Archiv der Kategorie: Kultur

Lili Körber

Lili Körber in den dreißiger Jahren. © Nachlass Lili Körber

Lili Körber wurde 1897 in Moskau geboren. Dort war ihr Vater als Kaufmann tätig; er stammte aus Galizien (damals Teil des Habsburgerreiches), ihre Mutter aus Warschau (zum Russischen Reich gehörig). Lili Körber betrachtete Russland als ihre Heimat, sie sprach fließend Russisch, neben Deutsch und Französisch.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah sich die Familie Anfeindungen ausgesetzt, der Vater musste vorübergehend sogar ins Gefängnis. Die Familie floh über Berlin nach Wien, wo sie sich dauerhaft niederließ. Lili studierte zunächst in der Schweiz, sodann an deutschen Universitäten. 1925 promovierte sie im Fach Germanistik. Sie kehrte nach Wien zurück, wo sie in der Folge lebte, sofern sie nicht auf Reisen war.

Ihre erste nachgewiesene Veröffentlichung stammt aus dem Jahre 1927 und erschien in der Arbeiterzeitung. In der Folge publizierte sie auch in der Roten Fahne, dem Organ der Kommunistischen Partei. Das zeigt bereits ihre politischen Sympathien. Ob und wie lange sie Mitglied einer Partei war, ist nicht ganz klar. Ab 1933 fungierte sie als Funktionärin beim „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Österreichs“ (BPRSÖ), trat dort jedoch bald wieder aus. Wie mir scheint, schwankte sie in ihren Sympathien zwischen Moskau-treuen Kommunisten und Sozialdemokraten. Wohl aufgrund ihrer Russland-Besuche dürfte sie sich zunehmend von ersteren entfernt und letzteren angenähert haben. Als linientreue, ideologisch gefestigte Parteigenossin eignete sie sich gewiss nicht.

1930 besuchte sie die Sowjetunion und blieb fast ein Jahr lang dort. Für einige Wochen  verdingte sie sich als Arbeiterin in den Putilow-Werken in Leningrad. Sie bediente eine Bohrmaschine. Nach der Rückkehr berichtete sie davon in ihrem ersten Buch Eine Frau erlebt den Roten Alltag, das 1932 erschien.

Im Januar 1933 besuchte sie Berlin. Was sie dort beobachtete, das verarbeitete sie im Roman Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland. Das Buch erschien 1934 in Wien, wurde jedoch verboten – wegen Blasphemie. Inzwischen hat es unter dem Titel Die Ehe der Ruth Gompertz eine Neuauflage erfahren. 1935 unternahm sie als alleinstehende Frau eine Reise, die sie mit der Transsibirischen Eisenbahn bis Wladiwostok führte, von dort weiter nach Japan und China. Auch davon liegt ein Bericht vor, nämlich Begegnungen im Fernen Osten (1936). Dieses Buch ist 2020 ebenfalls neu aufgelegt worden; leicht aufzutreiben scheint es allerdings nicht zu sein.

Auf der Rückreise – wieder mit der Transsibirischen Eisenbahn – machte sie in Moskau Halt, um ihren Freund Franz Koritschoner zu überreden, die Sowjetunion zu verlassen. Offenbar sah sie die Gefahr, in welcher er schwebte, klarer als er selbst. Als kommunistischer Funktionär blieb er in Moskau, wurde prompt verhaftet, ins Lager gesteckt und später, nach dem deutsch-sowjetischen Pakt vom August 1939, an die Nazis ausgeliefert, die ihn 1941 in Auschwitz ermordeten.

Lili Körber gelang es, 1938 zunächst in die Schweiz zu flüchten. Dort erschien Eine Jüdin erlebt den Anschluss. In weiterer Folge gelangte sie über Paris und Lissabon in die Vereinigten Staaten, wo sie bis zu ihrem Lebensende (1982) blieb. Mit dem Schreiben ging’s drüben nicht mehr so gut, weswegen sie sich als Krankenschwester ausbilden ließ und in dieser Funktion arbeitete.

Amerika, Amerika
Ich sitze zwischen zwei Stühlen,
Der alten und neuen Welt,
Dort bin ich mit meinen Gefühlen,
Doch hier verdien ich mein Geld.
Dort schrieb ich glühende Verse
Und sang „Zur Freiheit, zum Licht!“
Hier spiel‘ ich auf der Börse
Und höre den Baseballbericht.
Oh neue Welt, die mir mein Ich zerriß,
Mein Selbstbewußtsein und mein Selbstvertrauen,
Du bist wie ein nicht passendes Gebiß,
Doch ohne Dich könnte ich nicht kauen.

Wie schon gesagt, sind ihre Werke bestenfalls vereinzelt in Umlauf; die meisten, scheint’s, überhaupt nicht. Ich hab’ die Ruth Gompertz gelesen sowie die Begegnungen, die wir zufällig in der Stadtbücherei in Innsbruck entdeckt haben. Eben erst ist ein antiquarisches Exemplar von Eine Österreicherin erlebt den Anschluss bei mir eingetroffen. Lili Körbers Bücher haben mich zutiefst beeindruckt: ihre umfassende Bildung, ihre Wachheit, was gesellschaftliche Beobachtungen angeht, aber auch – vielleicht am bemerkenswertesten – ihr treffsicherer Stil, manchmal geradezu leichtfüßig, quasi mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern. Niemals strenge politische Linientreue, immer mit einem Blick auf persönliche Beziehungen sowie auf das, was man heutzutage „Spaß“ nennen würde. Deshalb habe ich auch das Bild an den Anfang dieses Beitrags gestellt; es scheint mir ihr Wesen, soweit ich es aus doch recht beschränkter Lese-Bekanntschaft einzuschätzen vermag, treffend wiederzugeben.

Nach Österreich ist sie nicht mehr zurückgekehrt – leider. Wie hätten wir so eine Frau brauchen können!

Lili Körber, Die Ehe der Ruth Gompertz (Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1988). Erstmals erschienen 1934 unter dem Titel Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland.

Lili Körber, Begegnungen im Fernen Osten: Eine Reise nach Japan, China und Birobidschan im Jahre 1934 (Wien: Promedia, 2020). Erstmals erschienen 1936. 

Walter Fähnders, „Lili Körber“, 20er Jahre (Dezember 2016) <https://litkult1920er.aau.at/portraets/koerber-lili/> [heruntergeladen 24. Oktober 2021]. Dort auch das Gedicht „Amerika“, zit. nach Sigrid Schmid (exilarchiv.de).

Abb.: Lili Körber in den dreißiger Jahren. © Nachlass Lili Körber (Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main).

Alan Sokal, Beyond the Hoax

[for an English version see below]

Was ein hoax ist, das weiß ich ziemlich genau, allerdings nur auf Englisch; im Deutschen gibt’s kein entsprechendes Wort, nur Annäherungen, die mehr oder weniger gut passen. Der Autor, Alan Sokal, verwendet selbst mehrfach den Ausdruck parody, und mir scheint, das kommt dem Sachverhalt tatsächlich am nächsten. Wir wollen uns daher dieses Wortes bedienen.

Sokals Parodie wirbelte im Jahre 1996 einigen Staub auf. Zumindest bekam ich das als Konsument englischer Medien so mit. Der Physiker hatte nämlich Phrasen, Klischees, hochgestochene Formulierungen von Vertretern soziologischer Schulen – Postrukturalismus, Postmodernismus, Feminismus und so weiter – zusammengetragen und zu einem Aufsatz zusammengebaut, der wie eine wissenschaftliche Arbeit aussah, der jedoch nichts weiter war als eben dies: eine Parodie. Sokal reichte seine Arbeit beim Journal Social Text ein, und siehe da: Sie wurde angenommen und gedruckt. Er sah sich in der Folge genötigt, den Scherz selbst zu entlarven.

Besonders in England war die Schadenfreude groß. (Das Wort schadenfreude ist bekanntlich in die englische Sprache eingegangen, sicher kein Zufall.) Da wurden diese kontinentalen Soziologen mit ihrem hochtrabenden Jargon endlich einmal vorgeführt! Ich möchte gestehen, dass ich diese Schadenfreude teilte. Ich musste mich nämlich selbst mit solchen Leuten in meinem Bekanntenkreis herumschlagen.

Das vorliegende Buch nimmt diesen hoax wieder auf. Der berühmte Aufsatz steht am Anfang, nun aber ausführlich kommentiert und erklärt. Um ehrlich zu sein: Selbst diese Erklärungen sind mir noch zu kompliziert, vom ursprünglichen Text ganz zu schweigen: selbst jetzt, mit all den Erläuterungen, ist es mir unmöglich, die Parodie zu verstehen, geschweige denn zu goutieren. Und das gilt gleichermaßen für den Rest des Buches. Ich kann’s wohl lesen, aber verstehen?

Der Leser, die Leserin verdienen es trotzdem, dass ich zu erklären versuche, worum’s geht. Es handelt sich, ganz kurz und laienhaft gesagt, um den uralten Streit, ob wir mit unseren Sinnen die physische Realität um uns wahrnehmen und sinnvolle, objektive Aussagen darüber tätigen können – oder ob das alles nur eine Projektion, eine Konstruktion unseres Hirns, unseres Denkens ist. In diesem Falle wäre es unmöglich, objektive Aussagen zu treffen. Es ist alles in unserem Kopf. Und genau das ist der Kern des Streites: Für unsere -isten gibt’s logischerweise keine objektive Wahrheit, weder in der Naturauffassung, geschweige denn in kulturellen oder gesellschaftlichen Belangen. Alle Modelle sind gleichberechtigt, „Narrative“ wie’s heute heißt (wiederum unnötig hochgestochen, „Erzählung“ würde genügen).

Der Streit geht bis auf Platon zurück, wenn nicht weiter. Davon lebt die philosophische Disziplin der Epistemologie. Entschieden wurde er nie. Und meiner bescheidenen Ansicht nach wäre das schlicht unmöglich: Denn um zu beurteilen, wie unser Erkenntnisapparat und unser Denkapparat funktionieren, stehen uns ausschließlich diese zur Verfügung. Das heißt, wir entkommen niemals deren Eigenheiten und deren Beschränkungen.

„Du kannst dich noch so genau im Spiegel mustern, von oben bis unten, von links nach rechts, es wird doch immer Partien geben, die du nicht sehen kannst“, hat mir einmal jemand gesagt. Und genau in derselben Lage befinden wir uns in punkto Erkenntnistheorie. Im Falle der Spiegelbetrachtung wird das Problem gelöst, indem jemand anderer die Inspektion vornimmt. Der oder die sieht alle Stellen. Aber im Falle der Epistemologie gibt’s keine Anderen – denn das dürften dann ja keine menschliche Wesen sein. Also sind wir in unseren Beschränkungen gefangen, eingekerkert könnte man sagen.

Genau!, hör’ ich die Vertreter von Poststrukturalismus, Postmodernismus und aller sonstigen Post-Ismen triumphieren. Aber so hab ich’s nicht gemeint. Keinem von diesen Vertretern ist es jemals gelungen, mich zu überzeugen, so scharfsinnig ihre Argumente auch sein mochten. Ich war und blieb naiver Realist, bis heute. Insofern stimme ich Alan Sokal zu (obwohl er gewiss nicht naiv ist), immer vorausgesetzt ich kann ihn gerade verstehen. Das gilt am ehesten für jene Gebiete, auf denen ich mich ein bisschen auskenne: Religion, Kultur. Aber wie schon gesagt, entschieden ist die Auseinandersetzung damit nicht, weit davon entfernt.

Eine Einschränkung gibt’s allerdings schon: Wenn diese Ismen in der politischen Praxis anfangen, Unheil zu stiften. So wie zum Beispiel jetzt in Sachen Corona, Pandemie und Impfen. Unsere Sichtweise mag eine Konstruktion sein, okay, doch fragt sich, wie man ein Intensivbett mit einem um sein Leben ringenden Patienten konstruieren könnte. Oder besser noch: dekonstruieren? Unserer Sichtweise zufolge schaden Masken- und Impfgegner sehr vielen Menschen – und das ist auf jeden Fall unzulässig. Sag’ ich. Alan Sokal vermutlich auch. Viele andere hingegen nicht, wie wir wissen.

Empfehlenswert? – Ich zögere. Für Durchschnittsleser wie mich eine sehr, sehr schwere Lektüre, nur in kleinen Dosen genießbar, oder aber fragmentarisch, und das trotz aller Bemühungen des Autors, einfach und klar zu schreiben.

Alan Sokal, Beyond the Hoax: Science, Philosophy and Culture (Oxford: Oxford University Press, 2008).
Alan Sokal, Beyond the Hoax

I know quite well what a hoax is, although it’s not all that easy to explain. The author, Alan Sokal himself, uses the term parody several times, and it seems to me that this comes fairly close.

Sokal’s parody kicked up some dust in 1996. At least that’s what I noticed following English media. The physicist had collected phrases, clichés, highfalutin formulations from representatives of sociological schools – poststructuralism, postmodernism, feminism and so on – and assembled them into an essay that looked like a scientific paper but was nothing more than just that: a parody. Sokal submitted his paper to the journal Social Text, and lo and behold, it was accepted and printed. He subsequently felt compelled to debunk the hoax himself.

There was much schadenfreude, especially in England. (schadenfreude has famously entered the English language, surely not by accident). Those continental sociologists with their pompous jargon were finally shown up! I want to confess that I shared this schadenfreude. I had to deal with such people myself among friends and acquaintances.

This book takes up the hoax again. The original essay stands at the beginning, but now commented on and explained in detail. To be honest, even these explanations are too complicated for me. Not to mention the original text: even now, with all the explanations, it is impossible for me to understand the parody, let alone appreciate it. And that applies equally to the rest of the book. I can read it, but do I understand it?

The reader deserves at least an attempt at an explanation of what it’s all about. It is, very briefly and naively, about the age-old dispute as to whether we can perceive the physical reality around us with our senses and make meaningful, objective statements about it – or whether it is all just a projection, a ‘construction’ in our brain, our thinking. In that case, it would be impossible to make objective statements. It’s all in our heads. And that is precisely the core of the dispute: For our -ists, there’s logically no objective truth, neither in the conception of nature, let alone in cultural or social matters. All models are equally valid, ‘narratives’ as they are called today.

The dispute goes back as far as Plato, if not further. It has never been settled. And in my humble opinion, that would simply be impossible: because in order to find out how our cognitive system and our reason function, only these very tools are available to us. That means we can never hope to escape their characteristics and their limitations.

Someone once said to me, „No matter how closely you look at yourself in the mirror, from top to bottom, from left to right, there will always be parts you can’t see.” We find ourselves in exactly the same situation when it comes to epistemology. In the case of looking at mirrors, the problem is solved by having someone else do the inspection. He or she sees all the spots. But in the case of epistemology, there are no others – because they couldn’t be human beings. We are trapped in our limitations; imprisoned, you might say.

Exactly!, I hear the representatives of post-structuralism, post-modernism and all other post-isms triumph. But that’s not what I mean. None of these representatives has ever succeeded in convincing me, however astute their arguments may be. I’ve always been a naïve realist, even today. In this respect, I agree with Alan Sokal, always provided I’m able to understand the relevant passages. This is especially true in those fields where I know a little bit: religion, culture. But as I said before, the debate is not decisive, far from it.

There is, however, one exception: when these -isms start to cause mischief in our daily lives. As, for example, they do at present with Corona, pandemic and vaccination. Our majority view may be a construction, okay, but how could you ‘construct’ an intensive care unit with a patient fighting for his life? Or better still, how could you ‘deconstruct’ it? According to our view, opponents of wearing masks and getting vaccinated are harming a lot of people – and that is inadmissible no matter what you yourself may believe. At least that’s what I say. Alan Sokal probably does too. Many others, however, do not, as we know.

Recommended? – Well, I hesitate. For an average reader like myself the book makes incredibly difficult reading, to be consumed only in small doses or else fragmentarily, notwithstanding the author’s efforts to write simply and clearly.

Alan Sokal, Beyond the Hoax: Science, Philosophy and Culture (Oxford: Oxford University Press, 2008).

Gynäkologie und Liebe

Anmerkungen zur Germanistik

Professor Alfred Doppler ist hundert Jahre alt geworden. Tatsächlich. Kein Konjunktiv (wäre heute…). Nein! Hundert Jahre.

Aus welchem Anlass eine Festschrift erschien, wie sich’s gehört. Den solcherart angestimmten Jubel möchte ich gewiss nicht stören, ganz im Gegenteil – auch ich war seinerzeit begeistert vom Herrn Professor, es ging ja kaum anders, wenn man ihn live erlebte in seinen Vorlesungen. Er kam 1971 nach Innsbruck, als ich eben erst begonnen hatte, Germanistik zu studieren. Wir waren beide also Anfänger, in einem gewissen Sinne. Das war mir damals aber nicht bewusst. Der Schwerpunkt seiner Vorlesungen wie auch seiner Forschung lag auf österreichischer Literatur, vor allem jener aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wenn er über Hugo von Hoffmansthal sprach, oder über Trakl – das war schon beeindruckend, mitreißend geradezu! Und wenn ich sage, dass ich mich später von diesem Enthusiasmus entfernt habe, kritisch geworden bin, weniger ihm selbst gegenüber als vielmehr grundsätzlich gegenüber der Germanistik, der Literaturwissenschaft – wenn ich das sage, so kommt ihm immer noch das Verdienst zu, solche Kritik ermöglicht, ja sogar angestiftet zu haben.

Zunächst aber noch eine andere Anmerkung, ihrerseits einigermaßen ernüchternd: Der Liste der von Professor Doppler betreuten Dissertationen am Ende der Festschrift entnehme ich, dass eine Kommilitonin von damals ihre Doktorarbeit erst 1983 abgeschlossen hat. Ihr Leid pflegte sie mir nämlich schon 1973 oder 1974 zu klagen. Zu jener Zeit saßen wir des öfteren in der Mensa beisammen, manchmal trafen wir uns auch im Katzung. Sie kam aus Südtirol, war deshalb gezwungen zu dissertieren, weil der österreichische Magister in Italien nicht anerkannt wurde. So geriet sie in die Fänge von Professor Doppler. Der erwies sich nicht gerade als angenehmer Doktorvater, niemals zufrieden, verlangte immer neue Änderungen und Zusätze. Meine Kollegin war oft genug den Tränen nahe. Zwar nehme ich nicht an, sie habe fast zehn Jahre lang ausschließlich an ihrer Doktorarbeit geschrieben; eher heiratete sie inzwischen – sie betrachtete sich damals schon als verlobt –, vielleicht begann sie auch zu arbeiten. Aber trotzdem: zehn Jahre! Was für ein Elend! Akademisches Elend.

Doch fand ich in besagter Festschrift noch etwas: Da schreibt ein gewisser Josef Bernhard nämlich über „Metaphysik im Wienerwald“. Ein alter Germanistik- und Doppler-Student weiß sofort, wer oder was gemeint ist: Ödön von Horváth natürlich und sein fast gleichnamiges Stück. Und dabei geht’s ebenso natürlich um die Sprache, genauer: um deren Abwesenheit, um die Stille. Es geht, um’s kurz zu machen, wieder einmal um die von Germanisten so heiß geliebte Pause bei Horváth.

„Das oft in großen Gefühlen verkitschte Geplapper der Figuren“, schreibt Josef Bernhard des weiteren, „komponiert in der Tonart des Bildungsjargons…“

Fast hätte ich einen Freudenschrei ausgestoßen, als ich das las, wie wenn man einen alten Freund trifft, den man Jahrzehnte nicht gesehen hat. Die Formulierung gibt nämlich eine jener germanistischen Binsenweisheiten wieder, welche wir im Schlaf hätten herunter beten können. Nur sind inzwischen fast fünfzig Jahre vergangen – ein halbes Jahrhundert! Ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber ich persönlich hab’ in dieser Zeit doch die eine oder andere Erfahrung gemacht. Zum Beispiel diese hier, in einem boat train von Victoria Station nach Folkestone:

Nicht weit von mir sitzen zwei Frauen, Mutter und Tochter, wie ich annehme, ganz unüberhörbar aus Innsbruck. Die jüngere weint und schluchzt herzzerreißend. Dazwischen hervor­gepresste Satz­brocken – es geht um Liebe, wie ich mitbekomme, um einen Mann, den sie in England zurücklässt. Die üblichen Phrasen des Trostes, der Beruhigung: Jeder muss seinen Weg gehen. Wer weiß, wozu’s gut ist.

Die Phrasen sind so banal, dass ich mich innerlich winde. Aufgrund meiner germanistischen Schulung hätte ich annehmen sollen, dass da gar keine echten Gefühle zum Ausdruck kamen. Man weiß ja, restringierter Sprachcode, Versatzstücke, die Sprachlosigkeit der Kleinbürger, Franz Xaver Kroetz. Aber der Schmerz dieser Frau war eindeutig echt, ganz und gar unübersehbar. Wahrscheinlich war er stärker und ehrlicher als meiner gewesen wäre, in derselben Lage, und zwar gerade deshalb, weil ich sofort einen gebildeten Dialog mit mir selbst begonnen hätte. Alles schon einmal gelesen! Ganz zu schweigen von den psychologischen Requisiten, die wir so nebenbei hatten mitgehen lassen, und die uns in Extremsituationen genau so mechanisch über die Lippen kamen wie der Frau da ihre abgedroschenen Phrasen. Lehrstück für einen Germanisten: Wenn sich jemand nicht so aus­drücken kann wie eine feine Dame im Theaterfoyer, dann heißt das noch lange nicht, er oder sie könne nicht fühlen, nicht erleben. Snobistische Oberschichtspräpotenz.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob konkrete Erfahrung überhaupt eine Rolle spielen soll im literaturwissenschaftlichen Diskurs. Ob Literatur nicht rein ästhetisch zu lesen sei. Ich kann da nicht mitreden. Für mich hat Literatur einen Bezug zur Wirklichkeit, sagt uns etwas über Menschen, über die Art, wie sie miteinander umgehen – oder aber es handelt sich nicht um Literatur. Auf keinen Fall um lesenswerte. Ausnahme: vereinzelte avantgardistische Werke wie zum Beispiel die „Karawane“ von Hugo Ball. Vielleicht spielte sie deshalb eine so prominente Rolle in der einschlägigen Vorlesung von Professor Doppler. Wenn er das Gedicht vortrug – ein Ereignis, eine Sternstunde!

Als ich die Uni hinter mir gelassen hatte, erlegte ich mir so was wie asketische Exerzitien auf: die Literaturwissenschaft aus meinem System heraus zu schwitzen, bis ich wieder zum neugierigen, staunenden, lernenden Lesen früherer Tage zurückgekehrt war. Oder mich zumindest angenähert hatte. Dankbar darf ich feststellen, dass es mir gelang.

Was die Germanistik betrifft – na ja. Ich glaube, es war Hans Weigel, der einmal gesagt hat: „Die Germanistik verhält sich zur Literatur so wie die Gynäkologie zur Liebe.“

Wolfgang Hackl, Johann Holzner und Wolfgang Wiesmüller, Hrsg., Ein Festgeschenk: Jubiläumsschrift für Alfred Doppler zum 100. Geburtstag (Innsbruck: innsbruck university press, 2021). Die zitierte Stelle findet sich auf S. 30.

Die zitierte Passage stammt aus meinem Buch Crossings: Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen, Band 2 (edition inkpen, Berlin: epubli, 2016), S. 32–33. Dem Herrn Professor hab’ ich übrigens selbst ein kleines literarisches Denkmal gesetzt, und zwar in der Erzählung „Chandos“ in dem Bändchen Im Kennedyhaus (edition inkpen 2015).

Von den Opfern der kommerziellen Musikindustrie

„ … jene Moderne, die es zwar gibt, die vom Publikum akzeptiert und geliebt würde, die jedoch von den Opfern der kommerziellen Musikindustrie als zu anstrengend, von den subventionierten Avantgardisten hingegen als zu simpel abgetan wird.“ So Alois Schöpf in seinem Brief an die Egerländer-Fans, erschienen im schoepfblog am 13. August 2021.

Danke schön, Herr Schöpf! Melde mich hiermit zur Stelle, und zwar als ein solches Opfer.

Wie ich schon öfter dargelegt habe, bin ich irgendwann um 1965 oder ‘66 der damals so genannten Beat-Musik verfallen und nie mehr davon losgekommen, bis heute nicht. Während ich dies schreibe, läuft Sounds of the Sixties mit Tony Blackburn auf meinem Computer, eine wöchentliche Sendung von BBC Radio 2. Eben jetzt: „Let’s Dance“ von Chris Montez. Tolle Musik, nach wie vor!

Das Entscheidende in unserem Zusammenhang ist hingegen dies: Ich bin Zeit meines Lebens nie über diese Musik hinausgewachsen. An erzieherischen Versuchen hat’s wahrlich nicht gefehlt, und zwar von Eltern und Professoren ebenso wie von mir selbst. Aber nichts hat gefruchtet. Ich erinnere mich, wie mich meine Mutter im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren in ein klassisches Konzert mitnahm. Es sei an der Zeit, meinte sie. Aber ich konnte der Musik nicht folgen, beim besten Willen nicht. Meine Gedanken begannen zu wandern, dieses und jenes ging mir im Kopf herum. Und all die Zeit war ich festgenagelt auf meinem Sitz. Ein quälender Zustand, wie man sich vielleicht vorstellen kann, verschlimmert noch durch das Orchester. Was die spielten, das war ich unfähig als durchgehendes Musikstück wahrzunehmen. Daheim auf meiner Couch wär’s bequemer gewesen, bei Gott! Vielleicht während eines meiner selbst zusammengestellten Tonbänder im Hintergrund lief.

Genau so geht’s mir bis heute. Noch schlimmer sind Opern. Da kommt nämlich noch dazu, was ich bloß als Gekreische empfinde.

Natürlich bin ich mir der Bildungslücke bewusst, die sich da auftut. Wenn’s nach meiner Mutter ging, gehörte ein Verständnis, wenn nicht gar eine Vorliebe für klassische Musik einfach dazu. Man versteht: bürgerliche Bildung, bürgerliche Lebensweise.

An Erziehung hätte es also nicht gefehlt. Wenn überhaupt bei jemandem, dann hätte bei mir jener Mechanismus funktionieren müssen, der Alois Schöpf offenbar vorschwebt, wenn er „die mit öffentlichen Geldern finanzierten Musikschulen und Musiklehrer“ rügt, „denen es offenbar nicht gelungen ist, ihren Schülern einen einigermaßen treffsicheren Musikgeschmack zu vermitteln.“

Wir wollen uns ein Schmunzeln verkneifen, wenn da prompt wieder Lehrern und Schulen die Verantwortung zugeschoben wird. Das musste ja kommen, so sicher wie’s Amen im Gebet.

Allerdings setzt diese Sichtweise einen geradezu zwingenden Ablauf voraus, wie in der Mechanik: Volkstümliche Vorlieben + (gute) Lehrer = treffsicherer Musikgeschmack (wie auch immer der ausschauen mag). Wenn’s nicht funktioniert, wo liegt dann der Fehler?

Erraten.

Eben deshalb hab’ ich mich eingangs sofort zur Stelle gemeldet. Selbst wenn ich nur ein Opfer der Musikindustrie wäre – ich liebe meine Musik aus den Sixties, dazu noch ein kleines Stückchen nach hinten, fünfziger Jahre, und ein bisschen nach vorne, frühe Siebziger. Aber das war’s. Was anderes hat mich niemals interessiert, nicht wirklich. Was die Blasmusik angeht, auch die gehobene, so war ich ihr für meinen Geschmack viel zu oft ausgesetzt, heute kann ich sie einfach nicht mehr hören. Geht nicht mehr. Einzige Ausnahme vielleicht: Glen Miller und seine Big Band. Swing. Aber auch da bitte nicht zu viel!

https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-alois-schopf-an-die-egerlander-fans/

Charlie Watts

Wieder ein wehmütiger Abschied – Charlie Watts, der Schlagzeuger der Rolling Stones, ist gestorben. Immerhin wurde er achtzig Jahre alt. Er war das unauffällige Bandmitglied, keine Skandale, keine Boulevard-Schlagzeilen. Sein eigentliches Interesse galt dem Jazz. Trotzdem begleitete er die Stones nicht nur durch ihre gesamte Karriere, er sorgte auch, wie das in englischen Nachrufen formuliert wurde, für den beat einer Generation, einer ganzen Epoche. Dem würde ich durchaus zustimmen.

Wer hätte gedacht, dass ein Rolling Stone sterben könnte?

Damals, in den sechziger Jahren, zählten die Stones zu jenen Bands, deren Mitglieder man herunterradeln konnte, ohne nachdenken zu müssen: Mick Jagger, Keith Richard, Brian Jones, Bill Wyman, Charlie Watts. Nicht, dass wir das auswendig gelernt hätten. Wir wussten es einfach.

Charlie Watts stieß 1963 zu den Rolling Stones, nachdem er Brian Jones kennen gelernt hatte. Das Ergebnis waren, seiner eigenen Aussage zufolge, „four decades of seeing Mick’s bum running around in front of me.”