Archiv der Kategorie: Großbritannien

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Auch das ist London

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Ben Judah, This Is London

Das Buch beginnt, indem Ben Judah, der Autor, am Busbahnhof nahe der Victoria Station in London Ankömmlinge aus Osteuropa beobachtet. Genau das ist das Thema seines Buches. Er folgt ihnen in ihre miserablen, überfüllten Unterkünfte, für die sie natürlich Wucherpreise zahlen; und er folgt jenen, die kein Dach überm Kopf haben und in den Fußgängerpassagen unter Hyde Park Corner übernachten. Diese Lokalität werden selbst Touristen kennen, man kommt dort auf dem Weg vom Buckingham Palace zum Hyde Park vorbei. Ich kann mich jedenfalls gut erinnern. Die Obdachlosen sind mir allerdings nicht aufgefallen, vermutlich weil ich am helllichten Tag dort war, da gab’s nur ein paar buskers, Straßenmusikanten.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass mir noch weitere Schauplätze bekannt waren, so zum Beispiel die Gegend um Shepherd’s Bush Market; von Elephant & Castle nach Camberwell Green (die Busfahrt hab’ ich selbst schon beschrieben), Catford Bridge – und so weiter. Das Entscheidende ist aber: Ben Judahs London hab’ ich nie bewusst gesehen, im besten Falle flüchtig, aus den Augenwinkeln, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Typisch.

Wie’s scheint, ist es dieses Nicht-Sehen, welches einen beträchtlichen Teil sozialer Problematik ausmacht. „Fremde Welt nebenan“, habe ich einst eine Besprechung von Henry Mayhews Monumentalwerk London Labour and the London Poor überschrieben. Eine ähnliche Wirkung mochten wohl die Romane von Charles Dickens erzielen. Zusammen mit Friedrich Engels trugen sie bei zu einer langsamen – sehr langsamen! – Wandlung des Bewusstseins im Laufe des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts leistete der Amerikaner Jack London mit People of the Abyss seinen Beitrag, ebenso natürlich die Ragged-Trousered Philanthropists von Robert Tressell. In derselben Tradition stehen etliche Reportagen George Orwells; am bekanntesten The Road to Wigan Pier.

Ben Judah blickt also auf eine ansehnliche Ahnenreihe zurück. Das Problem ist nur: Die Missstände von damals, die wurden behoben, wir haben den Autoren also Aufmerksamkeit geschenkt, die Sache ist abgehakt.

Aber heute? Welche Wirkung wird Ben Judah erzielen – wenn überhaupt? Im Informationszeitalter ist es ungeheuer schwer, Spuren im Denken und Fühlen des Publikums zu hinterlassen – dazu gibt’s einfach zu viel Information. Dazu kommt, wie so oft, der vertrackte Konnex zwischen sozialem Elend und Einwanderung. Die Menschen, über die Ben Judah schreibt, kommen mehrheitlich aus Osteuropa, völlig legal dank der EU. Der Effekt ist derselbe wie bei früheren Einwanderungswellen: unhygienische Massenunterkünfte; Hungerlöhne, mit denen Einheimische unterboten werden. Beliebt machen sich die Neuankömmlinge solcher Art nicht. Besserung wird’s keine geben, solange sich Löhne und Lebensqualität in den Herkunftsländern nicht westeuropäischen Standards nähern.

Empfehlenswert? – Im Prinzip ja, ausreichendes Interesse an London, an England sowie an sozialen Problemen vorausgesetzt.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).
Ben Judah, This Is London

The book begins with author Ben Judah observing arrivals from Eastern Europe at Victoria Coach Station in London. And this is exactly what the book is about. He follows them into their miserable, overcrowded lodgings, for which they have to pay exorbitant prices; and he follows those who have no roof over their heads and spend the night in pedestrian passages such as those beneath Hyde Park Corner. Even tourists will know the place as it lies on the way from Buckingham Palace to Hyde Park. Anyway, I can remember it well. But I didn’t notice the homeless, probably because I was there in broad daylight. There were only a few buskers.

To my surprise I found that there are other places in the book that I know, for example the area around Shepherd’s Bush Market; the bus ride from Elephant & Castle to Camberwell Green (which I have described myself in my book Crossings), Catford Bridge – and so on. But I have never seen Ben Judah’s London, or at best fleetingly, out of the corner of my eye as it were, without giving it much attention.

Typical.

It seems that it is this not-seeing which constitutes a considerable part of the social problem. „Foreign world next door“, I once called a review of Henry Mayhew’s monumental work London Labour and the London Poor. His book, I argued, tried to make that world visible. Charles Dickens’s novels probably had a similar effect. Together with Friedrich Engels these two contributed to a slow – very slow! – transformation of consciousness in the course of the 19th century. In the early years of the 20th century, the American Jack London contributed his People of the Abyss, as did, of course, Robert Tressell with his Ragged-Trousered Philanthropists. Several pieces by George Orwell are in the same tradition, most famously The Road to Wigan Pier.

Ben Judah looks back on a long line of respectable ancestors. There’s a hitch, however: haven’t the most urgent problems of the past been solved, we ask ourselves. We’ve paid proper attention to the authors and therefore, the matter should be settled, shouldn’t it?

Which begs the question what Ben Judah’s book can achieve –  if anything at all. In the information age it is extremely difficult to leave traces in the thinking and feeling of the audience –  there is simply too much news. In addition, there is always the intricate connection between social misery and immigration. The majority of the people Ben Judah writes about come from Eastern Europe, completely legally thanks to the EU. Still, the effect is the same as with previous waves of immigration: overcrowded unhygienic housing; starvation wages undercutting the locals, foreign languages and exotic manners in the shops and in the pub. New arrivals of this kind are never popular. And no improvement is in sight as long as wages and the quality of life in the countries of origin do not approach Western European standards.

Recommended? –  Basically yes, provided there is sufficient interest in London, England, and social questions.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

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Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

***

So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?

Brexit Day

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Irgendwie fühl’ ich mich gezwungen, etwas zu sagen, obwohl ich überhaupt nicht mag. Heut’ ist nämlich Brexit Day – um 23:00 Uhr Ortszeit (24:00 MEZ) verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union.

Wichtiger Termin – ja oder nein?

Nun, fürs Gefühl vielleicht ja, nach dem ganzen Theater, das sich seit dem Referendum vom 23. Juni 2016 abgespielt hat. Aber sonst? Die wichtigen Entscheidungen sind entweder schon gefallen – der „Deal“, wie’s immer geheißen hat, samt Boris Johnsons Umfaller beim Backstop – oder werden erst getroffen: Das Handelsabkommen muss ja erst ausverhandelt werden. Die Frist läuft bis 31. Dezember 2020. Bis dahin, so nehme ich an, wird sich nicht viel ändern.

Soll ich als eingefleischter Anglophile traurig sein oder froh?

Ich hab’ immer gesagt: An sich könnte ein Brexit vernünftig sein – vorausgesetzt, die Briten wären bereit den Preis zu zahlen. Aber den kennt niemand. Der ist bislang in dem Theater kaum zur Sprache gekommen. Elephant in the room. Und deshalb war der Brexit, so wie’s real gelaufen ist, eben nicht rational, konnte es niemals sein. Irgendwann wird die Rechnung zu begleichen sein; fragt sich nur, wann?

Aber das sagt noch nicht viel darüber aus, wie’s in Zukunft sein wird: für die Briten – und da mein’ ich alle, quer durch die Bank –, für einen regelmäßigen Besucher wie Yours humbly. Meine Bekannten in England sind jedenfalls nicht allzu optimistisch. Offenbar sind sie aufgrund ihres Wissens und ihrer weit gereisten Erfahrung nicht in der Lage, die Schalmeientöne von Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg richtig zu würdigen.

***

Somehow I feel compelled to say a few words, even though I don’t want to: today is Brexit Day – at 23:00 local time (24:00 CET) the United Kingdom leaves the European Union.

An important date?

Well, for the general feeling maybe, after all the razzmatazz that has been going on since the referendum on 23 June 2016. But otherwise? The important decisions have either been taken – the „deal“, as it used to be called, including Boris Johnson’s about-turn regarding the Backstop – or are still waiting to be made: after all, the trade agreement has yet to be negotiated. The deadline is 31 December 2020, and I assume that precious little will change until then.

Should I, as a dyed-in-the-wool Anglophile, be sad or happy?

I have always held that basically, Brexit could be reasonable – provided that the British were prepared to pay the price. But nobody knows what that is. It was hardly ever mentioned during said razzmatazz: the elephant in the room. And that’s why Brexit, the way it’s actually been done, could never be rational. Sooner or later the bill will have to be settled; the only question is, when?

But even that doesn’t say a lot about how things will turn out in future: for the British – and I mean all of them, right across the spectrum – or for a regular visitor like Yours humbly. My friends in England certainly are not overly optimistic. Apparently, due to their education and their world-wide experience, they are not able to give the sweet sounds of Boris Johnson and Jacob Rees-Mogg their due appreciation.

An article by the renowned writer Ian McEwan, well worth reading: Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done >> 
And in case anybody’s interested – here is a piece I wrote as a reaction to the referendum, June 2016: Another Nail in the Coffin >>

The British Empire, I Presume?

Jan Morris, Heaven’s Command

[for an English version see below]

Der erste Teil eines Triptychons, wie sich die Autorin ausgedrückt hat, seiner linker Flügel sozusagen: Das Gesamtwerk soll das britische Empire von der Thronbesteigung der Königin Victoria (1837) bis zu seinem Ende darstellen.

Ein endgültiges Urteil wird natürlich erst zu fällen sein, wenn alle drei Teile gelesen sind. So viel kann aber schon jetzt gesagt werden: Jan Morris ist nicht nur eine bemerkenswerte Person (ich hab’ sie einmal bei Ways With Words in Dartington erlebt, als sie ihr Buch über Triest vorstellte), sie ist auch eine ganz hervorragende Schreiberin.

Der erste Band führt uns bis ins Jahr 1897. Interessant, wie vielen mythenstiftenden Begebenheiten wir da begegnen: Das reicht von der Belagerung Lucknows im Zuge der so genannten Indian Mutiny bis zur Schlacht von Isandhlwana und der damit zusammenhängenden Verteidigung von Rorke’s Drift in Südafrika; Majuba darf natürlich auch nicht fehlen – ebenso wenig wie übrigens die berühmte Begrüßung (etwas früher, etwas weiter nördlich): „Doctor Livingstone, I presume?“

Und damit sind nur ein paar Beispiele herausgegriffen. Selbst der außenstehende, da ausländische Beobachter Englands hat von solchen Begebenheiten zumindest gehört, selbst noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie gehörten zum Inventar des britischen Selbst-Bewusstseins, und zwar ganz unabhängig davon, welche Haltung ein Individuum zu derlei imperialen Dingen einnehmen mochte.

Morris schildert sie – wie mir scheint – durchaus mit Sympathie, ohne freilich je auf die ihr eigene feine Ironie zu verzichten, und ohne die hässlichen Seiten auch nur im Geringsten zu unterschlagen: die Hungersnot in Irland oder die Ausrottung der Tasmanier – um wiederum nur zwei Beispiele zu nennen. Strenge Historiker mögen so manches bemängeln an diesem Buch, für unsereins bietet es jedoch nicht bloß sehr viel Gewinn, sondern ebenso viel Lesevergnügen.

Empfehlenswert? Ohne Einschränkung. Her mit dem nächsten Band!

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The first part of a triptych, as the author herself calls it, the left-hand panel, one might say: the complete work is intended to depict the British Empire from Queen Victoria’s accession to the throne (1837) to its end.

Obviously, a final verdict will have to be postponed until all three parts have been read. A few things, however, can be said straight away: Jan Morris is not only a remarkable person (I heard her once at the Ways With Words festival in Dartington presenting her book on Trieste), she is also quite an outstanding writer.

The first volume takes us to the year 1897, and it’s interesting to see how many myth-making events we encounter on the way: They range from the siege of Lucknow in the course of the so-called Indian Mutiny to the Battle of Isandhlwana and the related defence of Rorke’s Drift in South Africa; not to forget Majuba, of course, as well as the famous greeting (a bit earlier, a bit farther north): „Doctor Livingstone, I presume?“

And these are just a few examples. Even a foreign observer of the English – and thus, an outsider – must have heard of these incidents, even in the second half of the 20th century. They were part of the inventory of British self-perception, regardless of the attitude an individual might take towards such imperial matters.

Morris, it seems to me, describes them with sympathy without ever giving up her personal touch of subtle irony and certainly without any attempt at hiding the ugly side: the famine in Ireland or the extermination of the Tasmanians, to name but two examples. Rigorous historians may find fault with her book, but for us it is not only a great source of learning, but also a pleasure to read.

Recommended? Without any reservation. Where’s the next volume?

Jan Morris, Heaven’s Command: An Imperial Progress, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 1 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1973.

Anywheres und Somewheres

Über David Goodharts Buch The Road to Somewhere

Der Aufstieg der Rechtspopulisten scheint derzeit unaufhaltsam zu sein. Deswegen erscheinen wohl immer mehr Bücher, die sich mit ihren Wählern befassen; wir entdecken, wenn man so will, das Volk – wieder. Das wäre zumindest die gutmütige Interpretation. Eine andere: siehe unten.

David Goodhart, ein alt gedienter britischer Journalist, glaubt, einen Gegensatz – fast schon eine Art Klassenkonflikt – feststellen zu können zwischen den Anywheres, wie er sie nennt, und den Somewheres.

Erstere, so schreibt er, sind schon in der Schule erfolgreich – die „exam-passing classes“, wie das einmal ausgedrückt wurde. Und so zeichnet sich der weitere Lebensweg bereits ab:

[…] in der Regel verlassen sie in ihren späten Teens ihr Zuhause, um an eine Universität zu gehen und von dort weiter zu einer Karriere, welche sie nach London führt oder für ein oder zwei Jahre sogar ins Ausland. Diese Menschen verfügen über mobile, selbst erarbeitete Identitäten, die sich auf den Bildungs- und Berufserfolg stützen, und das macht sie im Allgemeinen routiniert und selbstsicher im Umgang mit neuen Orten und Menschen. (S. 3)

Somewheres hingegen sind

verwurzelter und haben in der Regel „zugeschriebene“ Identitäten – schottischer Landwirt, Arbeiter aus Northumbria, Hausfrau in Cornwall – basierend auf Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Orten, weshalb sie schneller Wandel oft verunsichert. Eine Kerngruppe von Somewheres wurde als „zurückgelassen“ bezeichnet – hauptsächlich ältere weiße Arbeiter mit wenig Bildung. Wirtschaftlich haben sie durch den Rückgang an gut bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen ohne Qualifikation verloren, kulturell durch das Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Diskurs. (S. 3)

Allerdings muss Goodhart selbst eingestehen, dass solch klare Einteilungen nicht völlig der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch die Inbetweeners, wie er sie nennt, denn „selbst die kosmopolitischsten und mobilsten Mitglieder der Anywhere-Gruppe haben eine gewisse Verbindung zu ihren Wurzeln, und selbst der ausgeprägteste kleinstädtische Somewhere mag mit Easyjet in den Urlaub fliegen oder per Skype mit einem Verwandten in Australien sprechen.“ (S. 4)

Randbemerkung: Ich hab’ mich dazu entschlossen, die englischen Bezeichnungen beizubehalten – vorläufig. Nicht, dass mir keine deutschen Ausdrücke eingefallen wären; aber ich glaube, wir sollten uns ein bisschen Zeit nehmen, um gründlicher nachdenken, ehe wir mit Schnellschusslösungen auftrumpfen. – Des weiteren dürfte es offenkundig sein, dass Goodhart britische Gegebenheiten vor Augen hat, besonders was die Universitäten betrifft. Im Prinzip, so glaube ich, treffen seine Beobachtungen aber auch auf unsere Verhältnisse hier in Österreich zu. –

Die Somewheres, so schätzt der Autor, machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Anywheres hingegen 20 bis 25 Prozent; der Rest wären Inbetweeners. Sowohl bei den Anywheres als auch bei den Somwheres gibt es kleinere extreme Gruppen, die „Global Villagers“ (ca. 5 Prozent) bzw. die „Hard Authoritarians“ (ca. 5–7 Prozent).

Die Lebenserfahrung der jeweiligen Gruppen bestimmt auch deren Weltsicht. Es überrascht nicht, dass Anywheres hauptsächlich im oberen Viertel der Einkommenspyramide zu finden sind. Sie dominieren in den Reihen der Meinungsbildner und der Entscheidungsträger, und sie leben vorzugsweise in großen Metropolen oder deren Einzugsgebiet.

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen und sehnen sich keineswegs nostalgisch nach einem vergangenen Britannien. Sie befürworten egalitäre und leistungsorientierte Einstellungen zu Rasse, Sexualität und Gender (und manchmal auch zur Klasse) und glauben, dass wir hier noch weiterkommen müssen; im Großen und Ganzen haben sie sich keineswegs einer grenzenlosen Welt verschrieben, doch handelt es sich um Individualisten und Internationalisten ohne starke Bindung an größere Gruppenidentitäten, auch nicht an nationale. Sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition. (S. 24)

Der oder die durchschnittliche Somewhere verfügt hingegen nur über ein mittleres Einkommen. Matura haben sie in der Regel keine. Sie sind zumeist älter und stammen aus kleinen Städten und aus den Vororten – wo immerhin fast 40 Prozent der Bevölkerung leben – sowie aus ehemaligen Industrie- oder Hafenregionen. Somwheres sind zahlenmäßig eine viel größere und breiter gefächerte Gruppe als Anywheres. Politisch neigen sie dazu, die Konservativen oder UKIP zu wählen (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party), viele von ihnen sind allerdings ehemalige Labour-Anhänger.

Ihre Weltanschauung fasst David Goodhart folgendermaßen zusammen:

Sie begrüßen den Wandel im Allgemeinen nicht und ältere Menschen sehnen sich nostalgisch nach einem vergangenen Britannien; sie legen großen Wert auf Sicherheit und Vertrautheit und empfinden starke lokale und nationale Gruppenbindungen. Einige (vor allem jüngere) akzeptieren die Gleichstellungsrevolution, schätzen aber immer noch traditionelle Familienformen und sind misstrauisch gegenüber der Einstellung „alles ist zulässig“. Sie sind keine Hard Authoritarians (außer einem kleinen Kern), bedauern jedoch den Umbruch einer strukturierteren und an Traditionen gebundenen Welt. (S. 24)

Ganz offensichtlich genießen die Meinungen der Anywheres wesentlich mehr Gewicht als jene der Somewheres. Wo’s um die Anliegen der ersteren geht, so schreibt Goodhart einmal, da bewegt sich was; andernfalls mahlen die Mühlen nur sehr langsam – wenn überhaupt.

Eine Beobachtung erscheint mir besonders erhellend. Goodhart konstatiert einen „doppelten Liberalismus“: wirtschaftlich marktorientiert und für mehr Globalisierung, gleichzeitig aber höchst individualistisch was kulturelle und politische Belange angeht, sowie für gesetzlich (d. h. staatlich) erzwungene und garantierte Gleichheit in Bezug auf Rasse oder Gender. In den achtziger Jahren, also in der Thatcher-Reagan-Ära, habe dieser doppelte Liberalismus triumphiert: Da habe die Rechte die wirtschaftliche Auseinandersetzung gewonnen und die Linke die kulturelle. (S. 63)

Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen im Schulwesen, ohne dass ich die Parallelität je verstanden hätte. In der Praxis dürfte sie bei vielen Somewheres den oft geäußerten Verdacht verstärken, „die da oben“ seien doch alle einer wie die andere, alles Jacke wie Hose.

Andererseits muss ich feststellen, dass Goodharts Unterscheidung, auf mich selbst angewandt, kein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Nicht einmal die Kategorie der Inbetweeners scheint auf mich zu passen. Ich bin, wenn man’s kurz fassen will, ein Anywhere, der weder deren ökonomischen noch deren kulturellen Liberalismus teilt. Ich ergreife instinktiv Partei für die Somewheres gegen „die da oben“, ohne allerdings ihre Lebens- und Berufserfahrung, geschweige denn ihre Identifikationen zu teilen – nicht im Geringsten. Meine Parteinahme erfolgt hauptsächlich aus epistemologischen Gründen: Informationsfluss von unten nach oben, Erkenntnisgewinn. Aber natürlich sagt eine derart persönliche, folglich enge und beschränkte Beobachtung nichts aus über die Gültigkeit von Goodharts Thesen. Vorsicht legt sie aber doch nahe.

So, wie ich das Buch gelesen habe, bietet es vor allem einen Spiegel: Er wird den Anywheres vorgehalten, den Angehörigen der „Eliten“, und was die dort sehen, das sollte nun wirklich nachdenklich machen. Und das umso mehr, als der Autor in den weiteren Kapiteln seine Thesen mit einer Unzahl von statistischen Zahlen erklärt und untermauert. Es lohnt sich, auch diese Kapitel aufmerksam zu lesen. Mein persönliches Fazit: Wenn wir Angst haben vor dem Rechtspopulismus, vor den Leidenschaften, die da aufbrechen – dann sollten wir auch bei uns selbst anfangen mit dem Fragen, mit der Suche nach Ursachen; und mit dem Versuch, etwas zu ändern.

Andererseits muss leider auch festgestellt werden: Alle Bestrebungen, den Rechtspopulismus und seine Klientel zu verstehen, laufen Gefahr zu verharmlosen. Das ist die weniger wohlwollende Interpretation von Goodharts Ausführungen. So gemäßigt, so ehrbar einzelne Somewheres auch sein mögen, ja selbst wenn dies für eine große Zahl von ihnen zuträfe – wir dürfen einfach nicht übersehen, was aus ihren Anliegen, aus ihrer Unzufriedenheit gemacht wird. Und das ist, da braucht man nicht lange herumzureden, äußerst widerlich, oft genug brutal – und damit hoch gefährlich.

Empfehlenswert? Unbedingt – vorausgesetzt, man interessiert sich für aktuelle Themen.

David Goodhart, The Road to Somewhere: The New Tribes Shaping British Politics (London: Penguin Books, 2017). – Die Übersetzungen stammen von mir.

Im Aquarium

[for an English version, see below]

Letzten Dienstag Abend hab’ ich gespannt die Abstimmungen im House of Commons mitverfolgt, dem britischen Parlament. Da ging’s bekanntlich um den Austritts-Vertrag, ausgehandelt mit der EU, genauer: um so genannte amendments, Abänderungsanträge dazu.

Aber das braucht uns hier nicht zu interessieren. Es wird dem Leser bekannt sein, zumindest in groben Zügen – und wenn nicht, dann spielt’s auch keine Rolle.

Mangels anderen Zugangs beobachtete ich das Geschehen auf Sky News, dem privaten Nachrichtenkanal. Und dort wurden die parlamentarischen Rituale samt ihren langen Pausen – „division, clear the lobby!“ – von einer Runde Experten begleitet, ebenso von Kommentatoren und von Interviews mit Abgeordneten. Endloses Geplapper also, wie könnte es anders sein, schließlich muss die Sendezeit gefüllt werden.

Was dabei auffiel, zumindest dem kontinentalen Zuschauer: Wie sehr die Debatte auf Westminster konzentriert blieb, also aufs Parlament plus die Regierung (die allerdings in Whitehall beheimatet ist), wie selten hingegen die EU zur Sprache kam, wie wenig Bedeutung ihr beigemessen wurde. Sicher, hin und wieder kam der Hinweis, dass die EU eine Neuverhandlung des eben erst unterzeichneten Vertrags ausgeschlossen habe. Aber das wurde nicht ernst genommen. Es gebe Signale, hieß es dann, erste Anzeichen… Das genügte, um sich munter wieder rein britischen Spekulationen hinzugeben: Was die Abstimmungen für die britische Premierministerin bedeuten, für die Tory-Party, wie dies oder jenes ihre Hand stärken oder schwächen könne.

Damit nahm der ganze Abend jedoch eine surreale Note an. Mir kam neuerlich das Bild von einem Aquarium in den Sinn [1]: Das mag auch so eingerichtet sein, dass es einem wirklichen Lebensraum draußen im Meer ähnelt, mit Sandboden, ein paar Felsbrocken vielleicht, Korallenstöcken. Und da tummelt sich dann allerlei Getier, geht seinen Lebensgewohnheiten nach, es mag sogar zu richtigen Rivalenkämpfen kommen. Die Bewohner mögen gänzlich vergessen, dass sie in einem künstlichen, eng begrenzten Habitat leben. Aber das ändert nichts an der Tatsache: Durchs Glas werden sie von draußen begafft.

Träfe dieses Bild zu, und sei’s nur zu einem kleinen Teil, dann hätten die Briten ein ziemliches Problem. Und das hat nicht bloß mit dem Brexit zu tun. Danach geht die Welt ja weiter, es werden weiterhin Entscheidungen zu treffen sein. Von einem Aquarium aus?

Wohlgemerkt – Häme ist keinesfalls angebracht. Was in Westminster beobachtet wird, das kann genau so gut auf die Zustände woanders zutreffen (und wird’s höchstwahrscheinlich auch). Zum Beispiel in Österreich.

Inside an aquarium

Last Tuesday evening I was watching the House of Commons voting on the so-called withdrawal deal, freshly negotiated with the EU, or more precisely: on a number of amendments to this deal.

But that’s not what we’re concerned with here. Readers will be familiar with all this, at least in broad terms – and if not, it really does not matter.

For lack of other access, I followed the action on Sky News, the commercial news channel. The parliamentary rituals with their long breaks – „division, clear the lobby!“ – were accompanied by a panel of experts, by commentators and by interviews with Members of the House. In a word: endless chatter – how could it be otherwise, after all the airtime has to be filled.

What seemed striking, at least to a continental observer: how much the debate remained focused on Westminster, i.e. Parliament plus government (although the latter is actually based in Whitehall); how rarely the EU was mentioned and how little importance was attached to it. To be sure, we heard hints every now and then that the EU had ruled out a renegotiation of the newly signed deal. But that was not taken seriously: There are signals, it was said, first signs… Enough for the participants to return cheerfully to purely British speculation: what the votes could mean for the British Prime Minister or for the Tory Party, and how this or that might strengthen or weaken her hand.

In this way, however, the evening took on a slightly surreal touch. The image of an aquarium came to mind: that may also be arranged to resemble a true habitat in the sea, with sandy bottom, a couple of small rocks perhaps, and a few corals; populated by all kinds of creatures, all leading their habitual lives. They may even engage in real fights with real rivals. Residents may forget that they are living in a limited, artificial habitat. But the fact remains: they are being gazed at from outside through the glass.

If this metaphor were true, even if only partially, the British would have a problem. And not just because of Brexit. Even after that, the world will continue; decisions will have to be made. From inside an aquarium?

Mind you – schadenfreude is hardly called for. What is being observed in Westminster can (and most probably will) apply to conditions elsewhere. For example in Austria.

[1] vgl. "Anmerkungen zum Brexit", 24. November 2017.

Nach welchen Maßstäben?

[for an English version, see below]

Wie ich sehe, hat John Humphrys wieder zugeschlagen. Hierzulande kennt man den Mann natürlich nicht. Er ist ein Star unter britischen Journalisten, besonders unter solchen, die Interviews machen – hauptsächlich mit Politkern, versteht sich. So was wie Armin Wolf hier bei uns, könnte man sagen.

Humphrys gestaltet – zusammen mit anderen – das Nachrichtenmagazin Today auf BBC Radio 4. Es hat seinen festen Sendeplatz montags bis samstags in der Früh (6–9am bzw. 7–9am). Letzten Samstag, so scheint es, hatte Humphrys die irische Europaministerin Helen McEntee im Studio. Und während des Interviews stellte er ihr plötzlich folgende Frage:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Zu deutsch: Es müsse doch ein Diskussion darüber geben, ob nicht Dublin – anstatt von den Briten zu verlangen, im Gemeinsamen Markt und der Zollunion zu bleiben – ob die Republik Irland also nicht die EU verlassen und sich Großbritannien anschließen solle.

Das ist natürlich eine gehörige Chuzpe – weit mehr als das gewohnte Maß. Dass da persönliche Neigungen mit dem Herrn Humphrys durchgegangen sind, das ist offensichtlich. Aber davon soll hier gar nicht die Rede sein.

Die junge irische Ministerin erntete viel Lob für die ruhige, sachliche Art, in der sie antwortete. Sicherlich zu Recht – kühl zu reagieren, wenn man hinterrücks überfallen wird, das ist ungeheuer schwer.

Trotzdem hätte sie, bedenkt man’s recht, auf die Frage gar nicht antworten sollen. Denn sie beruht auf einer zweifachen Lüge:

Erstens „muss“ es überhaupt keine solche Diskussion geben. Wer sagt so was? John Humphrys? Mit welchem Recht, mit welcher Legitimation?

Zweitens hat die Republik Irland den Briten niemals gesagt, was sie tun sollten – nicht einmal in der Frage der nordirischen Grenze und des notorischen Backstops. Das alles war von Anfang an eine der ebenso notorischen „roten Linien“ von Premierministerin Theresa May.

Jemanden mit Lügen aufs Eis führen, vor eingeschaltetem Mikrophon ein Bein stellen – wie beurteilen wir das? Wie ordnen wir’s ein?

John Humphrys rechtfertigt seine auch sonst und ganz allgemein ungustiöse Art damit, dass er Politiker zur Rechenschaft ziehe – „holding politicians to account“. Und da dürfe es ruhig einmal ein bisschen rauer zugehen. Vom sense of humour gar nicht zu reden, diesem ständig einsatzbereiten Fliegentatscher herablassender Patriarchen.

Schön und gut. Wir widersprechen gar nicht, auch nicht der Auffassung, das alles sei wichtig, ein fester Bestandteil von Demokratie, so was wie politische Hygiene.

Nur – irgendwann erhebt sich eben doch die Frage: nach welchen Maßstäben? Und je länger die Interviewer „zur Rechenschaft ziehen“, je schärfer, je provokanter sie dabei vorgehen, desto dringlicher stellt sich diese Frage.

Das gilt auch für Armin Wolf im österreichischen Rundfunk. Nur als weiteres Beispiel.

Eine Antwort haben wir noch nie bekommen und wir werden sie auch niemals bekommen. Das gehört nämlich zum Geschäftsmodell von Journalisten. Sie glauben allen Ernstes, sie seien berufen, Ankläger und Richter in einem zu spielen. Und sie glauben’s umso fester, als sie nie gefragt werden, nach welchen Gesichtspunkten sie nun eigentlich ihre Opfer aussuchen und peinlicher Befragung unterziehen. Geschweige denn, in wessen Namen und mit welcher Legitimation?

What are the standards?

I see John Humphrys has done it again. In Austria, of course, the man isn’t known at all. He is a star among British journalists, especially among those who do interviews – mostly with politicians. Somebody like Armin Wolf here with us, it could be said.

Together with others, Humphrys hosts the news magazine Today on BBC Radio 4. It has its fixed time slot Monday through Saturday in the morning (6-9am or 7-9am). Last Saturday, it seems, Humphrys had the Irish European Affairs Minister Helen McEntee in the studio. And during the interview, he suddenly asked her this question:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Needless to say, this is a remarkable dose of chutzpah – far more than the usual measure. Quite obviously, Humphreys was carried away by some sort of personal prejudice. But that’s not what we’re concerned with here.

The young Irish minister was praised for the calm, matter-of-fact way she responded; an rightly so – to react coolly when you are attacked from behind must be tremendously difficult.

Nevertheless, on reflection she should not have answered the question at all. After all, it was based on a double lie:

First, there doesn’t “have to be” such an argument at all. Who says so? John Humphrys? But why? What’s his authority?

Second, the Republic of Ireland has never told the British what they should do, not even on the issue of the Irish border or the notorious backstop. From the start the problems only resulted from Prime Minister Theresa May’s notorious „red lines“.

Leading somebody up the garden path, tripping her up in front of a microphone – what do we make of that? How do we judge it?

John Humphrys justifies his generally unpalatable approach by claiming that he is “holding politicians to account”. You can’t be too squeamish in the process. Not to mention the sense of humour, this ever-ready fly swatter of any condescending patriarch.

All very well. We won’t contradict, nor do we disagree with the idea that these are indispensable activities in a democracy: something like political hygiene.

And yet – at some point the question can’t be avoided anymore: What are the standards? The question is all the more urgent as these interviewers keep “holding to account” and as their inquiries are ever more incisive and provocative.

Which also applies to Armin Wolf in Austrian broadcasting. Just for example.

We have never heard an answer and we never will. That is part of journalists’ business model. They seriously believe that they are called upon to act as prosecutors and judges in one. And they believe it all the more firmly as they are never asked according to what criteria they actually choose their victims and then submit them to their inquisition. Let alone in whose name and by what authority?

[1] zit. nach Lisa O’Carroll, „Ireland dismisses suggestion it should quit EU and join UK“, The Guardian, 26 Jan 2019.

 

Wer vertritt die Wähler?

[for an English version, see below]

Irgendwie fühlt man sich beinahe gezwungen, etwas zum Brexit zu sagen, genauer: zu der katastrophalen Niederlage, welche die Regierung gestern im House of Commons erlitt. Da wurde ihr Austrittsabkommen praktisch zerknäult und in den Papierkorb geworfen. Angeblich hat es eine derart deutliche Abfuhr im britischen Parlament bisher überhaupt noch nie gegeben.

Sky News 15 January 2019 (Screenshot)

Aber was soll man sagen? Der Äther ist ohnehin schon erfüllt von unablässigem und unentrinnbarem Gezwitscher und Geschnatter: Bla-bla-bla, plätscher-plätscher-plätscher.

Vielleicht ist es trotzdem möglich, einen Schritt zurück zu treten und einen etwas distanzierteren Blick auf das Treiben in London zu werfen. Und vielleicht hilft da ein Wortwechsel, der heute offenbar im Unterhaus stattgefunden hat, während der Debatte zum Misstrauensantrag gegen die Regierung. Beteiligte sind die Premierministerin Theresa May und jener Kenneth Clarke, der hier schon einmal ausführlich zitiert worden ist [1]:

Auf die Frage, ob sie eine Zollunion mit der EU ausschließe, sagt die Premierministerin, sie wolle das verwirklichen, wofür die Menschen gestimmt haben.

Der altgediente konservative Parlamentsabgeordnete Ken Clarke sagt, er habe noch nie gehört, dass jemand, der für den Brexit gestimmt hat, auch für den Austritt aus der Zollunion gestimmt habe oder dafür, dass Handelsbarrieren zwischen Großbritannien und Europa bestehen sollten.

Er sagt, die Premierministerin fühle sich dem Ziel verpflichtet, die offenen Grenzen mit der EU zu wahren, betont jedoch: „Nirgendwo auf der Welt gibt es zwei Industrieländer, die eine offene Grenze haben, ohne eine Zollunion zu haben.“

Theresa May sagt, die Menschen hätten dafür gestimmt, dass sie gute Handelsbeziehungen mit der EU haben, aber auch mit anderen. Das Abkommen, welches von den Abgeordneten abgelehnt wurde, hätte das ermöglicht. [2]

Zwei Dinge scheinen mir bemerkenswert:

Erstens: Was Kenneth Clarke sagt, ist unzweifelhaft wahr. Beim Referendum gelangte eine einfache Frage zur Abstimmung – Leave oder Remain –, nicht aber, wie sich die Briten den Austritt vorstellten. Dazu gibt’s bestenfalls die Ergebnisse von Meinungsumfragen, ansonsten kann nur spekuliert werden. Theresa May hingegen hat sich von Anfang an darauf versteift, dass nur ihr Weg, nur ihre Lösung den Wählerwillen repräsentiere – so auch hier gegenüber Kenneth Clarke. Auf seine Frage, ob sie eine Zollunion in Betracht ziehe, antwortet sie genau so stereotyp (und ausweichend), wie sie das seit mehr als zwei Jahren getan hat: Sie werde das verwirklichen, wofür die Leute stimmten.

Zweitens: Das sagt sie, nachdem sie eben erst besagte Niederlage im Parlament erlitten hat. Aber was soll das heißen – dass die demokratisch gewählten Abgeordneten, welche gegen den Vorschlag der Regierung stimmten, die Wähler nicht vertreten? Dass nur sie, Theresa May, und sie allein „die Leute“ repräsentiert? Das wäre, zu Ende gedacht, ein Torpedo gegen die parlamentarische Demokratie.

Aber zu Ende denkt natürlich niemand, weder in Westminster noch sonst wo, nicht in diesen Tagen. Meine spontane Reaktion gestern, als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde: Sie sollte zurücktreten. Vielleicht sollte sie’s wirklich. Vielleicht könnte jemand anderer an ihrer Stelle ein bisschen flexibler mit dem heiklen Problem umgehen, vielleicht könnte er oder sie solcherart sogar neue Mehrheiten finden?

Aber sie wird’s nicht tun. Im Gegenteil. Wenn der Misstrauensantrag heute Abend scheitert, dann wird sie das Gefühl haben, noch fester im Sattel zu sitzen als zuvor. Die Misere geht weiter.

Voter representation

Somehow you almost feel compelled to say something about Brexit, or more precisely, the catastrophic defeat the government suffered yesterday in the House of Commons when their withdrawal agreement was practically crumpled and thrown into the bin. Allegedly, there has never been such a disastrous defeat in the British Parliament before.

But what can you say? The airspace is already filled with incessant and inescapable chirping and chattering: Bla-bla-bla, chitter-chatter, chitter-chatter.

Maybe it’s possible all the same to step back for a moment and take a more detached look at what’s going on in London. And perhaps an exchange will help that apparently took place in the House of Commons today during the debate on the motion of no confidence in the present government. Participants are the Prime Minister Theresa May and Kenneth Clarke MP, who has been quoted here in some detail before [3]:

Asked whether she is ruling out a customs union with the EU, the prime minister says she wants to deliver on what people voted for.

Veteran Conservative MP Ken Clarke says he has never heard anyone who voted for Brexit tell him that they were voting to leave the customs union, or that there should be trade barriers between the UK and Europe.

He says the PM is committed to keeping open borders with the EU, but points out: „There is nowhere in the world where two developed countries are able to have an open border unless they have a customs union.“

Theresa May says people voted to ensure they have a good trading relationship with the EU, but others as well. The deal that was rejected by MPs would have delivered that. [4]

Two things strike me as remarkable:

First, what Kenneth Clarke says is undoubtedly true. In the referendum, a simple question was put to the vote – Leave or Remain – but not how the British envisioned a withdrawal. At best, an answer can only be found in the results of opinion polls, otherwise it is a matter of speculation. Theresa May, however, has insisted from the beginning that only her approach, and only her proposal represent the will of the electorate – as she’s doing here in her reply to Kenneth Clarke. Asked whether she is considering a customs union, she is answering as stereotypically (and evasively) as she has done for more than two years: she will deliver what people voted for.

Secondly, this is being said shortly after she has suffered her notorious defeat in Parliament. But what does that imply – that the democratically elected MPs who voted against the government’s proposal are not representing voters? That only she, Theresa May, and she alone is representing „the people“? If you think this through, the concept turns into a torpedo against parliamentary representation.

But of course nobody is thinking things through, neither in Westminster nor anywhere else, not in these days. My spontaneous reaction yesterday, when the vote was announced: she should resign. Maybe she should really. Maybe someone else in her place could find a more flexible approach to this delicate problem? And thus, maybe he or she could even find new majorities?

But she won’t do it. On the contrary – if the motion of no confidence fails this evening, she will feel she is holding to the reigns even faster than before. The misery will continue.

 

[1] „Der Teufel steckt im Referendum“, 27. August 2017.

[2] “Tory MP questions PM's approach to customs union”, BBC News: House of Commons, 16 January 2019. Meine Übersetzung.

[3] see [1].

[4] see [2].

Das R-Wort und das F-Wort

 In den vergangenen Tagen haben private Drohnen den Flughafen Gatwick im Süden von London für mehr als 36 Stunden lahmgelegt. Das Chaos kann man sich vorstellen, so knapp vor Weihnachten; vielleicht auch das daraus resultierende Elend der betroffenen Passagiere.

Wer genau hinter der Aktion steckt, ist bis dato unbekannt; ein Mann und eine Frau sind inzwischen zwar verhaftet worden, aber mehr wissen wir nicht.[1] Auf jeden Fall erfolgte die Störung äußerst geschickt, die Täter spielten mit den Sicherheitskräften Katz und Maus. Gegenmaßnahmen brauchten lange, bis sie überhaupt ergriffen wurden, und selbst dann schienen sie nicht wirksam genug zu sein, um gleich einen sicheren Flugverkehr zu gewährleisten.

Wie kann so was passieren?

Gute Frage. Denn dass es früher oder später zu einem schweren Zwischenfall kommen würde, das war abzusehen. Leichtere hatte es in den vergangenen Jahren genug gegeben, und das mit steigender Häufigkeit – weniger als zehn im Jahre 2014, mehr als 90 im Jahr 2017.[2] Bloß hat man die Konsequenzen verdrängt. Zumindest war das mein Eindruck.

Das mochte auch daran gelegen haben, dass Gegenmaßnahmen offenbar schwer zu ergreifen sind – zumindest nicht so einfach, wie sich das ein Laie vorstellen und wünschen mag. Selbst der Einsatz von Spezialeinheiten des Militärs konnte die Situation in Gatwick nicht sofort entschärfen.

Andererseits sind Drohnen natürlich leicht erhältlich, und zwar für jedermann. Nicht unweit des Flughafens, so las ich irgendwo, fand ein Reporter eine Art Drohnen-Supermarkt mit reichem Sortiment. Und die Software dieser Dinger – nun, ich versteh’ nichts davon, aber man kann sich wohl vorstellen, was da heutzutage alles möglich ist an Verschlüsselung und künstlicher Intelligenz; Schlingel-Intelligenz in diesem Falle, aber die ist bekanntlich besonders findig – und heimtückisch.

So wurde denn im Kommentariat (d. h. unter Meinungsjournalisten) plötzlich wieder das verpönte R-Wort laut: Regulierung. Ansonsten ist es, wie wir alle wissen, tabu. Und deshalb gibt’s in Großbritannien zwar Gesetze, die festlegen, was man mit Drohnen tun darf und was nicht – aber es gibt keine Kontrolle, keine Kontrollmöglichkeit. Wirksam werden diese Gesetze samt ihren Strafen folglich erst, wenn sich so ein Fernsteuerungspilot erwischen lässt.

Wenn man bedenkt, wie viele Drohnen sich inzwischen in Privatbesitz befinden, dann wird schnell klar, wie selten das der Fall sein wird. Denn es geht ja nicht bloß um den Flugverkehr. Es geht auch um Autostraßen und Autobahnen. Ums Spazierengehen auf freiem Feld: da ist mir vor nicht allzu langer Zeit so eine Drohne bedenklich nahe gekommen, wenn dem Piloten der geringste Fehler unterlaufen wäre an seinem Steuergerät –

Und es geht auch um folgendes Szenario: halbstarke Burschen in einer Wohnsiedlung, die sich solche Drohnen zulegen. Wie könnten die ihre Mitmenschen terrorisieren! Nahe an Balkone und Fenster fliegen, Bilder machen und ins Internet stellen. Ganz abgesehen einmal vom Geräusch.

Was will man da regulieren?

Gut, man könnte Drohnenbesitzer registrieren. Aber was wäre mit all jenen, die früher solche Geräte gekauft haben und dies nicht melden wollen? Und würde das in Zukunft illegalen Besitz oder illegalen Betrieb ausschließen?

 Nein; das Gescheiteste wäre schlicht und einfach – Verbieten. Den freien Verkauf untersagen. Eine Drohne bekommt nur noch, wer nachweisen kann, warum und wozu er sie braucht, und wer dafür die nötigen Qualifikationen aufweist. Das Problem wäre gelöst – wenn nicht hundertprozentig, so doch zu einem großen Teil.

Bloß: Genau so hätte man’s bisher auch schon lösen können. Warum ist’s nicht geschehen? Nun, das liegt unter anderem am F-Wort: Freiheit. Im Unterschied zum R-Wort ist die nicht tabu, sondern sakrosankt. Da darf nicht dran gerührt werden!

Man kann doch nicht alles verbieten, heißt’s dann.

Mag sein. Im Falle der Drohnen jedoch – warum eigentlich nicht?

Ihre Gefährlichkeit ist erwiesen, auch in großem Rahmen: siehe Gatwick. Ihr Nutzen für den privaten Konsumenten? Was verlöre er? Wie viel ist seine Freiheit, eine Drohne zu fliegen, wohl wert im Vergleich mit dem Schaden, den er anrichten kann, der Gefährdung anderer?

Die Antwort liegt auf der Hand: Nichts.

Aber dann müssen wir uns natürlich noch etwas klarmachen: Beim F-Wort geht’s gar nicht um den privaten Konsumenten, zumindest nicht vorrangig. Es geht um den Drohnen-Supermarkt. Es geht um die Firmen, um die Konzerne, die ihn mit ihren Produkten beliefern. Es geht nicht um die Freiheit zu kaufen – es geht um die Freiheit zu verkaufen! Das ist der eigentliche Grund, warum das F-Wort so sakrosankt ist.

[1] Ich schreibe am Abend des 22. Dezember 2018. Vergleiche „Gatwick drones: Man and woman from Crawley held“, BBC News, 22 December 2018.

[2] vgl. „Sky battles: Fighting back against rogue drones“, BBC News, 12 October 2018.