Archiv der Kategorie: Rezension

Die Anfänge des jüdischen Staates

Tom Segev, Die ersten Israelis

Selbst hier bei uns gab’s seinerzeit so etwas wie einen Israel-Mythos, besonders nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Schon die Gründung des Staates (1948), der Unabhängigkeitskrieg – das alles wurde verstanden als eine Art Wunder, ein Sieg gegen übermächtige Gegner und Umstände, erzielt von einem Staatswesen europäischer Machart, jedoch mit reiner Tugendhaftigkeit. Wir glaubten das, und zwar aus einem einfachen Grund: weil wir’s glauben wollten. Wir hätten wissen müssen, dass es so nicht sein konnte.

Inzwischen hat sich viel getan, wir haben sehr viel Wasser in unseren Wein gegeben, und an unseren Idealismus erinnern wir uns nicht gar so gerne. Der israelische Historiker Tom Segev ist den damaligen Hoffnungen und Enttäuschungen nachgegangen, sechzig Jahre nach der Staatsgründung, nun aber mit Zugang zu Archiven sowie zum Tagebuch des Gründervaters und ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Was er zu berichten hat, ist trotz aller zeitlichen Distanz ein weiteres Mal ernüchternd.

Mit der Ausrufung des souveränen Staates Israel ergab sich sofort und unausweichlich das Problem der arabischen Menschen auf dem neuen Staatsgebiet. Wer sich modernen, sozialistisch inspirierten Gleichheits- und Integrationswillen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Von Anfang an wünschten die führenden Politiker nur eines: dass die Araber verschwinden mögen. In der Vision eines jüdischen Staates konnten sie bloß stören. Kein Wunder, dass kräftig nachgeholfen wurde, um den Wunsch zu erfüllen, auch mit brutalen Mitteln. Trotzdem blieben viele und bildeten eine beträchtliche Minderheit im Lande – ein schwelender Konflikt bis heute.

Nach Ende des Unabhängigkeitskrieges kamen unzählige Einwanderer ins Land. Zunächst wurden sie eifrig angelockt: Israel brauchte dringend Menschen. Doch führte die Masseneinwanderung zu neuen Problemen. Die Neuankömmlinge wurden in Lager gesteckt, ihre Lebensbedingungen spotteten jeder Beschreibung, von Willkommen keine Spur. Das galt besonders für die zahlreichen Einwanderer aus Nordafrika. Hier tat sich eine tiefe kulturelle Kluft auf – wenn nicht gar eine rassistische. Die Aschkenasim, also die europäischen Juden, betrachteten diese Sephardim, wie sie zunächst behelfsmäßig bezeichnet wurden, mit äußerstem Misstrauen, ja sogar Furcht: Denn Israel sollte ein aufgeklärter, sozialer (wenn nicht gar sozialistischer) Staat werden. Wie Tom Segev in seinem Werk über das Jahr 1967 gezeigt hat, sorgten diese Mizrachim – so wurden sie zwanzig Jahre später genannt – immer noch für Spannungen, Ängste, Konflikte.

Weitere Konflikte kamen nach der Staatsgründung hinzu, so etwa mit aggressiven Zionisten, aber auch mit Gewerkschaftern. Dass Israel exponiert war, gefährdet, das war uns allen bewusst; nicht aber, dass es so exponiert war, dass seine Existenz noch lange nicht gesichert erschien, und zwar nicht nur aufgrund äußerer Bedrohung, sondern auch im Bewusstsein seiner Bürger. Ebenso wenig war uns bewusst, wie rücksichtslos, wie machiavellistisch seine führenden Politiker oft dachten.

Es ist mir nicht bekannt, wie Tom Segevs Buch in Israel aufgenommen wurde: Hat man sich an derlei Enthüllungen, an die Entmythisierung inzwischen gewöhnt? Oder erregte es Anstoß, Skandal? Er selbst würde so was wohl aushalten, in Anbetracht jener Werke, die er zuvor schon geschrieben hat und die ihm nationale ebenso wie internationale Anerkennung einbrachten. Dazu zählen etwa das bereits erwähnte 1967 sowie Simon Wiesenthal: Die Biographie (siehe Link am Ende des Beitrags).

Empfehlenswert? – Nun, die Untersuchung ist ziemlich detailliert ausgefallen, für Leser oder Leserinnen hierorts vielleicht ein bisschen zu detailliert, aber trotzdem: Ja, sofern man sich fürs Thema interessiert.

Gelesen: Der Nazi-Jäger

Segev, Tom, Die ersten Israelis: Die Anfänge des jüdischen Staates (München: Siedler Verlag, 2008).

Auch das ist London

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Ben Judah, This Is London

Das Buch beginnt, indem Ben Judah, der Autor, am Busbahnhof nahe der Victoria Station in London Ankömmlinge aus Osteuropa beobachtet. Genau das ist das Thema seines Buches. Er folgt ihnen in ihre miserablen, überfüllten Unterkünfte, für die sie natürlich Wucherpreise zahlen; und er folgt jenen, die kein Dach überm Kopf haben und in den Fußgängerpassagen unter Hyde Park Corner übernachten. Diese Lokalität werden selbst Touristen kennen, man kommt dort auf dem Weg vom Buckingham Palace zum Hyde Park vorbei. Ich kann mich jedenfalls gut erinnern. Die Obdachlosen sind mir allerdings nicht aufgefallen, vermutlich weil ich am helllichten Tag dort war, da gab’s nur ein paar buskers, Straßenmusikanten.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass mir noch weitere Schauplätze bekannt waren, so zum Beispiel die Gegend um Shepherd’s Bush Market; von Elephant & Castle nach Camberwell Green (die Busfahrt hab’ ich selbst schon beschrieben), Catford Bridge – und so weiter. Das Entscheidende ist aber: Ben Judahs London hab’ ich nie bewusst gesehen, im besten Falle flüchtig, aus den Augenwinkeln, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Typisch.

Wie’s scheint, ist es dieses Nicht-Sehen, welches einen beträchtlichen Teil sozialer Problematik ausmacht. „Fremde Welt nebenan“, habe ich einst eine Besprechung von Henry Mayhews Monumentalwerk London Labour and the London Poor überschrieben. Eine ähnliche Wirkung mochten wohl die Romane von Charles Dickens erzielen. Zusammen mit Friedrich Engels trugen sie bei zu einer langsamen – sehr langsamen! – Wandlung des Bewusstseins im Laufe des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts leistete der Amerikaner Jack London mit People of the Abyss seinen Beitrag, ebenso natürlich die Ragged-Trousered Philanthropists von Robert Tressell. In derselben Tradition stehen etliche Reportagen George Orwells; am bekanntesten The Road to Wigan Pier.

Ben Judah blickt also auf eine ansehnliche Ahnenreihe zurück. Das Problem ist nur: Die Missstände von damals, die wurden behoben, wir haben den Autoren also Aufmerksamkeit geschenkt, die Sache ist abgehakt.

Aber heute? Welche Wirkung wird Ben Judah erzielen – wenn überhaupt? Im Informationszeitalter ist es ungeheuer schwer, Spuren im Denken und Fühlen des Publikums zu hinterlassen – dazu gibt’s einfach zu viel Information. Dazu kommt, wie so oft, der vertrackte Konnex zwischen sozialem Elend und Einwanderung. Die Menschen, über die Ben Judah schreibt, kommen mehrheitlich aus Osteuropa, völlig legal dank der EU. Der Effekt ist derselbe wie bei früheren Einwanderungswellen: unhygienische Massenunterkünfte; Hungerlöhne, mit denen Einheimische unterboten werden. Beliebt machen sich die Neuankömmlinge solcher Art nicht. Besserung wird’s keine geben, solange sich Löhne und Lebensqualität in den Herkunftsländern nicht westeuropäischen Standards nähern.

Empfehlenswert? – Im Prinzip ja, ausreichendes Interesse an London, an England sowie an sozialen Problemen vorausgesetzt.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).
Ben Judah, This Is London

The book begins with author Ben Judah observing arrivals from Eastern Europe at Victoria Coach Station in London. And this is exactly what the book is about. He follows them into their miserable, overcrowded lodgings, for which they have to pay exorbitant prices; and he follows those who have no roof over their heads and spend the night in pedestrian passages such as those beneath Hyde Park Corner. Even tourists will know the place as it lies on the way from Buckingham Palace to Hyde Park. Anyway, I can remember it well. But I didn’t notice the homeless, probably because I was there in broad daylight. There were only a few buskers.

To my surprise I found that there are other places in the book that I know, for example the area around Shepherd’s Bush Market; the bus ride from Elephant & Castle to Camberwell Green (which I have described myself in my book Crossings), Catford Bridge – and so on. But I have never seen Ben Judah’s London, or at best fleetingly, out of the corner of my eye as it were, without giving it much attention.

Typical.

It seems that it is this not-seeing which constitutes a considerable part of the social problem. „Foreign world next door“, I once called a review of Henry Mayhew’s monumental work London Labour and the London Poor. His book, I argued, tried to make that world visible. Charles Dickens’s novels probably had a similar effect. Together with Friedrich Engels these two contributed to a slow – very slow! – transformation of consciousness in the course of the 19th century. In the early years of the 20th century, the American Jack London contributed his People of the Abyss, as did, of course, Robert Tressell with his Ragged-Trousered Philanthropists. Several pieces by George Orwell are in the same tradition, most famously The Road to Wigan Pier.

Ben Judah looks back on a long line of respectable ancestors. There’s a hitch, however: haven’t the most urgent problems of the past been solved, we ask ourselves. We’ve paid proper attention to the authors and therefore, the matter should be settled, shouldn’t it?

Which begs the question what Ben Judah’s book can achieve –  if anything at all. In the information age it is extremely difficult to leave traces in the thinking and feeling of the audience –  there is simply too much news. In addition, there is always the intricate connection between social misery and immigration. The majority of the people Ben Judah writes about come from Eastern Europe, completely legally thanks to the EU. Still, the effect is the same as with previous waves of immigration: overcrowded unhygienic housing; starvation wages undercutting the locals, foreign languages and exotic manners in the shops and in the pub. New arrivals of this kind are never popular. And no improvement is in sight as long as wages and the quality of life in the countries of origin do not approach Western European standards.

Recommended? –  Basically yes, provided there is sufficient interest in London, England, and social questions.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).

Aljona mit die schmutzigen Füß’

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre

Also, eigentlich haben wir von diesem traurigen Kapitel schon genug gehört. Okay. Aber gelesen?

Die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die an der Veröffentlichung des notorischen Videos maßgeblich beteiligt waren, haben sich hingesetzt und ein Buch über eben dieses Video geschrieben, aber auch über die Geschichte, wie’s zur Veröffentlichung kam – und ein bisschen auch, wie’s danach weiterging. Das Buch beinhaltet somit zwei Erzählstränge, die alternierend dargeboten werden.

Was das Video betrifft sowie die damit zusammenhängende österreichische Politik, erfahren wir wenig Neues. Allerdings ist es nützlich, das Ganze schriftlich präsentiert zu bekommen, denn da nimmt man’s doch genauer und nachhaltiger auf, man kann zurückgehen, noch einmal lesen, nachschauen. Insofern leisten die beidem Journalisten einen durchaus nützlichen und wichtigen Dienst.

Die Erzählung, wie’s dazu kam, könnte auch interessant sein, leidet aber unter einem Mangel: Immer dann, wenn’s richtig spannend wird, brechen die Autoren ab – das dürfen wir nicht sagen, heißt’s dann, wir müssen unsere Quellen schützen. Das kommt so oft vor, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie überhaupt darüber schreiben. Nur um zu sagen, dass sie nichts sagen dürfen? Die Frage, wie’s zu der ganzen Affäre kam und wer dahintersteckt, bleibt somit unbeantwortet. Meine persönliche These: Strache wurde von seiner eigenen Partei hineingelegt, die ihn loswerden wollte. Unwahrscheinlich, ich weiß, aber andererseits – konnten die Beteiligten, kann irgendein Mensch wirklich so blind sein?

Die Affäre selbst ist in Österreich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Es gibt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, gewiss, aber da wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über den Inhalt des Videos. Der Protagonist, H. C. Strache, hat seither ziemlich erfolglos agiert, aber nicht so sehr wegen seinem Benehmen damals. Offenbar nehmen das viele Österreicher achselzuckend hin, obwohl eben hier doch der eigentliche Skandal liegt. Völlig unabhängig davon, ob Strache nun strafbare Handlungen angestiftet oder in Betracht gezogen hat – wenn ein österreichischer Spitzenpolitiker im Leiberl angeheitert dahin schwadroniert und dabei ganz locker das Land aufteilt (wie man so sagt), dann wäre das in jedem zivilisierten Land an sich schon schlimm genug. So jemand sollte beschämt in der Versenkung verschwinden. Wenn er’s nicht tut, dann erhebt sich die Frage, wie zivilisiert das betroffene Land eigentlich ist.

Aber schön – wir wollen nicht allzu puritanisch auftreten. Erinnern wir uns daran, wie wir die berühmten Video-Ausschnitte seinerzeit zum ersten Mal sahen. Ich lachte das ganze Wochenende über in mich hinein: Aljona mit die schmutzigen Füß’!

Also ehrlich: Wie kann man bloß so deppert sein?

Empfehlenswert? – Für Österreicher und Österreicherinnen auf jeden Fall, ja.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre: Innenansichten eines Skandals (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Gelesen: Rose Ausländer

Die deutschsprachige Lyrikerin wurde 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz geboren. Dabei handelte es sich um die Hauptstadt der Bukowina, einem eher entlegenen Winkel der Donaumonarchie. Trotzdem galt die Stadt als ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Unter anderem zeichnete sie sich durch ihre Vielsprachigkeit aus: gesprochen wurden Rumänisch, Ruthenisch (Ukrainisch), Polnisch, Jiddisch und Deutsch. Nicht zuletzt deshalb brachte Czernowitz – ebenso wie übrigens Ostgalizien als Ganzes – eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervor; unter anderem eben auch unsere Dichterin.

Sie kam weit herum: Im Ersten Weltkrieg auf der Flucht vor den Russen nach Wien; später ging sie nach Amerika und ließ sich dort nieder. Sie heiratete Ignaz Ausländer, allerdings trennten sich die beiden bald wieder. Die Krankheit ihrer Mutter bewog Rose, nach Czernowitz zurückzukehren. So geriet sie – sehr verkürzt erzählt – aufgrund der Gebietsaufteilung zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 unter bolschewistische Herrschaft. Da saß sie prompt vier Monate im Gefängnis. Im Windschatten der deutschen Offensive in Russland besetzten 1941 rumänische Truppen die Bukowina. Mit ihrer Mutter musste Rose zunächst ins Ghetto, später überlebte sie versteckt in einem Keller. In dieser Zeit lernte sie Paul Celan kennen, der ja ebenfalls aus Czernowitz stammte.

Nach der Befreiung durch sowjetische Truppen ging Rose Ausländer wieder in die Vereinigten Staaten, wo sie bis 1964 lebte und arbeitete. Danach wollte sie sich in Wien niederlassen, was aber scheiterte (über die Gründe konnte ich nichts in Erfahrung bringen). Sie ging nach Düsseldorf, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 blieb, abgesehen von etlichen Reisen.

Dieser – extrem verkürzte – Abriss ihrer Biografie zeigt ein Leben des 20. Jahrhunderts, mit all seiner Glorie, aber vor allem auch mit seiner finsteren Schande, mit seinen Höllenqualen. Lyrik verfasste Rose Ausländer fast ihr ganzes Leben lang, und ob gewollt oder nicht, die Geschehnisse hinterließen ihre Spuren in ihrem Werk. Inhaltlich haben Kenner später sechs Themenkreise ausgemacht:

  • Gedichte über die Bukowina;
  • Gedichte über das Judentum;
  • Shoa-Gedichte;
  • Exil-Gedichte;
  • Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel, als Handwerk und als Heimat;
  • Gedichte über die Liebe, über Altwerden und über den Tod.

Formal schreibt Rose Ausländer nach Art der so genannten Moderne. Ihre Gedichte weisen also keinen durchgehenden Rhythmus auf, kein Versmaß, und Reim gibt’s schon gar keinen. Zu ihrer Zeit war das neu, befreiend.

Mehr getraue ich mich dazu nicht zu sagen, denn wir sollten uns nichts vormachen: Die Beliebigkeit der Form brachte a la longue natürlich auch die Beliebigkeit der Inhalte und somit letztlich der Kriterien mit sich. Die moderne Lyrik lädt jeden und jede dazu ein, ein paar Zeilen aufs Papier zu stammeln. Sofern sie nur paradox genug sind, erwecken sie immer noch den Eindruck des Epigrammatischen.

Nicht, dass ich Rose Ausländer den Vorwurf der Beliebigkeit machen möchte; ganz gewiss nicht. Aber ist es ein Zufall, dass mir ausgerechnet ein Gedicht in Erinnerung geblieben ist, welches in konventioneller Form verfasst wurde?

Die Zeit im Januarschnee versunken.
Der Atem raucht. Die Raben krähn.
Aus Pelzen sprühen Augenfunken.
Der Schlitten fliegt ins Sternverwehn.
(aus: Bukowina I)

Ich muss es dem Leser, der Leserin überlassen, wie sie zu Ausländers Gedichten stehen wollen. Sollten sie Schwierigkeiten mit moderner literarischer Lyrik haben, dann darf ich sie trösten: Mir geht’s genau so, obwohl ich doch Literatur studiert hab’.

Empfehlenswert? – Nun, ja, bei allem Vorbehalt: Rose Ausländers Gedichte sind allemal einen Versuch wert.

Rose Ausländer, Gedichte (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001). Die Liste der Themenkreise findet sich dort auf S. 350.

Ein «schöner Echt-Roman»

Helmuth Schönauer
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2246

«In der Literatur feiern wir manchmal so etwas wie Sonnenschein ohne Sonne, dabei setzt sich jemand eine Sonnenbrille auf und sieht die Welt für einen Abschnitt lang einfach schön.
H.W. Valerians Sonnenbrille heißt England, er setzt sie schon ein Leben lang während der Sommerferien auf und fährt dorthin. Entstanden ist dabei ein Lebensgefühl, das sich sogar erzählen und nachprüfen lässt. In seinen „Bekenntnissen eines Anglophilen“ geht es um diesen aufregenden Erzählstandpunkt, mit dem man verlässlich glücklich werden kann, ohne deshalb gleich Drogen nehmen zu müssen. „Good To Be Back“ ist eine Begrüßungsformel für einen Einheimischen in England, der zufällig das Jahr über in der Nähe von Innsbruck lebt.
An der Oberfläche gelesen besteht der dritte Band der Bekenntnisse aus drei biographischen Erzählungen, die jene Epoche des Autors beleuchten, die allgemein als „the long middle passage“ bezeichnet wird. Diese Zeit erscheint, wenn man sie durchlebt hat, kurz und lang zugleich, kurz, weil man immer busy gewesen ist, lang, weil man sich vielleicht auf einem falschen Pfad bewegt hat. Der Autor gibt nämlich unumwunden zu, dass er das Glück des Lebens nicht durch Unterrichten gefunden hat. Er hat seinen Lehrerjob irgendwie ordentlich gemacht, ist aber dabei zu keinem Heißläufer an schulischer Begeisterung geworden.
Ein weiterer biographischer Zug führt verlässlich während der Sommermonate nach England, wo er bei Verwandten im Dorf „Inkpen“ lebt und Einheimischer auf Zeit wird. Diese exklusive Disposition führt zu den Vorzügen der „Bekenntnisse“, die schöne Eigentümlichkeiten aufweisen, wie sie in der Literatur sehr selten vorkommen.
Das Dorf Inkpen wird nicht touristisch vorgestellt, wie das in der österreichischen Gegenwartsliteratur bis hin zum Landkrimi leider immer häufiger vorkommt. Inkpen bleibt ein Rätsel, das aber allmählich entblättert wird, sodass der Leser ein verschwiegener Eingeweihter werden kann. Aus alten Chroniken aus der Zeit vom „Domesday Book“ geht hervor, dass es sich dabei um eine befestigte Ansiedlung handelt, die in eine Seelenlandschaft eingestreut ist. Das Dorf wird quasi quer durch die Jahrhunderte als etwas Beruhigendes beschrieben, eingegrenzt von Hügelketten und Vegetation, die in einem ikonographisch verwurzelten englischen Rasen münden. Während dieser Schilderung, in der es um tiefenpsychologische Glückszonen geht, taucht die konkrete Gegenwart auf. Das Dorf ist deshalb idyllisch und unversehrt geblieben, weil es mittlerweile von reichen und erfolgreichen Zuzüglern aus London besiedelt wird. Und diese neuen Bewohner haben nichts anderes im Sinn, als ihre Erwartung von Glück zu pflegen. Die ursprünglichen Bewohner verdingen sich dabei als Handwerker und Zuträger, aber alle verkehren in einem wertschätzenden Ton, sodass sich jene Umgangsformen entwickeln können, die man in literarischen Vorlagen nur in Südengland spielen lassen kann.
Neben dieser Schilderung um einen anglophilen Standpunkt herum ist vor allem die Verquickung des Englischen mit dem Deutschen eine solitäre Eigenheit. Der Autor erzählt, dass er erst dann Frieden in seinem Kopf findet, wenn er ein aufgegriffenes Wort in beiden Sprachen unterbringt. An diesem Suchen nach den richtigen Fügungen soll auch der Leser teilnehmen, der dadurch automatisch Insiderwissen gewinnt.
Vor allem bei der Deutung der jüngeren Zeitgeschichte ist dieser Zugang zum offiziellen Narrativ bedeutsam. Selten einmal ist der Thatcherismus so klar von innen her beschrieben worden wie in der Erzählung „Inkpen“. Eine unsterblich gültige Erzählung braucht auch ein fixes Ende, damit die erklärten Zeitabschnitte auf der historischen Skala eingetragen werden können. „Inkpen“ geht in ein Fade-Out über, als die Verwandten sterben oder es aus Altersgründen aufgeben, wobei sie die Erinnerung als schönes Stück Harmonie mitnehmen.
In der zweiten biographischen Erzählung „Ways With Words“ (167) geht es um ein Literaturfestival in Dartington Hall, das der Autor mehrere Jahre hindurch besucht. Auch hier gilt mit der Zeit die schöne Formel: Good To Be Back. Es entstehen Freundschaften mit literarischen Disputanten, unbekannte Dichter stellen ihre Jahresproduktion vor, die Fiktionen werden mit historischen Vorbildern abgeglichen und anschließend dem steifen Wind der Außenwelt ausgesetzt. Nicht alles, was im Sommer beim Festival für Aufruhr und Anerkennung sorgt, hat im Winter noch die Kraft, als vergängliche Zeilen in einem Buch zu überleben. Der Autor nimmt vor allem eine Weisheit mit aus diesen Sommern: „Kauf nie ein Buch, das soeben präsentiert wurde.“ (182) Damit reagiert er prophetisch auf den zunehmenden Gap zwischen Literatur und Literaturbetrieb.
Die dritte biographisch-literarische Exkursion „By The Old Canal“ (232) führt entlang des historischen Kanals zwischen Bristol und London durch wellige Landschaft und aufgeschäumte Geschichte. Esther, die Ursache und tapfere Begleiterin dieser anglophilen Wunderwelt, ist in ein altersgemäßes Quartier gezogen und hat Inkpen zurückgelassen. Auch die Stimmung des Autors ist mit übersiedelt, denn auch in neuer Umgebung ist das kulturelle Umfeld noch unversehrt zugänglich, wie es sich seit Jahrhunderten entwickelt hat. Die Wanderungen entlang des Kanals lassen ständig die Geschichte der Industrialisierung des Landes aufblitzen. Dabei kommt diese bronzene Stimmung auf, wenn etwas schon verloschen ist, aber noch einen Restglanz abstrahlt wie ein aufgelassener Stern. Der mild gewordene Kapitalismus, wie er in Erzählungen des Realismus herüber gefiltert wird in die Gegenwart, lässt sich als Urfratze hinter all dem Business erahnen, wie es von der Metropole aus bis in die letzte Landritze hinausströmt. Und dann stirbt Esther, und das Buch müsste eigentlich zu Ende sein.
So kann es nicht aufhören, sagt der Autor und fügt noch ein paar Reiseerlebnisse an, wieder an einem Ort, an dem sich das Anglophile auskosten lässt. Aber die Zeit gibt keine Ruh und bringt alles zu einem Ende, was einst als helle Kindheit begonnen hat. Auch dieses Pärchen, das die letzten Jahre Quartier gegeben hat, geht ins Altersheim und verkauft das Anwesen.
Mit diesem unbarmherzigen Bild geht dieser schöne Echt-Roman zu Ende. Erst wenn alles verkauft ist, darfst du von dieser Welt gehen und sie als Erinnerung mitnehmen!»

H. W. Valerian
Good To Be Back
Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen, Bd. 3
edition inkpen,  Berlin 2020
ISBN: 978-3-753104-70-6
Softcover, 336 Seiten

Gelesen: Singapur + Meereshöhe

Ein Jahr in Singapur

Irgendwann hatte jemand beim Herder-Verlag die Idee zu einer Reihe Ein Jahr in… Und als Autorinnen wurden durchwegs weibliche Wesen ausgewählt. So auch für den Band über Singapur.

Mir fiel der Titel auf, weil wir selbst einmal in Singapur waren, und weil mich die Stadt damals faszinierte – vor allem die Sozialpolitik, der Wohnbau, die Infrastruktur. Wie kam es, dass hier – zumindest dem Anschein nach – der soziale Zusammenhalt derart gut zu funktionieren schien, der Gemeinsinn?

Auf solche Fragen erwartete ich mir Antworten, oder doch zumindest Antwortversuche, von dem Bändchen. Verfasst wurde es von einer jungen Dame namens Nicola Kaulich-Stollfuß. Und man muss ihr zugestehen: Schreiben kann sie! Nicht nur flüssig, sondern auch leichtfüßig, immer mit einem guten Schuss Ironie, nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Nur leider bleibt’s dabei, zwölf Monate und zwölf Kapitel lang. Tiefer wird’s nicht. HDB, Housing Development Board, wird nur am Rande erwähnt, kein einziges Wort der Erklärung. Die Häuser seien halt so hässlich. Dabei war dieses HDB verantwortlich für eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Wie in einer asiatischen Stadt geordnete Wohnverhältnisse einkehrten, und zwar für alle. Ich hab’ diese Bauten gesehen – gar so hässlich erschienen sie mir nicht – und ich war beeindruckt.

Darüber hätt’ ich, wie gesagt, gerne mehr erfahren. Aber nein. Mich plagen weiterhin meine Fragen. Singapur hätte sich Besseres verdient.

Empfehlenswert? – Na ja. Die Lektüre ist durchaus amüsant, keine Frage, und wer nicht mehr verlangt, der wird gut bedient.

Nicola Kaulich-Stollfuß, Ein Jahr in Singapur: Reise in den Alltag (Freiburg: Herder, 2013).
Über Meereshöhe

Ein weiterer Roman von Francesca Melandri, die hier ja schon zweimal ihren Auftritt hatte (Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Er unterscheidet sich von den anderen, indem es diesmal nicht um große Geschichte geht, um Jahrzehnte und um weite Räume. Ganz im Gegenteil: hier geht’s um Gefängnis, um Haft. Die Handlung ist beschränkt auf einen kleinen Kreis von Personen, eigentlich bloß auf drei: Zunächst Paolo, welcher seinen geliebten Sohn im Hochsicherheitsgefängnis besucht; der hat nämlich als Mitglied einer roten Terrorgruppe mehrere Menschen ermordet (der Roman spielt in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren); dann Luisa, sie besucht ihren Mann im selben Gefängnis; und schließlich Nitti, ein Justizwachebeamter. Aufgrund eines unvorhergesehenen Zwischenfalls werden sie für kurze Zeit zusammengeführt, im Falle von Paolo und Luisa sogar zu einem one-night stand.

Wir haben’s  demnach nicht mit einem großen Orchester zu tun, einer Symphonie, sondern mit Kammermusik. Das ist für einen Roman, wenn schon nicht ungewöhnlich, so doch eine Herausforderung. Da bedarf es großen Geschicks bei der Handlungsführung und bei der Zeichnung der Charaktere. Francesca Melandri, das kann man wohl sagen, bewältigt die Aufgaben meisterhaft. Auch dieser Roman liest sich spannend von Anfang bis Ende, und das gänzlich ohne stilistische Verrenkungen oder Verschnörkelung. Die Charaktere leiden, aber sie tun das auf stoische Art und Weise. Sie leiden, weil sie nahestehenden Menschen die Treue halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das macht zugleich ihr Heldentum aus.

Die Politik, vor allem die des Terrors kommt, wenn überhaupt, nur im Hintergrund vor. Früher, so reflektiert Paolo einmal, gab’s das Wort Revolution, und es gab die Sache: 1789, 1848, 1917. Aber im Italien des Jahres 1979, da gibt es nur das Wort, die Phrasen: „von der Gewalt der Gedanken zum Gedanken der Gewalt“. Das charakterisiert treffsicher die jugendlich-studentische Hirnverbranntheit jener Zeit.

Aber wie gesagt: Es spielt nur eine untergeordnete Rolle. Melandri geht’s um Menschen, um deren Schicksale – und wie sie damit fertig werden. Der Roman endet einigermaßen gut, obwohl man als Leser spürt, wie das Leiden die Charaktere weiter begleitet, durchs ganze Leben.

Empfehlenswert? – Ja, ohne Einschränkung.

Melandri, Francisca, Über Meereshöhe, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (München: Karl Blessing Verlag, 2012). Orig. Più alto del mare.

Rezension Eva schläft

Rezension Alle, außer mir

Just Read: Revolution in Russia

Deutsche Fassung >>

When I was at university, we were constantly discussing „the revolution“. It became something like a sacred concept: Revolution good, opponents evil. Although I did not share the view, I learned a lot about a chapter in history that I had only heard about vaguely. But I only learned certain aspects: heroic, glorified.

Thirty years later, the British historian Orlando Figes re-tells the story with the knowledge of today, especially of course with access to archives. He does so in two related but distinct works: First, in the detailed 900-page study A People’s Tragedy 1891-1924, then in a condensed history of the Russian Revolution from 1891 to 1991, Revolutionary Russia. In the latter work, the revolutionary year 1917 itself is discussed rather briefly. Thus, while the two books certainly overlap, they do so only partially; mostly, they complement each other.

Even the run-up, including the 1905 revolution, is rather depressing: the unshakeably autocratic rigidity of the tsarist system; violent conflicts in the countryside; supply shortages during World War I, which also caused gigantic losses resulting in the war-weariness and rebelliousness of Russian soldiers – as well as their readiness to resort to violence.

The year 1917 is mainly presented as anarchist chaos: hunger riots, strikes, all kinds of armed gangs, shooting, plunder, torture, murder. In Orlando Figes’ narrative, Lenin and his Bolsheviks appear less as intellectual saviours than as reckless members of an armed gang. They won because they had the least – or more precisely, because they had no scruples at all. Execute, execute, execute. It was Lenin who introduced this mode of action and who made terror a means of Bolshevik politics. Figes paints a rather critical picture of the revolutionary leader, and I think rightly so. Lenin was the first of those horrible 20th century monsters.

And what about revered Marxism? The intellectual dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, the author comments dryly.

The armed coup of October 1917 was followed by civil war, terror, famine of unconceivable dimensions. Stalin was not a deviation but the logical consequence of what Lenin had initiated. And so it went on, in drastic form until 1953 (Stalin’s death), somewhat less drastically until the eighties.

„History is the science of human misery“, the French writer Raymond Queneau reportedly said. Nowhere does this become more bleakly visible than in the two books by Orlando Figes.

Recommended? – Yes, especially the shorter book. The first one requires stamina, and the reader has to put up with a lot of cruelty.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen: Revolution in Russland

for an English version, see here >>

Als ich an der Uni studierte, da wurde dauernd über „die Revolution“ geredet. Sie wurde zum sakralen Konzept: Revolution gut, ihre Gegner bös’. Ich teilte diese Auffassung zwar nicht, trotzdem lernte ich viel über ein Kapitel, von dem ich zuvor nur höchst vage gehört hatte. Allerdings lernte ich nur bestimmte Aspekte: die heroischen, die glorifizierten.

Dreißig Jahre später geht der britische Historiker Orlando Figes dieser Geschichte mit dem Wissen von heute nach, besonders natürlich mit dem Zugang zu Archiven. Er tut dies in zwei verwandten, aber doch unterschiedlichen Werken: Zunächst in der 900 Seiten schweren detaillierten Untersuchung A People’s Tragedy 1891–1924, dann in einer komprimierten Geschichte der russischen Revolution von 1891 bis 1991, Revolutionary Russia. Hier wird das eigentliche Revolutionsjahr 1917 eher kurz besprochen. Die beiden Bücher überschneiden sich demnach nur teilweise, ergänzen sich eher.

Schon die Vorgeschichte inklusive der Revolution von 1905 ist eher deprimierend: die völlige Starre des autokratischen zaristischen Systems; die oft gewaltsamen Konflikte auf dem Lande; Versorgungsengpässe während des Ersten Weltkriegs, der überdies gigantische Verluste verursachte, woraus die Kriegsmüdigkeit und die Aufmüpfigkeit der russischen Soldaten resultierte – allerdings auch ihre Gewaltbereitschaft.

Das Jahr 1917 bietet sich vor allem als anarchistisches Chaos dar: Hungerkrawalle, Streiks, alle möglichen bewaffneten Formationen, es wird geschossen, geplündert, gefoltert, gemordet. Lenin und seine Bolschewiken treten bei Orlando Figes weniger als intellektuelle Heilsbringer auf denn als eine eiskalte bewaffnete Bande. Sie gewannen, weil sie am wenigsten – oder genauer: weil sie überhaupt keine Skrupel hatten. Erschießen, erschießen, erschießen. Es war Lenin, der diese Gangart einführte, den Terror zu einem Mittel bolschewistischer Politik machte. Insgesamt kommt er nicht gar so gut weg bei Figes, und ich glaube: zu Recht. Lenin war das erste dieser schrecklichen Monster des 20. Jahrhunderts.

Und der hehre Marxismus? Die intellektuelle Dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, kommentiert der Autor trocken.

Auf den gewaltsamen Putsch des Oktobers 1917 folgten Bürgerkrieg, Terror, Hungersnöte ungeahnten Ausmaßes. Stalin war keine Abweichung, sondern die logische Konsequenz aus dem, was Lenin grundgelegt hatte. Und so ging es weiter, in drastischer Form bis 1953 (Stalins Tod), etwas weniger drastisch bis in die achtziger Jahre.

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen“, soll der französische Schriftsteller Raymond Queneau einmal gesagt haben. Nirgends wird das so unerbittlich, so trostlos sichtbar wie in den beiden Werken von Orlando Figes.

Empfehlenswert? – Ja, besonders das kürzere Buch. Das erste braucht schon einen langen Atem, und die Grausamkeiten muss man auch aushalten.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen

Der hohe Preis des Friedens

Am 23. November 1918 marschierten italienische Truppen unter klingendem Spiel – wie’s damals wohl hieß – in Innsbruck ein. In den Wochen zuvor hatten sie bereits Südtirol besetzt. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Tiroler hatten die Bayern zu Hilfe gerufen, welche tatsächlich bis Franzensfeste vorrückten, dann aber Tirol wieder räumten.

Die Jahre 1918–1922 und die Teilung Tirols sind das Thema des Bandes Der hohe Preis des Friedens der beiden Historiker Marion Dotter und Stefan Wedrac. Südtirol war den Italienern bei der Londoner Konferenz 1915 von Frankreich und England versprochen worden. Nordtirol hingegen nicht – hier agierten die italienischen Truppen aufgrund einer Klausel in den Waffenstillstandsbedingungen, wonach sie sich frei im gesamten österreichischen Staatsgebiet bewegen durften. So kam es zu einer kurzfristigen Besetzung, die im Übrigen auch kleine englische und französische Kontingente ins Land brachte. Auf diesen Umstand war ich vor ein paar Jahren anlässlich einer Ausstellung im Imperial War Museum in London aufmerksam geworden.

Die Italiener hatten niemals die Absicht, in Nordtirol zu bleiben. Sie ließen die Bevölkerung in Ruhe, es kam kaum zu Ausschreitungen, eher im Gegenteil: Die Truppen erwiesen sich als hilfsbereit, sei’s bei der Aufrechterhaltung der Ordnung oder bei der Versorgung der Bevölkerung – damals bekanntlich eine prekäre Angelegenheit. Wirklich dankbar waren die Nordtiroler trotzdem nicht: der Feind blieb der Feind.

Die Besetzung nördlich des Brenners endete 1920. Nicht so in Südtirol. Hier waren die Italiener gekommen, um zu bleiben, und das stellten sie von allem Anfang an unerbittlich klar – bitter für die ansässige Bevölkerung. Anfänglich stand die neue Provinz unter Militärverwaltung. Trotzdem legte selbst deren Befehlshaber großen Wert darauf, dass die Bevölkerung in ihrer Lebensweise, ihrer Kultur nicht beeinträchtigt werde. Dasselbe galt in der Folge für die Zivilverwaltung. Beide orientierten sich an den großzügigen, liberalen Vorstellungen früherer Zeiten. Dies entsprach auch den Vorgaben der demokratisch gewählten Regierung in Rom. Nationalisten wie Ettore Tolomei kamen vorerst nicht zum Zug.

Ein einigermaßen gedeihliches Neben- oder gar Miteinander ergab sich daraus freilich nicht. Das mochte einerseits aus dem – durchaus verständlichen – Trotz der Südtiroler resultieren, andererseits wohl auch aus dem stolzen Gebaren der neuen Herrscher. Vor allem aber etablierte sich ein neuer Verwaltungs- und Rechtsapparat mit fremdartigen Gesetzen und Gebräuchen, dessen Vertreter noch dazu bloß Italienisch sprachen. Da half es nichts, dass die Schulen nach wie vor so liefen wie zuvor; jetzt wäre Italienisch gefragt gewesen. Die Vorherrschaft des überwiegend italienischsprachigen Trentino, mit dem Bozen verwaltungstechnisch zusammengeschlossen war, stellte einen weiteren Zankapfel dar.

Und in den Kulissen warteten bereits die Faschisten. Ab etwa 1920 wurde deren Propaganda immer lauter, ihr Auftreten provokanter. Es kam zu Zusammenstößen, die Repression der italienischen Exekutive verhärtete sich. 1922 kamen sie an die Macht.

Wie’s weiterging, ist nicht mehr Thema dieses Buches. Es handelt sich zwar um eine wissenschaftliche Arbeit, dessen ungeachtet schreiben Marion Dotter und Stefan Wedrac jedoch durchgehend klar und leicht verständlich. Das soll lobend hervorgehoben werden. Sie schließen eine kleine, aber doch empfindliche Lücke in unserem Geschichtsbewusstsein. Für den Frieden nach dem Ersten Weltkrieg hatten alle – ausgenommen höchstens die US-Amerikaner – einen hohen Preis zu zahlen. Am größten dürfte er wohl im Russischen Reich gewesen sein. Aber auch für die Südtiroler gestaltete er sich äußerst schmerzhaft – und anhaltend.

Marion Dotter, Stefan Wedrac, Der hohe Preis des Friedens: Die Geschichte der Teilung Tirols 1918–1922 (Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia, 2018).

Gelesen

Vor kurzem haben wir hier über den Roman Eva schläft der römischen Autorin Francesca Melandri gesprochen. Inzwischen hab’ ich einen weiteren gelesen, nämlich Alle, außer mir (italienisch Sangue giusto), erschienen 2017.

Es gibt Parallelen zwischen den beiden Werken: allen voran wohl der Stil, auch dieses Mal wieder geradeheraus und zielsicher, ohne jegliche Schnörkel, Pirouetten oder sonstige Attitüden (lediglich die deutsche Übersetzung könnte in diesem Falle kritisiert werden). Die Geschichte, die da erzählt wird, steht stets im Vordergrund. Das macht diesen Roman genau so fesselnd wie den früheren.

Außerdem handelt es sich wieder um eine Familiengeschichte, wenngleich mit einer interessanten Variante. Und auch dieses Mal ist das Schicksal der Familie verwoben mit Geschichte, mit Politik. Es geht um Abessinien, wie’s damals hieß, also um Äthiopien, und im Besonderen um den Krieg (1935–36), mit welchem das faschistische Italien seine Herrschaft in dem Lande errichtete. Und beides, Krieg samt anschließender Herrschaft, zeichneten sich durch schockierende Brutalität von Seiten der Italiener aus – dass sie Giftgas einsetzten, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein, aber das war noch lange nicht alles.

Francesca Melandri schildert solche Grausamkeiten, solche Massaker kaltblütig und anschaulich – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Mir scheint, sie tut das in der Absicht, ihre Landsleute zum Hinschauen zu zwingen, zum Wahrnehmen. Inwieweit das in Italien bereits erfolgte, oder inwieweit das schockierend wirkt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der pater familias im Roman, Attilio Profeti, scheint seine Taten jedenfalls weitgehend vergessen zu haben, zumindest nach außen hin. Seine Lebensgeschichte steht im Zentrum der Erzählung.

Natürlich kommt noch mehr zur Sprache: das Rom der Gegenwart zum Beispiel; Liebe in ihren verschiedenen Formen, geglückt oder vergeblich; die geradezu atemberaubende Korruption von Politik und Verwaltung; sowie Migration, illegal wie legal. Insofern handelt es sich um eine Erzählung der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit.

Empfehlenswert? – Ja, keine Frage. Packend geschrieben, und man lernt eine Menge (sofern einem daran gelegen ist).

Francesca Melandri, Alle, außer mir, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen (München: btb Verlag, 2020).

Besprechung Eva schläft

Besprechung Über Meereshöhe