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Jede Menge Mord in Midsomer

Als wir jung waren, da haben wir über unsere Eltern gespöttelt, weil sie im Fernsehen bloß noch seichte Unterhaltung und Krimis sehen wollten. Wie konnte man bloß! Man musste sich doch mit der Welt auseinandersetzen, oder? Mit ihren Problemen!

Inzwischen selbst alt geworden, schauen wir zwar keine seichte Unterhaltung, dafür aber Krimis. Ich persönlich lieg’ fast jeden Abend vor dem Fernseher, hauptsächlich deshalb, weil ich nicht andauernd lesen kann. Da spielen meine Augen nicht mehr mit, sie fallen zu, ich entschlummere sanft. Leider viel zu früh am Abend.

Bei diesen Krimis sind wir allerdings wählerisch. Was schon gar nicht in Frage kommt, das sind brutale amerikanische Thriller mit Geschieße, Schlägerei, Grausamkeiten. Ähnlich ergeht es uns bei deutschen Krimis, zum Beispiel aus der Tatort-Serie. Die sind zwar nicht so gewalttätig, dafür nehmen sie sich selbst zu ernst.  Sie sind immer so schrecklich tragisch, tiefsinnig – halt Deutsch. Das wollen wir auch nicht mehr sehen.

Was also dann?

Nun, unsere Vorliebe hat sich auf englische Serien konzentriert, da allerdings auch nicht auf alle. Es gibt eine Art englischer Krimiserie, die mit einem gewissen Etwas daherkommt. Leichtigkeit wäre zu viel gesagt, obwohl sie mitspielt. Ebenso ein guter Schuss Ironie, Selbstironie. Sich selbst nicht hundertprozentig ernst nehmen.

Death in Paradise zum Beispiel. Handlung, Auflösung des kriminellen Rätsels sind (a) nicht besonders feinsinnig und laufen (b) völlig stereotyp ab. Aber das spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, das sind die liebenswerten Protagonisten. Für mich steht Dwayne Myers an erster Stelle. Von den wunderschönen weiblichen Protagonistinnen mit ihrem bezaubernden Charme möchte ich lieber nicht anfangen zu schwärmen: Camille, Florence sowie Camilles Mutter, Catherine. Dazu kommt die fröhliche karibische Atmosphäre. Wir können geradezu die feuchte Wärme spüren, wie sie dort den ganzen Körper umhüllt, herrliche Erinnerungen!

Eine Zeit lang liefen Agatha-Christie-Serien: Miss Marple zum Beispiel, oder Hercule Poirot. Agatha Christie garantiert gepflegte, geistvolle Krimi-Unterhaltung. Zur Zeit gibt’s (nicht von Agatha Christie) Miss Fishers mysteriöse Mordfälle. Dabei handelt es sich um eine australische Serie. Sie spielt in den zwanziger Jahren. Wenn schon nichts anderes, so ist die Garderobe der Protagonistin Phryne Fisher in ihrer Eleganz sehens- und beneidenswert. Des weiteren schauen wir gerne die Murdoch Myteries. Die spielen in Toronto in den 1890er Jahren. Und so weiter. Ich will mich nicht in Aufzählungen verlieren.

Es gibt nämlich eine Serie, die für mich fest im Mittelpunkt steht, und das ist der Inspektor Barnaby. Auf Englisch heißt sie Midsomer Murders. Midsomer ist jene fiktive Grafschaft, in welcher diese Kriminalfälle angesiedelt sind; Hauptstadt: Causton. Als Namensgeber diente die Ortschaft Midsomer Norton, die allerdings woanders, nämlich in Somerset liegt. Nicht nur stimmt die Landschaft dort nicht mit jener der Fernsehserie überein, auch der Charakter der Ortschaft dürfte ein völlig anderer sein. Dessen ungeachtet stahlen die ursprünglichen Autoren auch etliche der pittoresken Ortsnamen – Midsomer Magna zum Beispiel, oder Midsomer Morton. Abgesehen davon, gibt’s aber keine Verbindung zwischen dem wirklichen Midsomer Norton und dem fiktiven Midsomer im TV.

Es ist einmal errechnet worden, dass Midsomer in Anbetracht seiner Größe wahrscheinlich die fiktive Krimi-Örtlichkeit mit der höchsten Mordrate ist. Spielte sich das alles in Wirklichkeit ab, wäre längst der Notstand ausgerufen worden.

Im Mittelpunkt der Serie steht, wie das so üblich ist, der untersuchende Kriminalbeamte, in diesem Falle DCI (Detective Chief Inspector) Tom Barnaby. Ihm gehen wechselnde Assistenten zur Hand. Zunächst ist das DS (Detectice Sergeant) Gavin Troy, später DS Ben Jones. Weitere folgen. Des weiteren gibt’s Dr. George Bullard, den Gerichtsmediziner und Forensiker. Im privaten Bereich wäre zunächst Tom Barnabys Ehefrau zu nennen, Joyce, die ständig irgendwelchen mehr oder weniger ausgefallenen Aktivitäten nachgeht und solcher Art in manche der Mordfälle verwickelt wird. Sie ist eine meiner Lieblingsfiguren, I love her. Außerdem gibt’s die Tochter, Cully, die versucht, eine Karriere als Schauspielerin zu starten.

Der eigentliche Reichtum der Serie liegt jedoch in ihren Schauplätzen sowie den auftretenden Figuren. Gedreht wurde hauptsächlich in Oxfordshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und Bedfordshire. Dabei handelt es sich um so genannte Home Counties (außer Oxford, um pedantisch zu sein). Dementsprechend idyllisch sind die Lokalitäten: ein Haus pittoresker als das andere, wunderschön gepflegte Gärten, geschmackvolle Inneneinrichtung. Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass es auch Ausnahmen gibt; aber sie erscheinen doch recht dünn gesät. Und diese Häuser, diese Ortschaften samt village green und village pub werden von Leuten bevölkert, die in ihrer Exzentrik durchaus als typisch bezeichnet werden dürfen (oder zumindest: nicht untypisch).

Tatsächlich hab’ ich immer das Gefühl, all diese Lokalitäten schon einmal gesehen zu haben, all diesen Figuren schon begegnet zu sein. Dabei bin ich an den eigentlichen Drehorten gar nicht heimisch, bin an den meisten nie gewesen. Mein home turf, meine englische Heimat findet sich in West Berkshire sowie Wiltshire, also ein bisschen weiter westlich. Das macht aber keinen Unterschied. Wenn ich Midsomer Murders schaue, fühlt sich das an wie eine Heimkehr.

Typisch also gerade wegen ihrer Exzentrik: Besucher aus unseren Breiten zeigen sich immer verblüfft vom Ausmaß, in dem sich Engländer und besonders Engländerinnen individuell kleiden, ohne Rücksicht auf die Mode oder das Urteil der Mitbürger – die sich allerdings eines solchen Urteils enthalten. Each to his own. Ich kann mich erinnern, wie meine Freundin Trish eines Jahres, bereits über sechzig Jahre alt, mit kurz geschnittenen, kräftig violett gefärbten Haaren beim Festival Ways With Words in Dartington Hall aufkreuzte. Dieses Festival, seine Teilnehmer sowie die Location würden sich übrigens als ideale Schauplätze für Midsomer Murders-Folgen anbieten. Aber das nur nebenbei. Trish’s knalliges Erscheinungsbild fiel jedenfalls in Dartington Hall kaum auf. Erst als wir eines Abends in einem etwas entfernt liegenden Pub saßen und aufs Essen warteten, erregte sie die Aufmerksamkeit eines Kindes am Nebentisch. Es konnte sich kaum beruhigen, so sehr sich seine Eltern auch bemühten.

Midsomer Murders ist eine höchst populäre Serie, nicht nur bei uns, sondern ebenso in England. Es fragt sich, was sie so beliebt macht. Eine einfache Antwort wird’s, glaube ich, nicht geben. So viele Morde sich da ereignen, und so brutal sie zum Teil ausgeführt werden – was man freilich nie zu sehen bekommt –, irgendwie fehlt der brutale, der tödliche Ernst anderer Serien. Ich möchte nicht behaupten, da sei Ironie im Spiel, aber doch ein gewisser Charme (wenn man den scheinbaren Widerspruch tolerieren will). Da ich die Episoden nun bereits das zweite oder gar dritte Mal sehe, stehen die Kriminalfälle gar nicht mehr im Vordergrund, sondern eigentlich das Verhalten der diversen Gestalten. Das könnte ich mir gut und gerne noch ein paar Mal anschauen.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zu diesem Wieder-Sehen: Zunächst sollte ich betonen, dass ich sehr wohl erkennen kann, wenn ich eine Folge schon gesehen habe. Aber was ihren Inhalt betrifft, wie sie verläuft, wer sich schließlich als Bösewicht entpuppt – das hab’ ich in den meisten Fällen vergessen. In diesem Sinne sehe ich die Episode also zum ersten Mal. Aber nicht ganz: Ich leide nämlich nicht mehr unter unerträglicher Spannung, ich brauch’ mich nicht mehr zu fürchten. Das stellt einen Vorteil dar, welcher nicht zu verachten ist!

Unabweisbar fällt mir Alfred Hitchcock ein, der Meister filmischer Spannung. Im Privatleben, so habe ich einmal gelesen, ertrug er absolut keine Spannung. Nicht die geringste. Er konnte es nicht einmal ertragen, am Morgen, wenn er das Haus verließ, nicht zu wissen, was es zu Mittag zum Essen gab!

Zurück nach Midsomer. Eine Bekannte hat kürzlich leicht verächtlich gemeint, die Serie befriedige die nostalgische Sehnsucht der Engländer nach einer vergangenen Idylle. Das stimmt insofern, als die Idylle nicht nur da ist, sondern vor allem unübersehbar. Aber das bildet doch nicht die ganze Wahrheit. Man nehme bloß die bereits erwähnten Häuser: Jedem Engländer ist völlig klar, dass die Personen, so wie sie dargestellt werden, in Wirklichkeit niemals in solch teuren Liegenschaften wohnen, geschweige denn solche besitzen könnten. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung des Lebens in diesen Ortschaften – National Trust-Dörfer, bin ich versucht, sie zu nennen –, allerdings ist diese Darstellung so offensichtlich idealisiert, dass sie beim besten Willen nicht ernst genommen werden kann. Das, so glaube ich, ist ein wesentlicher Bestandteil der Serie: Die Engländer sehen zwar die Idylle, sie erkennen sie auch als solche, und sie lassen sich allzu gerne von ihr verführen – aber gleichzeitig erkennen sie auch das Künstliche, und so können sie gar nicht anders, als über ihre eigene Nostalgie zu lächeln. Was sie sehen, ist nicht nur typisch englisch (zumindest typisch für die Home Counties), es ist allzu typisch. Aus dem Bewusstsein dieser Doppelbödigkeit ergibt sich jener gute Schuss Ironie, mit welcher die Serie konsumiert werden sollte – und die ihren eigenartigen englischen Charme ausmacht.

Ihre Popularität hat dazu geführt, dass sie auch nach Ausscheiden von John Nettles, dem Darsteller des Tom Barnaby, weitergeführt wurde. In unserem Fernsehen läuft sie bis heute. Wenn der Vorrat an Episoden erschöpft ist, fangen sie von vorne an. Mein einziger Wunsch: auch andere Serien wieder bringen! Lewis, zum Beispiel, oder Inspector Lynley. Im englischen Fernsehen gibt’s übrigens noch mehr Serien von der Art, wie ich sie hier angepriesen habe. Meine Favoriten: New Tricks, oder (gleichrangig) Foyle’s War, das während des Zweiten Weltkrieges spielt. Die Nachstellung dieser vergangenen Welt, dieses period drama, das gehört eindeutig zu den Stärken des englischen Fernsehens.

Genug der Lobgesänge. Wie weit gestreut die Popularität von Midsomer Murders ist, möge folgende Episode verdeutlichen: Da wurde einmal die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Staatsbesuch im Vereinigten Königreich erwartet. Der Premierminister damals war David Cameron. Merkel äußerte einen speziellen Wunsch: Sie wollte John Nettles kennenlernen, den Darsteller des Inspector Barnaby.

Aus nicht näher genannten Gründen kam das Treffen nicht zustande. Die deutsche Bundeskanzlerin wurde mit einem DVD-Set abgespeist. Eigentlich ein Affront, wenn man’s recht bedenkt, obwohl Angela Merkel in ihrer bekannt geduldigen Art keinerlei Reaktion zeigte. Aber um derart arrogant unhöflich (oder gar grob) zu sein, dazu braucht es wohl Eton, Oxford und den Bullingdon Club.

Alpenfeuilleton

Brecht, nach Westen blickend

Da steht er, der große Meister, im Garten seiner Villa in Ostberlin, Zigarre im Mund, und schaut – nach Westen.

Zumindest seh’ ich ihn so vor meinem geistigen Auge. Die Villa hat er vom Regime der DDR bekommen, klar, samt Garten, was für ein Privileg! Zusammen mit einem kompletten Theater inklusive Geld für vertrackte Produktionen. Der Goldene Käfig.

Aber er schaut nach Westen. Er beobachtet scharf, was dort vor sich geht, kritisiert es scharfzüngig, in geistvoll-dialektischer Anwendung von Marx, Engels und Lenin.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Im Westen.

Was hinter seinem Rücken liegt, das nimmt er nicht wahr. Nie, gar nie verliert er auch nur ein Sterbenswörtchen darüber. Das endlose Massaker seit der so genannten Oktoberrevolution von 1917 (eigentlich der Putsch einer verschworenen, skrupellosen Bande). Heute ist uns das bekannt und, wie ich hoffe, auch bewusst. Gerade dieser Tage: Die Zwangskollektivierung in der Ukraine (1929–1933), die zwischen 5 und 9 Millionen Todesopfer forderte. 5 bis 9 Millionen! Und dann der Große Terror, ebenfalls etliche Millionen. Und so weiter. Die Geschichte der Sowjetunion bietet sich dar als eine Geschichte von Terror, Folter, Lagerhaft; schlimmer noch: von Massenvertreibung, Massenverhaftung, Massenvernichtung. Das zog sich hin bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Aber nein – dazu hat Brecht nichts zu sagen. Nicht einmal verdrehte Zweideutigkeiten. Nichts.

Doch halt – das ist jetzt vielleicht unfair.

„Unsere Gegner sind die Gegner der Menschheit“, hat er einmal geschrieben (in den Anmerkungen zur Mutter). „Sie haben nicht ‘recht’ von ihrem Standpunkt aus: das Unrecht besteht in ihrem Standpunkt. Sie müssen vielleicht so sein, wie sie sind, aber sie müssen nicht sein.“

Das ist – wenn Sie mich fragen – die Verharmlosung von Massenmord, wenn nicht gar die Aufforderung zu selbigem, obgleich dieses Mal nicht in Form des Genozids, sondern in Form des Soziozids. Nicht Rassenvernichtung, sondern Klassenvernichtung.

Brecht hat immer bestritten, jemals Mitglied einer kommunistischen Partei gewesen zu sein. Daher das kategorische Nein vor dem House Committee on Un-American Activities. Dieses Nein ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Ach, die ungebildeten Amerikaner, wie können sie nur so primitiv fragen! Brecht wird bis heute für seine Antwort bewundert, und dass sie einmal hinterfragt worden wäre, das ist mir bis dato noch nicht untergekommen.

Aber selbst wenn es technisch zuträfe, dass er nie irgendeiner kommunistischen Organisation angehört habe, so enthält die Antwort doch eine gigantische Lüge. Brecht war deklarierter Kommunist; er diente als Aushängeschild, als Star der Propaganda; er unterstützte die jeweilige Parteilinie, ließ niemals einen abweichenden Standpunkt verlauten. Wenn überhaupt, erfolgte das vielleicht im privaten Kreise in fein geschliffenen, fünffach geschraubten dialektischen Sentenzen. In der Öffentlichkeit galt er als deklarierter Parteigänger, ganz ohne Wenn und Aber. Wer, bitte schön, wenn nicht er?

Aber seine Version des Kommunismus gestaltete sich akademisch ebenso wie literarisch vollkommen pur. Massaker, Inhaftierung, Folter, Deportationen: das kam da nicht vor. Das war alles im Land hinter seinem Rücken geschehen, davon nahm er nichts zur Kenntnis. Hätte ja auch schlecht zusammengepasst mit seiner Verehrung der „Klassiker“, mit seiner Vorstellung vom Klassenkampf, mit seiner Weltsicht schlechthin. Eines der gigantischsten Menscheitsverbrechen, nicht bloß des 20. Jahrhunderts – und er hatte nichts dazu zu sagen.

Bei westlichen Intellektuellen, Literaten, Germanisten, Kritikern, Verlegern – da genoss er höchstes Ansehen und genießt es bis heute. Fast schon ein Heiliger, eine Ikone. Manche seiner Aperçus gehen geradezu automatisch über die Lippen:

„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

Hat sich je irgendwer überlegt, wie dieser Satz wirkt, wenn er auf Brecht selbst angewandt wird? Es mag wohl sein, dass er die Wahrheit nie ausgesprochen als Lüge bezeichnet hat (obwohl man sich da ohne entsprechende Recherche nicht so sicher sein sollte). Aber was ist mit dem, der die Wahrheit weiß, sie aber konsequent verschweigt?

Brecht gilt als der denkende Mensch schlechthin; dessen Leben, wie Max Frisch einmal beobachtet haben will, in einem Ausmaß vom Denken bestimmt wurde, das einmalig gewesen sei.

Wozu Friedrich Dürrenmatt anmerkte:
„Brecht denkt unerbittlich, weil er an vieles unerbittlich nicht denkt.“

Bertolt Brecht, „[Aus den] Anmerkungen zur »Mutter«“, Über Politik auf dem Theater, hgg. von Werner Hecht (edition suhrkamp 465, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971), S. 30–36; 33. Verfasst 1932 bzw. 1936.
(schoepfblog)

Das Nasobēm

Mit größtem Vergnügen hab’ ich Ronald Weinbergers Beitrag zum Dadaismus samt seiner eigenen Verse gelesen (schoepfblog, 25. Jänner 2022). Ich hoffe, er ist mir nicht gram, wenn ich sage, sie erinnern mich an Christian Morgenstern. Das soll nämlich keine hochnäsige Abkanzelung sein, wie wir sie in unserer schriftstellerischen Jugend allzu oft zu hören bekamen: Na ja, das hat schon Karl Kraus gesagt, aber natürlich viel besser. Immer hatte irgendwer schon gesagt, womit wir uns herumschlugen, und natürlich viel besser. Selbst wenn Marx oder Trotzki herhalten mussten.

Also: So mein’ ich das nicht. Ganz im Gegenteil – ich freu’ mich! Ich winke Herrn Weinberger aus der Ferne zu, lachend, übers ganze Gesicht strahlend. Wie schön, dass es so was noch gibt!

Ich weiß nicht, wie’s um Morgensterns Reputation derzeit bestellt ist. Als ich auf der Uni war, da hat ihn unser hochverehrter Herr Professor Doppler bloß ein einziges Mal erwähnt, im Zusammenhang mit Dada, versteht sich, und zwar das Gedicht Fisches Nachtgesang. Das besteht, wie sich manche vielleicht erinnern, lediglich aus Längen- und Kürzen-Symbolen, in Fischform arrangiert. Ich getrau mich nicht, es hier nachzuzeichnen, weil man nie weiß, wie so was auf fremden Bildschirmen rüberkommt. Ebenso gut könnte man in diesem Zusammenhang aber das Ästhetische Wiesel zitieren:

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr,
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:

Das raffinierte Tier
tat’s um des Reimes willen.

Das führt uns zum eigentlichen Grund, warum mir Morgenstern eingefallen ist: nämlich sein Bestiarium. Am ausgeprägtesten vielleicht dargelegt in seiner Geschichte von der glücklichen Ehe:

Der Nachtschelm und das Siebenschwein,
die gingen eine Ehe ein,
oh wehe!
Sie hatten dreizehn Kinder, und
davon war eins der Schluchtenhund,
zwei andre waren Rehe […]

Und so weiter, inklusive Rabenmaus und – oh Wunder! – ein Siebenschwein, das lebte in Burgunder.

Von zehn bis dreizehn ist nicht klar; –
doch wie dem auch gewesen war,
es war eine glückliche Ehe.

Ein weiteres Getier Morgenstern’scher Provenienz darf ich dem Leser ebenfalls nicht vorenthalten, immerhin kann ich das Gedicht heute noch auswendig:

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.

Dieses seltsame Wesen gehörte zu den oft zitierten Lieblingen meiner Mutter.

Wie man sieht, spielten Morgensterns Verse in unserer Familie eine bedeutende Rolle – sie gehörten quasi zu unserer Familienkultur. Eigentlich ging das von unserer Mutter aus. Bei passender Gelegenheit gemurmelt, hatten die Verse ihr und einem Bürokollegen einst durch die Kriegsjahre geholfen. Bei uns genügten hingeworfene Zeilen oder Wendungen, um das zu untermalen, wovon wir sprachen. Ich will die Leserschaft nicht allzu ausgiebig plagen mit Zitaten, obwohl mir so viele einfielen. Aber das ist alles leicht nachzulesen. Ich verwende hier – oft bloß zur Kontrolle – die Reclam-Ausgabe der wichtigsten Werke Morgensterns. Zu Ehren meines Vaters muss ich jedoch noch ein Gedicht zitieren. Es trägt den Titel Himmel und Erde:

Der Nachtwindhund weint wie ein Kind,
derweil sein Fell von Regen rinnt.

Jetzt jagt er wild das Neumondweib,
das hinflieht mit gebognem Leib.

Tief unten geht, ein dunkler Punkt,
querüberfeld ein Forstadjunkt.

Dieser Forstadjunkt hatte es meinem Vater besonders angetan.

Und jetzt haben wir noch gar nicht über die tiefsinnigeren Gedichte Morgensterns gesprochen, und Platz (oder Zeit) sie alle zu zitieren, ist auch nicht mehr. Die Schildkrökröte zum Beispiel:

Ich bin nun tausend Jahre alt
und werde täglich älter…

Oder Die beiden Esel:

Ich bin so dumm, du bist do dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!

Bekannt mag vielleicht der Lattenzaun sein, dem der Zwischenraum hindurchzuschaun abhanden kam. Der Urheber dieses Skandals jedoch entfloh nach Afri – od – Ameriko.

Und so weiter, und so fort. Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen… Ein Gedicht muss ich aber doch noch anführen, da es mich durch mein Leben begleitet hat, während sich seine Treffsicherheit immer und immer wieder bestätigte. Deswegen kann ich’s ebenfalls auswendig:

Ein Hecht, vom heiligen Antōn
bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegries.
Doch Gries, Gras, Rose floß, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Antōn, gerufen eilig,
sprach nichts als: Heilig! heilig! heilig!

Genug! Ich hoffe, Kollege Weinberger fasst meinen Enthusiasmus als Tribut an seine literarischen Vorlieben auf. Ist es unbescheiden, auf mehr zu hoffen? Um ihn ein bisschen anzuspornen, nehme ich mir die Freiheit, mit einem Produkt aus eigener Fechsung zu schließen. Ich kann zwar reimen, aber leider immer nur in Einzelfällen; ein richtiger Dichter bin ich folglich nicht. Also:

Die Beulenmaus, die Beulenmaus,
die trippelt durch das ganze Haus.
Sie schaut nicht links, sie schaut nicht rechts,
sie stutzt nur, wenn die Stiege ächzt.
Im Keller sucht sie Körnerfraß,
am Boden frisst sie Grissigras.
Die Beulenmaus, die Beulenmaus,
die folgt dir durch das ganze Haus.
Du hörst sie nicht, du siehst sie nicht,
du riechst sie nur – ganz widerlich.

Christian Morgenstern, Galgenlieder. Palmström. Palma Kunkel. Der Gingganz (Universal-Bibliothek Nr.9879, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1978).
schoepfblog 3. März 2022

Die Kunst der Komödie

Dankenswerterweise hat der ORF letztes Jahr eine Zeit lang die Aufzeichnungen alter Komödien ausgestrahlt, zumeist aus der Josefstadt oder aus den Kammerspielen in Wien. Das Haar in der Suppe: Sie kamen im Zweier- oder gar Dreier-Pack. Wieso man sie nicht umsichtig aufteilte, jede Woche eine, damit man sie (a) besser genießen konnte und damit sie (b) länger vorhielten – diese Frage müssten die Programmgestalter beantworten. Sofern sie dazu in der Lage sind.

Dankenswert war das Unternehmen deshalb, weil – na ja, ich will jetzt ehrlich sein und, anstatt Allgemeingültiges zu dozieren, offen gestehen, dass ich dem ORF höchst dankbar war, ganz persönlich. Diese Komödien haben in meiner literarischen Erziehung nämlich eine eminente Rolle gespielt. Die erste Hälfte meines einjährig-freiwilligen Präsenzdienstes leistete ich seinerzeit in Zwölfaxing bei Schwechat ab. Am Wochenende luden mich Bekannte in Wien ein, mit ihnen ins Theater zu gehen; hauptsächlich handelte es sich um eben solche Komödien. Und die begründeten meine Liebe zum Theater im Besonderen und wahrscheinlich auch zur Literatur im Allgemeinen. Wozu vielleicht zu sagen wäre: Nichts eignet sich besser als Einstiegsdroge! Das wird heute, da seriöse – will sagen: humorlose – Germanisten den Ton angeben, allzu leicht vergessen.

Es ist ja so, dass die Komödie, oft auch Lustspiel genannt, einen festen Bestandteil des Theaterrepertoires bildet (oder doch zumindest bildete); die beiden Bezeichnungen dürften wir heutzutage mehr oder weniger synonym verwenden. Manchmal wurden sie von Schriftstellern verfasst, die sich mittels so genannter seriöser Werke einen Namen gemacht hatten. Hugo von Hoffmansthal fällt mir da spontan ein, mit seinem Unbestechlichen. Andere stammen von Komödienschreibern der gehobenen Liga wie etwa Ferenc Molnár. Ich denke da in erster Linie gar nicht so sehr an seinen Liliom, als vielmehr an den Schwan: eine exquisite Komödie der Sonderklasse.

Friedrich Torberg hat in der Tante Jolesch sowie in fiktionaler Form in seinem Roman Auch das war Wien beschrieben, wie solche Komödien in der Zwischenkriegszeit produziert wurden. Das geschah nämlich fast schon nach industriellen Methoden. Federführend war dabei ein Bühnenverleger ungarischer Herkunft namens Georg (Gyuri) Marton mit Sitz in Wien. Er organisierte die Produktion bis ins kleinste Detail. Die Stücke wurden prinzipiell im Team hergestellt – Torberg verwendet den Ausdruck Autorenkollektiv –, zuzüglich der Spezialisten für Szenenübergänge oder für den Aktschluss. Die Teams traten unter einem Decknamen auf, wobei penibel darauf zu achten war, dass er mühelos in englisch- oder französischsprachige Lande verpflanzt werden konnte. Denn Marton arbeitete international. Im Übrigen benötigte man ab 1933 die Decknamen auch, weil viele der Autoren jüdisch waren, als solche im Deutschen Reich aber nicht mehr aufgeführt werden durften. Dank solcher Tarnungs- und Täuschungsmanöver gelang es selbst Torberg noch zu Aufträgen zu kommen. Die Produktion wurde – immer seiner Schilderung zufolge – auf jährlichen Konferenzen am Semmering geplant. Dabei legte Marton auch fest, welche Stilmittel zu verwenden bzw. künftighin zu unterlassen seien. So wurde einmal die Zahl der zulässigen Personen in einem Bühnenstück auf sechs begrenzt. Begründung: Es sollte ja auch in Troppau gespielt werden.

Zwischenruf: „Wenn der Geyer den Dialog schreibt, wird es nur in Troppau gespielt!“

In einem Falle schien es Torberg, als sei sein an sich schon bescheidener Anteil am Honorar denn doch etwas zu bescheiden ausgefallen. Er fasste sich ein Herz, sprach bei Marton vor und hielt ihm den Scheck hin.

„Gyuri – ist das nicht ein bisschen wenig?“

Wortlos nahm ihm Marton den Scheck aus der Hand, zerriss ihn und schrieb einen neuen auf die doppelte Summe aus.

„Also werde ich dich woanders betrügen“, sagte er.

Worauf Torberg bekennt: Ich kniete nieder und küsste den Saum seines Gewandes.

Doch verweisen diese Konferenzen, diese genauen Anweisungen auf ein Charakteristikum solcher Komödien schlechthin: Sie müssen nämlich makellos gebaut sein. Nicht umsonst spricht man vom pièce bien faite oder auf Englisch vom well-made play. Ungeschicklichkeiten, Holperer, Fehler gar werden nicht toleriert. Schließlich gibt es in diesem Falle ein beinhartes, unbestechliches Beurteilungskriterium: Das Publikum und seine Unterhaltung, sein Amüsement. Entweder eine Pointe funktioniert – oder sie funktioniert nicht. In letzterem Falle prallt sie dumpf auf dem Boden auf wie ein Flugzeug, das zu schwer ist um abzuheben. Da gibt es nichts zu rütteln und nichts zu beschönigen. Umso mehr muss man Autoren – oder auch -kollektive – bewundern, die Pointen reihenweise in die Lüfte sandten, und das noch dazu regelmäßig.

Heute kommen derlei Stücke aus England oder aus den Vereinigten Staaten. Wir denken an Alan Ayckborn mit Relatively Speaking oder Glückliche Zeiten (Time of My Life); sowie an Neil Simon mit Ein seltsames Paar (The Odd Couple) oder Sonny Boys (The Sunshine Boys). Etliche dieser Komödien sind durch ihre Verfilmung einem breiten Publikum bekannt geworden.

Als ich später an der Germanistik studierte, da spielten Salonkomödien natürlich keine Rolle, ganz im Gegenteil: Ich wär’ lieber gestorben, als mich bei meiner heimlichen Neigung ertappen zu lassen. Lustspiele waren ja so seicht, so unintellektuell!

Was natürlich stimmt. Bloß kommt’s darauf nicht an. Sie müssen perfekt gebaut sein, mit den Pointen an den richtigen Stellen, in den richtigen Abständen, mit genügend Situationskomik – ja nicht zu viel, kein slapstick! –, aber auch geistreich, mit Sprachwitz und satirischen Einsprengseln. Langsam bekommt man vielleicht eine Vorstellung davon, wie schwer es sein muss, so ein Lustspiel erfolgreich herzustellen. Denn das Urteil, das fällt, wie schon gesagt, das Publikum, und zwar mittels seines Lachens. Und Lachen ist unbestechlich.

So gesehen, hätte es sich für erhabene Germanisten vielleicht ausgezahlt, auch solche Komödien zu studieren. Wie viel hätte man da lernen können in punkto Struktur, interne Verknüpfungen und Bezüge, Ironie, ja sogar in punkto Formulierungskunst!

Allerdings braucht’s zu einer erfolgreichen Komödie noch etwas, und das ist noch schwerer zu fassen, noch schwerer germanistisch zu sezieren. Es bedarf der Schauspielkunst. In der Komödie kommt alles auf das richtige Maß an. Zumeist muss die Darstellung verhalten erfolgen, die Gefahr des Outrierens liegt ja ständig nahe. Das Sprechen spielt eine eminente Rolle: schnell, aber doch prägnant, deutlich, und die Pointen müssen zielsicher gesetzt werden. Auch hier ist das Lachen des Publikums der unbestechliche, wenn nicht gar unbarmherzige Richter. Mimik ist ebenfalls von Bedeutung. Ein guter Komödiant kann allein mit seinem Gesichtsausdruck eine Pointe setzen, den Zuschauerraum mit Lachen erfüllen. Oder natürlich eine gute Komödiantin – tatsächlich denke ich momentan gerade an Susi Nicoletti oder an Susanne Almassy. Für das Mienenspiel einer der beiden verschenke ich gerne Freikarten für siebenmal modernes Regietheater. Wobei’s natürlich auch bei der Mimik aufs richtige Maß ankommt, aufs Fingerspitzengefühl. Wir reden ja nicht von der Löwingerbühne. Es kommt auf den Geschmack an!

Dank der ORF-Aufzeichnungen konnte man sich selbst ein Bild machen. Zum Beispiel der bereits erwähnte Schwan von Ferenc Molnar in einer Aufführung aus der Josefstadt mit Susanne Almassy, Marianne Nentwich und Vilma Degischer. Oder aber Der Mustergatte mit Alfred Böhm, Elfriede Ott und Senta Wengraf (unter anderen). Und wenn ich an Alfred Böhm denke, dann fällt mir sofort die Pension Schöller ein. Und da wiederum Maxi Böhm. Wenn Sie einmal so richtig missmutig sind, grantig und zwider, dann geben Sie sich dieses Stück!

Das Problem ist freilich, dass es sich wirklich um hohe, um allerhöchste Schauspielkunst handelt. Die ist für solche Lustspiele unabdingbar. Man muss in der Lage sein, Banalität in einem Ton vorzutragen, der sie immer noch akzeptabel macht, ja vielleicht sogar komisch! Aber beileibe nicht zu komisch; immer bloß die feine Klinge, der zarte Zwischenton. Und diese hohe Kunst – beherrschen sie die Schauspieler von heute noch? Geschult an Brecht und ausgebildet von Peymann, mit verkrampften Verfremdungseffekten, mit grundlos erzürntem Geschrei und sinnlosem Herumgetrampel auf der Bühne? Ich hab’ da meine Zweifel.

Obwohl – ein alter Mann sollte die Kassandra in sich selbst gefälligst in Zaum halten. Jüngst durfte ich, wieder dank ORF, Kristina Sprenger in einer Komödie bewundern (übrigens eine Landsmännin von uns), die sich in das erfahrene Ensemble einfügte, als sei sie schon immer dabei gewesen. Der Titel des Stücks ist mir leider entfallen; ihre schauspielerische Leistung hingegen nicht.

Es gibt also Hoffnung. Bedarf wird an solchen Komödien weiterhin bestehen, denn nicht bloß wollen wir lachen; es lacht sich doch so viel besser in Gesellschaft! Auch das muss man erlebt haben, um es zu verstehen. Ich erinnere mich – wiederum aus Wiener Zeiten – an eine Aufführung in der Josefstadt: Monsieur Chasse oder: Wie man Hasen jagt von Georges Feydeau. Da brauchte Susi Nicoletti bloß aufzutreten und irgendwie dreinzuschauen, schon krümmte sich das Publikum vor Lachen. Wir brüllten geradezu. Ich hatte den Eindruck, sie hatte selbst Spaß an ihrer Komödiantenkunst. Und am nächsten Tag, ja wirklich: am nächsten Tag hatte ich Muskelkater am Bauch! Viel, viel später erlebten wir Ähnliches einmal in den Kammerspielen; ans Stück kann ich mich nicht erinnern, das spielt auch keine Rolle. Im Publikum saß ein Mann mit einem dröhnenden Bass, wenn der lachte, dann riss er uns alle mit. Und neben mir saß ein Mädchen mit Down-Syndrom, mein Gott, wie die sich freute, wie die fröhlich lachte!

Während ich noch an diesem Text arbeite, erreicht uns die Nachricht, dass Gertraud Jesserer verstorben ist. Es mag sentimental klingen, aber die Nachricht trifft mich zutiefst, macht mich richtig traurig. „Die Jesserer“ war ein Teil meines Theater-Lebens, ich geb’ offen zu: Ich habe sie verehrt. Und sie war Teil der österreichischen Literatur-Pflege: Hoffmansthal, Schnitzler (besonders!), aber auch Nestroy und Raimund. Salome Pockerl im Talisman! Ach, wie wird sie uns fehlen!

Zwischen Habsburg und Nazis

Wie ich sehe, nehmen die adeligen Dokumentationen im ORF kein Ende. An einem zufällig ins Auge gefassten Tag, nämlich Dienstag den 25. Jänner, hatten wir auf ORF III drei Folgen der Reihe Erbe Österreich im Hauptabendprogramm, und alle drei beschäftigten sich entweder mit den Habsburgern, mit der Kaiserin Sissi oder gar – man glaubt’s kaum – mit dem „Glanz des alten Adels“.

Und mit derlei werden wir nun schon seit Monaten geplagt. Zuerst war es eine schier endlose Folge von Sissi-Verfilmungen und Dokus, so als sei sie eben erst verstorben. Und als dieses Material erschöpft war, da kam die Kaiserin Maria Theresia dran. Flankiert von einer langen Parade von Filmen über weniger bedeutende Figuren.

Was denken sich die Programmmacher am Küniglberg eigentlich dabei?

Obwohl: Gar so genau hab’ ich das Ganze ja nicht mitverfolgt. Ich hab’s nur wahrgenommen – aus den Augenwinkeln, quasi –, wenn ich das Fernsehprogramm überflog um zu sehen, ob’s was Sehenswertes gab. In Anbetracht der Zahl von Fernsehprogrammen ist solches ja erstaunlich rar. Der Rest ist Mist auf vierundzwanzig Kanälen.

Umso schwerer wiegt der Aristo-Trip unserer heimischen Programmmacher. Was für einen Sinn macht ein Staatsrundfunk, wenn er nicht für uns und zu uns spricht? Wozu ich wahrscheinlich bekennen sollte, dass ich sehr für einen solchen Staatsrundfunk bin. Wir brauchen eine österreichische Plattform, glaube ich; wir brauchen eine Stimme, in der wir uns wiedererkennen und der wir vertrauen. Wenn’s die gibt, wenn die gesichert ist, dann können wir auf gut Österreichisch beruhigt motschgern. Aber erst dann.

Umgelegt auf die Aristo-Manie beim ORF, würde das nichts Gutes bedeuten. Sind wir auf dem Weg zurück zu Kaiser, Habsburg, Graf Bobby und Graf Rudi? Unterwegs in eine Ära der unverhohlenen Nostalgie, trotz allem, was wir inzwischen gelernt haben? Und wenn dem so wäre – warum? Wo liegen die Wurzeln dieser Sehnsucht? Hat diese unsere Zweite Republik nicht genug geleistet? Hat sie sich nicht glänzend bewährt?

Ich weiß schon, ich weiß schon: So darf man den Österreichern nicht kommen – einer großen Anzahl von ihnen, ist damit gemeint. So rational. So langweilig. Vielleicht fangen wir schon einmal an, wieder ein bisschen Unterwürfigkeit einzuüben? Respekt und Bewunderung für jeden adeligen Spross, der sich mehr oder weniger gelungen am Bildschirm präsentiert? Selbst wenn sich das, was er da präsentiert, als ausgesprochen öde herausstellt? Macht nix. Hauptsach’ ist der klingende Name. Habsburg-Lothringen, mein Gott!

Aber schön – es gibt ja noch andere Kanäle. ZDF Info zum Beispiel. Da stand am fraglichen Tag (siehe oben) ZDF-History auf dem Programm, wiederum drei Folgen. Und was bekamen wir zu sehen? „Kaum ein Sportereignis hat die Deutschen so bewegt wie das ‘Wunder von Bern’, der WM-Titel 1954. Doch auf dem Erfolg lastet ein dunkles Erbe: der Schatten der NS-Zeit.“

Das ist so originell, so überraschend, dass mir die Füß’ einschlafen. Nur leider ging’s an jenem Abend genau so weiter: Die nächste Sendung beschäftigte sich mit dem „Psychologen von Nürnberg“;  gemeint waren die Nürnberger Prozesse, denen besagter Mann beiwohnte. Danach kam eine Doku über Albert Speer. Noch eine! Nicht bloß nimmt das kein Ende, die Flut scheint vielmehr ständig zu steigen: Fernsehreihen, Zeitungsartikel, Bücher. Ein Schelm, der schlecht, nämlich ökonomisch dabei denkt. Oder karrieremäßig.

Ich kann zu diesem Thema einfach nichts mehr sehen, lesen, hören. Genug der Grausamkeiten, der sinnlosen Tode, genug auch des Krieges. Nicht bloß hab’ ich das alles schon so oft im TV gesehen (von der Lektüre ganz zu schweigen). Ich weiß ausreichend Bescheid, danke schön, wirklich Neues ist schon seit weiß-Gott-wann nicht mehr dazu gekommen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht für Zeitgeschichte interessierte, ganz im Gegenteil. Eben hab’ ich ein kritisches Buch über die berühmt-berüchtigte 68er-Generation gelesen, mit großem Wissensgewinn und mit großer Freude. Oder ein Buch über die Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen. Die münden zwar auch in Wannsee und Auschwitz, gehen aber viel weiter zurück, tief ins 19. Jahrhundert. Und da hab’ ich eine ganze Menge gelernt. Ausgezeichnet!

Wenn’s nach ORF und ZDF ginge, dann müsste man den Eindruck bekommen, unsere Geschichte bestünde nur aus Habsburg und Nazis. Was für ein Zerrbild! Wir wiederholen unsere Frage, in diesem Falle allerdings nur an die Herr- und Frauschaften vom ORF: Was denkt ihr euch eigentlich dabei?

(schoepfblog)

Lili Körber

Lili Körber in den dreißiger Jahren. © Nachlass Lili Körber

Lili Körber wurde 1897 in Moskau geboren. Dort war ihr Vater als Kaufmann tätig; er stammte aus Galizien (damals Teil des Habsburgerreiches), ihre Mutter aus Warschau (zum Russischen Reich gehörig). Lili Körber betrachtete Russland als ihre Heimat, sie sprach fließend Russisch, neben Deutsch und Französisch.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah sich die Familie Anfeindungen ausgesetzt, der Vater musste vorübergehend sogar ins Gefängnis. Die Familie floh über Berlin nach Wien, wo sie sich dauerhaft niederließ. Lili studierte zunächst in der Schweiz, sodann an deutschen Universitäten. 1925 promovierte sie im Fach Germanistik. Sie kehrte nach Wien zurück, wo sie in der Folge lebte, sofern sie nicht auf Reisen war.

Ihre erste nachgewiesene Veröffentlichung stammt aus dem Jahre 1927 und erschien in der Arbeiterzeitung. In der Folge publizierte sie auch in der Roten Fahne, dem Organ der Kommunistischen Partei. Das zeigt bereits ihre politischen Sympathien. Ob und wie lange sie Mitglied einer Partei war, ist nicht ganz klar. Ab 1933 fungierte sie als Funktionärin beim „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Österreichs“ (BPRSÖ), trat dort jedoch bald wieder aus. Wie mir scheint, schwankte sie in ihren Sympathien zwischen Moskau-treuen Kommunisten und Sozialdemokraten. Wohl aufgrund ihrer Russland-Besuche dürfte sie sich zunehmend von ersteren entfernt und letzteren angenähert haben. Als linientreue, ideologisch gefestigte Parteigenossin eignete sie sich gewiss nicht.

1930 besuchte sie die Sowjetunion und blieb fast ein Jahr lang dort. Für einige Wochen  verdingte sie sich als Arbeiterin in den Putilow-Werken in Leningrad. Sie bediente eine Bohrmaschine. Nach der Rückkehr berichtete sie davon in ihrem ersten Buch Eine Frau erlebt den Roten Alltag, das 1932 erschien.

Im Januar 1933 besuchte sie Berlin. Was sie dort beobachtete, das verarbeitete sie im Roman Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland. Das Buch erschien 1934 in Wien, wurde jedoch verboten – wegen Blasphemie. Inzwischen hat es unter dem Titel Die Ehe der Ruth Gompertz eine Neuauflage erfahren. 1935 unternahm sie als alleinstehende Frau eine Reise, die sie mit der Transsibirischen Eisenbahn bis Wladiwostok führte, von dort weiter nach Japan und China. Auch davon liegt ein Bericht vor, nämlich Begegnungen im Fernen Osten (1936). Dieses Buch ist 2020 ebenfalls neu aufgelegt worden; leicht aufzutreiben scheint es allerdings nicht zu sein.

Auf der Rückreise – wieder mit der Transsibirischen Eisenbahn – machte sie in Moskau Halt, um ihren Freund Franz Koritschoner zu überreden, die Sowjetunion zu verlassen. Offenbar sah sie die Gefahr, in welcher er schwebte, klarer als er selbst. Als kommunistischer Funktionär blieb er in Moskau, wurde prompt verhaftet, ins Lager gesteckt und später, nach dem deutsch-sowjetischen Pakt vom August 1939, an die Nazis ausgeliefert, die ihn 1941 in Auschwitz ermordeten.

Lili Körber gelang es, 1938 zunächst in die Schweiz zu flüchten. Dort erschien Eine Jüdin erlebt den Anschluss. In weiterer Folge gelangte sie über Paris und Lissabon in die Vereinigten Staaten, wo sie bis zu ihrem Lebensende (1982) blieb. Mit dem Schreiben ging’s drüben nicht mehr so gut, weswegen sie sich als Krankenschwester ausbilden ließ und in dieser Funktion arbeitete.

Amerika, Amerika
Ich sitze zwischen zwei Stühlen,
Der alten und neuen Welt,
Dort bin ich mit meinen Gefühlen,
Doch hier verdien ich mein Geld.
Dort schrieb ich glühende Verse
Und sang „Zur Freiheit, zum Licht!“
Hier spiel‘ ich auf der Börse
Und höre den Baseballbericht.
Oh neue Welt, die mir mein Ich zerriß,
Mein Selbstbewußtsein und mein Selbstvertrauen,
Du bist wie ein nicht passendes Gebiß,
Doch ohne Dich könnte ich nicht kauen.

Wie schon gesagt, sind ihre Werke bestenfalls vereinzelt in Umlauf; die meisten, scheint’s, überhaupt nicht. Ich hab’ die Ruth Gompertz gelesen sowie die Begegnungen, die wir zufällig in der Stadtbücherei in Innsbruck entdeckt haben. Eben erst ist ein antiquarisches Exemplar von Eine Österreicherin erlebt den Anschluss bei mir eingetroffen. Lili Körbers Bücher haben mich zutiefst beeindruckt: ihre umfassende Bildung, ihre Wachheit, was gesellschaftliche Beobachtungen angeht, aber auch – vielleicht am bemerkenswertesten – ihr treffsicherer Stil, manchmal geradezu leichtfüßig, quasi mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern. Niemals strenge politische Linientreue, immer mit einem Blick auf persönliche Beziehungen sowie auf das, was man heutzutage „Spaß“ nennen würde. Deshalb habe ich auch das Bild an den Anfang dieses Beitrags gestellt; es scheint mir ihr Wesen, soweit ich es aus doch recht beschränkter Lese-Bekanntschaft einzuschätzen vermag, treffend wiederzugeben.

Nach Österreich ist sie nicht mehr zurückgekehrt – leider. Wie hätten wir so eine Frau brauchen können!

Lili Körber, Die Ehe der Ruth Gompertz (Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1988). Erstmals erschienen 1934 unter dem Titel Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland.

Lili Körber, Begegnungen im Fernen Osten: Eine Reise nach Japan, China und Birobidschan im Jahre 1934 (Wien: Promedia, 2020). Erstmals erschienen 1936. 

Walter Fähnders, „Lili Körber“, 20er Jahre (Dezember 2016) <https://litkult1920er.aau.at/portraets/koerber-lili/> [heruntergeladen 24. Oktober 2021]. Dort auch das Gedicht „Amerika“, zit. nach Sigrid Schmid (exilarchiv.de).

Abb.: Lili Körber in den dreißiger Jahren. © Nachlass Lili Körber (Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main).