Archiv der Kategorie: Rezension

Gelesen / Just read

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine

Ich hab’ keine Ahnung, was gescheite Leute zu dem Roman der jungen schottischen Autorin sagen: Vielleicht ist er ihnen zu seicht. Und tatsächlich könnte man argumentieren, das Ende habe etwas Kitschiges an sich. Was glückliche Enden freilich so an sich haben. Andererseits strahlt der Roman einen Optimismus und damit eine Stärke aus, die anderen abgeht. Im Zentrum steht die Hilfsbereitschaft durchschnittlicher Menschen ohne großen Ehrgeiz. Sie bringt die Handlung in Gang, sie bringt schließlich die Lösung – selbst für eine verschreckte, verbitterte alternde Jungfer.

Empfehlenswert? – Ja, ganz ohne Einschränkung.

I have no idea how clever people react to this novel by a young Scottish author: They may well find it rather thin. And indeed, one could argue that the ending has something kitschy about it; but then, this is the way with happy endings. On the other hand, the novel projects a sense of optimism and thus strength that others sadly lack. The focus is on the helpfulness of average people without much ambition. This is the quality that gets the plot going and finally leads to a denouement  – even for a frightened, embittered ageing spinster.

Recommended? – Yes, without reservation.

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine (London: HarperCollins, 2017).
Jonathan Coe, Middle England

Was gescheite Leute hingegen zum Roman von Jonathan Coe sagen, ist klar: Er handelt ja von ihnen. Hauptfigur ist – man glaubt es nicht – ein millionenschwerer Schriftsteller.

Wobei der Autor brillant erzählt. Sein Roman liest sich spannend und unterhaltsam von Anfang bis Ende, und das obwohl er letztlich von nichts anderem handelt als von einer kleinen Gruppe schnatternder Intellektueller: the chattering classes. So was hinzukriegen, zeugt schon von gehörigem Talent.

Nur tieferer Sinn steckt keiner dahinter. Und schon gar kein politischer – denn auch der wurde dem Roman von eifrigen Rezensenten zugeschrieben, von wegen Brexit und so. Sogar von einem state-of-the-nation Roman war die Rede! Nichts dergleichen – dazu ist der gesellschaftliche Horizont viel zu beschränkt.

Empfehlenswert? – Als reine Unterhaltung, ja. Man darf sich nur nicht zu viel erwarten.

Whereas it’s abundantly clear how clever people react to the novel by Jonathan Coe: After all, it is about themselves. The main character is – believe it or not – a millionaire writer.

And yet, the author is a brilliant narrator, and his novel makes fascinating as well as amusing reading from beginning to end, even though it isn’t really about anything but a small group of intellectuals – the chattering classes. To pull this off is no mean achievement and testimony to considerable talent.

As long as one is not hoping for any deeper meaning; and certainly not in a political sense, which has also been attributed to the novel by friendly reviewers: Brexit, and so on. There has even been talk of a state-of-the-nation novel! Far from it – the range is just too limited for any such thing.

Recommended? – If you’re looking for pure entertainment, yes; just don’t expect anything else.

Jonathan Coe, Middle England (London: Viking, 2018).
Margaret Laurence, A Jest of God

Margaret Laurence (1926–1987) zählt inzwischen zu den Klassikern der kanadischen Literatur. Einige ihrer Romane sind in der fiktiven Kleinstadt Manawaka in der Provinz Manitoba angesiedelt, so auch dieser hier. Er handelt von der verschüchterten Lehrerin Rachel Cameron, der übel mitgespielt wird – von den lieben Mitmenschen ebenso wie vom Schicksal. Ihre Schweigsamkeit, ihre Angst offen zu reden, die daraus resultierenden Missverständnisse, die tragen das ihre dazu bei. Die Geschichte endet nicht gut, aber ausgesprochen schlimm auch nicht. Wie könnte es auch anders sein?

Interessant: Der Roman ist 1966 erschienen. (Ich hab’ ihn erstmals so um 1977 oder ‘78 gelesen.) Offenbar sind die sechziger Jahre zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Manawaka angekommen – ebenso wenig übrigens wie in Innsbruck. Oder ist das traurige Leben der Heldin bewusst als Kontrapunkt gesetzt?

Empfehlenswert? – Durchaus, obwohl’s schon ein bisschen Geduld und Leseerfahrung braucht.

Today, Margaret Laurence (1926–1987) is considered one of the major figures in Canadian literature. Some of her novels are set in the fictional small town of Manawaka in the province of Manitoba, as is this one. It is about the shy and inhibited schoolteacher Rachel Cameron, who is dealt a rotten hand – by people just as much as by fate. This is aggravated by misunderstandings created by her taciturn ways, by her reluctance to speak openly. Her story does not end well, but not overly disastrous either. How could it be otherwise?

It is interesting to note that the novel was published in 1966. (I first read it around 1977 or ’78.) Obviously the Sixties have not arrived in Manawaka yet – nor had they in Innsbruck, by the way. Or is the heroine’s sad life deliberately set as a counterpoint?

Recommended? – By all means, although a certain amount of patience and reading experience may be required.

Margaret Laurence, A Jest of God (Toronto: McClelland and Stewart, 1974). 1st publ. 1966.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Ein Realist ersten Ranges

Anna of the Five Towns von Arnold Bennett

[for an English version, see below]

Als ich englische Literatur studierte, da kam Arnold Bennett praktisch nicht vor. Er hatte das Pech, zu spät geboren zu sein für einen Realisten – er lebte von 1867 bis 1931. Damit geriet er mitten hinein in die Moderne: Virginia Wolf, Bloomsbury. Diese Leute verachteten ihn wegen seiner Herkunft und seiner handwerklichen Einstellung zum Schreiben.

Inzwischen ist uns die Moderne allerdings auch ein bisschen ranzig geworden. Bennett hat hingegen eine Art Wiedergutmachung erfahren, seit ihn der Literaturwissenschaftler John Carey zu seinem Lieblingsautor erklärte. [1] Wie’s heute um seinen Ruf steht, weiß ich nicht.

Aufgrund meiner Leseerfahrung stimme ich John Carey jedenfalls zu, voll und ganz. Es ist nicht nur so, dass da ein Realist ersten Ranges zu uns spricht; vielmehr hat er den Realismus auch nachhaltig weiter entwickelt. Zwei Aspekte fallen mir sofort ein:

Erstens, die Realität, welche er beschreibt. Sie ist zumeist in den Five Towns angesiedelt, also jener Agglomeration, welche heute als Stoke-on-Trent bezeichnet wird. Das war – und blieb – Arnold Bennetts Heimat. Und dabei handelt es sich um das Herz der Potteries, wo einst alle unsere mugs herkamen, unsere Kaffeehaferln. Folglich beschreibt er Menschen aus den Midlands, einer Industrieregion. Selbstverständlich war so etwas keineswegs.

Zweitens, die Frauen. Nicht bloß stellen sie oft die Hauptfiguren seiner Romane so wie in diesem hier, oder im Falle von The Old Wives’ Tale; sie sind auch – ja, sie sind überraschend selbständig, selbstbewusst. Sie sind, wenn man so will, tatsächlich Heldinnen, ganz anders als, sagen wir, bei Anthony Trollope – um von Charles Dickens erst gar nicht zu reden.

Das gilt auch für Anna im hier besprochenen Roman, obwohl’s am Anfang gar nicht so ausschaut: Da lebt sie nämlich unterdrückt und praktisch entmündigt im Haus ihres diktatorischen, geizigen Vaters (Ebenezer Scrooge mit Kindern). Doch als ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag unversehens ein reiches Erbe zufällt, da macht sie sich aller Unerfahrenheit zum Trotz auf ihren Weg. Den muss sie allerdings erst noch finden. Einfach ist’s nicht – es stehen schmerzliche Entscheidungen an, immerhin ist sie zur Gläubigerin geworden. Und ihr Vater bleibt eine unerbittliche Autorität. Herzensangelegenheiten spielen natürlich auch eine Rolle, klar, in diesem Falle allerdings ohne happy ending. Aber darum geht’s nicht. Was beeindruckt, das ist Annas Festigkeit – ihr Charakter.

Ich weiß nicht, ob andere den Roman so aktuell finden werden wie ich. Ich lese die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts oder – wie in diesem Falle – des frühen 20. Jahrhunderts (erschienen 1902) immer noch mit Interesse, mit Spannung und mit Freude. Sie haben mir nach wie vor etwas zu sagen – mehr als so mancher zeitgenössische Roman. Aber was? Nun, darüber bin ich mir selbst nicht ganz klar. Aber was ändert das schon?

Empfehlenswert? – Meiner Ansicht nach: ja.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
Anna of the Five Towns by Arnold Bennett

When I was studying English literature, Arnold Bennett was practically non-existent. He had the misfortune to be born rather late for a realist – he lived from 1867 to 1931. And thus, he became a contemporary to the moderns: Virginia Wolf, Bloomsbury. These people despised him for his background and for his craftsman’s approach to writing.

In the meantime, however, modernity has in turn become a bit stale. Bennett, on the other hand, has enjoyed a certain renaissance since literary scholar John Carey declared him his favourite author. [2] I’m not sure about his standing today.

In any case, because of my reading experience, I agree with John Carey, wholeheartedly. It’s not just that a realist of the first order is speaking to us; rather, he has also developed realism in a substantial way. Two aspects come to mind immediately:

First, the reality he describes. It is mostly located in the Five Towns, the conurbation which is known as Stoke-on-Trent today. It always remained Arnold Bennett’s sentimental home. And it used to be the heart of the Potteries, where all our mugs once came from. Consequently, he describes people from the Midlands, an industrial region – a remarkable feat at the time he was writing.

Second, women. Not only are they often the main characters in his novels as in this case, or in the case of The Old Wives‘ Tale; they are also – well, they are surprisingly self-reliant, self-confident. You could say that they are real heroines, unlike, say, Anthony Trollope’s female characters – not to mention Charles Dickens.

This also applies to Anna in the novel discussed here, although it starts inauspiciously enough: Initially, Anna lives in the household of her dictatorial, tight-fisted father (Ebenezer Scrooge with children), subdued and dependent. But when she unexpectedly comes into a wealthy inheritance on her eighteenth birthday, she sets off on her own course in spite of all her inexperience, even though that course has yet to be determined. It’s not easy – there are painful decisions to be made; after all, she has become a creditor. And her father remains an unrelenting authority. Of course, tender feelings also play a role, in this case however without a happy ending. But that’s not the point. The reader is impressed by Anna’s firmness – her character.

I do not know if others will find the novel as up to date as I do. I still read realistic literature of the nineteenth century or, as in this case, the early twentieth century (published in 1902) with interest, with excitement and with joy. I feel that these books are telling me something – more than many a contemporary novel. But what? Well, I’m not sure. But does that make any difference?

Recommended? – Well, if you ask me: yes.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
[1] Das geschah in seinem Buch Hass auf die Massen: Intellektuelle 1880–1939 (Göttingen: Steidl, 1996).

[2] In The Intellectuals and the Masses: Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880–1939 (London: Faber, 1992).

Gelesen

Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).

Bernie Sanders

Er war mir natürlich längst ein Begriff – 2016 verfolgte ich verblüfft, ja beinahe schon hypnotisiert seine unglaubliche Beliebtheit im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Aber dass Bernie Sanders auch ein Buch geschrieben hat, das erfuhr ich erst dank seines denkwürdigen Auftritts jüngst bei Fox News – und dass er damit ebenfalls erfolgreich war: anscheinend hat’s ihm Millionen eingebracht! [1]

Also: Buch her, lesen. Our Revolution heißt es. Im ersten Teil schildert Sanders zunächst seinen Werdegang – er stammt aus Brooklyn –, dann eben jene Kampagne um die Nominierung. Das liest sich so spannend wie ein Krimi, unputdownable, wie’s auf Englisch heißt. Aber warum eigentlich? An sich sind politische Manöver doch keineswegs der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht werden, oder?

Ich glaube, Sanders’ Wirkung beruht auf zwei Dingen – das galt schon während seiner Auftritte 2016, und es gilt ebenso für sein Buch. Da ist einerseits das, was er sagt. Der Inhalt steht bei ihm stets im Vordergrund, nicht etwa die Public Relations. Schon das kommt einer Revolution gleich. Was er sagt, das hat’s aber auch in sich: Sanders hat die Gabe, Tatbestände klar, ganz trocken beim Namen zu nennen – Tatbestände, die im Grunde ohnehin jeder kennt, jeder weiß, die bloß so selten offen ausgesprochen werden. Dazu gehört etwa die obszöne Raffgier der Reichen und Superreichen; der gigantische Diebstahl öffentlicher Mittel durch die riesigen Konzerne, deren unglaubliche – und vollkommen undemokratische – Macht; der Umweltskandal; der Zustand der Gesundheitsversorgung; bis hin zur Ausbeutung verzweifelt arbeitender Lohnabhängiger, der grassierenden Armut, und das im reichsten Land der Welt!

Es kommt aber noch was dazu: Die emotionale Seite, wenn man so will – wie er’s sagt. Und da ist es eben nicht so, dass Bernie Sanders als polemischer Marktschreier auftritt. Ganz im Gegenteil. Er bleibt ruhig, sachlich, trotzdem aber engagiert, durchaus mit Gefühl. Doch dieses Gefühl – so vermittelt er – ist positiv, freundlich, lächelnd, ermutigend. Ich glaube, dass man (a) so was nicht spielen kann, nicht kalkulieren, und (b) dass es einen großen Teil seiner Popularität ausmacht.

Nicht nur im inner-demokratischen Wahlkampf von 2016 fiel Sanders die Rolle des David zu, der gegen einen Goliath kämpft; er hat das, scheint’s, sein ganzes politisches Leben lang getan, schon als er Bürgermeister von Burlington in Vermont wurde, später Kongressabgeordneter und Senator. Und er hat in all diesen Fällen viel mehr erreicht, als man zunächst hätte annehmen können. Ein David, ja – aber einer mit Erfahrung, um nicht zu sagen: ein existentieller.

 Über Sanders’ politisches Programm wird vielleicht noch zu sprechen sein, über seine klare Analyse, über seine Vorschläge. Vorerst nur so viel: Manches ist natürlich spezifisch US-amerikanisch; anderes könnte hingegen entweder eins zu eins oder aber mutatis mutandis auf Europa beziehungsweise auf Österreich angewandt werden, könnte hier vorgeschlagen werden. Insofern handelt es sich bei seinem Buch auch um eines, das politisch Interessierte hierzulande lesen müssten. Sanders lehrt uns, klar zu sehen, klar auszusprechen, selbst wenn’s der Schulweisheit von Politologen und Journalisten zufolge schädlich wäre. Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Wahrheit. Und um die Hoffnung: nämlich vielleicht doch noch etwas bewirken zu können, zum Besseren wenden.

Deshalb scheut sich Bernie Sanders auch nicht, von „unserer Revolution“ zu sprechen. Das mag in den USA einen anderen Klang haben als bei uns. Wir denken da gleich an die bolschewistische Revolution, Beginn einer gigantischen Katastrophe. Sanders knüpft an den Gründungsmythos der USA an: 1775, so sagt er einmal, haben geldgierige britische Aristokraten die Kolonien ausgebeutet und unterdrückt; heute sitzen die Unterdrücker, die Ausbeuter im Lande selbst. Deshalb bekennt er sich auch offen als Sozialist (womit in seinem Falle natürlich gemeint ist: als Sozialdemokrat). Doch das S-Wort, der Schulweisheit zufolge absolut tabu, hat ihm bisher nicht geschadet, eher im Gegenteil.

Wie wir wissen, ist er wieder in den Ring gestiegen für den nächsten Kampf – um die Nominierung der Demokratischen Partei im Sommer 2020. Wird’s ihm dieses Mal gelingen? Wird er den gleichen Enthusiasmus entfachen, denselben Schwung?

Man wird sehen. Immerhin scheint sich da eine Bewegung zu formieren, unter dem Namen Our Revolution (und als solche lässt sie sich leicht im Web finden). Aber gleichgültig, wie’s weitergeht: Ein bisschen etwas hat Bernie Sanders jetzt schon bewirkt, und sei’s bloß, indem er dieses Buch geschrieben hat.

Empfehlenswert? – Absolut, ohne Einschränkung, im Gegenteil: ein Muss, würd’ ich fast sagen. Das umso mehr, als das Buch auch auf Deutsch erschienen ist.

Bernie Sanders, Our Revolution: A Future To Believe In, paperback edn. (London: Profile Books, 2017).
deutsch: Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft (Berlin: Ullstein, 2017).

[1] Bernie Sanders draws enthusiastic cheers in surprising Fox News town hall.

 

Gelesen

Der Nazi-Jäger

Simon Wiesenthal gehört zur österreichischen Zeitgeschichte. International bekannt wurde er durch seinen Beitrag zur Ausforschung von Adolf Eichmanns Inkognito und Versteck; hierzulande erregte in den sechziger Jahren sein Buch Doch die Mörder leben Aufsehen, insbesondere der Fall Franz Murers, des „Schlächters von Vilnius“. Da trat Wiesenthal erstmals biederen Österreichern im Trachtenanzug auf die Zehen. 1975 deckte er die Zugehörigkeit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zu einer SS-Mordbrigade auf; damit störte er die Kreise unseres damaligen Sonnenkönigs, Bundeskanzler Bruno Kreisky, und dementsprechend ungehalten fiel dessen Reaktion aus – er unterstellte Wiesenthal, nur deshalb etliche KZs überlebt zu haben, weil er mit den Nazis kooperierte. Das war ohne Zweifel ein Tiefpunkt österreichischer Nachkriegspolitik. Im Zuge der Waldheim-Affäre behielt Wiesenthal kühlen Kopf und bestand darauf, dass es keine Beweise gebe für Kriegsverbrechen des Präsidentschaftskandidaten – zu Recht, wie wir heute wissen. Die Vergangenheitsbewältiger haben’s ihm nicht verziehen.
Tom Segev ist ein renommierter israelischer Historiker. Sein Buch über das Jahr 1967 im Nahen Osten steht bereits in meiner Bibliothek. In seiner Wiesenthal-Biographie zeichnet er ein vielschichtiges Bild eines vielschichtigen, durchaus auch widersprüchlichen Menschen. An seiner Objektivität kann kaum Zweifel bestehen; im Kapitel über die Waldheim-Affäre wirkt sie geradezu herzerfrischend. Österreichische Verhältnisse stellt er fehlerfrei dar, da muss er sich mehr als ordentlich eingearbeitet haben – eine beachtliche Leistung.

Empfehlenswert? – Unbedingt, ohne jegliche Einschränkung!

Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, aus dem Hebräischen von Markus Lemke (München: Siedler Verlag, 2010).
Ein seriöser Spitzbub

Arik Brauer hat heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert, und aus diesem Anlass wurde er gebührend geehrt. Interessant, wie er selbst im hohen Alter das ihm eigene spitzbübische Lachen nicht verlernt hat. Das macht ihn sympathisch – aber beileibe nicht nur das. Bekannt ist er vor allem als Maler, als Repräsentant dessen, was sich „phantastischer Realismus“ nennt. Für jemanden wie mich ist er eine Schlüsselfigur in der Entstehung des Austropop. Das Erscheinen seiner Langspielplatte 1971 stellte ein epochales Ereignis dar: moderne populäre Musik, und doch unverkennbar österreichisch, inklusive eines jüdischen Einschlags. Dass so was möglich war! Und der Austropop – nicht nur repräsentiert durch Arik Brauer, versteht sich, aber eben auch – bildete einen wesentlichen Baustein für das österreichische Selbstverständnis, für unseren (sagen wir’s ehrlich) Stolz in den siebziger und achtziger Jahren.
Brauers Erinnerungen Die Farben meines Lebens sind ursprünglich 2006 erschienen. Auch hier gibt sich der Autor durchaus seriös, ohne gleichzeitig den Spitzbuben verleugnen zu können (oder zu wollen). So erzählt er durchgehend von sich selbst in der dritten Person. Das Ergebnis – nun, man lese selbst, ein Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Danke, Arik Brauer, auch dafür – aber nicht nur, sondern ebenso für alles andere!

Empfehlenswert? – Versteht sich von selbst, unbedingt.

Arik Brauer, Die Farben meines Lebens: Erinnerungen, durchgesehene, erweiterte Neuauflage (Wien: Amalthea, 2014).
Die Industrielle Revolution…

… ist die prägende Episode in der Geschichte des so genannten Abendlandes. Sie definiert das, was wir – auch in Europa, auch in Österreich – heute sind im Vergleich und Kontrast zu der Zeit vor dieser Revolution. Sie war der Grund für die europäische Dominanz der Welt, von der wir uns eben jetzt so schwer verabschieden. Für die USA gilt sinngemäß dasselbe. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir mehr wüssten über diese Revolution. Leider beschränkt sich das Wissen meist auf Oberflächliches, qualmende Fabriksschlote und Dampflokomotiven. Das vorliegende Bändchen aus der Reihe A Very Short Introduction  bietet einen ersten, kompakten Zugang. Für Fortgeschrittene ist es auch nicht nutzlos: zum schnellen Nachschlagen – Wie war das doch gleich? Wann war das? Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in welchem der Autor dem weiteren Verlauf der Industriellen Revolution auf der ganzen Welt nachgeht – nichts und niemand (na ja, fast nichts und niemand) konnte sich ihr bekanntlich entziehen. Kein größeres Land sei je ohne Industrialisierung reich geworden, merkt er an; und da es immer noch arme Länder gibt, müssten wir hoffen, dass auch sie industrialisieren würden.

Empfehlenswert? – Ja, historisches Interesse (und englische Sprachkenntnisse) vorausgesetzt.

The Industrial Revolution …

… is the formative episode in the history of the so-called West. It defines what we – also in Europe, also in Austria – are today in comparison and contrast to the time before that revolution. It was the reason for the European dominance of the world parting from which we are presently finding so hard. The same applies to the USA. And that’s why it would be important for us to know more about that revolution. Unfortunately, knowledge is mostly limited to superficial aspects such as smoking factory chimneys and steam locomotives. This little book of the A Very Short Introduction series offers a first, concise access. But even for advanced users it will have its uses, e. g. for a quick reference – What exactly did happen? And when? The last chapter is remarkable as the author pursues the further course of the Industrial Revolution around the world – nothing and nobody (well, almost nothing and nobody) was able to escape the process, as we know. No major country has ever grown rich without industrialization, it is stated, and as there are still poor countries, we must hope that they, too, will become industrialized.

Recommended? Yes – provided the reader has an interest in history (and sufficient command of English).

Robert C. Allen, The Industrial Revolution: A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2017).
Noch eine Liste

Seit Schindlers Liste kommen wir, scheint’s, aus den Listen nicht mehr heraus. Bei dieser hier handelt es sich um die Kartei von Diana Budisavljevic, geborene Obexer aus Innsbruck. Während der Ustascha-Herrschaft (1941–1945) lebte sie als Gattin eines Medizinprofessors in Zagreb. Als ihr die Not serbischer Kinder zu Ohren kam, handelte sie kurz entschlossen – und bis Kriegsende gelang es ihr, Tausende von ihnen vor einem elenden Tod zu retten. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft wollte sie Mütter und Kinder mittels ihrer Kartei wieder zusammen bringen; aber die wurde sogleich von den Kommunisten beschlagnahmt.
Wenn die Bezeichnung „Heldin“ einen Sinn haben soll, dann muss sie auf Diana Budisavljevic zutreffen – und auf ihre Helferinnen und Helfer. Gut, dass ihr hier ein literarisches Denkmal gesetzt wurde; gut, dass ihre Taten doch noch an die Öffentlichkeit kamen. Ob der „biografische Roman“ von Wilhelm Kuehs die ideale Form bietet, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was übers Gute geschrieben oder gefilmt oder sonstwie gemacht wird, muss deshalb auch gut sein. Trotzdem –

Empfehlenswert? Durchaus – um sich durch all die Ungeheuerlichkeiten der Ustascha hindurch zu lesen, braucht’s aber einen starken Magen und ein robustes Gemüt.

Wilhelm Kuehs, Dianas Liste: Ein biografischer Roman (Innsbruck: Tyrolia-Verlag, 2017).

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.

Der Weg zur Prosperität: Vorschläge

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Stephan Schulmeisters Buch Der Weg zur Prosperität vorgestellt. [1] Unter anderem lobte ich es deshalb, weil konkrete – und dennoch gut fundierte – Vorschläge gemacht werden, wie wir aus unserer gegenwärtigen Malaise herauskommen könnten.

Hier nun ein paar dieser Vorschläge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und notgedrungen ohne die überzeugende Begründung, die Schulmeister jeweils mitliefert:

Förderung der Realwirtschaft durch Stabilisierung der Finanzmärkte

  • Gründung eines Europäischen Währungsfonds;
  • Ersetzung des Fließhandels auf den Finanzmärkten durch elektronische Auktionen (alle zwei Stunden);
  • Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer;
  • Aufbruch zu einem neuen Weltwährungssystem;
  • Gründung einer EU-Behörde zur umfassenden Beaufsichtigung des gesamten Finanzsektors.

Verbesserung der Umweltbedingungen als „Wachstumsmotor“

  • Festlegung von in der EU gültigen Preispfaden für fossile Energieträger – festgelegte Teuerung (mittels Besteuerung), das bringt Sicherheit und Planbarkeit für Investitionen;
  • thermische Sanierung des Gebäudebestandes in der EU;
  • transeuropäische Netze für Hochgeschwindigkeitszüge;
  • Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und Förderung von Elektromobilität.

Erneuerung der Sozialstaatlichkeit Europas

  • Verbesserung der Bildungschancen und „Ent-Ökonomisierung“ des Bildungswesens;
  • Schaffung von erschwinglichem Wohnraum;
  • Neue Jobs „zwischen Markt und Staat“: z. B. Alten-, Behinderten- und Kinderbetreuung, kulturelle Initiativen, Denkmalschutz, Umweltverbesserung etc.
  • Förderung gemeinschaftlicher Aktivitäten;
  • Stärkung des Sozialstaates: z. B. Altersvorsorge, Gesundheitssystem;
  • Garantie der „Daseinsvorsorge“ = Infrastruktur: Eisenbahn, Öffis, Gas, Wasser, Kanalisation etc.;
  • Soziale Mindestsicherung in der Europäischen Union.

EU-Strategien in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft

  • Europäisches Software Konsortium: Vernetzung der besten IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der gesamten EU; europäische Plattformen, Betriebssysteme etc.;
  • europäische Kontrollmöglichkeiten: „ … wir Europäer [werden] nicht von einem Orwell’schen ‘großen Bruder’ in der ‘eigenen’ Union überwacht, sondern von privaten ‘großen Brüdern’ in den USA…“.

Stärkung der Rolle der EU in der Weltwirtschaft

  • Investitionen in die Infrastruktur von Entwicklungs- und Schwellenländern;
  • Gründung gemeinsamer Unternehmen (Joint Ventures) für den Technologietransfer.
Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).
[1] „Der Weg zur Prosperität“, 27. Februar 2019.

Der Weg zur Prosperität

Über Stephan Schulmeisters neues Buch

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen der neo-liberalistischen Ideologie seien so erschüttert, dass sie nur noch Trümmern gleichen. Dazu gibt’s inzwischen jede Menge Literatur – so viel, dass wir gar nicht anfangen wollen, hier solche zu zitieren.

Was natürlich nicht bedeutet, das Problem habe sich gelöst. Dass dem nicht so ist, das hören, sehen und erfahren wir jeden Tag. Macht hat der Neo-Liberalismus nach wie vor, und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass eben dies seine Aufgabe darstellt, seine raison d’être: als Ideologie im Dienste der Reichen und Mächtigen. Folglich werden wir uns noch einige Zeit mit den nachteiligen Auswirkungen dieser Herrschaft herumschlagen müssen.

Eben deshalb ist es wichtig, den kritischen Druck aufrecht zu erhalten. Wir können gar nicht genug wissen, wir können gar nicht genug lernen über die Schwächen, die Mängel, die Widersprüche des Neo-Liberalismus – und seine Lügen.

Deswegen widmet Stephan Schulmeister sein neues Buch Der Weg zur Prosperität wohl auch den „Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“. Das verweist auf Friedrich Hayeks berühmtes Buch vom Weg in die Knechtschaft, The Road to Serfdom (1944), dem er die Widmung vorangestellt hat: „To the Socialists in all parties“. Man braucht Hayek nicht lange zu lesen, um zu verstehen, dass er das wirklich so meint: die Politiker des New Deal in den USA ebenso wie jene der Labour Party in Großbritannien oder – später – der Sozialdemokratie in Westeuropa. Als ob die unsere Freiheit bedroht hätten!

So weist Schulmeister also schon von Anfang an subtil-ironisch auf eine Lüge im Fundament des Neo-Liberalismus hin. Den Kern seines Buches bildet freilich die These von den beiden „Spielanordnungen“, wie er das nennt: der realkapitalistischen und der finanzkapitalistischen. In ersterer wird vorwiegend in materielle Produktion investiert, deshalb steigen auch die Löhne und somit der Wohlstand insgesamt. Das führt jedoch zu einem Überhang an Geldvermögen; es wird rentabler, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern – wie’s heißt – das Geld für sich arbeiten zu lassen: die finanzkapitalistische Spielanordnung. Dem Realkapitalismus ist sie abträglich. Krisen sind vorprogrammiert.

Beurteilen möchte ich Schulmeisters Thesen nicht; und wenn ich sie absichtlich kurz fasse, so hat das weder mit Kritik zu tun, noch mit Geringschätzung. Ganz im Gegenteil. Schließlich schlägt der Autor gegen Ende seines Buches ja auch eine erkleckliche Anzahl konkreter Ansätze vor, wie die unselige Herrschaft des Neo-Liberalismus aufgebrochen und überwunden werden könnte – der Weg (zurück) zur Prosperität. Diese Vorschläge zeugen von Sachverstand ebenso wie von seinem unverzichtbaren Adlatus, dem Hausverstand.

Keine Abwertung also, ganz gewiss nicht! Bloß sollte uns noch etwas klar werden, schön langsam: Man kann den Ökonomismus (also die Wirtschaftsdiktatur) nicht mittels ökonomischer Argumentation besiegen; ebenso wenig wie einst die kommunistische Diktatur überwunden werden konnte, indem man ihr Marx entgegenhielt. Im Gegenteil: Wir müssen uns von den ökonomistischen Fesseln befreien, wir müssen der Politik ihren Spielraum zurück erobern, der Demokratie. Es geht ums gestalten, nicht um die fatalistische Unterwerfung unter – angeblich – unabänderliche Gesetze der Marktwirtschaft.

Auch davon spricht Stephan Schulmeister, das soll ihm sehr zugute gehalten werden. In der „Marktreligiosität“ sieht er eine Abkehr von der Aufklärung. Das ist zwar kühn, aber durchaus zutreffend. Auf jeden Fall erzwingt dieser Gedanke geradezu die Konsequenz aufgeklärten Handelns. Ich würde mir wünschen, dass die sozialdemokratische Führungsschicht – sagen wir: die Parlamentsfraktionen in Wien und in Brüssel / Straßburg – Schulmeisters Buch aufmerksam studieren, seine Vorschläge aufgreifen und daraus ein klares Forderungsprogramm erstellen. Es wär’ höchste Zeit!

Dass solches nicht geschieht, offenbar auch nicht geschehen wird in absehbarer Zukunft, dafür kann der Autor natürlich nichts. Bleibt also nur, sein Buch zu loben, in höchsten Tönen: Ein Experte, der sich sein Herz bewahrt hat, den Blick für die menschliche Wirklichkeit, gleichzeitig aber auch seinen scharfen Verstand: a cool head for a warm heart.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt – für Leute, welche sich mit der Thematik befassen, ein Muss.

Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).

Gelesen

Namen, die keiner mehr nennt

„Ritt durch Masuren“ nennt sich eines der Kapitel im vorliegenden Buch. Wir bekamen es während unserer Busreise durch Polen letzten Herbst zu hören, und das war der Grund, warum ich die anderen Teile ebenfalls lesen wollte. Marion Gräfin Dönhoff  ist – war? – vorwiegend aus anderen Gründen bekannt: Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit, Grande Dame des gehobenen Journalismus in Deutschland, Mitstreiterin Helmut Schmidts. Sie stammte von einem hochherrschaftlichen Gut in Ostpreußen, nicht weit von Königsberg. Es ist eine versunkene Welt, die sie beschreibt – zerstört am Ende des Zweiten Weltkriegs, die alte Kultur ausgelöscht. Heute existieren – wenn überhaupt – nur noch Relikte. Die Autorin selbst entkam im Jänner und Februar 1945 der vorrückenden Roten Armee nur knapp, auf einem weiteren Ritt, dieses Mal aber gegen Westen. Auch davon berichtet sie, immer in unaufgeregt trockenem Ton. Verständlich, dass ihre Erinnerungen überwiegend liebevoll ausfallen – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber das beeinträchtigt weder die literarische noch die historische Qualität ihrer Aufzeichnungen.

Empfehlenswert? Ja, zweifellos.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen – Menschen und Geschichte (Düsseldorf und Köln: Eugen Diederichs, 1971).
Tote Seelen

Einen Schelmenroman erwartet man in der russischen Literatur nicht unbedingt, doch handelt es sich bei den Toten Seelen von Nikolaj Gogol um eben dies – genauer gesagt: beim ersten Teil des Romans, der Rest besteht nur aus Fragmenten. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, aufgewachsen in unscheinbaren Verhältnissen und mit undurchsichtiger Vergangenheit, taucht in einem Landkreis auf, um zwecks dubioser Geschäfte so genannte tote Seelen zu kaufen – also Leibeigene, die zwar gestorben sind, vorläufig aber noch auf den Steuerlisten der Gutsherren stehen. Solche Gutsbesitzer sucht der Held denn auch auf, einen nach dem anderen, und das ergibt ein Panoptikum aller möglichen, durchaus skurrilen Verhaltensweisen und Charaktere. Das Bild von der russischen Landwirtschaft, welches da gezeichnet wird, ist trostlos – und das schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (der erste Teil des Romans erschien 1842). Und die Verwaltung ist ebenso hoffnungslos korrupt. Auf der anderen Seite verdirbt westlicher Einfluss den Charakter – auch dies ein Motiv, welches wir aus späteren Werken der russischen Literatur kennen, bis hin zu Solschenizyn. Bei Gogol überrascht es insofern, als sich der Autor zwölf Jahre lang Europa anschaute – freiwillig. Was immer er dort gesehen haben mag: Ein Schuss „Westlertums“, so hat man das Gefühl, wär’ vielleicht doch nicht schlecht gewesen.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt.

Nikolai W. Gogol: Die toten Seelen oder Tschitschikows Abenteuer, übers. von Alexander Eliasberg (Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1965).
Vater Goriot

Vater Goriot von Honorè de Balzac gehört zu dessen schier endlosen menschlichen Komödie, genauer: zur Unterabteilung Szenen aus dem Privatleben. Angesiedelt ist die Handlung im Paris des Jahres 1819 – also in jener Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Im Wesentlichen geht’s nur um eins: die Oberschicht, Aristokratie samt Reichtum. Wie kann man sich dort Zutritt verschaffen? Arbeit, und sei sie noch so gehoben, Karriere, und sei sie noch so erfolgreich – nichts kommt an ein Vermögen heran, welches jährlich ein hübsches Sümmchen an Zinsen abwirft. Und um an ein solches zu gelangen, gibt’s laut Balzac nur einen Weg: Erben. Wenn schon nicht selbst, dann indem man eine vermögende Erbin heiratet. Thomas Picketty hat diesen Roman jüngst hergenommen, um seine eigenen Thesen zum Kapital im 21. Jahrhundert zu illustrieren – mehr an Aktualität geht wohl nicht.

Empfehlenswert? Ja.

Honorè de Balzac, Vater Goriot, Übersetzung aus dem Französischen von Franz Hessel (Leipzig: Paul List Verlag, o. J.).

Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).
Transcriptions

If you like spy stories you might like this book. It’s well written, no doubt, and the narrator seems lifelike enough. But then, of course, the same things could be said of a host of similar stories. Like all modern products of the genre, this one reveals not just one, but multiple layers of deception – fog is the metaphor used, not very surprisingly either.

Recommended? Well, not really – unless you’re looking for something light to read on your holidays.

Kate Atkinson, Transcriptions (London: Transworld Publishers, 2018).