Archiv der Kategorie: Rezension

Das Café Schindler

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Meriel Schindler, The Lost Café Schindler

Das Café Schindler in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße sei so etwas wie eine Institution gewesen, betont die Autorin mehrmals, und das stimmt mit dem überein, was mir meine Mutter erzählt hat. Ihre Eltern pflegten in der Zwischenkriegszeit am Samstag Nachmittag ins Schindler zu gehen, um Leute zu treffen, Konversation zu betreiben – und natürlich um zu tanzen. Die Kinder ließen sie alleine daheim, was diese, und besonders der ältere Bruder, zu allerlei Schabernack nutzten. Später diente das Schindler als alternatives Lokal, als meine Mutter, die Vierteljüdin, von der Teilnahme am Maturakränzchen ihrer Abschlussklasse ausgeschlossen wurde. Am Ende fand sich ein beträchtlicher Teil der Maturantinnen im Schindler ein, weil’s dort lustiger zuging. Sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, frequentierte auch meine ältere Schwester das Café noch. Das wäre wohl in den sechziger Jahren gewesen. Ob sie dort tanzte oder bloß nach Kaffeehausart mit Freunden und Bekannten tratschte – pardon, Konversation pflegte –, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Jede Menge persönlicher Bezüge also, und man kann sich vorstellen, wie begierig ich nach dem Buch griff, als es mir bekannt wurde. Das Café wurde von Hugo Schindler gegründet und lange Zeit geführt, dem Großvater der Autorin. Von den Nazis enteignet, wurde es von einem gewissen Franz Hiebl übernommen. Ausnahmsweise gelang es ihm, das Café weiterzuführen, noch dazu einigermaßen erfolgreich. Die Regel war das nicht. Zumeist führten die strammen Parteigenossen, denen die arisierten Geschäfte zugeschanzt wurden, selbige stracks in den Konkurs.

Doch Meriel Schindler geht’s auch um die Familiengeschichte. Die erweist sich als weit verzweigt und reicht hinauf nach Böhmen und Mähren. Meriel Schindler geht jeder einzelnen Spur nach, stets untermauert mittels ungezählter Dokumente, sogar jener, die ziemlich vage und weit hergeholt zum berühmten Doktor Bloch in Linz führt, der Hitlers Mutter um geringes Honorar behandelte und sich solcherart des Führers bleibenden Dank einhandelte. Dank der Privilegien, die er deshalb genoss, überlebten er und seine Familie die Nazi-Herrschaft.

Eine weitere Exkursion unternimmt die Autorin anlässlich der „Operation Brooklyn“, über welche die Historiker Peter Pirker und Matthias Breit kürzlich geschrieben und veröffentlicht haben, obwohl die Protagonisten dieser Geheimdienst-Operation über keinerlei Verbindung zum Café Schindler verfügten. Womit wir zugleich bei einem wichtigen Aspekt dieses Buches angelangt sind. Es ist nämlich ungeheuer ausführlich und detailreich. Die Autorin, von Beruf Anwältin in London, ist einerseits äußerst findig und zielstrebig beim Auffinden von Dokumenten, andererseits kann sie in ihrem Forscherdrang und ihrem Finderglück aber einfach kein Stückchen Papier auslassen, keine Information, und sei sie noch so minimal. Im Laufe der Lektüre wird das einfach zu viel. Danke, sagt der Leser (na ja, zumindest dieser Leser), mich interessiert die Familie Schindler sehr wohl – aber so genau wollt’ ich’s eigentlich nicht wissen!

Es fragt sich, wer eine derart detailreiche Schilderung lesen soll. Das einheimische Publikum wohl kaum; wen’s interessiert, der kennt derlei Geschichten, abgesehen von ein paar Details, zur Genüge. Aber eigentlich wurde das Buch ja für eine englische oder doch zumindest englischsprachige Leserschaft geschrieben. Ob die sich für all die Einzelheiten interessieren, das muss dahingestellt bleiben.

Was uns betrifft, bleibt zu vermelden, dass wir unsere „jüdischen Spaziergänge“ unter dem Motto „Was mir meine Großmutter erzählt hat“ zumeist in der Maria-Theresien-Straße beendeten, angesichts des Kaufhaus Tyrol – und des Café Schindler. Das befand sich inzwischen allerdings unter neuer Führung und nannte sich schlicht „das Schindler“. Trotzdem verstand es sich geradezu von selbst, dass wir eben dort unseren Spaziergang ausklingen ließen.

Meriel Schindler, The Lost Café Schindler: One Family, Two Wars and the Search for Truth (London: Hodder & Stoughton,2021). ebook.
The Lost Café Schindler

The Café Schindler in Innsbruck’s Maria-Theresien-Straße was something of an institution, the author emphasises several times, and this agrees with what my mother told me. Between the wars her parents used to go to the Schindler on a Saturday afternoon in order to meet people, make conversation – and of course to dance. They left their children at home, which they, and especially the elder brother, used for all kinds of mischief. Later, the Schindler served as an alternative venue when my mother, who was part Jewish, was excluded from taking part in the celebrations of her graduating class. In the end, a considerable number of the graduates went to the Schindler because it was more fun there. If my memory doesn’t deceive me, my older sister also frequented the café. That would have been in the sixties. Whether she danced or just gossiped – pardon, conversed – coffee house style with her friends and acquaintances escapes me.

There are a lot of personal references and one can imagine how eagerly I grabbed the book when it came to my attention. The café was founded and run for a long time by Hugo Schindler, the author’s grandfather. Expropriated by the Nazis, it was taken over by a certain Franz Hiebl. For once, he managed to keep the café going, and with some success. That was not the rule. Most of the time, the obedient party comrades who were given aryanised businesses led them straight into bankruptcy.

But Meriel Schindler is also interested in the history of her family. It turns out to be far-reaching, well into Bohemia and Moravia. She follows every single lead, always supported by countless documents, even those that lead rather vaguely to the famous Doctor Bloch in Linz, who treated Hitler’s mother for a small fee and thus earned the Führer’s lasting gratitude. Thanks to the privileges he consequently enjoyed, he and his family survived Nazi rule.

The author takes another excursion on the occasion of „Operation Brooklyn“, about which local historians Peter Pirker and Matthias Breit have recently written and published, although the protagonists of this secret service operation had no discernible connection to the Café Schindler. Which brings us to an important aspect of this book. It is remarkably far-reaching and rich in detail. The author, a lawyer in London by profession, is on the one hand extremely resourceful and determined when it comes to uncovering documents, but on the other hand, in her enthusiasm for research and her luck in finding what she’s looking for, she simply cannot leave out any piece of paper, any piece of information, no matter how marginal. For the reader, this eventually becomes too much. Thank you, he or she says (well, at least this one says), I’m very interested in the Schindler family – but I didn’t really want to know so much!

The question is who should read such a detailed account. Hardly the local readership; those who are interested know such stories sufficiently well, apart maybe from a few details. But then of course the book was written for an English or at least English-speaking readership. Whether they are interested in all the details remains to be seen.

As far as we were concerned, it remains to report that we mostly ended our “Jewish walks” under the motto of “What my grandmother told me” in the Maria-Theresien-Straße, in view of Kaufhaus Tyrol – and of the Café Schindler. In the meantime, however, it was under new management and called itself simply “the Schindler”. Nevertheless, it was only natural that we concluded our walk there.

Meriel Schindler, The Lost Café Schindler: One Family, Two Wars and the Search for Truth (London: Hodder & Stoughton,2021). ebook.

Als Arbeiterin in den Putilow-Werken

Lili Körber, Eine Frau erlebt den Roten Alltag

Von Lili Körber war hier schon des öfteren die Rede, und zwar – wie ich ebenfalls schon gesagt habe – mit Absicht. Ich befinde mich nämlich auf so einer Art Werbefeldzug für diese weitgehend vergessene österreichische Schriftstellerin. Sowohl als solche, als auch als selbständige, herausfordernde Frau hätte sie wahrlich Besseres verdient.

Wir sind im Zuge dieser Kampagne bereits ihren Werken Die Ehe der Ruth Gompertz; Begegnungen im Fernen Osten; sowie Eine Österreicherin erlebt den Anschluss begegnet. Den Roten Alltag hat Lili Körber allerdings schon früher erlebt, nämlich während eines längeren Aufenthaltes in der – damals noch relativ jungen – Sowjetunion 1930. Im Zuge dieses Aufenthaltes verdingte sich Lili Körber zwei Monate lang als ungelernte Arbeiterin in den legendären Putilow-Werken in Leningrad.

Diese Putilow-Werke spielten und spielen – unter dem Namen Kirowwerke – eine bedeutende Rolle in der Geschichte der russischen Industrialisierung. Ursprünglich ein wichtiger Maschinenbau-Betrieb, entwickelten sich die Werke zu einem ebenso wichtigen Rüstungskonzern. Ein Streik der Belegschaft geriet zu einem Meilenstein auf dem Weg zur Februarrevolution 1917. Die Arbeiterinnen, denen Lili Körber begegnet, zählen somit quasi zur proletarischen Elite.

Aber warum? Warum trat Lili Körber in diese Werke ein? Noch dazu als einfache Arbeiterin? Zum Zwecke der Recherche an der Basis? Glaubt man ihr – als Verfasserin des Tagebuches, als welches sich das Buch darbietet – glaubt man also der Tagbuch-Erzählerin Lili Körber, so ist dies keineswegs der einzige, vielleicht nicht einmal der wichtigste Grund. Der heißt vielmehr Ralph und ist ein amerikanischer „Spez“, also ein Spezialist, welcher beim Aufbau der sowjetischen Industrie helfen soll. Später wird er versetzt und entschwindet. Zu diesem Zeitpunkt schwärmt selbige Erzählerin aber schon für einen Arbeiter im Betrieb. Auch diese Schwärmerei bleibt allerdings unerfüllt.

Das heißt nicht, Lili Körbers Bericht sei wertlos. Ganz im Gegenteil! Es ist diese ständige Vermischung, dieses Ineinanderfließen von Privatem und Politischem, von Gefühl und Verstand, welche Körbers Schilderungen so anschaulich machen, so nachvollziehbar für normale Menschen wie du und ich (aber wahrscheinlich nicht für stramme Leninisten). Wir erfahren viel über die Arbeitsbedingungen in den Putilow-Werken, über Lilis Mitarbeiterinnen, ihre Sorgen, aber auch ihre freundliche Hilfsbereitschaft. So sehr sich Lili bemüht, zu einer russischen Arbeiterin zu werden, mit ihrer Kollegenschaft in proletarischer Solidarität zu verschmelzen, sie bleibt letztlich doch die westliche Intellektuelle. Dafür sorgen allerdings auch ein paar Eskapaden ihrerseits. Finanziell, so stellt sie fest, bräuchte sie überhaupt nicht zu arbeiten, denn was sie durch ihren Journalismus verdient, übertrifft den Arbeiterlohn bei weitem: ein Paradoxon, das ihr schon damals auffiel und das auch unsereins immer wieder beschäftigt haben dürfte.

Wir lernen aber auch einiges über das Privatleben dieser Menschen, zusammengepfercht in den einzelnen Zimmern früherer Wohnungen; über die Freizeitgestaltung, etwa in Form von Betriebsausflügen zu diversen Sehenswürdigkeiten, unter anderem zum Schloss Peterhof, der ehemaligen Sommerresidenz des Zaren. Bildung, Weiterbildung spielt ganz allgemein eine große Rolle in der Freizeit und im Betrieb. Man merkt den Arbeiterinnen den Stolz über ihre neu gewonnene Stellung an: als respektierte Mitarbeiter und nicht mehr als ausgebeutete Leibeigene. Aus diesem Grunde verspüren sie wohl jene Verantwortung, aus der heraus der Betrieb am Laufen gehalten wird. Es gibt auch gegenseitige Kontrolle, wie Lili selbst erfahren muss, und in schweren Fällen gibt es Belegschaftsgerichte – letztere mit allen unleidlichen Begleiterscheinungen wie etwa parteiischer Bevorzugung. Auch darüber berichtet Lili Körber, immer im selben Tonfall. So auch von der Verhaftung eines Wohnungsgenossen durch die GPU. Zu ihrer Enttäuschung fällt die allerdings höflich und zivilisiert aus. Sie hätte gern Spektakuläreres gesehen.

Aus heutiger Sicht sucht man natürlich ständig Hinweise auf den Stalin’schen Terror, auf Bespitzelung, Angst, Unterdrückung. Solche findet man aber nicht. Verschwiegen? Es besteht kein Zweifel, dass Lili Körber der Sowjetunion mit großer Sympathie begegnete. Das mochte ihre Sichtweise wohl gelenkt haben. Man täte ihr aber unrecht, wenn man sie zur Apologetin degradierte. Das verbietet ihr undogmatischer, auf den Einzelfall, auf den einzelnen Menschen gerichteter Blick. Historisch gesehen, bewegte sie sich in einem Zwischenabschnitt: Die Neue Ökonomische Politik war soeben zu Ende gegangen, womit sich Stalin mit seiner bürokratischen Diktatur langsam, aber unerbittlich etablieren konnte; doch bis zum Einsetzen der Kollektivierung samt ihrer Schrecken waren es noch ein paar Jahre. Da kann man sehr wohl den Enthusiasmus für das soziale Experiment verstehen, welches damals ja auch die Wirklichkeit in der Sowjetunion prägte.

Wie sehr sich das in den folgenden Jahren ändern sollte, geradezu ins Gegenteil verkehren, daran erinnert uns, die Leser unserer Zeit, ein Besuch, den die Tagebuchschreiberin einem „Abortarium“ abstattet, also einer Abtreibungsklinik. Abtreibung war damals in der Sowjetunion nicht bloß erlaubt, sondern weitgehend entstigmatisiert. Nicht viel später trat genau das Gegenteil ein, da standen schwere Strafen darauf. Das war einer der vielen Punkte, die linientreue Kommunisten nicht bloß verdauen, sondern unter Selbstverleugnung aktiv verteidigen mussten.

Besagte journalistische Honorare gestatten es der Erzählerin schließlich sogar, die Heimreise per Flugzeug anzutreten – im Jahre 1930! Eine westliche Intellektuelle, in der Tat. Doch scheint mir Lili Körbers Bericht vom roten Alltag eben deshalb bemerkenswert, bis heute: eine westliche Frau; in den Putilow-Werken; voll Interesse, eine undogmatische und daher schwer zu täuschende Beobachterin, die ständig und ganz automatisch das Persönliche mit dem Allgemeinen, das Private mit dem Öffentlichen vermengt. Nicht bloß ist so ein Bericht immer noch lesenswert – eigentlich: ein Lesevergnügen –, man wünscht sich unwillkürlich, wir hätten heute ein paar solcher Lili Körbers. Leider ist ihr Buch nur schwer aufzutreiben. Neu aufgelegt wurde es nicht mehr – nur die Verleger-Branche mag wissen, warum. (Wahrscheinlich weiß sie’s nicht). Mit unwahrscheinlichem Glück habe ich ein antiquarisches Exemplar zu einem erschwinglichen Preis ergattert. Aber wär’ das nicht eine lohnende Aufgabe fürs Literaturhaus und dergleichen gut gefütterte Institutionen? Endlich dafür zu sorgen, dass diese Österreicherin, diese selbstbewusste Frau und brillante Schriftstellerin, wieder ein bisschen ins literarische Bewusstsein dringt?

Lili Körber, Eine Frau erlebt den roten Alltag: Ein Tagebuch-Roman aus den Putilowwerken (Berlin: Rowohlt, 1932).
(Alpenfeuilleton)
Abtreibung in der Sowjetunion

Ich habe den Besuch der Autorin in einem „Abortarium“ erwähnt, also in einer Abtreibungsklinik, sowie die freizügigen Gesetze, die diesbezüglich in der Sowjetunion damals noch herrschten, was sich freilich im Laufe der dreißiger Jahre drastisch geändert habe. Und da fällt mir, unabweislich wie immer, eine Anekdote ein. Überliefert wurde sie, wie könnte es anders sein, von Friedrich Torberg. Und wieder einmal kann ich’s mir einfach nicht verkneifen, sie wiederzugeben.

Was ich hier berichte, beziehe ich aus den Erben der Tante Jolesch, genauer aus dem Kapitel „Der Zwischenrufer Epstein und andere Originale“. Dieser Herr Epstein hatte es sich zum Hobby gemacht, kommunistische Vortragende durch scharfsinnige Einwände bei ihrer Lobpreisung der Sowjetunion außer Schritt zu bringen. Das ganze spielt sich in den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ab, und zwar bezeichnender Weise anlässlich von Veranstaltungen so genannter „Bert-Brecht-Clubs“.

Eines Abends, so Torberg (ich zitiere wörtlich), entwickelte sich im Anschluss an einen Vortrag über das sowjetische Eherecht eine besonders lebhafte Diskussion. Die oppositionellen Wortmeldungen liefen fast durchweg darauf hinaus, dass die sowjetische Wirklichkeit sich immer weiter von ihren ursprünglichen Idealen entfernte, dass alles, was einen jungen Menschen einmal zum Kommunismus hingezogen hätte, längst beim Teufel wäre – die sowjetischen Ehegesetze überträfen die kapitalistischen bei weitem an bürgerlicher Strenge, freie Liebe begegne puritanischen Hindernissen, auf Abtreibung stünden strenge Strafen, und dergleichen mehr. Die Fragen an den verzweifelten Diskussionsleiter bezogen sich alsbald auch auf aktuellere Anlässe, vor allem auf das Schicksal der deutschen Kommunisten, die sich in die Sowjetunion gerettet hätten und dort von den stalinistischen Säuberungswellen verschluckt worden waren – was mit der Schauspielerin Carola Neher geschehen sei, wollte jemand wissen, ein andrer fragte nach Zenzi Mühsam, der sechzigjährigen Witwe des von den Nazi ermordeten Dichters Erich Mühsam, der Vorsitzende versuchte den Fragesteller zu überhören, aber der ließ sich nicht abschütteln: „Ich will wissen, warum die Zenzi Mühsam verhaftet wurde!“ insistierte er, und in das verlegene Schweigen auf dem Podium ertönte Epsteins Zwischenruf:
„Vielleicht hat sie abgetrieben.“

Friedrich Torberg, Die Erben der Tante Jolesch (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1981), S. 47–48.

Eine Österreicherin erlebt den Anschluss

Anfang 1933 hielt sich Lili Körber in Berlin auf und wurde so Zeugin der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland. Sie verarbeitete das, was sie dort beobachtete, in dem teils fiktionalen, teils dokumentarischen Roman Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland, später neu aufgelegt unter dem Titel Die Ehe der Ruth Gompertz. Davon war an dieser Stelle ja schon die Rede. Eine Zeit später, die uns heute kurz erscheinen mag, damals aber wohl viel länger wirkte, erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich, die Machtergreifung der Nazis in diesem Lande, kurz: den Anschluss. Und auch daraus gestaltete sie einen Roman: Eine Österreicherin erlebt den Anschluss.

Von der Struktur und der Technik her ist er ähnlich dem ersten. Wieder haben wir’s mit einer Liebesgeschichte zu tun, die sich der brutalen Wirklichkeit der Nazis gegenübersieht. Die Erzählung umspannt den Zeitraum vom 12. Februar 1938, also dem Tag des fatalen Treffens von Hitler und Schuschnigg am Berghof, bis zum 18. März. Wieder wird die Erzählung unterspickt durch Reden, Proklamationen, Gesetze. Und wieder haben wir’s deswegen noch lange nicht mit einem dokumentarischen Roman zu tun oder um sonst eine literaturgeschichtliche oder ‑wissenschaftliche Marotte. Die Dokumente und die Liebesgeschichte, die gehören zusammen, sind aus einem Stück, ganz einfach deshalb, weil die Protagonisten ihr Leben, die Welt um sich herum genauso erleben. In meinen Ohren klang unablässig die Stimme meiner Mutter, wie sie mir einst erzählte, sie habe die Kapitulation Schuschniggs am Obersalzberg im Radio miterlebt, während sie auf der Seegrube in einem Liegstuhl in der Sonne lag, ehe sie in ihrer Gruppe von Freundinnen und Freunden mit den Schiern abfuhr. Die Empörung war immer noch aus ihren Worten herauszuhören.

Bei Lili Körber fungiert die junge Agnes als Erzählerin; oder genauer: als Tagebuchschreiberin, denn genau so ist der Roman konzipiert, ohne freilich je in die Monotonie zu verfallen, die dem Format ansonsten gerne anhaftet. Es gibt genug interessante Figuren, angefangen bei ihrem Freund samt seiner großbürgerlich-jüdischen Familie, weiter zu Agnes’ Chef, Dr. Loewy, sowie dessen Lektor Dr. Guggenheim; über ihre Wohnungsgenossin, eine emigrierte Russin, bis hin zu ihrem Bruder Franz und dessen Frau Mitzi, beide aufrechte Sozialisten bzw. Sozialistinnen; im Falle von Mitzi sogar ausgesprochen kämpferisch. Die Sympathien von Agnes liegen ganz eindeutig bei ihrer Familie im Karl-Marx-Hof. Das definiert ziemlich genau, wo sie steht: gegen die Nazis, klar, aber auch gegen den Ständestaat, dessen Soldaten und Heimwehrler den Karl-Marx-Hof beschossen hatten  und denen so viele Arbeiter zum Opfer gefallen waren.

Nach dem 12. Februar macht sich bei Freunden, Genossen und Familienangehörigen von Agnes zunächst Niedergeschlagenheit breit. Diejenigen, die am unmittelbarsten betroffen sind, nämlich jüdische Mitbürger, flüchten sich in einen träumerischen Optimismus. Sie hoffen auf die Westmächte, womöglich gar auf Mussolini. Dann scheint Bundeskanzler Schuschnigg mit seiner Rede vom 24. Februar das Ruder noch einmal herum zu reißen. Die Nazis verschwinden kleinlaut von den Straßen, patriotische Österreicher können den Kopf wieder hoch tragen, patriotische Plakate werden auf Lastwagen durch die Straßen gefahren, österreichische Parolen skandiert. Und dann, noch einmal zwei Wochen später, ist plötzlich alles aus. Wer kann, der flieht.

Es ist Lili Körber gelungen, das Beklemmende an dieser Geschichte ergreifend zu vermitteln: das Unheil, das näher kommt, gleichgültig was der Einzelne oder die Einzelne denken, urteilen oder gar unternehmen mag. Die Nazis kriechen aus ihren Winkeln hervor, früher biedere Mitbürger entpuppen sich als Hexenlehrlinge. Ein einstmals geschasster Büroangestellter in Agnes’ Verlag taucht wieder auf, in Uniform versteht sich und mit Spießgesellen, und führt den Verlagsleiter ab. Auch von Agnes will er den Pass. Sie reagiert geistesgegenwärtig und nutzt die gewonnene Zeit um zu fliehen – nach Zürich, zu ihrem Bruder Franzl, der als Sozialdemokrat dort längst angekommen ist. Die Zugfahrt gestaltet sich noch zu einer letzten Nervenprobe, doch dann –

Plötzlich ging wieder ein Ruck durch den Zug, aber er war nicht mehr feindlich, nein. Auf dem Bahnsteig blieben die Burschen mit den braunen Hemden und den Hakenkreuzbinden zurück. Wir standen an den Fenstern mit verkrampften Fäusten. Keiner dachte daran, daß er die Heimat verließ, nur raus wollten wir, nur raus. Da, das Fürstentum Liechtenstein, schon neutraler Boden, und endlich, endlich das heißersehnte Buchs! – Alle Reisenden sahen anders aus. Alle sind wieder Menschen geworden. – Ein Beamter in fremder Uniform geht ruhig durch den Zug und verlangt die Pässe…

Agnes hat die Grenze von der Barbarei zur Zivilisation überschritten. (Ich habe Ähnliches später selbst beim Grenzübertritt am Eisernen Vorhang erlebt.)

Das wahre Ausmaß dieses Gegensatzes, das konnte Lili Körber damals freilich noch gar nicht ahnen. So wie ihre Heldin entkam sie selbst dem Zugriff der Nazis in die Schweiz. Sie ging nach Paris, wo sie den vorliegenden Roman verfasste. Veröffentlicht wurde er unter dem Pseudonym Agnes Muth (der Name der Protagonistin) noch im gleichen Jahr, also 1938, in Fortsetzungen in der sozialdemokratischen Tageszeitung Das Volksrecht in Zürich. Gerade deshalb erscheint es so bemerkenswert, wie klar die Autorin sah: was geschehen war, warum, und welche Bedeutung dem zukam. Abgeschlossen wurde die Veröffentlichung im September 1938. Zu einer Buchausgabe kam es vorerst nicht.

1941 gelangte Lili Körber mit ihrem Lebensgefährten und späteren Ehemann Erich Grave über Portugal in die USA. Sie versuchte auch dort noch zu schreiben und zu veröffentlichen, aber leider blieb der Widerhall aus, ihre Kraft und ihre Kreativität versiegten. Sie wandte sich einem anderen Betätigungsfeld zu, wurde Krankenschwester und arbeitete als solche für den Rest ihres Lebens. Davon, dass ihr von österreichischer Seite Dank, Anerkennung oder gar Ermutigung zuteil geworden wären, ist mir nichts bekannt. Typisch österreichische Schäbigkeit, würde ich vermuten; doch es ist und bleibt schade, jammerschade.

 Lili Körber, Eine Österreicherin erlebt den Anschluß, Roman (Wien, München: Verlag Christian Brandstätter, 1988). Erstmals erschienen 1938.

(Alpenfeuilleton)

Gescheit, mutig, selbständig

Lili Körber, Begegnungen im Fernen Osten

Im Jahre 1934 unternahm eine junge Frau aus Wien eine ungewöhnliche Reise: mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, von dort nach Japan, danach nach China, und dann wieder mit der Eisenbahn zurück über Moskau. Ungewöhnlich war das nicht bloß, weil sich da ein weibliches Wesen ohne männliche Begleitung auf den Weg machte; üblicherweise reiste man mit dem Schiff auf die andere Seite der Weltkugel.

Bei der jungen Frau handelte es sich um Lili Körber. Sie war 1897 in Moskau geboren, wo sich ihr Vater als Geschäftsmann aufhielt. Der Erste Weltkrieg vertrieb die Familie, und Lili lebte in der Folge hauptsächlich in Wien. Sie begann sich schriftstellerisch zu betätigen, wobei sie eine Mischung aus autobiographischer Berichterstattung und erzählerischer Gestaltung entwickelte.

Wie so viele junge Leute jener Zeit fühlte sie sich von der Linken angezogen. Wie eng sie sich an die eine oder andere Partei kettete, das habe ich nicht eindeutig recherchieren können. Jedenfalls war sie Mitglied, ja sogar Funktionärin des österreichischen Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS). Ihr „Tagebuchroman“ Eine Frau erlebt den roten Alltag fand weit gestreute Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie hatte sich als Bohrerin in einem Stahlwerk in Leningrad verdingt.

Alles deutet jedoch darauf hin, dass sie sich zunehmend vom dogmatischen Kommunismus Lenin-Stalin’scher Machart löste. Im vorliegenden Buch ist von Parteitreue jedenfalls nichts mehr zu spüren, obwohl ihre linke Weltanschauung durchschimmert; man merkt das an ihrem Interesse an gesellschaftlichen Gegebenheiten, besonders der Lage der Arbeiter, an ihrem wachen Blick für politische Entwicklungen etwa bei der Gewerkschaftsbewegung, und an ihrem Verständnis für Weltpolitik und Geschichte. Das alles aber, wie gesagt, nur im Hintergrund. Um ein penetrantes politisches Pamphlet handelt es sich bei ihrem Bericht sicher nicht. Ganz im Gegenteil: Sie vermittelt den Eindruck, locker und unvoreingenommen zuerst in japanische, später in chinesische Gegebenheiten eingetreten zu sein, und neben scharfer Beobachtung steht immer auch ihre Bereitschaft zu kichern, sie ist niemals einem Vergnügen abgeneigt, sie will, wie man später gesagt hätte, „Spaß haben“. Eben dies verleiht ihren Berichten aber eine einzigartige Qualität, eine unnachahmliche Atmosphäre, vor allem aber – höchste Glaubwürdigkeit.

Das Japan, welches sie kennen lernte, erschien gespalten: Höchste Modernität neben uralter Tradition. Das Kaiserreich war längst in seine imperialistischen Pläne verstrickt. Denen diente unter anderem der Ausbau der Flotte zu einer der stärksten und modernsten der Welt. Auf der anderen Seite mutet die Rolle, welche Frauen zu spielen hatten, geradezu mittelalterlich an. Dieses erstaunliche, schwer verständliche Nebeneinander betont Lili Körber immer wieder.

Weiter mit dem Schiff nach Shanghai. Dort zeigt sich sehr drastisch der Kontrast zwischen reich und arm, zwischen privilegiert und unterdrückt. In Shanghai ist das auch der Gegensatz zwischen Ausländern in ihren Konzessionen und der einheimischen Bevölkerung. In weiterer Folge besucht sie Nanking. Man schaudert bei dem Gedanken, was ihren Bekanntschaften wohl drei Jahre später zugestoßen sein mag, während des notorischen Rape of Nanking, jenem schrecklichen Massaker, welches japanische Truppen dort anrichteten.

Von Nanking reist Lili Körber wieder mit der Eisenbahn nach Hause. Sie macht in Birobidschan Halt, der Hauptstadt der gleichnamigen autonomen jüdischen Republik. Dort gibt’s wie in der gesamten Sowjetunion keine Kirchenglocken. Aber die, erklärt ein Gesprächspartner, hätten wir ohnehin nicht mehr ertragen mögen.

Und warum?

„Weil die Judenpogrome stets von Glockenläuten begleitet wurden.“

Wieder fragt man sich besorgt, wie ihre Gesprächspartner und -partnerinnen wohl die nächsten Jahre überstanden haben (wenn überhaupt) – den Stalin’schen Terror, den Krieg. Lili Körber dürfte sich zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen mehr über das Sowjetregime gemacht haben, denn sie unterbrach ihre Reise noch einmal in Moskau, um ihren Freund Franz Koritschoner zu überreden, die Sowjetunion zu verlassen. Sie erkannte, wie gefährlich es für ihn geworden war. Der kommunistische Funktionär Koritschoner blieb jedoch. Er wurde verhaftet und nach dem Nichtangriffspakt vom August 1939 zusammen mit zahlreichen anderen deutschen und österreichischen Kommunisten an die Nazis ausgeliefert, die ihn 1941 in Auschwitz ermordeten.

Diese Moskauer Episode lässt sich allerdings nicht mehr im Buch finden. Was bleibt, ist der wirklich beeindruckende, weltoffene, abgerundete Bericht einer gescheiten, mutigen, selbständigen Frau – die Häufung von Adjektiven dürfte bereits das Maß meiner Bewunderung widerspiegeln. Es ist erstaunlich, wie unbekannt Lili Körber nach wie vor ist. Sie hätte sich wahrlich mehr Aufmerksamkeit verdient! Wie ich gesehen habe, sind manche ihrer Bücher antiquarisch zu bekommen. Ich selbst hab’ das Buch aus der Stadtbücherei Innsbruck, wo’s die Gefährtin meines Lebens mehr oder weniger zufällig ausgewählt hat. Also: Auf zur Bibliothek, einschreiben wenn nötig, ausleihen.

Lili Körber, Begegnungen im Fernen Osten: Eine Reise nach Japan, China und Birobidschan im Jahre 1934 (Wien: Promedia, 2020). Erstmals erschienen 1936.

„Lili Körber“, https://www.afeu.at/kultur/literatur/2021/11/20481/lili-koerber/

„Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland“, https://www.afeu.at/kultur/literatur/2021/12/20643/eine-juedin-erlebt-das-neue-deutschland/

(Alpenfeuilleton 12 01 2022)

Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent

Dem einen oder der anderen wird Philip Blom vielleicht aus dem Radio bekannt sein; auf Ö1 moderiert er nämlich die Diskussionssendung Punkt Eins. 1970 geboren, kam der gebürtige Hamburger im Zuge seines Studiums (Philosophie, Geschichte und Judaistik) nach Wien. In weiterer Folge studierte er in Oxford, wo er seinen Ph. D. erwarb, seinen Doktortitel. Er ist in Englisch genau so gewandt wie auf Deutsch, schreibt seine Bücher in ersterer Sprache und übersetzt sie selbst in zweitere. Als Journalist hat er im Independent, in der Financial Times, im Times Literary Supplement, nicht zuletzt im Guardian geschrieben. Bei so einer Aufzählung überkommt mich Bewunderung, blanke Bewunderung. Ganz offensichtlich kann Philipp Blom Dinge, die ich immer gerne gekonnt hätte.

Als ich ihn das erste Mal bei Punkt Eins hörte, da ärgerte ich mich über diesen bundesdeutschen Sprecher bei unserem ureigensten Staatsfunk. Hat man da wirklich keinen anderen gefunden? Nun, da ich um die Talente des Herrn Blom weiß, bin ich froh, dass man ihn an die Angel bekam und an Land zog. Möge er uns lange erhalten bleiben.

Der taumelnde Kontinent beschäftigt sich mit Europa im Zeitraum von 1900 bis 1914. Gegliedert ist es nach Jahren – jedes Jahr ein Kapitel. Zugleich widmet sich jedes Kapitel einem Thema; es handelt sich also um eine Kreuzung aus Chronologie und Aufriss. Nicht, dass dies der Darstellung schaden würde; sie erfordert zwar häufige Rückblenden und Überschneidungen, aber die wären auf jeden Fall unvermeidlich. Es geht ja – so könnte man sagen – um den Versuch einer Totaldarstellung jener Jahre.

Das Schwergewicht liegt auf gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen, nicht so sehr auf machtpolitischen. Und hier, im gesellschaftlichen Bereich, spielt die Psychologie eine herausragende Rolle, ebenso wie künstlerisch kreative Menschen, also Schriftsteller, Maler, Komponisten. Leider ergibt sich aus eben diesen beiden Komponenten das Problem, welches ich mit dem Buch habe: Denn zum einen ist es für mich keineswegs so selbstverständlich wie für den Autor, dass Schriftsteller und Künstler die geeignetsten Zeugen einer Epoche seien. Blom scheint sie für ungeheuer feine, weitreichende und aussagekräftige Seismographen zu halten: Was immer sie sagen oder tun, es spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeit wider, gesellschaftliche Strömungen. Aber trifft das wirklich zu? Könnte es nicht so sein, dass wir den Aussagen oder Handlungen solcher Menschen – womit auch ihr Schaffen gemeint ist – erst jetzt, a posteriori, solche Qualitäten zuschreiben? Mit dieser Methode könnte alles, was irgendein mehr oder minder bedeutender Mensch je produziert hat, als repräsentativ oder gar prophetisch gedeutet werden.

Dazu kommt noch das Gewicht, welches der Autor der Psychologie beimisst. Das Motiv von der Angst des Mannes durchzieht das gesamte Buch: Angst vor der demographischen Entwicklung, Angst vor der metaphorischen Entmannung durch den technischen Fortschritt, Angst nicht zuletzt vor den Frauen, die eben damals begannen, auf Selbständigkeit zu pochen, auf ihre Rechte. Das klingt einleuchtend – aber war es wirklich so?

Man kommt nicht umhin, die damalige Zeit, die Belle Époque, mit unserer eigenen zu vergleichen. Dieses unbekümmerte, ahnungslose Tanzen auf dem Vulkan, zum Beispiel. So vieles, was damals grundgelegt wurde, kam erst später zur Anwendung. Aber das wird wohl Gegenstand des Folgebandes sein, Die zerrissenen Jahre, welcher die Zwischenkriegszeit abdeckt.

Ich lege das Buch mit gemischten Gefühlen weg. Ausführlich, keine Frage, detailreich, der Mann ist halt einfach gescheit, da beißt die Maus keinen Faden ab; und doch, und doch – irgendwie kann mich das Unternehmen nicht restlos überzeugen. Tut mir leid.

Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent: Europa 1900–1914 (München: dtv, 2020). Ursprüngl. erschienen 2008 als The Vertigo Years bei Weidenfels & Nicholson.

(schoepfblog 04 01 2022)

 

Charles Dickens, Bleak House

[for an English version see below]

Die Pflicht-Literatur ist mir zum Hals heraus gehängt: Was man unbedingt gelesen haben sollte. Sie wissen schon, reading circle und so. Wobei da nicht bloß die fiction Schuld war. Da gab’s ebenso politische Aufsätze aus den USA. Aktuell, keine Frage, sicherlich auch fürchterlich gescheit, aber trotzdem –

All das ist mir also gründlich zum Hals heraus gehängt. Und so kehrte ich in meiner Not zu einem Lese-Erlebnis früherer Tage zurück: zu Charles Dickens und seinem Roman Bleak House (auf Deutsch manchmal Bleakhaus). Er zählt zu den bedeutenderen Werken des Autors, erschienen 1852–53, zwischen David Copperfield und Hard Times (Harte Zeiten). Der Roman erscheint wegen etlicher Dinge bemerkenswert, unter anderem (wie ich glaube) wegen jener drastischen Anfangsszene mit Nebel und Schlamm in London:

Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights. Fog creeping into the cabooses of collier-brigs, fog lying out on the yards, and hovering in the rigging of great ships; fog drooping on the gunwales of barges and small boats. Fog in the eyes and throats of ancient Greenwich pensioners, wheezing by the firesides of their wards; fog in the stem and bowl of the afternoon pipe of the wrathful skipper, down in his close cabin; fog cruelly pinching the toes and fingers of his shivering little ‘prentice boy on deck.

Vor allem aber wegen des Umstandes, dass zwei Erzähler auftreten: Einerseits ein typisch viktorianischer allwissender Er-Erzähler, andererseits aber eine Ich-Erzählerin in der Person der Esther Summerson, die infolgedessen auch als Hauptperson fungiert. Die ungewöhnliche Konstellation könnte natürlich zu Bruchstellen führen, zu stilistischen Holpersteinen, was bei Dickens aber nie der Fall ist. Der Leser scheint völlig glatt, völlig natürlich vom einen in den anderen Modus zu gleiten. Na ja – zumindest dieser Leser. Irgendwo hab’ ich einmal gelesen, Dickens habe die weibliche Erzählerin unter dem Einfluss von Charlotte Brontës Jane Eyre (erschienen 1847) eingeführt. Ob’s stimmt, ist eine andere Frage.

Eine weitere Eigenart der Geschichte manifestiert sich im wichtigsten Thema: das englische Gerichtssystem; genauer: das equity law. Anhand unserer Begriffe ist das nur sehr schwer zu erklären, in unsere Verhältnisse zu übersetzen. Es handelt sich jedenfalls um Zivilrecht (als Gegensatz zum Strafrecht). Abgehandelt wurde es unter anderem im Court of Chancery. Obwohl das altertümliche System längst nicht mehr existiert, gibt’s heute noch die Chancery Lane in London, einschließlich gleichnamiger Underground-Station an der Central Line. Diese Chancery spielt nun eine tragende Rolle in Bleak House; es war sogar schon von einer eigenen Person die Rede. Wer sich dort auf ein Verfahren einlässt, der ist laut Charles Dickens rettungslos verloren: Er oder sie wird immer tiefer hineingezerrt in einen bodenlosen Sumpf von Tagsatzungen, mysteriösen Verfahrensbestimmungen, Einsprüchen und Vertagungen. Er wird zusehends ärmer dabei, hoffnungslos, krank. Ein Ende ist nicht in Sicht – es sei denn, die Mittel einer Erbschaft seien restlos aufgebraucht. Dann verlieren Richter und Anwälte schlagartig jegliches Interesse. Wer einmal Bleak House gelesen hat, so denke ich, der wird der juridischen Zunft nie mehr so entgegentreten wie zuvor.

Doch geht’s natürlich nicht nur um Chancery. Da gibt’s die bei Dickens üblichen Mysterien um Herkunft, vergangene Fehltritte und deren späte Folgen gemäß der viktorianischen Moral, und es geht um Liebesgeschichten. So hingeschrieben, klingt das ziemlich banal, aber unter der Feder von Charles Dickens ist’s das Gegenteil. Indem die weibliche Heldin, Esther Summerson, zugleich als Erzählerin dient, bleibt ihr dieses Mal die herablassend-sentimentale Behandlung erspart. Ansonsten geraten solche weibliche Heldinnen bei Dickens allzu gern zu engelhaften Wesen von einer Tugend und einer Sentimentalität, die kaum noch zu ertragen ist. Nicht umsonst hat Oscar Wilde von einer solchen Figur, nämlich von Nell in The Old Curiosity Shop, gesagt: ‘One must have a heart of stone to read the death of little Nell without laughing.” Die Ich-Erzählerin in Bleak House wirkt da wesentlich vielschichtiger, vielleicht sogar widersprüchlicher – kurz also: menschlicher.

Gibt man die Handlung eines Dickens-Romans in dürren Worten wieder, wirkt sie unglaubwürdig, klischeehaft, sentimental. Wenn man ihn dann liest, verhält es sich ganz anders. Das liegt zunächst einmal am schriftstellerischen Genie des Autors. Ich verwende den Ausdruck ansonsten nie, er ist zu vage und gleichzeitig zu devot, aber im Falle von Dickens scheint er mir doch angebracht. Ich kann nicht umhin, immer wieder in Bewunderung zu zerschmelzen, wenn ich sehe, wie er ganz einfach mittels Dialogs vermag, Figuren zu charakterisieren. Solche Dialoge könnte ich endlos lesen, selbst wenn sie die Handlung eigentlich gar nicht voranbringen. Man denkt zum Beispiel an Mr. Skimpole, einen von Dickens’ gloriosen Pharisäern, wenn er beteuert, nichts weiter als ein unschuldiges Kind zu sein, folglich nicht verantwortlich für sein Verhalten in der wirklichen Welt, von der er nichts zu verstehen vorgibt. Mehr noch: Der sich und anderen einredet, mit seiner Hilflosigkeit, seiner Hilfsbedürftigkeit (man muss ihm dauernd Geld leihen) erweise er den Mitmenschen sogar einen Dienst.

Solcher skurrilen Figuren gibt’s noch mehr in Dickens’ Romanen, in Bleak House vielleicht sogar besonders viele. Und etliche davon bleiben in Erinnerung: Mr. George, der trooper (ehemaliger Kavallerie-Soldat) etwa, Mr. and Mrs. Snagsby, Mr. Guppy, Caddy Jellyby – und so weiter, und so fort. In der zweiten Hälfte des Romans spielt ein Mord eine Rolle, was Dickens Gelegenheit gibt, einen Inspektor einzuführen, Mr. Buckett. Er kommt von Scotland Yard, damals eine relativ neue Einrichtung. Es wurde gesagt, es handle sich um den ersten literarischen Kriminalbeamten.

Jedem Leser, jeder Leserin wird wohl eine andere von diesen Figuren besonders stark in Erinnerung bleiben. In meinem Falle ist’s Mrs. Bagnet, die Frau eines ehemaligen Kameraden von Mr. George. Bewehrt mit Koffer und Regenschirm ist sie dem Regiment kreuz und quer durchs britische Empire gefolgt und hat dabei gelernt, mit praktisch jeder Situation fertig zu werden. Sie ist resolut, packt an, zeigt sich nicht leicht beeindruckt. Ihre drei Kinder heißen je nach Geburtsort bzw. -garnison Quebec, Malta und Woolwich (das Arsenal im Osten von London).

Eine weitere Figur heißt Krook – nicht zufällig, versteht sich (a crook ist ein unehrlicher Mensch). Im Laufe der Handlung muss er das Zeitliche segnen, und dazu bedient sich Dickens einer sonderbaren Methode, nämlich der spontaneous human combustion, der spontanen menschlichen Selbstentzündung. Wissenschaftlich war diese Vorstellung schon damals verpönt, doch hielten sich zähe Mythen. Dickens verteidigte später seine Schilderung mit Hinweisen auf angebliche Augenzeugenberichte, absolut unbestechlich, versteht sich. Es scheint, als habe er tatsächlich selbst daran geglaubt. Das ist umso verwunderlicher, als er ansonsten auf Seiten des Realismus, der vernünftigen Argumentation, des gesunden Menschenverstandes stand, somit auch auf Seiten der Wissenschaft.

Aber wie dem auch sei: Bleak House bringt uns ein anregendes Panorama von Figuren, ebenso wie eine umfassende, vernichtende Satire des Justizwesens. Und, wie schon gesagt, noch einiges mehr, vor allem auch düstere Seiten. Trotzdem – lohnt es sich, so einen viktorianischen Roman heute noch einmal zu lesen? Kann er uns überhaupt noch was sagen? Nun – aus dem, was ich hier geschrieben habe, wird man meine Antwort leicht erraten können. Warum dem so ist, wie das über Jahrhunderte hinweg funktioniert, das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Charles Dickens, Bleak House (London: Penguin Books, 1994). 1st publ.1852–53.
Charles Dickens, Bleak House

For some time, I had grown increasingly tired of books I felt I had to read: you know, reading circle and all that. But it wasn’t just fiction that wore me down. There were also political essays from the USA. Up-to-date, no question, terribly clever without doubt, and yet –

Yes, I was thoroughly fed up with all that. And so, in my distress, I returned to a reading experience of earlier days: to Charles Dickens and his novel Bleak House. It is one of the author’s more important pieces of work, published 1852–53, between David Copperfield and Hard Times. It is remarkable for a number of things, including (I believe) this memorable opening scene of fog and mud in London:

Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights. Fog creeping into the cabooses of collier-brigs, fog lying out on the yards, and hovering in the rigging of great ships; fog drooping on the gunwales of barges and small boats. Fog in the eyes and throats of ancient Greenwich pensioners, wheezing by the firesides of their wards; fog in the stem and bowl of the afternoon pipe of the wrathful skipper, down in his close cabin; fog cruelly pinching the toes and fingers of his shivering little ‘prentice boy on deck.

Most remarkably, however, the novel features two narrators: on the one hand, a typically Victorian omniscient narrator; on the other hand, a first-person narrator with the voice of Esther Summerson, who consequently is also the main character. The unusual constellation could of course lead to cracks in the narrative, to stylistic stumbling blocks, but with Dickens this is not the case. The reader seems to shift between modes smoothly, completely naturally as it were. Well – this reader at any rate. Somewhere I think I have read that Dickens introduced this female narrator under the influence of Charlotte Brontë’s Jane Eyre (published in 1847). Whether it’s true is another question.

Another peculiarity of the story manifests itself in its most important theme: the English court system; more precisely: equity law. This is rather difficult to explain to foreigners – and to English people as well, I suspect. In any case, we are talking about civil law (as opposed to criminal law). It was dealt with, among other places, in the Court of Chancery. Although the ancient system has long since ceased to exist, there still is Chancery Lane in London, as well as the eponymous underground station on the Central Line. Chancery plays a major part in Bleak House; somewhere I have even read the idea that it amounted to a character in its own right. According to Charles Dickens, anyone who gets involved with this court is hopelessly lost: he or she is dragged deeper and deeper into a bottomless swamp of hearings, mysterious procedural rules, objections and adjournments. He or she becomes visibly poorer, desperate, sick. There is no end in sight – unless the funds of an inheritance are completely exhausted. Then judges and lawyers immediately lose all interest. Anyone who has read Bleak House, I am sure, will never again view the legal profession as innocently as before.

But it’s not all about chancery, of course. There are the usual Dickensian mysteries of origin, past missteps and their late consequences according to Victorian morals, and there are of course love stories. This may sound trite, but coming from Charles Dickens’s pen it is anything but. By having the female heroine, Esther Summerson, also serve as narrator, she is spared the condescendingly sentimental treatment of other heroines. All too often these are represented as angelic beings of virtue and sentimentality that is close to unbearable. Not for nothing did Oscar Wilde observe of one such character, namely of Nell in The Old Curiosity Shop, ‘One must have a heart of stone to read the death of little Nell without laughing.’ The first-person narrator in Bleak House comes across as much more complex, perhaps even contradictory – in short: as more human.

If the plot of a Dickens novel is rendered in scant words, it sounds implausible, clichéd, sentimental. But when you read it, it is quite different. First of all, this is due to the author’s genius as a writer. Usually I avoid such terms as they are too vague and at the same time too submissive, but in the case of Dickens they do seem appropriate. One can’t help but admire the way he characterises persons through dialogue alone. I love to read such passages even if they don’t actually advance the plot. One thinks, for example, of Mr. Skimpole, one of Dickens’ glorious hypocrites, who professes to be nothing more than an innocent child, not responsible for his actions in the real world of which he pretends to understand nothing. What’s more, he convinces himself and others that his helplessness, his need for support (people have to keep lending him money), is actually a service to his fellow human beings.

There are many more such characters in Dickens’s novels, and perhaps most so in Bleak House. And quite a few of them stick in the reader’s mind: Mr. George, the trooper (ex-cavalry man) for example, Mr. and Mrs. Snagsby, Mr. Guppy, Caddy Jellyby – and so on, and so forth. In the second half of the novel a murder occurs, which gives Dickens the opportunity to introduce an inspector, Mr. Buckett. He comes from Scotland Yard, a relatively new institution at the time. It has been said that he is the first detective in fiction.

Each reader will probably remember a different character. In my case, it’s Mrs. Bagnet, the wife of a former brother-in-arms of Mr. George’s. Armoured with her suitcase and her umbrella, she used to follow the regiment across the British Empire and has learned to cope with practically any situation. She is resolute, hands-on and not easily overawed. Her three children are called Quebec, Malta and Woolwich (the arsenal in east London), according to where they were born.

Another character is called Krook – not coincidentally, of course. In the course of the plot it becomes necessary for him to pass away. Dickens chooses a strange method, spontaneous human combustion. Scientifically the idea had been discredited even at that time, but myths persisted tenaciously. Dickens later defended his story by references to alleged eyewitness accounts, absolutely incontrovertible of course. It seems that he actually believed in spontaneous combustion himself. This is all the more astonishing as he was normally on the side of realism, of reasoned argument, of common sense, and thus also on the side of science.

In any case Bleak House offers a stimulating panorama of characters as well as a profound and scathing satire of the justice system. And a lot more, as already mentioned, not least an acknowledgment of the darker side of life. Still – is it worth going back to a Victorian novel again? What can it still tell us – if anything?

Well, from what I have written here, the answer can easily be guessed. Why this should be, how this has worked across the centuries – this will probably remain a mystery forever.

Charles Dickens, Bleak House (London: Penguin Books, 1994). 1st publ.1852–53.