Archiv der Kategorie: Journalismus

LOL

“Conservative party members would happily support the break-up of the UK, ’significant damage‘ to the British economy and even the destruction of their own party in order to secure Brexit, a poll has found.”
(John Stone, Independent, 18 June 2019)

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„Natürlich ist es spannend, nach Silicon Valley zu reisen. Keine Frage. Ist es jedoch für Medienmenschen genauso aufregend, sich an der Propaganda für einen wahlkämpfenden Altkanzler zu beteiligen? Anders gefragt: Ist in Österreich die Pressefreiheit nur durch die Politik in Gefahr – oder ist der lockere Umgang mit Politiker-Offerten die größere Gefahr für die Unabhängigkeit der Medien?“
(Rubina Möhring, Der Standard, 22. Juli 2019)

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Als ich vor langer, langer Zeit als freischaffender Kolumnist bei einem Regionalblatt anfing, da liefen meine neuen Kollegen ganz aufgeregt durch die Redaktionsräumlichkeiten:
„Wohin fliegst du?“
Wie sich herausstellte, hatten sie soeben Flugmeilen geschenkt bekommen. Vom örtlichen Flughafen. Und wie es sich traf, kämpfte der gerade um eine Verlängerung seiner Piste.

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How many Brexiters does it take to change a lightbulb? – One to promise everyone a brighter future. The rest to screw it up.

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“I don’t understand how a man can be recorded offering to facilitate the assault of a journalist and reach high office. I don’t understand how a man can be fired twice for cavalierly making stuff up and reach high office.”
(Hannah Jane Parkinson, The Guardian, 23 July 2019)

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Ibiza-Video, Stadthalle, Boris Johnson in Nr. 10 Downing Street und sein Kollege im Weißen Haus. Also die Kabarettisten tun mir leid, dieser Tage. Bei der Konkurrenz?

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“Boris Johnson has promised the ‘beginning of a new golden age’, as he makes a first Commons statement as PM.”
(BBC News 25 July 2019)

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He – und ganz vergessen: Das Schreddern. Unter falschem Namen. Und dann vergisst der türkise Held aus dem Kanzleramt, die Rechnung zu zahlen! Das reicht locker ans Ibiza-Video heran. Von solchen Leuten werden wir regiert?

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Für gescheite Menschen scheint’s ausgemacht zu sein, dass es den Klimawandel gibt. Aber dann gibt’s da noch die ganz Gescheiten. Die bezweifeln das.
Wenn ich mit solchen Leuten rede – was in jüngster Zeit mehrmals der Fall war –, dann gebe ich keineswegs vor, bessere Argumente zu haben. Ich hab’ überhaupt keine. Ich bin nämlich kein Naturwissenschaftler, und Meteorologe bin ich schon gar keiner.
Das war mein jeweiliges Gegenüber allerdings auch nicht.

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(The Guardian, 26 July 2019)

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Ach ja – und die ganz Gescheiten sagen auch: „Klimawandel schon – aber ist er menschengemacht?“
Und da denk’ ich an eine Graphik, die ich meinen Schülern zu zeigen pflegte, wenn wir über die Industrielle Revolution sprachen:

World population, billions

Splitter

Junge Leute

In der Tiroler Tageszeitung lese ich, dass zwei junge Leute Opfer von Internetbetrügern geworden sind. So sehr mir die beiden leid tun, klar – aber ist es nicht auch ein bisschen tröstlich, dass offenbar nicht bloß alte Menschen zum Opfer werden?

https://www.tt.com/panorama/verbrechen/15540627/junge-tiroler-verloren-mehrere-tausend-euro-an-internetbetrueger

Julian Assange

Die Verhaftung von Julian Assange, so wird überall in Europa alarmiert, sei ein Anschlag auf die Pressefreiheit. Das wird von so vielen gesagt, und von Leuten, die viel besseren Einblick haben als ich, dass ich keineswegs widersprechen möchte. Ich denke bloß an zwei weitere Dinge: (1) dass er in Schweden vor Gericht stehen sollte, wegen des Vorwurfs einer Vergewaltigung. Ob der Vorwurf stimmt oder nicht, das spielt zunächst keine Rolle – das hat das Gericht zu bestimmen; und jeglicher Zweifel an der Rechtspflege in Schweden ist ein Affront, das sollten wir bitte nicht vergessen. (2) haben alle seriösen Blätter ebenso wie das ICIJ, das International Consortium of Investigative Journalists, die Zusammenarbeit mit Assange eingestellt. Sein Umgang mit den leaks war einfach nicht professionell. Man darf ja nicht vergessen: Es geht nicht bloß um vertuschte Skandale; es geht auch um Menschen, deren Leben durch Offenlegung gefährdet sein kann; und es geht um die – stets notwendige, stets auch nutzbringende – Arbeit von Staaten. Verantwortung heißt unter anderem, nicht alles zu tun, was man tun könnte. Wer diese Verantwortung nicht wahrnimmt, der missbraucht seine Freiheit. Wer die Freiheit missbraucht, der schadet ihr, der provoziert ihre Einschränkung. Julian Assange – und die Pressefreiheit?

Nachtrag: Wesentlich fundierter, erfahrener und umsichtiger dazu natürlich Alan Rusbridger im Observer, 26 May 2019: "US efforts to jail Assange for espionage are a grave threat to a free media".
Meinung + Journalismus

Kürzlich im Guardian über diesen Satz gestolpert:

For years, privileged men have been able to frame themselves as agents provocateurs – often spouting the kind of opinions a roaring, angry drunk on the night bus might, but with a plummy accent, an Oxford degree, and an overreliance on antiquated vocabulary – in columns in national newspapers.

Zu deutsch (und frei übersetzt): Seit Jahren konnten sich privilegierte Männer in den Spalten seriöser Zeitungen als Provokateure gebärden – oft mit Ansichten, wie sie ein wütender, brüllender Betrunkener in einem Nachtbus von sich geben mag, bloß in gepflegter Sprache, mit akademischer Bildung und unter reichlicher Verwendung altertümlichen Vokabulars.

Also – sofern Sie selbst Zeitungsleser sind: Wer fällt Ihnen da zuerst ein? Ich brauch’ jedenfalls nicht lange nachzudenken; und in die Ferne zu schweifen brauch’ ich auch nicht.

https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/apr/15/niall-ferguson-free-speech-power

He he he!

A piece of good news after all — highly welcome:

Nach welchen Maßstäben?

[for an English version, see below]

Wie ich sehe, hat John Humphrys wieder zugeschlagen. Hierzulande kennt man den Mann natürlich nicht. Er ist ein Star unter britischen Journalisten, besonders unter solchen, die Interviews machen – hauptsächlich mit Politkern, versteht sich. So was wie Armin Wolf hier bei uns, könnte man sagen.

Humphrys gestaltet – zusammen mit anderen – das Nachrichtenmagazin Today auf BBC Radio 4. Es hat seinen festen Sendeplatz montags bis samstags in der Früh (6–9am bzw. 7–9am). Letzten Samstag, so scheint es, hatte Humphrys die irische Europaministerin Helen McEntee im Studio. Und während des Interviews stellte er ihr plötzlich folgende Frage:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Zu deutsch: Es müsse doch ein Diskussion darüber geben, ob nicht Dublin – anstatt von den Briten zu verlangen, im Gemeinsamen Markt und der Zollunion zu bleiben – ob die Republik Irland also nicht die EU verlassen und sich Großbritannien anschließen solle.

Das ist natürlich eine gehörige Chuzpe – weit mehr als das gewohnte Maß. Dass da persönliche Neigungen mit dem Herrn Humphrys durchgegangen sind, das ist offensichtlich. Aber davon soll hier gar nicht die Rede sein.

Die junge irische Ministerin erntete viel Lob für die ruhige, sachliche Art, in der sie antwortete. Sicherlich zu Recht – kühl zu reagieren, wenn man hinterrücks überfallen wird, das ist ungeheuer schwer.

Trotzdem hätte sie, bedenkt man’s recht, auf die Frage gar nicht antworten sollen. Denn sie beruht auf einer zweifachen Lüge:

Erstens „muss“ es überhaupt keine solche Diskussion geben. Wer sagt so was? John Humphrys? Mit welchem Recht, mit welcher Legitimation?

Zweitens hat die Republik Irland den Briten niemals gesagt, was sie tun sollten – nicht einmal in der Frage der nordirischen Grenze und des notorischen Backstops. Das alles war von Anfang an eine der ebenso notorischen „roten Linien“ von Premierministerin Theresa May.

Jemanden mit Lügen aufs Eis führen, vor eingeschaltetem Mikrophon ein Bein stellen – wie beurteilen wir das? Wie ordnen wir’s ein?

John Humphrys rechtfertigt seine auch sonst und ganz allgemein ungustiöse Art damit, dass er Politiker zur Rechenschaft ziehe – „holding politicians to account“. Und da dürfe es ruhig einmal ein bisschen rauer zugehen. Vom sense of humour gar nicht zu reden, diesem ständig einsatzbereiten Fliegentatscher herablassender Patriarchen.

Schön und gut. Wir widersprechen gar nicht, auch nicht der Auffassung, das alles sei wichtig, ein fester Bestandteil von Demokratie, so was wie politische Hygiene.

Nur – irgendwann erhebt sich eben doch die Frage: nach welchen Maßstäben? Und je länger die Interviewer „zur Rechenschaft ziehen“, je schärfer, je provokanter sie dabei vorgehen, desto dringlicher stellt sich diese Frage.

Das gilt auch für Armin Wolf im österreichischen Rundfunk. Nur als weiteres Beispiel.

Eine Antwort haben wir noch nie bekommen und wir werden sie auch niemals bekommen. Das gehört nämlich zum Geschäftsmodell von Journalisten. Sie glauben allen Ernstes, sie seien berufen, Ankläger und Richter in einem zu spielen. Und sie glauben’s umso fester, als sie nie gefragt werden, nach welchen Gesichtspunkten sie nun eigentlich ihre Opfer aussuchen und peinlicher Befragung unterziehen. Geschweige denn, in wessen Namen und mit welcher Legitimation?

What are the standards?

I see John Humphrys has done it again. In Austria, of course, the man isn’t known at all. He is a star among British journalists, especially among those who do interviews – mostly with politicians. Somebody like Armin Wolf here with us, it could be said.

Together with others, Humphrys hosts the news magazine Today on BBC Radio 4. It has its fixed time slot Monday through Saturday in the morning (6-9am or 7-9am). Last Saturday, it seems, Humphrys had the Irish European Affairs Minister Helen McEntee in the studio. And during the interview, he suddenly asked her this question:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Needless to say, this is a remarkable dose of chutzpah – far more than the usual measure. Quite obviously, Humphreys was carried away by some sort of personal prejudice. But that’s not what we’re concerned with here.

The young Irish minister was praised for the calm, matter-of-fact way she responded; an rightly so – to react coolly when you are attacked from behind must be tremendously difficult.

Nevertheless, on reflection she should not have answered the question at all. After all, it was based on a double lie:

First, there doesn’t “have to be” such an argument at all. Who says so? John Humphrys? But why? What’s his authority?

Second, the Republic of Ireland has never told the British what they should do, not even on the issue of the Irish border or the notorious backstop. From the start the problems only resulted from Prime Minister Theresa May’s notorious „red lines“.

Leading somebody up the garden path, tripping her up in front of a microphone – what do we make of that? How do we judge it?

John Humphrys justifies his generally unpalatable approach by claiming that he is “holding politicians to account”. You can’t be too squeamish in the process. Not to mention the sense of humour, this ever-ready fly swatter of any condescending patriarch.

All very well. We won’t contradict, nor do we disagree with the idea that these are indispensable activities in a democracy: something like political hygiene.

And yet – at some point the question can’t be avoided anymore: What are the standards? The question is all the more urgent as these interviewers keep “holding to account” and as their inquiries are ever more incisive and provocative.

Which also applies to Armin Wolf in Austrian broadcasting. Just for example.

We have never heard an answer and we never will. That is part of journalists’ business model. They seriously believe that they are called upon to act as prosecutors and judges in one. And they believe it all the more firmly as they are never asked according to what criteria they actually choose their victims and then submit them to their inquisition. Let alone in whose name and by what authority?

[1] zit. nach Lisa O’Carroll, „Ireland dismisses suggestion it should quit EU and join UK“, The Guardian, 26 Jan 2019.

 

Wir

„Wie wir über die Schulreform denken“, deutet schon das Titelblatt der Kronenzeitung am 3. Oktober 2018 an; da stehen die Worte unter einem Bild zweier grinsender Buben, die ihrerseits wieder eine Seite der – erraten, ja – der Kronenzeitung in Händen halten.

Ich weiß das, weil unser Haushalt wieder einmal Testleser sein darf. Vierzehn Tage lang liegt in der Früh ein Gratisexemplar im Briefkasten.

Und das ist nicht uninteressant, finde ich. Besonders wenn man die Ergüsse nicht ständig sieht, sondern nur ab und zu. Da ist man nicht abgestumpft. Da schlägt einem die geballte Kronenladung ungehindert ins Gesicht.

Im Blattinneren dann die fette Schlagzeile, über zwei Seiten: „Wie wir über die Reform denken.“ Fragt sich bloß: Wer ist Wir?

Im ersten Moment ist man versucht, an einen pluralis majestatis zu denken. Da hätte die Krone dann ganz offen das Szepter ergriffen. Oder so ähnlich.

Oder es handelt sich um die Redaktion. Oder vielleicht um Christoph Dichand samt dieser? Oder so?

Oder um die Leser der Kronenzeitung. Aber ein solcher bin ich in diesem Moment ja selbst – doch dass die Krone für mich sprechen könnte, dass sie dies überhaupt je wollte, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das kann man getrost ausschließen.

Also dann vielleicht nur die Stammleser? Aber wer darf als solcher zählen? Die Abonnenten?

Gewiss, ja, die Schlagzeilen-Behauptung wird durch eine Umfrage untermauert, Frage des Tages: „Zurück zum klassischen Notensystem – gut so?“ Grüner Balken Ja, 93%. Roter Balken fast nicht auszumachen.

Also doch?

41.176 Teilnehmer, lesen wir klein gedruckt, Stand 20 Uhr (welcher Tag, das wird nicht gesagt). Und woher kommen die? „Krone.at-Voting“. Davon kann jetzt ein jeder halten, was er will (oder sie, versteht sich).

Das Entscheidende ist doch dies: die Erzeugung des Wir-Gefühls. Ein vages Zusammengehörigkeitsgefühl. (Früher hätte man klar und einfach gesagt: dumpf.) Wir sind Wir. Wir sind das Volk. Und wer anders denkt, über die Schulreform zum Beispiel oder über sonst was, oder womöglich gar überhaupt? Nicht mehr Wir? Nicht mehr das Volk?

Unsereins lächelt – was für ein Unsinn! – zuckt die Achseln. Aber man soll sich bekanntlich nicht täuschen. Was, wenn dieses Wir-Gefühl, induziert via Krone, viel stärker wirkt, als sich das so verwehte Indis (Individualisten) wie der Schreiberling dieser Zeilen vorzustellen vermögen? Was, wenn es bereits viel mächtiger geworden ist, als wir annehmen? Wenn es die Zukunft bestimmt?