Archiv der Kategorie: Rezension

Gott soll einen behüten

E. J. Dionne et.al., One Nation After Trump

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Das Buch mag von drei Autoren geschrieben worden sein, es handelt sich jedoch keineswegs um eine Sammlung von Aufsätzen. Tatsächlich sind die Beiträge nicht zu erkennen, geschweige denn zuordenbar. Der Titel hingegen spielt bewusst an eine Stelle aus jener Pledge of Alligance an, welche viele US-amerikanische Schüler jeden Tag oder doch jede Woche zu deklamieren haben, mit dem Gesicht zur Fahne und der Hand auf dem Herzen: „one Nation under God…“ Worum’s in dem Buch geht, das ist die Präsidentschaft von Donald Trump – allerdings nicht so sehr um seine Person, als vielmehr um die Wähler und Wählerinnen, die für ihn gestimmt haben. Wozu man sagen muss, dass der Band bereits 2017 erschienen ist, also am Anfang von Trumps Amtszeit. Wie’s weiterging, das konnten die Autoren damals nicht wissen.

Warum also haben so viele US-Amerikaner und -Amerikanerinnen Trump gewählt? Die Frage wird landauf, landab erörtert – und das nicht nur in den USA. Der Erklärungen, oder besser: der Erklärungsversuche gibt es inzwischen etliche, man muss allerdings dazu sagen, dass sie letztlich immer auf dasselbe hinauslaufen: Die wirtschaftliche Lage, die Kulur.

Wirtschaftlich läuft’s für breite Schichten der Bevölkerung nicht gut. Arbeitsplätze sind von zwei Seiten bedroht, von der Abwanderung durch Globalisierung und von der Automatisierung. Die resultierende Arbeitslosigkeit untergräbt gewohnte Verhaltensweisen, Gemeinschaften, Werte, Richtlinien. Eine Folge ist die Opioid-Epidemie. Dazu kommen noch jene Anliegen, die den Mittelschichten so viel wichtiger zu sein scheinen als die Nöte arbeitender Menschen. Man denkt etwa an LGBT (oder wie die inzwischen heißen, es kommen ja dauernd Buchstaben dazu), an political correctness, an MeToo und so weiter. Mit ein bisschen Empathie, mit ein bisschen Phantasie kann man sich ausmalen, wie und warum sich da ein backlash zusammengebraut hat.

Die Autoren unseres Buches haben sich bemüht, ihre Thesen mit empirischen Zahlen zu untermauern, an welchen es denn auch nicht fehlt. Der Verdienst des Unterfangens soll gewiss nicht geschmälert werden; aber was sie beschreiben, was sie identifizieren – das haben wir eigentlich schon gewusst, wiewohl nicht so detailliert. Die eigentliche Erklärung für das Verhalten der Trump-Wähler, die scheint mir nach wie vor zu fehlen.

Das umso mehr, als viele Wähler Trump im Jahre 2020 ja wieder gewählt haben – nicht weniger als 74,2 Millionen (was die Autoren nicht wissen konnten, als sie das Buch schrieben). Trotzdem hat er verloren, großes Aufatmen rund um die Welt. Doch in Anbetracht dessen, was der gute Donald zuvor vier Jahre lang aufführte, hätte man sich doch eine klarere Abfuhr erwartet. In Wirklichkeit waren wir schon froh, dass er überhaupt unterlag. Eben dies verweist auf das eigentliche, das zugrunde liegende Problem: Was ging in diesen Wählern vor, dass sie ihn nach vier Jahren wieder wählten, in denen ihr Held aus dem Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten ein Kasperltheater gemacht hat? Und was geht in jenen vor, welche ihm heute noch die Stange halten?

Bedenken wir bitte: Eine ähnliche Erscheinung kennen wir aus Großbritannien mit Brexit, Boris Johnson und seiner stümperhaften Regierung; und wir kennen’s hier in Österreich seit Haider und einschließlich Strache. Eine pessimistische Sichtweise entdeckt sofort ernsthafte Bedrohungen für unsere Gemeinwesen. Wenn der Eindruck stimmt, dass bestimmte Einstellungen viel weiter verbeitet und viel tiefer verankert sind, als wir vom Kommentariat uns das vorstellen können – nun, dann muss damit gerechnet werden, dass die Sache nach dem Sieg Joe Bidens noch lange nicht ausgestanden ist. Oder nach dem Ibiza-Video. Das Dumme dabei: Offenbar weiß niemand, was dagegen zu tun wäre. Diesen Eindruck können auch die Autoren im hier besprochenen Buch nicht ändern, obwohl sie sich bemühen, optimistische Strategien zu präsentieren. Sehr glaubwürdig erscheinen diese jedoch nicht – zumindest nicht diesem Leser.

Was bleibt, das sind Fragen: Ist es wirklich möglich, dass Menschen – sehr viele Menschen – gegen ihre offensichtlichen Interessen abstimmen? Und das nicht bloß einmal, sondern noch einmal? Was geht in denen vor? Sehen sie ihre Interessen womöglich anders als wir? (In welchem Falle ihre Wut über die Bevormundung von unserer Seite tatsächlich nachvollziehbar wäre.)

Aber das sind alles Spekulationen. Leider müssen wir uns vorläufig mit solchen zufrieden geben. Bei aller Suche nach Details, trotz all der Statistiken und Zahlen vermögen die Autoren von One Nation After Trump daran leider auch nichts zu ändern. Wir können – wieder einmal – nur hoffen. Bloß ist’s mit dem Hoffen halt so eine Sache. Ich denk’ da unwillkürlich an Friedrich Torbergs Tante Jolesch und wandle im Geiste ihr berühmtes Diktum ab: „Gott soll einen behüten vor allem, was man nur noch hoffen kann!“

E. J. Dionne, Jr., Norman J. Ornstein and Thomas E. Mann, One Nation After Trump: A Guide for the Perplexed, the Disappointed, the Desperate, and the Not-Yet Deported (New York: St. Martin’s Press, 2017).
E. J. Dionne et.al., One Nation After Trump

The book may have been written by three authors, but that does not mean it comes as a collection of essays. The different contributions can’t be identified, let alone attributed. The title, on the other hand, deliberately alludes to a passage from the Pledge of Alligance, which US-American school children have to recite at least once a week, if not daily, with their faces turned to the flag and their right hands on their hearts: „one Nation under God…“. The book is about the presidency of Donald Trump – not so much about his person as about the people who voted for him. It should be mentioned that the volume was published in 2017, in the early days of Trump’s term in office. The authors could not know at the time what was yet to come.

So why did so many Americans vote for Trump? The question has been widely discussed, both in the US and all over the world. By now there are numerous explanations, or rather attempts at explanations, but it has to be said that in the end they tend to boil down to the same things: the economic situation, culture.

Economically, things are not going well for broad sections of the population. Jobs are under threat from two sides: from the exodus due to globalisation and from automation. The resulting unemployment is undermining customs, values and guidelines. One consequence is the notorious opioid-epidemic. Then there are those concerns that seem to be so much more important for the middle classes than the needs of working people. One thinks of LGBT (or whatever they may presently be called, letters being added all the time), political correctness, MeToo and so on. With a little empathy and a little imagination, one can understand how and why a backlash has been brewing.

The authors of our book have endeavoured to support their theses with empirical figures of which there is no lack. The merit of this approach should by no means be diminished; but what they describe, what they identify – well, actually, we know these things by now, albeit not in such detail. What we’re still waiting for, it seems to me, is a plausible explanation of the behaviour of Trump’s voters.

All the more so because many voted for Trump again in 2020 (no less than 74.2 million). Nevertheless, he lost – a big sigh of relief around the world. But considering the way dear old Donald had performed in the previous four years, one would have expected a clearer rebuff. As it was, we were glad that he lost at all. This points to a fundamental problem: what was going on in those voters’ minds that they re-elected a man who had made a cheap comedy show of his Presidency? And what is going on in the minds of those who still support him today?

We should remember that we’re witnessing similar trends in Great Britain, where we have Brexit, Boris Johnson and his bungling government; and we’ve seen them in Austria thanks to Haider and Strache. A pessimistic view immediately identifies serious threats to our political system. If the impression is correct that certain attitudes are much more widespread and much more deeply engrained than we in the commentariat can comprehend – well, then we have to reckon that the troubles won’t be over after Joe Biden’s victory. Or after the Ibiza video. The trouble is that no one seems to know what to do about them. Even the authors of the book under review cannot dispel our worries, although they try to present optimistic strategies. However, these do not come across as overly convincing – at least not to this reader.

What remains are questions: Is it really possible that people – numerous people – will vote against their manifest interests? And not just once, but repeatedly? What is going on in their minds? Is it possible that their concepts of their own interests differs drastically from our assumptions? (In which case their anger at being patronised would indeed be comprehensible).

But these are all speculations. Unfortunately, that’s what we’ll have to be content with for the time being. For all their love of detail, despite all their statistics and data, the authors of One Nation After Trump are not able to really change this. Once again, we can only hope. But hoping is one thing. As an Austrian, I have to think of Friedrich Torberg’s Tante Jolesch, whose famous dictum I paraphrase in my mind: “May God protect us from what we can only hope for!”

E. J. Dionne, Jr., Norman J. Ornstein and Thomas E. Mann, One Nation After Trump: A Guide for the Perplexed, the Disappointed, the Desperate, and the Not-Yet Deported (New York: St. Martin’s Press, 2017).

Lebensgeschichten

Letzte Zeugen erinnern, hg. von Heinrich Gritsch

Ein eigenartiges Buch: Da macht sich jemand aus dem Tiroler Oberland auf und spricht mit älteren Menschen über ihr Leben, ihre Erlebnisse. Und daraus macht er ein Buch, welches im Eigenverlag erscheint. Ist’s die Mühe wert? Ich meine nicht nur die Mühe des Machens, sondern auch des Lesens?

Zugegeben, wir erfahren nichts drastisch Neues, nichts Sensationelles. Aber genau das ist doch der Wert so eines Buches: Die durchschnittlichen, die „normalen“ Menschen kommen zu Wort. Denn so unspektakulär ihr Leben verlaufen mag, so steckt doch jede Menge Sorge, Leid, Trauer drin. Und natürlich Arbeit. Das sollte man niemals vergessen, besonders wenn man die Welt aus der erhabenen Sichtweise der Literatur oder der Geschichtsschreibung betrachtet.

Natürlich ergibt sich aus dieser Normalität eine gewisse Monotonie. Die Lebensgeschichten ähneln einander. Das resultiert unter anderem auch aus den Zeitläuften, wie’s manchmal heißt. Die Nazi-Zeit, der Krieg. Die Erzähler räumen durchaus ein, von den Nazis angetan gewesen zu sein. Mehr gesteht aber niemand ein, und selbst das eher verschämt. Richtige Nazis waren immer die anderen. Nicht, dass selbiges hier als Vorwurf erhoben werden soll. Aus damaliger Sicht, aus der Sicht dieser Menschen war die Anziehungskraft der Nazis nicht nur verständlich, sondern beinahe schon zwingend. Das vergisst man heute allzu leicht. Was danach geschah, wohin das führte, das konnten die Menschen damals nicht wissen.

So ist dem Herausgeber zu seiner Idee und seiner Beharrlichkeit nur zu gratulieren. Eigenverlag hin oder her, das Buch ist professionell gestaltet; auch das verdient Anerkennung.

Empfehlenswert? – Ja, eindeutig. Die Mühe lohnt sich, ist im Übrigen nicht übermäßig groß.

Letzte Zeugen erinnern, hrsg. von Heinrich Gritsch (Silz: Eigenverlag, 2. Aufl. 2018).

Wir werden nimmer ihresgleichen sehen

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Michelle Obama, Becoming     

Nach der Biographie (Verknüpfung am Ende des Beitrags) die Autobiographie. Eine solche lese ich allerdings mit großem Vorbehalt: Denn selbst wenn sich der Autor oder die Autorin bemüht, den Eindruck der Ehrlichkeit zu erwecken, allzu oft gelingt’s letztlich doch nicht und die gute alte Eitelkeit bricht sich Bahn.

Und bei Michelle Obama?

Nun, ein definites Urteil möchte ich nicht abgeben, dazu fehlen mir Einblicke, Hintergrundwissen. Ich kann also bloß von meinen eigenen Beobachtungen sprechen. Da ist’s aber so, dass der Ton, den Michelle Obama anschlägt, die Art und Weise, wie sie erzählt, worauf sie Wert legt und was sie nur streift – dass all das einen höchst sympathischen Eindruck erweckt: der Tonfall strahlt Wärme aus, Mitmenschlichkeit, aber auch Unsicherheit, Selbstzweifel: „Will I be good enough?“ Der Leser – nun, zumindest dieser Leser – hofft und bangt mit ihr. Woraus sich ein Spannungsbogen ergibt, der die Lektüre noch einmal fesselnder macht.

Aber was gibt es da zu hoffen und zu bangen? Wir kennen doch Mrs Obamas Erfolgsgeschichte, oder? Die vielen firsts, die sie als schwarze Frau an ihre Fahne heftete.

Mag sein, aber aus der Perspektive der Dame selbst schaut das doch ein bisschen anders aus. Der äußere, der politische Erfolg, gipfelnd in einer achtjährigen Residenz im Weißen Haus, der scheint ihr nicht besonders angelegen zu sein. Eher schon im Gegenteil: ihr Misstrauen gegen Politik, gegen die hässlichen Methoden, die dort zur Anwendung kommen, das tritt klar zutage, und es legt sich auch nicht im Laufe der Zeit. Was Michelle Obama stets fürchtete, das waren die Auswirkungen auf ihre beiden Töchter, auf ihre Familie. Es muss beträchtliche Kraft gekostet haben – mehr vielleicht, als im Buch zum Ausdruck kommt – eine Art Familienleben aufrecht zu erhalten, wenigstens eine ferne Erinnerung an Normalität, und vor allem die Töchter solcher Art groß zu ziehen. Wie’s scheint, ist es gelungen. Eine bewundernswerte Leistung.

Aber dann ist Michelle Obama eben eine bewundernswerte Frau. Das wird keineswegs bloß aufgrund ihrer Autobiographie konstatiert. Was wir ansonsten von ihr wissen, formt dieses Bild genau so, vielleicht sogar noch stärker. Sie hat sich stets bemüht, nicht bloß First Lady zu sein, sondern etwas zu tun, etwas zu bewirken. Ihre Initiativen galten etwa der Bekämpfung des Übergewichts bei jungen Amerikanern, und zwar mittels gesunder Ernärhung sowie Bewegung; oder den Angehörigen von Soldaten im Kriegseinsatz und dem Schicksal von Veteranen; und schließlich – natürlich, ist man versucht zu sagen – den Afro-Amerikanern, besonders den schwarzen Frauen. (Wir wagen es, diesen Ausdruck zu gebrauchen, da sich Mrs. Obama selbst als schwarz bezeichnet.)

Interessant zu erfahren, dass Barack Obama zwar der vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten war, dass es jedoch gar nicht so viele Familien gab, denen es gelang, acht Jahre lang im Weißen Haus zu residieren. Wobei Mrs Obama auch in dieser Beziehung stets bemüht war, wenigstens einen Hauch von Normalität zu wahren. Leicht ist es ihr nicht gefallen, wenn jeder Schritt eines Familienmitglieds von Sicherheitsbeamten begleitet wurde, und wenn jede Ausfahrt gleich einen ganzen Konvoi nach sich zog. Einmal wollten Michelle und Barack eine frühere Tradition weiterführen und am Abend zum Essen ausgehen. Doch das simple Vorhaben entwickelte sich zu einem derart aufwändigen Unternehmen mit abgesperrten Straßen, Sicherheitschecks nicht bloß des Lokals, sondern auch gleich der Gäste, dass sie fortan von solchen Ausflügen Abstand nahmen. Trotzdem wurden sie von republikanischer Seite wegen des Aufwands kritisiert – etwas verwunderlich, bedenkt man, was Mr. Trump später trieb.

Tatsächlich ist es letztlich unfassbar, wie nach den strahlenden Obama-Jahren ein derartiger Absturz erfolgen konnte. Nicht, dass Michelle viele Worte darüber verliert. Sie übt sich in nobler Zurückhaltung. Die scheint ihrem Wesen zu entsprechen. Aber so wie wir dürfte sie die weitere Entwicklung wohl fassungslos mitverfolgt haben. Wir können uns inzwischen nur an unserer Erinnerung festhalten: So könnte es auch gehen! Wer weiß, vielleicht wird sich das als wichtiges Erbe dieser beiden bemerkenswerten Menschen, Barack und Michelle, herausstellen. Frei nach Shakespeare etwa:

Sie war eine Frau, nehmt alles nur in allem!
Wir werden nimmer ihresgleichen sehn.

Noch lebt sie aber, glücklicherweise, und deshalb werden wir sie hie und da hoffentlich im Fernsehen bewundern dürfen. Eine politische Tätigkeit, eine Kandidatur als demokratische Präsidentschaftskandidatin gar hat sie kategorisch ausgeschlossen. Wenn man ihre Autobiographie gelesen hat, dann glaubt man ihr. Im Grunde dürfte sie froh gewesen sein, das Weiße Haus hinter sich zu lassen: die starre Herrschaft des Protokolls, die unbarmherzigen Blicke der Öffentlichkeit. Wir danken ihr für das, was sie getan hat, was sie vermittelt hat, und wünschen ihr das Aller-Allerbeste.

Empfehlenswert? – Unbedingt!

First Lady

Michelle Obama, Becoming (London: Viking, 2018). – Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Becoming: Meine Geschichte erschienen (München: Goldmann, 2018).
Michelle Obama, Becoming

After the biography (see link at the bottom), the autobiography. I have to say, however, that I tend to read autobiographies with great reservations: even if the author tries to give the impression of being honest, all too often it doesn’t really work and good old vanity takes over.

What about Michelle Obama?

Well, I don’t want to make a definite judgement; I just don’t have enough insight or background knowledge. I can only speak of my own impressions. But the tone Michelle Obama adopts, the way she tells her story, what she emphasises and what she only touches on – all this creates a favourable impression: the book radiates warmth, compassion, but also insecurity, self-doubt: „Will I be good enough?“ The reader – well, at least this reader – hopes and fears with her. Which results in an arc of suspense that makes reading even more compelling.

But what is there to hope and fear? We know Mrs Obama’s success story, don’t we? The many firsts that she, as a black woman, wrote on her banners.

Maybe, but from the perspective of the lady herself, it looks a bit different. Her political success, culminating in an eight-year residency in the White House, does not seem to be particularly important to her. On the contrary: her distrust of politics, of the ugly methods used there, is clearly evident, and it does not subside over time. What Michelle Obama always feared was the impact on her two daughters, on her family. It must have taken considerable strength – more, perhaps, than is discussed in the book – to maintain some kind of family life, at least a distant memory of normality, and above all to raise the daughters in such a way. It seems that she succeeded. An admirable achievement.

But then Michelle Obama is an admirable woman. The judgment is by no means based on her autobiography alone. What we know of her in general underlines this impression, maybe even reinforces it She always tried not just to be a First Lady, but to achieve something, to make a difference. Her initiatives included combating obesity among young Americans through healthy eating and exercise; the families of soldiers on foreign missions and the fate of veterans; and finally – of course, one is tempted to say – African-Americans, especially black women. (We dare to use that term since Mrs Obama describes herself as black).

Interesting to learn that while Barack Obama was the forty-fourth President of the United States, there were not all that many families who managed to reside in the White House for eight years. And there, too, Mrs Obama always tried to maintain at least a semblance of normality. It can’t have been easy for her as every step of a family member was accompanied by security guards, and as every excursion entailed a whole convoy. Once, Michelle and Barack wanted to continue an earlier tradition and go out for dinner one evening. But the simple plan turned into such an elaborate operation with roads cordoned off and security checks not only of the restaurant but even of the guests that in future they refrained from such outings. Nevertheless, they were criticised by the Republican side for the expense – somewhat ironic, considering what Mr. Trump used to practice later.

Indeed, in the end, it is hard to understand how such a crash could occur after the bright Obama years. Not that Michelle says about this. She practices noble restrain which seems to be in keeping with her nature. But like us, she must have been stunned by what followed. Lacking an explanation we can only hold on to our memories: This is how it could be! Who knows, maybe this will turn out to be the most important legacy of two remarkable people, Barack and Michelle. Two Shakespeare lines come to mind, even if adopted:

She was a woman, take her for all in all,
We shall not look upon her like again.

But she is still alive, fortunately, and therefore we’ll hopefully be able to admire her on television now and then. She has categorically ruled out any political activity, let alone running for the Democratic presidential nomination. If you read her autobiography, you will believe her. Basically, she must have been happy to leave the White House: the rigid rule of protocol, the merciless scrutiny by the public. We thank her for what she has done, what she has conveyed, and wish her the very best.

Recommended? – Absolutely!

First Lady

Michelle Obama, Becoming (London: Viking, 2018).

Pfiffig um die Welt

Ewald Gerhard Seeliger, Peter Voß, der Millionendieb

Die Geschichte um Peter Voß dürfte einigermaßen bekannt sein, sie wurde mehrmals verfilmt. Es ist die Geschichte eines Defizits, das scheinbar gestohlen wird, um solcherart einen Konkurs zu verhindern. Damit der Schwindel nicht zu früh auffliegt, muss der angebliche Millionendieb rund um die Welt fliehen, stets verfolgt von einem Superdetektiv.

Die berühmteste Filmversion dürfte jene mit O. W. Fischer aus dem Jahre 1958 sein, zuletzt gab’s 1977 eine deutsche Fernsehserie. Weniger bekannt ist hingegen der Roman selbst. Er stammt von einem Mann namens Ewald Gerhard Seeliger und meinen Informationen zufolge aus dem Jahre 1913. Die Version, welche mir zur Verfügung steht, bezieht sich allerdings mehrmals auf den Ersten Weltkrieg. Wie sich herausstellt, wurde der Roman überarbeitet und 1929 neu herausgebracht.

Das steht durchaus in Einklang mit seinem Wesen, nämlich als leichte Unterhaltungsliteratur. Dazu gehören nicht bloß der flotte, pfiffige Ton, sondern ebenso ein gerüttelt Maß an Unwahrscheinlichkeit, an leichtfertigem Überspringen von Widersprüchen. Das tut ja nichts zur Sache. Flüssig zu lesen ist die Geschichte allemal, und nur darum geht’s.

Oder fast nur – zur Überraschung des Lesers, der Leserin finden sich Stellen, die durchaus ein bisschen tiefer gehen: Gespräche über Kapitalismus, Finanzwelt, ja sogar übers Regieren. Da wird eine antiautoritäre, ja geradezu anarchische Ader unübersehbar. Womit natürlich nicht gesagt sei, es handle sich um einen politischen Roman. Weit gefehlt! Weder die Zustände der Weimarer Republik kommen je zur Sprache, noch die Weltwirtschaftskrise (ich nehme an, das Buch erschien vor deren Ausbruch im Oktober 1929).

Mein Exemplar stammt aus der Bibliothek meiner Großmutter. Auf dem Vorsatz hat sie die Nr. 45 eingetragen, das Erwerbsdatum 28. IV. 30 sowie in gepflegter, schwungvoller Handschrift ihren Namen. Gelesen hab’ ich es nun, weil es mir zufällig in die Hände kam, sowie aus nostalgischer Erinnerung. Es gab ein paar Stellen, an die ich mich erinnern konnte, und die ich wie alte Bekannte freudig begrüßte.

Aber das soll die Bedeutung des Romans nicht künstlich steigern. Es handelt sich um reine Unterhaltung, sonst nichts. Angesichts so mancher schwer beladenen Tiefsinnigkeit im deutschen Roman stellt das freilich auch ein Verdienst dar, zumindest eröffnet es Abwechslung. Die hab’ ich nach ziemlich schwerer, trockener Lektüre in letzter Zeit auch gebraucht.

Empfehlenswert? – In diesem Sinne, durchaus. Zu viel darf man sich natürlich nicht erwarten.

Edward Gerhard Seeliger, Peter Voß, der Millionendieb oder Das entwendete Defizit (Berlin: Globus Verlag, 1929).

Thatcher, Thatcher, milk snatcher

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Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Um es gleich vorwegzunehmen: Die legendäre Schlagzeile von Margaret Thatcher als “milk snatcher” kommt im hier zur Debatte stehenden Buch nicht vor. Sie stammt aus einer früheren Zeit. Warum sie sich trotzdem aufgedrängt hat, wird sich gleich erweisen.

Who Dares Wins ist der fünfte Band einer Reihe, an welcher der englische Historiker und Journalist Dominic Sandbrook schon seit Jahren arbeitet (Liste am Ende des Beitrags). Es handelt sich um Zeitgeschichte – eine Geschichte Großbritanniens von 1956 an. Der Beginn ist natürlich nicht zufällig gewählt: Die Suez-Krise war jenes einschneidende Ereignis, in dessen Verlauf das Vereinigte Königreich endgültig und unleugbar seine Weltmacht-Stellung einbüßte.

Die Art von Geschichte, welche Sandbrook schreibt, zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus; man könnte fast von einer Art Universalgeschichte sprechen. Da werden nämlich nicht bloß politische Entscheidungen seziert; ebenso kommt die Kultur zur Sprache, und zwar in Form von Romanen, Theaterstücken, Filmen, Rockbands sowie als Alltagskultur. Für jemanden wie mich bringt das etliche Aha-Erlebnisse, oder besser: Ach-ja-Erlebnisse, wenn man sich plötzlich wieder erinnert. Allerdings – an wesentlich mehr erinnert man sich eben nicht, man fragt sich, wie diese oder jene Entwicklung so an einem vorbeigehen konnte. Ich nehme an, britischen Lesern ergeht es ähnlich, obwohl sie doch die ganze Zeit mitten drin gelebt haben. Ich war bloß Besucher.

Der neueste Band von Sandbrooks grand oeuvre beschäftigt sich mit den Jahren 1979–1982. Er reicht also von der historischen Wahl Margaret Thatchers bis zum Falklands-Krieg. Das umfasst eine relativ kurze Zeitspanne, und gar so viel ist da eigentlich nicht passiert, sieht man vom Krieg ab, der von Sandbrook allerdings nicht im Detail geschildert wird. Ihm scheint es eher um die Verhandlungen und die Entscheidungen in Westminster zu gehen. Abgesehen davon, bewegte in jenen Jahren das Schicksal der britischen Stahlindustrie die Öffentlichkeit. Die wurde nun nämlich – entgegen bisher geübter Praxis – ihrem eigenen Schicksal überlassen. Das bedeutete: zerschlagen, verkauft, zugesperrt. Das Schicksal jener, welche mit unbewegter Miene derart folgenreiche Entscheidungen trafen, gestaltete sich natürlich gnädig; das Schicksal der Arbeiter und Angestellten hingegen war bitter und böse. Und niemand, gar niemand stand ihnen bei. Wie viele Lebenspläne wurden da zerstört? Wie viele Jugendliche um ihre Zukunft gebracht?

(Die blöde Platte mit der Eigeninitiative wollen wir lieber nicht auflegen. Wenn die Zahlen einmal in die Hunderttausende gehen, oder gar in die Millionen, dann ist Eigeninitiative per definitionem keine Lösung mehr.)

Margaret Thatcher zeichnete sich in dieser Phase durch eiserne Härte aus, durch jeglichen Mangel an Mitgefühl – the Iron Lady (wie sie schon 1976 von einer sowjetischen Armeezeitung getauft worden war). Man könnte argumentieren, das sei nötig gewesen, um endlich, endlich etwas zu bewegen in den völlig verfahrenen industrial relations, und ich würde nicht widersprechen, selbst heute nicht. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man solche Härte temporär einsetzt, um eine Besserung zu erzielen – was sich konkret niederschlagen müsste –, oder ob die Härte als Prinzip gilt. Bei Thatcher und ihren Kumpanen traf eindeutig das Zweite zu. Ihr Mangel an Mitgefühl oder auch nur Verständnis für die Betroffenen wurde damals schon allgemein beobachtet, selbst in ihrer eigenen Partei.

Dabei gestaltete sich ihre Politik in der fraglichen Periode alles andere als erfolgreich. Das lag in erster Linie am Dogma des Monetarismus, zu dessen Umsetzung sie angetreten war. Aber der funktionierte nicht. Während des Wahlkampfes hatten die Tories über die Labour-Partei gespottet: „Isn’t working“. Nun lagen nicht bloß die Arbeitslosenzahlen höher als während der siebziger Jahre, die Staatsverschuldung nahm auch nicht ab.

Thatcher isn’t working?

Was sie vor einer empfindlichen Niederlage rettete, das war die argentinische Invasion auf den Falkland-Inseln. Diese Gelegenheit ergriff sie eiskalt entschlossen beim Schopf und ließ sie nie wieder los – man könnte von da an gut und gerne vom Kriegs-Thatcherismus sprechen. Aber das liegt jenseits des Zeitrahmens des Bandes, der hier besprochen wird.

Bleibt die Aufgabe, die Sache mit dem „milk snatcher“ zu klären. Die Schlagzeile stammt aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als Mrs. Thatcher Unterrichtsministerin in der konservativen Regierung von Edward Heath war. Viel bewegte sie damals nicht, vor allem stellte sie sich keineswegs gegen den Trend zur comprehensive school. Aber weil sie wohl irgendetwas tun musste, strich sie bedürftigen Kindern die Gratis-Schulmilch. Woraufhin ein tabloid schlagzeilte: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“ (Milchklau). Nicht, dass die Schlagzeile in Erinnerung blieb. Man wünscht sich bloß, sie wäre.

Empfehlenswert? – Who Dares Wins ist ziemlich ausführlich geraten. Das erweckt den Eindruck, die paar Jahre seien fürchterlich wichtig gewesen. Meiner Erinnerung nach traf das eher nicht zu. Ein bisschen weniger wäre deshalb vielleicht besser gewesen. Aber das ist ein kleinlicher Einwand. Im Grunde dürften wir’s wohl mit einem klassischen Werk zu tun haben (was immer das heißt).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

Bei den weiteren Bänden handelt es sich um:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

 

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Let me be clear from the outset: The legendary headline of Margaret Thatcher as „milk snatcher“ does not appear in the book under discussion. It dates from an earlier time. Why it has come to mind will become clear presently.

Who Dares Wins is the fifth volume of a series that the English historian and journalist Dominic Sandbrook has been working on for years (see the list at the end of the article). It is contemporary history – a history of Britain from 1956 onwards. The beginning is not chosen by chance, of course: The Suez Crisis was the seminal event in the course of which the United Kingdom finally and undeniably lost its status as a world power.

The kind of history Sandbrook writes is characterised by its comprehensiveness; one could almost speak of a kind of universal history. Not only are political decisions analysed; culture is also discussed, in the form of novels, theatre, films, rock bands as well as everyday culture. For someone like me, this comes with a number of yes, of course moments: I remember! The surprising thing, however, is how much one does not remember. It makes you wonder how certain events or trends could have passed you by. I assume British readers feel the same way, although they lived in the thick of it. I was only a visitor.

The latest volume of Sandbrook’s grand oeuvre covers the years 1979–1982, from the historic election of Margaret Thatcher to the end of the Falklands War. This is a relatively short period of time in which not much happened, apart from the war which Sandbrook does not describe in detail. He seems to be more concerned with the political positions, negotiations, and decisions made in Westminster. Apart from that, it was the fate of the British steel industry that moved the public at the time. Contrary to previous practice, it was now left to its own devices, which meant: sold out, broken up, closed down. The fate of those who made such rational strategic decisions was, of course, rather benign; the fate of the workers and employees was bitter and cruel. And no one, absolutely no one at all stood by them. How many lives were destroyed in this way? How many young people were deprived of their future?

(We don’t want to put on the stupid soundtrack about individual enterprise. Once the numbers run into hundreds of thousands or even millions, then individual efforts are by definition no longer a solution).

In this phase Margaret Thatcher distinguished herself by her steely toughness or, to put it differently, by her utter lack of compassion – the Iron Lady (as she had been dubbed by a Soviet army magazine in 1976). One could argue that this was necessary in order to finally achieve some change in Britain’s terribly sclerotic industrial relations, and I certainly wouldn’t disagree, not even today. But there is a difference between deploying such harshness temporarily to achieve an improvement – which would have to be measurable sooner or later – and using harshness as a principle. With Thatcher and her cronies, the second was clearly the case. Their lack of compassion or even understanding for those affected was widely observed even within their own party.

Yet her policies in the period under discussion were anything but successful. This was primarily due to the dogma of monetarism, which she had set out to implement. But it did not work. During the election campaign, the Tories had sneered at the Labour Party: „Isn’t working“. Now, not only were the unemployment figures higher than during the 1970s, the national debt was not decreasing either.

„Thatcher isn’t working“?

What saved her from a severe electoral defeat were the actions of an Argentine general. She seized the opportunity with ice-cold determination and never let it go – one could well speak of wartime Thatcherism. But that is beyond the time frame of the volume under review.

Which leaves us with the task of explaining the „milk snatcher“ sobriquet. The headline dates from the early seventies, when Mrs Thatcher was Education Secretary in Edward Heath’s government. She didn’t achieve very much; most remarkably, she didn’t oppose the trend towards ever more comprehensive schools. But because she had to do something, she withdrew free school milk from needy children. Whereupon a tabloid headline read: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“. Not that the headline was widely remembered. One wishes it had been, though.

Recommended?Who Dares Wins is a bulky volume. It gives the impression that these few years were terribly important. To my recollection, that was rather not the case. A little less might therefore have been better. But that’s a petty objection. We are probably dealing with a classic (whatever that may mean).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

The other volumes are:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

Der Vater in Anjou

Eduard Spörk, Franzosenkind

Eduard Spörk wurde 1943 auf einem Bauernhof in der Nähe von Fürstenfeld geboren. Sein Vater war ein französischer Kriegsgefangener, der diesem Hof als Arbeitskraft zugeteilt worden war. Da er selbst aus der Landwirtschaft kam, gestaltete sich das Miteinander durchaus harmonisch – soweit das die Nazis zuließen –, er wurde behandelt fast wie in Familienmitglied.

Inklusive lediges Kind.

Zu Kriegsende wurden die Kriegsgefangenen hastig auf einen Lastwagen verladen und weg gebracht. Damit brach der Kontakt ab. Der kleine Eduard litt unter dem Makel, ein „Franzosenkind“ zu sein, keinen Vater zu haben. Sein weiterer Lebensweg spiegelt wachsenden Wohlstand, wachsende Chancen und Möglichkeiten ab den fünfziger Jahren wider. Er brachte es zum leitenden Manager bei IBM in Österreich, später wechselte er in den karitativen Bereich und wurde Geschäftsführer beim katholischen Frauenorden Caritas Socialis. Dort erwarb er sich Verdienste um den Aufbau des Hospizwesens.

Die Frage nach der Identität des Vaters bohrte weiter. Einmal konnte er seine Mutter dazu bringen, ihm widerwillig dessen Namen und Geburtsdatum aufzuschreiben. Man wusste auch, dass er aus Anjou stammte, im Westen Frankreichs. Aber das reichte alles nicht, selbst Nachfragen bei einschlägigen Suchorganisationen brachten keine Ergebnisse. Erst das Internet änderte die Lage – oder genauer: nicht bloß die dort verfügbare Masse an Informationen, sondern auch die Fähigkeit des Computers, selbige schnell und zielgerichtet zu durchsuchen. Auf einer kürzlich veröffentlichten Liste von Kriegsgefangenen fand Eduard Spörk den Namen seines Vaters samt weiteren Angaben. Nun gelang es tatsächlich, ihn aufzuspüren, oder besser: seine Familie. Der Vater selbst war bereits verstorben. Zur Überraschung Spörks zeigten sich seine Halbbrüder und -schwestern erfreut über den Zuwachs, es kam zu gegenseitigen Besuchen, Freundschaften entwickelten sich – ein glückliches Ende also, das in diesem Falle freilich auch das Herz des Lesers erwärmt.

Obwohl Eduard Spörk als Autor aufscheint, hat er das Buch nicht selbst geschrieben. Er dürfte es vielmehr Britta Lauber erzählt haben. Dementsprechend wird in der dritten Person berichtet. Das tut der Sache aber keinen Abbruch. Der Stil ist unaufdringlich, fährt niemals störend zwischen Text und Leser. Inhaltlich versucht das Buch nicht mehr her zu machen, als es ist – allerdings auch nicht weniger.

Empfehlenswert? – Ganz bestimmt. Interessante, durchaus auch packende Lektüre.

Eduard Spörk, Franzosenkind: Meine Suche nach dem unbekannten Vater, aufgezeichnet von Britta Lauber. Mit einem Vorwort von Barbara Stelzl-Marx (Innsbruck: Tyrolia, 2015).

Anna Dengel

Ingeborg Schödl, Anna Dengel

Anna Dengel wurde 1892 in Steeg im hinteren Lechtal geboren. Ihr Vater betrieb einen gut gehenden Paramentenhandel – also mit liturgischen Textilien. Die Familie zog etwas später nach Hall in Tirol.

Das wäre an sich nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist jedoch das junge Mädchen, das sich damals in den Kopf setzt, Medizin zu studieren. In unseren Breiten war so was unerhört, also geht sie nach Cork in Irland und promoviert dort. Ihr Ziel ist jedoch, als Ärztin in Entwicklungsländern – damals den Kolonien – zu dienen. Das wäre von großer Bedeutung, weil sich Frauen dort oft nur von ihresgleichen behandeln lassen. Ärztinnen gab’s aber kaum, und selbst Ordensschwestern durften bei gynäkologischen Angelegenheiten nicht helfen. Das verbot die katholische Kirche. Im Besonderen galt das für Geburtshilfe.

Allen widrigen Umständen zum Trotz gelang es Anna Dengel, eine medizinische Organisation aufzubauen: Krankenhäuser, Ausbildungsstätten. Irgendwann fiel sogar das kirchliche Verbot und so konnte sie ihren Traum verwirklichen, einen Orden zu gründen und selbst Klosterschwester zu werden. Wie’s scheint, blieb sie dennoch mit beiden Beinen fest am Boden – ganz Lechtalerisch, bin ich beinahe versucht zu sagen. In der Biographie von Ingeborg Schödl kommt sie durchaus auch eigenwillig rüber, mit Ecken und Kanten. Das macht sie sympathisch. Von der berühmteren Mutter Theresa unterschied sie sich handfest: Ihr ging es ums Heilen, ums Helfen – Mutter Theresa primär ums Seelenheil.

Ingeborg Schödl hat eine anschauliche, unprätentiöse Biographie dieser bemerkenswerten Frau vorgelegt. Ihre ungeheure Zähigkeit wird Anna Dengel wohl auch ihrem Glauben verdankt haben, keine Frage. Was in Erinnerung bleibt, das sind jedoch ihre weltlichen Erfolge in der Krankenpflege. Dafür gebührt ihr zweifelsohne Bewunderung, bis heute.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall!

Ingeborg Schödl, Anna Dengel: Das Unmögliche wagen. Ärztin, Missionarin, Ordensgründerin. (Innsbruck: Tyrolia, 2019).

First Lady

[for an English version see below]

Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama wurde 1964 in der South Side von Chicago geboren. Ihre Familie könnte man vielleicht als kleinbürgerlich beschreiben (wenn einem an solchen Kategorien gelegen ist). Wichtig war wohl, dass ihre Eltern ein strenges Regime führten, sich selbst und die Kinder nicht schonten. Sie alle wussten, dass sie in ihrer Umgebung, in der amerikanischen Gesellschaft allgemein benachteiligt wurden. Bloß durfte das niemals als Entschuldigung dienen. Man hatte eben umso härter zu arbeiten.

So schaffte es Michelle in eine gute High School, dann nach Princeton, schließlich an die Harvard Law School. Sie wurde Anwältin, betätigte sich aber hauptsächlich im Non-profit-Bereich. 1989 lernte sie Barack Obama kennen. Die beiden heirateten drei Jahre später und hatten zwei Töchter.

Michelle unterstützte ihren Mann bei seinen politischen Vorhaben, besonders natürlich im Präsidentschaftswahlkampf von 2008. Sie tat sich als Rednerin hervor – ehrlich, authentisch und inspirierend. Von der Politik hielt sie allerdings nicht gar so viel, ihre Sorge galt dem Schutz der Familie. Außerdem betrachtete sie sich als eigenständige Persönlichkeit, entwickelte ihre eigenen Programme – die erste Präsidentengattin seit Eleanor Roosevelt, die mehr war als nur Gattin. Sie hatte stets Sorge, ob sie wohl genug zurück gebe.

In vielerlei Hinsicht wurde sie zum Vorbild, zum Idol: als professionelle, selbstbewusste Frau – sogar in Fragen der Mode. Und bei all dem war sie schwarz, stand fest zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zugehörigkeit.

Wie’s weiter ging, wissen wir: Zweite Amtszeit mit enthusiastischer populärer Zustimmung und großer Mehrheit an Wahlmännern. Nur leider hielten die Republikaner die Mehrheit im Kongress, und deshalb waren Obama die Flügel gestutzt. Nach ihm kam’s zum großen Absturz – wie so was passieren konnte, das gibt bis heute Rätsel auf. Wir hatten gedacht, mit den Obamas im Weißen Haus sei ein für allemal Licht, Aufklärung, Hoffnung eingekehrt.

Denkste.

Peter Slevins Biographie, bereits 2015 erschienen, scheint Michelles Leben und Erfolge sachlich und objektiv zu schildern – genau wissen wir das als Außenseiter natürlich nicht. Zu sagen, Michelle Obama sei eine interessante Persönlichkeit unserer Zeit, dürfte eine Untertreibung darstellen. Eher vielleicht eine Ikone? Irgendwie hab’ ich das Gefühl, dass ja.

Empfehlenswert? – Durchaus. Die Autobiographie kenne ich noch nicht, erst dann wird sich wohl ein endgültiges Urteil fällen lassen.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).
Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama was born in 1964 on the South Side of Chicago. Her family could perhaps be described as petit bourgeois (if one is keen on such labels). It was more important that her parents ran a strict regime, not sparing themselves nor their children. They all knew that they were disadvantaged in their environment, in American society in general. But that was never allowed as an excuse. They just had to work harder.

Michelle made it to a good high school, then to Princeton, finally to Harvard Law School. She became a lawyer, but worked mainly in the non-profit sector. In 1989, she met Barack Obama. They married three years later and had two daughters.

Michelle supported her husband in his political career, especially of course in the 2008 presidential campaign. She excelled as a speaker – honest, authentic and inspiring. She didn’t think much of politics, however, and was more concerned with family life. In addition, she always saw herself as an independent personality, developing her own programmes – the first presidential wife since Eleanor Roosevelt who was more than just a consort.

In many ways she has become a role model, an idol: as a professional woman, but also as a fashion icon. There, too, she showed courage without emphasising the aspect too much. And in all this, she was black, and she stood by her heritage.

We know what happened then: Second term with enthusiastic popular support and a impressive majority of electoral votes. Unfortunately, the Republicans held the majority in Congress, so Obama’s wings were clipped. After him, there was a big crash – how that could come about is still a mystery. We thought that with the Obamas in the White House, light, enlightenment and hope had come once and for all.

Not so.

Peter Slevin’s biography, published in 2015, seems to describe Michelle’s life and successes in a factual and objective way – for outsiders, of course, it’s hard to tell. To say Michelle Obama is an interesting personality is an understatement. More like an icon, perhaps? Could be, yes.

Recommended? – By all means. Final judgment must be reserved, however, until I have read the autobiography.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).

Die Amis kommen

Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung

Tirol wurde bekanntlich von den Amerikanern befreit. Ab 28. April 1945 marschierten mehrere Divisionen der US Army von Norden her über Kufstein, Scharnitz und Reutte in Tirol ein. Am 4. Mai trafen sich Vorausabteilungen der 103. Infanteriedivision bei Sterzing mit Kräften der US Fifth Army, die von Italien herauf kamen. Der Krieg war vorbei. Die Amerikaner blieben noch bis Anfang Juli in Tirol, dann wurden sie von den Franzosen als Besatzungsmacht abgelöst.

Sowohl während der Kriegshandlungen als auch während der kurzen Besatzungszeit wurde fotografiert, von professionellen Armeefotografen ebenso wie von den GIs, den Soldaten. Und solche Bilder samt begleitenden Briefen bilden im Wesentlichen den Inhalt des vorliegenden Bandes. Wie’s scheint, fühlten sich die Amerikaner durchaus wohl bei uns, sie kamen sich vor wie auf Urlaub. Sorge bereiteten ihnen bloß ihre Punkte: Denn wie viele einer gesammelt hatte, darauf kam’s an, ob er aufs Abrüsten hoffen durfte, oder ob er eine Verlegung in den Pazifik fürchten musste, wo sich die Amerikaner auf die Invasion Japans vorbereiteten.

Ob man sehr viel Neues erfährt. wird davon abhängen, wie viel man schon weiß. Zu meiner Freude fand ich jene Episode erwähnt, welche mir einst mein Vater erzählt hatte: Zusammengekratzte deutsche Truppen hatten am Fernpass eine notdürftige Verteidigungsstellung bezogen. Als die US Armee zum Angriff ansetzte, tauchten ein paar Gebirgsjäger auf – Österreicher, wie sie betonten – und führten eine amerikanische Kampfgruppe auf Schleichwegen in den Rücken der Verteidiger. Das rettete zwar unzählige Menschenleben, stellte aber trotzdem Hochverrat dar – die Österreicher verschwanden wieder auf mysteriöse Weise, ihre Namen blieben lange Zeit unbekannt. Mein Vater wusste davon, weil er einen der Beteiligten persönlich kannte. Ein Held, wenn’s je einen gab.*

Man möge mir nachsehen, wenn mich Erinnerungen davontragen – keine persönlichen, sondern an das, was meine Eltern erzählt haben. Mit dem Buch hat das nichts mehr zu tun. Mein Vater hatte sich schwer verwundet von Ravensbrück bis nach Hause durchgeschlagen, wo sich seine Verlobte, meine Mutter, gegenüber deutschen Militärärzten durchsetzte und seine Entlassung in häusliche Pflege erwirkte. Sie brachte ihn in die Leutasch, wo er bei einer befreundeten Familie auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Von dort war sie in den ersten Maitagen 1945 unterwegs nach Hause, nach Innsbruck – zu Fuß, da keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. Hinter ihrem Rücken rumorte es im Norden, sie nahm an, da zöge ein Gewitter auf. In Wirklichkeit handelte es sich um amerikanische Artillerie.

In Reith bei Seefeld standen ihrer Erzählung zufolge die Bewohner mit verweinten Augen vor ihren Häusern. Soeben war eine Kolonne von KZ-Häftlingen durchgetrieben worden. Am Zirlerberg beobachtete sie die Limousinen deutscher Generäle, die auf der Flucht die Straße hinunter rasten. Die Adjutanten saßen auf den Kotflügeln. Etliche Fahrzeuge schafften die steile Abfahrt nicht und landeten im Wald. In Zirl wartete glücklicherweise einer der raren Busse nach Innsbruck. Er fuhr mit Holzgas.

Als die Amerikaner in Innsbruck einmarschiert waren und der Krieg vorbei war, da machten sie Quartier. Und wie es sich traf, beschlagnahmten sie die Wohnung, in der meine Mutter und meine Großmutter wohnten. Über diese eher schmerzliche Episode unserer Familiengeschichte habe ich in meinem Buch Affidavit geschrieben, ich möchte mich nicht wiederholen. Und ich verkneife mir auch weitere Erinnerungen, die mich bestürmen.

Zurück zu unserem Buch: Nicht viel Neues also für meinesgleichen. Das soll beileibe keine Kritik sein! Was mir in Erinnerung bleibt, das sind die Bilder von Fähnchen schwenkenden Kindern, von jubelnden Frauen und Männern am Straßenrand. Entlang des Markt- und des Burggrabens. Sie bejubeln einmarschierende Truppen. Amerikanische, dieses Mal. Sieben Jahre zuvor – –

Was sagt man bloß zu solchen Menschen? Volk begnadet für das Schnöde?

Wenn etwas stört an diesem Band, dann sind es manche Kommentare der Herausgeber. Diesen akademischen Jargon, der mehr verhüllt als erhellt, den hätte man sich gut und gerne sparen können. Dafür hätten militärische Fachausdrücke und Abkürzungen erklärt werden müssen, besonders jene der US Armee. Ein Pfc ist ein Private first class, also ein Gefreiter. T/3, T/4, T/5 sind Dienstgrade für Spezialisten, also auch für Photographen. Und I&R steht für Intelligence and Reconnaissance. Der I&R Platoon ist der Aufklärungszug.

Empfehlenswert? – Keine Frage, ein interessanter Bildband zum Schmökern.

* Inzwischen ist sein Name kein Geheimnis mehr, er wurde 1977 sogar von der Republik Österreich ausgezeichnet – völlig zu Recht, wie ich glaube. Ich hab’ den Mann persönlich gekannt, als Freund meines Vaters.
Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung: Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945 (Innsbruck: Tyrolia Verlag, 2020).

Lämmchen

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?

Germanisten ist der Roman bekannt aus der Literaturgeschichte. Dort wurde er mit dem Etikett „Neue Sachlichkeit“ versehen und ins entsprechende Regal gestellt. Erleichtertes Aufatmen. Dieses Etikett ist ja so wichtig, weil solcherart Dozenten, Studenten, Kritiker gleich wissen, was zum Werk zu sagen ist, außerdem ist es samt Autor gut aufgeräumt. Und nichts hassen solche Leute mehr, als wenn nicht aufgeräumt ist.

Hans Fallada wurde 1893 geboren. Ab 1921 veröffentlichte er Romane, 1932 erschien sein größter Erfolg, Kleiner Mann – was nun? Das Buch erwies sich als Bestseller, weltweit sowie dauerhaft. Einen ähnlichen Erfolg erzielte der Roman Jeder stirbt für sich allein, erschienen 1947. Die Nazi-Herrschaft verbrachte Fallada zurückgezogen in seinem Haus auf dem Lande in der Nähe von Berlin. Er starb 1947.

Also, Neue Sachlichkeit, will heißen: Zwischenkriegszeit, Weimarer Republik, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. Das bildet in der Tat den Hintergrund zu diesem Roman. Außerdem natürlich die erstarkenden Nazis. Man darf nicht vergessen, wann das Werk erschien. Fallada wusste nicht, was kommen würde, im Unterschied zu den Heerscharen von Schreibenden, die heute glauben, sich da bedienen zu müssen.

Vor diesem Hintergrund heiraten zwei naive junge Leute, Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen. In der Folge versuchen sie, so etwas wie ein bürgerliches Leben aufzubauen (strenge Leute würden sagen: kleinbürgerlich.) Nicht zuletzt natürlich für das Kind, das gleich einmal kommt. Doch ihre Bemühungen drohen andauernd zu scheitern. Pinneberg verdient zu wenig für eine einigermaßen ordentliche Wohnung. Sie müssen nehmen, was sie bekommen, manchmal handelt es sich um abenteuerliche Absteigen. Zunächst hat Pinneberg zwar Arbeit, aber seine Stellung ist äußerst prekär, er hängt ab von den Launen seiner Kollegen und Vorgesetzten. Die Betriebsleitung nutzt die missliche Lage ihrer Angestellten aus, um sie brutal und immer noch brutaler anzutreiben.

Doch die beiden geben nicht auf. Lämmchen erweist sich als stark – viel stärker, als man es ihr zugetraut hätte. Sie entwickelt nicht nur Fähigkeiten, über die sie beim Eintritt in die Ehe noch gar nicht verfügt hatte, sie hält zudem die Familie eisern zusammen, mit jener Stärke, die Frauen offenbar öfter zu eigen ist als Männern.

Sicher, es gibt auch helfende Menschen entlang des Weges, wie etwa den zwielichtigen Gefährten von Pinnebergs Mutter oder einen Kollegen, der wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Nudistenverein in Schwierigkeiten kommt. Insgesamt ist das Szenario aber trostlos, der Leser leidet mit den beiden Hauptfiguren und ihrem verzweifelten Bemühen, eine wenn auch noch so bescheidene Existenz aufzubauen. Das Unrecht schreit aus jeder Seite, es quält fast bis zur Unerträglichkeit.

Zumindest ging’s mir so. Als Empfehlung dient das wahrscheinlich nicht – auf den ersten Blick. Ich halte den Roman trotzdem für lesenswert, auch heute noch – oder gerade heute. Wir haben geglaubt, wir hätten dafür gesorgt, dass es so niemals mehr sein könne, dass so was nie mehr passiert.

Und jetzt?

Empfehlenswert? – Siehe oben. Und wenn’s nur wegen der wunderbaren Figur des Lämmchens wäre.

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun? Roman, ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Carsten Gansel (Berlin: Aufbau Verlag, 2016).