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Roosevelt und sein New Deal

[for an English version see below]

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

Unter dem New Deal versteht man üblicherweise jene Maßnahmen, welche Präsident Franklin Delano Roosevelt und seine Administration ab ihrem Amtsantritt im Jahre 1933 ergriffen, um der wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe Herr zu werden, die durch den Wall Street crash 1929 und die folgende Wirtschaftskrise ausgelöst worden war. Und gerade die soziale Erschütterung nahm wirklich katastrophale Ausmaße an: Millionen um Millionen von Arbeitslosen, bis zu einem Drittel aller Arbeitskräfte, welche ohne Unterstützung versuchten mussten, irgendwie zu überleben. Vielen gelang es nicht – sie verhungerten, und das im angeblich reichsten Land der Welt!

Hier versuchte die Roosevelt-Regierung also gegenzusteuern, und zwar mittels eines ganzen Bündels von Maßnahmen. Viele davon wurden von eigens dafür ins Leben gerufenen Körperschaften durchgeführt, wegen ihrer Namen alphabetical agencies genannt: FERA, CCC, WPA, TVA. Nicht alle stießen auf Gegenliebe. Was am meisten erregte, das war die massive Ausweitung der Regierungszuständigkeiten, der Regierungsaktivitäten. Da wurde, wie könnte es anders sein, das Höchstgericht bemüht, und allzu häufig fiel es den Reformbestrebungen in den Arm. Aufhalten konnte es den New Deal letztlich aber doch nicht.

Wozu noch zu sagen wäre, dass Roosevelt selbst offenbar alles andere als ein selbstbewusster, selbstsicherer politischer Führer gewesen zu sein scheint. Zumindest erweckt die Darstellung von William D. Leuchtenburg diesen Eindruck. Er zögerte oft lange, ließ nichts von seiner eigenen Absicht oder Vorliebe erkennen, sei es aus Taktik, sei es, weil er selbst gar nicht sicher war.

Das tat seiner Popularität allerdings keinen Abbruch. Seine fireside chats im Rundfunk sind legendär. Er wurde 1936 wiedergewählt, dann wieder 1940. Letzteres stellte nicht nur eine Sensation dar, sondern einen Tabubruch: „No man is good three times“, hieß es im Wahlkampf. Dessen ungeachtet wurde er 1944 noch ein weiteres Mal gewählt – das liegt allerdings jenseits der Zeitspanne, mit welcher sich das gegenständliche Buch beschäftigt.

Aufrgund seiner Popularität beherrschten die Demokraten nicht nur das House of Representatives, sondern auch den Senat. Das machte den New Deal erst möglich. Allerdings lag dessen Denken, dessen Ansatz so sehr in der Luft – oder vielleicht auch auf der Straße –, dass selbst Republikaner den Präsidenten unterstützten.

Ganz besiegen konnten die Agencies des New Deal weder die Wirtschaftskrise noch die Arbeitslosigkeit, selbst wenn sich die Lage in den USA natürlich drastisch verbesserte. Das wird von forschen Wirtschaftsliberalen heute ins Treffen geführt, um zu zeigen, dass staatliche Interventionen in die Wirtschaft grundsätzlich nichts bringen, vielmehr schaden. Andererseits kann ebenso gut argumentiert werden, dass die New Dealers zu wenig getan hätten. Roosevelt scheute vor konsquentem deficit spending zurück, träumte stets von einem ausgeglichenen Budget.

Wirklich beendet wurden Krise samt Arbeitslosigkeit erst durch den Krieg, besonders durch die rasante Aufrüstung seit dem Kriegseintritt der USA (1941). Auch dies wird als Argument gegen die Interventionen des New Deal herangezogen. Aber was ist ein Krieg, was ist Aufrüstung anderes als ein gigantisches Regierungsprogramm? Was da plötzlich möglich wird an deficit spending, an Wirtschaftsplanung, an Preiskontrollen! Dass viel von dem solcherart Produzierten anschließend verpulvert wird (im wahrsten Sinne des Wortes), das dürfte sich in diesem Falle sogar positiv auswirken. Man erinnert sich an den Vorschlag von Keynes, in einer Krise Geld in alten Bergwerken zu vergraben und Arbeitskräfte dafür zu bezahlen, es wieder auszubuddeln.

Eine deprimierende Erkenntnis bleibt: der unglaublich kleinliche, schäbige Geiz der Reichen, die zwar die Rettung der Wirtschaft in den ersten Tagen der Roosevelt-Amtszeit 1933 dankbar entgegennahmen (three days to save capitalism), dann aber nicht bereit waren, auch nur einen lausigen dime beizusteuern, wenn’s ums Elend der Menschen ging. Ganz im Gegenteil beklagten sie die Eingriffe des New Deal mit den pseudo-philosophischen Phrasen von Freiheit und Liberalismus und so. Das kennen wir heute ja bis zum Übelwerden.

Trotz aller Widersprüche, trotz allen Stückwerks stellte der New Deal eine fundamentale Wende in der Geschichte der Vereingten Staaten dar (und nicht nur dort): Eine völlig neue Sicht von der Rolle des Staates, von seiner Verantwortung. Er war nun bis zu einem bestimmten Maße für die Wirtschaft verantwortlich, vor allem aber konnte er nicht mehr zuschauen, wie es Massen seiner Bürger miserabel erging. Im Prinzip hat sich diese Anschauung bis heute erhalten, obwohl ab etwa 1980 versucht wird, sie zu untergraben. Für uns ist in diesem Zusammenhang noch etwas zu bedenken: Das positive Bild, welches wir nach 1945 von den USA hatten, die Leichtigkeit, mit der die Amerikaner unsere hearts and minds gewannen (und die Heftigkeit, mit der sie uns manchmal enttäuschten) – all das war und ist bloß denkbar aufgrund des New Deal, aufgrund des breit gestreuten Wohlstandes, den er ermöglichte. Das war das Bild, das wir von den Vereinigten Staaten hatten. Insofern gewann der New Deal fast schon globale Bedeutung – na ja, nicht ganz, aber sicher im damals so genannten Westen – und Franklin Delano Roosevelt käme so gesehen beinahe weltgeschichtliche Bedeutung zu.

Empfehlenswert? – Na ja. Man muss schon Interesse an den Details haben, am Hin und Her der politischen und juridschen Prozesse. Ist das der Fall, dann Ja.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).
William D. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

When Franklin D. Roosevelt assumed office in 1933, he and his administration took urgent steps to counter the severe economic and social crisis triggered by the Wall Street crash four years earlier. That was the beginning of a policy that would become known as the New Deal. The social crisis had indeed taken on disastrous proportions: millions upon millions of unemployed, up to a third of the workforce, and they had to survive without much support, if any. Many did not – they starved, quite literally, in what was supposed to be the richest country in the world.

The Roosevelt administration tried to alleviate the crisis by a whole bundle of measures. Many of these were carried out by specially created bodies known as the alphabetical agencies because of their acronyms: FERA, CCC, WPA, TVA. Not all of them met with approval. The massive expansion of government responsibilities and activities met fierce criticism. Inevitably, the dispute went to the Supreme Court, which did indeed slow down the march of the progressives. In the long run, however, it could not stop the New Deal.

It has to be said that Roosevelt himself seems to have been anything but a self-confident, self-assured political leader. At least, that’s the way William D. Leuchtenburg portrays the man. Roosevelt tended to procrastinate for long periods, hiding his own intentions and preferences partly for reasons of tactics but also because he himself was still vacillating.

None of this diminished his popularity. His fireside chats on the radio have become legendary. He was re-elected in 1936, then again in 1940, which was not only a sensation but definitely broke a taboo: „No man is good three times“, was his opponent’s campaign slogan. Nevertheless, he was elected yet another time in 1944 – but this is beyond the time span covered in this book.

Due to Roosevelt’s popularity, the Democrats dominated not only the House of Representatives but also the Senate, which was another precondition for the success of the New Deal. However, its thinking, its approach seemed to be in the air – or maybe on the streets – so that even Republicans began to support the president.

Not even the agencies of the New Deal were able to completely overcome the economic crisis or the ensuing unemployment, even if the overall situation improved drastically. Brash economic liberals have used the evidence ever since to argue that economic intervention by government is not just useless but downright damaging. On the other hand, it can just as well be argued that the New Dealers did too little. Roosevelt shied away from determined deficit spending, persistently chasing the dream of a balanced budget.

Economic crisis and unemployment were only really ended by the war, especially by rapid rearmament when the USA were drawn into the conflict (1941). This is used as another argument against the central planning by the New Dealers. But then war and rearmament are nothing if not gigantic bouts of government spending. The fact that a lot of it quite literally goes up in smoke might even have a positive effect in this case. One is reminded of Keynes’s proposal to bury money in old mines in a crisis and pay workers to dig it up again.

There is another lesson that endures, although it is rather depressing: the incredibly petty, shabby stinginess of the rich, who gratefully accepted emergency measures for the economy in the first days of the Roosevelt administration in 1933 (“three days to save capitalism”), but then were not prepared to contribute even a lousy dime when it came to alleviating the misery of the masses. On the contrary, they lamented the interventions by the New Deal with pseudo-philosophical phrases of freedom and liberalism and the like. Today, we’re bombarded by such phrases ad nauseam.

Despite all the contradictions and despite all the patchwork, the New Deal represented a fundamental turning point in the history of the United States (and not only there): a completely new view of the role of government, of its responsibility. Suddenly it was even responsible for the economy to a certain extent, but above all it could no longer stand by while masses of its citizens were suffering. In principle, this view has survived until today, although attempts to undermine it have been going on since around 1980. Austrians of my generation should remember one more thing: the way we admired the United States after 1945, the ease with which Americans won our hearts and minds (and the vehemence with which they sometimes disappointed us) – all this has only been possible because of the New Deal, because of the widespread prosperity it engendered. That was the image of the United States we had in mind. In this respect, the New Deal almost gained global significance – well, not quite, but certainly in what was then called the West – and consequently, Franklin Delano Roosevelt may come close to world-historical significance.

Recommended? – Well. Obviously you have to be interested in the details of the New Deal, in the hither and thither of political and legal processes. But if this is the case, then: yes.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Aljona mit die schmutzigen Füß’

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre

Also, eigentlich haben wir von diesem traurigen Kapitel schon genug gehört. Okay. Aber gelesen?

Die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die an der Veröffentlichung des notorischen Videos maßgeblich beteiligt waren, haben sich hingesetzt und ein Buch über eben dieses Video geschrieben, aber auch über die Geschichte, wie’s zur Veröffentlichung kam – und ein bisschen auch, wie’s danach weiterging. Das Buch beinhaltet somit zwei Erzählstränge, die alternierend dargeboten werden.

Was das Video betrifft sowie die damit zusammenhängende österreichische Politik, erfahren wir wenig Neues. Allerdings ist es nützlich, das Ganze schriftlich präsentiert zu bekommen, denn da nimmt man’s doch genauer und nachhaltiger auf, man kann zurückgehen, noch einmal lesen, nachschauen. Insofern leisten die beidem Journalisten einen durchaus nützlichen und wichtigen Dienst.

Die Erzählung, wie’s dazu kam, könnte auch interessant sein, leidet aber unter einem Mangel: Immer dann, wenn’s richtig spannend wird, brechen die Autoren ab – das dürfen wir nicht sagen, heißt’s dann, wir müssen unsere Quellen schützen. Das kommt so oft vor, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie überhaupt darüber schreiben. Nur um zu sagen, dass sie nichts sagen dürfen? Die Frage, wie’s zu der ganzen Affäre kam und wer dahintersteckt, bleibt somit unbeantwortet. Meine persönliche These: Strache wurde von seiner eigenen Partei hineingelegt, die ihn loswerden wollte. Unwahrscheinlich, ich weiß, aber andererseits – konnten die Beteiligten, kann irgendein Mensch wirklich so blind sein?

Die Affäre selbst ist in Österreich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Es gibt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, gewiss, aber da wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über den Inhalt des Videos. Der Protagonist, H. C. Strache, hat seither ziemlich erfolglos agiert, aber nicht so sehr wegen seinem Benehmen damals. Offenbar nehmen das viele Österreicher achselzuckend hin, obwohl eben hier doch der eigentliche Skandal liegt. Völlig unabhängig davon, ob Strache nun strafbare Handlungen angestiftet oder in Betracht gezogen hat – wenn ein österreichischer Spitzenpolitiker im Leiberl angeheitert dahin schwadroniert und dabei ganz locker das Land aufteilt (wie man so sagt), dann wäre das in jedem zivilisierten Land an sich schon schlimm genug. So jemand sollte beschämt in der Versenkung verschwinden. Wenn er’s nicht tut, dann erhebt sich die Frage, wie zivilisiert das betroffene Land eigentlich ist.

Aber schön – wir wollen nicht allzu puritanisch auftreten. Erinnern wir uns daran, wie wir die berühmten Video-Ausschnitte seinerzeit zum ersten Mal sahen. Ich lachte das ganze Wochenende über in mich hinein: Aljona mit die schmutzigen Füß’!

Also ehrlich: Wie kann man bloß so deppert sein?

Empfehlenswert? – Für Österreicher und Österreicherinnen auf jeden Fall, ja.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre: Innenansichten eines Skandals (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.

Mein Leben gehört mir

Bekanntlich läuft derzeit so etwas wie eine Kampagne, um jene strengen Paragraphen im österreichischen Strafgesetzbuch zu streichen oder doch wenigstens zu mildern, welche Sterbehilfe verbieten (auf Einzelheiten wollen wir uns hier nicht einlassen). Vor ein paar Tagen wurde ich zufällig Zeuge einer einschlägigen Diskussion im Fernsehen. Und da sagte der Verfechter der Sterbehilfe – seinen Namen hab’ ich leider vergessen, bitte um Entschuldigung –, folgenden Satz:

„Mein Leben gehört mir.“

Und er führte Begriffe wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit ins Treffen.

Nun ist es so, dass ich in dieser Angelegenheit auf seiner Seite stehe. Ich halte es für äußerst wichtig, dass Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie sich dazu entschließen. Gerade im Falle einer unheilbaren Krankheit, noch dazu womöglich in hohem Alter muss es diese Option einfach geben. Da geht’s nämlich um die Würde eines Menschen, um einen würdigen Abgang, wenn man so will. Ich sag’ das aus eigener Erfahrung – nicht weil ich selbst schon gestorben wäre (obwohl mich manche für einen schreibenden Zombie halten mögen), sondern eingedenk des Sterbens nächster Angehöriger.

Trotzdem zuckte ich bei dem Satz zurück: Mein Leben gehört mir. So kategorisch hätte ich das niemals ausgedrückt. Mit der angeblichen Eigenverantwortung und der Entscheidungsfreiheit möchte ich mich in diesem Falle erst gar nicht auseinandersetzen. Hier geht es um die Frage, ob unser Leben wirklich uns gehört, ausschließlich uns allein: genau so umfassend, wie das der Herr formuliert hat, und genau so ausnahmslos. Wir wollen einmal annehmen, er sei wirklich derart selbständig, derart eigenbestimmt, wie er den Eindruck erweckt. Aber selbst der tüchtigste self-made man ist doch nicht wirklich self-made, oder? Die Vorstellung ist einfach lächerlich, so eine Art masturbatorischer Parthenogenese. In Wirklichkeit kommt auch er aller Wahrscheinlichkeit nach in einem technisch bestens ausgestatteten Kreißsaal zur Welt, mit der Hilfe von Hebammen und Gynäkologen. In weiterer Folge gibt’s den Mutter-Kind-Pass, und dann Kindergarten, Schule, Universität. Aber selbst wenn unser Genie all das nicht in Anspruch nähme, dann bliebe immer noch der Schutz, den er genießt, von der Polizei über die Justiz bis hin zur Datenschutzverordnung. Strom, Wasser, asphaltierte Straßen. Sollte unser self-made man in weiterer Folge seinem Namen alle Ehre machen und Milliarden scheffeln, so ist auch dies nur möglich, weil die Gesellschaft (a) solches zulässt und (b) seinen Hort schützt.

Und dann will er daherkommen und behaupten, sein Leben gehöre ausschließlich ihm?

Wohlgemerkt: Ich will nicht das Gegenteil behaupten, keineswegs! Ich hab’ noch immer den sarkastischen Tonfall meines Vaters im Ohr, sehe sein süffisantes Grinsen, wenn er die Parole der Nazis wiederholte: „Nicht wichtig ist, dass du lebst, wichtig ist, dass Deutschland lebt!“ Nichts hätte mir besser beibringen können, wie idiotisch so ein Satz ist – und das von Kindesbeinen an.

Aber wenn etwas nicht weiß ist, dann muss es deswegen noch lange nicht schwarz sein. Tatsache ist doch, dass wir den Anderen sehr viel in unserem Leben schulden. Das mag die Familie sein, die nähere Umgebung, die Kommune, bis hin zur viel bemühten Gesellschaft, zum Staat (oder entsprechenden Einrichtungen, zum Beispiel der EU). Diese Schuld ist da, ob’s uns passt oder nicht. Und deshalb hat die Gesellschaft ein gewisses Recht auf unser Leben. Im Extremfall eines Krieges kann dies sogar ganz wortwörtlich zum Tragen kommen: Man denke bloß an Großbritannien und die USA im Zweiten Weltkrieg. Wenn sich die jungen Männer in diesen Demokratien damals auf den Standpunkt gestellt hätten, ihr Leben gehöre ausschließlich ihnen selbst, dann wären wir – meine Generation hier in Österreich – schön dagestanden.

Natürlich, das ist schon klar: Bis zu welchem Maß die Gesellschaft Rechte geltend machen darf, das ist Gegenstand einer andauernden Diskussion. Die Grenze wird sich ständig verschieben, möglicherweise unter heftigen Auseinandersetzungen. Aber einfach so: „Mein Leben gehört mir“? Nein, tut mir leid, so funktioniert das nicht.

Die Ego-Demokratie

Mit großartigen Worten und Konzepten sollte man vorsichtig umgehen: Wendezeit, zum Beispiel. Das haben wir schon öfter gehabt, aber bisher fiel eine solche Wende stets eher bescheiden aus. Das mag auch jetzt der Fall sein, wenn ich das Gefühl habe, wir stünden an einem einschneidenden Wendepunkt. Das Folgende wäre folglich mit Vorsicht zu genießen, und wenn Sie widersprechen, dann hab’ ich volles Verständnis.

Warum glaub’ ich also an eine Wende? Nun, in diesem Falle beziehe ich mich auf unsere Demokratie – das heißt, auf jene Ausgestaltung, wie wir sie seit 1945 gekannt und als selbstverständlich betrachtet haben; und damit stünden wir automatisch auch an einem Wendepunkt unserer Beziehung zum Staat.

Der zornige Widerstand gegen Corona-Maßnahmen entspringt unter anderem der (angeblichen) Zumutung, sich derlei – oder genauer: sich überhaupt irgendetwas – vom Staat vorschreiben zu lassen. Das beschränke die Freiheit des Einzelnen, heißt es, sein oder ihr Selbstbestimmungsrecht, die Wahlfreiheit, die Eigenverantwortung – wir kennen die Argumente zur Genüge. Mir scheint, dem liegt eine Auffassung zugrunde, wonach „Demokratie“ eine Veranstaltung zur Selbstverwirklichung des Individuums darstelle. Alles, was den Interessen dieses Individuums entgegenliefe, wäre demzufolge undemokratisch. Die Idee, dass es darüber hinaus eine zumindest ebenso bedeutende Instanz gebe, nämlich die kollektive oder von mir aus auch die gesellschaftliche – diese Idee erscheint völlig fremd, exotisch, wenn nicht gar bedrohlich. There is no such thing as society.

Es erscheint mir leicht verständlich, wie sich diese Auffassung entwickeln konnte. Seit langer, langer Zeit, eigentlich schon seit 1945 sind wir keiner ernstlichen äußeren Bedrohung unseres Gemeinwesens samt unserer Lebensart ausgesetzt gewesen. Damit konnte tatsächlich der Eindruck entstehen, strenge Maßnahmen, Zwang womöglich gar, seien unnötig und somit unzulässig.

Ich hab’ einmal versucht, dies in Form eines Bildes zu veranschaulichen: Auf einem Boot, das gemütlich auf ruhiger See dahin dümpelt, können sich die Passagiere in ihren Liegestühlen räkeln, sie können über den Kurs des Bootes debattieren und sich über den Kapitän und seine angeblich mangelhaften Fähigkeiten lustig machen, sie können sogar verlangen, dass alle seine Entscheidungen zuerst mit ihnen diskutiert werden. Das macht ja keinen Unterschied. Was aber, wenn Wellengang aufkommt? Womöglich gar Sturm?

Ursprünglich war Demokratie keineswegs primär fürs Individuum gedacht. Es ging um die Regierungsform. Und das hieß: Es ging um Herrschaft, um Macht. Was die Demokratie (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben) auszeichnet, das ist die Art und Weise, wie diese Herrschaft organisiert wird. Sie wissen schon: Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Abwählbarkeit der Regierenden und so weiter.

Der Einzelne kam da bestenfalls indirekt vor, indem er oder sie nämlich von den Grundrechten profitierte, von der Rechtsstaatlichkeit schlechthin. Ansonsten hatte er oder sie sich den Gesetzen, den Anordnungen demokratisch gewählter Regierungen zu unterwerfen, und zwar unabhängig davon, ob ihr oder ihm das passte. Auch diese Disziplin, dieser Gehorsam gehören zu den demokratischen Tugenden, anders würde eine Demokratie niemals funktionieren.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich diese Auffassung verständlicherweise verändert; sie musste sich ändern, könnte man geradezu sagen. Das lag eben an den ruhigen, durchwegs erfolgreichen und somit weitgehend problemlosen (oder -armen) Zeiten, durch die wir segelten. Je ruhiger, desto weniger wichtig erschien die staatliche Instanz und damit die Notwendigkeit von Disziplin, von Gehorsam. Und je weniger wichtig sie erschienen, desto mehr trat das Individuum in den Vordergrund. Sichtbares Zeichen waren zunächst die Volksbegehren, die ab den siebziger Jahren ständig zunahmen und an Bedeutung gewannen. Inzwischen sind wir aber schon so weit, dass erregte Demonstranten erbost ihr Recht einfordern, keine Maske zu tragen und andere nächtens im Gasthaus oder tagsüber im Bus nach Belieben anzustecken. Und wir nehmen das als gegeben hin: In einer liberalen Demokratie, heißt es dann, Gefahr für eben diese…

Da stehen wir heute. Nun bläst uns aber plötzlich Wind ins Gesicht. Die strikt individualistische Ego-Demokratie schrammt an der Wirklichkeit: Wir sehen uns einer Bedrohung gegenüber, die quasi von außen kommt, in diesem Falle von der Natur  – genau so wie übrigens die Klimakrise. Seit 1945 sind wir noch nie in einer derartigen Lage gewesen, sie ist also völlig neu. Daher wohl das Gefühl, wir befänden uns an einer Wende (obwohl es auch aus anderen Quellen gespeist wird). Und die Frage ist natürlich, wie die Ego-Demokratie damit fertig wird – wenn überhaupt.

Liberale Nasenlöcher

Um eines gleich von Anfang an klarzustellen: Es geht hier nicht um das Corona-Virus, um Pandemie oder auch nicht, es geht auch nicht um Gesetze, Verordnungen oder sonstige Maßnahmen, die in diesem Zusammenhang erlassen beziehungsweise verordnet werden – oder auch nicht. Ich werde mich hüten, in diese Debatte zu waten. Sie ist nämlich nicht nur fruchtlos, sondern inzwischen auch schon ziemlich öde.

Zugegeben: Es wird um die unbeliebte Maske gehen, den Mund-Nasen-Schutz (MNS); doch was der werte Leser oder die geschätzte Leserin von dieser Maske halten – oder auch nicht –, das spielt hier keine Rolle. Dafür oder dagegen, sinnvoll oder sinnlos: völlig belanglos.

Hier geht’s um etwas anderes. Gegen den Mund-Nasen-Schutz wird unter anderem auch mit folgendem Argument protestiert: Die Pflicht, eine Maske zu tragen, schränke die Freiheit des Einzelnen ein, sei somit unvereinbar mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie; zusammen mit anderen verordneten Maßnahmen gefährde sie diese sogar.

Und da, bei dem Wörtchen liberal, möchte ich doch Einspruch erheben. So, wie ich den Liberalismus verstehe – mit beschränkter Belesenheit und Auffassungsgabe, zugegeben, besonders im Vergleich zu unseren Konträren –, so wie ich also den Liberalismus verstehe, gibt es eine solche Unvereinbarkeit nicht. Eher im Gegenteil.

Gewiss, das grundlegende Prinzip des Liberalismus besagt, dass niemand legitimerweise gezwungen werden könne, etwas zu tun oder zu unterlassen, nur weil es für ihn besser ist, weil es ihn glücklicher macht, weil es nach der Meinung anderer weise oder gar richtig wäre. So zumindest der Klassiker des Liberalismus, John Stuart Mill (1806–73), in seinem Essay „On Liberty“. Das einzige, was wir in einem solchen Falle tun können, das sei ermahnen, argumentieren, überreden oder vielleicht beschwören. Aber Zwang, womöglich sogar Strafen – nein!

Bloß braucht man nicht lange mit einem Liberalen zu diskutieren, bis der abgedroschene Standard-Satz daherkommt: Meine Freiheit endet da, wo die Rechte des anderen anfangen. Ich will jetzt nicht drauf herumreiten, dass dieser Satz eigentlich sinnlos ist: Denn gerade in städtischen Ballungsräumen leben wir heute so dicht beisammen, dass praktisch jede Freiheit, die ich mir nehme, irgend jemand anderes Rechte verletzt. Weswegen das Prinzip gerne in drastischere Worte gekleidet wird, vorzüglich jene von Oliver Wendell Holmes: „The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins“ – das Recht, meine Fäuste zu schwingen, endet dort, wo die Nase des anderen beginnt. In der Praxis ist das zwar auch nicht gerade erhellend, ironischerweise passt es aber gerade auf die Frage der Maskenpflicht haargenau.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die Maske vorwiegend dem Schutze anderer dient, nicht unserem eigenen. Zumindest entnehme ich das den weitaus überwiegenden Äußerungen von Wissenschaftlern. (Ich weiß schon, liebe Konträre, ich weiß schon…) Sie soll verhindern, dass wir beim Atmen, Husten oder Niesen Bakterien und Viren in die Welt und somit anderen Menschen ins Gesicht schießen. Wenn dem aber so ist, oder wenn dem bloß so sein könnte, dann geht es eben nicht um das jeweilige Individuum selbst. Es geht um den Schutz anderer, in letzter Konsequenz der Gemeinschaft (schließlich haben wir’s mit einer Seuche zu tun). Und da – hört, hört! – da gelten, immer laut John Stuart Mill, andere Gesetze:

„Um dies“, nämlich Zwang und Strafe, „zu rechtfertigen, muss das Verhalten, von dem man abschrecken will, derart sein, dass es bei einem anderen Schaden hervorruft. Die einzigen Verhaltensweisen, für die das Individuum der Gesellschaft gegenüber verantwortlich ist, sind jene, welche andere berühren.“ Und in so einem Falle ist tatsächlich „die Gesell­schaft“ zuständig. Was meiner bescheidenen Meinung nach letztlich nur heißen kann: der Staat.

Was die notorische Maskenpflicht angeht, sollte die Sachlage somit ausnahmsweise einmal klar sein: Sie schützt andere. Deshalb hat „die Gesellschaft“ (der Staat) das Recht, das Tragen einer Maske anzuordnen und allenfalls Strafen zu verhängen. Von einer Einschränkung der Freiheit, einer Gefahr für den Liberalismus kann keine Rede sein: Denn mein Recht, Bakterien und Viren in die Luft zu niesen, endet an den Nasenlöchern meines Gegenübers. So gesehen, bestünde sogar eine moralische Pflicht, die Maske zu tragen, zumindest dann, wenn man als einigermaßen zivilisiertes, rücksichtsvolles Mitglied unserer Gesellschaft gelten will.

Womit sich natürlich nicht das Geringste ändern wird, nicht im wirklichen Leben. So, wie ich die überwiegende Mehrheit der Maskenmuffel einschätze, werden sie diese (oder ähnliche) Zeilen gar nicht lesen, und wenn, dann sind sie an solchen Überlegungen nicht im Geringsten interessiert. Aber wenigstens – so wünscht man sich als geplagter Leser – aber wenigstens in unseren Reihen, im Kommentariat könnten wir aufhören, so unbedacht von Freiheit und von liberal zu reden.

Die Zitate stammen aus dem Essay „On Liberty“ von John Stuart Mill, hier zit. nach der Ausgabe der Oxford Univerity Press (Óxford, 1998). Die Über-setzung stammt von mir selbst unter Zuhilfenahme von DeepL Über­setzer.

Volkstribune und Demagogen

Zum Populismus, ein weiterer Beitrag

Der folgende Ausschnitt stammt aus meinem langen Essay „Land der Lügen“, verfasst 2004/2005. Er bezieht sich auf Jörg Haider und die Erfahrungen, die wir damals mit seinem Populismus und seiner Demagogie gemacht haben.

Wer die angeblich herrschende „Klasse“, das herrschende System im Namen des „Volkes“ angreift, von dem würde man sich eigentlich erwarten, dass er dieses „Volk“ hinter sich hat, dass er wirklich und unbestreitbar für „das Volk“ spricht. Das ist Jörg Haider jedoch selbst am Gipfel seiner Erfolge nicht sonderlich eindrucksvoll gelungen. 27 oder 28 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer Nationalratswahl werden kaum jemanden davon überzeugen, dass hier „das Volk“ gegen eine „herrschende Klasse“ angetreten sei. Trotzdem blieben Haider und seine Paladine ebenso wie seine Verehrer und Verehrerinnen landauf, landab bei der Überzeugung, da sei ein ritterlicher Robin Hood gegen den bösen König und seinen Hof angetreten. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Nun, der erste und am nächsten liegende Schritt ist natürlich, das „Volk“ so zu definieren, dass es doch geschlossen hinter dem Volkstribun steht. Das „Volk“, das sind dieser Logik zufolge die Haider-Wähler. Und die anderen, immerhin eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit? Sie mögen zum Teil verblendet sein, entweder hoffnungslos, wie etwa intellektuelle Grün-Wähler, oder vorübergehend, verwirrt von der bösartigen Propaganda übermächtiger Volksfeinde, sodass sie entgegen ihren wahren Interessen abstimmten. Man sieht schon, auch der Volkstribun aus dem rechten Lager braucht das Manöver mit dem „falschen Bewusstsein“, genau wie der Marxist, um seine Fiktion vom „Volk“ und seinen Interessen aufrecht erhalten zu können.

Zu einem anderen Teil mögen sich die Stimmen für gegnerische Parteien aus dem Kreis jener rekrutieren, welche vom „herrschenden System“ profitieren: die „Privilegienritter“ und „Staatsschmarotzer“. Sie zählen ganz eindeutig nicht zum „Volk“, ganz im Gegenteil, sie stellen dessen Feinde dar, die Fremdkörper, welche „beseitigt“ werden müssen. Ihnen gilt der höchst dramatische, heroische Kampf der Volksbewegung.

Unter solchen Umständen stellen 27 oder 28 Prozent zwar noch immer kein überwältigendes Aufgebot dar, doch können jene, welche das wünschen, immerhin glauben, es handle sich um die Elite des „Volkes“, um die Kerntruppe, die Garde. (Oder gar die Avantgarde? Aber nein, das wäre denn doch zu linksintellektuell.)

Lieber weniger, dafür die Richtigen. „Ich will bloß die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu deklamieren, sehr zum Gaudium des Publikums. Am lautstärksten applaudierten jene, welche weder als fleißig noch als tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil; doch wenn sie sich zu Mitgliedern der Haider-Bewegung machten, dann durften sie das Diktum auch auf sich selbst beziehen, empfingen solcher Art also im Handumdrehen die Weihen des Fleißes und der Tüchtigkeit.

Derlei Auftritte veranschaulichten zugleich, wie sehr die Definition des „Volkes“ unweigerlich abhängt von dessen Feinden. Ohne gehässige Attacken ging und geht es da nicht ab, ja mehr noch, eben solche Attacken brachten die Zuschauer erst in Fahrt, da kam Stimmung auf, Johlen, Klatschen und Stampfen.

„Der sagt’s ihnen wieder eini, ha“, raunte uns einer der ortsbekannt „Fleißigen und Tüchtigen“ triumphierend zu.

Was „das Volk“ ist, formiert sich nicht einfach hinter seinem auserkorenen Tribun, womöglich aus vernünftigen Erwägungen heraus, vielmehr bedarf es eines gemeinsamen Kampfes, einer gemeinsamen Stoßrichtung, sowie des daraus resultierenden Wir-Gefühls: emotionale Aufrüstung. Deshalb waren und sind diese Volkstribune so häufig böse Demagogen: Volksaufwiegler und Volksverhetzer. Auch diese Gesetzmäßigkeit kennen wir spätestens seit den Tagen eines Georg Ritter von Schönerer oder der Dreyfus-Affäre in Frankreich.

Oberflächlich betrachtet, wendet sich die Hetze gegen „die da oben“, wäre in diesem Sinne also sozialrevolutionär. Das liegt allerdings gar nicht in der Absicht eines Demagogen von der rechten Seite des politischen Spektrums. Folglich kommt es darauf an, Ziele aufzustellen, die einerseits so aussehen, als handle es sich um „die da oben“, um Unterdrücker oder herzlose Profiteure, die andererseits aber für das „Volk“ leicht auszumachen sind, leicht zu identifizieren. Die Häme der Freiheitlichen richtete sich denn auch stets gegen irgendwelche – kaum je näher beschriebenen – Funktionärscliquen und Privilegienritter, daneben aber mit Wollust gegen linke Intellektuelle und so genannte „Gutmenschen“, gegen Beamte und, wie könnte es anders sein, gegen „Ausländer“, was in diesem Falle jedoch bloß bedeutete: gegen Menschen mit fremdartigem Aussehen – südlich, südöstlich, afrikanisch.

Über den Populismus haben wir uns hier bereits ein paarmal den Kopf zerbrochen: siehe Der Souverän, Populär wollen alle sein und Emotionale Mobilisierung.

Emotionale Mobilisierung

Über den Populismus, Teil II

Popularitätshascherei, so haben wir hier vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, ist nicht dasselbe wie jener Populismus, welchem wir derzeit in der Politik allerorten begegnen (Links am Ende des Beitrags). Das provoziert natürlich die Frage: Aber was ist dieser Populismus dann? Wodurch zeichnet er sich aus?

Es läge nahe, sofort das Volk ins Spiel zu bringen. Schließlich steckt selbiges in der vom Lateinischen abgeleiteten Bezeichnung: populus = das Volk. Pedantische Wortklauber haben uns schon längst und schon oft darauf hingewiesen.

Bloß haben lateinische oder auch griechische Wurzeln nichts damit zu tun, wie wir heute solche Wörter verwenden. So auch im Falle der Populisten. Die mögen sich zwar auf „das Volk“ berufen – oder auf den „Souverän“, wie wir hier auch schon beobachtet haben –, aber das ist immer bloß ein Propaganda-Schmäh; ebenso wie übrigens die Verwendung der ersten Person Plural: „Einer von uns“. Niemals, gar niemals – nicht einmal während der bolschewistischen Revolution in Russland, nicht einmal 1930–33 in Deutschland – ist es solchen Populisten in einigermaßen freien, fairen Wahlen gelungen, einen Anteil der Wählerstimmen auf sich zu vereinen, der dem Anspruch, fürs „Volk“ zu sprechen, einen gewissen Anstrich von Berechtigung verliehen hätte. In Österreich kam der Ober-Populist, Jörg Haider, bei Nationalratswahlen niemals über einen Stimmenanteil von 27 Prozent hinaus, und sein Nachfolger schaffte auch nie mehr als 26 Prozent.

So lässt sich der Populismus also nicht erklären. Aber wie dann?

Nun, ich glaube ein Wesenszug liegt darin, dass Populisten eine „Bewegung“ schaffen, welche Form die im Einzelnen auch annehmen mag. Sie geben ihren Anhängern also das Gefühl, einer Gruppe anzugehören, einer ziemlich fest gefügten, zusammen geschweißten Gruppe, samt allem, was dazu gehört – Kameradschaft, Wir-Gefühl.

Aber wie schafft man das?

Wie es scheint, bieten sich dazu zwei Strategien an, die parallel und zeitgleich zum Einsatz kommen: Zum einen muss man natürlich die Gruppe, die „Bewegung“ irgendwie definieren; möglichst so, dass sich die Mitglieder gut, ja sogar überlegen fühlen.

„Ich will nur die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu verkünden. Am heftigsten applaudierten jene, johlend und Füße stampfend, die keineswegs als fleißig und tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil – aber das nur nebenbei.

Wichtig ist darüber hinaus das Gefühl einer Bedrohung, folglich in einem Kampfe zu stehen. Dieser Kampf mag sich gegen „die da oben“ richten, gegen irgendwelche „Eliten“, oder gegen Feinde von außen: „Brüssel“ zum Beispiel, wie im Falle des britischen Brexit-Populismus.

Beides – die Glorifizierung der eigenen Gruppe und ihre angebliche Verwicklung in einen hehren Kampf – dient der Emotionalisierung; der emotionalen Mobilisierung, wie ich mich auszudrücken pflege. Und die ist so wichtig, weil dank ihrer die Menschen dazu gebracht werden, völlig irrational gegen ihre eigenen offenkundigen Interessen zu agieren, vor allem natürlich: bei der Wahl abzustimmen.

Unglücklicherweise ist der emotionalen Mobilisierung schwer zu begegnen. Ich hab’ manchmal das Gefühl, als sei seriöse demokratische Politik dieser Masche gegenüber völlig machtlos. Das mag der Grund sein, warum die Gründerväter unserer Zweiten Republik unermüdlich davor gewarnt haben – ohne, dass ich sie verstanden hätte. Aber sie hatten Dinge erlebt, die ich nicht mehr aus erster Hand mitbekommen hatte.

Was wir sehr wohl kennen, heutzutage, das sind die Themen, welche sich trefflich zur emotionalen Mobilisierung eignen: das Kopftuch; die Migration, Ausländer (aber nur ganz bestimmte); und natürlich, nach wie vor und immer wieder, der Nationalismus in all seinen Spiel- und Erscheinungsformen.

Darüber braucht, wie ich glaube, nicht viel gesagt zu werden, so offensichtlich ist’s. Was nicht bedeutet, der Populismus sei harmlos – ganz im Gegenteil.

Zur Popularitätshascherei siehe Populär wollen alle sein; des weiteren Der Souverän; und zum Brexit-Populismus vielleicht Wer vertritt die Wähler sowie Der Teufel steckt im Referendum.

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

[for an English version see below]

Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

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When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).