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Walli als Dauerzustand

„Der Walli“, das war früher eindeutig und allgemein verständlich: Es bezeichnete Eduard Wallnöfer, Langzeit-Landeshauptmann von Tirol 1963 bis 1987. Die lange Regierungszeit führte natürlich zu einer gewissen Stagnation, zu so etwas wie einem Dauerzustand. Er zeichnete sich einerseits durch das überproportionale Gewicht aus, welches der Bauernbund genoss. Andererseits hatte sich eine Schicht von behäbigen, selbstzufriedenen Patriarchen herausgebildet. Für viele von uns, der jüngeren Generation, waren sie nachgerade unerträglich. Gegen Ende der Ära hatten wir das Gefühl, in einem Druckkochtopf zu arbeiten, oben hermetisch verschlossen von einem Deckel, auf dem dick und breit eben diese Patriarchen hockten.

Dementsprechend hofften wir nach Wallis Abdankung auf bessere Zeiten: frischer Wind, ein bisschen Offenheit, ein bisschen Urbanität. Aber da hatten wir uns getäuscht. Es änderte sich nichts, nicht in Tirol – bis heute. Da wird uns dieser Zustand eindrucksvoll vor Augen geführt, wenn solche Herrschaften im Fernsehen auftreten. Eben dies ist denn auch der Anlass meiner Gedanken hier.

Inzwischen ist diese Führungsschicht allerdings schon so machtgewöhnt, so überzeugt von sich selbst, dass sie sicht- und hörbar verknöchert. Damit erkläre ich mir die haarsträubende Öffentlichkeitsarbeit dieser Leute anlässlich der Corona-Krise. Österreich mag lachen, Europa mag ungläubig den Kopf schütteln – was tut’s?

Es läge nahe zu sagen: Die Verknöcherung wird zum Untergang führen. Wir stehen am Anfang vom Ende.

Aber so läuft das nicht in Tirol. Wenn’s nach Walli keinen Wandel gab, dann wird’s ihn wahrscheinlich nie geben. Das liegt allerdings auch daran, dass es eine Vielzahl von Tirolern gar nicht anders will. Wie groß diese Vielzahl ist, darüber traue ich mir kein Urteil zu. Außenstehende machen sich kaum einen Begriff von der indigenen Unterwürfigkeit, Dienstfertigkeit, bis hin zum vorauseilenden Gehorsam. Auch das gehört zum Tiroler Wesen. Schon im mythenumwobenen Jahr 1809 erhoben sich Wallis geliebte Schitzen nicht etwa im Namen von Freiheit oder womöglich gar Gerechtigkeit (Gott behüte!), sondern zwecks Unterwerfung unter Kirche und Krone. Von der Selbstdarstellung der Tiroler als kernig, trotzig und widerspenstig sollte man sich nicht täuschen lassen. Das sind meine Landsleute nämlich in genau dem gleichen Maße wie alle anderen Österreicher auch, nicht mehr und nicht weniger.

„Die Wiener sind herzlich, aber falsch“, hat Hans Weigel einst konstatiert. „Die Tiroler hingegen sind rau – aber falsch.“

Bloß ist das heutige Tirol nicht so. Rau, mein’ ich. Zumindest nicht das ganze Tirol. Wir sind auch ein modernes Land, gut bis hervorragend ausgebildet, viel stärker industrialisiert, als wir das selbst wahrhaben wollen, wobei es sich überwiegend um so genannte KMUs handelt, also kleine bis mittlere Unternehmen, die es trotz allem schaffen, sich gegenüber weltweiter Konkurrenz zu behaupten. Dessen ungeachtet wollen die Leute immer noch Tiroler bleiben, sie klammern sich an ihre Tirolität, wie man so sagt. Wie ist so was möglich? CIM (computer-integrated manufacturing) in der Schützentracht?

Bis heute wird der Walli dafür verehrt, dass er Tirol modernisiert habe, vor allem durch Straßen und Autobahnen. Aber abgesehen davon, dass da möglicherweise Danaer-Geschenke drunter waren, muss doch festgestellt werden: Österreich besteht aus neun Bundesländern, acht davon hatten keinen Walli, doch sind sie deswegen zurückgeblieben?

Was nicht heißt, Walli sei ohne Verdienst um unser Land. Angehörige meiner Generation werden sich daran erinnern, wie er der – damals sozialistischen – Bundesregierung mit einem Schützenaufmarsch an der Osttiroler Grenze zu Kärnten drohte, falls sie nicht von ihren Zusammenlegungsplänen abließ. Das Entscheidende daran war die Art, wie er das tat – mit diesem verschmitzten Lächeln, ganz leicht bloß, gerade genug, damit das, was eigentlich eine Ungeheuerlichkeit darstellte, mit amüsiertem Schmunzeln quittiert wurde. Das machte ihm keiner nach. Und genau darin bestand seine einzigartige Leistung: den Tirolern einen Weg zu weisen, wie sie in modernen Zeiten leben konnten, wie sie von diesen Zeiten sogar profitieren konnten, ohne indes auf ihre so heiß geliebte Tirolität verzichten zu müssen.

Was wir in letzter Zeit an Seilbahnchefs und Wirtschaftskämmerern im Fernsehen gesehen haben, das waren letztlich Produkte von Wallis Dauerzustand. Bloß dass inzwischen halt mehr als dreißig Jahre vergangen sind, und dass nicht jeder, der als Tiroler Größe auftritt, das Format eines Wallnöfer hat.

Aber Änderung, Wandel?

Nein, nicht in Tirol. Ich erinnere mich, wie ich im Regionalfernsehen einmal vor einer Landtagswahl die Befragung von Passanten mitverfolgte. Einer von ihnen, ein männlicher Tiroler mittleren Alters, äußerte ätzende Kritik an der dominierenden Partei, also der ÖVP. Die werde er bestimmt nicht wählen.

Und die Opposition?

Wegwerfende Handbewegung:

„Die sind viel zu schwach.“

Weichensteller

Im Standard ging ein Autor jüngst dem Konzept der Tragic Choice nach (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Der Anlass waren natürlich jene Beschränkungen, welche zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassen wurden und werden, die dabei aber notwendigerweise unsere Grund- und Freiheitsrechte beschneiden. Ist so was unter Umständen zulässig? Manche – darunter auch der Verfasser dieser Zeilen – sagen Ja, andere bestreiten dies vehement.

Näher will ich darauf nicht eingehen. Ich hab’ mich bloß gefragt, wozu man da jetzt einen weiteren englischen Begriff braucht. Es handelt sich nämlich um nichts anderes als ein gutes altes Dilemma. Klingt doch auch schön, oder? In unserem speziellen Fall spricht man anscheinend vom Trolley-Problem (a trolley car ist in den USA eine Straßenbahn) oder, noch verständlicher, vom Weichenstellerfall. Das bezieht sich auf jenes Gedankenexperiment, mit welchem das Dilemma gerne dargestellt wird: Ein Straßenbahnzug rast auf eine Gruppe Gleisarbeiter zu. Die einzige Rettung besteht darin, dass rasch eine Weiche gestellt wird – zu einem anderen Gleis, auf dem indes ein einzelner Mann steht. Wie soll sich der Weichensteller entscheiden?

Ich hatte, ganz ehrlich gestanden, weder von diesem Weichenstellerfall noch von Tragic Choice jemals etwas gehört, die Begriffe waren mir völlig neu. Die zugrunde liegende Zwickmühle war es hingegen nicht. Mit der hatte ich mich auf meine naive Weise schon viel früher herum geschlagen.

Reisen wir zurück in den Herbst 1977. Der „deutsche Herbst“, wie sich viele erinnern werden. Der Herbst der Terroristen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und so weiter, die RAF, wie sie sich selbst nannten, die Rote Armee Fraktion. Sie entführten Menschen, ermordeten andere, und deshalb saßen führende Mitglieder im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim. In studentischen Kreisen tobten geradezu Diskussionen über Berechtigung oder Nicht-Berechtigung terroristischer Gewalt, und die verschnörkelten Umwege, auf denen die Argumentation endlich zu dem Schluss gelangte, die Gewalt sei doch irgendwie berechtigt – diese verschnörkelten Umwege kamen beinahe schon Kunstwerken gleich.

Dann wurde die Lufthansa-Maschine Landshut entführt. Die Entführer richteten den Flugkapitän eiskalt hin, Genickschuss. 90 Passagiere befanden sich in der Maschine, Menschen wie du und ich. Die zermürbende Odyssee endete schließlich am Flughafen von Mogadischu. Die Spannung wurde nachgerade unerträglich. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober wurden die Geiseln von einer deutschen Spezialeinheit befreit – welch ein Triumph, welche Erleichterung!

Die Nachricht erreichte uns in der Früh – na ja, mich zumindest, andere mögen die Nacht an den Radiogeräten ausgeharrt haben – zusammen mit einer weiteren: Die Häftlinge in Stammheim hatten noch in derselben Nacht Selbstmord begangen.

Mensch, und jetzt liefen die studentischen Diskussionen erst so richtig heiß! Die vorherrschende Meinung sprach natürlich von „Staatsmord“. Aber immerhin muss es auch Gegenstimmen gegeben haben, anders wäre es nicht zu derart hitzigen Debatten gekommen. Und mit welcher Spitzfindigkeit da argumentiert wurde! Notgedrungen, muss hinzugefügt werden, denn an Fakten hatten wir nur das, was in den Zeitungen stand oder was im Fernsehen berichtet wurde. Dass die Studenten der „kapitalistischen Monopolpresse“ misstrauten, das verstand sich von selbst.

Genau an diesem Punkt setzten meine eigenen Überlegungen an. Wissen – so reimte ich mir das zusammen – wirklich wissen können wir’s nicht und werden’s vielleicht niemals. Aber was, wenn die Frage falsch gestellt ist?

Versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Polizeioffiziers oder vielleicht auch eines verantwortlichen Politikers. Ganz egal, wie Sie politisch denken, ist die Situation doch klar: Dieser eine Versuch, die Gefangenen mittels Entführung frei zu pressen, ist missglückt. Aber der nächste kommt bestimmt, damit müssen Sie aufgrund der bisherigen Ereignisse eindeutig rechnen. Wer garantiert Ihnen, dass die nächste Entführung genau so triumphal endet? Da stehen Menschenleben auf dem Spiel, eine ganze Menge, lauter normale Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Auf der anderen Seite vier Leute, die Verbrechen begangen haben, Morde, und die nach einer Freipressung selbstverständlich weitere begehen würden – da machten sie ja kein Hehl draus, das gehörte zu ihrem politischen Programm, daraus zogen sie Selbstbestätigung und Selbstachtung. Solange die im Gefängnis saßen, würden die Entführungen, Erpressungen und Morde niemals aufhören, ganz egal, um welches Gefängnis es sich handelte, und ganz egal, wie die Haftbedingungen gestaltet wären.

So – und jetzt sind Sie dran. Was tun Sie?

Natürlich – so überlegte ich – natürlich dürfen Häftlinge in einem westlichen Rechtsstaat nicht gefoltert, geschweige denn hingerichtet werden. Absolutes Tabu, daran darf nicht gerüttelt werden, keine Ausnahmen!

Andererseits –

Ich glaube, ich hätte mich damals – wäre ich in die Lage gekommen, dies zu tun – für die radikale Variante entschieden. Alles andere hätte meinem moralischen Instinkt widersprochen. Philosophische Spekulationen stellte ich keine an, die betrachte ich bis heute eher skeptisch.

In besagtem Standard-Artikel wird eine Autorität zitiert, welche das Dilemma folgendermaßen löst: Die notwendige, aber gesetzeswidrige Tat wird von jemandem begangen, der bereit ist, die Strafe auf sich zu nehmen. So würde die Bedrohung aus der Welt geschafft, ohne dass der Rechtsgrundsatz verletzt wird.

Klingt gut. Aber wie schaut so was im wirklichen Leben aus?

Konstantin Lager, „Die Covid-Pandemie ist eine tickende Bombe für Grund- und Freiheitsrechte“, derStandard (23. März 2021).

World-beating

Der britische Bildungsminister Gavin Williamson hat in einem Fernsehinterview damit geprahlt, dass britische Bürger als erste in der Welt in den Genuss einer Corona-Impfung gekommen seien.

Und warum?

Na ja, meinte er, wir haben einfach die besten Wissenschaftler und die beste Aufsichtsbehörde. Viel besser als jene in Frankreich, in Belgien oder in den Vereinigten Staaten. Und das, so setzte er hinzu, überrasche ihn nicht, denn Großbritannien sei einfach ein besseres Land als jedes einzelne von denen.

Falls Sie nicht glauben, ein Regierungsmitglied in einem zivilisierten westlichen Staat könne so was von sich geben, hier das Original: „Well I just reckon we’ve got the very best people in this country and we’ve obviously got the best medical regulators. Much better than the French have, much better than the Belgians have, much better than the Americans have. That doesn’t surprise me at all because we’re a much better country than every single one of them, aren’t we.“

Hat er das ernst gemeint?

Ich neige dazu, selbiges anzunehmen. Erstens dürfte subtiler Humor nicht gerade eine Stärke der derzeitigen Regierungsmannschaft um Boris Johnson darstellen. Zweitens scheinen ihm die Ereignisse recht zu geben. Bei der Beschaffung und Verteilung von Corona-Impfstoffen hat sich die EU wahrlich nicht mit Ruhm beckleckert, das Vereinigte Königreich war schneller, wohl auch geschickter.

Aber heißt das wirklich, die Briten seien insgesamt besser? Einfach so? Ich beobachte britische Angelegenheiten nun seit fast 50 Jahren und ich darf Ihnen versichern: Eine ungetrübte Erfolgsgeschichte war das nicht!

Trotzdem ist der Herr nicht allein mit seinen Ansichten. Wir erinnern uns, wie der gegenwärtige Premierminister Boris Johnson höchstpersönlich mit einem world-beating Track-and-Trace-System geprahlt hat. Inzwischen wissen wir, dass das Vereinigte Königreich eher von der Welt geschlagen wurde, was die Bekämpfung der Pandemie betrifft  – beaten by the world (fast doppelt so viele Corona-Tote pro 100.000 EW wie Österreich).

Ich beobachte den Trend zur nationalen Angeberei nun schon seit gut zwanzig Jahren. Das erste Mal kam er mir anlässlich eines geführten Stadtrundganges zu Bewusstsein, bei welchem der guide es nicht lassen konnte, mit the oldest this und the largest that zu prahlen. Mich berührte das peinlich, weil es so un-britisch war. Früher wäre es tief unter der Würde eines Briten gelegen, derlei von sich zu geben. Es verstand sich von selbst.

Tony Blair beschloss im Jahre 2007 seine Abschiedsrede als Premierminister mit den Sätzen: „The British are special. The world knows it. In our innermost thoughts we know it. This is the greatest nation on earth.“

The greatest nation on earth? Wie will er das wissen? Wieviele Nationen kennt er gut genug, um so ein Urteil zu fällen? Oder gibt’s vielleicht eine heimliche Hitparade, nur Regierungsoberhäuptern zugänglich? Aber nach welchen Kriterien wird die Reihung dort vorgenommen?

Man fragt sich, wie ein gebildeter Mann so was von sich geben kann.

Immerhin muss man ihm zugestehen, dass er sich, wenn schon nicht unbedingt in guter, so doch in zahlreicher Gesellschaft befindet. British exceptionalism, benennt man das Phänomen mittlerweile.

Von einer vagen Erinnerung an die Industrielle Revolution mag der Glaube vieler Briten stammen, die moderne Welt erfunden oder erschaffen zu haben. Inzwischen gibt’s wahrscheinlich schon eine kleine Bibliothek von Büchern mit Untertiteln wie How Britain Made oder How Britain Shaped oder How Britain Invented the Modern World.

Hand in Hand damit geht eine Denkweise, die den Briten selbst gar nicht mehr aufzufallen scheint: Wenn was toll ist auf ihren Inseln, dann nehmen sie automatisch an, es müsse weltweit Spitze sein: world-beating. Ich erinnere mich an einen Aufsatz über die Konservative Partei (ich glaube, im New Statesman), in welchem der Autor allen Ernstes die Tories als „the most vicious party in the world“ bezeichnete. Na ja – allzu viel dürfte er nicht gewusst haben von dieser Welt, oder?

Was mich beunruhigt an der neuen Liebe der Briten zum Prahlen, zur one-upmanship, das sind die Gründe, die dahinterstecken mögen. Warum tun sie das? Warum glauben sie auf einmal, so was nötig zu haben?

Josh Halliday, “Gavin Williamson: UK is 'a much better country than every single one of them'”, The Guardian, 3 December 2020 <https://www.theguardian.com/society/2020/dec/03/gavin-williamson-britains-a-much-better-country-than-all-of-them [accessed 3 December 2020].

“Coronavirus: UK to have 'world-beating' tracing system”, BBC News Politics, 20 May 2020 <https://www.bbc.com/news/av/uk-politics-52745202> [accessed 25 December 2020].

Reuters Staff, „Tony Blair’s Farewell Speech“, Reuters, 10 May 2007 <https://www.reuters.com/article/uk-britain-blair-speech/tony-blairs-farewell-speech-idUKL1054376720070510> [accessed 25 December 2020].

You can talk to the barrel of my gun

[for an English version see below]

J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Das Buch kam 2016 heraus, im Sommer jenes Jahres führte es die eine oder andere Bestseller-Liste an. Der Grund war klar: Das war jenes Jahr, in dem Donald Trump überraschend zum Präsidenten der USA gewählt wurde, und der Titel versprach eine Antwort – oder doch zumindest Teil-Antwort – auf die Frage, wer ihm wohl so ergeben folgte, und aus welchen Gründen.

Vance stammt aus einer so genannten Hillbilly-Familie. Ob sie typisch ist oder nicht, das muss dahingestellt bleiben. Die Hillbillies sind nicht bloß Hinterwäldler, wie der Begriff vielleicht übersetzt werden könnte; ursprünglich handelte es sich vielmehr um die Bewohner der bewaldeten Täler in den südlichen Appalachen und den Ozark Mountains. Diese Täler heißen im lokalen Dialekt übrigens holler, abgeleitet von hollow. Es sind die Nachfahren nordirisch-protestantischer Einwanderer, weswegen sie sich selbst als Scots-Irish bezeichnen. In den hollers hatte sich eine eigene Kultur entwickelt. Da lebte viel von der frontier fort: vor allem wohl das Prinzip der Selbstjustiz, und zwar mittels blanker Gewalt. Familienehre geht über alles. Wenn einer deine Mutter beleidigt – und sei’s nur durch das alltägliche Schimpfwort „son of a bitch“ – dann gibt’s nur eins: zuschlagen; unter Umständen bis zum Totschlag. Ein Bruder der Großmutter zwang einst einen Mann, der eine anzügliche Bemerkung über ihre Unterhosen gemacht hatte, ein Exemplar selbiger zu verspeisen – wortwörtlich. Und diese Großmutter beendet später einen Streit mit ihrer Tochter kurz und bündig: „you can talk to the barrel of my gun“.

Doch hat diese Kultur auch Schwächen, und je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher treten sie zutage. Vor allem dann, wenn die Kultur verpflanzt wird: Ab den dreißiger Jahren ziehen immer mehr Hillbillies nach Norden, wo riesige Industriewerke Arbeitsplätze bieten, gut bezahlte noch dazu. Eine regelrechte Migration entwickelt sich, der Hillbilly Highway. Die Familie von J. D. Vance kommt so von Jackson, Kentucky nach Middletown, Ohio, Standort der Armco Stahlwerke. Zwar bildet sich auch dort so etwas wie eine Hillbilly-Diaspora, aber es ist doch nicht dasselbe wie in den hollers. Die Migranten trauern ihrer Heimat nach, kehren zu Besuchen zurück, so oft es nur geht.

Die Industriewerke bieten gut bezahlte Arbeitsplätze fürs Leben, außerdem fördern sie die Kommunen, sponsern dieses und jenes – ein Verhältnis, wie es sich im Laufe der Jahrzehnte in wechselhaftem Schicksal und heftigen Arbeitskämpfen herausgebildet hat. Bloß ändert sich das seit den siebziger Jahren immer deutlicher, immer rascher. Die Löhne sinken, Arbeitsverhältnisse werden prekär, schließlich werden Betriebe geschlossen, wandern ab. Arbeitslosigkeit macht sich breit, ohne Hoffnung auf baldige Besserung.

Die Kultur der Hillbillies hat dem, glaubt man der Schilderung von J. D. Vance, wenig entgegenzusetzen. Die Großeltern, Mamaw (die mit dem barrel) und Papaw, lassen sich zwar nicht scheiden, leben aber getrennt, hauptsächlich wegen seines (inzwischen überwundenen) Trinkens mit anschließender Gewalttätigkeit. Ihre Tochter, die Mutter von J. D. – mom – schafft es nicht, eine funktionierende Familie aufzubauen und zu erhalten. Die Partner gehen ein und aus, dem Jungen erscheint es wie durch eine Drehtür: revolving door Dads. Sie verfällt ebenfalls dem Alkohol, später nimmt sie Drogen. Und dann neigt auch sie dazu, gewalttätig zu werden.

Die einzigen, die sich der Kinder annehmen und ihnen eine gewisse Stabilität gewähren, sind Mamaw und Papaw. Besonders Mamaw bemüht sich, die Familie zusammen zu halten, sie zu schützen. Später meint ein Bekannter, J. D. brauche sich nicht vor den Ausbildnern im berüchtigten boot camp der Marineinfanterie zu fürchten: die seien zwar mean, aber nicht so mean wie Mamaw.

Vance betont immer wieder, wie wichtig dieser Rückhalt durch seine Großeltern gewesen sei – nur so konnte er die High School einigermaßen anständig abschließen und nach einer vierjährigen Militärdienstzeit an die state university gehen, von wo aus er einen Platz in Harvard ergattert. Seine Geschichte ist somit auch eine amerikanische Erfolgsstory. Leider muss ich gestehen, dass ich diese, besonders gegen Ende, nur mäßig interessant fand. Denn wenn’s einer trotz aller Hindernisse schafft, Applaus Applaus! – dann folgt daraus doch, dass es so viele andere nicht geschafft haben, nicht schaffen. Ich kann mir nicht helfen, aber mich interessieren diese Vielen, nicht die Handvoll Erfolgreicher im Rampenlicht.

Vance kritisiert die Arbeitsmoral der Hillbillies. Er beobachtet gleichzeitig die berühmt-berüchtigte poverty trap: Wie also der Zustand eintritt, in dem ein Wohlfahrtsempfänger besser dran ist, wenn er nicht arbeitet, sondern weiterhin Unterstützung erhält. Wenn der Staat eingreift, so schreibt er einmal, so schade das mehr als es nützt. Vance setzt auf individuelle Anstrengung. Für ihn, eingedenk seiner Geschichte, mag das verständlich sein, aber dass es allgemein nicht ausreicht, dafür liefert sein eigenes Buch ausreichend Belege. Trotzdem wirkt es ernüchternd – und zwar zu Recht: Was kann getan werden? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Die Verhaltensweisen von Menschen zu ändern, ihre Kultur, braucht es nicht bloß materielle Impulse – ordentliche Arbeitsplätze zum Beispiel – sondern wahrscheinlich auch viel Zeit, viel Geduld.

Womit wir bei der leidigen Trump-Frage wären. Wie gibt’s das, dass diese verarmten Hillbillies einen verwöhnten Multimillionärs-Erben wählen? Wie gibt’s das, dass diese Leute, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, einer Partei treu sind, die von Eigenverantwortung schwafelt? (Ganz allgemein, so hab’ ich früher einmal gelesen, gewinnen die Republikaner in jenen Bundesstaaten am meisten Stimmen, in denen die meisten Sozialhilfen ausbezahlt werden.) Vance liefert zwar auch keine Antwort, immerhin aber ein paar Hinweise. Wenn seine Hillbillies Obama abgelehnt hätten, so schreibt er einmal, habe das keineswegs am Rassismus gelegen; vielmehr habe Obama, der selbst Vorurteil und Benachteiligung überwinden musste, vor Augen geführt, was möglich wäre und wo sie, die Hillbillies, ständig scheitern, versagen. Ein Erbe – reiner Glücksfall! –, ein Macho, foul-mouthed, der musste ihnen viel mehr zusagen.

Empfehlenswert? – Bin mir nicht sicher. Ich hab’ das Buch zweimal gelesen, das letzte Mal sehr intensiv, aber irgendwie bin ich immer noch verwirrt. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist die Besprechung deshalb so lange geworden.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016)
J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Published in 2016, the book topped a couple of bestseller lists during the summer of that year. The reason was obvious: that was the year Donald Trump was unexpectedly elected president of the USA, and the title promised an answer – or at least a partial answer – to the puzzling question of who his devoted followers might be and what might motivate them.

Vance comes from a so-called hillbilly family; impossible to say whether they are typical or not. Originally hillbillies were the inhabitants of the wooded valleys in the southern Appalachians and the Ozark Mountains. These valleys, by the way, are called holler in the local vernacular, derived from hollow. The locals are descendants of Northern Irish Protestant immigrants, which is why they call themselves Scots-Irish. In the hollers, they developed their own specific culture. In a way, the frontier lived on: above all, the principle of self-administered justice, often by means of sheer violence. Family honour is paramount. If someone insults your mother – even if it’s only indirectly by an everyday insult like “son of a bitch” – there’s only one thing to do: beat him up, even if it ends in manslaughter. Vance’s grandmother’s brother once forced a man who had made a lewd remark about her pants to eat one of them – literally. And grandmother later ends an argument with her daughter quite brusquely: „you can talk to the barrel of my gun“.

However, this culture also has its weaknesses, and the more time passes, the more they make themselves felt. Especially when the culture is transplanted: from the 1930s onwards, more and more Hillbillies are moving north where huge industrial plants offer jobs, and well-paid ones at that. A veritable migration develops, the Hillbilly Highway. J. D. Vance’s family move from Jackson, Kentucky to Middletown, Ohio, the site of the Armco steelworks. Although something like a hillbilly diaspora is forming there, it is not the same as in the hollers. The migrants never get over the loss of their native lands, returning for visits as often as they can.

The industrial plants offer well-paid jobs for life, and they also support the communities, sponsor this and that – a relationship that has developed through decades of changing fortunes and fierce labour disputes. But in the 1970s, things start to change more and more rapidly and more and more profoundly. Wages are falling, jobs become precarious, and finally companies are closing down and moving away. The number of unemployed keeps growing, with no hope of improvement in the near future.

If one believes J. D. Vance’s account, the Hillbillies’ culture is helpless in the face of such challenges. His grandparents, Mamaw (the one with the barrel) and Papaw, have not divorced but live separately, mainly due to his drinking (given up in the meantime), invariably followed by bouts of domestic violence. Their daughter, J. D.’s mother – mom – fails to build and maintain a functioning family. Her partners come and go; to the boy, they seem like “revolving door Dads”. Mom also succumbs to alcohol, later she turns to drugs. And then she too tends to become violent.

The only ones who take care of the children and grant them some stability are Mamaw and Papaw. Mamaw in particular tries to keep the family together and to protect them. Later, an acquaintance tells J. D. not to be afraid of the instructors at the notorious Marines boot camp: they are mean, he says, but not as mean as his Mamaw.

Vance emphasises repeatedly how important the support by his grandparents was – the main reason why he managed to graduate from high school with a decent degree and, after four years of military service, go to state university, from where he manages to get a place at Harvard Law School. His is thus an American success story. Unfortunately, I have to admit that I found it only moderately interesting, especially towards the end. After all, when someone succeeds despite all those obstacles, applause applause! – then it follows that so many others have not made it and are still not making it. I can’t help but I have to confess that I’m only interested in the majority, not the handful of successful people in the limelight.

Vance criticises the work ethics of these hillbillies. At the same time he observes the infamous ‘poverty trap’ first hand: when people are better off receiving support rather than doing paid work. When the state intervenes, he concludes, it does more harm than good. Vance puts his trust in individual effort. For him, with his background and personal history, this may be understandable; however, his own book provides ample evidence that it isn’t enough. Nevertheless, what he says has a sobering effect – and rightly so: What can be done? In the end, the question remains unanswered. Changing people’s behaviour, their culture, requires not only material impulses – decent jobs for example – but probably also a lot of time, a lot of patience.

Which brings us to the vexed Trump question. How can it be that these impoverished hillbillies elect a spoiled multimillionaire heir? How is it that these people who can’t get a grip on their own lives are loyal to a party that is prattling on about personal responsibility? (I seem to have read somewhere that generally speaking, the Republican Party does best in those states where most social support is paid out). Vance doesn’t provide an answer either, but at least he gives a few clues. If his Hillbillies rejected Obama, he writes at one point, it was by no means a question of race; rather, Obama, who himself had to overcome prejudice and disadvantage, showed what was possible and how they, the Hillbillies, were constantly failing. An heir – pure luck! –, a macho, foul-mouthed: not surprisingly, such a man appealed to them much more.

Recommended? – I’m not sure. Having read the book twice, the second time very intensely, I’m still confused. And I can’t even say exactly why. That’s probably the reason why the review is so long.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016).

 

Wenn die Fahne weht…

Fünf Millionen Euro würden ausgegeben, versprach Bildungsminister Heinz Faßmann im Fernsehen, um Corona-Tests für unsere Schüler anzuschaffen. Die könnten schnell und einfach daheim durchgeführt werden und würden so einen normalen Schulbetrieb ermöglichen.

Verpflichtend?

Nein, beteuerte der Herr Minister eilig, daran sei nicht gedacht.

Und würde das kontrolliert werden, ob die Schüler die Tests durchgeführt haben?

Nein. Reine Freiwilligkeit.

Meine bessere Hälfte heulte ebenso auf wie Ihr werter Berichterstatter. Fünf Millionen für ein Spielzeug!

Denn genau dazu würden die Tests degenerieren. Natürlich.

Es fragt sich, wie man auf solche Ideen kommen kann. Und da sieht man schnell, dass es wieder einmal um die Freiheit geht, die dieser Tage unablässig beschworen wird, sei’s in Diskussionen, sei’s als Parole auf Demonstrationen.

Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Es handelt sich ganz eindeutig um das, was ich als Fahnenwort bezeichne. Ein solches braucht bloß geschwungen zu werden, schon reiht sich alles ein, schon denkt alles im Gleichschritt.

„Wenn die Fahne weht“, pflegte Konrad Lorenz ein ukrainisches Sprichwort zu zitieren, „ist das Hirn in der Trompete.“

In der Tat, ja. Keine Widerrede! Und zwar selbst dann nicht, wenn dieses Fahnenwort in unserer Wirklichkeit, in unserem Alltag eigentlich schädlich wirkt, so wie eben jetzt die Freiheit in unserem Ringen mit der Pandemie.

Aber das hilft alles nichts – wir haben’s mit einem Dogma zu tun. Mit einer Ideologie. Damit hätten wir im Laufe des 20. Jahrhunderts eigentlich genügend Erfahrung sammeln können. Eine Ideologie, so haben wir gelernt, geht zunächst von bestimmten Annahmen aus, die mögen mehr oder weniger realistisch sein (meistens weniger); daraus wird dann ein komplettes Gedankengebäude konstruiert, aus dem heraus schließlich Anweisungen erteilt werden. Bloß haben sich diese Anweisungen inzwischen so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt, dass sie sich in der Praxis kontraproduktiv auswirken. Aber die Ideologen können das nicht mehr ändern: Dazu müssten sie ihre Ideologie aufgeben, ihre Dogmen, und dann wären sie nicht mehr das, was sie sind und was sie sein wollen: dogmatische Ideologen.

Im 20. Jahrhundert haben wir derlei an den Bolschewisten in der Sowjetunion beobachtet. Die konnten bis zum Schluss nicht von der Planwirtschaft abgehen, obwohl sie so offensichtlich nicht funktionierte. Andererseits kann ich mich selbst noch an die Alten Krieger aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, die das mörderische Verhalten der Nazis in der Ukraine beklagten; das habe die Deutschen den Sieg gekostet. (Gut so, dachte ich bei mir.) Dabei konnten die Nazis gar nicht anders! Hätten sie die Bevölkerung in den besetzten Teilen der Sowjetunion wirklich „befreit“, mit Respekt behandelt, zu Verbündeten gemacht, dann wären sie keine Nazis gewesen. Wären sie keine Nazis gewesen, hätten sie die Ukraine nicht erobert. Wahrscheinlich hätten sie von vorneherein gar keinen Krieg angefangen.

Weit hergeholt? – Mag sein. Aber das waren eben jene Beispiele, anhand derer ich gelernt habe, was das ist: das Diktat eines Dogmas.

Beide, Bolschewisten und Nazis, saßen in der Falle ihrer eigenen Ideologie. Und so ähnlich – wenngleich natürlich bei weitem nicht so drastisch! – geht es uns heute mit unserem Liberalismus, mit dem Dogma der Freiheit. In der gegenwärtigen Lage behindert es uns, so wie eben jetzt bei den Selbsttests der Schüler.

Wenn die Fahne weht…

Warum zum Teufel soll ein demokratischer Rechtsstaat nicht anschaffen dürfen? Gesetze erlassen? Verpflichten? Strafen aussprechen? Wenn wir ihm diese Kompetenz nicht mehr zugestehen, dann schaffen wir ihn ab. Wenn wir ihn abschaffen, dann gibt’s auch keine Demokratie mehr. Was an ihre Stelle tritt, das haben wir im 20. Jahrhunderts ebenfalls schon gesehen (siehe oben).

Roosevelt und sein New Deal

[for an English version see below]

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

Unter dem New Deal versteht man üblicherweise jene Maßnahmen, welche Präsident Franklin Delano Roosevelt und seine Administration ab ihrem Amtsantritt im Jahre 1933 ergriffen, um der wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe Herr zu werden, die durch den Wall Street crash 1929 und die folgende Wirtschaftskrise ausgelöst worden war. Und gerade die soziale Erschütterung nahm wirklich katastrophale Ausmaße an: Millionen um Millionen von Arbeitslosen, bis zu einem Drittel aller Arbeitskräfte, welche ohne Unterstützung versuchten mussten, irgendwie zu überleben. Vielen gelang es nicht – sie verhungerten, und das im angeblich reichsten Land der Welt!

Hier versuchte die Roosevelt-Regierung also gegenzusteuern, und zwar mittels eines ganzen Bündels von Maßnahmen. Viele davon wurden von eigens dafür ins Leben gerufenen Körperschaften durchgeführt, wegen ihrer Namen alphabetical agencies genannt: FERA, CCC, WPA, TVA. Nicht alle stießen auf Gegenliebe. Was am meisten erregte, das war die massive Ausweitung der Regierungszuständigkeiten, der Regierungsaktivitäten. Da wurde, wie könnte es anders sein, das Höchstgericht bemüht, und allzu häufig fiel es den Reformbestrebungen in den Arm. Aufhalten konnte es den New Deal letztlich aber doch nicht.

Wozu noch zu sagen wäre, dass Roosevelt selbst offenbar alles andere als ein selbstbewusster, selbstsicherer politischer Führer gewesen zu sein scheint. Zumindest erweckt die Darstellung von William D. Leuchtenburg diesen Eindruck. Er zögerte oft lange, ließ nichts von seiner eigenen Absicht oder Vorliebe erkennen, sei es aus Taktik, sei es, weil er selbst gar nicht sicher war.

Das tat seiner Popularität allerdings keinen Abbruch. Seine fireside chats im Rundfunk sind legendär. Er wurde 1936 wiedergewählt, dann wieder 1940. Letzteres stellte nicht nur eine Sensation dar, sondern einen Tabubruch: „No man is good three times“, hieß es im Wahlkampf. Dessen ungeachtet wurde er 1944 noch ein weiteres Mal gewählt – das liegt allerdings jenseits der Zeitspanne, mit welcher sich das gegenständliche Buch beschäftigt.

Aufrgund seiner Popularität beherrschten die Demokraten nicht nur das House of Representatives, sondern auch den Senat. Das machte den New Deal erst möglich. Allerdings lag dessen Denken, dessen Ansatz so sehr in der Luft – oder vielleicht auch auf der Straße –, dass selbst Republikaner den Präsidenten unterstützten.

Ganz besiegen konnten die Agencies des New Deal weder die Wirtschaftskrise noch die Arbeitslosigkeit, selbst wenn sich die Lage in den USA natürlich drastisch verbesserte. Das wird von forschen Wirtschaftsliberalen heute ins Treffen geführt, um zu zeigen, dass staatliche Interventionen in die Wirtschaft grundsätzlich nichts bringen, vielmehr schaden. Andererseits kann ebenso gut argumentiert werden, dass die New Dealers zu wenig getan hätten. Roosevelt scheute vor konsquentem deficit spending zurück, träumte stets von einem ausgeglichenen Budget.

Wirklich beendet wurden Krise samt Arbeitslosigkeit erst durch den Krieg, besonders durch die rasante Aufrüstung seit dem Kriegseintritt der USA (1941). Auch dies wird als Argument gegen die Interventionen des New Deal herangezogen. Aber was ist ein Krieg, was ist Aufrüstung anderes als ein gigantisches Regierungsprogramm? Was da plötzlich möglich wird an deficit spending, an Wirtschaftsplanung, an Preiskontrollen! Dass viel von dem solcherart Produzierten anschließend verpulvert wird (im wahrsten Sinne des Wortes), das dürfte sich in diesem Falle sogar positiv auswirken. Man erinnert sich an den Vorschlag von Keynes, in einer Krise Geld in alten Bergwerken zu vergraben und Arbeitskräfte dafür zu bezahlen, es wieder auszubuddeln.

Eine deprimierende Erkenntnis bleibt: der unglaublich kleinliche, schäbige Geiz der Reichen, die zwar die Rettung der Wirtschaft in den ersten Tagen der Roosevelt-Amtszeit 1933 dankbar entgegennahmen (three days to save capitalism), dann aber nicht bereit waren, auch nur einen lausigen dime beizusteuern, wenn’s ums Elend der Menschen ging. Ganz im Gegenteil beklagten sie die Eingriffe des New Deal mit den pseudo-philosophischen Phrasen von Freiheit und Liberalismus und so. Das kennen wir heute ja bis zum Übelwerden.

Trotz aller Widersprüche, trotz allen Stückwerks stellte der New Deal eine fundamentale Wende in der Geschichte der Vereingten Staaten dar (und nicht nur dort): Eine völlig neue Sicht von der Rolle des Staates, von seiner Verantwortung. Er war nun bis zu einem bestimmten Maße für die Wirtschaft verantwortlich, vor allem aber konnte er nicht mehr zuschauen, wie es Massen seiner Bürger miserabel erging. Im Prinzip hat sich diese Anschauung bis heute erhalten, obwohl ab etwa 1980 versucht wird, sie zu untergraben. Für uns ist in diesem Zusammenhang noch etwas zu bedenken: Das positive Bild, welches wir nach 1945 von den USA hatten, die Leichtigkeit, mit der die Amerikaner unsere hearts and minds gewannen (und die Heftigkeit, mit der sie uns manchmal enttäuschten) – all das war und ist bloß denkbar aufgrund des New Deal, aufgrund des breit gestreuten Wohlstandes, den er ermöglichte. Das war das Bild, das wir von den Vereinigten Staaten hatten. Insofern gewann der New Deal fast schon globale Bedeutung – na ja, nicht ganz, aber sicher im damals so genannten Westen – und Franklin Delano Roosevelt käme so gesehen beinahe weltgeschichtliche Bedeutung zu.

Empfehlenswert? – Na ja. Man muss schon Interesse an den Details haben, am Hin und Her der politischen und juridschen Prozesse. Ist das der Fall, dann Ja.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).
William D. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

When Franklin D. Roosevelt assumed office in 1933, he and his administration took urgent steps to counter the severe economic and social crisis triggered by the Wall Street crash four years earlier. That was the beginning of a policy that would become known as the New Deal. The social crisis had indeed taken on disastrous proportions: millions upon millions of unemployed, up to a third of the workforce, and they had to survive without much support, if any. Many did not – they starved, quite literally, in what was supposed to be the richest country in the world.

The Roosevelt administration tried to alleviate the crisis by a whole bundle of measures. Many of these were carried out by specially created bodies known as the alphabetical agencies because of their acronyms: FERA, CCC, WPA, TVA. Not all of them met with approval. The massive expansion of government responsibilities and activities met fierce criticism. Inevitably, the dispute went to the Supreme Court, which did indeed slow down the march of the progressives. In the long run, however, it could not stop the New Deal.

It has to be said that Roosevelt himself seems to have been anything but a self-confident, self-assured political leader. At least, that’s the way William D. Leuchtenburg portrays the man. Roosevelt tended to procrastinate for long periods, hiding his own intentions and preferences partly for reasons of tactics but also because he himself was still vacillating.

None of this diminished his popularity. His fireside chats on the radio have become legendary. He was re-elected in 1936, then again in 1940, which was not only a sensation but definitely broke a taboo: „No man is good three times“, was his opponent’s campaign slogan. Nevertheless, he was elected yet another time in 1944 – but this is beyond the time span covered in this book.

Due to Roosevelt’s popularity, the Democrats dominated not only the House of Representatives but also the Senate, which was another precondition for the success of the New Deal. However, its thinking, its approach seemed to be in the air – or maybe on the streets – so that even Republicans began to support the president.

Not even the agencies of the New Deal were able to completely overcome the economic crisis or the ensuing unemployment, even if the overall situation improved drastically. Brash economic liberals have used the evidence ever since to argue that economic intervention by government is not just useless but downright damaging. On the other hand, it can just as well be argued that the New Dealers did too little. Roosevelt shied away from determined deficit spending, persistently chasing the dream of a balanced budget.

Economic crisis and unemployment were only really ended by the war, especially by rapid rearmament when the USA were drawn into the conflict (1941). This is used as another argument against the central planning by the New Dealers. But then war and rearmament are nothing if not gigantic bouts of government spending. The fact that a lot of it quite literally goes up in smoke might even have a positive effect in this case. One is reminded of Keynes’s proposal to bury money in old mines in a crisis and pay workers to dig it up again.

There is another lesson that endures, although it is rather depressing: the incredibly petty, shabby stinginess of the rich, who gratefully accepted emergency measures for the economy in the first days of the Roosevelt administration in 1933 (“three days to save capitalism”), but then were not prepared to contribute even a lousy dime when it came to alleviating the misery of the masses. On the contrary, they lamented the interventions by the New Deal with pseudo-philosophical phrases of freedom and liberalism and the like. Today, we’re bombarded by such phrases ad nauseam.

Despite all the contradictions and despite all the patchwork, the New Deal represented a fundamental turning point in the history of the United States (and not only there): a completely new view of the role of government, of its responsibility. Suddenly it was even responsible for the economy to a certain extent, but above all it could no longer stand by while masses of its citizens were suffering. In principle, this view has survived until today, although attempts to undermine it have been going on since around 1980. Austrians of my generation should remember one more thing: the way we admired the United States after 1945, the ease with which Americans won our hearts and minds (and the vehemence with which they sometimes disappointed us) – all this has only been possible because of the New Deal, because of the widespread prosperity it engendered. That was the image of the United States we had in mind. In this respect, the New Deal almost gained global significance – well, not quite, but certainly in what was then called the West – and consequently, Franklin Delano Roosevelt may come close to world-historical significance.

Recommended? – Well. Obviously you have to be interested in the details of the New Deal, in the hither and thither of political and legal processes. But if this is the case, then: yes.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Aljona mit die schmutzigen Füß’

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre

Also, eigentlich haben wir von diesem traurigen Kapitel schon genug gehört. Okay. Aber gelesen?

Die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die an der Veröffentlichung des notorischen Videos maßgeblich beteiligt waren, haben sich hingesetzt und ein Buch über eben dieses Video geschrieben, aber auch über die Geschichte, wie’s zur Veröffentlichung kam – und ein bisschen auch, wie’s danach weiterging. Das Buch beinhaltet somit zwei Erzählstränge, die alternierend dargeboten werden.

Was das Video betrifft sowie die damit zusammenhängende österreichische Politik, erfahren wir wenig Neues. Allerdings ist es nützlich, das Ganze schriftlich präsentiert zu bekommen, denn da nimmt man’s doch genauer und nachhaltiger auf, man kann zurückgehen, noch einmal lesen, nachschauen. Insofern leisten die beidem Journalisten einen durchaus nützlichen und wichtigen Dienst.

Die Erzählung, wie’s dazu kam, könnte auch interessant sein, leidet aber unter einem Mangel: Immer dann, wenn’s richtig spannend wird, brechen die Autoren ab – das dürfen wir nicht sagen, heißt’s dann, wir müssen unsere Quellen schützen. Das kommt so oft vor, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie überhaupt darüber schreiben. Nur um zu sagen, dass sie nichts sagen dürfen? Die Frage, wie’s zu der ganzen Affäre kam und wer dahintersteckt, bleibt somit unbeantwortet. Meine persönliche These: Strache wurde von seiner eigenen Partei hineingelegt, die ihn loswerden wollte. Unwahrscheinlich, ich weiß, aber andererseits – konnten die Beteiligten, kann irgendein Mensch wirklich so blind sein?

Die Affäre selbst ist in Österreich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Es gibt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, gewiss, aber da wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über den Inhalt des Videos. Der Protagonist, H. C. Strache, hat seither ziemlich erfolglos agiert, aber nicht so sehr wegen seinem Benehmen damals. Offenbar nehmen das viele Österreicher achselzuckend hin, obwohl eben hier doch der eigentliche Skandal liegt. Völlig unabhängig davon, ob Strache nun strafbare Handlungen angestiftet oder in Betracht gezogen hat – wenn ein österreichischer Spitzenpolitiker im Leiberl angeheitert dahin schwadroniert und dabei ganz locker das Land aufteilt (wie man so sagt), dann wäre das in jedem zivilisierten Land an sich schon schlimm genug. So jemand sollte beschämt in der Versenkung verschwinden. Wenn er’s nicht tut, dann erhebt sich die Frage, wie zivilisiert das betroffene Land eigentlich ist.

Aber schön – wir wollen nicht allzu puritanisch auftreten. Erinnern wir uns daran, wie wir die berühmten Video-Ausschnitte seinerzeit zum ersten Mal sahen. Ich lachte das ganze Wochenende über in mich hinein: Aljona mit die schmutzigen Füß’!

Also ehrlich: Wie kann man bloß so deppert sein?

Empfehlenswert? – Für Österreicher und Österreicherinnen auf jeden Fall, ja.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre: Innenansichten eines Skandals (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.

Mein Leben gehört mir

Bekanntlich läuft derzeit so etwas wie eine Kampagne, um jene strengen Paragraphen im österreichischen Strafgesetzbuch zu streichen oder doch wenigstens zu mildern, welche Sterbehilfe verbieten (auf Einzelheiten wollen wir uns hier nicht einlassen). Vor ein paar Tagen wurde ich zufällig Zeuge einer einschlägigen Diskussion im Fernsehen. Und da sagte der Verfechter der Sterbehilfe – seinen Namen hab’ ich leider vergessen, bitte um Entschuldigung –, folgenden Satz:

„Mein Leben gehört mir.“

Und er führte Begriffe wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit ins Treffen.

Nun ist es so, dass ich in dieser Angelegenheit auf seiner Seite stehe. Ich halte es für äußerst wichtig, dass Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie sich dazu entschließen. Gerade im Falle einer unheilbaren Krankheit, noch dazu womöglich in hohem Alter muss es diese Option einfach geben. Da geht’s nämlich um die Würde eines Menschen, um einen würdigen Abgang, wenn man so will. Ich sag’ das aus eigener Erfahrung – nicht weil ich selbst schon gestorben wäre (obwohl mich manche für einen schreibenden Zombie halten mögen), sondern eingedenk des Sterbens nächster Angehöriger.

Trotzdem zuckte ich bei dem Satz zurück: Mein Leben gehört mir. So kategorisch hätte ich das niemals ausgedrückt. Mit der angeblichen Eigenverantwortung und der Entscheidungsfreiheit möchte ich mich in diesem Falle erst gar nicht auseinandersetzen. Hier geht es um die Frage, ob unser Leben wirklich uns gehört, ausschließlich uns allein: genau so umfassend, wie das der Herr formuliert hat, und genau so ausnahmslos. Wir wollen einmal annehmen, er sei wirklich derart selbständig, derart eigenbestimmt, wie er den Eindruck erweckt. Aber selbst der tüchtigste self-made man ist doch nicht wirklich self-made, oder? Die Vorstellung ist einfach lächerlich, so eine Art masturbatorischer Parthenogenese. In Wirklichkeit kommt auch er aller Wahrscheinlichkeit nach in einem technisch bestens ausgestatteten Kreißsaal zur Welt, mit der Hilfe von Hebammen und Gynäkologen. In weiterer Folge gibt’s den Mutter-Kind-Pass, und dann Kindergarten, Schule, Universität. Aber selbst wenn unser Genie all das nicht in Anspruch nähme, dann bliebe immer noch der Schutz, den er genießt, von der Polizei über die Justiz bis hin zur Datenschutzverordnung. Strom, Wasser, asphaltierte Straßen. Sollte unser self-made man in weiterer Folge seinem Namen alle Ehre machen und Milliarden scheffeln, so ist auch dies nur möglich, weil die Gesellschaft (a) solches zulässt und (b) seinen Hort schützt.

Und dann will er daherkommen und behaupten, sein Leben gehöre ausschließlich ihm?

Wohlgemerkt: Ich will nicht das Gegenteil behaupten, keineswegs! Ich hab’ noch immer den sarkastischen Tonfall meines Vaters im Ohr, sehe sein süffisantes Grinsen, wenn er die Parole der Nazis wiederholte: „Nicht wichtig ist, dass du lebst, wichtig ist, dass Deutschland lebt!“ Nichts hätte mir besser beibringen können, wie idiotisch so ein Satz ist – und das von Kindesbeinen an.

Aber wenn etwas nicht weiß ist, dann muss es deswegen noch lange nicht schwarz sein. Tatsache ist doch, dass wir den Anderen sehr viel in unserem Leben schulden. Das mag die Familie sein, die nähere Umgebung, die Kommune, bis hin zur viel bemühten Gesellschaft, zum Staat (oder entsprechenden Einrichtungen, zum Beispiel der EU). Diese Schuld ist da, ob’s uns passt oder nicht. Und deshalb hat die Gesellschaft ein gewisses Recht auf unser Leben. Im Extremfall eines Krieges kann dies sogar ganz wortwörtlich zum Tragen kommen: Man denke bloß an Großbritannien und die USA im Zweiten Weltkrieg. Wenn sich die jungen Männer in diesen Demokratien damals auf den Standpunkt gestellt hätten, ihr Leben gehöre ausschließlich ihnen selbst, dann wären wir – meine Generation hier in Österreich – schön dagestanden.

Natürlich, das ist schon klar: Bis zu welchem Maß die Gesellschaft Rechte geltend machen darf, das ist Gegenstand einer andauernden Diskussion. Die Grenze wird sich ständig verschieben, möglicherweise unter heftigen Auseinandersetzungen. Aber einfach so: „Mein Leben gehört mir“? Nein, tut mir leid, so funktioniert das nicht.