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Der Weg zur Prosperität: Vorschläge

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Stephan Schulmeisters Buch Der Weg zur Prosperität vorgestellt. [1] Unter anderem lobte ich es deshalb, weil konkrete – und dennoch gut fundierte – Vorschläge gemacht werden, wie wir aus unserer gegenwärtigen Malaise herauskommen könnten.

Hier nun ein paar dieser Vorschläge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und notgedrungen ohne die überzeugende Begründung, die Schulmeister jeweils mitliefert:

Förderung der Realwirtschaft durch Stabilisierung der Finanzmärkte

  • Gründung eines Europäischen Währungsfonds;
  • Ersetzung des Fließhandels auf den Finanzmärkten durch elektronische Auktionen (alle zwei Stunden);
  • Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer;
  • Aufbruch zu einem neuen Weltwährungssystem;
  • Gründung einer EU-Behörde zur umfassenden Beaufsichtigung des gesamten Finanzsektors.

Verbesserung der Umweltbedingungen als „Wachstumsmotor“

  • Festlegung von in der EU gültigen Preispfaden für fossile Energieträger – festgelegte Teuerung (mittels Besteuerung), das bringt Sicherheit und Planbarkeit für Investitionen;
  • thermische Sanierung des Gebäudebestandes in der EU;
  • transeuropäische Netze für Hochgeschwindigkeitszüge;
  • Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und Förderung von Elektromobilität.

Erneuerung der Sozialstaatlichkeit Europas

  • Verbesserung der Bildungschancen und „Ent-Ökonomisierung“ des Bildungswesens;
  • Schaffung von erschwinglichem Wohnraum;
  • Neue Jobs „zwischen Markt und Staat“: z. B. Alten-, Behinderten- und Kinderbetreuung, kulturelle Initiativen, Denkmalschutz, Umweltverbesserung etc.
  • Förderung gemeinschaftlicher Aktivitäten;
  • Stärkung des Sozialstaates: z. B. Altersvorsorge, Gesundheitssystem;
  • Garantie der „Daseinsvorsorge“ = Infrastruktur: Eisenbahn, Öffis, Gas, Wasser, Kanalisation etc.;
  • Soziale Mindestsicherung in der Europäischen Union.

EU-Strategien in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft

  • Europäisches Software Konsortium: Vernetzung der besten IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der gesamten EU; europäische Plattformen, Betriebssysteme etc.;
  • europäische Kontrollmöglichkeiten: „ … wir Europäer [werden] nicht von einem Orwell’schen ‘großen Bruder’ in der ‘eigenen’ Union überwacht, sondern von privaten ‘großen Brüdern’ in den USA…“.

Stärkung der Rolle der EU in der Weltwirtschaft

  • Investitionen in die Infrastruktur von Entwicklungs- und Schwellenländern;
  • Gründung gemeinsamer Unternehmen (Joint Ventures) für den Technologietransfer.
Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).
[1] „Der Weg zur Prosperität“, 27. Februar 2019.

Der Weg zur Prosperität

Über Stephan Schulmeisters neues Buch

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen der neo-liberalistischen Ideologie seien so erschüttert, dass sie nur noch Trümmern gleichen. Dazu gibt’s inzwischen jede Menge Literatur – so viel, dass wir gar nicht anfangen wollen, hier solche zu zitieren.

Was natürlich nicht bedeutet, das Problem habe sich gelöst. Dass dem nicht so ist, das hören, sehen und erfahren wir jeden Tag. Macht hat der Neo-Liberalismus nach wie vor, und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass eben dies seine Aufgabe darstellt, seine raison d’être: als Ideologie im Dienste der Reichen und Mächtigen. Folglich werden wir uns noch einige Zeit mit den nachteiligen Auswirkungen dieser Herrschaft herumschlagen müssen.

Eben deshalb ist es wichtig, den kritischen Druck aufrecht zu erhalten. Wir können gar nicht genug wissen, wir können gar nicht genug lernen über die Schwächen, die Mängel, die Widersprüche des Neo-Liberalismus – und seine Lügen.

Deswegen widmet Stephan Schulmeister sein neues Buch Der Weg zur Prosperität wohl auch den „Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“. Das verweist auf Friedrich Hayeks berühmtes Buch vom Weg in die Knechtschaft, The Road to Serfdom (1944), dem er die Widmung vorangestellt hat: „To the Socialists in all parties“. Man braucht Hayek nicht lange zu lesen, um zu verstehen, dass er das wirklich so meint: die Politiker des New Deal in den USA ebenso wie jene der Labour Party in Großbritannien oder – später – der Sozialdemokratie in Westeuropa. Als ob die unsere Freiheit bedroht hätten!

So weist Schulmeister also schon von Anfang an subtil-ironisch auf eine Lüge im Fundament des Neo-Liberalismus hin. Den Kern seines Buches bildet freilich die These von den beiden „Spielanordnungen“, wie er das nennt: der realkapitalistischen und der finanzkapitalistischen. In ersterer wird vorwiegend in materielle Produktion investiert, deshalb steigen auch die Löhne und somit der Wohlstand insgesamt. Das führt jedoch zu einem Überhang an Geldvermögen; es wird rentabler, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern – wie’s heißt – das Geld für sich arbeiten zu lassen: die finanzkapitalistische Spielanordnung. Dem Realkapitalismus ist sie abträglich. Krisen sind vorprogrammiert.

Beurteilen möchte ich Schulmeisters Thesen nicht; und wenn ich sie absichtlich kurz fasse, so hat das weder mit Kritik zu tun, noch mit Geringschätzung. Ganz im Gegenteil. Schließlich schlägt der Autor gegen Ende seines Buches ja auch eine erkleckliche Anzahl konkreter Ansätze vor, wie die unselige Herrschaft des Neo-Liberalismus aufgebrochen und überwunden werden könnte – der Weg (zurück) zur Prosperität. Diese Vorschläge zeugen von Sachverstand ebenso wie von seinem unverzichtbaren Adlatus, dem Hausverstand.

Keine Abwertung also, ganz gewiss nicht! Bloß sollte uns noch etwas klar werden, schön langsam: Man kann den Ökonomismus (also die Wirtschaftsdiktatur) nicht mittels ökonomischer Argumentation besiegen; ebenso wenig wie einst die kommunistische Diktatur überwunden werden konnte, indem man ihr Marx entgegenhielt. Im Gegenteil: Wir müssen uns von den ökonomistischen Fesseln befreien, wir müssen der Politik ihren Spielraum zurück erobern, der Demokratie. Es geht ums gestalten, nicht um die fatalistische Unterwerfung unter – angeblich – unabänderliche Gesetze der Marktwirtschaft.

Auch davon spricht Stephan Schulmeister, das soll ihm sehr zugute gehalten werden. In der „Marktreligiosität“ sieht er eine Abkehr von der Aufklärung. Das ist zwar kühn, aber durchaus zutreffend. Auf jeden Fall erzwingt dieser Gedanke geradezu die Konsequenz aufgeklärten Handelns. Ich würde mir wünschen, dass die sozialdemokratische Führungsschicht – sagen wir: die Parlamentsfraktionen in Wien und in Brüssel / Straßburg – Schulmeisters Buch aufmerksam studieren, seine Vorschläge aufgreifen und daraus ein klares Forderungsprogramm erstellen. Es wär’ höchste Zeit!

Dass solches nicht geschieht, offenbar auch nicht geschehen wird in absehbarer Zukunft, dafür kann der Autor natürlich nichts. Bleibt also nur, sein Buch zu loben, in höchsten Tönen: Ein Experte, der sich sein Herz bewahrt hat, den Blick für die menschliche Wirklichkeit, gleichzeitig aber auch seinen scharfen Verstand: a cool head for a warm heart.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt – für Leute, welche sich mit der Thematik befassen, ein Muss.

Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).

Gelesen

Namen, die keiner mehr nennt

„Ritt durch Masuren“ nennt sich eines der Kapitel im vorliegenden Buch. Wir bekamen es während unserer Busreise durch Polen letzten Herbst zu hören, und das war der Grund, warum ich die anderen Teile ebenfalls lesen wollte. Marion Gräfin Dönhoff  ist – war? – vorwiegend aus anderen Gründen bekannt: Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit, Grande Dame des gehobenen Journalismus in Deutschland, Mitstreiterin Helmut Schmidts. Sie stammte von einem hochherrschaftlichen Gut in Ostpreußen, nicht weit von Königsberg. Es ist eine versunkene Welt, die sie beschreibt – zerstört am Ende des Zweiten Weltkriegs, die alte Kultur ausgelöscht. Heute existieren – wenn überhaupt – nur noch Relikte. Die Autorin selbst entkam im Jänner und Februar 1945 der vorrückenden Roten Armee nur knapp, auf einem weiteren Ritt, dieses Mal aber gegen Westen. Auch davon berichtet sie, immer in unaufgeregt trockenem Ton. Verständlich, dass ihre Erinnerungen überwiegend liebevoll ausfallen – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber das beeinträchtigt weder die literarische noch die historische Qualität ihrer Aufzeichnungen.

Empfehlenswert? Ja, zweifellos.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen – Menschen und Geschichte (Düsseldorf und Köln: Eugen Diederichs, 1971).
Tote Seelen

Einen Schelmenroman erwartet man in der russischen Literatur nicht unbedingt, doch handelt es sich bei den Toten Seelen von Nikolaj Gogol um eben dies – genauer gesagt: beim ersten Teil des Romans, der Rest besteht nur aus Fragmenten. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, aufgewachsen in unscheinbaren Verhältnissen und mit undurchsichtiger Vergangenheit, taucht in einem Landkreis auf, um zwecks dubioser Geschäfte so genannte tote Seelen zu kaufen – also Leibeigene, die zwar gestorben sind, vorläufig aber noch auf den Steuerlisten der Gutsherren stehen. Solche Gutsbesitzer sucht der Held denn auch auf, einen nach dem anderen, und das ergibt ein Panoptikum aller möglichen, durchaus skurrilen Verhaltensweisen und Charaktere. Das Bild von der russischen Landwirtschaft, welches da gezeichnet wird, ist trostlos – und das schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (der erste Teil des Romans erschien 1842). Und die Verwaltung ist ebenso hoffnungslos korrupt. Auf der anderen Seite verdirbt westlicher Einfluss den Charakter – auch dies ein Motiv, welches wir aus späteren Werken der russischen Literatur kennen, bis hin zu Solschenizyn. Bei Gogol überrascht es insofern, als sich der Autor zwölf Jahre lang Europa anschaute – freiwillig. Was immer er dort gesehen haben mag: Ein Schuss „Westlertums“, so hat man das Gefühl, wär’ vielleicht doch nicht schlecht gewesen.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt.

Nikolai W. Gogol: Die toten Seelen oder Tschitschikows Abenteuer, übers. von Alexander Eliasberg (Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1965).
Vater Goriot

Vater Goriot von Honorè de Balzac gehört zu dessen schier endlosen menschlichen Komödie, genauer: zur Unterabteilung Szenen aus dem Privatleben. Angesiedelt ist die Handlung im Paris des Jahres 1819 – also in jener Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Im Wesentlichen geht’s nur um eins: die Oberschicht, Aristokratie samt Reichtum. Wie kann man sich dort Zutritt verschaffen? Arbeit, und sei sie noch so gehoben, Karriere, und sei sie noch so erfolgreich – nichts kommt an ein Vermögen heran, welches jährlich ein hübsches Sümmchen an Zinsen abwirft. Und um an ein solches zu gelangen, gibt’s laut Balzac nur einen Weg: Erben. Wenn schon nicht selbst, dann indem man eine vermögende Erbin heiratet. Thomas Picketty hat diesen Roman jüngst hergenommen, um seine eigenen Thesen zum Kapital im 21. Jahrhundert zu illustrieren – mehr an Aktualität geht wohl nicht.

Empfehlenswert? Ja.

Honorè de Balzac, Vater Goriot, Übersetzung aus dem Französischen von Franz Hessel (Leipzig: Paul List Verlag, o. J.).

Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).
Transcriptions

If you like spy stories you might like this book. It’s well written, no doubt, and the narrator seems lifelike enough. But then, of course, the same things could be said of a host of similar stories. Like all modern products of the genre, this one reveals not just one, but multiple layers of deception – fog is the metaphor used, not very surprisingly either.

Recommended? Well, not really – unless you’re looking for something light to read on your holidays.

Kate Atkinson, Transcriptions (London: Transworld Publishers, 2018).

You should read this

The older I get and the more books I have read, the harder I find it to write conventional reviews. Either I want to recommend a book, or I do not. If I don’t, what’s the point of talking about it? And if I do, I’m wary of spoiling a potential reader’s pleasure by giving too much away. I have also noticed how an enthusiastic review can raise expectations to the point where it engenders disappointment. The best way of recommending a book may be just doing that: I think you should read this!

Accordingly, I’d like to recommend Tara Westover’s Educated. It is a self-proclaimed ‘memoir’ but the story it has to tell is truly extraordinary: from an ignorant, violently abused teenager without any formal schooling to a PhD.

The author/narrator (let’s not quibble about technical distinctions) grows up in a remote mountainous part of Idaho, in a family governed by fundamentalist Mormon beliefs. Their father follows a largely self-sufficient lifestyle, which means – among other things – not only that the younger children, born at home, do not have birth certificates, but also that in case of illness or accident they cannot expect to see a doctor. And accidents happen with alarming frequency, due to father’s cruel indifference to dangers and injuries. Indeed, family life for all its piousness is equally characterized by horrifying physical violence.

The author manages to get away by means of education – a local university first, followed by a scholarship to Cambridge in England. Although an astonishing achievement in itself, this only makes up part of the story. The other part tells of her struggles, first to arrive at an understanding with her left-behind family and then, when these attempts fail, to come to grips with her sense of loss and even guilt.

It is not easy to convey what a thrilling read this makes; I dare say there’s more suspense here than in many a thriller. Of course, this is also due to Tara Westover’s remarkable writing power (skills would be too weak a word).

Given too much away again? Well, I hope I haven’t. In a nutshell: Yes, I would recommend this book, strongly even. You really should read this!

Tara Westover, Educated (London: Windmill Books, 2018). e-book. – A German version is available as Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss.

Different forms of love

Tell the Wolves I’m Home by Carol Rifka Brunt

15-year-old Julie is a lonely teenager; she has just lost her beloved Uncle Finn to a new, mysterious illness, AIDS (the story is set in the eighties), and she finds it hard to come to grips with her loss. At the same time, her elder sister Greta, who she used to be close to, has started to be mean and sarcastic. Julie meets Finn’s lover even though her family consider him responsible for her uncle’s death – a murderer, they say. But the two find they have a lot of things in common, most of all their memories of Finn.

Julie keeps meeting her new friend secretly; of course she will be detected before long. Things come to a tumultuous head – but that is not to be given away. It has to be said that the ending is a bit of a let-down; it smacks of literature for adolescents. Apart from this, however, the story is grippingly told and sufficiently sophisticated to captivate any reader. It seems to demonstrate in how many different forms love may come – and they are all equivalent as they can all cause the same intensity of pain.

Carol Rifka Brunt, Tell the Wolves I’m Home, paperback edn. (London: Pan Books, 2013). The novel was first published in 2012.

Second-hand books

On Helene Hanff’s 84 Charing Cross Road

Charing Cross Road in the centre of London used to be a street of booksellers. I can remember them vividly: walking up from Trafalgar Square and St. Martin’s Place you had one after another on the right-hand side. My favourite destination was the Penguin bookshop where I could get practically any book I was looking for. I recall buying Carlos Baker’s biography of Ernest Hemingway there, just out, an important piece in my nascent library at the time. Generally, however, the street was renowned for its antiquarian bookshops where connoisseurs went searching for rare and expensive editions.

This is the place the American author Helene Hanff celebrates in her – almost – eponymous 1970 book 84 Charing Cross Road. It consists of letters exchanged between herself and Marks & Co., antiquarian booksellers, or rather: their staff, mainly Mr. Frank Doel, chief buyer. The correspondence, beginning in 1949, soon strays into fields other than books and literature; this is how some kind of story develops. It only comes to an end with the sudden death of Mr. Doel in 1969.

The sequel, The Duchess of Bloomsbury Street, also published in my edition, is a diary describing the author’s first visit to London – postponed for various reasons until 1971. Now she is invited to help launch her own book in England; she’s become something of a celebrity author, much to her own surprise, and people seem to be falling over themselves to invite her for dinner or show her around London and the surrounding country.

Like so many success stories culminating in fame, it comes as something of a let-down. While the narrator was still an ordinary struggling individual in Manhattan, her chronicle was so much more engaging and endearing. But this is, of course, a minor quibble. Without doubt Mrs. Hanff’s letters and diaries make a pleasant read, and up to a point they may even count as testimony to a bygone era.

By the time she is coming to sign her book, Marks & Co. is standing empty; today, there’s nothing left but a plaque on a wall to mark the scene. There are a handful of booksellers left in Charing Cross Road, but they certainly do not define the character of the street. The only good news may be that up the road, beyond Cambridge Circus, Foyles has moved into new premises: much more spacious, better lit and better organized. In a way, it could be considered the successor to Dillons, the former university bookshop on Gower Street, now a Waterstone’s branch. (Nothing wrong with that – but just not the same, is it?)

Let me add that I obtained my copy of 84 Charing Cross Road from a second-hand bookshop – where else? Not in Charing Cross Road, it has to be admitted, but from Scoobs at the rear of The Brunswick in Bloomsbury (not far from Russell Square tube station – in case a bookworm should want directions).

Helene Hanff, 84 Charing Cross Road (London: Futura, 1976). – The two parts of this edition were first published in 1970 and 1973, respectively.

Ich tu’s nie wieder

Über Briten, Brexit und das Buch eines deutschen Journalisten

Ja, ich geb’s zu. Ich hab’s wieder getan. Ich wollt’ nicht, aber die Versuchung war einfach zu groß.

Ich hab’ wieder ein Buch von einem deutschsprachigen Journalisten gekauft. In diesem Falle handelt es sich um Jochen Buchsteiner, und der Titel lautet Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie. Klang ja auch zu verführerisch. Ich les’ sehr viel über den Brexit, aber auf Englisch. Da müsste eine andere, eine kontinentale Sichtweise doch interessant sein, oder?

Jochen Buchsteiner, so erfahren wir, Jahrgang 1965, berichtet als Korrespondent der FAZ aus London. Möglicherweise haben wir damit das Problem seines Buches bereits benannt. Was dem Leser als erstes auffällt, ist nämlich der Stil, der da praktiziert wird. Breezy, würde man auf Englisch wahrscheinlich sagen: atemlos, immer ein bisschen hastig. Und natürlich so obenhin, über drüber:

„Die Briten fordern die Ordnung Europas nicht zum ersten Mal heraus“, beginnen wir zu lesen. „Als König Heinrich VIII. vor einem halben Jahrtausend…“ Für einen Kenner der britischen Debatte ist das Argument nicht neu – wovon mehr später. Doch eilig geht’s weiter, Seite um Seite. Nun ist die Rede bereits von der Französischen Revolution: „Die Briten verlegten die Revolution gewissermaßen von innen nach außen – und von der Politik in die Wirtschaft. Der Kolonialismus rückte ins Zentrum der Staatsgeschäfte, und der moderne Kapitalismus entfesselte sich…“

Wie bitte? Der Zusammenhang zwischen Revolution und Kolonialismus bleibt nebulos, abgesehen vielleicht von einer zeitlichen Koinzidenz. Aber das ist eben das Verstörende an dieser Argumentation: Wenn man sich einigermaßen auskennt in der britischen Geschichte, dann lässt sich mit einigem Nachdenken schon erkennen, worauf der Verfasser Bezug nimmt, welche Fakten er da großzügig (und zumeist stillschweigend) verknüpft. Insofern könnte mit sehr, sehr viel Wohlwollen eingeräumt werden: Ja, so kann man das auch sehen. Bloß kann man’s genau so gut anders sehen. Das Gegenteil ist ebenso wahr – und historisch vermutlich besser untermauert. Aber das wär‘ halt so pedantisch! Schmissige Formulierungen würden sich daraus keine ergeben.

Nicht umsonst hegt Herr Buchsteiner eine unübersehbare Schwäche für den erzkonservativen Erz-Brexiteer (Brexit-Befürworter) Boris Johnson. Ausgerechnet! Aber in diesem Falle ist die Sympathie gar nicht so überraschend. Von Johnson wurde gesagt, er sei nur zu verstehen, wenn man in Rechnung stelle, dass er eigentlich Journalist sei, Meinungsjournalist: Dass es ihm nur um die sensationelle Schlagzeile gehe, welche er sich übers Wochenende ausgedacht habe. Sachliche Irrtümer? Ungenauigkeiten? „Geht nicht“? Das sind kleinliche Einwände langweiliger Pedanten. Widerspruch, Aufschrei, womöglich gar Skandal? Gut so – sorgt für Aufmerksamkeit.

So weit geht unser FAZ-Reporter freilich nicht. Seine Argumentation stammt jedoch ganz eindeutig von Boris Johnson und seinesgleichen – von einer ganzen Schar konservativer Politiker und Journalisten. Da wird schon seit längerer Zeit fleißig an einem britischen (vorzugsweise: englischen) Heldenmythos gebastelt. Die Briten (Engländer) hätten demnach immer schon gewusst, wo’s lang geht, immer um eine Nasenlänge voraus – nicht bloß seit Henry VIII (siehe oben), sondern schon seit der Magna Carta (1215), die in unserem Bändchen natürlich auch ihren Auftritt haben muss. Und deshalb, so die Folgerung, wüssten sie’s jetzt auch wieder besser, wenn’s um die EU geht.

Daher der Titel des Buches. Die Briten, so will es zeigen, die denken nicht in großartigen Programmen, geschweige denn in Utopien. Das tun bloß die Europäer, sehr zu ihrem eigenen Schaden, wie die letzten hundert, zweihundert, dreihundert oder vierhundert Jahre gezeigt haben – je nachdem, wie weit man ausholen möchte. Die Briten eilten hingegen von Erfolg zu Erfolg, die haben die moderne Welt erfunden und geschaffen (wie sie sich selbst so hartnäckig bestätigen), indem sie immer pragmatisch blieben, improvisierten, indem sie ihrem (selbst attestierten) Volkssport frönten: muddling through,  durchwursteln.

Bloß hieße das, übertragen auf heute: Die konservativen Brexiteers mit ihrer Vision von einem Neuen Goldenen Zeitalter, Rule Britannia, mit ihrem Dogma vom freien Markt und vom Freihandel – das sollen heute die Pragmatiker sein, während die EU-Vertreter verblendet wären von abstraktem Denken, von Utopien? Aber wo, wenn nicht in der EU, sind Kompromisse und Improvisieren zu Hause? Muddling through nicht bloß als charakteristische Methode, sondern schlicht und einfach – die einzige?

Wenn man mit dem Nachdenken so weit gekommen ist, dann bleibt nicht mehr viel übrig von der angeblichen europäischen Utopie. Fliehen mögen die Briten sehr wohl, aber aus anderen Gründen. Historische Analogien, das sollten wir inzwischen vielleicht doch begriffen haben, sind wertlos. Und das ist nun eigentlich das Problem unseres flotten FAZ-Korrespondenten. Der Titel verspricht, was sein Büchlein nicht hält.

Aber dann: aus Schaden wird man klug, oder? Sollte man zumindest. Ich hab’s mir jedenfalls vorgenommen, ganz ganz fest: Ich tu’s nie wieder!

Jochen Buchsteiner, Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie (Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 2018).

Only few get away

On J. G. Farrell’s Novel «The Singapore Grip»

J. G. Farrell was born 1935 into an Anglo-Irish family; he grew up in Liverpool and in Dublin. While studying at Oxford, he contracted polio, which left him crippled for the rest of his life. His first novel was published when he was twenty-eight but it did not meet with critical acclaim; the same can be said for his next two attempts.

It was only in 1970, when Troubles appeared, that he became noticed as a writer. This novel is set in Ireland in 1919, during the Irish War of Independence (1919–1921). It was followed by two more works which were eventually grouped as the so-called Empire Trilogy: The Siege of Krishnapur (1973), set during the Indian Mutiny (1857), and The Singapore Grip (1978). Shortly after the publication of this latter novel Farrell decided to move to a remote part of Ireland where he died in a fishing accident in 1979, aged 44. By that time, he was an esteemed writer, claimed by both the English and the Irish.

The story of The Singapore Grip takes us back to the Straits Settlements – as the colony of Malaya and Singapore was then called – at the end of 1941. The war is far away in Europe, and Japan so far only a menace with the United States sitting on the fence. If the brewing crisis affects the colony at all it is in the way of rising prices and the shortage of shipping.

The plot centres on the Blackett family whose wealth comes from a successful business in rubber production and trading. When the aged partner Mister Webb dies, his son Matthew is called in. He’s an idealistic young man who used to work with the League of Nations in Geneva. As the story unfolds he slowly moves centre stage, although it involves a considerable number of characters from beginning to end, including even the ill-fated commander of the Army, Lieutenant-General Arthur Percival.

Gradually, the war comes nearer. The Japanese first land on and then race down the Malayan peninsula, unstoppable in spite of all the efforts by Commonwealth troops. Singapore itself is subjected to bombing raids steadily increasing in number and intensity. Life is fast deteriorating to an extent that would have been inconceivable at the beginning of the story. Still, characters cope in one way or another, and they keep coping in the enveloping inferno around them. In fact, this slow inevitable process can be seen as the drama underlying the novel.

It comes to mind that the second book in the Empire Trilogy, The Siege of Krishnapur, deals with a similar predicament: in this case, of a small group of beleaguered Englishmen in a remote part of India. It seems that Farrell was particularly interested in and skilful at depicting such extreme challenges.

In Singapore, the story ends as we all know it has to. Only few get away: an Australian general under dubious circumstances for example, marauding Australian troops – or the very rich and unscrupulous such as the women of the Blackett family. The elder daughter and her wealthy young husband even manage to take their car with them while thousands of others have to stay behind due to lack of shipping space.

And indeed, there is a lot of social criticism in the novel, particularly of the plantation system in Malaya, although it mainly comes in the form of mild satire; and indeed, there is a good deal of comedy in this book in spite of the apocalyptic scenes described. Whatever the historical background or the implications, Farrell always tells stories first and foremost, keeping his eyes firmly on his characters: a good read, no doubt, entertaining and gripping throughout.

Gripping? The Singapore Grip? There is some speculation in the book as to what the term may mean. Although it is revealed in the end, it certainly won’t be given away here. Spoiler alert off!

J. G. Farrell, The Singapore Grip, paperback edn. (London: Phoenix, 2010). First publ. 1978 by Weidenfeld & Nicolson.

Flucht, Liebe und Überleben

Über Niko Hofingers Roman «Maneks Listen»

Zehn Jahre lang, von 1976 bis 1986, war Ernst Beschinsky der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Sein Grab findet sich im jüdischen Sektor des Westfriedhofs. Ungefähr fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod stellte sich allerdings heraus, dass es zwei Männer mit derselben Identität gab – und der Innsbrucker Beschinsky war nicht der echte. Eigentlich hieß er Emanuel Willner, gerufen Mano oder auch Manek, und stammte aus Galizien, damals Teil der Donaumonarchie, später polnisch.

Ein Skandal? Nicht ganz. Denn der echte dürfte vom unechten gewusst haben – schließlich handelte es sich um alte Freunde aus Wien! So eröffnete sich aufgrund zäher Nachforschungen eine atemberaubende Geschichte von Flucht, List, vom Geschick, den Verfolgern stets um Haaresbreite voraus zu sein: Chuzpe. Doch handelt die Geschichte ebenso von einer lebenslangen Liebe, vom Mut und der Standfestigkeit einer jungen Tirolerin, und deshalb letztlich auch vom Überleben.

Auf österreichischer Seite recherchierte der Innsbrucker Historiker Niko Hofinger in dieser Causa. Die TV-Dokumentation des israelischen Filmemachers Yair Lev brachte sie erstmals an die Öffentlichkeit. Doch blieb vieles vage, wenn nicht gar ungeklärt – es konnte auch kaum anders sein. Vermut­lich hat sich Niko Hofinger deshalb entschlossen, einen Roman zu schreiben.

Als Erzähler fungiert der verstorbene Ernst Beschinsky II, also Manek Willner – daher der Titel.

(Aber warum gleich Maneks Listen? Zwar kommen im Buch ein paar solcher vor, aber bedeutende Rolle spielen sie keine. Die Anbiederung erscheint mir – man entschuldige bitte den Ton – deppert. Wahrscheinlich stammt der Titel ja vom Verlag. Den möchte man außerdem gerne fragen, wie’s zum eigenartig kleinen Buchformat kommt. Das hat nämlich zur Folge, dass auf den zahlreichen Abbildungen praktisch nichts zu erkennen ist.)

Diesem Manek also verleiht Niko Hofinger eine Stimme – und er tut das gekonnt, stilgerecht (bis auf ein, zwei Schnitzer) und somit glaubwürdig. Da beweist ein Historiker beträchtliches Talent als Schriftsteller, und das verdient Bewunderung. Das Buch ist von Anfang bis Ende spannend, amüsant, gleichzeitig doch auch erhellend. Mich hat, als ich die Fernseh-Dokumentation sah, die Frage geplagt, warum sich dieser Manek Willner, ohnehin schon jüdisch, auf der Flucht vor seinen Nazi-Verfolgern ausgerechnet eine neue jüdische Identität zulegte!

So lässt Niko Hofinger seinen Protagonisten antworten: „Ich musste mir eine Geschichte suchen, die glaubwürdig war, weil damals an jeder Zollstation und auf jedem größeren Bahnhof selbsternannte Spezialisten für Juden-Erkennung lauerten. Ich sah nach den von Hobby-Antisemiten empirisch-wissenschaftlich gesammelten Kriterien ganz eindeutig aus wie ein Wiener Jud. […] Und natürlich war ich beschnitten und wäre schon beim ersten Fingerzeig auf meine Hose gnadenlos aufgeflogen. Mein Ernst Beschinsky, der war gut. Ich kannte seine Geschichte […].“

Ein gelungener Roman also, auch und gerade stilistisch, was bei literarischen Produkten heimischer Provenienz ja keineswegs vorausgesetzt werden kann. Und trotzdem bleibt da ein Aber. Denn im Grunde geht’s Niko Hofinger ja doch um Geschichte, um Fakten und um Dokumentation. Davon zeugen die seitenlangen klein gedruckten Danksagungen am Ende des Buches. Man staunt, wie viele Archive, Institute und Dokumentationszentren es gibt, und wie viele Menschen da offenbar ihren Lebensunterhalt verdienen.

Die Romanform erlaubt es, Lücken zu füllen, Erklärungen zu liefern, die in keinem Dokument aufscheinen, gar nicht aufscheinen könnten. Bloß – wo hört die historische Dokumentation auf, wo fängt die Phantasie an? Über lange Strecken erhebt sich die Frage nicht, das gebe ich zu – Beweis von Hofingers erzählerischem Geschick; aber manchmal eben doch, zum Beispiel wenn Manek, der Erzähler, seiner giftigen Verachtung Israels Luft macht.

Damit man mich recht versteht: Das ist keine Kritik. Ich wüsste selbst nämlich auch nichts Besseres. Anders würde man diese Geschichte kaum so gut erzählen können wie hier. Verschiedene Schriftarten vielleicht? Aber wie pedantisch wäre das, fein säuberlich getrennt?

Trotzdem – die Frage bleibt:  Gewusst, Herr Hofinger, oder erfunden?

Niko Hofinger, Maneks Listen, Roman (Innsbruck: Limbus Verlag, 2018).

Nachtrag: Man macht mich darauf aufmerksam, dass der Titel auch anders verstanden werden kann: Listen als Plural von List. Schön. Aber wie viel ändert das an der Anbiederung?

Teschen lässt grüßen

Über „Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939“ von Walter Rauscher

Mitteleuropa ist ein vielgesichtiger Begriff. Er hat eine lange Geschichte und erfuhr etliche, nicht immer erfreuliche Deutungen. Der Historiker Walter Rauscher schränkt ihn deshalb auf jene Staaten ein, die entweder aus der Konkursmasse der Donaumonarchie entstanden sind oder sich Teile selbiger einverleibten. Es handelt sich in grob nord-südlicher Reihenfolge um Polen, die Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn, Rumänien sowie das Königreich Jugoslawien. Ausgeklammert bleiben demzufolge die baltischen Staaten sowie das Königreich Bulgarien. Man mag das als Lücke empfinden, doch muss man dem Autor zugestehen, dass er sich sein Arbeitsfeld selbst aussuchen kann (und muss). In diesem Falle, so scheint es, bringt die Be­schränkung Gewinn.

Mitteleuropa also in diesem Sinne. Keiner der hier besprochenen Staaten war sonderlich groß, geschweige denn mächtig. Mit der Donaumonarchie zerbrach auch ein mehr oder weniger organisch gewachsener Wirtschafts­raum. Unter den Folgen litten alle Nachfolgestaaten, am meisten wahr­scheinlich Österreich. Außer in der Tschechoslowakei herrschten überall landwirtschaftliche Strukturen vor samt allen Problemen, welche sie mit sich brachten. Die Region war mit einem Wort rückständig.

Von Anfang an gab es deshalb auch Überlegungen, wie die jungen Staaten zusammenarbeiten könnten. Frankreich war daran gelegen, einen Cordon sanitaire gegenüber der Sowjetunion zu schaffen. Auf der anderen Seite stand Deutschland – zunächst, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, nicht als Machtfaktor, sehr wohl aber als bedeutender Markt.

Doch die Zusammenarbeit der neuen Staaten gestaltete sich schwierig. Zwei Faktoren standen im Wege: Zum einen war keiner der neu ge­schaffenen „Nationalstaaten“ wirklich national – in jedem lebten nationale Minderheiten von beträchtlicher Stärke, sodass man eher schon von Viel­völkerstaaten sprechen musste. Diese Minderheiten sorgten für interne Spannungen und gegenseitiges Misstrauen. Dabei spielte auch eine Rolle, dass sich die einen als Gewinner der Nachkriegsordnung empfanden – die Tschechoslowakei etwa –, andere hingegen als Verlierer: allen voran Ungarn. Letztere strebten eine „Revision“ dieser Ordnung an.

Österreich gehörte zwar eindeutig zu den Verlieren, stellte aber keine revisionistischen Gebietsansprüche. Dazu war es zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit seinem eigenen Überleben. Was die anderen Nachfolge­staaten fürchteten, das war einerseits der Anschluss an Deutschland, andererseits eine Restauration der Habsburger. Warum diese so ernst genom­men wurde, derart substantielle Ängste auslöste – besonders, wie es scheint, in Jugoslawien – das kann ein heutiger Leser nur schwer nachvollziehen. Trotzdem vergifteten solche Befürchtungen zusätzlich die Atmosphäre.

Doch standen nicht bloß nationale Empfindlichkeiten einer stärkeren Kooperation entgegen. Da gab’s ebenso einen logischen Fallstrick, wenn man so will: Denn es lag ja auf der Hand, dass die jungen Staaten jene Souveränität, welche sie eben erst und unter großer nationaler Begeisterung errungen hatten – Erfüllung einer Jahrhunderte alten Sehnsucht (wie man damals glaubte) – nicht gleich wieder einschränken wollten, indem sie einem übernationalen Bündnis beitraten. Vielmehr hüteten sie diese Souveränität eifersüchtig, bestanden darauf, als eigenständige, eigenmächtige Staaten zu handeln, und nur als solche.

Aus diesen Gründen lehnten sie alle ganz entschieden jeden Ansatz einer „Donaukonföderation“ ab, wie sie immer wieder ins Spiel gebracht wurde, nicht zuletzt von Frankreich. Was es gab, das war die so genannte Kleine Entente, ein Bündel bilateraler Abkommen zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien und dem Königreich Jugoslawien. Sie bestand seit 1920/21. Später betrieb Italien vorübergehend eine engere Zusammenarbeit mit Ungarn und Österreich, festgeschrieben in den Römischen Protokollen von 1934.

Genützt hat das alles nichts, wie wir wissen. Mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933–34 änderten sich die Verhältnisse in Mitteleuropa drastisch. Der Macht des Dritten Reichs hatten die mitteleuropäischen Staaten nichts entgegenzusetzen. Österreich verfiel dem Anschluss, es folgte erst die Amputation der Tschechoslowakei 1938, dann ihre endgültige Zer­schlagung und Unterwerfung 1939. Im Herbst desselben Jahres war Polen dran. Der Rest – nun, man weiß.

Den verbliebenen Kleinstaaten Mitteleuropas blieb nur die Kooperation, um nicht zu sagen Unterwerfung. Ungarn tat sich unrühmlich hervor – in den beiden Wiener Schiedssprüchen ergatterte es große Teile der Slowakei (1938) und später Rumäniens (1940). Ersteren Gewinn könnte man ohne weiteres als Leichenfledderei betrachten.

Doch waren die Ungarn keineswegs allein. Seit 1918 gab’s einen Disput zwischen der Tschechoslowakei und Polen um die kleine Stadt Teschen samt Umgebung – das so genannte Teschener Gebiet. Die Stadt wurde schließlich geteilt (1919). Kaum war das Münchner Abkommen unterschrieben, in welchem der Tschechoslowakei 1938 bekanntlich das Sudentenland entrissen wurde, sah Polen seine Stunde gekommen und besetzte im Einverständnis mit dem Dritten Reich den tschechischen Teil des kleinen Gebietes.

Wow! Was für ein Triumph! Der wieselflinke, bauernschlaue Nationalismus! Denn in der Tat – für sich betrachtet, von Einzelfall zu Einzelfall, ist die nationalistische Logik ja unwiderlegbar: Unser Vorteil, sonst nichts; wir nehmen uns, was wir bekommen, und wenn wir was hergeben sollen, ertönt lautstarkes Wehklagen.

Doch zeigt die Zwischenkriegszeit 1918–1939 nur zu deutlich, wie trügerisch das Erfolgsrezept dieser eng geführten Logik letztlich ist. Sie führte nämlich geradewegs in die Katastrophe: zunächst des Zweiten Weltkriegs, aus dem sich keiner der Nachfolgestaaten heraushalten konnte, ganz im Gegenteil. Und darauf folgte die kommunistische Diktatur unter sowjetischer Dominanz, fast ein halbes Jahrhundert lang. Da konnte von Souveränität, von Unabhängigkeit und Freiheit überhaupt keine Rede mehr sein. Da verloren diese stolzen, so auf ihre Unabhängigkeit bedachten Pseudo-Nationalstaaten viel mehr, als sie durch eine Kooperation je eingebüßt hätten.

Haben sie daraus gelernt? Darüber schreibt Herr Rauscher natürlich nicht – er ist ja Historiker. Der Leser kann sich die Frage trotzdem nicht verkneifen.

Also? Eingedenk der traurigen Erfahrungen im 20. Jahrhundert möchte man solches wohl annehmen. Aber nein: Zumindest die Staaten der so genannten Visegrád-Gruppe, nämlich Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn scheinen sich derzeit genau so zu verhalten wie in der Zeit zwischen 1918 und 1939. Aber damit tappen sie nicht bloß erneut in die Falle der engen, allzu schlauen nationalistischen Logik. Dieses Mal tragen sie gleichzeitig bei zur Schwächung, vielleicht gar zur Zerstörung der Europäischen Union. Und damit zerstören sie die einzige Hoffnung für ihr eigenes Überleben als einigermaßen souveräne Gebilde. Teschen lässt grüßen, Herr Morawiecki, Herr Orbán!

Walter Rauscher, Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939 (Wien: Kremayr & Scheriau, 2016).