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Thatcher, Thatcher, milk snatcher

[for an English version see below]

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Um es gleich vorwegzunehmen: Die legendäre Schlagzeile von Margaret Thatcher als “milk snatcher” kommt im hier zur Debatte stehenden Buch nicht vor. Sie stammt aus einer früheren Zeit. Warum sie sich trotzdem aufgedrängt hat, wird sich gleich erweisen.

Who Dares Wins ist der fünfte Band einer Reihe, an welcher der englische Historiker und Journalist Dominic Sandbrook schon seit Jahren arbeitet (Liste am Ende des Beitrags). Es handelt sich um Zeitgeschichte – eine Geschichte Großbritanniens von 1956 an. Der Beginn ist natürlich nicht zufällig gewählt: Die Suez-Krise war jenes einschneidende Ereignis, in dessen Verlauf das Vereinigte Königreich endgültig und unleugbar seine Weltmacht-Stellung einbüßte.

Die Art von Geschichte, welche Sandbrook schreibt, zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus; man könnte fast von einer Art Universalgeschichte sprechen. Da werden nämlich nicht bloß politische Entscheidungen seziert; ebenso kommt die Kultur zur Sprache, und zwar in Form von Romanen, Theaterstücken, Filmen, Rockbands sowie als Alltagskultur. Für jemanden wie mich bringt das etliche Aha-Erlebnisse, oder besser: Ach-ja-Erlebnisse, wenn man sich plötzlich wieder erinnert. Allerdings – an wesentlich mehr erinnert man sich eben nicht, man fragt sich, wie diese oder jene Entwicklung so an einem vorbeigehen konnte. Ich nehme an, britischen Lesern ergeht es ähnlich, obwohl sie doch die ganze Zeit mitten drin gelebt haben. Ich war bloß Besucher.

Der neueste Band von Sandbrooks grand oeuvre beschäftigt sich mit den Jahren 1979–1982. Er reicht also von der historischen Wahl Margaret Thatchers bis zum Falklands-Krieg. Das umfasst eine relativ kurze Zeitspanne, und gar so viel ist da eigentlich nicht passiert, sieht man vom Krieg ab, der von Sandbrook allerdings nicht im Detail geschildert wird. Ihm scheint es eher um die Verhandlungen und die Entscheidungen in Westminster zu gehen. Abgesehen davon, bewegte in jenen Jahren das Schicksal der britischen Stahlindustrie die Öffentlichkeit. Die wurde nun nämlich – entgegen bisher geübter Praxis – ihrem eigenen Schicksal überlassen. Das bedeutete: zerschlagen, verkauft, zugesperrt. Das Schicksal jener, welche mit unbewegter Miene derart folgenreiche Entscheidungen trafen, gestaltete sich natürlich gnädig; das Schicksal der Arbeiter und Angestellten hingegen war bitter und böse. Und niemand, gar niemand stand ihnen bei. Wie viele Lebenspläne wurden da zerstört? Wie viele Jugendliche um ihre Zukunft gebracht?

(Die blöde Platte mit der Eigeninitiative wollen wir lieber nicht auflegen. Wenn die Zahlen einmal in die Hunderttausende gehen, oder gar in die Millionen, dann ist Eigeninitiative per definitionem keine Lösung mehr.)

Margaret Thatcher zeichnete sich in dieser Phase durch eiserne Härte aus, durch jeglichen Mangel an Mitgefühl – the Iron Lady (wie sie schon 1976 von einer sowjetischen Armeezeitung getauft worden war). Man könnte argumentieren, das sei nötig gewesen, um endlich, endlich etwas zu bewegen in den völlig verfahrenen industrial relations, und ich würde nicht widersprechen, selbst heute nicht. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man solche Härte temporär einsetzt, um eine Besserung zu erzielen – was sich konkret niederschlagen müsste –, oder ob die Härte als Prinzip gilt. Bei Thatcher und ihren Kumpanen traf eindeutig das Zweite zu. Ihr Mangel an Mitgefühl oder auch nur Verständnis für die Betroffenen wurde damals schon allgemein beobachtet, selbst in ihrer eigenen Partei.

Dabei gestaltete sich ihre Politik in der fraglichen Periode alles andere als erfolgreich. Das lag in erster Linie am Dogma des Monetarismus, zu dessen Umsetzung sie angetreten war. Aber der funktionierte nicht. Während des Wahlkampfes hatten die Tories über die Labour-Partei gespottet: „Isn’t working“. Nun lagen nicht bloß die Arbeitslosenzahlen höher als während der siebziger Jahre, die Staatsverschuldung nahm auch nicht ab.

Thatcher isn’t working?

Was sie vor einer empfindlichen Niederlage rettete, das war die argentinische Invasion auf den Falkland-Inseln. Diese Gelegenheit ergriff sie eiskalt entschlossen beim Schopf und ließ sie nie wieder los – man könnte von da an gut und gerne vom Kriegs-Thatcherismus sprechen. Aber das liegt jenseits des Zeitrahmens des Bandes, der hier besprochen wird.

Bleibt die Aufgabe, die Sache mit dem „milk snatcher“ zu klären. Die Schlagzeile stammt aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als Mrs. Thatcher Unterrichtsministerin in der konservativen Regierung von Edward Heath war. Viel bewegte sie damals nicht, vor allem stellte sie sich keineswegs gegen den Trend zur comprehensive school. Aber weil sie wohl irgendetwas tun musste, strich sie bedürftigen Kindern die Gratis-Schulmilch. Woraufhin ein tabloid schlagzeilte: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“ (Milchklau). Nicht, dass die Schlagzeile in Erinnerung blieb. Man wünscht sich bloß, sie wäre.

Empfehlenswert? – Who Dares Wins ist ziemlich ausführlich geraten. Das erweckt den Eindruck, die paar Jahre seien fürchterlich wichtig gewesen. Meiner Erinnerung nach traf das eher nicht zu. Ein bisschen weniger wäre deshalb vielleicht besser gewesen. Aber das ist ein kleinlicher Einwand. Im Grunde dürften wir’s wohl mit einem klassischen Werk zu tun haben (was immer das heißt).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

Bei den weiteren Bänden handelt es sich um:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

 

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Let me be clear from the outset: The legendary headline of Margaret Thatcher as „milk snatcher“ does not appear in the book under discussion. It dates from an earlier time. Why it has come to mind will become clear presently.

Who Dares Wins is the fifth volume of a series that the English historian and journalist Dominic Sandbrook has been working on for years (see the list at the end of the article). It is contemporary history – a history of Britain from 1956 onwards. The beginning is not chosen by chance, of course: The Suez Crisis was the seminal event in the course of which the United Kingdom finally and undeniably lost its status as a world power.

The kind of history Sandbrook writes is characterised by its comprehensiveness; one could almost speak of a kind of universal history. Not only are political decisions analysed; culture is also discussed, in the form of novels, theatre, films, rock bands as well as everyday culture. For someone like me, this comes with a number of yes, of course moments: I remember! The surprising thing, however, is how much one does not remember. It makes you wonder how certain events or trends could have passed you by. I assume British readers feel the same way, although they lived in the thick of it. I was only a visitor.

The latest volume of Sandbrook’s grand oeuvre covers the years 1979–1982, from the historic election of Margaret Thatcher to the end of the Falklands War. This is a relatively short period of time in which not much happened, apart from the war which Sandbrook does not describe in detail. He seems to be more concerned with the political positions, negotiations, and decisions made in Westminster. Apart from that, it was the fate of the British steel industry that moved the public at the time. Contrary to previous practice, it was now left to its own devices, which meant: sold out, broken up, closed down. The fate of those who made such rational strategic decisions was, of course, rather benign; the fate of the workers and employees was bitter and cruel. And no one, absolutely no one at all stood by them. How many lives were destroyed in this way? How many young people were deprived of their future?

(We don’t want to put on the stupid soundtrack about individual enterprise. Once the numbers run into hundreds of thousands or even millions, then individual efforts are by definition no longer a solution).

In this phase Margaret Thatcher distinguished herself by her steely toughness or, to put it differently, by her utter lack of compassion – the Iron Lady (as she had been dubbed by a Soviet army magazine in 1976). One could argue that this was necessary in order to finally achieve some change in Britain’s terribly sclerotic industrial relations, and I certainly wouldn’t disagree, not even today. But there is a difference between deploying such harshness temporarily to achieve an improvement – which would have to be measurable sooner or later – and using harshness as a principle. With Thatcher and her cronies, the second was clearly the case. Their lack of compassion or even understanding for those affected was widely observed even within their own party.

Yet her policies in the period under discussion were anything but successful. This was primarily due to the dogma of monetarism, which she had set out to implement. But it did not work. During the election campaign, the Tories had sneered at the Labour Party: „Isn’t working“. Now, not only were the unemployment figures higher than during the 1970s, the national debt was not decreasing either.

„Thatcher isn’t working“?

What saved her from a severe electoral defeat were the actions of an Argentine general. She seized the opportunity with ice-cold determination and never let it go – one could well speak of wartime Thatcherism. But that is beyond the time frame of the volume under review.

Which leaves us with the task of explaining the „milk snatcher“ sobriquet. The headline dates from the early seventies, when Mrs Thatcher was Education Secretary in Edward Heath’s government. She didn’t achieve very much; most remarkably, she didn’t oppose the trend towards ever more comprehensive schools. But because she had to do something, she withdrew free school milk from needy children. Whereupon a tabloid headline read: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“. Not that the headline was widely remembered. One wishes it had been, though.

Recommended?Who Dares Wins is a bulky volume. It gives the impression that these few years were terribly important. To my recollection, that was rather not the case. A little less might therefore have been better. But that’s a petty objection. We are probably dealing with a classic (whatever that may mean).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

The other volumes are:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).