und die Teilung Tirols sind das Thema des Bandes Der hohe Preis des Friedens der beiden Historiker Marion Dotter und Stefan Wedrac. Südtirol war den Italienern bei der Londoner Konferenz 1915 von Frankreich und England versprochen worden. Nordtirol hingegen nicht – hier agierten die italienischen Truppen aufgrund einer Klausel in den Waffenstillstandsbedingungen, wonach sie sich frei im gesamten österreichischen Staatsgebiet bewegen durften. So kam es zu einer kurzfristigen Besetzung, die im Übrigen auch kleine englische und französische Kontingente ins Land brachte. Auf diesen Umstand war ich vor ein paar Jahren anlässlich einer Ausstellung im Imperial War Museum in London aufmerksam geworden.

Die Italiener hatten niemals die Absicht, in Nordtirol zu bleiben. Sie ließen die Bevölkerung in Ruhe, es kam kaum zu Ausschreitungen, eher im Gegenteil: Die Truppen erwiesen sich als hilfsbereit, sei’s bei der Aufrechterhaltung der Ordnung oder bei der Versorgung der Bevölkerung – damals bekanntlich eine prekäre Angelegenheit. Wirklich dankbar waren die Nordtiroler trotzdem nicht: der Feind blieb der Feind.

Die Besetzung nördlich des Brenners endete 1920. Nicht so in Südtirol. Hier waren die Italiener gekommen, um zu bleiben, und das stellten sie von allem Anfang an unerbittlich klar – bitter für die ansässige Bevölkerung. Anfänglich stand die neue Provinz unter Militärverwaltung. Trotzdem legte selbst deren Befehlshaber großen Wert darauf, dass die Bevölkerung in ihrer Lebensweise, ihrer Kultur nicht beeinträchtigt werde. Dasselbe galt in der Folge für die Zivilverwaltung. Beide orientierten sich an den großzügigen, liberalen Vorstellungen früherer Zeiten. Dies entsprach auch den Vorgaben der demokratisch gewählten Regierung in Rom. Nationalisten wie Ettore Tolomei kamen vorerst nicht zum Zug.

Ein einigermaßen gedeihliches Neben- oder gar Miteinander ergab sich daraus freilich nicht. Das mochte einerseits aus dem – durchaus verständlichen – Trotz der Südtiroler resultieren, andererseits wohl auch aus dem stolzen Gebaren der neuen Herrscher. Vor allem aber etablierte sich ein neuer Verwaltungs- und Rechtsapparat mit fremdartigen Gesetzen und Gebräuchen, dessen Vertreter noch dazu bloß Italienisch sprachen. Da half es nichts, dass die Schulen nach wie vor so liefen wie zuvor; jetzt wäre Italienisch gefragt gewesen. Die Vorherrschaft des überwiegend italienischsprachigen Trentino, mit dem Bozen verwaltungstechnisch zusammengeschlossen war, stellte einen weiteren Zankapfel dar.

Und in den Kulissen warteten bereits die Faschisten. Ab etwa 1920 wurde deren Propaganda immer lauter, ihr Auftreten provokanter. Es kam zu Zusammenstößen, die Repression der italienischen Exekutive verhärtete sich. 1922 kamen sie an die Macht.

Wie’s weiterging, ist nicht mehr Thema dieses Buches. Es handelt sich zwar um eine wissenschaftliche Arbeit, dessen ungeachtet schreiben Marion Dotter und Stefan Wedrac jedoch durchgehend klar und leicht verständlich. Das soll lobend hervorgehoben werden. Sie schließen eine kleine, aber doch empfindliche Lücke in unserem Geschichtsbewusstsein. Für den Frieden nach dem Ersten Weltkrieg hatten alle – ausgenommen höchstens die US-Amerikaner – einen hohen Preis zu zahlen. Am größten dürfte er wohl im Russischen Reich gewesen sein. Aber auch für die Südtiroler gestaltete er sich äußerst schmerzhaft – und anhaltend.

Marion Dotter, Stefan Wedrac, Der hohe Preis des Friedens: Die Geschichte der Teilung Tirols 1918–1922 (Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia, 2018).

Gelesen

Vor kurzem haben wir hier über den Roman Eva schläft der römischen Autorin Francesca Melandri gesprochen. Inzwischen hab’ ich einen weiteren gelesen, nämlich Alle, außer mir (italienisch Sangue giusto), erschienen 2017.

Es gibt Parallelen zwischen den beiden Werken: allen voran wohl der Stil, auch dieses Mal wieder geradeheraus und zielsicher, ohne jegliche Schnörkel, Pirouetten oder sonstige Attitüden (lediglich die deutsche Übersetzung könnte in diesem Falle kritisiert werden). Die Geschichte, die da erzählt wird, steht stets im Vordergrund. Das macht diesen Roman genau so fesselnd wie den früheren.

Außerdem handelt es sich wieder um eine Familiengeschichte, wenngleich mit einer interessanten Variante. Und auch dieses Mal ist das Schicksal der Familie verwoben mit Geschichte, mit Politik. Es geht um Abessinien, wie’s damals hieß, also um Äthiopien, und im Besonderen um den Krieg (1935–36), mit welchem das faschistische Italien seine Herrschaft in dem Lande errichtete. Und beides, Krieg samt anschließender Herrschaft, zeichneten sich durch schockierende Brutalität von Seiten der Italiener aus – dass sie Giftgas einsetzten, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein, aber das war noch lange nicht alles.

Francesca Melandri schildert solche Grausamkeiten, solche Massaker kaltblütig und anschaulich – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Mir scheint, sie tut das in der Absicht, ihre Landsleute zum Hinschauen zu zwingen, zum Wahrnehmen. Inwieweit das in Italien bereits erfolgte, oder inwieweit das schockierend wirkt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der pater familias im Roman, Attilio Profeti, scheint seine Taten jedenfalls weitgehend vergessen zu haben, zumindest nach außen hin. Seine Lebensgeschichte steht im Zentrum der Erzählung.

Natürlich kommt noch mehr zur Sprache: das Rom der Gegenwart zum Beispiel; Liebe in ihren verschiedenen Formen, geglückt oder vergeblich; die geradezu atemberaubende Korruption von Politik und Verwaltung; sowie Migration, illegal wie legal. Insofern handelt es sich um eine Erzählung der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit.

Empfehlenswert? – Ja, keine Frage. Packend geschrieben, und man lernt eine Menge (sofern einem daran gelegen ist).

Francesca Melandri, Alle, außer mir, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen (München: btb Verlag, 2020).

Besprechung Eva schläft

Besprechung Über Meereshöhe

Gelesen / Just read

Damals, als wir so hitzig über den Vietnam-Krieg diskutierten, da dachten wir nie an die Soldaten der anderen Seite: jene in der NVA, der nordvietnamesischen Armee; die einfachen Soldaten, meine ich, die armen Frontschweine. Enthusiastische Studenten nahmen wahrscheinlich an, sie erfüllten allesamt glücklich ihre Pflicht, mit anti-imperialistischen und proletarischen Parolen auf den Lippen. Das so was Blödsinn sein musste, kam uns, ehrlich gestanden, nicht in den Sinn. Aber Krieg ist Krieg, immer, und besonders auf der untersten Ebene: bei den grunts, wie die Amerikaner zu sagen pflegten.

Ich wurde zum ersten Mal aufmerksam auf die andere Seite dank einer Bemerkung in dem Buch 80 Tage in der Hölle der italienischen Reporterin Oriana Fallaci. Da erwähnt sie nämlich das Tagebuch eines nordvietnamesischen Soldaten, in welchem die erbärmlichen Bedingungen deutlich wurden, unter denen diese Männer und Frauen lebten und kämpften. Man sollte ja nicht vergessen – obwohl wir auch dies taten –, dass der Krieg von den Nordvietnamesen zum Teil völlig konventionell geführt wurde, mit Regimentern und Divisionen, die gegen amerikanische Feuerkraft anrannten – zumeist erfolglos. Alleine bei der vergeblichen Belagerung von Khe Sanh (Jänner–Juli 1968) sollen bis zu 10.000 Nordvietnamesen gefallen oder verwundet worden sein (die Angaben variieren ganz gewaltig). Aber das hielt die nordvietnamesische Führung nicht davon ab, genau so weiter zu machen. Ein bisschen erinnert das an den Ersten Weltkrieg. General Giap, so scheint’s, war doch nicht ganz das militärische Genie, als welches ihn skandierende Studenten priesen.

Das bleibende Dokument dieser nordvietnamesischen Soldaten, besonders in der westlichen Aufmerksamkeit, dürfte der Roman The Sorrow of War von Bao Ninh sein. Er ist 1991 in Hanoi erschienen. Der Autor wurde 1952 geboren – meine Generation. Seine Erfahrungen sind freilich total anders. In seiner Erzählung geht es nämlich nicht bloß um den Krieg, um das, was er als Frontsoldat erlebt und durchgemacht hat, es geht ebenso um sein Leben – und seine Liebe – davor und danach. Alles, aber schon gar alles ist belastet durch das Leiden des Krieges (so der deutsche Titel). Zu sagen, der Erzähler sei traumatisiert, greift zu kurz. Er hat den Krieg zwar überlebt, als einziger seiner Einheit, aber dieser Krieg hat sein Leben nachhaltig zerstört.

Von Politik, von Ideologie ist praktisch nie die Rede. Ob sie vom Autor absichtlich ausgeklammert wurde oder ob dies die Wirklichkeit in Hanoi widerspiegelt, das wissen wir nicht. Bemerkenswert ist immerhin, dass der Roman überhaupt erscheinen durfte; denn ein heroisches Bild zeichnet er gewiss nicht. Aber wie auch immer – entscheidend ist vor allem, dass der Schrecken des Krieges hier hauptsächlich nachher wirkt, in der Erinnerung, in Albträumen, im Alkoholismus. Das kennen wir von amerikanischen Veteranen nur zu gut. Arme Schweine alle zusammen.

Empfehlenswert? – Unbedingt.

In our heated debates about the Vietnam War long ago we never thought of the soldiers on the other side: those in the NVA, the North Vietnamese Army; I’m talking about the ordinary soldiers, the riflemen in their foxholes. Enthusiastic students probably assumed that they were all happy to do their duty, chanting anti-imperialist and proletarian slogans. Quite honestly, it never occurred to us that this had to be nonsense. War, after all, is war, always the same, especially at the lowest level: the grunts, as the Americans used to say.

I first became aware of the other side thanks to a remark in the book Nothing and Amen by the Italian reporter Oriana Fallaci. She mentions the diary of a North Vietnamese soldier highlighting the pitiful conditions in which these men and women were living and fighting. It should not be forgotten – although of course we did – that on the North Vietnamese side the war was partly fought in a completely conventional way with regiments and divisions attacking American firepower – mostly unsuccessfully. In the futile siege of Khe Sanh alone, January–July 1968, up to 10,000 North Vietnamese are said to have been killed or wounded (the figures vary enormously). But that did not stop the North Vietnamese leadership from continuing in exactly the same vein. It evokes faint memories of World War I. General Giap, it seems, was not quite the military genius that students chanting Communist slogans made him out to be.

The lasting memorial for these North Vietnamese soldiers, especially from a Western perspective, could be The Sorrow of War, a novel by Bao Ninh. It was published in Hanoi in 1991. The author was born in 1952: my generation, although his experiences were, of course, totally different. His story is not just about the war, about what he experienced and what he suffered as a front-line soldier; it is also about his life – and his love – before and after. Everything, absolutely everything is overshadowed by the Sorrow of War. To say that the narrator is traumatised might be an understatement. He may have survived the war as the only one of his unit, but his life has been destroyed permanently.

There is practically no mention of politics or ideology. We do not know whether the author deliberately excludes these aspects or whether this reflects life in Hanoi. What is remarkable, however, is that the novel was allowed to appear at all; for it certainly does not paint a heroic picture. In any case, the most impressive aspect may be that the horror of war is mainly felt in retrospect: through memories, nightmares, alcoholism. American veterans have displayed the same symptoms, as we know only too well. Poor bastards all of them.

Recommended? – Absolutely.

Bao Ninh, The Sorrow of War: A Novel, English version by Frank Palmos (London: Secker & Warburg, 1994). Ich hab’ die Minerva Taschenbuchausgabe aus demselben Jahr verwendet. Deutsch: Die Leiden des Krieges (Halle/Saale: Mitteldeutscher Verlag, 2014).

Gelesen

Francesca Melandris Roman Eva schläft erschien bereits 2010; taufrisch ist er also nicht mehr. Ob er hier bei uns gelesen wurde, beachtet, diskutiert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich im Web gefunden habe, das ist eine Rezension von Helmuth Schönauer. No na, ist man fast versucht zu sagen, denn was hat unser Meisterrezensent eigentlich nicht gelesen und besprochen? Die Lektüre- und Besprechungsleistung, die er in seinem Berufsleben hingelegt hat, müsste eigentlich rekordverdächtig sein. Mir ringt sie mundoffenstehende Bewunderung ab.

Aber darum soll’s hier natürlich nicht gehen. Das Bemerkenswerte an dem Roman ist der Umstand, dass er von einer Italienerin verfasst wurde, dass er jedoch von Südtirol handelt. Den Rahmen bildet eine Zugfahrt durch die gesamte Länge des italienischen Stiefels. Die Kapitelüberschriften sind zur Hälfte denn auch Kilometerangaben, zur anderen Hälfte Jahreszahlen, denn die Erzählung verquickt eine Familiengeschichte mit Politik, mit Historie. Das reicht vom Ende des Ersten Weltkriegs über Italienisierung, Abessinienkrieg, Option, Zweiten Weltkrieg und Nazi-Herrschaft bis herauf zu den Bumsern und schließlich zur Streitbeilegungserklärung.

Solche halb historischen, halb privaten Romane bringen freilich eine Gefahr mit sich: Dass die Charaktere nur noch Repräsentanten sind für geschichtliche oder politische oder auch soziologische Phänomene, nach der Methode: „So eine Figur brauchen wir auch noch“, also hinein damit und kräftig umgerührt. Fernsehserien werden auf diese Art und Weise produziert – und Melandri hat derlei Drehbücher geschrieben.

Kann ihr Roman mehr bieten? Handelt es sich wirklich um einen Roman, nicht nur um illustrierte Geschichte? Nun, meine spontane Reaktion wäre zu sagen: Ja, er ist mehr. Ich möchte aber vorsichtig sein. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich ein endgültiges, haltbares Urteil erst nach einiger Zeit herausbildet. Vorläufig werde ich mich also meiner Stimme enthalten. Was man aber zweifellos sagen kann, ist dies: Melandri schreibt mitreißend, das Buch ist spannend zu lesen von Anfang bis zum Ende, ohne die geringste Verschnörkelung und Affektiertheit, wie sie bei einem solchen Thema in der österreichischen Literatur leider zu befürchten wären.

Was die Familiengeschichte betrifft, handelt sie von einer ärmlichen deutschsprachigen Familie – man ist versucht, sie im Raum Bruneck anzusiedeln. Im Mittelpunkt steht Gerda, die sich als Köchin in einer feindseligen Umwelt durchschlagen muss. Ihr uneheliches Kind ist Eva, also jene, die schläft, und die zugleich als Erzählerin der ganzen Geschichte fungiert. Die Bahnfahrt dient dazu, nach langen, langen Jahren ihren Stiefvater wiederzusehen, ein letztes Mal vor seinem Tod – denn dieser kalabresische Carabiniere war ihr eigentlicher Vater, liebend und geliebt.

Mehr braucht hier nicht verraten zu werden. Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Einer kurzen Anmerkung entnehme ich, dass sie 15 Jahre in Südtirol/Alto Adige gelebt habe. Was sie weiß, was sie recherchiert hat, das erscheint mir erstaunlich treffsicher. Wenn irgendwelche Details benörgelt werden, so sind sie völlig irrelevant. Das Thema an sich, die Perspektive – die dürften doch höchst bemerkenswert sein, eine bewundernswerte Leistung in diesen Zeiten des wieder aufkommenden Nationalismus.

Empfehlenswert? – Ganz ohne Zweifel: Ja. Wie schon gesagt, ein Buch, das man frisst, nur ungern niederlegt, ehe man zum Schluss gelangt.

Francesca Melandri, Eva schläft, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (Berlin: Verlag Klaus Wagenbach,  Taschenbuch 7. Aufl. 2020). Erstmals erschienen 2010.

Besprechung Alle, außer mir

Besprechung Über Meereshöhe

Gelesen / Just read

Howard Zinn, A People’s History of the United States

Gelesen ist eigentlich übertrieben; drin geblättert kommt der Sache viel näher. Howard Zinn hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Vereinigten Staaten anders zu erzählen, aus dem Blickwinkel der so genannten (und so oft bemühten) einfachen Leute. Und wir wollen ihm abnehmen, dass er Selbiges tatsächlich tut. Aus diesem Blickwinkel, so Zinn, schaut vieles ganz anders aus, als es in herkömmlichen Geschichtswerken geschildert wird und als man’s uns eingetrichtert hat.

Aber wie? Man muss sich klar sein, dass das Buch nur verstehen kann, wer die amerikanische Geschichte bereits kennt, ziemlich genau sogar. Für sich alleine ergibt es keine Geschichte. Vielleicht ist der Titel insofern etwas irreführend: A People’s Annotation to the History of the United States käme der Sache wohl näher. Darin besteht die erste Schwäche von Zinns Ansatz.

Das heißt nicht, das Buch könne keinen Zweck erfüllen. Wenn man sich intensiv mit – sagen wir – dem New Deal beschäftigt, vielleicht gar etwas publizieren will, dann mögen die einschlägigen Passagen durchaus nützlich sein, wertvolle Einsichten bieten. Doch kann auch das nicht über die zweite Schwäche hinweg täuschen. Wenn – sagen wir – selbst der New Deal noch enttäuscht, wenn er nicht das brachte, was sich der Autor offenbar vorgestellt hat – ja, was hat er sich dann vorgestellt? Darauf gibt’s keine Antwort. Niemals.

Empfehlenswert? – Nur unter den oben genannten Bedingungen.

***

To say I’ve really read the book would be an exaggeration; leafing through is closer to the truth. Howard Zinn has set himself the goal of telling an alternative history of the United States, from the point of view of so-called (and frequently quoted) ordinary people. Let’s assume that he actually does just that. From this perspective, says Zinn, many things look rather different from the way they are presented in conventional history books, or from the way we were taught the subject.

But in what way? It is important to remember that the book can only be understood by those who already have a pretty detailed grasp of American history. On its own it doesn’t make much sense. Maybe that’s why the title is a bit misleading: A People’s Annotation to the History of the United States would probably be more fitting. This is the first weakness of Zinn’s approach.

That doesn’t mean the book can’t serve any purpose at all. If one is studying, say, the New Deal in detail, perhaps even wants to publish something about it, then the relevant passages may well be useful and may offer valuable insights. All the same, the second weakness cannot be ignored either. If, say, even the New Deal disappoints the author, if it did not produce the results he seems to envisage – well, the question is, what does he envisage? We don’t get an answer to that. Not once.

Recommended? – Only if the conditions stated above apply.

Howard Zinn, A People’s History of the United States, first Harper Perennial Modern Classics deluxe edition (New York: HarperCollins, 2010). First publ. 1980. – Eine deutsche Ausgabe erschien 2013 unter dem Titel Eine Geschichte des amerikanischen Volkes.
Amos Oz, Unter Freunden

Eine Sammlung von Erzählungen aus einem Kibbuz; da treten die unterschiedlichsten Menschen auf: Käuze, tragische Figuren. Es geht um kleine Begebenheiten des Alltags und um tief empfundene Liebe.

Viel mehr ist wohl nicht zu sagen über das Buch – aber das ist kein Tadel, sondern das genaue Gegenteil. Denn darum geht’s doch in der Literatur, oder? Wenn schon nicht ausschließlich, so doch auch, zu einem nicht unwesentlichen Teil: Menschen wie du und ich. Daraus mitreißende Literatur zu machen, das ist die große Herausforderung an den Schriftsteller. Amos Oz (1939–2018) hat sie angenommen und glorios bewältigt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ohne Wenn und Aber.

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A collection of stories from a kibbutz featuring a wide variety of people: eccentrics, tragic figures. The stories deal with small events of everyday life as well as deeply felt love.

There is probably not much more to say about the book – but that’s not meant as a criticism, quite the opposite. Because in the last analysis, that’s what literature is all about, isn’t it? If not exclusively, then at least to a considerable extent: people like you and me. To produce captivating literature from such stuff, that’s the great challenge for a writer. Amos Oz (1939–2018) has accepted it – and he has succeeded gloriously.

Recommended? – Doubtlessly, without any reservation.

Amos Oz, Unter Freunden, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler (Berlin: suhrkamp taschenbuch, 2014). – English version: Between Friends.
Jesmyn Ward, Sing, Unburied, Sing

Wieder einmal AGW, ein allgemein gepriesenes Werk. Jesmyn Wards Roman gewann 2017 den prestigeträchtigen National Book Award in den USA. Es wird also genug Leute geben, denen das Buch gefällt. Leider hat’s den Verfasser dieser Zeilen von Anfang bis Ende kalt gelassen. Sicher, da ist alles drin, was man von AGW erwartet, von technischer Finesse bis hin zu den angesprochenen Themen: Rassismus, Strafvollzug, neue Armut, ja sogar ein Schuss Übernatürliches. Gut. Aber zumindest für diesen Leser kam das alles mit viel zu vielen Worten daher, seitenweise raschelte da bloß das Papier.

Empfehlenswert? – Nun, wie gesagt: Vielen wird der Roman gefallen. Ich enthalte mich eines Urteils.

***

Once again a generally acclaimed piece of literature. Jesmyn Ward’s novel won the prestigious National Book Award in the USA in 2017, so there can be no doubt that plenty of people like the book. Unfortunately it didn’t appeal to the person writing this review. To be sure, there’s everything you expect from a generally acclaimed piece of literature – technical finesse as well as an appropriate choice of topics: racism, the penal system, new poverty, even a dash of the supernatural. Very good. But for this reader at least, it all comes with far too many words, page after page of rustling paper.

Recommended? – Well, as I have said, many people will like the novel. As for myself – I beg to reserve my judgment.

Ward, Jesmyn, Sing, Unburied, Sing (London: Bloomsbury, 2018). 1st publ. 2017. – Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt erschienen.

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

[for an English version see below]

Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

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So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?
Weiters: Das Empire auf dem Rückzug

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

[for an English version see below]

Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

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When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).