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Liberale Nasenlöcher

Um eines gleich von Anfang an klarzustellen: Es geht hier nicht um das Corona-Virus, um Pandemie oder auch nicht, es geht auch nicht um Gesetze, Verordnungen oder sonstige Maßnahmen, die in diesem Zusammenhang erlassen beziehungsweise verordnet werden – oder auch nicht. Ich werde mich hüten, in diese Debatte zu waten. Sie ist nämlich nicht nur fruchtlos, sondern inzwischen auch schon ziemlich öde.

Zugegeben: Es wird um die unbeliebte Maske gehen, den Mund-Nasen-Schutz (MNS); doch was der werte Leser oder die geschätzte Leserin von dieser Maske halten – oder auch nicht –, das spielt hier keine Rolle. Dafür oder dagegen, sinnvoll oder sinnlos: völlig belanglos.

Hier geht’s um etwas anderes. Gegen den Mund-Nasen-Schutz wird unter anderem auch mit folgendem Argument protestiert: Die Pflicht, eine Maske zu tragen, schränke die Freiheit des Einzelnen ein, sei somit unvereinbar mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie; zusammen mit anderen verordneten Maßnahmen gefährde sie diese sogar.

Und da, bei dem Wörtchen liberal, möchte ich doch Einspruch erheben. So, wie ich den Liberalismus verstehe – mit beschränkter Belesenheit und Auffassungsgabe, zugegeben, besonders im Vergleich zu unseren Konträren –, so wie ich also den Liberalismus verstehe, gibt es eine solche Unvereinbarkeit nicht. Eher im Gegenteil.

Gewiss, das grundlegende Prinzip des Liberalismus besagt, dass niemand legitimerweise gezwungen werden könne, etwas zu tun oder zu unterlassen, nur weil es für ihn besser ist, weil es ihn glücklicher macht, weil es nach der Meinung anderer weise oder gar richtig wäre. So zumindest der Klassiker des Liberalismus, John Stuart Mill (1806–73), in seinem Essay „On Liberty“. Das einzige, was wir in einem solchen Falle tun können, das sei ermahnen, argumentieren, überreden oder vielleicht beschwören. Aber Zwang, womöglich sogar Strafen – nein!

Bloß braucht man nicht lange mit einem Liberalen zu diskutieren, bis der abgedroschene Standard-Satz daherkommt: Meine Freiheit endet da, wo die Rechte des anderen anfangen. Ich will jetzt nicht drauf herumreiten, dass dieser Satz eigentlich sinnlos ist: Denn gerade in städtischen Ballungsräumen leben wir heute so dicht beisammen, dass praktisch jede Freiheit, die ich mir nehme, irgend jemand anderes Rechte verletzt. Weswegen das Prinzip gerne in drastischere Worte gekleidet wird, vorzüglich jene von Oliver Wendell Holmes: „The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins“ – das Recht, meine Fäuste zu schwingen, endet dort, wo die Nase des anderen beginnt. In der Praxis ist das zwar auch nicht gerade erhellend, ironischerweise passt es aber gerade auf die Frage der Maskenpflicht haargenau.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die Maske vorwiegend dem Schutze anderer dient, nicht unserem eigenen. Zumindest entnehme ich das den weitaus überwiegenden Äußerungen von Wissenschaftlern. (Ich weiß schon, liebe Konträre, ich weiß schon…) Sie soll verhindern, dass wir beim Atmen, Husten oder Niesen Bakterien und Viren in die Welt und somit anderen Menschen ins Gesicht schießen. Wenn dem aber so ist, oder wenn dem bloß so sein könnte, dann geht es eben nicht um das jeweilige Individuum selbst. Es geht um den Schutz anderer, in letzter Konsequenz der Gemeinschaft (schließlich haben wir’s mit einer Seuche zu tun). Und da – hört, hört! – da gelten, immer laut John Stuart Mill, andere Gesetze:

„Um dies“, nämlich Zwang und Strafe, „zu rechtfertigen, muss das Verhalten, von dem man abschrecken will, derart sein, dass es bei einem anderen Schaden hervorruft. Die einzigen Verhaltensweisen, für die das Individuum der Gesellschaft gegenüber verantwortlich ist, sind jene, welche andere berühren.“ Und in so einem Falle ist tatsächlich „die Gesell­schaft“ zuständig. Was meiner bescheidenen Meinung nach letztlich nur heißen kann: der Staat.

Was die notorische Maskenpflicht angeht, sollte die Sachlage somit ausnahmsweise einmal klar sein: Sie schützt andere. Deshalb hat „die Gesellschaft“ (der Staat) das Recht, das Tragen einer Maske anzuordnen und allenfalls Strafen zu verhängen. Von einer Einschränkung der Freiheit, einer Gefahr für den Liberalismus kann keine Rede sein: Denn mein Recht, Bakterien und Viren in die Luft zu niesen, endet an den Nasenlöchern meines Gegenübers. So gesehen, bestünde sogar eine moralische Pflicht, die Maske zu tragen, zumindest dann, wenn man als einigermaßen zivilisiertes, rücksichtsvolles Mitglied unserer Gesellschaft gelten will.

Womit sich natürlich nicht das Geringste ändern wird, nicht im wirklichen Leben. So, wie ich die überwiegende Mehrheit der Maskenmuffel einschätze, werden sie diese (oder ähnliche) Zeilen gar nicht lesen, und wenn, dann sind sie an solchen Überlegungen nicht im Geringsten interessiert. Aber wenigstens – so wünscht man sich als geplagter Leser – aber wenigstens in unseren Reihen, im Kommentariat könnten wir aufhören, so unbedacht von Freiheit und von liberal zu reden.

Die Zitate stammen aus dem Essay „On Liberty“ von John Stuart Mill, hier zit. nach der Ausgabe der Oxford Univerity Press (Óxford, 1998). Die Über-setzung stammt von mir selbst unter Zuhilfenahme von DeepL Über­setzer.

Volkstribune und Demagogen

Zum Populismus, ein weiterer Beitrag

Der folgende Ausschnitt stammt aus meinem langen Essay „Land der Lügen“, verfasst 2004/2005. Er bezieht sich auf Jörg Haider und die Erfahrungen, die wir damals mit seinem Populismus und seiner Demagogie gemacht haben.

Wer die angeblich herrschende „Klasse“, das herrschende System im Namen des „Volkes“ angreift, von dem würde man sich eigentlich erwarten, dass er dieses „Volk“ hinter sich hat, dass er wirklich und unbestreitbar für „das Volk“ spricht. Das ist Jörg Haider jedoch selbst am Gipfel seiner Erfolge nicht sonderlich eindrucksvoll gelungen. 27 oder 28 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer Nationalratswahl werden kaum jemanden davon überzeugen, dass hier „das Volk“ gegen eine „herrschende Klasse“ angetreten sei. Trotzdem blieben Haider und seine Paladine ebenso wie seine Verehrer und Verehrerinnen landauf, landab bei der Überzeugung, da sei ein ritterlicher Robin Hood gegen den bösen König und seinen Hof angetreten. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Nun, der erste und am nächsten liegende Schritt ist natürlich, das „Volk“ so zu definieren, dass es doch geschlossen hinter dem Volkstribun steht. Das „Volk“, das sind dieser Logik zufolge die Haider-Wähler. Und die anderen, immerhin eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit? Sie mögen zum Teil verblendet sein, entweder hoffnungslos, wie etwa intellektuelle Grün-Wähler, oder vorübergehend, verwirrt von der bösartigen Propaganda übermächtiger Volksfeinde, sodass sie entgegen ihren wahren Interessen abstimmten. Man sieht schon, auch der Volkstribun aus dem rechten Lager braucht das Manöver mit dem „falschen Bewusstsein“, genau wie der Marxist, um seine Fiktion vom „Volk“ und seinen Interessen aufrecht erhalten zu können.

Zu einem anderen Teil mögen sich die Stimmen für gegnerische Parteien aus dem Kreis jener rekrutieren, welche vom „herrschenden System“ profitieren: die „Privilegienritter“ und „Staatsschmarotzer“. Sie zählen ganz eindeutig nicht zum „Volk“, ganz im Gegenteil, sie stellen dessen Feinde dar, die Fremdkörper, welche „beseitigt“ werden müssen. Ihnen gilt der höchst dramatische, heroische Kampf der Volksbewegung.

Unter solchen Umständen stellen 27 oder 28 Prozent zwar noch immer kein überwältigendes Aufgebot dar, doch können jene, welche das wünschen, immerhin glauben, es handle sich um die Elite des „Volkes“, um die Kerntruppe, die Garde. (Oder gar die Avantgarde? Aber nein, das wäre denn doch zu linksintellektuell.)

Lieber weniger, dafür die Richtigen. „Ich will bloß die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu deklamieren, sehr zum Gaudium des Publikums. Am lautstärksten applaudierten jene, welche weder als fleißig noch als tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil; doch wenn sie sich zu Mitgliedern der Haider-Bewegung machten, dann durften sie das Diktum auch auf sich selbst beziehen, empfingen solcher Art also im Handumdrehen die Weihen des Fleißes und der Tüchtigkeit.

Derlei Auftritte veranschaulichten zugleich, wie sehr die Definition des „Volkes“ unweigerlich abhängt von dessen Feinden. Ohne gehässige Attacken ging und geht es da nicht ab, ja mehr noch, eben solche Attacken brachten die Zuschauer erst in Fahrt, da kam Stimmung auf, Johlen, Klatschen und Stampfen.

„Der sagt’s ihnen wieder eini, ha“, raunte uns einer der ortsbekannt „Fleißigen und Tüchtigen“ triumphierend zu.

Was „das Volk“ ist, formiert sich nicht einfach hinter seinem auserkorenen Tribun, womöglich aus vernünftigen Erwägungen heraus, vielmehr bedarf es eines gemeinsamen Kampfes, einer gemeinsamen Stoßrichtung, sowie des daraus resultierenden Wir-Gefühls: emotionale Aufrüstung. Deshalb waren und sind diese Volkstribune so häufig böse Demagogen: Volksaufwiegler und Volksverhetzer. Auch diese Gesetzmäßigkeit kennen wir spätestens seit den Tagen eines Georg Ritter von Schönerer oder der Dreyfus-Affäre in Frankreich.

Oberflächlich betrachtet, wendet sich die Hetze gegen „die da oben“, wäre in diesem Sinne also sozialrevolutionär. Das liegt allerdings gar nicht in der Absicht eines Demagogen von der rechten Seite des politischen Spektrums. Folglich kommt es darauf an, Ziele aufzustellen, die einerseits so aussehen, als handle es sich um „die da oben“, um Unterdrücker oder herzlose Profiteure, die andererseits aber für das „Volk“ leicht auszumachen sind, leicht zu identifizieren. Die Häme der Freiheitlichen richtete sich denn auch stets gegen irgendwelche – kaum je näher beschriebenen – Funktionärscliquen und Privilegienritter, daneben aber mit Wollust gegen linke Intellektuelle und so genannte „Gutmenschen“, gegen Beamte und, wie könnte es anders sein, gegen „Ausländer“, was in diesem Falle jedoch bloß bedeutete: gegen Menschen mit fremdartigem Aussehen – südlich, südöstlich, afrikanisch.

Über den Populismus haben wir uns hier bereits ein paarmal den Kopf zerbrochen: siehe Der Souverän, Populär wollen alle sein und Emotionale Mobilisierung.

Emotionale Mobilisierung

Über den Populismus, Teil II

Popularitätshascherei, so haben wir hier vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, ist nicht dasselbe wie jener Populismus, welchem wir derzeit in der Politik allerorten begegnen (Links am Ende des Beitrags). Das provoziert natürlich die Frage: Aber was ist dieser Populismus dann? Wodurch zeichnet er sich aus?

Es läge nahe, sofort das Volk ins Spiel zu bringen. Schließlich steckt selbiges in der vom Lateinischen abgeleiteten Bezeichnung: populus = das Volk. Pedantische Wortklauber haben uns schon längst und schon oft darauf hingewiesen.

Bloß haben lateinische oder auch griechische Wurzeln nichts damit zu tun, wie wir heute solche Wörter verwenden. So auch im Falle der Populisten. Die mögen sich zwar auf „das Volk“ berufen – oder auf den „Souverän“, wie wir hier auch schon beobachtet haben –, aber das ist immer bloß ein Propaganda-Schmäh; ebenso wie übrigens die Verwendung der ersten Person Plural: „Einer von uns“. Niemals, gar niemals – nicht einmal während der bolschewistischen Revolution in Russland, nicht einmal 1930–33 in Deutschland – ist es solchen Populisten in einigermaßen freien, fairen Wahlen gelungen, einen Anteil der Wählerstimmen auf sich zu vereinen, der dem Anspruch, fürs „Volk“ zu sprechen, einen gewissen Anstrich von Berechtigung verliehen hätte. In Österreich kam der Ober-Populist, Jörg Haider, bei Nationalratswahlen niemals über einen Stimmenanteil von 27 Prozent hinaus, und sein Nachfolger schaffte auch nie mehr als 26 Prozent.

So lässt sich der Populismus also nicht erklären. Aber wie dann?

Nun, ich glaube ein Wesenszug liegt darin, dass Populisten eine „Bewegung“ schaffen, welche Form die im Einzelnen auch annehmen mag. Sie geben ihren Anhängern also das Gefühl, einer Gruppe anzugehören, einer ziemlich fest gefügten, zusammen geschweißten Gruppe, samt allem, was dazu gehört – Kameradschaft, Wir-Gefühl.

Aber wie schafft man das?

Wie es scheint, bieten sich dazu zwei Strategien an, die parallel und zeitgleich zum Einsatz kommen: Zum einen muss man natürlich die Gruppe, die „Bewegung“ irgendwie definieren; möglichst so, dass sich die Mitglieder gut, ja sogar überlegen fühlen.

„Ich will nur die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu verkünden. Am heftigsten applaudierten jene, johlend und Füße stampfend, die keineswegs als fleißig und tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil – aber das nur nebenbei.

Wichtig ist darüber hinaus das Gefühl einer Bedrohung, folglich in einem Kampfe zu stehen. Dieser Kampf mag sich gegen „die da oben“ richten, gegen irgendwelche „Eliten“, oder gegen Feinde von außen: „Brüssel“ zum Beispiel, wie im Falle des britischen Brexit-Populismus.

Beides – die Glorifizierung der eigenen Gruppe und ihre angebliche Verwicklung in einen hehren Kampf – dient der Emotionalisierung; der emotionalen Mobilisierung, wie ich mich auszudrücken pflege. Und die ist so wichtig, weil dank ihrer die Menschen dazu gebracht werden, völlig irrational gegen ihre eigenen offenkundigen Interessen zu agieren, vor allem natürlich: bei der Wahl abzustimmen.

Unglücklicherweise ist der emotionalen Mobilisierung schwer zu begegnen. Ich hab’ manchmal das Gefühl, als sei seriöse demokratische Politik dieser Masche gegenüber völlig machtlos. Das mag der Grund sein, warum die Gründerväter unserer Zweiten Republik unermüdlich davor gewarnt haben – ohne, dass ich sie verstanden hätte. Aber sie hatten Dinge erlebt, die ich nicht mehr aus erster Hand mitbekommen hatte.

Was wir sehr wohl kennen, heutzutage, das sind die Themen, welche sich trefflich zur emotionalen Mobilisierung eignen: das Kopftuch; die Migration, Ausländer (aber nur ganz bestimmte); und natürlich, nach wie vor und immer wieder, der Nationalismus in all seinen Spiel- und Erscheinungsformen.

Darüber braucht, wie ich glaube, nicht viel gesagt zu werden, so offensichtlich ist’s. Was nicht bedeutet, der Populismus sei harmlos – ganz im Gegenteil.

Zur Popularitätshascherei siehe Populär wollen alle sein; des weiteren Der Souverän; und zum Brexit-Populismus vielleicht Wer vertritt die Wähler sowie Der Teufel steckt im Referendum.

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

[for an English version see below]

Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

***

When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).

Waldheim

Michael Palumbo, The Waldheim Files

[for an English version see below]

Waldheim? Warum ausgerechnet jetzt?

Nun, triftigen Grund gibt es keinen. Ich hab’ das Buch zufällig entdeckt, in einem second-hand bookshop in Bloomsbury. Mich interessierte, wie ein angelsächsischer Autor die Angelegenheit damals sah (das Buch erschien 1988). Außerdem war ich verblüfft, dass im englischen Sprachraum überhaupt eine einschlägige Untersuchung erschienen war. Ich hatte noch nie davon gehört, hatte es auch in keiner Bibliographie gefunden.

Über den Autor hab’ ich auch nur wenig herausfinden können. Wie es scheint ist er Jurist, lehrt oder lehrte an einer amerikanischen Universität. Lange vor der leidigen Waldheim-Affäre stieß er auf ein geheimes UN-Archiv über Kriegsverbrechen. Das weckte seine Neugier. Waldheims Name tauchte dort auch auf.

Also hat der biedere Österreicher doch Kriegsverbrechen begangen? Nein, sagt Palumbo. Die Akten, die seinerzeit vorlagen, deuten auf nichts Derartiges hin, sieht man von einer eindeutigen Fälschung ab, welche aus Jugoslawien stammt. So zeichnet Michael Palumbo ein Bild, das überraschend genau mit jenem übereinstimmt, welches ich mir damals gemacht habe: Waldheim war ehrgeizig, ruhm- und ehrsüchtig, wahrscheinlich auch ein ziemlich rückgratloser Karrierediplomat. Er hat seinen Dienst bei der Wehrmacht am Balkan verschwiegen und dann, als dieser schrittweise ans Licht kam, versucht zu lügen. Damit machte er sich natürlich verdächtig – er hatte sich das ganze Schlamassel schon auch selbst zuzuschreiben. Aber Kriegsverbrechen hat er keine begangen, weit davon entfernt. Nicht einmal ein Nazi dürfte er gewesen sein – im Gegenteil.

Palumbo äußert den Verdacht, Waldheim habe das gefälschte jugoslawische Dossier gefürchtet. Er habe sich erpressbar gefühlt. Eingedenk der schändlichen Medien-Kampagne von 1986 war die Furcht wohl nicht unbegründet. Außerdem hätten auch die amerikanische, die sowjetische und die israelische Regierung von dem Akt gewusst. Das sei mit ein Grund gewesen, warum sie ihn als UN-Generalsekretär wollten: Er war fügsam.

All das ändert nichts an der Schändlichkeit der Kampagne gegen ihn. Sie wurde vor allem von der Presse getragen, von der Boulevardpresse ebenso wie von seriösen Blättern. Letztere trugen durch sensationelle Schlagzeilen zur Aufheizung der Atmosphäre bei – insgesamt also kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

Empfehlenswert? Na ja – vorausgesetzt, man interessiert sich für dieses alte Thema, was nur bei wenigen der Fall sein wird, und notwendig ist’s auch nicht. Geschrieben wär’ das Buch nach anglo-amerikanischer Manier gut, flüssig und leicht zu lesen.

***

Waldheim? Why now, of all times?

Well, there’s no good reason. I found this book by accident in a second-hand bookshop in Bloomsbury. I was interested to see how an Anglo-Saxon author saw the matter at the time (the book was published in 1988). I was also amazed to learn that a relevant investigation had been published in the English-speaking world at all. I had never heard of it, nor had I found it in any bibliography.

I could hardly find out anything about the author. It seems he’s trained in law, lecturing or having lectured at an American university. Long before the Waldheim affair he came across a secret UN archive on war crimes. This aroused his curiosity. Waldheim’s name also appeared there.

So the good man from Austria did commit war crimes after all? No, says Palumbo. The files available at the time indicate nothing of the sort, apart from an obvious forgery that came from Yugoslavia. Michael Palumbo draws a picture that coincides to an astonishing degree with the one that I had arrived at myself at the time: Waldheim was ambitious, vain and glory seeking, probably also a rather opportunistic career diplomat. He concealed his service with the Wehrmacht in the Balkans and then, when it eventually came to light, tried to lie about it. Not surprisingly, this aroused nasty suspicions – he also had himself to blame for the whole mess. But he committed no war crimes, far from it. He was not even a real Nazi – rather the contrary.

Palumbo entertains the suspicion that Waldheim feared the forged Yugoslavian dossier. He felt vulnerable to blackmail. In view of the disgraceful media campaign of 1986, the fear may not have been totally unfounded. Moreover, the American, the Soviet and the Israeli governments also knew about the file. According to Palumbo, that was one of the reasons why they wanted him to be UN Secretary-General in the first place: He was compliant.

Still – nothing said so far can in any way justify the disgraceful campaign that was waged against him. Its main agent was the press, the tabloids as well as the serious papers. With their sensational headlines, even the latter contributed to the heated atmosphere. All in all, therefore, it was not one of journalism’s most glorious moments.

Recommended? Well – provided the reader is interested in such an old issue. I doubt many will be, and it’s certainly not necessary. On the other hand the book, true to Anglo-American convention, is well written, fluent, and therefore quite easy to read.

Michael Palumbo, The Waldheim Files: Myth and Reality (London: Faber and Faber, 1988).

Populär wollen alle sein

Populismus, darin werden wir uns hoffentlich einig sein, ist ein politisches Phänomen unserer Zeit. Wir sprechen von Rechtspopulisten, im Englischen auch von National Populism. Man denkt an den US-Präsidenten Donald Trump, and Boris Johnson und Nigel Farage, an Victor Orbán, an Recep Tayyip Erdoğan – und an Jörg Haider, an die FPÖ.

Die Aufmerksamkeit scheint derzeit aber eher dem Publikum der Populisten zu gelten, den Motiven, welche diese Menschen bewegen. Sofern’s darum geht, was wir nun eigentlich meinen, wenn wir vom Populismus sprechen, fallen die Antworten ziemlich vage aus, verschwommen. Das erste, woran meine Gesprächspartner bisher dachten, das war stets die Sache mit den sechs Monaten.

Gemeint ist: Im Wahlkampf vor den Nationalratswahlen von 1970 bediente sich die SPÖ unter Bruno Kreisky des Slogans: „Sechs Monate sind genug“. Das bezog sich auf den Präsenzdienst beim Bundesheer, der damals neun Monate dauerte – und der alles andere als beliebt war, besonders nicht bei jungen Männern. Dem Versprechen auf Wehrdienstverkürzung wurde folglich ein beträchtlicher Anteil am Wahlerfolg der SPÖ zugeschrieben.

Wie jeder, der sich ein bisschen für die Materie interessierte, nur zu gut wusste, waren sechs Monate nicht genug. Das würde einfach nicht funktionieren. Und tatsächlich wurden später, unter der sozialistischen Alleinregierung, aus den sechs Monaten dann acht: sechs Monate Grundwehrdienst plus zwei Monate Truppenübungen (oder alles in einem, für die so genannten Durchdiener).

In diesem Sinne also gilt jenes Versprechen – jener Schmäh, könnte man sagen – heute noch als Gipfel des Populismus. Bloß wage ich an dieser Stelle zu behaupten, dass er nichts mit dem zu tun hat, was wir gegenwärtig darunter verstehen. Jetzt steckt viel mehr dahinter.

An dieser Stelle scheint vielleicht ein klärender Einschub angebracht: Ich spreche keineswegs davon, was Populismus „wirklich ist“. Ich spreche bloß davon, was wir im Sinn haben, wenn wir das Wort verwenden. Das kann sich natürlich ändern. Wenn damals, 1970 und folgende, das Wahlversprechen der SPÖ als populistisch eingestuft wurde, dann war’s eben dies – so wurde das Wort zu jener Zeit verwendet (wie ich mich selbst erinnern kann und es selbst praktiziert habe). Doch wenn wir heute von Populismus reden oder schreiben, dann meinen wir etwas anderes.

Bleiben wir vorerst beim Populismus des Jahres 1970. „Sechs Monate sind genug“ war ein – nicht sehr ehrlicher – Slogan, um Stimmen zu gewinnen. Nun mochte man die Unehrlichkeit der SPÖ kritisieren, den Umstand, dass sie ihre Wähler hinters Licht führte. Grundsätzlich konnte man insofern nicht viel dagegen einwenden, als der periodische Kampf um Wählerstimmen mit zu unserer Demokratie gehört. (Ich sage: mit zu. Ihr Wesen macht dieser Kampf noch nicht aus, nicht alleine.) Alle Beteiligten, alle Parteien und Politiker, müssen also danach streben, populär zu sein. Da liegt die Versuchung billiger Geschenke, so genannter Wahlzuckerln nur zu nahe – vielleicht auch, ab und zu ein bisschen zu mogeln. Das ist schlicht und einfach Teil des demokratischen Wettbewerbs, somit Teil demokratischer Gepflogenheiten schlechthin (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben).

Aber Populismus im heutigen Sinne ist das nicht. Wir sollten daher eine neue Bezeichnung einführen. Popularitätshascherei vielleicht? Obwohl ich zugebe, dass das Wort ziemlich holprig daher kommt, nicht leicht von der Zunge geht. Oder Popularismus?

Wie auch immer – durch den neuen Namen wird die Vorgangsweise um nichts anständiger. Ihr haftet nach wie vor etwas Billiges, etwas Unanständiges an. Aber eine grundsätzliche Gefahr für die Demokratie (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben) stellt sie nicht dar.

Der Populismus (so wie wir ihn heute verstehen) tut das sehr wohl. Das ist der Knackpunkt der ganzen Angelegenheit.

Der Souverän

„Der Souverän hat gesprochen“, las ich jüngst irgendwo in einem Posting, wie’s heutzutag’ so unschön heißt. Gemeint war Boris Johnson mit seinem spektakulären Wahlsieg, und die Spitze richtete sich gegen jene, die ihn, den notorischen Lügner, als denkbar ungeeignete Wahl erachten. Dazu zählt neben vielen Kennern der Szene in Westminster (einschließlich prominenter Konservativer) auch Yours humbly, der Verfasser dieser Zeilen.

Der Souverän hat gesprochen.

Wirklich?

Die Konservative Partei erhielt bei den Wahlen zum Unterhaus genau 43,6% aller abgegebenen Stimmen. Das heißt, dass mehr als 56 Prozent all jener, die’s der Mühe Wert fanden zur Wahl zu gehen, nicht für Boris Johnson oder die Tories gestimmt haben. (Bei einer Wahlbeteiligung von 67,3% macht der Stimmenanteil der Tories 29,34% aller Wahlberechtigten aus.)

Wohlgemerkt: Ich spreche der Konservativen Partei, ich spreche dem Prime Minister keineswegs die Legitimität ihres Sieges und ihrer derzeitigen Parlamentsmehrheit ab. Ganz im Gegenteil. Diese Mehrheit resultiert aus dem britischen Wahlsystem. Und das gilt immer, unabhängig davon, wer gerade gewinnt oder verliert. Wenn’s nicht repräsentativ ist, dann liegt die Schuld nicht bei Boris Johnson, sondern beim System.

Aber der Souverän?

Doch steckt hinter dem Argument mit dem Souverän noch etwas anderes:

„Der Souverän hat immer Recht“, hat unser famoser Herbert Kickl jüngst im Parlament verkündet.

Wir wollen einmal davon absehen, dass dieser Satz an sich Unsinn ist. Nichts und niemand kann immer Recht haben. Das ist völlig unmöglich. Irren gehört zum menschlichen Dasein.

Trotzdem scheint sich die Anschauung breit zu machen – stillschweigend, unreflektiert – wonach politischer Erfolg bereits ein inhaltlicher Beweis sei. Mit politischem Erfolg kann man nicht diskutieren. Boris Johnson dürfe demnach eben kein Lügner, Schwindler und politischer Hochstapler sein – denn der Souverän hat immer Recht. Brexit dürfe eben nicht schädlich sein – denn der Souverän hat immer Recht.

Diese stillschweigende Annahme ist so mächtig, dass ich ihre Wirkung sogar in mir selbst verspüre. Dabei bin ich von Kindesbeinen an dazu erzogen worden, allem zu misstrauen, was mit „Volks-“ beginnt. Auch „Volkes Stimme“. Dafür hat meine Mutter gesorgt. Sie hat von 1938 an miterleben müssen, wie der Souverän dachte, redete und handelte. Und wie Recht doch der Souverän hatte!

Anmerkung als Nachsatz: Das mit dem Souverän gilt auch, wenn’s um den Brexit geht. Zählt man die Stimmen jener Parteien zusammen, die eindeutig für den Brexit eingetreten sind – „get Brexit done“ –, also die der Tories, der Brexit-Partei und von UKIP, dann kommt man auch bloß auf einen Anteil von 45,7%. Das ist weniger als der Anteil der Remainers beim Referendum.

Welcher Liberalismus?

Im Guardian lese ich, dass der russische Präsident Vladimir Putin anscheinend die Idee des Liberalismus für „obsolet“ hält. [1]

Schön und gut – oder schlecht (je nachdem). Aber welchen Liberalismus meint er?

Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie man zunächst annehmen möchte. Das ist mir selbst erst jüngst bewusst geworden, als ich zufällig wieder auf das alt-ehrwürdige Zitat des amerikanischen Soziologen Daniel Bell stieß, der seine Einstellung einst folgendermaßen beschrieb:

„A socialist in economics, a liberal in politics, and a conservative in culture.“

Wobei für ihn, vor US-amerikanischem Hintergrund, socialist natürlich so viel bedeutete wie: sozialdemokratisch.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur, dass sich viele Menschen genau so definieren würden – in den USA ebenso wie hierzulande, damals ebenso wie jetzt. Genau so bemerkenswert ist die Unterteilung, welche da zum Ausdruck kommt: wirtschaftlich–politisch–kulturell. Drei Dimensionen, könnte man sagen, drei Sphären. Und die Anschauungen, die Haltungen in diesen drei Sphären können durchaus unterschiedlich sein, ja sogar konträr!

Das spielt gerade beim Begriff des Liberalismus eine Rolle, der zur Zeit ja häufig, fast schon zu häufig in den Mund genommen wird beziehungsweise in den Schlagzeilen aufscheint. Daniel Bells Eigendefinition erinnert uns nämlich daran, dass es auch von ihm drei Arten gibt:

  • wirtschaftlicher Liberalismus,
  • politischer Liberalismus, und
  • kultureller Liberalismus.

Wirtschaftlicher Liberalismus ist das, was man heute als Neo-Liberalismus bezeichnet. Er zeichnet sich – unter anderem, versteht sich – dadurch aus, dass es ausschließlich um die Freiheit des wirtschaftlich handelnden Individuums geht. Der ist alles andere unterzuordnen.

Der politische Liberalismus bedeutet hingegen nichts weiter als: Demokratie. Politisch liberal bin ich dann, wenn ich für jene Art von Demokratie eintrete, wie wir sie in unserem Lande seit 1945 kennen und schätzen gelernt haben – und wie sie Karl R. Popper in seinem grundlegenden Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde beschrieben und untermauert hat. Nicht umsonst hat er bereits erkannt, dass die wirtschaftliche Freiheit um der politischen Freiheit willen eingeschränkt werden muss, gezügelt – daher sein „Ökonomischer Interventionismus“, wie wir ihn auf diesen Seiten hier schon einmal beschrieben haben. [2]

Man muss sich allerdings klar sein, dass politischer Liberalismus kein konkretes Programm enthält. Er stellt lediglich eine Verfahrensweise dar. Kein Fußballmatch, könnte man sagen, nur dessen Voraussetzungen und dessen Regeln.  Das gilt sogar für Parteien, die sich selbst Liberal nennen. Auch sie benötigen irgendein Programm – in der Regel wird’s natürlich wirtschaftsliberal sein, darüber hinaus mag es mehr oder weniger konservative, progressive oder ökologische Elemente enthalten. Aber Liberal an sich ist unmöglich – zumindest im Rahmen einer liberalen Demokratie.

Umgekehrt bedeutet das auch: Wenn von der liberalen Demokratie die Rede ist, so heißt das nicht automatisch wirtschaftsliberal. Eher im Gegenteil (siehe Popper). Verständlicherweise legen Neo-Liberale keinen Wert auf diese Unterscheidung. Die Verwirrung dient ihrer Propaganda.

Was den kulturellen Liberalismus angeht, so kann man von ihm nur eines mit Sicherheit feststellen: Der Begriff ist so schwammig, dass man ihn kaum zu fassen bekommt. Er umfasst so viele Bereiche – von Erziehung, Bildung und Schule über LGBT und Pluralismus, vielleicht gar Multikulturalismus bis hin zu Kunst und Literatur. Deshalb wird’s auch in dieser Sphäre kaum möglich sein, dass eine Person in allen Bereichen gleichermaßen liberal oder konservativ oder progressiv denkt.

Hier sei bloß eine Beobachtung eingefügt, die mich schon seit langer Zeit verwirrt: Zumindest im Bereich der Erziehung, des Schulwesens geben sich wirtschaftlich Liberale gern auch kulturell liberal. Sie sind also für progressive Pädagogik mit fröhlich lachenden Kindern, die glücklich durch Blumenwiesen laufen, alles nur Spaß und lustvolle Neugier, keine Langeweile, keine Anstrengung, keine Noten versteht sich, kein Leistungsdruck. Aber wie ist das mit der wirtschaftsliberalen Welt zu vereinen? Die schaut bekanntlich ganz anders aus, da gelten ganz andere Werte – und die werden ganz offen eingefordert. Also?

Aber das nur nebenbei. – Wichtig ist jedenfalls, dass man sich der drei Dimensionen des Liberalismus-Begriffs bewusst wird, und dass man jegliche Äußerung unter diesem Gesichtspunkt beurteilt: Welcher Liberalismus?

Man wird sehen: Das bringt erstaunliche Ergebnisse, erstaunliche Klarheit.

[1] „Western liberalism is obsolete, warns Putin, ahead of May meeting”, The Guardian, 28 June 2019.

[2] „Ökonomischer Interventionismus“, 10. Januar 2019.

Bernie Sanders

Er war mir natürlich längst ein Begriff – 2016 verfolgte ich verblüfft, ja beinahe schon hypnotisiert seine unglaubliche Beliebtheit im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Aber dass Bernie Sanders auch ein Buch geschrieben hat, das erfuhr ich erst dank seines denkwürdigen Auftritts jüngst bei Fox News – und dass er damit ebenfalls erfolgreich war: anscheinend hat’s ihm Millionen eingebracht! [1]

Also: Buch her, lesen. Our Revolution heißt es. Im ersten Teil schildert Sanders zunächst seinen Werdegang – er stammt aus Brooklyn –, dann eben jene Kampagne um die Nominierung. Das liest sich so spannend wie ein Krimi, unputdownable, wie’s auf Englisch heißt. Aber warum eigentlich? An sich sind politische Manöver doch keineswegs der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht werden, oder?

Ich glaube, Sanders’ Wirkung beruht auf zwei Dingen – das galt schon während seiner Auftritte 2016, und es gilt ebenso für sein Buch. Da ist einerseits das, was er sagt. Der Inhalt steht bei ihm stets im Vordergrund, nicht etwa die Public Relations. Schon das kommt einer Revolution gleich. Was er sagt, das hat’s aber auch in sich: Sanders hat die Gabe, Tatbestände klar, ganz trocken beim Namen zu nennen – Tatbestände, die im Grunde ohnehin jeder kennt, jeder weiß, die bloß so selten offen ausgesprochen werden. Dazu gehört etwa die obszöne Raffgier der Reichen und Superreichen; der gigantische Diebstahl öffentlicher Mittel durch die riesigen Konzerne, deren unglaubliche – und vollkommen undemokratische – Macht; der Umweltskandal; der Zustand der Gesundheitsversorgung; bis hin zur Ausbeutung verzweifelt arbeitender Lohnabhängiger, der grassierenden Armut, und das im reichsten Land der Welt!

Es kommt aber noch was dazu: Die emotionale Seite, wenn man so will – wie er’s sagt. Und da ist es eben nicht so, dass Bernie Sanders als polemischer Marktschreier auftritt. Ganz im Gegenteil. Er bleibt ruhig, sachlich, trotzdem aber engagiert, durchaus mit Gefühl. Doch dieses Gefühl – so vermittelt er – ist positiv, freundlich, lächelnd, ermutigend. Ich glaube, dass man (a) so was nicht spielen kann, nicht kalkulieren, und (b) dass es einen großen Teil seiner Popularität ausmacht.

Nicht nur im inner-demokratischen Wahlkampf von 2016 fiel Sanders die Rolle des David zu, der gegen einen Goliath kämpft; er hat das, scheint’s, sein ganzes politisches Leben lang getan, schon als er Bürgermeister von Burlington in Vermont wurde, später Kongressabgeordneter und Senator. Und er hat in all diesen Fällen viel mehr erreicht, als man zunächst hätte annehmen können. Ein David, ja – aber einer mit Erfahrung, um nicht zu sagen: ein existentieller.

 Über Sanders’ politisches Programm wird vielleicht noch zu sprechen sein, über seine klare Analyse, über seine Vorschläge. Vorerst nur so viel: Manches ist natürlich spezifisch US-amerikanisch; anderes könnte hingegen entweder eins zu eins oder aber mutatis mutandis auf Europa beziehungsweise auf Österreich angewandt werden, könnte hier vorgeschlagen werden. Insofern handelt es sich bei seinem Buch auch um eines, das politisch Interessierte hierzulande lesen müssten. Sanders lehrt uns, klar zu sehen, klar auszusprechen, selbst wenn’s der Schulweisheit von Politologen und Journalisten zufolge schädlich wäre. Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Wahrheit. Und um die Hoffnung: nämlich vielleicht doch noch etwas bewirken zu können, zum Besseren wenden.

Deshalb scheut sich Bernie Sanders auch nicht, von „unserer Revolution“ zu sprechen. Das mag in den USA einen anderen Klang haben als bei uns. Wir denken da gleich an die bolschewistische Revolution, Beginn einer gigantischen Katastrophe. Sanders knüpft an den Gründungsmythos der USA an: 1775, so sagt er einmal, haben geldgierige britische Aristokraten die Kolonien ausgebeutet und unterdrückt; heute sitzen die Unterdrücker, die Ausbeuter im Lande selbst. Deshalb bekennt er sich auch offen als Sozialist (womit in seinem Falle natürlich gemeint ist: als Sozialdemokrat). Doch das S-Wort, der Schulweisheit zufolge absolut tabu, hat ihm bisher nicht geschadet, eher im Gegenteil.

Wie wir wissen, ist er wieder in den Ring gestiegen für den nächsten Kampf – um die Nominierung der Demokratischen Partei im Sommer 2020. Wird’s ihm dieses Mal gelingen? Wird er den gleichen Enthusiasmus entfachen, denselben Schwung?

Man wird sehen. Immerhin scheint sich da eine Bewegung zu formieren, unter dem Namen Our Revolution (und als solche lässt sie sich leicht im Web finden). Aber gleichgültig, wie’s weitergeht: Ein bisschen etwas hat Bernie Sanders jetzt schon bewirkt, und sei’s bloß, indem er dieses Buch geschrieben hat.

Empfehlenswert? – Absolut, ohne Einschränkung, im Gegenteil: ein Muss, würd’ ich fast sagen. Das umso mehr, als das Buch auch auf Deutsch erschienen ist.

Bernie Sanders, Our Revolution: A Future To Believe In, paperback edn. (London: Profile Books, 2017).
deutsch: Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft (Berlin: Ullstein, 2017).

[1] Bernie Sanders draws enthusiastic cheers in surprising Fox News town hall.

 

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.