Archiv der Kategorie: Rezension

Gelesen

Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).

Bernie Sanders

Er war mir natürlich längst ein Begriff – 2016 verfolgte ich verblüfft, ja beinahe schon hypnotisiert seine unglaubliche Beliebtheit im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Aber dass Bernie Sanders auch ein Buch geschrieben hat, das erfuhr ich erst dank seines denkwürdigen Auftritts jüngst bei Fox News – und dass er damit ebenfalls erfolgreich war: anscheinend hat’s ihm Millionen eingebracht! [1]

Also: Buch her, lesen. Our Revolution heißt es. Im ersten Teil schildert Sanders zunächst seinen Werdegang – er stammt aus Brooklyn –, dann eben jene Kampagne um die Nominierung. Das liest sich so spannend wie ein Krimi, unputdownable, wie’s auf Englisch heißt. Aber warum eigentlich? An sich sind politische Manöver doch keineswegs der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht werden, oder?

Ich glaube, Sanders’ Wirkung beruht auf zwei Dingen – das galt schon während seiner Auftritte 2016, und es gilt ebenso für sein Buch. Da ist einerseits das, was er sagt. Der Inhalt steht bei ihm stets im Vordergrund, nicht etwa die Public Relations. Schon das kommt einer Revolution gleich. Was er sagt, das hat’s aber auch in sich: Sanders hat die Gabe, Tatbestände klar, ganz trocken beim Namen zu nennen – Tatbestände, die im Grunde ohnehin jeder kennt, jeder weiß, die bloß so selten offen ausgesprochen werden. Dazu gehört etwa die obszöne Raffgier der Reichen und Superreichen; der gigantische Diebstahl öffentlicher Mittel durch die riesigen Konzerne, deren unglaubliche – und vollkommen undemokratische – Macht; der Umweltskandal; der Zustand der Gesundheitsversorgung; bis hin zur Ausbeutung verzweifelt arbeitender Lohnabhängiger, der grassierenden Armut, und das im reichsten Land der Welt!

Es kommt aber noch was dazu: Die emotionale Seite, wenn man so will – wie er’s sagt. Und da ist es eben nicht so, dass Bernie Sanders als polemischer Marktschreier auftritt. Ganz im Gegenteil. Er bleibt ruhig, sachlich, trotzdem aber engagiert, durchaus mit Gefühl. Doch dieses Gefühl – so vermittelt er – ist positiv, freundlich, lächelnd, ermutigend. Ich glaube, dass man (a) so was nicht spielen kann, nicht kalkulieren, und (b) dass es einen großen Teil seiner Popularität ausmacht.

Nicht nur im inner-demokratischen Wahlkampf von 2016 fiel Sanders die Rolle des David zu, der gegen einen Goliath kämpft; er hat das, scheint’s, sein ganzes politisches Leben lang getan, schon als er Bürgermeister von Burlington in Vermont wurde, später Kongressabgeordneter und Senator. Und er hat in all diesen Fällen viel mehr erreicht, als man zunächst hätte annehmen können. Ein David, ja – aber einer mit Erfahrung, um nicht zu sagen: ein existentieller.

 Über Sanders’ politisches Programm wird vielleicht noch zu sprechen sein, über seine klare Analyse, über seine Vorschläge. Vorerst nur so viel: Manches ist natürlich spezifisch US-amerikanisch; anderes könnte hingegen entweder eins zu eins oder aber mutatis mutandis auf Europa beziehungsweise auf Österreich angewandt werden, könnte hier vorgeschlagen werden. Insofern handelt es sich bei seinem Buch auch um eines, das politisch Interessierte hierzulande lesen müssten. Sanders lehrt uns, klar zu sehen, klar auszusprechen, selbst wenn’s der Schulweisheit von Politologen und Journalisten zufolge schädlich wäre. Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Wahrheit. Und um die Hoffnung: nämlich vielleicht doch noch etwas bewirken zu können, zum Besseren wenden.

Deshalb scheut sich Bernie Sanders auch nicht, von „unserer Revolution“ zu sprechen. Das mag in den USA einen anderen Klang haben als bei uns. Wir denken da gleich an die bolschewistische Revolution, Beginn einer gigantischen Katastrophe. Sanders knüpft an den Gründungsmythos der USA an: 1775, so sagt er einmal, haben geldgierige britische Aristokraten die Kolonien ausgebeutet und unterdrückt; heute sitzen die Unterdrücker, die Ausbeuter im Lande selbst. Deshalb bekennt er sich auch offen als Sozialist (womit in seinem Falle natürlich gemeint ist: als Sozialdemokrat). Doch das S-Wort, der Schulweisheit zufolge absolut tabu, hat ihm bisher nicht geschadet, eher im Gegenteil.

Wie wir wissen, ist er wieder in den Ring gestiegen für den nächsten Kampf – um die Nominierung der Demokratischen Partei im Sommer 2020. Wird’s ihm dieses Mal gelingen? Wird er den gleichen Enthusiasmus entfachen, denselben Schwung?

Man wird sehen. Immerhin scheint sich da eine Bewegung zu formieren, unter dem Namen Our Revolution (und als solche lässt sie sich leicht im Web finden). Aber gleichgültig, wie’s weitergeht: Ein bisschen etwas hat Bernie Sanders jetzt schon bewirkt, und sei’s bloß, indem er dieses Buch geschrieben hat.

Empfehlenswert? – Absolut, ohne Einschränkung, im Gegenteil: ein Muss, würd’ ich fast sagen. Das umso mehr, als das Buch auch auf Deutsch erschienen ist.

Bernie Sanders, Our Revolution: A Future To Believe In, paperback edn. (London: Profile Books, 2017).
deutsch: Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft (Berlin: Ullstein, 2017).

[1] Bernie Sanders draws enthusiastic cheers in surprising Fox News town hall.

 

Gelesen

Der Nazi-Jäger

Simon Wiesenthal gehört zur österreichischen Zeitgeschichte. International bekannt wurde er durch seinen Beitrag zur Ausforschung von Adolf Eichmanns Inkognito und Versteck; hierzulande erregte in den sechziger Jahren sein Buch Doch die Mörder leben Aufsehen, insbesondere der Fall Franz Murers, des „Schlächters von Vilnius“. Da trat Wiesenthal erstmals biederen Österreichern im Trachtenanzug auf die Zehen. 1975 deckte er die Zugehörigkeit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zu einer SS-Mordbrigade auf; damit störte er die Kreise unseres damaligen Sonnenkönigs, Bundeskanzler Bruno Kreisky, und dementsprechend ungehalten fiel dessen Reaktion aus – er unterstellte Wiesenthal, nur deshalb etliche KZs überlebt zu haben, weil er mit den Nazis kooperierte. Das war ohne Zweifel ein Tiefpunkt österreichischer Nachkriegspolitik. Im Zuge der Waldheim-Affäre behielt Wiesenthal kühlen Kopf und bestand darauf, dass es keine Beweise gebe für Kriegsverbrechen des Präsidentschaftskandidaten – zu Recht, wie wir heute wissen. Die Vergangenheitsbewältiger haben’s ihm nicht verziehen.
Tom Segev ist ein renommierter israelischer Historiker. Sein Buch über das Jahr 1967 im Nahen Osten steht bereits in meiner Bibliothek. In seiner Wiesenthal-Biographie zeichnet er ein vielschichtiges Bild eines vielschichtigen, durchaus auch widersprüchlichen Menschen. An seiner Objektivität kann kaum Zweifel bestehen; im Kapitel über die Waldheim-Affäre wirkt sie geradezu herzerfrischend. Österreichische Verhältnisse stellt er fehlerfrei dar, da muss er sich mehr als ordentlich eingearbeitet haben – eine beachtliche Leistung.

Empfehlenswert? – Unbedingt, ohne jegliche Einschränkung!

Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, aus dem Hebräischen von Markus Lemke (München: Siedler Verlag, 2010).
Ein seriöser Spitzbub

Arik Brauer hat heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert, und aus diesem Anlass wurde er gebührend geehrt. Interessant, wie er selbst im hohen Alter das ihm eigene spitzbübische Lachen nicht verlernt hat. Das macht ihn sympathisch – aber beileibe nicht nur das. Bekannt ist er vor allem als Maler, als Repräsentant dessen, was sich „phantastischer Realismus“ nennt. Für jemanden wie mich ist er eine Schlüsselfigur in der Entstehung des Austropop. Das Erscheinen seiner Langspielplatte 1971 stellte ein epochales Ereignis dar: moderne populäre Musik, und doch unverkennbar österreichisch, inklusive eines jüdischen Einschlags. Dass so was möglich war! Und der Austropop – nicht nur repräsentiert durch Arik Brauer, versteht sich, aber eben auch – bildete einen wesentlichen Baustein für das österreichische Selbstverständnis, für unseren (sagen wir’s ehrlich) Stolz in den siebziger und achtziger Jahren.
Brauers Erinnerungen Die Farben meines Lebens sind ursprünglich 2006 erschienen. Auch hier gibt sich der Autor durchaus seriös, ohne gleichzeitig den Spitzbuben verleugnen zu können (oder zu wollen). So erzählt er durchgehend von sich selbst in der dritten Person. Das Ergebnis – nun, man lese selbst, ein Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Danke, Arik Brauer, auch dafür – aber nicht nur, sondern ebenso für alles andere!

Empfehlenswert? – Versteht sich von selbst, unbedingt.

Arik Brauer, Die Farben meines Lebens: Erinnerungen, durchgesehene, erweiterte Neuauflage (Wien: Amalthea, 2014).
Die Industrielle Revolution…

… ist die prägende Episode in der Geschichte des so genannten Abendlandes. Sie definiert das, was wir – auch in Europa, auch in Österreich – heute sind im Vergleich und Kontrast zu der Zeit vor dieser Revolution. Sie war der Grund für die europäische Dominanz der Welt, von der wir uns eben jetzt so schwer verabschieden. Für die USA gilt sinngemäß dasselbe. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir mehr wüssten über diese Revolution. Leider beschränkt sich das Wissen meist auf Oberflächliches, qualmende Fabriksschlote und Dampflokomotiven. Das vorliegende Bändchen aus der Reihe A Very Short Introduction  bietet einen ersten, kompakten Zugang. Für Fortgeschrittene ist es auch nicht nutzlos: zum schnellen Nachschlagen – Wie war das doch gleich? Wann war das? Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in welchem der Autor dem weiteren Verlauf der Industriellen Revolution auf der ganzen Welt nachgeht – nichts und niemand (na ja, fast nichts und niemand) konnte sich ihr bekanntlich entziehen. Kein größeres Land sei je ohne Industrialisierung reich geworden, merkt er an; und da es immer noch arme Länder gibt, müssten wir hoffen, dass auch sie industrialisieren würden.

Empfehlenswert? – Ja, historisches Interesse (und englische Sprachkenntnisse) vorausgesetzt.

The Industrial Revolution …

… is the formative episode in the history of the so-called West. It defines what we – also in Europe, also in Austria – are today in comparison and contrast to the time before that revolution. It was the reason for the European dominance of the world parting from which we are presently finding so hard. The same applies to the USA. And that’s why it would be important for us to know more about that revolution. Unfortunately, knowledge is mostly limited to superficial aspects such as smoking factory chimneys and steam locomotives. This little book of the A Very Short Introduction series offers a first, concise access. But even for advanced users it will have its uses, e. g. for a quick reference – What exactly did happen? And when? The last chapter is remarkable as the author pursues the further course of the Industrial Revolution around the world – nothing and nobody (well, almost nothing and nobody) was able to escape the process, as we know. No major country has ever grown rich without industrialization, it is stated, and as there are still poor countries, we must hope that they, too, will become industrialized.

Recommended? Yes – provided the reader has an interest in history (and sufficient command of English).

Robert C. Allen, The Industrial Revolution: A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2017).
Noch eine Liste

Seit Schindlers Liste kommen wir, scheint’s, aus den Listen nicht mehr heraus. Bei dieser hier handelt es sich um die Kartei von Diana Budisavljevic, geborene Obexer aus Innsbruck. Während der Ustascha-Herrschaft (1941–1945) lebte sie als Gattin eines Medizinprofessors in Zagreb. Als ihr die Not serbischer Kinder zu Ohren kam, handelte sie kurz entschlossen – und bis Kriegsende gelang es ihr, Tausende von ihnen vor einem elenden Tod zu retten. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft wollte sie Mütter und Kinder mittels ihrer Kartei wieder zusammen bringen; aber die wurde sogleich von den Kommunisten beschlagnahmt.
Wenn die Bezeichnung „Heldin“ einen Sinn haben soll, dann muss sie auf Diana Budisavljevic zutreffen – und auf ihre Helferinnen und Helfer. Gut, dass ihr hier ein literarisches Denkmal gesetzt wurde; gut, dass ihre Taten doch noch an die Öffentlichkeit kamen. Ob der „biografische Roman“ von Wilhelm Kuehs die ideale Form bietet, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was übers Gute geschrieben oder gefilmt oder sonstwie gemacht wird, muss deshalb auch gut sein. Trotzdem –

Empfehlenswert? Durchaus – um sich durch all die Ungeheuerlichkeiten der Ustascha hindurch zu lesen, braucht’s aber einen starken Magen und ein robustes Gemüt.

Wilhelm Kuehs, Dianas Liste: Ein biografischer Roman (Innsbruck: Tyrolia-Verlag, 2017).

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.

Der Weg zur Prosperität: Vorschläge

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Stephan Schulmeisters Buch Der Weg zur Prosperität vorgestellt. [1] Unter anderem lobte ich es deshalb, weil konkrete – und dennoch gut fundierte – Vorschläge gemacht werden, wie wir aus unserer gegenwärtigen Malaise herauskommen könnten.

Hier nun ein paar dieser Vorschläge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und notgedrungen ohne die überzeugende Begründung, die Schulmeister jeweils mitliefert:

Förderung der Realwirtschaft durch Stabilisierung der Finanzmärkte

  • Gründung eines Europäischen Währungsfonds;
  • Ersetzung des Fließhandels auf den Finanzmärkten durch elektronische Auktionen (alle zwei Stunden);
  • Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer;
  • Aufbruch zu einem neuen Weltwährungssystem;
  • Gründung einer EU-Behörde zur umfassenden Beaufsichtigung des gesamten Finanzsektors.

Verbesserung der Umweltbedingungen als „Wachstumsmotor“

  • Festlegung von in der EU gültigen Preispfaden für fossile Energieträger – festgelegte Teuerung (mittels Besteuerung), das bringt Sicherheit und Planbarkeit für Investitionen;
  • thermische Sanierung des Gebäudebestandes in der EU;
  • transeuropäische Netze für Hochgeschwindigkeitszüge;
  • Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und Förderung von Elektromobilität.

Erneuerung der Sozialstaatlichkeit Europas

  • Verbesserung der Bildungschancen und „Ent-Ökonomisierung“ des Bildungswesens;
  • Schaffung von erschwinglichem Wohnraum;
  • Neue Jobs „zwischen Markt und Staat“: z. B. Alten-, Behinderten- und Kinderbetreuung, kulturelle Initiativen, Denkmalschutz, Umweltverbesserung etc.
  • Förderung gemeinschaftlicher Aktivitäten;
  • Stärkung des Sozialstaates: z. B. Altersvorsorge, Gesundheitssystem;
  • Garantie der „Daseinsvorsorge“ = Infrastruktur: Eisenbahn, Öffis, Gas, Wasser, Kanalisation etc.;
  • Soziale Mindestsicherung in der Europäischen Union.

EU-Strategien in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft

  • Europäisches Software Konsortium: Vernetzung der besten IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der gesamten EU; europäische Plattformen, Betriebssysteme etc.;
  • europäische Kontrollmöglichkeiten: „ … wir Europäer [werden] nicht von einem Orwell’schen ‘großen Bruder’ in der ‘eigenen’ Union überwacht, sondern von privaten ‘großen Brüdern’ in den USA…“.

Stärkung der Rolle der EU in der Weltwirtschaft

  • Investitionen in die Infrastruktur von Entwicklungs- und Schwellenländern;
  • Gründung gemeinsamer Unternehmen (Joint Ventures) für den Technologietransfer.
Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).
[1] „Der Weg zur Prosperität“, 27. Februar 2019.

Der Weg zur Prosperität

Über Stephan Schulmeisters neues Buch

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen der neo-liberalistischen Ideologie seien so erschüttert, dass sie nur noch Trümmern gleichen. Dazu gibt’s inzwischen jede Menge Literatur – so viel, dass wir gar nicht anfangen wollen, hier solche zu zitieren.

Was natürlich nicht bedeutet, das Problem habe sich gelöst. Dass dem nicht so ist, das hören, sehen und erfahren wir jeden Tag. Macht hat der Neo-Liberalismus nach wie vor, und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass eben dies seine Aufgabe darstellt, seine raison d’être: als Ideologie im Dienste der Reichen und Mächtigen. Folglich werden wir uns noch einige Zeit mit den nachteiligen Auswirkungen dieser Herrschaft herumschlagen müssen.

Eben deshalb ist es wichtig, den kritischen Druck aufrecht zu erhalten. Wir können gar nicht genug wissen, wir können gar nicht genug lernen über die Schwächen, die Mängel, die Widersprüche des Neo-Liberalismus – und seine Lügen.

Deswegen widmet Stephan Schulmeister sein neues Buch Der Weg zur Prosperität wohl auch den „Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“. Das verweist auf Friedrich Hayeks berühmtes Buch vom Weg in die Knechtschaft, The Road to Serfdom (1944), dem er die Widmung vorangestellt hat: „To the Socialists in all parties“. Man braucht Hayek nicht lange zu lesen, um zu verstehen, dass er das wirklich so meint: die Politiker des New Deal in den USA ebenso wie jene der Labour Party in Großbritannien oder – später – der Sozialdemokratie in Westeuropa. Als ob die unsere Freiheit bedroht hätten!

So weist Schulmeister also schon von Anfang an subtil-ironisch auf eine Lüge im Fundament des Neo-Liberalismus hin. Den Kern seines Buches bildet freilich die These von den beiden „Spielanordnungen“, wie er das nennt: der realkapitalistischen und der finanzkapitalistischen. In ersterer wird vorwiegend in materielle Produktion investiert, deshalb steigen auch die Löhne und somit der Wohlstand insgesamt. Das führt jedoch zu einem Überhang an Geldvermögen; es wird rentabler, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern – wie’s heißt – das Geld für sich arbeiten zu lassen: die finanzkapitalistische Spielanordnung. Dem Realkapitalismus ist sie abträglich. Krisen sind vorprogrammiert.

Beurteilen möchte ich Schulmeisters Thesen nicht; und wenn ich sie absichtlich kurz fasse, so hat das weder mit Kritik zu tun, noch mit Geringschätzung. Ganz im Gegenteil. Schließlich schlägt der Autor gegen Ende seines Buches ja auch eine erkleckliche Anzahl konkreter Ansätze vor, wie die unselige Herrschaft des Neo-Liberalismus aufgebrochen und überwunden werden könnte – der Weg (zurück) zur Prosperität. Diese Vorschläge zeugen von Sachverstand ebenso wie von seinem unverzichtbaren Adlatus, dem Hausverstand.

Keine Abwertung also, ganz gewiss nicht! Bloß sollte uns noch etwas klar werden, schön langsam: Man kann den Ökonomismus (also die Wirtschaftsdiktatur) nicht mittels ökonomischer Argumentation besiegen; ebenso wenig wie einst die kommunistische Diktatur überwunden werden konnte, indem man ihr Marx entgegenhielt. Im Gegenteil: Wir müssen uns von den ökonomistischen Fesseln befreien, wir müssen der Politik ihren Spielraum zurück erobern, der Demokratie. Es geht ums gestalten, nicht um die fatalistische Unterwerfung unter – angeblich – unabänderliche Gesetze der Marktwirtschaft.

Auch davon spricht Stephan Schulmeister, das soll ihm sehr zugute gehalten werden. In der „Marktreligiosität“ sieht er eine Abkehr von der Aufklärung. Das ist zwar kühn, aber durchaus zutreffend. Auf jeden Fall erzwingt dieser Gedanke geradezu die Konsequenz aufgeklärten Handelns. Ich würde mir wünschen, dass die sozialdemokratische Führungsschicht – sagen wir: die Parlamentsfraktionen in Wien und in Brüssel / Straßburg – Schulmeisters Buch aufmerksam studieren, seine Vorschläge aufgreifen und daraus ein klares Forderungsprogramm erstellen. Es wär’ höchste Zeit!

Dass solches nicht geschieht, offenbar auch nicht geschehen wird in absehbarer Zukunft, dafür kann der Autor natürlich nichts. Bleibt also nur, sein Buch zu loben, in höchsten Tönen: Ein Experte, der sich sein Herz bewahrt hat, den Blick für die menschliche Wirklichkeit, gleichzeitig aber auch seinen scharfen Verstand: a cool head for a warm heart.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt – für Leute, welche sich mit der Thematik befassen, ein Muss.

Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).

Gelesen

Namen, die keiner mehr nennt

„Ritt durch Masuren“ nennt sich eines der Kapitel im vorliegenden Buch. Wir bekamen es während unserer Busreise durch Polen letzten Herbst zu hören, und das war der Grund, warum ich die anderen Teile ebenfalls lesen wollte. Marion Gräfin Dönhoff  ist – war? – vorwiegend aus anderen Gründen bekannt: Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit, Grande Dame des gehobenen Journalismus in Deutschland, Mitstreiterin Helmut Schmidts. Sie stammte von einem hochherrschaftlichen Gut in Ostpreußen, nicht weit von Königsberg. Es ist eine versunkene Welt, die sie beschreibt – zerstört am Ende des Zweiten Weltkriegs, die alte Kultur ausgelöscht. Heute existieren – wenn überhaupt – nur noch Relikte. Die Autorin selbst entkam im Jänner und Februar 1945 der vorrückenden Roten Armee nur knapp, auf einem weiteren Ritt, dieses Mal aber gegen Westen. Auch davon berichtet sie, immer in unaufgeregt trockenem Ton. Verständlich, dass ihre Erinnerungen überwiegend liebevoll ausfallen – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber das beeinträchtigt weder die literarische noch die historische Qualität ihrer Aufzeichnungen.

Empfehlenswert? Ja, zweifellos.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen – Menschen und Geschichte (Düsseldorf und Köln: Eugen Diederichs, 1971).
Tote Seelen

Einen Schelmenroman erwartet man in der russischen Literatur nicht unbedingt, doch handelt es sich bei den Toten Seelen von Nikolaj Gogol um eben dies – genauer gesagt: beim ersten Teil des Romans, der Rest besteht nur aus Fragmenten. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, aufgewachsen in unscheinbaren Verhältnissen und mit undurchsichtiger Vergangenheit, taucht in einem Landkreis auf, um zwecks dubioser Geschäfte so genannte tote Seelen zu kaufen – also Leibeigene, die zwar gestorben sind, vorläufig aber noch auf den Steuerlisten der Gutsherren stehen. Solche Gutsbesitzer sucht der Held denn auch auf, einen nach dem anderen, und das ergibt ein Panoptikum aller möglichen, durchaus skurrilen Verhaltensweisen und Charaktere. Das Bild von der russischen Landwirtschaft, welches da gezeichnet wird, ist trostlos – und das schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (der erste Teil des Romans erschien 1842). Und die Verwaltung ist ebenso hoffnungslos korrupt. Auf der anderen Seite verdirbt westlicher Einfluss den Charakter – auch dies ein Motiv, welches wir aus späteren Werken der russischen Literatur kennen, bis hin zu Solschenizyn. Bei Gogol überrascht es insofern, als sich der Autor zwölf Jahre lang Europa anschaute – freiwillig. Was immer er dort gesehen haben mag: Ein Schuss „Westlertums“, so hat man das Gefühl, wär’ vielleicht doch nicht schlecht gewesen.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt.

Nikolai W. Gogol: Die toten Seelen oder Tschitschikows Abenteuer, übers. von Alexander Eliasberg (Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1965).
Vater Goriot

Vater Goriot von Honorè de Balzac gehört zu dessen schier endlosen menschlichen Komödie, genauer: zur Unterabteilung Szenen aus dem Privatleben. Angesiedelt ist die Handlung im Paris des Jahres 1819 – also in jener Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Im Wesentlichen geht’s nur um eins: die Oberschicht, Aristokratie samt Reichtum. Wie kann man sich dort Zutritt verschaffen? Arbeit, und sei sie noch so gehoben, Karriere, und sei sie noch so erfolgreich – nichts kommt an ein Vermögen heran, welches jährlich ein hübsches Sümmchen an Zinsen abwirft. Und um an ein solches zu gelangen, gibt’s laut Balzac nur einen Weg: Erben. Wenn schon nicht selbst, dann indem man eine vermögende Erbin heiratet. Thomas Picketty hat diesen Roman jüngst hergenommen, um seine eigenen Thesen zum Kapital im 21. Jahrhundert zu illustrieren – mehr an Aktualität geht wohl nicht.

Empfehlenswert? Ja.

Honorè de Balzac, Vater Goriot, Übersetzung aus dem Französischen von Franz Hessel (Leipzig: Paul List Verlag, o. J.).

Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).
Transcriptions

If you like spy stories you might like this book. It’s well written, no doubt, and the narrator seems lifelike enough. But then, of course, the same things could be said of a host of similar stories. Like all modern products of the genre, this one reveals not just one, but multiple layers of deception – fog is the metaphor used, not very surprisingly either.

Recommended? Well, not really – unless you’re looking for something light to read on your holidays.

Kate Atkinson, Transcriptions (London: Transworld Publishers, 2018).

You should read this

The older I get and the more books I have read, the harder I find it to write conventional reviews. Either I want to recommend a book, or I do not. If I don’t, what’s the point of talking about it? And if I do, I’m wary of spoiling a potential reader’s pleasure by giving too much away. I have also noticed how an enthusiastic review can raise expectations to the point where it engenders disappointment. The best way of recommending a book may be just doing that: I think you should read this!

Accordingly, I’d like to recommend Tara Westover’s Educated. It is a self-proclaimed ‘memoir’ but the story it has to tell is truly extraordinary: from an ignorant, violently abused teenager without any formal schooling to a PhD.

The author/narrator (let’s not quibble about technical distinctions) grows up in a remote mountainous part of Idaho, in a family governed by fundamentalist Mormon beliefs. Their father follows a largely self-sufficient lifestyle, which means – among other things – not only that the younger children, born at home, do not have birth certificates, but also that in case of illness or accident they cannot expect to see a doctor. And accidents happen with alarming frequency, due to father’s cruel indifference to dangers and injuries. Indeed, family life for all its piousness is equally characterized by horrifying physical violence.

The author manages to get away by means of education – a local university first, followed by a scholarship to Cambridge in England. Although an astonishing achievement in itself, this only makes up part of the story. The other part tells of her struggles, first to arrive at an understanding with her left-behind family and then, when these attempts fail, to come to grips with her sense of loss and even guilt.

It is not easy to convey what a thrilling read this makes; I dare say there’s more suspense here than in many a thriller. Of course, this is also due to Tara Westover’s remarkable writing power (skills would be too weak a word).

Given too much away again? Well, I hope I haven’t. In a nutshell: Yes, I would recommend this book, strongly even. You really should read this!

Tara Westover, Educated (London: Windmill Books, 2018). e-book. – A German version is available as Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss.

Different forms of love

Tell the Wolves I’m Home by Carol Rifka Brunt

15-year-old Julie is a lonely teenager; she has just lost her beloved Uncle Finn to a new, mysterious illness, AIDS (the story is set in the eighties), and she finds it hard to come to grips with her loss. At the same time, her elder sister Greta, who she used to be close to, has started to be mean and sarcastic. Julie meets Finn’s lover even though her family consider him responsible for her uncle’s death – a murderer, they say. But the two find they have a lot of things in common, most of all their memories of Finn.

Julie keeps meeting her new friend secretly; of course she will be detected before long. Things come to a tumultuous head – but that is not to be given away. It has to be said that the ending is a bit of a let-down; it smacks of literature for adolescents. Apart from this, however, the story is grippingly told and sufficiently sophisticated to captivate any reader. It seems to demonstrate in how many different forms love may come – and they are all equivalent as they can all cause the same intensity of pain.

Carol Rifka Brunt, Tell the Wolves I’m Home, paperback edn. (London: Pan Books, 2013). The novel was first published in 2012.

Second-hand books

On Helene Hanff’s 84 Charing Cross Road

Charing Cross Road in the centre of London used to be a street of booksellers. I can remember them vividly: walking up from Trafalgar Square and St. Martin’s Place you had one after another on the right-hand side. My favourite destination was the Penguin bookshop where I could get practically any book I was looking for. I recall buying Carlos Baker’s biography of Ernest Hemingway there, just out, an important piece in my nascent library at the time. Generally, however, the street was renowned for its antiquarian bookshops where connoisseurs went searching for rare and expensive editions.

This is the place the American author Helene Hanff celebrates in her – almost – eponymous 1970 book 84 Charing Cross Road. It consists of letters exchanged between herself and Marks & Co., antiquarian booksellers, or rather: their staff, mainly Mr. Frank Doel, chief buyer. The correspondence, beginning in 1949, soon strays into fields other than books and literature; this is how some kind of story develops. It only comes to an end with the sudden death of Mr. Doel in 1969.

The sequel, The Duchess of Bloomsbury Street, also published in my edition, is a diary describing the author’s first visit to London – postponed for various reasons until 1971. Now she is invited to help launch her own book in England; she’s become something of a celebrity author, much to her own surprise, and people seem to be falling over themselves to invite her for dinner or show her around London and the surrounding country.

Like so many success stories culminating in fame, it comes as something of a let-down. While the narrator was still an ordinary struggling individual in Manhattan, her chronicle was so much more engaging and endearing. But this is, of course, a minor quibble. Without doubt Mrs. Hanff’s letters and diaries make a pleasant read, and up to a point they may even count as testimony to a bygone era.

By the time she is coming to sign her book, Marks & Co. is standing empty; today, there’s nothing left but a plaque on a wall to mark the scene. There are a handful of booksellers left in Charing Cross Road, but they certainly do not define the character of the street. The only good news may be that up the road, beyond Cambridge Circus, Foyles has moved into new premises: much more spacious, better lit and better organized. In a way, it could be considered the successor to Dillons, the former university bookshop on Gower Street, now a Waterstone’s branch. (Nothing wrong with that – but just not the same, is it?)

Let me add that I obtained my copy of 84 Charing Cross Road from a second-hand bookshop – where else? Not in Charing Cross Road, it has to be admitted, but from Scoobs at the rear of The Brunswick in Bloomsbury (not far from Russell Square tube station – in case a bookworm should want directions).

Helene Hanff, 84 Charing Cross Road (London: Futura, 1976). – The two parts of this edition were first published in 1970 and 1973, respectively.