Archiv der Kategorie: Journalismus

Nach welchen Maßstäben?

Wie ich sehe, hat John Humphrys wieder zugeschlagen. Hierzulande kennt man den Mann natürlich nicht. Er ist ein Star unter britischen Journalisten, besonders unter solchen, die Interviews machen – hauptsächlich mit Politkern, versteht sich. So was wie Armin Wolf hier bei uns, könnte man sagen.

Humphrys gestaltet – zusammen mit anderen – das Nachrichtenmagazin Today auf BBC Radio 4. Es hat seinen festen Sendeplatz montags bis samstags in der Früh (6–9am bzw. 7–9am). Letzten Samstag, so scheint es, hatte Humphrys die irische Europaministerin Helen McEntee im Studio. Und während des Interviews stellte er ihr plötzlich folgende Frage:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Zu deutsch: Es müsse doch ein Diskussion darüber geben, ob nicht Dublin – anstatt von den Briten zu verlangen, im Gemeinsamen Markt und der Zollunion zu bleiben – ob die Republik Irland also nicht die EU verlassen und sich Großbritannien anschließen solle.

Das ist natürlich eine gehörige Chuzpe – weit mehr als das gewohnte Maß. Dass da persönliche Neigungen mit dem Herrn Humphrys durchgegangen sind, das ist offensichtlich. Aber davon soll hier gar nicht die Rede sein.

Die junge irische Ministerin erntete viel Lob für die ruhige, sachliche Art, in der sie antwortete. Sicherlich zu Recht – kühl zu reagieren, wenn man hinterrücks überfallen wird, das ist ungeheuer schwer.

Trotzdem hätte sie, bedenkt man’s recht, auf die Frage gar nicht antworten sollen. Denn sie beruht auf einer zweifachen Lüge:

Erstens „muss“ es überhaupt keine solche Diskussion geben. Wer sagt so was? John Humphrys? Mit welchem Recht, mit welcher Legitimation?

Zweitens hat die Republik Irland den Briten niemals gesagt, was sie tun sollten – nicht einmal in der Frage der nordirischen Grenze und des notorischen Backstops. Das alles war von Anfang an eine der ebenso notorischen „roten Linien“ von Premierministerin Theresa May.

Jemanden mit Lügen aufs Eis führen, vor eingeschaltetem Mikrophon ein Bein stellen – wie beurteilen wir das? Wie ordnen wir’s ein?

John Humphrys rechtfertigt seine auch sonst und ganz allgemein ungustiöse Art damit, dass er Politiker zur Rechenschaft ziehe – „holding politicians to account“. Und da dürfe es ruhig einmal ein bisschen rauer zugehen. Vom sense of humour gar nicht zu reden, diesem ständig einsatzbereiten Fliegentatscher herablassender Patriarchen.

Schön und gut. Wir widersprechen gar nicht, auch nicht der Auffassung, das alles sei wichtig, ein fester Bestandteil von Demokratie, so was wie politische Hygiene.

Nur – irgendwann erhebt sich eben doch die Frage: nach welchen Maßstäben? Und je länger die Interviewer „zur Rechenschaft ziehen“, je schärfer, je provokanter sie dabei vorgehen, desto dringlicher stellt sich diese Frage.

Das gilt auch für Armin Wolf im österreichischen Rundfunk. Nur als weiteres Beispiel.

Eine Antwort haben wir noch nie bekommen und wir werden sie auch niemals bekommen. Das gehört nämlich zum Geschäftsmodell von Journalisten. Sie glauben allen Ernstes, sie seien berufen, Ankläger und Richter in einem zu spielen. Und sie glauben’s umso fester, als sie nie gefragt werden, nach welchen Gesichtspunkten sie nun eigentlich ihre Opfer aussuchen und peinlicher Befragung unterziehen. Geschweige denn, in wessen Namen und mit welcher Legitimation?

[1] zit. nach Lisa O’Carroll, „Ireland dismisses suggestion it should quit EU and join UK“, The Guardian, 26 Jan 2019.

 

Wir

„Wie wir über die Schulreform denken“, deutet schon das Titelblatt der Kronenzeitung am 3. Oktober 2018 an; da stehen die Worte unter einem Bild zweier grinsender Buben, die ihrerseits wieder eine Seite der – erraten, ja – der Kronenzeitung in Händen halten.

Ich weiß das, weil unser Haushalt wieder einmal Testleser sein darf. Vierzehn Tage lang liegt in der Früh ein Gratisexemplar im Briefkasten.

Und das ist nicht uninteressant, finde ich. Besonders wenn man die Ergüsse nicht ständig sieht, sondern nur ab und zu. Da ist man nicht abgestumpft. Da schlägt einem die geballte Kronenladung ungehindert ins Gesicht.

Im Blattinneren dann die fette Schlagzeile, über zwei Seiten: „Wie wir über die Reform denken.“ Fragt sich bloß: Wer ist Wir?

Im ersten Moment ist man versucht, an einen pluralis majestatis zu denken. Da hätte die Krone dann ganz offen das Szepter ergriffen. Oder so ähnlich.

Oder es handelt sich um die Redaktion. Oder vielleicht um Christoph Dichand samt dieser? Oder so?

Oder um die Leser der Kronenzeitung. Aber ein solcher bin ich in diesem Moment ja selbst – doch dass die Krone für mich sprechen könnte, dass sie dies überhaupt je wollte, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das kann man getrost ausschließen.

Also dann vielleicht nur die Stammleser? Aber wer darf als solcher zählen? Die Abonnenten?

Gewiss, ja, die Schlagzeilen-Behauptung wird durch eine Umfrage untermauert, Frage des Tages: „Zurück zum klassischen Notensystem – gut so?“ Grüner Balken Ja, 93%. Roter Balken fast nicht auszumachen.

Also doch?

41.176 Teilnehmer, lesen wir klein gedruckt, Stand 20 Uhr (welcher Tag, das wird nicht gesagt). Und woher kommen die? „Krone.at-Voting“. Davon kann jetzt ein jeder halten, was er will (oder sie, versteht sich).

Das Entscheidende ist doch dies: die Erzeugung des Wir-Gefühls. Ein vages Zusammengehörigkeitsgefühl. (Früher hätte man klar und einfach gesagt: dumpf.) Wir sind Wir. Wir sind das Volk. Und wer anders denkt, über die Schulreform zum Beispiel oder über sonst was, oder womöglich gar überhaupt? Nicht mehr Wir? Nicht mehr das Volk?

Unsereins lächelt – was für ein Unsinn! – zuckt die Achseln. Aber man soll sich bekanntlich nicht täuschen. Was, wenn dieses Wir-Gefühl, induziert via Krone, viel stärker wirkt, als sich das so verwehte Indis (Individualisten) wie der Schreiberling dieser Zeilen vorzustellen vermögen? Was, wenn es bereits viel mächtiger geworden ist, als wir annehmen? Wenn es die Zukunft bestimmt?