Archiv der Kategorie: Politik

Vergangenheit

Ist Ihnen, werter Leser, werte Leserin, ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie sehr sich die Bedeutung des Wortes Vergangenheit in unserem öffentlichen Diskurs verengt hat? Wenn jemand von der Vergangenheit spricht, dann denken wir sofort an die Zeit von 1938 bis 1945. Das ist die Vergangenheit, die nicht weiter verdrängt werden dürfe, heißt’s dann, die wir aufarbeiten müssten, die zu bewältigen wäre.

Ohne diesen Forderungen entgegen zu treten, möchte ich doch anmerken: Eine derartige Fixierung, eine derartige Verengung kann à la longue dem Anliegen nicht dienen. Unsere Geschichte geht weiter zurück als bloß bis zum Jahre 1938, vor allem aber sind seit 1945 mehr als 75 Jahre vergangen – mehr als drei Viertel eines Jahrhunderts! Die müssen doch sicherlich auch zu unserer Vergangenheit zählen? Und wenn uns das moralische Versagen jener sieben Jahre vorgehalten wird, so müssten doch auch unsere Leistungen, unsere Verdienste aus der langen Zeit danach berücksichtigt werden?

Wohlgemerkt: Ich möchte nicht zu jenen gezählt werden, für die’s irgendwann einmal genug sein müsse, die also, kurz gesagt, die Zeit von 1938 bis 1945 vergessen und begraben wollen. Ich halte das für eine vergebliche Hoffnung. Wenn man sich unsere, die österreichische Kultur als Rucksack vorstellt, den wir mit uns herumtragen, ganz gleichgültig, ob uns das passt oder nicht – wenn man sich unsere Kultur also so vorstellt, dann gleicht die Nazi-Periode einem oder vielleicht mehreren Steinen, die da mit verpackt sind. Wir schleppen sie mit, können gar nicht anders, leugnen hilft nichts. Da sind sie, im Rucksack. Aber sie sind nicht der einzige Inhalt. Da gibt’s noch mehr, viel mehr.

Doch ist dieser verengte Blick – ausnahmsweise wäre Fokussierung tatsächlich das passende Wort – doch ist diese Fokussierung nicht das einzig Seltsame in Verbindung mit unserer Vergangenheit. Genau so auffällig ist wohl die Erstarrung der Sichtweise, die Ossifizierung. Eine bestimmte Interpretation hat sich durchgesetzt, hat sich praktisch zum Dogma entwickelt, zu dem, was man einfach zu sagen hat. Bewusst wurde mir das, als ich das Nachwort zum maßgeblichen Werk Postwar des hoch gelobten britischen Historikers Tony Judt las. Dort findet sich nämlich folgender Absatz (die Übersetzung stammt von mir):

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Bemerkenswert ist diese Passage deshalb, weil sie meiner Zählung nach gleich drei schwere Fehler enthält.

Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässigen Verallgemeinerung.

Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Denn was kann Land hier anderes bedeuten als: Staat? Und Österreich als Staat kann schwerlich Hitlers „Komplize“ gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war es nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land. Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.

Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Zum einen hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; selbst das Regime in Nordkorea, selbst Saddam Husseins Regime im Irak, selbst der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann hätten sich diese Regimes niemals durchsetzen können. Und was zum anderen den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Man fragt sich, wie ein renommierter Historiker mit durchaus enzyklopädischem Wissen so was schreiben konnte. Möglicherweise hat er bloß das wiedergegeben, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern erzählt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–13. – Tony Judt ist 2010 verstorben.

Gott soll einen behüten

E. J. Dionne et.al., One Nation After Trump

[for an English version see below]

Das Buch mag von drei Autoren geschrieben worden sein, es handelt sich jedoch keineswegs um eine Sammlung von Aufsätzen. Tatsächlich sind die Beiträge nicht zu erkennen, geschweige denn zuordenbar. Der Titel hingegen spielt bewusst an eine Stelle aus jener Pledge of Alligance an, welche viele US-amerikanische Schüler jeden Tag oder doch jede Woche zu deklamieren haben, mit dem Gesicht zur Fahne und der Hand auf dem Herzen: „one Nation under God…“ Worum’s in dem Buch geht, das ist die Präsidentschaft von Donald Trump – allerdings nicht so sehr um seine Person, als vielmehr um die Wähler und Wählerinnen, die für ihn gestimmt haben. Wozu man sagen muss, dass der Band bereits 2017 erschienen ist, also am Anfang von Trumps Amtszeit. Wie’s weiterging, das konnten die Autoren damals nicht wissen.

Warum also haben so viele US-Amerikaner und -Amerikanerinnen Trump gewählt? Die Frage wird landauf, landab erörtert – und das nicht nur in den USA. Der Erklärungen, oder besser: der Erklärungsversuche gibt es inzwischen etliche, man muss allerdings dazu sagen, dass sie letztlich immer auf dasselbe hinauslaufen: Die wirtschaftliche Lage, die Kulur.

Wirtschaftlich läuft’s für breite Schichten der Bevölkerung nicht gut. Arbeitsplätze sind von zwei Seiten bedroht, von der Abwanderung durch Globalisierung und von der Automatisierung. Die resultierende Arbeitslosigkeit untergräbt gewohnte Verhaltensweisen, Gemeinschaften, Werte, Richtlinien. Eine Folge ist die Opioid-Epidemie. Dazu kommen noch jene Anliegen, die den Mittelschichten so viel wichtiger zu sein scheinen als die Nöte arbeitender Menschen. Man denkt etwa an LGBT (oder wie die inzwischen heißen, es kommen ja dauernd Buchstaben dazu), an political correctness, an MeToo und so weiter. Mit ein bisschen Empathie, mit ein bisschen Phantasie kann man sich ausmalen, wie und warum sich da ein backlash zusammengebraut hat.

Die Autoren unseres Buches haben sich bemüht, ihre Thesen mit empirischen Zahlen zu untermauern, an welchen es denn auch nicht fehlt. Der Verdienst des Unterfangens soll gewiss nicht geschmälert werden; aber was sie beschreiben, was sie identifizieren – das haben wir eigentlich schon gewusst, wiewohl nicht so detailliert. Die eigentliche Erklärung für das Verhalten der Trump-Wähler, die scheint mir nach wie vor zu fehlen.

Das umso mehr, als viele Wähler Trump im Jahre 2020 ja wieder gewählt haben – nicht weniger als 74,2 Millionen (was die Autoren nicht wissen konnten, als sie das Buch schrieben). Trotzdem hat er verloren, großes Aufatmen rund um die Welt. Doch in Anbetracht dessen, was der gute Donald zuvor vier Jahre lang aufführte, hätte man sich doch eine klarere Abfuhr erwartet. In Wirklichkeit waren wir schon froh, dass er überhaupt unterlag. Eben dies verweist auf das eigentliche, das zugrunde liegende Problem: Was ging in diesen Wählern vor, dass sie ihn nach vier Jahren wieder wählten, in denen ihr Held aus dem Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten ein Kasperltheater gemacht hat? Und was geht in jenen vor, welche ihm heute noch die Stange halten?

Bedenken wir bitte: Eine ähnliche Erscheinung kennen wir aus Großbritannien mit Brexit, Boris Johnson und seiner stümperhaften Regierung; und wir kennen’s hier in Österreich seit Haider und einschließlich Strache. Eine pessimistische Sichtweise entdeckt sofort ernsthafte Bedrohungen für unsere Gemeinwesen. Wenn der Eindruck stimmt, dass bestimmte Einstellungen viel weiter verbeitet und viel tiefer verankert sind, als wir vom Kommentariat uns das vorstellen können – nun, dann muss damit gerechnet werden, dass die Sache nach dem Sieg Joe Bidens noch lange nicht ausgestanden ist. Oder nach dem Ibiza-Video. Das Dumme dabei: Offenbar weiß niemand, was dagegen zu tun wäre. Diesen Eindruck können auch die Autoren im hier besprochenen Buch nicht ändern, obwohl sie sich bemühen, optimistische Strategien zu präsentieren. Sehr glaubwürdig erscheinen diese jedoch nicht – zumindest nicht diesem Leser.

Was bleibt, das sind Fragen: Ist es wirklich möglich, dass Menschen – sehr viele Menschen – gegen ihre offensichtlichen Interessen abstimmen? Und das nicht bloß einmal, sondern noch einmal? Was geht in denen vor? Sehen sie ihre Interessen womöglich anders als wir? (In welchem Falle ihre Wut über die Bevormundung von unserer Seite tatsächlich nachvollziehbar wäre.)

Aber das sind alles Spekulationen. Leider müssen wir uns vorläufig mit solchen zufrieden geben. Bei aller Suche nach Details, trotz all der Statistiken und Zahlen vermögen die Autoren von One Nation After Trump daran leider auch nichts zu ändern. Wir können – wieder einmal – nur hoffen. Bloß ist’s mit dem Hoffen halt so eine Sache. Ich denk’ da unwillkürlich an Friedrich Torbergs Tante Jolesch und wandle im Geiste ihr berühmtes Diktum ab: „Gott soll einen behüten vor allem, was man nur noch hoffen kann!“

E. J. Dionne, Jr., Norman J. Ornstein and Thomas E. Mann, One Nation After Trump: A Guide for the Perplexed, the Disappointed, the Desperate, and the Not-Yet Deported (New York: St. Martin’s Press, 2017).
E. J. Dionne et.al., One Nation After Trump

The book may have been written by three authors, but that does not mean it comes as a collection of essays. The different contributions can’t be identified, let alone attributed. The title, on the other hand, deliberately alludes to a passage from the Pledge of Alligance, which US-American school children have to recite at least once a week, if not daily, with their faces turned to the flag and their right hands on their hearts: „one Nation under God…“. The book is about the presidency of Donald Trump – not so much about his person as about the people who voted for him. It should be mentioned that the volume was published in 2017, in the early days of Trump’s term in office. The authors could not know at the time what was yet to come.

So why did so many Americans vote for Trump? The question has been widely discussed, both in the US and all over the world. By now there are numerous explanations, or rather attempts at explanations, but it has to be said that in the end they tend to boil down to the same things: the economic situation, culture.

Economically, things are not going well for broad sections of the population. Jobs are under threat from two sides: from the exodus due to globalisation and from automation. The resulting unemployment is undermining customs, values and guidelines. One consequence is the notorious opioid-epidemic. Then there are those concerns that seem to be so much more important for the middle classes than the needs of working people. One thinks of LGBT (or whatever they may presently be called, letters being added all the time), political correctness, MeToo and so on. With a little empathy and a little imagination, one can understand how and why a backlash has been brewing.

The authors of our book have endeavoured to support their theses with empirical figures of which there is no lack. The merit of this approach should by no means be diminished; but what they describe, what they identify – well, actually, we know these things by now, albeit not in such detail. What we’re still waiting for, it seems to me, is a plausible explanation of the behaviour of Trump’s voters.

All the more so because many voted for Trump again in 2020 (no less than 74.2 million). Nevertheless, he lost – a big sigh of relief around the world. But considering the way dear old Donald had performed in the previous four years, one would have expected a clearer rebuff. As it was, we were glad that he lost at all. This points to a fundamental problem: what was going on in those voters’ minds that they re-elected a man who had made a cheap comedy show of his Presidency? And what is going on in the minds of those who still support him today?

We should remember that we’re witnessing similar trends in Great Britain, where we have Brexit, Boris Johnson and his bungling government; and we’ve seen them in Austria thanks to Haider and Strache. A pessimistic view immediately identifies serious threats to our political system. If the impression is correct that certain attitudes are much more widespread and much more deeply engrained than we in the commentariat can comprehend – well, then we have to reckon that the troubles won’t be over after Joe Biden’s victory. Or after the Ibiza video. The trouble is that no one seems to know what to do about them. Even the authors of the book under review cannot dispel our worries, although they try to present optimistic strategies. However, these do not come across as overly convincing – at least not to this reader.

What remains are questions: Is it really possible that people – numerous people – will vote against their manifest interests? And not just once, but repeatedly? What is going on in their minds? Is it possible that their concepts of their own interests differs drastically from our assumptions? (In which case their anger at being patronised would indeed be comprehensible).

But these are all speculations. Unfortunately, that’s what we’ll have to be content with for the time being. For all their love of detail, despite all their statistics and data, the authors of One Nation After Trump are not able to really change this. Once again, we can only hope. But hoping is one thing. As an Austrian, I have to think of Friedrich Torberg’s Tante Jolesch, whose famous dictum I paraphrase in my mind: “May God protect us from what we can only hope for!”

E. J. Dionne, Jr., Norman J. Ornstein and Thomas E. Mann, One Nation After Trump: A Guide for the Perplexed, the Disappointed, the Desperate, and the Not-Yet Deported (New York: St. Martin’s Press, 2017).

Wir werden nimmer ihresgleichen sehen

 [for an English version see below]

Michelle Obama, Becoming     

Nach der Biographie (Verknüpfung am Ende des Beitrags) die Autobiographie. Eine solche lese ich allerdings mit großem Vorbehalt: Denn selbst wenn sich der Autor oder die Autorin bemüht, den Eindruck der Ehrlichkeit zu erwecken, allzu oft gelingt’s letztlich doch nicht und die gute alte Eitelkeit bricht sich Bahn.

Und bei Michelle Obama?

Nun, ein definites Urteil möchte ich nicht abgeben, dazu fehlen mir Einblicke, Hintergrundwissen. Ich kann also bloß von meinen eigenen Beobachtungen sprechen. Da ist’s aber so, dass der Ton, den Michelle Obama anschlägt, die Art und Weise, wie sie erzählt, worauf sie Wert legt und was sie nur streift – dass all das einen höchst sympathischen Eindruck erweckt: der Tonfall strahlt Wärme aus, Mitmenschlichkeit, aber auch Unsicherheit, Selbstzweifel: „Will I be good enough?“ Der Leser – nun, zumindest dieser Leser – hofft und bangt mit ihr. Woraus sich ein Spannungsbogen ergibt, der die Lektüre noch einmal fesselnder macht.

Aber was gibt es da zu hoffen und zu bangen? Wir kennen doch Mrs Obamas Erfolgsgeschichte, oder? Die vielen firsts, die sie als schwarze Frau an ihre Fahne heftete.

Mag sein, aber aus der Perspektive der Dame selbst schaut das doch ein bisschen anders aus. Der äußere, der politische Erfolg, gipfelnd in einer achtjährigen Residenz im Weißen Haus, der scheint ihr nicht besonders angelegen zu sein. Eher schon im Gegenteil: ihr Misstrauen gegen Politik, gegen die hässlichen Methoden, die dort zur Anwendung kommen, das tritt klar zutage, und es legt sich auch nicht im Laufe der Zeit. Was Michelle Obama stets fürchtete, das waren die Auswirkungen auf ihre beiden Töchter, auf ihre Familie. Es muss beträchtliche Kraft gekostet haben – mehr vielleicht, als im Buch zum Ausdruck kommt – eine Art Familienleben aufrecht zu erhalten, wenigstens eine ferne Erinnerung an Normalität, und vor allem die Töchter solcher Art groß zu ziehen. Wie’s scheint, ist es gelungen. Eine bewundernswerte Leistung.

Aber dann ist Michelle Obama eben eine bewundernswerte Frau. Das wird keineswegs bloß aufgrund ihrer Autobiographie konstatiert. Was wir ansonsten von ihr wissen, formt dieses Bild genau so, vielleicht sogar noch stärker. Sie hat sich stets bemüht, nicht bloß First Lady zu sein, sondern etwas zu tun, etwas zu bewirken. Ihre Initiativen galten etwa der Bekämpfung des Übergewichts bei jungen Amerikanern, und zwar mittels gesunder Ernärhung sowie Bewegung; oder den Angehörigen von Soldaten im Kriegseinsatz und dem Schicksal von Veteranen; und schließlich – natürlich, ist man versucht zu sagen – den Afro-Amerikanern, besonders den schwarzen Frauen. (Wir wagen es, diesen Ausdruck zu gebrauchen, da sich Mrs. Obama selbst als schwarz bezeichnet.)

Interessant zu erfahren, dass Barack Obama zwar der vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten war, dass es jedoch gar nicht so viele Familien gab, denen es gelang, acht Jahre lang im Weißen Haus zu residieren. Wobei Mrs Obama auch in dieser Beziehung stets bemüht war, wenigstens einen Hauch von Normalität zu wahren. Leicht ist es ihr nicht gefallen, wenn jeder Schritt eines Familienmitglieds von Sicherheitsbeamten begleitet wurde, und wenn jede Ausfahrt gleich einen ganzen Konvoi nach sich zog. Einmal wollten Michelle und Barack eine frühere Tradition weiterführen und am Abend zum Essen ausgehen. Doch das simple Vorhaben entwickelte sich zu einem derart aufwändigen Unternehmen mit abgesperrten Straßen, Sicherheitschecks nicht bloß des Lokals, sondern auch gleich der Gäste, dass sie fortan von solchen Ausflügen Abstand nahmen. Trotzdem wurden sie von republikanischer Seite wegen des Aufwands kritisiert – etwas verwunderlich, bedenkt man, was Mr. Trump später trieb.

Tatsächlich ist es letztlich unfassbar, wie nach den strahlenden Obama-Jahren ein derartiger Absturz erfolgen konnte. Nicht, dass Michelle viele Worte darüber verliert. Sie übt sich in nobler Zurückhaltung. Die scheint ihrem Wesen zu entsprechen. Aber so wie wir dürfte sie die weitere Entwicklung wohl fassungslos mitverfolgt haben. Wir können uns inzwischen nur an unserer Erinnerung festhalten: So könnte es auch gehen! Wer weiß, vielleicht wird sich das als wichtiges Erbe dieser beiden bemerkenswerten Menschen, Barack und Michelle, herausstellen. Frei nach Shakespeare etwa:

Sie war eine Frau, nehmt alles nur in allem!
Wir werden nimmer ihresgleichen sehn.

Noch lebt sie aber, glücklicherweise, und deshalb werden wir sie hie und da hoffentlich im Fernsehen bewundern dürfen. Eine politische Tätigkeit, eine Kandidatur als demokratische Präsidentschaftskandidatin gar hat sie kategorisch ausgeschlossen. Wenn man ihre Autobiographie gelesen hat, dann glaubt man ihr. Im Grunde dürfte sie froh gewesen sein, das Weiße Haus hinter sich zu lassen: die starre Herrschaft des Protokolls, die unbarmherzigen Blicke der Öffentlichkeit. Wir danken ihr für das, was sie getan hat, was sie vermittelt hat, und wünschen ihr das Aller-Allerbeste.

Empfehlenswert? – Unbedingt!

First Lady

Michelle Obama, Becoming (London: Viking, 2018). – Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Becoming: Meine Geschichte erschienen (München: Goldmann, 2018).
Michelle Obama, Becoming

After the biography (see link at the bottom), the autobiography. I have to say, however, that I tend to read autobiographies with great reservations: even if the author tries to give the impression of being honest, all too often it doesn’t really work and good old vanity takes over.

What about Michelle Obama?

Well, I don’t want to make a definite judgement; I just don’t have enough insight or background knowledge. I can only speak of my own impressions. But the tone Michelle Obama adopts, the way she tells her story, what she emphasises and what she only touches on – all this creates a favourable impression: the book radiates warmth, compassion, but also insecurity, self-doubt: „Will I be good enough?“ The reader – well, at least this reader – hopes and fears with her. Which results in an arc of suspense that makes reading even more compelling.

But what is there to hope and fear? We know Mrs Obama’s success story, don’t we? The many firsts that she, as a black woman, wrote on her banners.

Maybe, but from the perspective of the lady herself, it looks a bit different. Her political success, culminating in an eight-year residency in the White House, does not seem to be particularly important to her. On the contrary: her distrust of politics, of the ugly methods used there, is clearly evident, and it does not subside over time. What Michelle Obama always feared was the impact on her two daughters, on her family. It must have taken considerable strength – more, perhaps, than is discussed in the book – to maintain some kind of family life, at least a distant memory of normality, and above all to raise the daughters in such a way. It seems that she succeeded. An admirable achievement.

But then Michelle Obama is an admirable woman. The judgment is by no means based on her autobiography alone. What we know of her in general underlines this impression, maybe even reinforces it She always tried not just to be a First Lady, but to achieve something, to make a difference. Her initiatives included combating obesity among young Americans through healthy eating and exercise; the families of soldiers on foreign missions and the fate of veterans; and finally – of course, one is tempted to say – African-Americans, especially black women. (We dare to use that term since Mrs Obama describes herself as black).

Interesting to learn that while Barack Obama was the forty-fourth President of the United States, there were not all that many families who managed to reside in the White House for eight years. And there, too, Mrs Obama always tried to maintain at least a semblance of normality. It can’t have been easy for her as every step of a family member was accompanied by security guards, and as every excursion entailed a whole convoy. Once, Michelle and Barack wanted to continue an earlier tradition and go out for dinner one evening. But the simple plan turned into such an elaborate operation with roads cordoned off and security checks not only of the restaurant but even of the guests that in future they refrained from such outings. Nevertheless, they were criticised by the Republican side for the expense – somewhat ironic, considering what Mr. Trump used to practice later.

Indeed, in the end, it is hard to understand how such a crash could occur after the bright Obama years. Not that Michelle says about this. She practices noble restrain which seems to be in keeping with her nature. But like us, she must have been stunned by what followed. Lacking an explanation we can only hold on to our memories: This is how it could be! Who knows, maybe this will turn out to be the most important legacy of two remarkable people, Barack and Michelle. Two Shakespeare lines come to mind, even if adopted:

She was a woman, take her for all in all,
We shall not look upon her like again.

But she is still alive, fortunately, and therefore we’ll hopefully be able to admire her on television now and then. She has categorically ruled out any political activity, let alone running for the Democratic presidential nomination. If you read her autobiography, you will believe her. Basically, she must have been happy to leave the White House: the rigid rule of protocol, the merciless scrutiny by the public. We thank her for what she has done, what she has conveyed, and wish her the very best.

Recommended? – Absolutely!

First Lady

Michelle Obama, Becoming (London: Viking, 2018).

Es knistert im Gebälk

Das muss wohl im Winter 1968/69 gewesen sein. Wir befanden uns in der achten Klasse. Da kam eines Tages überraschend der Herr Direktor herein – stahl uns die Pause – und begann, von den politischen Verhältnissen zu sprechen. Vor allem hatte es ihm die Wirtschaft angetan, von der wir damals nichts verstanden und die uns nicht interessierte.

„Es knistert im Gebälk“, orakelte er vieldeutig und düster.

Wir waren durchaus bereit ihm zu glauben. Erstens überhaupt und zweitens, weil sich damals schon im Hintergrund das unbehagliche Gefühl bemerkbar machte, es sei uns zu lange zu gut gegangen, ergo müsse bald eine Krise kommen. Man durfte unseren Altvorderen nicht böse sein wegen ihrer pessimistischen Sicht der Dinge, nach allem, was sie durchgemacht hatten.

Ich weiß nicht mehr, ob Volkswirtschaftler damals wirklich eine Krise prognostizierten. Woran ich mich erinnere, ist dies: Sie kam nicht. 1970 stellte die SPÖ erstmals eine Alleinregierung in Österreich, die Ära Kreisky begann. Das rief erst recht die Kassandras auf den Plan. Aber es wurde bloß besser, immer besser – die nächsten dreißig Jahre, das war die beste Zeit, welche unser Land je erlebt hatte.

„Das goldene Zeitalter“, zitierte ich viel später einmal, im Rückblick, den Historiker Eric Hobsbawm.

„Wohl eher das diamantene“, meinte eine Kollegin.

Daran änderte nicht einmal der Ölschock etwas – eigentlich gab’s ja zwei davon: den ersten, an den wir uns erinnern, im Jahre 1973, und einen zweiten 1979. Wie es sich traf, konnte ich die Auswirkungen in zwei Ländern beobachten: in Großbritannien und in Österreich. Im einen Fall kam es zu katastrophalen Zuständen mit Inflation, Streiks, blackouts, Drei-Tage-Woche, kalten Wohnungen, Ausrufung des nationalen Notstands (state of emergency). Im andern Falle – praktisch nur ein Kräuseln. In England hieß es, das deficit spending nach John Maynard Keynes habe versagt. Aber in Österreich?

Gewiss, gewiss, die Schulden – der berühmte Sager von Bundeskanzler Dr. Kreisky: „Ein paar Milliarden mehr Schulden bereiten mir weniger schlaflose Nächte als hunderttausend Arbeitslose.“ Von den Kassandras wurde das mit Entsetzen quittiert. Glaubte man ihnen, so drohte wieder einmal der Kollaps. Und es geschah – nichts. Schulden wurden gemacht, zugegeben, aber im Vergleich zu dem, was später kam, handelte es sich um nicht mehr als ein Lüfterl. Später: Das meint die achtziger Jahre, da ging’s so richtig los mit der Staatsverschuldung. Aber da regierte die SPÖ nur noch in Koalitionen, zuerst mit der FPÖ, dann mit der ÖVP (ab 1986). Beim weitaus überwiegenden Großteil aller österreichischen Staatsschulden haben ÖVP-Minister eifrig das Handerl gehoben: denn im Ministerrat werden Beschlüsse einstimmig gefasst.

Na ja, und dann krachte es wirklich: 2008, der credit crunch. Nur hatte uns den niemand vorausgesagt, gar niemand. Es knistert im Gebälk? Im Gegenteil! Es sei alles leiwand, beruhigten uns die Superg’scheiten, Sie wissen schon: Börsenmakler, Finanzexperten, Wirtschaftswissenschaftler. Alles in Ordnung! Krisen gibt’s keine mehr, dazu sind wir jetzt viel zu gescheit geworden, mit unseren Computerberechnungen in Sekundenschnelle.

Und dann standen sie vor der Fernesehkamera in London, in der City, in ihrem dunkelblauen Maßanzug und konnten ihre Angst nicht verbergen: „The markets don’t work anymore.“

Und sie bettelten – ja, worum wohl?

Um den Staat: „Why don’t they nationalize?“

Wenn ich das nicht live im britischen Fernsehen gesehen und gehört hätte, dann würde ich’s selber nicht glauben.

Da hat’s also nicht bloß geknistert, da hat’s gekracht. Bloß waren nicht wir schuld, die durchschnittlichen Menschen, weil wir zu viel ausgegeben und zu wenig gearbeitet hätten. Nein. Schuld waren die Finanzheinis, die Makler und Konsulenten und Manager, wie auch immer sie sich bezeichnen mochten. Auslöffeln durften die Suppe hingegen wir, nicht die Millionen-Verdiener.

In Österreich überstanden wir auch diese Krise mit vergleichsweise geringem Schaden. Die Briten bezahlten mit austerity, mit einem drastischen, um nicht zu sagen brutalen Sparkurs ab 2010. Da kamen nämlich die Konservativen wieder an die Macht (zunächst zusammen mit den Liberalen). Und das Resultat? Nun, um nur von den Schulden zu sprechen: Die Staatsschuldenquote (Schuldenstand des Gesamtstaates in Prozent des BIP) dürfte 2020 im Vereinigten Königreich bei 104 Prozent gelegen sein. Ja, Sie haben richtig gelesen. Zehn Jahre austerity, und die Schuldenquote steigt auf über hundert Prozent! Vor der Krise lag sie noch bei vierzig Prozent. (Österreich: damals 68%, jetzt 84%).

Es knistert im Gebälk?

WKO, „Öffentliche Verschuldung: Staatsschuldenquote (Schuldenstand des Gesamtstaates in % des BIP)“, WKO Statistik (Juli 2020) <http://wko.at/statistik/eu/europa-verschuldung.pdf> [heruntergeladen 24. Februar 2021].

Fellow Traveller

An Robert Jungk wird man sich vielleicht erinnern. Er hatte sich mit dem Buch Die Zukunft hat schon begonnen einen Namen gemacht und etablierte sich in der Folge als so genannter Zukunftsforscher. Heller als tausend Sonnen schlug in dieselbe Kerbe. Zu der Zeit, von der hier die Rede ist, also um 1984, tat er sich als führender Vertreter der deutschen Friedensbewegung hervor. Die erlebte damals ihren Höhepunkt mit riesigen Demonstrationen gegen die NATO-Nachrüstung und mit schier unerschöpflichen öffentlichen Debatten.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie bekam die kleine Wochenzeitung, für die ich damals schrieb, Wind davon, dass er sich in Tirol aufhielt. Er machte eine Hungerkur in einem Nobelhotel nahe Innsbruck. Und so kam man auf die Idee, ein Interview mit ihm zu machen. Und mit selbigem Interview beauftragte man – erraten! – den Verfasser dieser Zeilen.

Ich traf den prominenten Herren in besagtem Nobelhotel. Das Gespräch nahm allerdings einen unvorhergesehenen Verlauf. Mich beschäftigte vor allem der gegen die Friedensbewegung erhobene Vorwurf, sie diene dem appeasement, der Beschwichtigung. Welch schädliche Auswirkungen die hatte, das glaubten wir aus der Geschichte der dreißiger Jahre zu wissen. Als ich Herrn Jungk darauf ansprach, geschah jedoch etwas Eigenartiges. Er weigerte sich beharrlich, auf der Linie der Ausgewogenheit zu wandeln, wie sie von der Friedensbewegung vorgegeben wurde: Beide, die USA und die Sowjetunion, seien bös’, hieß es beharrlich, beide müssten abrüsten.

Nein – die Friedensbewegung in der Sowjetunion, so meinte Robert Jungk, müsse unterdrückt werden, aus Sicherheitsgründen! Schuld an allem sei der böse Westen. Bewährte Kritiker des Kommunismus wie Manés Sperber oder Alexander Solschenizyn stempelte er als „Weiße“ ab, in Anspielung auf den russischen Bürgerkrieg, welcher auf die Revolution von 1917 gefolgt war; ja sogar als „weiße Stalinisten“! Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei (1968) sei „erforderlich“ gewesen, weil die CIA Waffenlager in dem Land angelegt habe. Der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan (1979) war berechtigt, weil „nämlich wirklich der Plan bestand, über den Iran, vom Süden her, die Sowjetunion aufzurollen.“ (Da hatte im Iran bereits die Revolution des Ayatollah Khomeini stattgefunden, die amerikanischen Geiseln saßen in der US-Botschaft in Teheran, die beiden Staaten waren einander spinnefeind.)

Ich weiß nicht, was Robert Jungk dazu bewegte, jegliche Vorsicht außer Acht zu lassen und sich derart offen als fellow traveller zu erkennen zu geben, als Sympathisant der Kommunisten. Vielleicht waren es die Argumente aus jener verflossenen Zeit, vielleicht war’s auch der unerfahrene, naive Provinz-Reporter, der ihm da gegenübersaß. Was er sagte, war jedenfalls äußerst brisant – es stellte jene Ausgeglichenheit in Frage, jene ideologische Neutralität, welche die Friedensbewegung stets betonte.

Was sollte ich machen? Ich transkribierte das Interview, ließ aber die haarsträubendsten Passagen weg. Sie würden beim Korrekturlesen durch den prominenten Herren ohnehin nicht durchgehen, nahm ich an. Dem legten wir das druckfertige Interview nämlich vor. Es kam auch prompt zurück, mit zahlreichen Korrekturen und Anmerkungen versehen. Doch zu meiner Verblüffung führten die wiederum neue, genau so haarsträubende Argumente ein!

Heute, im Rückblick, erkenne ich, dass wir eine Sensation in Händen gehalten hätten, a scoop, wie’s im Englischen heißt. Damals haben wir an so was überhaupt nicht gedacht. Das lag weit abseits der Linie dieses kleinen, provinziell respektablen Blattes. Allerdings – so sehe ich das heute – hätte uns der scoop nicht das Geringste genützt. Niemand hätte uns geglaubt. Wir hätten nämlich den Beweis erbracht, dass die Friedensbewegung wirklich von kommunistischen fellow travellers unterwandert war, ja sogar geleitet wurde; dass sie unter dem unparteiischen Verputz wirklich, wie ihr das vorgeworfen wurde, linkslastig und Sowjet-freundlich war. Eine derartige Sensation – aus unserem winterfesten Winkel der Welt?

Wie sich herausstellte, glaubte man uns nicht einmal hier, in diesem Winkel. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit einer alternativen jungen Frau, die mir zutiefst beleidigt Vorwürfe machte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich nichts verfälscht hatte, dass Robert Jungk selbst das endgültige Manuskript freigegeben hatte, und dass wir die kontroversiellsten Passagen ohnehin nicht gebracht hätten – vergebens. Sie glaubte mir einfach nicht. Nicht um die Burg.

Heute, 35 Jahre später, wissen wir natürlich mehr. Vor allem, dass die Friedensbewegung tatsächlich von kommunistischen Staaten finanziell unterstützt und dementsprechend benutzt wurde: eine Figur im strategischen Schachspiel, welches da im Gange war. Das ändert nichts am ehrlichen Eifer jener, die damals so empört waren, dass sie leidenschaftlich demonstrieren gingen. Aber es bestätigt auch Leute wie mich, die ihre Skepsis beim besten Willen nicht verleugnen konnten.

Das Interview ist erschienen als „Böser Westen – bedrohter Osten“, präsent Nr. 16 (19. April 1984), 14.

Neues vom Tourismus

Ein Après-Ski-Lokal fliegt mit mehr als 3,5 Millionen Euro „nicht ordnungsgemäß versteuerten“ Beträgen auf (wie’s etwas umständlich, aber zweifellos korrekt heißt).

Das ist natürlich ein Einzelfall.

Weitergehende Schlüsse, Verallgemeinerungen gar verkneifen wir uns. Wir haben ja keine diesbezüglichen Daten oder Fakten. Ein Einzelfall also, wieder einmal, und natürlich gilt die unschuldigste aller Unschuldsvermutungen. Die Leserin, der Leser werden sich ohnehin ihren eigenen Reim drauf machen, wie ich annehme. Besonders, wenn sie selbst und höchstpersönlich in einem Tourismus- oder Gastronomiebetrieb gearbeitet haben, und das dürfte hierzulande gar nicht so selten der Fall sein.

3,5 Millionen Euro!

Versuchen wir einmal, uns das vorzustellen: Selbst wenn Sie gar nicht so schlecht verdienen, sind das immer noch an die zweitausend Monatsbezüge. Zweitausend! Da müssten Sie – halten Sie sich bitte fest – da müssten Sie an die 160 oder 170 Jahre arbeiten, um das zu verdienen. Oder noch länger.

Doch dann erfragen wir eben dieser Tage, wie schlecht es den Herrschaften aus der Hotellerie und dem Gastgewerbe geht. Sie finden nämlich keine Arbeitskräfte. Diese Jammerei dauert nun auch schon einige Zeit an. Interessant nur, dass die naheliegende Lösung nie erwähnt wird: höhere Löhne, bessere Bedingungen. Dabei wär’ das ein Marktgesetz. Wenn’s drum geht, Leute zu entlassen oder ihnen immer weniger zu zahlen, dann kommt man uns ja auch mit diesen Gesetzen. Nur jetzt, wo sie ausnahmsweise einmal zugunsten der Angestellten wirken, da will man nichts davon wissen. Schon seltsam, oder?

Aber dann gibt’s auch dafür ein Argument aus der wirtschaftlichen Propagandaküche: Das könne man sich nicht leisten, heißt es, da gäb’s keine Beherbergungsbetriebe mehr und keine Gastronomie.

Die können also nur existieren, wenn sie ihren Angestellten Hungerlöhne zahlen?

Vor neunzig Jahren hat der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt darauf eine ganz klare Antwort gefunden: “No business which depends for existence on paying less than living wages to its workers has any right to continue in this country.”

Noch Fragen?

Aber natürlich – so läuft das nicht in Österreich. Es wird folglich ein Weg gefunden werden, wie man dem Tourismus seine billigen Arbeitskräfte zuführen kann. Gerade jetzt, in der türkisen Ära. Wozu gibt’s schließlich den Pöbel? Also: Machen Sie sich bloß keine Sorgen!

Rekordverdächtiger Schwarzgeldfund rund um Salzburger Après-Ski-Lokal

Köche und Kellner wieder händeringend gesucht

First Lady

[for an English version see below]

Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama wurde 1964 in der South Side von Chicago geboren. Ihre Familie könnte man vielleicht als kleinbürgerlich beschreiben (wenn einem an solchen Kategorien gelegen ist). Wichtig war wohl, dass ihre Eltern ein strenges Regime führten, sich selbst und die Kinder nicht schonten. Sie alle wussten, dass sie in ihrer Umgebung, in der amerikanischen Gesellschaft allgemein benachteiligt wurden. Bloß durfte das niemals als Entschuldigung dienen. Man hatte eben umso härter zu arbeiten.

So schaffte es Michelle in eine gute High School, dann nach Princeton, schließlich an die Harvard Law School. Sie wurde Anwältin, betätigte sich aber hauptsächlich im Non-profit-Bereich. 1989 lernte sie Barack Obama kennen. Die beiden heirateten drei Jahre später und hatten zwei Töchter.

Michelle unterstützte ihren Mann bei seinen politischen Vorhaben, besonders natürlich im Präsidentschaftswahlkampf von 2008. Sie tat sich als Rednerin hervor – ehrlich, authentisch und inspirierend. Von der Politik hielt sie allerdings nicht gar so viel, ihre Sorge galt dem Schutz der Familie. Außerdem betrachtete sie sich als eigenständige Persönlichkeit, entwickelte ihre eigenen Programme – die erste Präsidentengattin seit Eleanor Roosevelt, die mehr war als nur Gattin. Sie hatte stets Sorge, ob sie wohl genug zurück gebe.

In vielerlei Hinsicht wurde sie zum Vorbild, zum Idol: als professionelle, selbstbewusste Frau – sogar in Fragen der Mode. Und bei all dem war sie schwarz, stand fest zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zugehörigkeit.

Wie’s weiter ging, wissen wir: Zweite Amtszeit mit enthusiastischer populärer Zustimmung und großer Mehrheit an Wahlmännern. Nur leider hielten die Republikaner die Mehrheit im Kongress, und deshalb waren Obama die Flügel gestutzt. Nach ihm kam’s zum großen Absturz – wie so was passieren konnte, das gibt bis heute Rätsel auf. Wir hatten gedacht, mit den Obamas im Weißen Haus sei ein für allemal Licht, Aufklärung, Hoffnung eingekehrt.

Denkste.

Peter Slevins Biographie, bereits 2015 erschienen, scheint Michelles Leben und Erfolge sachlich und objektiv zu schildern – genau wissen wir das als Außenseiter natürlich nicht. Zu sagen, Michelle Obama sei eine interessante Persönlichkeit unserer Zeit, dürfte eine Untertreibung darstellen. Eher vielleicht eine Ikone? Irgendwie hab’ ich das Gefühl, dass ja.

Empfehlenswert? – Durchaus. Die Autobiographie kenne ich noch nicht, erst dann wird sich wohl ein endgültiges Urteil fällen lassen.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).
Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama was born in 1964 on the South Side of Chicago. Her family could perhaps be described as petit bourgeois (if one is keen on such labels). It was more important that her parents ran a strict regime, not sparing themselves nor their children. They all knew that they were disadvantaged in their environment, in American society in general. But that was never allowed as an excuse. They just had to work harder.

Michelle made it to a good high school, then to Princeton, finally to Harvard Law School. She became a lawyer, but worked mainly in the non-profit sector. In 1989, she met Barack Obama. They married three years later and had two daughters.

Michelle supported her husband in his political career, especially of course in the 2008 presidential campaign. She excelled as a speaker – honest, authentic and inspiring. She didn’t think much of politics, however, and was more concerned with family life. In addition, she always saw herself as an independent personality, developing her own programmes – the first presidential wife since Eleanor Roosevelt who was more than just a consort.

In many ways she has become a role model, an idol: as a professional woman, but also as a fashion icon. There, too, she showed courage without emphasising the aspect too much. And in all this, she was black, and she stood by her heritage.

We know what happened then: Second term with enthusiastic popular support and a impressive majority of electoral votes. Unfortunately, the Republicans held the majority in Congress, so Obama’s wings were clipped. After him, there was a big crash – how that could come about is still a mystery. We thought that with the Obamas in the White House, light, enlightenment and hope had come once and for all.

Not so.

Peter Slevin’s biography, published in 2015, seems to describe Michelle’s life and successes in a factual and objective way – for outsiders, of course, it’s hard to tell. To say Michelle Obama is an interesting personality is an understatement. More like an icon, perhaps? Could be, yes.

Recommended? – By all means. Final judgment must be reserved, however, until I have read the autobiography.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).

Vornehmes Schweigen

zu Marcel Loosers schoepfblog-Beitrag vom 22. Mai

„Vornehmes Schweigen“ unter den Autoren des schoepfblog nimmt Marcel Looser als „halber Österreicher“ von der Schweiz aus wahr; und in Anbetracht der Tiefen, welche österreichische Politik derzeit erreicht hat, darf das wohl zu Recht erstaunen. Seine Intervention ist so gesehen höchst willkommen, und das nicht obwohl, sondern eben deswegen, weil sie von außen kommt.

Doch möchte ich über dieses Schweigen etwas später sprechen. Zunächst sehe ich mich bemüßigt, ein oder zwei Dinge zurecht zu rücken. Da ist erstens einmal Loosers Kritik am österreichischen Parlament. Er bemängelt die „Voraussehbarkeit der einzelnen Voten im Parlament“, die Parteizugehörigkeit der Redner oder Rednerinnen lasse sich mit geschlossenen Augen erkennen, die Argumente seien immer dieselben.

Damit hat er ohne Zweifel recht. In Österreich wird die Erstarrung üblicherweise auf den Klubzwang zurückgeführt, der zwar auch seine Gründe haben mag, in der Praxis aber das Parlament – genauer: den Nationalrat – zu einer dumpfen Abstimmungsmaschinerie degradiert. Bloß ist das keine temporäre Entartung, sondern teil unserer politischen Wirklichkeit seit 1945. Und deshalb ist es auch naiv zu beklagen, dass in diesem Parlament nicht miteinander geredet, nicht um die besten Lösungen gerungen werde. Selbst der Bezug auf die französische Wortwurzel (parler) kann darin nichts ändern (vor der Wortwurzelei sollten wir uns allgemein hüten). Miteinander geredet, um Lösungen gerungen wurde im Parlament nie, dazu ist es schlicht und einfach nicht gemacht. Es handelt sich um eine Institution der Macht, und das war immer so, schon in prä-republikanischen Zeiten.

Heute funktioniert die parlamentarische Demokratie in der Art, dass die Wahlen dessen Zusammensetzung festlegen. Die Bekanntgabe des Endergebnisses ist der spannendste Moment in seiner Sitzungsperiode. Daraus ergibt sich jene Konstellation, aus welcher eine oder mehrere Parteien die Regierung bilden. Sofern diese Parteien über eine sichere Mehrheit verfügen, ist die Sache für die nächsten vier oder fünf Jahre gelaufen. Dem Parlament kommt dann nur noch in Ausnahmefällen Bedeutung zu: so wie etwa unter unserer Expertenregierung im Jahre 2019 oder als die Konservativen im britischen Unterhaus zwischen 2017 und 2019 eine Minderheitsregierung bildeten.

Dies verweist bereits darauf, dass wir’s hier keineswegs mit einer spezifisch österreichischen Eigenheit zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Wir stehen vor einem strukturellen Problem aller Parlamente in westlichen Demokratien. (Strukturell, sagt man heute; ich ziehe das Wort inhärent vor.) Das eiserne Mauern der Republikaner unter Donald Trump unterstreicht dies nur allzu deutlich. In ihrem Falle führte es dazu, dass die Legislative nahezu machtlos war gegenüber den Exzessen des Präsidenten. Die checks and balances funktionierten nicht mehr. Für einen alt gedienten Beobachter kam das nicht bloß überraschend, es war furchterregend.

An dieser Stelle kommt die zweite Beanstandung Marcel Loosers ins Spiel. Er stößt sich an Armin Wolf und seiner Interview-Technik in der ZiB2. Er spiele die Rolle des Scharfrichters, meint er, habe den Kanzler öffentlich abgekanzelt.

Auch in dieser Hinsicht gebe ich ihm durchaus recht. Bloß scheint er zu übersehen, dass Wolf und seinesgleichen eine unverzichtbare Rolle spielen, eben deshalb, weil die Gewaltenteilung beeinträchtigt ist. Es geht um die Kontrolle. So ungustiös die Art solcher Journalisten sein mag – was, bitte schön, sollten sie sonst tun? Wer Politiker heutzutage höflich fragt, wer ihnen höflich zuhört, der ertrinkt in einem zähflüssigen Redeschwall ohne Atempausen, damit die Zeit, welche fürs Interview zur Verfügung steht, rasch vorbei geht. Zu glauben, der Zuseher könne selbst „relevante Informationen“ entnehmen, könne selbst urteilen, ist wiederum naiv – denn er bekommt ja gar keine relevanten Informationen, nur spin, nur Propaganda. Sofern es in einer Demokratie ganz wesentlich um Fakten geht, müssen sie den schwafelnden Politkern extrahiert werden wie schmerzende Zähne.

Ich hab’ das selbst oft genug mitgehört, auch in diesem Falle allerdings nicht so sehr in Österreich, sondern im britischen Rundfunk. Dort gab’s bis vor kurzem den berühmt-berüchtigten John Humphreys, der in seinen Today-Interviews auf BBC Radio Four Politiker grillte, bis man manchmal tatsächlich begann, Mitleid mit seinen Opfern zu empfinden. Das Problem, welches ich mit ihm hatte – und mit Armin Wolf immer noch habe – ist (a) die Legitimation, und (b) die Frage der Maßstäbe. Journalisten sind demokratisch nicht legitimiert. Wer hat sie gewählt, und sei’s bloß indirekt? In wessen Namen sprechen sie? Und vor allem: Da sie so streng richten, zwingt sich die Frage nach ihren Kriterien auf. Aber die legen sie niemals dar. Sie vermitteln den Eindruck moralischer Überlegenheit ohne den allergeringsten Nachweis einer solchen zu erbringen. Das, so denke ich, ist ebenfalls ein inhärentes Problem, in diesem Falle des investigativen Journalismus.

Womit wir schließlich beim „vornehmen Schweigen“ im schoepfblog gelandet wären. Ich kann mich natürlich nicht für meine Kollegen aus dem Kommentariat äußern, nur für mich selbst. Und ich habe mich, ehrlich gestanden, angesprochen gefühlt. Dass sich die österreichische Politik derzeit in Tiefen bewegt, die eigentlich inakzeptabel sein sollten, das steht für mich außer Zweifel: vor allem aufgrund der Geringschätzung des Verfassungsgerichtshofes. Dementsprechend sollte ein Aufschrei durchs Land fegen, sollte Empörung aus jedem Zeitungsblatt, aus jeder Nachrichtensendung tönen. Und aus jedem Kommentar, aus jeder Glosse. Wenn das nicht der Fall ist, so steht der Effekt der Gewöhnung zu befürchten. Die könnte sich früher oder später letal auswirken.

 Trotzdem halte ich das Schweigen der schoepfblog-Autoren nicht bloß für angebracht, sondern tatsächlich für vornehm. Denn was könnten wir sagen? Wir kennen ja keine Details, keine Hintergründe. Die sind den Journalisten in Wien bekannt, mit ihren persönlichen Kontakten, mit ihren Gesprächen im Kaffeehaus. Darüber sollen sie uns informieren, da haben sie den Nachrichten etwas hinzu zu fügen, da können sie Ereignisse erklären, besser verständlich machen. Wenn ich mich entschließe, mein vornehmes Schweigen zu brechen, was kommt dabei heraus? Machen wir uns nichts vor: Ich könnte höchstens im Kaffeesud lesen.

Aber das heißt doch bloß, dass ich eben kein tagespolitischer Glossist bin. Ganz offensichtlich liegen meine Aufgaben woanders: Im möglichst klaren, ruhigen Denken und Argumentieren zum Beispiel, und somit in der einen oder anderen Korrektur, so wie hier; im Nachdenken über grundsätzliche Phänomene; sowie in der Rückkoppelung gesellschaftlicher Erscheinungen an individuelle Erfahrung – und umgekehrt. So gesehen, werden wir noch einige Zeit schweigen müssen, ehe gesicherte, sinnvolle Aussagen getroffen werden können über das, was vor unseren entsetzten österreichischen Augen derzeit abläuft.

Marcel Looser, Die «Elite» Österreichs aus der Sicht eines Schweizers, schoepfblog, 22. Mai 2021. 

Über das Problem journalistischer Maßstäbe habe ich schon einmal geschrieben: „Nach welchen Maßstäben?“, Aus der Stille (28. Jänner 2018).

Die Freiheit ist das höchste Gut

Da fühlte sich eine Nachrichtensprecherin bemüßigt, einen Beitrag mit eben diesen Worten einzuleiten: „Die Freiheit ist das höchste Gut“.

Mir wackelten die Ohren.

Wie kann man so was sagen? Gut, die Dame ist bloß Sprecherin, da muss man nicht weiß Gott wie gebildet sein, weder geschichtlich noch politisch oder philosophisch. Obwohl – als Journalistin empfindet sie sich ja doch. Und dann – vor Hunderttausenden, womöglich einer Million Zusehern? Da würde man sich doch ein bisschen mehr Umsicht erwarten, ein bisschen Nachdenklichkeit.

Wobei ihr immerhin zugute gehalten werden kann, dass sie bloß das sagt, was alle denken; nach-denken im wörtlichen Sinne (sie denken das nach, was andere ihnen vorsagen). Wir leben in einer Umwelt, in der solche Ansichten zur Selbstverständlichkeit gehören. Ähnliches gilt für die Segnungen der Globalisierung oder das nutzbringende Wirken von Konkurrenz. Um von der verborgenen Wohltätigkeit eiskalt geraffter Milliarden erst gar nicht zu reden.

Trotzdem wackeln einem die Ohren, wenn man das so auf die Nase geknallt bekommt: „Die Freiheit ist das höchste Gut.“

Echt jetzt?

Man versuche einmal, sich das konkret vorzustellen. Schauen Sie sich doch um in Ihrem Leben, werte Leserin, werter Leser: Wohnung, Heizung, Einkommen – alles sekundär? Die Freiheit ist das höchste Gut? Ergo müssten wir um der Freiheit willen bereit sein, all das frohen Herzens aufzugeben?

Rechtssprechung, Gesundheitswesen, soziales Netz, wenn’s einmal nicht so gut läuft? Nichts da. Die Freiheit, meine Lieben, die ist das höchste Gut.

Und da hab’ ich noch gar nicht von Dingen geredet, die bei uns selbstverständlich geworden sind: Friede zum Beispiel. Sagen Sie das mit dem höchsten Gut doch einmal den ausgebombten, gehetzten Bewohnern von Aleppo! Oder aber die materielle Lebensgrundlage, die primitivste meine ich. Sagen Sie das doch einmal einer verzweifelten afro-amerikanischen Mutter im Ghetto einer amerikanischen Großstadt. Freiheit hat die wahrlich genug!

Wir wollen nicht weiter auf solchen Dingen herumreiten. Es dürfte ausreichend klar geworden sein: Die Freiheit allein ist nicht das höchste Gut. Sie kann es nicht sein. Der Satz ist in dieser Form Unsinn.

Aber was?, höre ich fragen. Soll die Freiheit nichts wert sein? Was ist mit den Märtyrern, die ihr Leben für die Freiheit geopfert haben?

Na ja. Besagte Freiheitshelden müsste man uns erst einmal nennen, damit wir uns ihre Motive genauer ansehen können. Grundsätzlich lässt sich sagen: So lange Freiheit nicht gegeben ist, so lange um sie gekämpft wird, mag sie wirklich als höchst erstrebenswert gelten. Daher auch unsere Helden, unsere Märtyrer. Allerdings muss nationale Freiheit nicht automatisch individuelle Freiheit mit sich bringen. Es kann auch das Gegenteil eintreten.

Außerdem ist es, solange man noch um die Freiheit kämpft, nicht nötig, genauer  nachzufragen. Das kommt erst, wenn der Sieg errungen ist. Denn dann erweist sich, dass die Freiheit eigentlich hohl ist. Jawohl, hohl!

Was mach’ ich mit ihr? Die vormaligen Kampfgefährten gehen getrennte Wege: nationalistisch, konservativ, sozialistisch. Das ist unausweichlich. Meine Generation hat das sehr anschaulich an der polnischen Solidarnosc studieren können. Bis heute kommen praktisch alle führenden Politiker des Landes aus der Bewegung, vom liberalen Donald Tusk (Ministerpräsident 2007–2014, danach Präsident des Europäischen Rates) bis hin zum katholisch-nationalkonservativen Jaroslaw Kaczynski (Ministerpräsident 2006–2007, Vorsitzender der derzeitigen Regierungspartei PiS, dzt. Vize-Ministerpräsident).

Einfach nur „frei“ geht nicht. Wer so was vorgaukelt, der tut dies mit Absicht – mit böser Absicht, dürfen wir getrost annehmen. Wer von Freiheit redet, muss dazu sagen, was er damit anfangen will. Tut er’s nicht – so wie die heutigen Liberalen –, dann sollten wir ihn dazu zwingen.

So, wie wir leben – das gründet sich auf eine Vielzahl von „Gütern“: Wohlstand, soziale Absicherung, Fairness, Gleichheit (vor dem Gesetz zum Beispiel). Und so weiter. Man kann argumentieren, dass unser Lebensstandard nur in einem freien Staatswesen möglich sei, und ich werde dem nicht widersprechen. Es wird nur vergessen, dass er nicht durch die Freiheit an sich herbeigeführt wurde.

„Die politische Freiheit ist wie die Luft“, soll unser doppelter Staatsgründer Dr. Karl Renner einmal gesagt haben. „Man kann nicht von ihr leben, aber noch weniger ohne sie.“

Ich persönlich hätte das umgedreht: Man kann vielleicht nicht ohne Freiheit leben, aber von ihr ganz gewiss nicht. Doch mit derlei Kleinigkeiten wollen wir uns nicht aufhalten. Vielmehr soll noch eine letzte Frage beantwortet werden: Welches ist nun das höchste Gut?

Meine zögernde, vorsichtige Antwort: Wenn’s so etwas überhaupt gibt, dann wahrscheinlich die Lebensqualität. Die dürfte letztlich das Entscheidende sein. Bloß ist sie kein Gut an sich. Sie bedarf eines gut ausgewogenen Zusammenspiels verschiedener Güter, und das Gewicht dieser Güter wird sich ständig verändern. Ich hab’ in diesem Zusammenhang einmal vom „Parlament der Werte“ gesprochen. Die Freiheit gehört da zweifellos dazu. Aber die absolute Dominanz eines einzelnen Gutes – ganz egal welches – kann nur zur Verminderung der Lebensqualität führen.

Und deshalb wackle ich mit den Ohren, wenn eine Nachrichtensprecherin… Na ja, Sie wissen schon. Jetzt wissen Sie’s.

Erster Mai

Jetzt war also wieder einmal Erster Mai, Tag der Arbeit, ein zweites Mal ohne Aufmarsch auf dem Ring in Wien. Corona. Nicht, dass mich der Ausfall sonderlich berührt hätte – ich hab’ mich niemals sehr dafür interessiert, und mitgegangen bin ich schon gar nicht, nirgends.

Allerdings war besagter Aufmarsch längst zu einem mehr oder minder hohlen Ritual verkommen: das Wacheln mit den roten Tüchern, das monotone „Freundschaft, Freundschaft“. Meine früheste persönliche Erinnerung stammt aus meiner Kindheit hier in Innsbruck, als wir vom Richardsweg hinunter schauten auf die Mühlauer Brücke (damals noch als Kettenbrücke bezeichnet, obwohl sie längst keine mehr war) und einen Zug von Arbeiterinnen und Arbeitern beobachteten, die mit roten Fahnen Richtung Rennweg zogen. Ein Frauenblock marschierte in unser Blickfeld.

„Krampfaderngschwader,“ ätzte meine Mutter.

Sie mochte sie nicht, „die Sozis“.

Und diese Einstellung übertrug sich auf mich. Nicht, dass sie irgendwie von Bedeutung gewesen wäre, denn Arbeiter, Sozialisten gab’s in unserem Bekanntenkreis ohnehin keine, nicht einmal am Gymnasium. Und wenn, dann verschwiegen sie ihre Herkunft peinlich. Hauptsach’, sie konnten gut Fußball spielen.

Man kann sich vielleicht vorstellen, was für einen Schock die Nationalratswahlen vom 1. März 1970 auslösten, als „die Sozis“ nicht nur eine – wenn auch relative – Mehrheit an Mandaten gewannen, sondern sogar die Regierung bildeten. Was folgte, das ist bekannt.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die geänderten Machtverhältnisse auch meine Weltsicht veränderten. Offenbar handelte es sich bei „den Sozis“ doch nicht um eine obskure Erscheinung. Man musste sich damit auseinandersetzen. Das umso mehr, als ihre soziale Weltsicht nicht bloß total neu war, sondern unleugbar etwas ansprach, was wir – die städtisch-bürgerliche Jugend – bis dahin übersehen hatten.

Das entscheidende Erlebnis für mich sollten allerdings meine Kommilitonen und Kommilitoninnen an der Anglistik und der Germanistik werden. So viele von denen kamen keineswegs aus der Stadt, vielmehr aus dem ländlichen Raum. Da tat sich eine komplett neue, unbekannte Welt auf! Nicht, dass diese Burschen und Mädchen – hauptsächlich handelte es sich um Mädchen, zumindest sprach ich vorwiegend mit solchen – nicht, dass diese Leute uns ihren Familienhintergrund aufs Butterbrot geschmiert hätten. Ich lernte vielmehr anhand aufgeschnappter Bemerkungen, anhand ihrer Einstellungen, ihrer Reaktionen.

„Das ist jetzt unser Beruf“, sagte mir eine Kollegin einmal dezidiert, als ich glaubte, mich mit meinem Geschick brüsten zu müssen, ohne viel Aufwand durch Prüfungen zu kommen. Das saß. Wahrscheinlich hat sie die Weiche gestellt hin zu meinem erfolgreichen Studienabschluss.

Diese Kollegen und Kolleginnen kamen allesamt von jenen Schulen, welche damals Mupäd hießen (Musisch-pädagogisches Realgymnasium, heute: BORG). Die brachten die Matura in den ländlichen Raum (genauer: in die Kleinstadt), wirkten somit als Hauptvehikel der so genannten Bildungsrevolution. Das Erstaunliche war, dass diese Oberstufen-Maturanten uns städtischen Gymnasiasten kaum nachstanden. Im Gegenteil: Wo’s ihnen vielleicht an unserer von den Eltern mittels Osmose vermittelten Bildung mangelte, da machten sie das Manko mehr als wett durch ihre Disziplin und durch ihren Fleiß (siehe oben). Ich lernte manche von ihnen für ihr Wissen, ihr Können, ihr systematisches Arbeiten zu bewundern.

Gewiss, die Mupäds waren keine Erfindung der Sozialisten, sie gingen weiter zurück, in ÖVP-Zeiten. Nun aber vermischte sich der gesellschaftliche Aufbruch mit dem sozialistischen Denken. Ja, wirklich: Die SPÖ bezeichnete sich damals als „sozialistisch“, wir hatten eine sozialistische Regierung, wir sagten sogar: Österreich ist sozialistisch. Wie’s uns dabei gegangen ist, das wissen wir.

Na ja, und so lernte ich auch, was es mit dem Ersten Mai auf sich hatte. Ich hörte oder las von der Geschichte der Arbeiterbewegung, von Solidarität und Gewerkschaft. Und ich stand sofort auf deren Seite. Selbst als snobistisches Bürgersöhnchen machte ich mir keinerlei Illusionen bezüglich der Schwäche eines lohnabhängigen Individuums, seiner Ausgeliefertheit, seiner Hilflosigkeit. Da half bloß Zusammenstehen.

Und so denke ich heute noch, ungeachtet aller Irrwege der SPÖ, ungeachtet ihres Abstiegs, ihres derzeitigen Tiefs. Wir werden sie, wir werden ihre Denkweise bald wieder brauchen, dringend sogar. Man kann bloß hoffen, dass sie sich rasch erfangt. Der nicht stattgefundene Aufmarsch zum Ersten Mai könnte symbolkräftig daran erinnern.