Archiv der Kategorie: Politik

Impfung & Grundrechte

Im Standard schreibt der bairische Journalist Heribert Prantl übers Impfen, über eine allfällige Impfpflicht und über die so genannten Grundrechte (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Es gehe nicht an, meint er, dass Mitbürger in ihren Grundrechten eingeschränkt werden, weil sie sich nicht impfen lassen: Denn der Mensch sei von Anfang an „mit Grundrechten geimpft“. Es sei dies ein Schutz, „der da ist und da bleibt, wie immer das Leben eines Menschen verläuft, welches Leben er auch lebt.“

Wirklich?

Schützt diese Impfung dann auch vor Taliban, Erdogan, Lukaschenko? Hat sie einst vor den Nazis geschützt?

Sicher, man könnte etwas Ähnliches aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung herauslesen: „endowed with certain unalienable rights“. Aber selbst damals, in dieser Sternstunde der politischen Aufklärung, galt das keineswegs für alle Menschen. Sklaven waren ausgenommen.

Wir sehen: Schon damals wurden die angeblich unveräußerlichen Rechte drastisch beschränkt. Und durch wen? Nun, durch die führenden Köpfe der dreizehn Kolonien, in weiterer Folge durch deren Gesetzgebung, später durch die Verfassung der neu gegründeten Vereinigten Staaten (nicht expressis verbis, aber doch implizit).

Und so ging das weiter, ganz egal wo, ganz egal wann. Rechte wirken nur insofern, als sie gewährleistet werden, geschützt, im Fall des Falles durchgesetzt. Durch wen? Na klar: Polizei, Gerichte. Und die werden vom Staat betrieben. In einem geordneten Staatswesen ist so etwas selbstverständlich. Wie sehr oder wie wenig dieses Staatswesen unbedingt demokratisch sein muss, darüber wollen wir hier nicht diskutieren. Es sei bloß daran erinnert, dass die Grundrechte hierzulande seit 1867 in der Verfassung verankert sind.

In einem geordneten Staatswesen ist derlei also selbstverständlich: So auch jetzt, hier bei uns. Aber jeder, aber jede, die auch nur die geringste Ahnung hat, muss doch wissen, dass dies über lange Strecken des 20. Jahrhunderts nicht zutraf. Ganz im Gegenteil. Und das bedeutet: Diese Grundrechte müssen – nein, sie müssen nicht verteidigt werden, oder womöglich gar gewonnen. Worauf’s ankommt, das ist der Staat. Der demokratische Rechtsstaat. Seine Verfassung. Seine Organe. Die müssen permanent verteidigt werden, und wenn’s schlecht läuft, sogar von neuem erkämpft.

So, und jetzt kommen wir zum Impfen: Stures, unbelehrbares Beharren auf den Grundrechten eines Individuums wird nämlich diesen Staat nicht stärken, nicht schützen, eher im Gegenteil. Das erleben wir gerade jetzt: Da wird der Staat rasch zum Feindbild, zum Gottseibeiuns. Womit sich die feurigen Beharrer auf ihren Grundrechten selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Es ist keine angenehme Einsicht, aber wir sollten sie doch beherzigen: Um Grundrechte genießen zu können, brauchen wir einen Staat. Wir müssen diesem Staat dienen, seine Anordnungen befolgen, selbst wenn’s uns gerade nicht passt. Wir müssen also einen kleinen Teil unserer individuellen Grundrechte aufgeben. Nur so ist gewährleistet, dass wir in den Genuss eben dieser Grundrechte kommen. Wenn wir den Staat schwächen, gar in seinen Funktionen beeinträchtigen, dann wird’s bald vorbei sein mit den angeblich unveräußerlichen Rechten.

Ein Paradox, gewiss. Aber wissen Sie was Besseres?

Auf jeden Fall sollten wir festhalten: Von einem „Impfschutz“ durch Grundrechte kann keine Rede sein. Das ist ein schiefes Bild – gelinde gesagt.

Heribert Prantl, „Mit Grundrechten geimpft: Zeit, in der Corona-Debatte abzurüsten“, der Standard (18. September 2021) <https://www.derstandard.at/story/2000129736742/mit-grundrechten-geimpft-zeit-in-der-corona-debatte-abzuruesten> [heruntergeladen 18. September 2021].

Gelesen / Just Read

Paul Chaim Eisenberg, Das ABC vom Glück

Jüdische Weisheit für jede Lebenslage, verspricht der Untertitel des Buches von Paul Chaim Eisenberg, dem früheren, inzwischen pensionierten Oberrabbiner in Wien. Und jüdische Weisheit, das wird wahrscheinlich bloß so gehen: in Form von Anekdoten, von Aphorismen. Bei Eisenberg sind sie noch dazu alphabetisch angeordnet, von A wie „Ainleitung“ (damit selbige wirklich am Anfang stehen kann) bis Z wie 36 Zadikim (die berühmten 36 Gerechten, die’s in jeder Generation geben soll). Schlagen wir das Buch willkürlich auf, sagen wir beim Buchstaben P wie Purim-Fest. Das Kapitel wird – wie könnte es anders sein – mit einer Anekdote abgeschlossen:

Vor kurzem (berichtet Chaim Eisenberg) war ich kurz vor dem Purim-Fest in Israel und lernte dort einen Mann kennen, der mir erzählte, dass er sich vor dem Purim-Fest sehr fürchtet und nie in die Synagoge geht.

„Wieso?“, fragte ich ihn. „Purim ist doch ein lustiges Fest.“

Und er antwortete: „Ich wurde in einem der Kriege in Israel verwundet. Gott sei Dank sind meine physischen Schmerzen geheilt. Aber ich habe noch immer eine Heidenangst, wenn ich Schüsse oder Detonationen höre. Dann verstecke ich mich in meinem Zimmer und halte mir die Ohren zu.“

Das Purim-Fest, so klärt uns Eisenberg auf, sei vergleichbar mit unseren Silvesterfeiern; es würden Böller geworfen und Raketen geschossen.

Ein Buch der Anekdoten also und ja, auch der Witze. Ohne die geht’s nicht. Da wollte – zum Beispiel – ein sehr reicher Jude sein ganzes Vermögen seinem einzigen Sohn vererben. Der eröffnete ihm jedoch, dass er sich taufen lasse. Dem völlig verzweifelten Vater erschien eines Nachts Gott (ich zitiere weitgehend wörtlich):

„Das ist gut, dass du mir erscheinst“, sagte der Mann zum Ewigen, „denn ich habe große Probleme. Ich habe mein ganzes Vermögen meinem Sohn ins Testament geschrieben, aber jetzt will er sich auf einmal taufen lassen und Christ werden, und das ist für mich schwer auszuhalten.“

Darauf sagte ihm der liebe Gott: „Das verstehe ich gut, denn ich habe das gleiche Problem gehabt. Mein Sohn ist auch Christ geworden.“

„Was rätst du mir also zu tun?“

„Mach es so wie ich“, antwortete der Ewige, „schreib ein neues Testament.“

Eisenberg, Chaim, Das ABC vom Glück: Jüdische Weisheit für jede Lebenslage (Wien: Brandstätter, 2019).
Levitsky & Ziblatt, How Democracies Die

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2018 erschienen, also halbwegs während der Amtszeit von Donald Trump. Denn um den geht’s letztlich natürlich, auch wenn er nicht immer beim Namen genannt wird. Die Autoren haben sich schon längere Zeit damit beschäftigt, wie Demokratien zugrunde gehen können. Zwei Aspekte sollen hier herausgegriffen werden. Da ist zum einen der Mangel an dem, was die Autoren als „mutual tolerance and forbearance“ bezeichnen: Die gegenseitige Achtung der politischen Kontrahenten sowie Selbstbeschränkung in der Ausübung von Macht. Man darf, kurz gesagt, nicht alles tun, was man tun könnte. Voraussetzung dafür sind freilich Manieren, letztlich wohl eine gewisse Moral. Tatsächlich bestätigen Levitsky und Ziblatt, was wir schon lange vermutet haben: Wie wichtig Manieren für das Funktionieren einer Demokratie sind. Woraus folgt: Wer keine Manieren hat, ist kein Demokrat.

The book was published in 2018, halfway through Donald Trump’s term in the White House. Because that’s who it is all about, of course, even if he isn’t always mentioned by name. The authors have been researching for some time how democracies can collapse. Two aspects will be singled out here: First, there is a lack of what the authors call “mutual tolerance and forbearance”: mutual respect between political opponents and self-restraint in the exercise of power. In short, one may not do everything one could do. The prerequisite for this is, of course, manners, and ultimately a certain morality. In fact, Levitsky and Ziblatt confirm what we have long suspected: How important manners are for the working of a democracy. It follows that anyone who has no manners can’t really be a democrat.

Levitsky, Steven, and Daniel Ziblatt, How Democracies Die: What History Reveals About Our Future (London: Penguin Random House UK, 2018).
Naomi Klein, No Is Not Enough

[for an English version see below]

Getreu jenem Thema, mit dem sie ursprünglich zu Prominenz gelangte, sieht Naomi Klein in Trump und seinem öffentlichen Auftreten vor allem den brand. Was das genau ist, das hab’ ich, um einmal ganz ehrlich zu sein, noch immer nicht richtig begriffen. In diesem Buch erweckt die Autorin den Eindruck, es handle sich um den Namen einer Firma, die selbst nichts produziert. Der Kunde, die Kundin kauft bloß den Namen. Der sei allerdings verbunden mit einem Stil, ja mehr noch: mit einem Lebensgefühl, mit einer Identität. Ob das so zutrifft, das traue ich mich nicht zu beurteilen. Und was diese Sichtweise bei der Analyse des Phänomens Trump bringt, das scheint mir auch nicht so richtig klar zu werden. Allerdings geht’s nicht ausschließlich um ihn. Naomi Klein malt apokalyptische Bilder von den Folgen des Klimawandels. US-amerikanischen Konventionen folgend, endet sie mit einer optimistischen Note: Treffen von Aktivistinnen und Aktivisten, allgemeines Einander-Verstehen und Sich-Mögen. Schön. War sicher ein beflügelndes Erlebnis. Aber wie lange hält das Gefühl vor? Welche Spuren hinterlässt es in unserer Wirklichkeit?

True to the subject that brought her to prominence in the first place, Naomi Klein sees Trump and his public behaviour above all as a brand. To be honest, I still haven’t really grasped the concept. In this book, the author gives the impression that it is the name of a company that does not produce anything itself. The customer merely buys the name because it is connected with a certain style, or even more: with a certain attitude to life, with an identity. I do not dare judge whether this is true. And how such a view could help with the analysis of the Trump phenomenon isn’t really clear to me either. However, this book is not exclusively about him. Naomi Klein paints apocalyptic pictures of the consequences of climate change. Following US-American conventions, she ends on an optimistic note: meetings of activists with lots of mutual understanding and loads of sympathy. Very nice. Must have been an inspiring experience. But how long do such feelings last? What traces do they leave behind in the real world?

Naomi Klein, No Is Not Enough: Defeating the New Shock Politics (London: Penguin Random House UK, 2018).

Ein Moment der Aufrichtigkeit

Wenn eine Krise eintritt, dann ereignet sich oft das, was man als Moment der Aufrichtigkeit bezeichnen könnte. Im ersten Schock sehen die Menschen ganz klar, und sie sagen das, was sie sehen, ganz unverblümt. Auf Englisch könnte man von einem window of clairvoyance sprechen. Ich hab’ dieses Phänomen schon öfter beobachtet, an mir selbst ebenso wie an anderen, außerdem bin ich im Zuge meiner Lektüre darauf gestoßen.

Und so ein Moment trat kürzlich hier in Österreich ein. Da sah es für einen Augenblick so aus, als würden wir vor einer veritablen Krise stehen. Man erinnert sich: Die Grünen wollten nicht mehr unter Sebastian Kurz in der Bundesregierung sitzen – aus guten Gründen, wie man ihnen zugestehen muss, denn irgendwann musste ihre Geduld und ihre Nachsicht einfach und anständigerweise zu Ende sein.

Doch Sebastian Kurz stellte öffentlich ganz eindeutig fest, er gedenke keineswegs zurückzutreten. Die Regierungsmitglieder seiner Bewegung, Türkis, erklärten ebenso eindeutig, sie würden ohne Kurz nicht in der Regierung verbleiben. Und auch die ÖVP schien zu diesem Zeitpunkt noch geschlossen ihrem Kanzler die Mauer zu machen.

Sofern die Grünen nicht über ihre eigenen Füße stolperten, drohte folglich die Koalition zu platzen. Schön. Aber was dann?

Aufgrund der Mandatsverteilung im Nationalrat braucht’s für eine regierungsfähige Mehrheit derzeit entweder die Stimmen der ÖVP – oder die der FPÖ. Da führt kein Weg dran vorbei. Zog man die Unvereinbarkeit von SPÖ und FPÖ in Betracht, so standen wir vor einer Situation, in welcher keine alternative Regierungsbildung möglich schien, denn  ÖVP mit FPÖ, Kurz mit Kickel, das galt als ebenso unvereinbar. Und so eine Situation ist für eine Demokratie lebensgefährlich. Zumindest hatte ich diese Lehre aus meiner historischen und politischen Lektüre mitgenommen. Für einen Moment – window of clairvoyance – hatte ich echt Angst.

Dann kam eine Meldung: Pamela Rendi-Wagner sprach von einer Vierer-Koalition aus SPÖ, FPÖ, Grünen und NEOS. Das erschien mir als wahrhaft historischer, denkwürdiger Ansatz. Denn erstens schien sie sich der Gefahr bewusst zu sein, die sich da abzeichnete: Konfrontation, Unerbittlichkeit – das kann in so einer Lage die Demokratie umbringen. Weswegen sie zweitens bereit war, über den eigenen Schatten zu springen bzw. ihre Partei über selbigen springen zu lassen, um eine Lähmung des Parlaments zu vermeiden. Wie so eine Vierer-Koalition funktioniert hätte, das liegt jenseits unser aller Phantasie. Aber darum ging’s nicht. Es handelte sich um einen Notfall!

Zumindest hab’ ich das an jenem Abend so miterlebt. Dann gab Bundeskanzler Kurz seinen Rücktritt bekannt – pardon: sein Beiseite-Treten –, womit das Patt aufgelöst war. Er steckte dafür staatsmännisches Lob ein, obwohl er eigentlich die Krise selbst verschuldet hatte (und ich bring’ das Wort Schuld absichtlich ins Spiel), und obwohl er selbst keinen Willen hatte erkennen lassen, staatsmännisch zu handeln. Ein typischer Fall von Zurückgetreten Werden. Aber schön –

Pamela Rendi-Wagner bekam hingegen kein Lob, keinen Dank für ihre Umsicht. Irgendwo hat ihr ein Journalist sogar unterstellt, sie habe nur aus Ehrgeiz gehandelt, wollte unbedingt Kanzlerin werden. Ausgerechnet sie! Im Normalbetrieb wird sie dafür kritisiert, dass sie zu wenig Ehrgeiz habe, zu wenig Killerinstinkt für eine Spitzenpolitikerin – es fehle der „Zug zum Tor“, wie’s einmal hieß. Aber nun, da ihr selbiger unterstellt wird, ist’s auch nicht recht! ‘tschuldigung, werte Damen und Herren Journalistinnen oder Journalisten, aber depperter geht’s wohl wirklich nicht mehr, oder?

Der Moment der Aufrichtigkeit ist eben dies: ein Moment. Sehr rasch kehrt wieder Alltag ein, mit seinem Wenn und Aber, seinen Diskussionen, Einwänden, Vorbehalten, mit seinen taktisch gefärbten Aussagen, seinen strategisch vorsichtig formulierten Statements. Bis zur nächsten Krise. Aber die wird man sich natürlich nicht herbei wünschen.

Unschuldsvermutung

Es gilt die Unschuldsvermutung: Wie oft haben wir das in den vergangenen Wochen gehört? Und wie verlogen war das? In neun von zehn Fällen bedeutete die Floskel nichts anderes als: Und schuldig ist er oder sie ja doch!

Es gilt also die Unschuldsvermutung, und wir sollten nicht erstaunt sein, wenn Kurz-Verehrer empört reagieren. Von Vorverurteilung reden. So unrecht haben sie nicht. Immerhin musste Bundeskanzler Sebastian Kurz zurücktreten – pardon: beiseite treten –, ehe auch bloß Anklage gegen ihn erhoben wurde. Es könnte ohne weiteres sein, dass es gar nie dazu kommt. Was dann?

Bloß ging es bei dem ganzen Theater eigentlich gar nicht um Schuld oder Unschuld. Zumindest soll diese Sichtweise hier dargestellt werden. Ob Kurz letztlich schuldig gesprochen wird oder nicht, oder ob das Ganze wieder einmal so ausgeht wie’s sprichwörtliche Hornberger Schießen – all das, so soll hier argumentiert werden, spielt zunächst einmal keine Rolle. Wir wollen im Folgenden so tun, als sei er unschuldig wie ein kleines Baby. Blütenweiße Windeln.

Aber das kann doch nicht sein, höre ich den Chor der Kurz-Verehrer. Schließlich wurde er doch aus dem Amt entfernt, Bundeskanzler immerhin! Wenn er unschuldig wäre – wie könnte dann so was geschehen?

Nun, es könnte. Im Jahre 1990 war Margaret Thatcher seit elf Jahren britische Premierministerin. Sie hatte drei Wahlen für ihre Partei gewonnen (1979, 1983 und 1987) und das Land umgekrempelt – man könnte beinahe von einer Art Revolution sprechen. Trotzdem wurde sie im November dieses Jahres von ihren eigenen Abgeordneten im House of Commons aus dem Amt vertrieben, und das noch dazu ziemlich rüde. Ihr Stern befand sich im Sinken, Zankäpfel waren der so genannte ERM (Exchange Rate Mechanism) sowie die poll tax, eine neue Steuer, die zu landesweiten Massenprotesten geführt hatte. In den Umfragen waren die Tories hinter die Labour Party zurückgefallen, Maggie selbst war sogar noch unbeliebter als ihre Partei. Unversehens fanden sich die Abgeordneten der Tory-Partei in derselben Lage wieder wie jene, welche ansonsten der Segnungen konservativer Wirtschafts­politik teilhaftig wurden: Sie durften um ihren Job bangen. Bloß können normale Menschen in so einem Falle nicht einfach den Boss loswerden – leider.

Wohlgemerkt: Da war von irgendwelchen Anschuldigungen keine Rede, nicht im entferntesten, keine Untersuchungen, keine Enthüllungen – nichts. Mit Gesetzen, Staatsanwälten oder Richtern hatte die ganze Angelegenheit absolut nichts zu tun. Die Frage nach Schuld oder Unschuldsvermutung stellte sich überhaupt nicht. Trotzdem musste Mrs. Thatcher ihr Domizil in 10 Downing Street räumen und in die vor der berühmten schwarzen Haustüre wartende Limousine steigen, Tränen in den Augen (die Lady, versteht sich, nicht die Limousine).

Margaret Thatcher erschien ihrer Partei – oder genauer: deren Abgeordneten – nicht mehr tragbar, ergo hatte sie zu gehen. So ähnlich wie Sebastian Kurz bei uns in Österreich. Schuld oder Unschuld im juristischen Sinne – das spielt da keine Rolle. Es handelt sich um politische Entscheidungen. Natürlich können Verehrer nun Zeter und Mordio schreien, sich ungerecht behandelt fühlen, verfolgt gar – aber ihre Klagen, ihre Vorwürfe hätten sie an die ÖVP zu richten, an niemanden sonst.

Erbsünde

Da gibt’s einen aus meinem Bekanntenkreis, der schickt mir auf Facebook immer so Zitate und Links. Natürlich handelt es sich um einen Querkopf (pardon, -denker). Normalerweise beachte ich das Zeug nicht mehr, seit ich draufgekommen bin, wie sehr jede Nachforschung, jede Quellenverifizierung im Sumpf abstruser Behauptungen und Quacksalber endet.

Dieses Mal war’s ein Link zu einem Artikel, den er mir unter die Nase rieb, und aus einer Laune heraus verfolgte ich den doch. Als Autor stellte sich ein gewisser Jared Taylor heraus (mehr über ihn später), der Erscheinungsort ist eine Website namens Unz Review (auch dazu später mehr), und der Titel des Artikels lautet „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?“. Wozu man vielleicht sagen sollte, dass in der US-amerikanischen Debatte die „original sin“, die Erbsünde quasi als terminus technicus für die Sklaverei steht.

Ich fang’ an zu lesen und schon stolpere ich über diese Aussage: „ … the idea is that slavery was a uniquely horrible thing that defines the United States and will stain whites forever”: die Sklaverei würde demzufolge als schreckliche Sache betrachtet, welche einzigartig dastehe, welche die Vereinigten Staaten definiere und die Weißen auf immer beflecke.

Und das machte mich stutzen. Die Lesart war mir nämlich neu. Normalerweise denkt man bei der original sin etwa an die Unabhängigkeitserklärung, wo’s bekanntlich heißt, es sei “self-evident … that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with cer­tain un­alienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.” Aber als das geschrieben wurde (1776), da waren eben nicht alle Menschen gleich, vielen wurden ihre unveräußerlichen Rechte vorenthalten, und – was besonders schwer wiegt – daran sollte sich in den neu zu gründenden Vereinigten Staaten auch nichts ändern. Nicht vorgesehen. In der Verfassung von 1787 kommt das Wort Sklaverei zwar nicht vor, an mehreren Stellen wird jedoch eindeutig Bezug darauf genommen, ihre Existenz somit anerkannt und akzeptiert.

Und das war nun wirklich eine Art Sünde. Als original kann man sie bezeichnen, nicht bloß weil sie am Anfang stand, sondern weil sie die Vereinigten Staaten auch weiterhin belasten sollte, sich immer wieder regte und für Turbulenzen sorgte, und zwar in Form eines alles durchdringenden und scheinbar nicht ausrottbaren Rassismus. In diesem Sinne hat zum Beispiel der Schriftsteller und Nobelpreisträger William Faulkner den Begriff verwendet. Heute, nach George Floyd und mit Black Lives Matter, braucht man über die Omnipräsenz nicht weiter zu diskutieren.

Aber davon, dass „die Weißen“ für immer „befleckt“ wären, kann natürlich keine Rede sein und ist’s meines Wissens nie gewesen – zumindest nicht im main stream der Debatte. Was der Herr Taylor hier vorführt, ist ein uralter Trick: Er formt das Ziel seiner Polemik so um, dass es leicht zu treffen und zu demontieren ist. Er stellt Pappkameraden auf, wie man beim Militär gesagt hat.

Der Rest des Artikels zählt auf, wo und wann die Sklaverei seit jeher und überall gang und gäbe war und wie sie anderswo womöglich noch grausamer ausfiel als in den USA. Er zeigt sozusagen mit dem Finger. Aber das hat mit der ursprünglichen These nichts zu tun. Ich kann dem Vorwurf der Korruption nicht dadurch begegnen, dass ich aufzähle, wo sie sonst noch praktiziert wird. Korruption bleibt Korruption, zumindest unseren eigenen Standards zufolge. Genau so verhält es sich mit Sklaverei und Rassismus.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und Verfassung wurden im Zeitalter der Aufklärung verfasst, sind von ihrem Geiste durchtränkt, wären ohne ihr Gedankengut überhaupt nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund war die Akzeptanz der Sklaverei eigentlich nicht zu entschuldigen, zumindest aber – wenn man pragmatisch denkt – höchst problematisch. Da spielt’s keine Rolle, wo es sie sonst noch gegeben haben mochte. Die führenden Amerikaner sahen sich selbst ja anders, höher stehend – eben aufgeklärt. Sie versagten in diesem Punkt vor ihren eigenen Ansprüchen.

Womit wir zur Frage kommen, wer so einen Artikel verfasst, an welchem Ort, und zu welchem Zwecke. Um’s kurz zu machen: laut Wikepedia propagiert Unz Review „antisemitism, Holocaust denial, conspiracy theories, and white supremacist material.“ Der Autor, Jared Taylor, ist als white supremacist und „wissenschaftlicher Rassist“ bekannt. So weit so schlecht, aber dennoch: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich frag’ mich bloß, warum mir mein Bekannter dauernd solchen Schmarrn schickt. Überprüft er seine eigenen Zitate, seine eigenen Quellen nicht? Wo er doch so stolz ist auf sein querköpfiges Denken?

Jared Taylor, „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?”, Unz Review (July 26, 2021) <https://www.unz.com/ jtaylor/wait-slavery-is-our-original-sin> [accessed 1 August 2021].