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Thatcher, Thatcher, milk snatcher

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Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Um es gleich vorwegzunehmen: Die legendäre Schlagzeile von Margaret Thatcher als “milk snatcher” kommt im hier zur Debatte stehenden Buch nicht vor. Sie stammt aus einer früheren Zeit. Warum sie sich trotzdem aufgedrängt hat, wird sich gleich erweisen.

Who Dares Wins ist der fünfte Band einer Reihe, an welcher der englische Historiker und Journalist Dominic Sandbrook schon seit Jahren arbeitet (Liste am Ende des Beitrags). Es handelt sich um Zeitgeschichte – eine Geschichte Großbritanniens von 1956 an. Der Beginn ist natürlich nicht zufällig gewählt: Die Suez-Krise war jenes einschneidende Ereignis, in dessen Verlauf das Vereinigte Königreich endgültig und unleugbar seine Weltmacht-Stellung einbüßte.

Die Art von Geschichte, welche Sandbrook schreibt, zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus; man könnte fast von einer Art Universalgeschichte sprechen. Da werden nämlich nicht bloß politische Entscheidungen seziert; ebenso kommt die Kultur zur Sprache, und zwar in Form von Romanen, Theaterstücken, Filmen, Rockbands sowie als Alltagskultur. Für jemanden wie mich bringt das etliche Aha-Erlebnisse, oder besser: Ach-ja-Erlebnisse, wenn man sich plötzlich wieder erinnert. Allerdings – an wesentlich mehr erinnert man sich eben nicht, man fragt sich, wie diese oder jene Entwicklung so an einem vorbeigehen konnte. Ich nehme an, britischen Lesern ergeht es ähnlich, obwohl sie doch die ganze Zeit mitten drin gelebt haben. Ich war bloß Besucher.

Der neueste Band von Sandbrooks grand oeuvre beschäftigt sich mit den Jahren 1979–1982. Er reicht also von der historischen Wahl Margaret Thatchers bis zum Falklands-Krieg. Das umfasst eine relativ kurze Zeitspanne, und gar so viel ist da eigentlich nicht passiert, sieht man vom Krieg ab, der von Sandbrook allerdings nicht im Detail geschildert wird. Ihm scheint es eher um die Verhandlungen und die Entscheidungen in Westminster zu gehen. Abgesehen davon, bewegte in jenen Jahren das Schicksal der britischen Stahlindustrie die Öffentlichkeit. Die wurde nun nämlich – entgegen bisher geübter Praxis – ihrem eigenen Schicksal überlassen. Das bedeutete: zerschlagen, verkauft, zugesperrt. Das Schicksal jener, welche mit unbewegter Miene derart folgenreiche Entscheidungen trafen, gestaltete sich natürlich gnädig; das Schicksal der Arbeiter und Angestellten hingegen war bitter und böse. Und niemand, gar niemand stand ihnen bei. Wie viele Lebenspläne wurden da zerstört? Wie viele Jugendliche um ihre Zukunft gebracht?

(Die blöde Platte mit der Eigeninitiative wollen wir lieber nicht auflegen. Wenn die Zahlen einmal in die Hunderttausende gehen, oder gar in die Millionen, dann ist Eigeninitiative per definitionem keine Lösung mehr.)

Margaret Thatcher zeichnete sich in dieser Phase durch eiserne Härte aus, durch jeglichen Mangel an Mitgefühl – the Iron Lady (wie sie schon 1976 von einer sowjetischen Armeezeitung getauft worden war). Man könnte argumentieren, das sei nötig gewesen, um endlich, endlich etwas zu bewegen in den völlig verfahrenen industrial relations, und ich würde nicht widersprechen, selbst heute nicht. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man solche Härte temporär einsetzt, um eine Besserung zu erzielen – was sich konkret niederschlagen müsste –, oder ob die Härte als Prinzip gilt. Bei Thatcher und ihren Kumpanen traf eindeutig das Zweite zu. Ihr Mangel an Mitgefühl oder auch nur Verständnis für die Betroffenen wurde damals schon allgemein beobachtet, selbst in ihrer eigenen Partei.

Dabei gestaltete sich ihre Politik in der fraglichen Periode alles andere als erfolgreich. Das lag in erster Linie am Dogma des Monetarismus, zu dessen Umsetzung sie angetreten war. Aber der funktionierte nicht. Während des Wahlkampfes hatten die Tories über die Labour-Partei gespottet: „Isn’t working“. Nun lagen nicht bloß die Arbeitslosenzahlen höher als während der siebziger Jahre, die Staatsverschuldung nahm auch nicht ab.

Thatcher isn’t working?

Was sie vor einer empfindlichen Niederlage rettete, das war die argentinische Invasion auf den Falkland-Inseln. Diese Gelegenheit ergriff sie eiskalt entschlossen beim Schopf und ließ sie nie wieder los – man könnte von da an gut und gerne vom Kriegs-Thatcherismus sprechen. Aber das liegt jenseits des Zeitrahmens des Bandes, der hier besprochen wird.

Bleibt die Aufgabe, die Sache mit dem „milk snatcher“ zu klären. Die Schlagzeile stammt aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als Mrs. Thatcher Unterrichtsministerin in der konservativen Regierung von Edward Heath war. Viel bewegte sie damals nicht, vor allem stellte sie sich keineswegs gegen den Trend zur comprehensive school. Aber weil sie wohl irgendetwas tun musste, strich sie bedürftigen Kindern die Gratis-Schulmilch. Woraufhin ein tabloid schlagzeilte: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“ (Milchklau). Nicht, dass die Schlagzeile in Erinnerung blieb. Man wünscht sich bloß, sie wäre.

Empfehlenswert? – Who Dares Wins ist ziemlich ausführlich geraten. Das erweckt den Eindruck, die paar Jahre seien fürchterlich wichtig gewesen. Meiner Erinnerung nach traf das eher nicht zu. Ein bisschen weniger wäre deshalb vielleicht besser gewesen. Aber das ist ein kleinlicher Einwand. Im Grunde dürften wir’s wohl mit einem klassischen Werk zu tun haben (was immer das heißt).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

Bei den weiteren Bänden handelt es sich um:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

 

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Let me be clear from the outset: The legendary headline of Margaret Thatcher as „milk snatcher“ does not appear in the book under discussion. It dates from an earlier time. Why it has come to mind will become clear presently.

Who Dares Wins is the fifth volume of a series that the English historian and journalist Dominic Sandbrook has been working on for years (see the list at the end of the article). It is contemporary history – a history of Britain from 1956 onwards. The beginning is not chosen by chance, of course: The Suez Crisis was the seminal event in the course of which the United Kingdom finally and undeniably lost its status as a world power.

The kind of history Sandbrook writes is characterised by its comprehensiveness; one could almost speak of a kind of universal history. Not only are political decisions analysed; culture is also discussed, in the form of novels, theatre, films, rock bands as well as everyday culture. For someone like me, this comes with a number of yes, of course moments: I remember! The surprising thing, however, is how much one does not remember. It makes you wonder how certain events or trends could have passed you by. I assume British readers feel the same way, although they lived in the thick of it. I was only a visitor.

The latest volume of Sandbrook’s grand oeuvre covers the years 1979–1982, from the historic election of Margaret Thatcher to the end of the Falklands War. This is a relatively short period of time in which not much happened, apart from the war which Sandbrook does not describe in detail. He seems to be more concerned with the political positions, negotiations, and decisions made in Westminster. Apart from that, it was the fate of the British steel industry that moved the public at the time. Contrary to previous practice, it was now left to its own devices, which meant: sold out, broken up, closed down. The fate of those who made such rational strategic decisions was, of course, rather benign; the fate of the workers and employees was bitter and cruel. And no one, absolutely no one at all stood by them. How many lives were destroyed in this way? How many young people were deprived of their future?

(We don’t want to put on the stupid soundtrack about individual enterprise. Once the numbers run into hundreds of thousands or even millions, then individual efforts are by definition no longer a solution).

In this phase Margaret Thatcher distinguished herself by her steely toughness or, to put it differently, by her utter lack of compassion – the Iron Lady (as she had been dubbed by a Soviet army magazine in 1976). One could argue that this was necessary in order to finally achieve some change in Britain’s terribly sclerotic industrial relations, and I certainly wouldn’t disagree, not even today. But there is a difference between deploying such harshness temporarily to achieve an improvement – which would have to be measurable sooner or later – and using harshness as a principle. With Thatcher and her cronies, the second was clearly the case. Their lack of compassion or even understanding for those affected was widely observed even within their own party.

Yet her policies in the period under discussion were anything but successful. This was primarily due to the dogma of monetarism, which she had set out to implement. But it did not work. During the election campaign, the Tories had sneered at the Labour Party: „Isn’t working“. Now, not only were the unemployment figures higher than during the 1970s, the national debt was not decreasing either.

„Thatcher isn’t working“?

What saved her from a severe electoral defeat were the actions of an Argentine general. She seized the opportunity with ice-cold determination and never let it go – one could well speak of wartime Thatcherism. But that is beyond the time frame of the volume under review.

Which leaves us with the task of explaining the „milk snatcher“ sobriquet. The headline dates from the early seventies, when Mrs Thatcher was Education Secretary in Edward Heath’s government. She didn’t achieve very much; most remarkably, she didn’t oppose the trend towards ever more comprehensive schools. But because she had to do something, she withdrew free school milk from needy children. Whereupon a tabloid headline read: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“. Not that the headline was widely remembered. One wishes it had been, though.

Recommended?Who Dares Wins is a bulky volume. It gives the impression that these few years were terribly important. To my recollection, that was rather not the case. A little less might therefore have been better. But that’s a petty objection. We are probably dealing with a classic (whatever that may mean).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

The other volumes are:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

World-beating

Der britische Bildungsminister Gavin Williamson hat in einem Fernsehinterview damit geprahlt, dass britische Bürger als erste in der Welt in den Genuss einer Corona-Impfung gekommen seien.

Und warum?

Na ja, meinte er, wir haben einfach die besten Wissenschaftler und die beste Aufsichtsbehörde. Viel besser als jene in Frankreich, in Belgien oder in den Vereinigten Staaten. Und das, so setzte er hinzu, überrasche ihn nicht, denn Großbritannien sei einfach ein besseres Land als jedes einzelne von denen.

Falls Sie nicht glauben, ein Regierungsmitglied in einem zivilisierten westlichen Staat könne so was von sich geben, hier das Original: „Well I just reckon we’ve got the very best people in this country and we’ve obviously got the best medical regulators. Much better than the French have, much better than the Belgians have, much better than the Americans have. That doesn’t surprise me at all because we’re a much better country than every single one of them, aren’t we.“

Hat er das ernst gemeint?

Ich neige dazu, selbiges anzunehmen. Erstens dürfte subtiler Humor nicht gerade eine Stärke der derzeitigen Regierungsmannschaft um Boris Johnson darstellen. Zweitens scheinen ihm die Ereignisse recht zu geben. Bei der Beschaffung und Verteilung von Corona-Impfstoffen hat sich die EU wahrlich nicht mit Ruhm beckleckert, das Vereinigte Königreich war schneller, wohl auch geschickter.

Aber heißt das wirklich, die Briten seien insgesamt besser? Einfach so? Ich beobachte britische Angelegenheiten nun seit fast 50 Jahren und ich darf Ihnen versichern: Eine ungetrübte Erfolgsgeschichte war das nicht!

Trotzdem ist der Herr nicht allein mit seinen Ansichten. Wir erinnern uns, wie der gegenwärtige Premierminister Boris Johnson höchstpersönlich mit einem world-beating Track-and-Trace-System geprahlt hat. Inzwischen wissen wir, dass das Vereinigte Königreich eher von der Welt geschlagen wurde, was die Bekämpfung der Pandemie betrifft  – beaten by the world (fast doppelt so viele Corona-Tote pro 100.000 EW wie Österreich).

Ich beobachte den Trend zur nationalen Angeberei nun schon seit gut zwanzig Jahren. Das erste Mal kam er mir anlässlich eines geführten Stadtrundganges zu Bewusstsein, bei welchem der guide es nicht lassen konnte, mit the oldest this und the largest that zu prahlen. Mich berührte das peinlich, weil es so un-britisch war. Früher wäre es tief unter der Würde eines Briten gelegen, derlei von sich zu geben. Es verstand sich von selbst.

Tony Blair beschloss im Jahre 2007 seine Abschiedsrede als Premierminister mit den Sätzen: „The British are special. The world knows it. In our innermost thoughts we know it. This is the greatest nation on earth.“

The greatest nation on earth? Wie will er das wissen? Wieviele Nationen kennt er gut genug, um so ein Urteil zu fällen? Oder gibt’s vielleicht eine heimliche Hitparade, nur Regierungsoberhäuptern zugänglich? Aber nach welchen Kriterien wird die Reihung dort vorgenommen?

Man fragt sich, wie ein gebildeter Mann so was von sich geben kann.

Immerhin muss man ihm zugestehen, dass er sich, wenn schon nicht unbedingt in guter, so doch in zahlreicher Gesellschaft befindet. British exceptionalism, benennt man das Phänomen mittlerweile.

Von einer vagen Erinnerung an die Industrielle Revolution mag der Glaube vieler Briten stammen, die moderne Welt erfunden oder erschaffen zu haben. Inzwischen gibt’s wahrscheinlich schon eine kleine Bibliothek von Büchern mit Untertiteln wie How Britain Made oder How Britain Shaped oder How Britain Invented the Modern World.

Hand in Hand damit geht eine Denkweise, die den Briten selbst gar nicht mehr aufzufallen scheint: Wenn was toll ist auf ihren Inseln, dann nehmen sie automatisch an, es müsse weltweit Spitze sein: world-beating. Ich erinnere mich an einen Aufsatz über die Konservative Partei (ich glaube, im New Statesman), in welchem der Autor allen Ernstes die Tories als „the most vicious party in the world“ bezeichnete. Na ja – allzu viel dürfte er nicht gewusst haben von dieser Welt, oder?

Was mich beunruhigt an der neuen Liebe der Briten zum Prahlen, zur one-upmanship, das sind die Gründe, die dahinterstecken mögen. Warum tun sie das? Warum glauben sie auf einmal, so was nötig zu haben?

Josh Halliday, “Gavin Williamson: UK is 'a much better country than every single one of them'”, The Guardian, 3 December 2020 <https://www.theguardian.com/society/2020/dec/03/gavin-williamson-britains-a-much-better-country-than-all-of-them [accessed 3 December 2020].

“Coronavirus: UK to have 'world-beating' tracing system”, BBC News Politics, 20 May 2020 <https://www.bbc.com/news/av/uk-politics-52745202> [accessed 25 December 2020].

Reuters Staff, „Tony Blair’s Farewell Speech“, Reuters, 10 May 2007 <https://www.reuters.com/article/uk-britain-blair-speech/tony-blairs-farewell-speech-idUKL1054376720070510> [accessed 25 December 2020].

Das Empire auf dem Rückzug

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Jan Morris, Farewell the Trumpets

Fast hätt‘ ich’s vergessen – ich schulde ja noch den dritten Teil jenes Triptychons, welches Jan Morris gemalt hat, wenngleich mit Worten: jene Empire-Trilogie, deren ersten beiden Teile hier schon vorgestellt wurden (Links am Ende des Beitrags). Dieser letzte Teil führt uns vom großen Jubiläumsjahr 1897 bis zum Begräbnis Winston Churchills im Jahre 1965.

Nach dem Spektakel anlässlich des 60jährigen Regierungsjubiläums der Königin Viktoria – zugleich Empress of India –, verloren die Briten nach Ansicht von Jan Morris ihren Enthusiasmus fürs Empire. Einerseits stellten humanistische Strömungen daheim den Kolonialismus in Frage; andererseits erschütterten dramatische Ereignisse das Selbstvertrauen der Kolonialherren. Da war zunächst einmal der Zweite Burenkrieg (1899–1902), der beinahe verloren ging, und dann natürlich der Erste Weltkrieg. Der stellte die angebliche Überlegenheit der europäischen Zivilisation in Frage.

Ironischerweise erreichte das Empire eben damals, nach dem Ersten Weltkrieg, seine größte Ausdehnung. Das lag an den Mandatsgebieten, welche Großbritannien im Auftrag des Völkerbundes verwaltete. Dazu gehörte auch Palästina, welches sich freilich zu einem Stachel im Fleisch der Briten entwickeln sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich eben hier, wie sehr der Wille zum Empire geschwunden war: Das Gebiet wurde letztlich aufgegeben, einfach so, um die Lösung der vertrackten Probleme sollten sich andere kümmern.

Das war 1947/48 – eben jene Zeit, welche tatsächlich das Ende des Empires brachte, und zwar ganz wortwörtlich, indem der indische Subkontinent unabhängig wurde, the Indian Empire. Unblutig ging der Prozess freilich nicht vonstatten, wie Briten bis heute behaupten; die Spaltung zwischen Hindus und Moslems forderte vielmehr hunderttausende, wenn nicht Millionen Opfer. Nicht ganz unblutig verlief außerdem der Rückzug aus anderen Kolonien: Malaya zum Beispiel, oder Kenia. Als ich im Alter von sechzehn Jahren zum ersten Mal in England war, sahen wir in den Abendnachrichten Bilder von den Kämpfen im Krater von Aden – so ziemlich der letzte Außenposten east of Suez, sieht man einmal von Rhodesien ab, welches die britische Außenpolitik noch lange belasten sollte.

Das Begräbnis Churchills hab’ ich selbst mitverfolgt, live im Fernsehen. Ein passender Schlusspunkt? Ja, ich denke schon. Noch im Zweiten Weltkrieg hat jemand gesagt, seine Mentalität entspreche der eines Leutnants bei den Husaren. Man denkt sofort an die Schlacht von Omdurman (1898), wo er an der letzten großen Kavallerieattacke der britischen Armee teilgenommen hatte. Die weite, vielfältige Welt der Briten, die wurde mit ihm wohl wirklich zu Grabe getragen. Trotzdem sind ihre Spuren bis heute gegenwärtig – man gehe bloß in jede beliebige Dorfkirche und studiere die Inschriften an den Wänden sowie auf den Grabplatten am Boden. Vor allem aber hat das Empire meiner Beobachtung zufolge tiefe Spuren in der britischen Mentalität hinterlassen. Brexit hat das neuerlich zu Tage gefördert: Dabei geht’s nicht um sentimentale Nostalgie für vergangene Größe, nein – es handelt sich um das Gefühl des British exceptionalism, die tiefsitzende Überzeugung, die Briten seien etwas Besonderes.

Jan Morris ist im November 2020 verstorben, 94 Jahre alt. Ich glaube, sie hat diesen exceptionalism geteilt. Eine gewisse Nostalgie für die Tage, als ein Viertel der Weltkarte rot eingefärbt war, kann sie auf keinen Fall verleugnen (und will’s auch nicht). Politisch korrekt ist sie nicht – im Gegenteil, in diesen ikonoklastischen Tagen könnte sie leicht selbst zur Zielscheibe werden.

Ihr Leben – nun, das ist eine andere Geschichte, für die hier vielleicht später einmal Platz sein wird. Ich hab’ – wie schon einmal erzählt – Jan Morris persönlich erlebt, und zwar beim Literaturfestival Ways With Words in Dartington. Der Auftritt blieb mir in Erinnerung, einfach deshalb, weil da eine so beeindruckende Persönlichkeit sprach.

Empfehlenswert? – Na ja, man muss schon spezielles Interesse für englische Geschichte mitbringen. Ist das der Fall, dann: ja, durchaus.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume?
Das Empire am Höhepunkt
Jan Morris, Farewell the Trumpets

Almost forgot – I still owe the reader Part Three of the triptych painted by Jan Morris, albeit with words: the Empire Trilogy, the first two parts of which have already been introduced here (links at the end of the article). This last part takes us from the great Jubilee of 1897 up to Winston Churchill’s funeral in 1965.

In 1897, Queen Victoria had been on the throne for sixty years. During that time, she had also acquired the title of Empress of India. But according to Jan Morris, British enthusiasm for the Empire began to wane after the Diamond Jubilee celebrations. On the one hand, humanist voices at home started to undermine the colonialist mindset; on the other hand, dramatic events shook the colonial rulers’ confidence. First, there was the Second Boer War (1899-1902), which was almost lost, and then, of course, the Great War, which challenged the supposed superiority of European civilisation.

Ironically, it was precisely then, after the Great War, that the Empire reached its greatest expansion. This was due to the mandated territories that Great Britain administered on behalf of the League of Nations. They included Palestine, which was to become a thorn in the flesh of the Empire. After the Second World War, it became obvious how weak British Imperialism had become: the whole region was eventually abandoned, just like that, the solution to the intricate problems left to others.

That was 1947/48 – the time that literally brought the end of the Empire as the Indian subcontinent became independent: the Indian Empire. The process was not bloodless, as the British like to believe; the separation of Hindus and Muslims claimed hundreds of thousands, if not millions of lives. The withdrawal from other colonies was not entirely peaceful either: Malaya, for example, or Kenya. When I was in England for the first time, at the age of sixteen, we saw pictures of the fighting in the crater of Aden in the evening news – pretty much the last outpost east of Suez, apart perhaps from Rhodesia, which was to weigh heavily on British foreign policy for a long time to come.

I watched Churchill’s funeral live on television. A fitting ending? Yes, I think so. As late as the Second World War, someone remarked that Churchill still thought like a lieutenant in the Hussars. One immediately thinks of the Battle of Omdurman (1898), where he had taken part in the last decisive cavalry charge by the British Army. The wide and varied world of the British, it seems, was really laid to rest with him. Nevertheless, its traces are present even today – just visit any village church and study the inscriptions on the walls and on the gravestones on the floor. But above all, I seem to have observed, the Empire has left deep traces in the British mentality. Brexit has brought them to light again: It hasn’t been inspired by sentimental nostalgia for past greatness, no – but even today, it’s driven by a sense of British exceptionalism: the deep-seated conviction that the British are special.

Jan Morris passed away in November 2020, aged 94. I think she shared that exceptionalism. She can’t deny a certain nostalgia for the days when a quarter of the world’s map was coloured red (and I don’t think she’d want to). Politically correct? Definitely not – on the contrary, in these iconoclastic days she could easily become a target herself.

Her life – well, that’s another story for which there may be time later. As mentioned before, I saw and heard Jan Morris personally at the Ways With Words literary festival in Dartington. I remember her vividly, simply because she was such an impressive person.

Recommended? – Well, you have to have a special interest in English history. If that is the case: then yes, by all means.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume? 
Das Empire am Höhepunkt

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Auch das ist London

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Ben Judah, This Is London

Das Buch beginnt, indem Ben Judah, der Autor, am Busbahnhof nahe der Victoria Station in London Ankömmlinge aus Osteuropa beobachtet. Genau das ist das Thema seines Buches. Er folgt ihnen in ihre miserablen, überfüllten Unterkünfte, für die sie natürlich Wucherpreise zahlen; und er folgt jenen, die kein Dach überm Kopf haben und in den Fußgängerpassagen unter Hyde Park Corner übernachten. Diese Lokalität werden selbst Touristen kennen, man kommt dort auf dem Weg vom Buckingham Palace zum Hyde Park vorbei. Ich kann mich jedenfalls gut erinnern. Die Obdachlosen sind mir allerdings nicht aufgefallen, vermutlich weil ich am helllichten Tag dort war, da gab’s nur ein paar buskers, Straßenmusikanten.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass mir noch weitere Schauplätze bekannt waren, so zum Beispiel die Gegend um Shepherd’s Bush Market; von Elephant & Castle nach Camberwell Green (die Busfahrt hab’ ich selbst schon beschrieben), Catford Bridge – und so weiter. Das Entscheidende ist aber: Ben Judahs London hab’ ich nie bewusst gesehen, im besten Falle flüchtig, aus den Augenwinkeln, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Typisch.

Wie’s scheint, ist es dieses Nicht-Sehen, welches einen beträchtlichen Teil sozialer Problematik ausmacht. „Fremde Welt nebenan“, habe ich einst eine Besprechung von Henry Mayhews Monumentalwerk London Labour and the London Poor überschrieben. Eine ähnliche Wirkung mochten wohl die Romane von Charles Dickens erzielen. Zusammen mit Friedrich Engels trugen sie bei zu einer langsamen – sehr langsamen! – Wandlung des Bewusstseins im Laufe des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts leistete der Amerikaner Jack London mit People of the Abyss seinen Beitrag, ebenso natürlich die Ragged-Trousered Philanthropists von Robert Tressell. In derselben Tradition stehen etliche Reportagen George Orwells; am bekanntesten The Road to Wigan Pier.

Ben Judah blickt also auf eine ansehnliche Ahnenreihe zurück. Das Problem ist nur: Die Missstände von damals, die wurden behoben, wir haben den Autoren also Aufmerksamkeit geschenkt, die Sache ist abgehakt.

Aber heute? Welche Wirkung wird Ben Judah erzielen – wenn überhaupt? Im Informationszeitalter ist es ungeheuer schwer, Spuren im Denken und Fühlen des Publikums zu hinterlassen – dazu gibt’s einfach zu viel Information. Dazu kommt, wie so oft, der vertrackte Konnex zwischen sozialem Elend und Einwanderung. Die Menschen, über die Ben Judah schreibt, kommen mehrheitlich aus Osteuropa, völlig legal dank der EU. Der Effekt ist derselbe wie bei früheren Einwanderungswellen: unhygienische Massenunterkünfte; Hungerlöhne, mit denen Einheimische unterboten werden. Beliebt machen sich die Neuankömmlinge solcher Art nicht. Besserung wird’s keine geben, solange sich Löhne und Lebensqualität in den Herkunftsländern nicht westeuropäischen Standards nähern.

Empfehlenswert? – Im Prinzip ja, ausreichendes Interesse an London, an England sowie an sozialen Problemen vorausgesetzt.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).
Ben Judah, This Is London

The book begins with author Ben Judah observing arrivals from Eastern Europe at Victoria Coach Station in London. And this is exactly what the book is about. He follows them into their miserable, overcrowded lodgings, for which they have to pay exorbitant prices; and he follows those who have no roof over their heads and spend the night in pedestrian passages such as those beneath Hyde Park Corner. Even tourists will know the place as it lies on the way from Buckingham Palace to Hyde Park. Anyway, I can remember it well. But I didn’t notice the homeless, probably because I was there in broad daylight. There were only a few buskers.

To my surprise I found that there are other places in the book that I know, for example the area around Shepherd’s Bush Market; the bus ride from Elephant & Castle to Camberwell Green (which I have described myself in my book Crossings), Catford Bridge – and so on. But I have never seen Ben Judah’s London, or at best fleetingly, out of the corner of my eye as it were, without giving it much attention.

Typical.

It seems that it is this not-seeing which constitutes a considerable part of the social problem. „Foreign world next door“, I once called a review of Henry Mayhew’s monumental work London Labour and the London Poor. His book, I argued, tried to make that world visible. Charles Dickens’s novels probably had a similar effect. Together with Friedrich Engels these two contributed to a slow – very slow! – transformation of consciousness in the course of the 19th century. In the early years of the 20th century, the American Jack London contributed his People of the Abyss, as did, of course, Robert Tressell with his Ragged-Trousered Philanthropists. Several pieces by George Orwell are in the same tradition, most famously The Road to Wigan Pier.

Ben Judah looks back on a long line of respectable ancestors. There’s a hitch, however: haven’t the most urgent problems of the past been solved, we ask ourselves. We’ve paid proper attention to the authors and therefore, the matter should be settled, shouldn’t it?

Which begs the question what Ben Judah’s book can achieve –  if anything at all. In the information age it is extremely difficult to leave traces in the thinking and feeling of the audience –  there is simply too much news. In addition, there is always the intricate connection between social misery and immigration. The majority of the people Ben Judah writes about come from Eastern Europe, completely legally thanks to the EU. Still, the effect is the same as with previous waves of immigration: overcrowded unhygienic housing; starvation wages undercutting the locals, foreign languages and exotic manners in the shops and in the pub. New arrivals of this kind are never popular. And no improvement is in sight as long as wages and the quality of life in the countries of origin do not approach Western European standards.

Recommended? –  Basically yes, provided there is sufficient interest in London, England, and social questions.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

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Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

***

So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?
Weiters: Das Empire auf dem Rückzug

Brexit Day

[for an English version see below]

Irgendwie fühl’ ich mich gezwungen, etwas zu sagen, obwohl ich überhaupt nicht mag. Heut’ ist nämlich Brexit Day – um 23:00 Uhr Ortszeit (24:00 MEZ) verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union.

Wichtiger Termin – ja oder nein?

Nun, fürs Gefühl vielleicht ja, nach dem ganzen Theater, das sich seit dem Referendum vom 23. Juni 2016 abgespielt hat. Aber sonst? Die wichtigen Entscheidungen sind entweder schon gefallen – der „Deal“, wie’s immer geheißen hat, samt Boris Johnsons Umfaller beim Backstop – oder werden erst getroffen: Das Handelsabkommen muss ja erst ausverhandelt werden. Die Frist läuft bis 31. Dezember 2020. Bis dahin, so nehme ich an, wird sich nicht viel ändern.

Soll ich als eingefleischter Anglophile traurig sein oder froh?

Ich hab’ immer gesagt: An sich könnte ein Brexit vernünftig sein – vorausgesetzt, die Briten wären bereit den Preis zu zahlen. Aber den kennt niemand. Der ist bislang in dem Theater kaum zur Sprache gekommen. Elephant in the room. Und deshalb war der Brexit, so wie’s real gelaufen ist, eben nicht rational, konnte es niemals sein. Irgendwann wird die Rechnung zu begleichen sein; fragt sich nur, wann?

Aber das sagt noch nicht viel darüber aus, wie’s in Zukunft sein wird: für die Briten – und da mein’ ich alle, quer durch die Bank –, für einen regelmäßigen Besucher wie Yours humbly. Meine Bekannten in England sind jedenfalls nicht allzu optimistisch. Offenbar sind sie aufgrund ihres Wissens und ihrer weit gereisten Erfahrung nicht in der Lage, die Schalmeientöne von Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg richtig zu würdigen.

***

Somehow I feel compelled to say a few words, even though I don’t want to: today is Brexit Day – at 23:00 local time (24:00 CET) the United Kingdom leaves the European Union.

An important date?

Well, for the general feeling maybe, after all the razzmatazz that has been going on since the referendum on 23 June 2016. But otherwise? The important decisions have either been taken – the „deal“, as it used to be called, including Boris Johnson’s about-turn regarding the Backstop – or are still waiting to be made: after all, the trade agreement has yet to be negotiated. The deadline is 31 December 2020, and I assume that precious little will change until then.

Should I, as a dyed-in-the-wool Anglophile, be sad or happy?

I have always held that basically, Brexit could be reasonable – provided that the British were prepared to pay the price. But nobody knows what that is. It was hardly ever mentioned during said razzmatazz: the elephant in the room. And that’s why Brexit, the way it’s actually been done, could never be rational. Sooner or later the bill will have to be settled; the only question is, when?

But even that doesn’t say a lot about how things will turn out in future: for the British – and I mean all of them, right across the spectrum – or for a regular visitor like Yours humbly. My friends in England certainly are not overly optimistic. Apparently, due to their education and their world-wide experience, they are not able to give the sweet sounds of Boris Johnson and Jacob Rees-Mogg their due appreciation.

An article by the renowned writer Ian McEwan, well worth reading: Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done >> 
And in case anybody’s interested – here is a piece I wrote as a reaction to the referendum, June 2016: Another Nail in the Coffin >>

The British Empire, I Presume?

Jan Morris, Heaven’s Command

[for an English version see below]

Der erste Teil eines Triptychons, wie sich die Autorin ausgedrückt hat, seiner linker Flügel sozusagen: Das Gesamtwerk soll das britische Empire von der Thronbesteigung der Königin Victoria (1837) bis zu seinem Ende darstellen.

Ein endgültiges Urteil wird natürlich erst zu fällen sein, wenn alle drei Teile gelesen sind. So viel kann aber schon jetzt gesagt werden: Jan Morris ist nicht nur eine bemerkenswerte Person (ich hab’ sie einmal bei Ways With Words in Dartington erlebt, als sie ihr Buch über Triest vorstellte), sie ist auch eine ganz hervorragende Schreiberin.

Der erste Band führt uns bis ins Jahr 1897. Interessant, wie vielen mythenstiftenden Begebenheiten wir da begegnen: Das reicht von der Belagerung Lucknows im Zuge der so genannten Indian Mutiny bis zur Schlacht von Isandhlwana und der damit zusammenhängenden Verteidigung von Rorke’s Drift in Südafrika; Majuba darf natürlich auch nicht fehlen – ebenso wenig wie übrigens die berühmte Begrüßung (etwas früher, etwas weiter nördlich): „Doctor Livingstone, I presume?“

Und damit sind nur ein paar Beispiele herausgegriffen. Selbst der außenstehende, da ausländische Beobachter Englands hat von solchen Begebenheiten zumindest gehört, selbst noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie gehörten zum Inventar des britischen Selbst-Bewusstseins, und zwar ganz unabhängig davon, welche Haltung ein Individuum zu derlei imperialen Dingen einnehmen mochte.

Morris schildert sie – wie mir scheint – durchaus mit Sympathie, ohne freilich je auf die ihr eigene feine Ironie zu verzichten, und ohne die hässlichen Seiten auch nur im Geringsten zu unterschlagen: die Hungersnot in Irland oder die Ausrottung der Tasmanier – um wiederum nur zwei Beispiele zu nennen. Strenge Historiker mögen so manches bemängeln an diesem Buch, für unsereins bietet es jedoch nicht bloß sehr viel Gewinn, sondern ebenso viel Lesevergnügen.

Empfehlenswert? Ohne Einschränkung. Her mit dem nächsten Band!

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The first part of a triptych, as the author herself calls it, the left-hand panel, one might say: the complete work is intended to depict the British Empire from Queen Victoria’s accession to the throne (1837) to its end.

Obviously, a final verdict will have to be postponed until all three parts have been read. A few things, however, can be said straight away: Jan Morris is not only a remarkable person (I heard her once at the Ways With Words festival in Dartington presenting her book on Trieste), she is also quite an outstanding writer.

The first volume takes us to the year 1897, and it’s interesting to see how many myth-making events we encounter on the way: They range from the siege of Lucknow in the course of the so-called Indian Mutiny to the Battle of Isandhlwana and the related defence of Rorke’s Drift in South Africa; not to forget Majuba, of course, as well as the famous greeting (a bit earlier, a bit farther north): „Doctor Livingstone, I presume?“

And these are just a few examples. Even a foreign observer of the English – and thus, an outsider – must have heard of these incidents, even in the second half of the 20th century. They were part of the inventory of British self-perception, regardless of the attitude an individual might take towards such imperial matters.

Morris, it seems to me, describes them with sympathy without ever giving up her personal touch of subtle irony and certainly without any attempt at hiding the ugly side: the famine in Ireland or the extermination of the Tasmanians, to name but two examples. Rigorous historians may find fault with her book, but for us it is not only a great source of learning, but also a pleasure to read.

Recommended? Without any reservation. Where’s the next volume?

Jan Morris, Heaven’s Command: An Imperial Progress, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 1 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1973.

Das Empire am Höhepunkt
Das Empire auf dem Rückzug

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.