Archiv der Kategorie: Rezension

Gelesen / Just read

Howard Zinn, A People’s History of the United States

Gelesen ist eigentlich übertrieben; drin geblättert kommt der Sache viel näher. Howard Zinn hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Vereinigten Staaten anders zu erzählen, aus dem Blickwinkel der so genannten (und so oft bemühten) einfachen Leute. Und wir wollen ihm abnehmen, dass er Selbiges tatsächlich tut. Aus diesem Blickwinkel, so Zinn, schaut vieles ganz anders aus, als es in herkömmlichen Geschichtswerken geschildert wird und als man’s uns eingetrichtert hat.

Aber wie? Man muss sich klar sein, dass das Buch nur verstehen kann, wer die amerikanische Geschichte bereits kennt, ziemlich genau sogar. Für sich alleine ergibt es keine Geschichte. Vielleicht ist der Titel insofern etwas irreführend: A People’s Annotation to the History of the United States käme der Sache wohl näher. Darin besteht die erste Schwäche von Zinns Ansatz.

Das heißt nicht, das Buch könne keinen Zweck erfüllen. Wenn man sich intensiv mit – sagen wir – dem New Deal beschäftigt, vielleicht gar etwas publizieren will, dann mögen die einschlägigen Passagen durchaus nützlich sein, wertvolle Einsichten bieten. Doch kann auch das nicht über die zweite Schwäche hinweg täuschen. Wenn – sagen wir – selbst der New Deal noch enttäuscht, wenn er nicht das brachte, was sich der Autor offenbar vorgestellt hat – ja, was hat er sich dann vorgestellt? Darauf gibt’s keine Antwort. Niemals.

Empfehlenswert? – Nur unter den oben genannten Bedingungen.

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To say I’ve really read the book would be an exaggeration; leafing through is closer to the truth. Howard Zinn has set himself the goal of telling an alternative history of the United States, from the point of view of so-called (and frequently quoted) ordinary people. Let’s assume that he actually does just that. From this perspective, says Zinn, many things look rather different from the way they are presented in conventional history books, or from the way we were taught the subject.

But in what way? It is important to remember that the book can only be understood by those who already have a pretty detailed grasp of American history. On its own it doesn’t make much sense. Maybe that’s why the title is a bit misleading: A People’s Annotation to the History of the United States would probably be more fitting. This is the first weakness of Zinn’s approach.

That doesn’t mean the book can’t serve any purpose at all. If one is studying, say, the New Deal in detail, perhaps even wants to publish something about it, then the relevant passages may well be useful and may offer valuable insights. All the same, the second weakness cannot be ignored either. If, say, even the New Deal disappoints the author, if it did not produce the results he seems to envisage – well, the question is, what does he envisage? We don’t get an answer to that. Not once.

Recommended? – Only if the conditions stated above apply.

Howard Zinn, A People’s History of the United States, first Harper Perennial Modern Classics deluxe edition (New York: HarperCollins, 2010). First publ. 1980. – Eine deutsche Ausgabe erschien 2013 unter dem Titel Eine Geschichte des amerikanischen Volkes.
Amos Oz, Unter Freunden

Eine Sammlung von Erzählungen aus einem Kibbuz; da treten die unterschiedlichsten Menschen auf: Käuze, tragische Figuren. Es geht um kleine Begebenheiten des Alltags und um tief empfundene Liebe.

Viel mehr ist wohl nicht zu sagen über das Buch – aber das ist kein Tadel, sondern das genaue Gegenteil. Denn darum geht’s doch in der Literatur, oder? Wenn schon nicht ausschließlich, so doch auch, zu einem nicht unwesentlichen Teil: Menschen wie du und ich. Daraus mitreißende Literatur zu machen, das ist die große Herausforderung an den Schriftsteller. Amos Oz (1939–2018) hat sie angenommen und glorios bewältigt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ohne Wenn und Aber.

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A collection of stories from a kibbutz featuring a wide variety of people: eccentrics, tragic figures. The stories deal with small events of everyday life as well as deeply felt love.

There is probably not much more to say about the book – but that’s not meant as a criticism, quite the opposite. Because in the last analysis, that’s what literature is all about, isn’t it? If not exclusively, then at least to a considerable extent: people like you and me. To produce captivating literature from such stuff, that’s the great challenge for a writer. Amos Oz (1939–2018) has accepted it – and he has succeeded gloriously.

Recommended? – Doubtlessly, without any reservation.

Amos Oz, Unter Freunden, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler (Berlin: suhrkamp taschenbuch, 2014). – English version: Between Friends.
Jesmyn Ward, Sing, Unburied, Sing

Wieder einmal AGW, ein allgemein gepriesenes Werk. Jesmyn Wards Roman gewann 2017 den prestigeträchtigen National Book Award in den USA. Es wird also genug Leute geben, denen das Buch gefällt. Leider hat’s den Verfasser dieser Zeilen von Anfang bis Ende kalt gelassen. Sicher, da ist alles drin, was man von AGW erwartet, von technischer Finesse bis hin zu den angesprochenen Themen: Rassismus, Strafvollzug, neue Armut, ja sogar ein Schuss Übernatürliches. Gut. Aber zumindest für diesen Leser kam das alles mit viel zu vielen Worten daher, seitenweise raschelte da bloß das Papier.

Empfehlenswert? – Nun, wie gesagt: Vielen wird der Roman gefallen. Ich enthalte mich eines Urteils.

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Once again a generally acclaimed piece of literature. Jesmyn Ward’s novel won the prestigious National Book Award in the USA in 2017, so there can be no doubt that plenty of people like the book. Unfortunately it didn’t appeal to the person writing this review. To be sure, there’s everything you expect from a generally acclaimed piece of literature – technical finesse as well as an appropriate choice of topics: racism, the penal system, new poverty, even a dash of the supernatural. Very good. But for this reader at least, it all comes with far too many words, page after page of rustling paper.

Recommended? – Well, as I have said, many people will like the novel. As for myself – I beg to reserve my judgment.

Ward, Jesmyn, Sing, Unburied, Sing (London: Bloomsbury, 2018). 1st publ. 2017. – Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt erschienen.

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

[for an English version see below]

Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

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So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

[for an English version see below]

Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

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When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).

Waldheim

Michael Palumbo, The Waldheim Files

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Waldheim? Warum ausgerechnet jetzt?

Nun, triftigen Grund gibt es keinen. Ich hab’ das Buch zufällig entdeckt, in einem second-hand bookshop in Bloomsbury. Mich interessierte, wie ein angelsächsischer Autor die Angelegenheit damals sah (das Buch erschien 1988). Außerdem war ich verblüfft, dass im englischen Sprachraum überhaupt eine einschlägige Untersuchung erschienen war. Ich hatte noch nie davon gehört, hatte es auch in keiner Bibliographie gefunden.

Über den Autor hab’ ich auch nur wenig herausfinden können. Wie es scheint ist er Jurist, lehrt oder lehrte an einer amerikanischen Universität. Lange vor der leidigen Waldheim-Affäre stieß er auf ein geheimes UN-Archiv über Kriegsverbrechen. Das weckte seine Neugier. Waldheims Name tauchte dort auch auf.

Also hat der biedere Österreicher doch Kriegsverbrechen begangen? Nein, sagt Palumbo. Die Akten, die seinerzeit vorlagen, deuten auf nichts Derartiges hin, sieht man von einer eindeutigen Fälschung ab, welche aus Jugoslawien stammt. So zeichnet Michael Palumbo ein Bild, das überraschend genau mit jenem übereinstimmt, welches ich mir damals gemacht habe: Waldheim war ehrgeizig, ruhm- und ehrsüchtig, wahrscheinlich auch ein ziemlich rückgratloser Karrierediplomat. Er hat seinen Dienst bei der Wehrmacht am Balkan verschwiegen und dann, als dieser schrittweise ans Licht kam, versucht zu lügen. Damit machte er sich natürlich verdächtig – er hatte sich das ganze Schlamassel schon auch selbst zuzuschreiben. Aber Kriegsverbrechen hat er keine begangen, weit davon entfernt. Nicht einmal ein Nazi dürfte er gewesen sein – im Gegenteil.

Palumbo äußert den Verdacht, Waldheim habe das gefälschte jugoslawische Dossier gefürchtet. Er habe sich erpressbar gefühlt. Eingedenk der schändlichen Medien-Kampagne von 1986 war die Furcht wohl nicht unbegründet. Außerdem hätten auch die amerikanische, die sowjetische und die israelische Regierung von dem Akt gewusst. Das sei mit ein Grund gewesen, warum sie ihn als UN-Generalsekretär wollten: Er war fügsam.

All das ändert nichts an der Schändlichkeit der Kampagne gegen ihn. Sie wurde vor allem von der Presse getragen, von der Boulevardpresse ebenso wie von seriösen Blättern. Letztere trugen durch sensationelle Schlagzeilen zur Aufheizung der Atmosphäre bei – insgesamt also kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

Empfehlenswert? Na ja – vorausgesetzt, man interessiert sich für dieses alte Thema, was nur bei wenigen der Fall sein wird, und notwendig ist’s auch nicht. Geschrieben wär’ das Buch nach anglo-amerikanischer Manier gut, flüssig und leicht zu lesen.

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Waldheim? Why now, of all times?

Well, there’s no good reason. I found this book by accident in a second-hand bookshop in Bloomsbury. I was interested to see how an Anglo-Saxon author saw the matter at the time (the book was published in 1988). I was also amazed to learn that a relevant investigation had been published in the English-speaking world at all. I had never heard of it, nor had I found it in any bibliography.

I could hardly find out anything about the author. It seems he’s trained in law, lecturing or having lectured at an American university. Long before the Waldheim affair he came across a secret UN archive on war crimes. This aroused his curiosity. Waldheim’s name also appeared there.

So the good man from Austria did commit war crimes after all? No, says Palumbo. The files available at the time indicate nothing of the sort, apart from an obvious forgery that came from Yugoslavia. Michael Palumbo draws a picture that coincides to an astonishing degree with the one that I had arrived at myself at the time: Waldheim was ambitious, vain and glory seeking, probably also a rather opportunistic career diplomat. He concealed his service with the Wehrmacht in the Balkans and then, when it eventually came to light, tried to lie about it. Not surprisingly, this aroused nasty suspicions – he also had himself to blame for the whole mess. But he committed no war crimes, far from it. He was not even a real Nazi – rather the contrary.

Palumbo entertains the suspicion that Waldheim feared the forged Yugoslavian dossier. He felt vulnerable to blackmail. In view of the disgraceful media campaign of 1986, the fear may not have been totally unfounded. Moreover, the American, the Soviet and the Israeli governments also knew about the file. According to Palumbo, that was one of the reasons why they wanted him to be UN Secretary-General in the first place: He was compliant.

Still – nothing said so far can in any way justify the disgraceful campaign that was waged against him. Its main agent was the press, the tabloids as well as the serious papers. With their sensational headlines, even the latter contributed to the heated atmosphere. All in all, therefore, it was not one of journalism’s most glorious moments.

Recommended? Well – provided the reader is interested in such an old issue. I doubt many will be, and it’s certainly not necessary. On the other hand the book, true to Anglo-American convention, is well written, fluent, and therefore quite easy to read.

Michael Palumbo, The Waldheim Files: Myth and Reality (London: Faber and Faber, 1988).

The British Empire, I Presume?

Jan Morris, Heaven’s Command

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Der erste Teil eines Triptychons, wie sich die Autorin ausgedrückt hat, seiner linker Flügel sozusagen: Das Gesamtwerk soll das britische Empire von der Thronbesteigung der Königin Victoria (1837) bis zu seinem Ende darstellen.

Ein endgültiges Urteil wird natürlich erst zu fällen sein, wenn alle drei Teile gelesen sind. So viel kann aber schon jetzt gesagt werden: Jan Morris ist nicht nur eine bemerkenswerte Person (ich hab’ sie einmal bei Ways With Words in Dartington erlebt, als sie ihr Buch über Triest vorstellte), sie ist auch eine ganz hervorragende Schreiberin.

Der erste Band führt uns bis ins Jahr 1897. Interessant, wie vielen mythenstiftenden Begebenheiten wir da begegnen: Das reicht von der Belagerung Lucknows im Zuge der so genannten Indian Mutiny bis zur Schlacht von Isandhlwana und der damit zusammenhängenden Verteidigung von Rorke’s Drift in Südafrika; Majuba darf natürlich auch nicht fehlen – ebenso wenig wie übrigens die berühmte Begrüßung (etwas früher, etwas weiter nördlich): „Doctor Livingstone, I presume?“

Und damit sind nur ein paar Beispiele herausgegriffen. Selbst der außenstehende, da ausländische Beobachter Englands hat von solchen Begebenheiten zumindest gehört, selbst noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie gehörten zum Inventar des britischen Selbst-Bewusstseins, und zwar ganz unabhängig davon, welche Haltung ein Individuum zu derlei imperialen Dingen einnehmen mochte.

Morris schildert sie – wie mir scheint – durchaus mit Sympathie, ohne freilich je auf die ihr eigene feine Ironie zu verzichten, und ohne die hässlichen Seiten auch nur im Geringsten zu unterschlagen: die Hungersnot in Irland oder die Ausrottung der Tasmanier – um wiederum nur zwei Beispiele zu nennen. Strenge Historiker mögen so manches bemängeln an diesem Buch, für unsereins bietet es jedoch nicht bloß sehr viel Gewinn, sondern ebenso viel Lesevergnügen.

Empfehlenswert? Ohne Einschränkung. Her mit dem nächsten Band!

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The first part of a triptych, as the author herself calls it, the left-hand panel, one might say: the complete work is intended to depict the British Empire from Queen Victoria’s accession to the throne (1837) to its end.

Obviously, a final verdict will have to be postponed until all three parts have been read. A few things, however, can be said straight away: Jan Morris is not only a remarkable person (I heard her once at the Ways With Words festival in Dartington presenting her book on Trieste), she is also quite an outstanding writer.

The first volume takes us to the year 1897, and it’s interesting to see how many myth-making events we encounter on the way: They range from the siege of Lucknow in the course of the so-called Indian Mutiny to the Battle of Isandhlwana and the related defence of Rorke’s Drift in South Africa; not to forget Majuba, of course, as well as the famous greeting (a bit earlier, a bit farther north): „Doctor Livingstone, I presume?“

And these are just a few examples. Even a foreign observer of the English – and thus, an outsider – must have heard of these incidents, even in the second half of the 20th century. They were part of the inventory of British self-perception, regardless of the attitude an individual might take towards such imperial matters.

Morris, it seems to me, describes them with sympathy without ever giving up her personal touch of subtle irony and certainly without any attempt at hiding the ugly side: the famine in Ireland or the extermination of the Tasmanians, to name but two examples. Rigorous historians may find fault with her book, but for us it is not only a great source of learning, but also a pleasure to read.

Recommended? Without any reservation. Where’s the next volume?

Jan Morris, Heaven’s Command: An Imperial Progress, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 1 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1973.

Fortunes of War

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Das Kriegsglück ist wechselhaft, wie wir wissen, es lacht einmal dem einen und bald darauf dem anderen. Deshalb verwendet das Englische wohl den Plural: fortunes of war. Und genau so nennt sich eine Abfolge von Romanen, welche Oliva Manning (1908–1980) im Laufe ihres Lebens verfasst hat. Üblicherweise werden sie in zwei Bänden gruppiert, The Balkan Trilogy und The Levant Trilogy. Erschienen sind sie im Zeitraum von 1960–65 beziehungsweise 1977–80.

Im Zentrum steht Harriet, verheiratet mit Guy Pringle. Er unterrichtet im Auftrag einer nicht näher genannten Organisation – wir dürfen ruhig ans British Council denken – Englische Literatur in Bukarest. Bloß bricht in eben jenem Sommer, da Harriet und Guy heiraten, der Zweite Weltkrieg aus. Er bildet den Hintergrund zu allem, was sich in der Folge abspielt.

Davor tummeln sich die vielen, vielen Charaktere, denen Harriet und Guy begegnen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. So gesehen, gleichen die beiden Trilogien einer bei den Engländern so beliebten Gesellschaftskomödie: ein Panorama menschlicher Verhaltensweisen, anständig ebenso wie zynisch, heroisch und feige, oft genug ein bisschen skurril, wenn nicht gar grotesk. Etliche bleiben in Erinnerung: Prinz Yakimov zum Beispiel, der hochadelige Schnorrer, oder später der junge Leutnant Simon Boulderstone – und viele mehr. Die plastische Zeichnung ihrer Personen, das dürfte wohl eine der ausgeprägtesten Stärken von Olivia Manning gewesen sein.

Doch erhält die lange Erzählung zusätzliche Schärfe, weil sie auch von der Ehe der Pringles handelt. Guy ist immer aktiv, geradezu besessen von seinem Literaturunterricht, er hat zahllose Freunde, gewinnt immer neue, er braucht sie. Für Harriet bleibt nichts übrig – Guy nimmt einfach an, sie denke so wie er, sei ein Teil seiner selbst. „Sei nicht unvernünftig“, schmettert er ihre Wünsche ab. So muss Harriet ihren eigenen Weg finden; sie muss sich, wie man später gesagt hätte, emanzipieren.

Und im Hintergrund stets der Krieg. Die Pringles erleben mit, wie Rumänien nach der Niederlage Frankreichs und dem Abzug der Britischen Armee vom Kontinent den Faschisten anheim fällt. Guy und Harriet entkommen knapp der Gewalt der Eisernen Garden. Ihre Flucht führt sie nach Athen. Auch dort gibt’s eine britische Kolonie, gesellschaftliches Leben, aber schließlich diktiert wiederum der Krieg ihr Schicksal. Mit Mühe entkommen sie den Deutschen; ihre Flucht führt sie nach Ägypten. Die zweite Trilogie setzt ein, als die Wehrmacht soeben El Alamein erreicht hat, man rechnet allgemein damit, dass sie innerhalb von Stunden in Alexandria sein würde. Die britische Botschaft in Kairo hat bereits begonnen, Akten zu verbrennen.

Doch die Pringles überleben letztlich, ebenso wie ihre Ehe. Etliche ihrer Freunde und Bekannten sind nicht so glücklich – the fortunes of war. Olivia Manning hat ein beeindruckendes Monument geschaffen: nicht so sehr dem Krieg und seinen Helden, als vielmehr den Menschen; vielen durchschnittlichen, trotzdem bemerkenswerten Menschen, mehrheitlich Zivilisten, samt all ihren Schwächen, ihren Tugenden, ihren Hoffnungen – und ihren Schicksalen.

Für Fachleute sei hinzugefügt, dass sich ein Vergleich mit Evelyn Waughs Sword of Honour-Trilogie aufdrängt, nicht zuletzt wegen der Schauplätze. Glücklicherweise teilt Manning nicht jene servile Bewunderung der upper classes, welche Waughs Werk entstellt. Was ich vorziehe, dürfte klar sein. Tausche 3 Waugh gegen 1 Manning (um ein Messverfahren anzuwenden, welches Friedrich Torberg seinerzeit eingeführt hat).

Empfehlenswert? Unbedingt – allerdings handelt es sich um zwei dicke Bände, es braucht also Leser, die so was mögen: richtige Leser, bin ich versucht zu sagen.

Ursprünglich erschienenen die Teile der beiden Trilogien als einzelne Romane. The Balkan Trilogy erschien erstmals 1965 bei William Heinemann; The Levant Trilogy erstmals 1982 bei Weidenfeld & Nicolson. Ich habe alte Penguin-Ausgaben aus den Jahren 1981 bzw. 1982 gelesen.
Fortunes of War

The fortunes of war are unpredictable, as we all know; they may favour one side and then the other. That’s probably why the English language uses the plural. And that’s what a series of novels is called which Olivia Manning (1908-1980) wrote in the course of her life. They are usually collected in two volumes, The Balkan Trilogy and The Levant Trilogy. Originally these were published between 1960–65 and 1977–80, respectively.

At the centre of the story is Harriet, married to Guy Pringle. He teaches English Literature in Bucharest on behalf of an unnamed organization – it is permissible to think of the British Council. However, in the summer when Harriet and Guy get married, the Second World War breaks out. It forms the background to everything that happens afterwards.

In the foreground there are the many, many characters Harriet and Guy meet and who they have to deal with. Seen in this way, the two trilogies resemble a social comedy of the kind so popular with the English: a panorama of human behaviour, decent as well as cynical, heroic as well as cowardly, often enough a bit bizarre, if not grotesque. Quite a few of these characters will linger in the reader’s mind: Prince Yakimov, for example, the aristocratic scrounger, or later the young lieutenant Simon Boulderstone – and many more. The creation of lifelike characters must have been one of Olivia Manning’s most distinctive strengths.

The long narrative gains additional intensity because it also deals with the Pringles’ marriage. Guy is constantly busy, obsessed almost with his literature lectures, he has countless friends, always wins new ones, he actually needs them. There’s nothing left for Harriet – Guy simply assumes she thinks like him, is a part of himself. “Don’t be unreasonable,” he brushes her demands aside. And so Harriet has to find her own feet; she has to emancipate herself, as we would have said later.

And always, in the background, there’s the war. The Pringles witness Romania falling to the fascists after the defeat of France and the withdrawal of the British army from the continent. Guy and Harriet narrowly escape violence by the Iron Guard. Their flight takes them to Athens. They find another British colony there, more social life, but eventually war dictates their fate again. They manage to escape from the Germans, but only just; their flight takes them to Egypt. The second trilogy begins when the Wehrmacht has just reached El Alamein and is generally expected to occupy Alexandria within hours. The British embassy in Cairo has already begun to burn the files.

But in the end the Pringles survive, as does their marriage. Some of their friends and acquaintances are not so lucky – the fortunes of war. Olivia Manning has created an impressive monument: not so much to the war and its heroes as to people; many average yet remarkable people, mostly civilians, with all their weaknesses, their virtues, their hopes – and their destinies.

For literary experts it may be added that Manning’s books invite comparison with Evelyn Waugh’s Sword of Honour trilogy, if only due to the setting. Fortunately, Manning does not share the servile adoration of the upper classes which distorts Waugh’s work. My personal preference should be obvious. I’ll happily exchange 3 Waughs for 1 Manning (to apply a measurement method introduced by Friedrich Torberg a long time ago).

Recommended? Absolutely – although the two volumes are quite long and so require readers who like this sort of book: real readers, I am tempted to say.

Originally, the parts of the two trilogies were published as individual novels. The Balkan Trilogy was first published in 1965 by William Heinemann; The Levant Trilogy was first published in 1982 by Weidenfeld & Nicolson. My copies are the Penguin editions from 1981 and 1982.

 

 

 

Gelesen / Just read

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine

Ich hab’ keine Ahnung, was gescheite Leute zu dem Roman der jungen schottischen Autorin sagen: Vielleicht ist er ihnen zu seicht. Und tatsächlich könnte man argumentieren, das Ende habe etwas Kitschiges an sich. Was glückliche Enden freilich so an sich haben. Andererseits strahlt der Roman einen Optimismus und damit eine Stärke aus, die anderen abgeht. Im Zentrum steht die Hilfsbereitschaft durchschnittlicher Menschen ohne großen Ehrgeiz. Sie bringt die Handlung in Gang, sie bringt schließlich die Lösung – selbst für eine verschreckte, verbitterte alternde Jungfer.

Empfehlenswert? – Ja, ganz ohne Einschränkung.

I have no idea how clever people react to this novel by a young Scottish author: They may well find it rather thin. And indeed, one could argue that the ending has something kitschy about it; but then, this is the way with happy endings. On the other hand, the novel projects a sense of optimism and thus strength that others sadly lack. The focus is on the helpfulness of average people without much ambition. This is the quality that gets the plot going and finally leads to a denouement  – even for a frightened, embittered ageing spinster.

Recommended? – Yes, without reservation.

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine (London: HarperCollins, 2017).
Jonathan Coe, Middle England

Was gescheite Leute hingegen zum Roman von Jonathan Coe sagen, ist klar: Er handelt ja von ihnen. Hauptfigur ist – man glaubt es nicht – ein millionenschwerer Schriftsteller.

Wobei der Autor brillant erzählt. Sein Roman liest sich spannend und unterhaltsam von Anfang bis Ende, und das obwohl er letztlich von nichts anderem handelt als von einer kleinen Gruppe schnatternder Intellektueller: the chattering classes. So was hinzukriegen, zeugt schon von gehörigem Talent.

Nur tieferer Sinn steckt keiner dahinter. Und schon gar kein politischer – denn auch der wurde dem Roman von eifrigen Rezensenten zugeschrieben, von wegen Brexit und so. Sogar von einem state-of-the-nation Roman war die Rede! Nichts dergleichen – dazu ist der gesellschaftliche Horizont viel zu beschränkt.

Empfehlenswert? – Als reine Unterhaltung, ja. Man darf sich nur nicht zu viel erwarten.

Whereas it’s abundantly clear how clever people react to the novel by Jonathan Coe: After all, it is about themselves. The main character is – believe it or not – a millionaire writer.

And yet, the author is a brilliant narrator, and his novel makes fascinating as well as amusing reading from beginning to end, even though it isn’t really about anything but a small group of intellectuals – the chattering classes. To pull this off is no mean achievement and testimony to considerable talent.

As long as one is not hoping for any deeper meaning; and certainly not in a political sense, which has also been attributed to the novel by friendly reviewers: Brexit, and so on. There has even been talk of a state-of-the-nation novel! Far from it – the range is just too limited for any such thing.

Recommended? – If you’re looking for pure entertainment, yes; just don’t expect anything else.

Jonathan Coe, Middle England (London: Viking, 2018).
Margaret Laurence, A Jest of God

Margaret Laurence (1926–1987) zählt inzwischen zu den Klassikern der kanadischen Literatur. Einige ihrer Romane sind in der fiktiven Kleinstadt Manawaka in der Provinz Manitoba angesiedelt, so auch dieser hier. Er handelt von der verschüchterten Lehrerin Rachel Cameron, der übel mitgespielt wird – von den lieben Mitmenschen ebenso wie vom Schicksal. Ihre Schweigsamkeit, ihre Angst offen zu reden, die daraus resultierenden Missverständnisse, die tragen das ihre dazu bei. Die Geschichte endet nicht gut, aber ausgesprochen schlimm auch nicht. Wie könnte es auch anders sein?

Interessant: Der Roman ist 1966 erschienen. (Ich hab’ ihn erstmals so um 1977 oder ‘78 gelesen.) Offenbar sind die sechziger Jahre zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Manawaka angekommen – ebenso wenig übrigens wie in Innsbruck. Oder ist das traurige Leben der Heldin bewusst als Kontrapunkt gesetzt?

Empfehlenswert? – Durchaus, obwohl’s schon ein bisschen Geduld und Leseerfahrung braucht.

Today, Margaret Laurence (1926–1987) is considered one of the major figures in Canadian literature. Some of her novels are set in the fictional small town of Manawaka in the province of Manitoba, as is this one. It is about the shy and inhibited schoolteacher Rachel Cameron, who is dealt a rotten hand – by people just as much as by fate. This is aggravated by misunderstandings created by her taciturn ways, by her reluctance to speak openly. Her story does not end well, but not overly disastrous either. How could it be otherwise?

It is interesting to note that the novel was published in 1966. (I first read it around 1977 or ’78.) Obviously the Sixties have not arrived in Manawaka yet – nor had they in Innsbruck, by the way. Or is the heroine’s sad life deliberately set as a counterpoint?

Recommended? – By all means, although a certain amount of patience and reading experience may be required.

Margaret Laurence, A Jest of God (Toronto: McClelland and Stewart, 1974). 1st publ. 1966.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Ein Realist ersten Ranges

Anna of the Five Towns von Arnold Bennett

[for an English version, see below]

Als ich englische Literatur studierte, da kam Arnold Bennett praktisch nicht vor. Er hatte das Pech, zu spät geboren zu sein für einen Realisten – er lebte von 1867 bis 1931. Damit geriet er mitten hinein in die Moderne: Virginia Wolf, Bloomsbury. Diese Leute verachteten ihn wegen seiner Herkunft und seiner handwerklichen Einstellung zum Schreiben.

Inzwischen ist uns die Moderne allerdings auch ein bisschen ranzig geworden. Bennett hat hingegen eine Art Wiedergutmachung erfahren, seit ihn der Literaturwissenschaftler John Carey zu seinem Lieblingsautor erklärte. [1] Wie’s heute um seinen Ruf steht, weiß ich nicht.

Aufgrund meiner Leseerfahrung stimme ich John Carey jedenfalls zu, voll und ganz. Es ist nicht nur so, dass da ein Realist ersten Ranges zu uns spricht; vielmehr hat er den Realismus auch nachhaltig weiter entwickelt. Zwei Aspekte fallen mir sofort ein:

Erstens, die Realität, welche er beschreibt. Sie ist zumeist in den Five Towns angesiedelt, also jener Agglomeration, welche heute als Stoke-on-Trent bezeichnet wird. Das war – und blieb – Arnold Bennetts Heimat. Und dabei handelt es sich um das Herz der Potteries, wo einst alle unsere mugs herkamen, unsere Kaffeehaferln. Folglich beschreibt er Menschen aus den Midlands, einer Industrieregion. Selbstverständlich war so etwas keineswegs.

Zweitens, die Frauen. Nicht bloß stellen sie oft die Hauptfiguren seiner Romane so wie in diesem hier, oder im Falle von The Old Wives’ Tale; sie sind auch – ja, sie sind überraschend selbständig, selbstbewusst. Sie sind, wenn man so will, tatsächlich Heldinnen, ganz anders als, sagen wir, bei Anthony Trollope – um von Charles Dickens erst gar nicht zu reden.

Das gilt auch für Anna im hier besprochenen Roman, obwohl’s am Anfang gar nicht so ausschaut: Da lebt sie nämlich unterdrückt und praktisch entmündigt im Haus ihres diktatorischen, geizigen Vaters (Ebenezer Scrooge mit Kindern). Doch als ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag unversehens ein reiches Erbe zufällt, da macht sie sich aller Unerfahrenheit zum Trotz auf ihren Weg. Den muss sie allerdings erst noch finden. Einfach ist’s nicht – es stehen schmerzliche Entscheidungen an, immerhin ist sie zur Gläubigerin geworden. Und ihr Vater bleibt eine unerbittliche Autorität. Herzensangelegenheiten spielen natürlich auch eine Rolle, klar, in diesem Falle allerdings ohne happy ending. Aber darum geht’s nicht. Was beeindruckt, das ist Annas Festigkeit – ihr Charakter.

Ich weiß nicht, ob andere den Roman so aktuell finden werden wie ich. Ich lese die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts oder – wie in diesem Falle – des frühen 20. Jahrhunderts (erschienen 1902) immer noch mit Interesse, mit Spannung und mit Freude. Sie haben mir nach wie vor etwas zu sagen – mehr als so mancher zeitgenössische Roman. Aber was? Nun, darüber bin ich mir selbst nicht ganz klar. Aber was ändert das schon?

Empfehlenswert? – Meiner Ansicht nach: ja.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
Anna of the Five Towns by Arnold Bennett

When I was studying English literature, Arnold Bennett was practically non-existent. He had the misfortune to be born rather late for a realist – he lived from 1867 to 1931. And thus, he became a contemporary to the moderns: Virginia Wolf, Bloomsbury. These people despised him for his background and for his craftsman’s approach to writing.

In the meantime, however, modernity has in turn become a bit stale. Bennett, on the other hand, has enjoyed a certain renaissance since literary scholar John Carey declared him his favourite author. [2] I’m not sure about his standing today.

In any case, because of my reading experience, I agree with John Carey, wholeheartedly. It’s not just that a realist of the first order is speaking to us; rather, he has also developed realism in a substantial way. Two aspects come to mind immediately:

First, the reality he describes. It is mostly located in the Five Towns, the conurbation which is known as Stoke-on-Trent today. It always remained Arnold Bennett’s sentimental home. And it used to be the heart of the Potteries, where all our mugs once came from. Consequently, he describes people from the Midlands, an industrial region – a remarkable feat at the time he was writing.

Second, women. Not only are they often the main characters in his novels as in this case, or in the case of The Old Wives‘ Tale; they are also – well, they are surprisingly self-reliant, self-confident. You could say that they are real heroines, unlike, say, Anthony Trollope’s female characters – not to mention Charles Dickens.

This also applies to Anna in the novel discussed here, although it starts inauspiciously enough: Initially, Anna lives in the household of her dictatorial, tight-fisted father (Ebenezer Scrooge with children), subdued and dependent. But when she unexpectedly comes into a wealthy inheritance on her eighteenth birthday, she sets off on her own course in spite of all her inexperience, even though that course has yet to be determined. It’s not easy – there are painful decisions to be made; after all, she has become a creditor. And her father remains an unrelenting authority. Of course, tender feelings also play a role, in this case however without a happy ending. But that’s not the point. The reader is impressed by Anna’s firmness – her character.

I do not know if others will find the novel as up to date as I do. I still read realistic literature of the nineteenth century or, as in this case, the early twentieth century (published in 1902) with interest, with excitement and with joy. I feel that these books are telling me something – more than many a contemporary novel. But what? Well, I’m not sure. But does that make any difference?

Recommended? – Well, if you ask me: yes.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
[1] Das geschah in seinem Buch Hass auf die Massen: Intellektuelle 1880–1939 (Göttingen: Steidl, 1996).

[2] In The Intellectuals and the Masses: Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880–1939 (London: Faber, 1992).

Gelesen

Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).