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Im Aquarium

[for an English version, see below]

Letzten Dienstag Abend hab’ ich gespannt die Abstimmungen im House of Commons mitverfolgt, dem britischen Parlament. Da ging’s bekanntlich um den Austritts-Vertrag, ausgehandelt mit der EU, genauer: um so genannte amendments, Abänderungsanträge dazu.

Aber das braucht uns hier nicht zu interessieren. Es wird dem Leser bekannt sein, zumindest in groben Zügen – und wenn nicht, dann spielt’s auch keine Rolle.

Mangels anderen Zugangs beobachtete ich das Geschehen auf Sky News, dem privaten Nachrichtenkanal. Und dort wurden die parlamentarischen Rituale samt ihren langen Pausen – „division, clear the lobby!“ – von einer Runde Experten begleitet, ebenso von Kommentatoren und von Interviews mit Abgeordneten. Endloses Geplapper also, wie könnte es anders sein, schließlich muss die Sendezeit gefüllt werden.

Was dabei auffiel, zumindest dem kontinentalen Zuschauer: Wie sehr die Debatte auf Westminster konzentriert blieb, also aufs Parlament plus die Regierung (die allerdings in Whitehall beheimatet ist), wie selten hingegen die EU zur Sprache kam, wie wenig Bedeutung ihr beigemessen wurde. Sicher, hin und wieder kam der Hinweis, dass die EU eine Neuverhandlung des eben erst unterzeichneten Vertrags ausgeschlossen habe. Aber das wurde nicht ernst genommen. Es gebe Signale, hieß es dann, erste Anzeichen… Das genügte, um sich munter wieder rein britischen Spekulationen hinzugeben: Was die Abstimmungen für die britische Premierministerin bedeuten, für die Tory-Party, wie dies oder jenes ihre Hand stärken oder schwächen könne.

Damit nahm der ganze Abend jedoch eine surreale Note an. Mir kam neuerlich das Bild von einem Aquarium in den Sinn [1]: Das mag auch so eingerichtet sein, dass es einem wirklichen Lebensraum draußen im Meer ähnelt, mit Sandboden, ein paar Felsbrocken vielleicht, Korallenstöcken. Und da tummelt sich dann allerlei Getier, geht seinen Lebensgewohnheiten nach, es mag sogar zu richtigen Rivalenkämpfen kommen. Die Bewohner mögen gänzlich vergessen, dass sie in einem künstlichen, eng begrenzten Habitat leben. Aber das ändert nichts an der Tatsache: Durchs Glas werden sie von draußen begafft.

Träfe dieses Bild zu, und sei’s nur zu einem kleinen Teil, dann hätten die Briten ein ziemliches Problem. Und das hat nicht bloß mit dem Brexit zu tun. Danach geht die Welt ja weiter, es werden weiterhin Entscheidungen zu treffen sein. Von einem Aquarium aus?

Wohlgemerkt – Häme ist keinesfalls angebracht. Was in Westminster beobachtet wird, das kann genau so gut auf die Zustände woanders zutreffen (und wird’s höchstwahrscheinlich auch). Zum Beispiel in Österreich.

Inside an aquarium

Last Tuesday evening I was watching the House of Commons voting on the so-called withdrawal deal, freshly negotiated with the EU, or more precisely: on a number of amendments to this deal.

But that’s not what we’re concerned with here. Readers will be familiar with all this, at least in broad terms – and if not, it really does not matter.

For lack of other access, I followed the action on Sky News, the commercial news channel. The parliamentary rituals with their long breaks – „division, clear the lobby!“ – were accompanied by a panel of experts, by commentators and by interviews with Members of the House. In a word: endless chatter – how could it be otherwise, after all the airtime has to be filled.

What seemed striking, at least to a continental observer: how much the debate remained focused on Westminster, i.e. Parliament plus government (although the latter is actually based in Whitehall); how rarely the EU was mentioned and how little importance was attached to it. To be sure, we heard hints every now and then that the EU had ruled out a renegotiation of the newly signed deal. But that was not taken seriously: There are signals, it was said, first signs… Enough for the participants to return cheerfully to purely British speculation: what the votes could mean for the British Prime Minister or for the Tory Party, and how this or that might strengthen or weaken her hand.

In this way, however, the evening took on a slightly surreal touch. The image of an aquarium came to mind: that may also be arranged to resemble a true habitat in the sea, with sandy bottom, a couple of small rocks perhaps, and a few corals; populated by all kinds of creatures, all leading their habitual lives. They may even engage in real fights with real rivals. Residents may forget that they are living in a limited, artificial habitat. But the fact remains: they are being gazed at from outside through the glass.

If this metaphor were true, even if only partially, the British would have a problem. And not just because of Brexit. Even after that, the world will continue; decisions will have to be made. From inside an aquarium?

Mind you – schadenfreude is hardly called for. What is being observed in Westminster can (and most probably will) apply to conditions elsewhere. For example in Austria.

[1] vgl. "Anmerkungen zum Brexit", 24. November 2017.

Nach welchen Maßstäben?

Wie ich sehe, hat John Humphrys wieder zugeschlagen. Hierzulande kennt man den Mann natürlich nicht. Er ist ein Star unter britischen Journalisten, besonders unter solchen, die Interviews machen – hauptsächlich mit Politkern, versteht sich. So was wie Armin Wolf hier bei uns, könnte man sagen.

Humphrys gestaltet – zusammen mit anderen – das Nachrichtenmagazin Today auf BBC Radio 4. Es hat seinen festen Sendeplatz montags bis samstags in der Früh (6–9am bzw. 7–9am). Letzten Samstag, so scheint es, hatte Humphrys die irische Europaministerin Helen McEntee im Studio. Und während des Interviews stellte er ihr plötzlich folgende Frage:

There has to be an argument, doesn’t there, that says instead of Dublin telling this country that we have to stay in the single market etc within the customs union, why doesn’t Dublin, why doesn’t the Republic of Ireland, leave the EU and throw in their lot with this country? [1]

Zu deutsch: Es müsse doch ein Diskussion darüber geben, ob nicht Dublin – anstatt von den Briten zu verlangen, im Gemeinsamen Markt und der Zollunion zu bleiben – ob die Republik Irland also nicht die EU verlassen und sich Großbritannien anschließen solle.

Das ist natürlich eine gehörige Chuzpe – weit mehr als das gewohnte Maß. Dass da persönliche Neigungen mit dem Herrn Humphrys durchgegangen sind, das ist offensichtlich. Aber davon soll hier gar nicht die Rede sein.

Die junge irische Ministerin erntete viel Lob für die ruhige, sachliche Art, in der sie antwortete. Sicherlich zu Recht – kühl zu reagieren, wenn man hinterrücks überfallen wird, das ist ungeheuer schwer.

Trotzdem hätte sie, bedenkt man’s recht, auf die Frage gar nicht antworten sollen. Denn sie beruht auf einer zweifachen Lüge:

Erstens „muss“ es überhaupt keine solche Diskussion geben. Wer sagt so was? John Humphrys? Mit welchem Recht, mit welcher Legitimation?

Zweitens hat die Republik Irland den Briten niemals gesagt, was sie tun sollten – nicht einmal in der Frage der nordirischen Grenze und des notorischen Backstops. Das alles war von Anfang an eine der ebenso notorischen „roten Linien“ von Premierministerin Theresa May.

Jemanden mit Lügen aufs Eis führen, vor eingeschaltetem Mikrophon ein Bein stellen – wie beurteilen wir das? Wie ordnen wir’s ein?

John Humphrys rechtfertigt seine auch sonst und ganz allgemein ungustiöse Art damit, dass er Politiker zur Rechenschaft ziehe – „holding politicians to account“. Und da dürfe es ruhig einmal ein bisschen rauer zugehen. Vom sense of humour gar nicht zu reden, diesem ständig einsatzbereiten Fliegentatscher herablassender Patriarchen.

Schön und gut. Wir widersprechen gar nicht, auch nicht der Auffassung, das alles sei wichtig, ein fester Bestandteil von Demokratie, so was wie politische Hygiene.

Nur – irgendwann erhebt sich eben doch die Frage: nach welchen Maßstäben? Und je länger die Interviewer „zur Rechenschaft ziehen“, je schärfer, je provokanter sie dabei vorgehen, desto dringlicher stellt sich diese Frage.

Das gilt auch für Armin Wolf im österreichischen Rundfunk. Nur als weiteres Beispiel.

Eine Antwort haben wir noch nie bekommen und wir werden sie auch niemals bekommen. Das gehört nämlich zum Geschäftsmodell von Journalisten. Sie glauben allen Ernstes, sie seien berufen, Ankläger und Richter in einem zu spielen. Und sie glauben’s umso fester, als sie nie gefragt werden, nach welchen Gesichtspunkten sie nun eigentlich ihre Opfer aussuchen und peinlicher Befragung unterziehen. Geschweige denn, in wessen Namen und mit welcher Legitimation?

[1] zit. nach Lisa O’Carroll, „Ireland dismisses suggestion it should quit EU and join UK“, The Guardian, 26 Jan 2019.

 

Wer vertritt die Wähler?

Irgendwie fühlt man sich beinahe gezwungen, etwas zum Brexit zu sagen, genauer: zu der katastrophalen Niederlage, welche die Regierung gestern im House of Commons erlitt. Da wurde ihr Austrittsabkommen praktisch zerknäult und in den Papierkorb geworfen. Angeblich hat es eine derart deutliche Abfuhr im britischen Parlament bisher überhaupt noch nie gegeben.

Sky News, 15 January 2019 (screenshot)

Aber was soll man sagen? Der Äther ist ohnehin schon erfüllt von unablässigem und unentrinnbarem Gezwitscher und Geschnatter: Bla-bla-bla, plätscher-plätscher-plätscher.

Vielleicht ist es trotzdem möglich, einen Schritt zurück zu treten und einen etwas distanzierteren Blick auf das Treiben in London zu werfen. Und vielleicht hilft da ein Wortwechsel, der heute offenbar im Unterhaus stattgefunden hat, während der Debatte zum Misstrauensantrag gegen die Regierung. Beteiligte sind die Premierministerin Theresa May und jener Kenneth Clarke, der hier schon einmal ausführlich zitiert worden ist:[1]

Asked whether she is ruling out a customs union with the EU, the prime minister says she wants to deliver on what people voted for.
Veteran Conservative MP Ken Clarke says he has never heard anyone who voted for Brexit tell him that they were voting to leave the customs union, or that there should be trade barriers between the UK and Europe.
He says the PM is committed to keeping open borders with the EU, but points out: „There is nowhere in the world where two developed countries are able to have an open border unless they have a customs union.“
Theresa May says people voted to ensure they have a good trading relationship with the EU, but others as well. The deal that was rejected by MPs would have delivered that.[2]

Zwei Dinge scheinen mir bemerkenswert:

Erstens: Was Kenneth Clarke sagt, ist unzweifelhaft wahr. Beim Referendum gelangte eine einfache Frage zur Abstimmung – Leave oder Remain –, nicht aber, wie sich die Briten den Austritt vorstellten. Dazu gibt’s bestenfalls die Ergebnisse von Meinungsumfragen, ansonsten kann nur spekuliert werden. Theresa May hingegen hat sich von Anfang an darauf versteift, dass nur ihr Weg, nur ihre Lösung den Wählerwillen repräsentiere – so auch hier gegenüber Kenneth Clarke. Auf seine Frage, ob sie eine Zollunion in Betracht ziehe, antwortet sie genau so stereotyp (und ausweichend), wie sie das seit mehr als zwei Jahren getan hat: Sie werde das verwirklichen, wofür die Leute stimmten.

Zweitens: Das sagt sie, nachdem sie eben erst besagte Niederlage im Parlament erlitten hat. Aber was soll das heißen – dass die demokratisch gewählten Abgeordneten, welche gegen den Vorschlag der Regierung stimmten, die Wähler nicht vertreten? Dass nur sie, Theresa May, und sie allein „die Leute“ repräsentiert? Das wäre, zu Ende gedacht, ein Torpedo gegen die parlamentarische Demokratie.

Aber zu Ende denkt natürlich niemand, weder in Westminster noch sonst wo, nicht in diesen Tagen. Meine spontane Reaktion gestern, als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde: Sie sollte zurücktreten. Vielleicht sollte sie’s wirklich. Vielleicht könnte jemand anderer an ihrer Stelle ein bisschen flexibler mit dem heiklen Problem umgehen, vielleicht könnte er oder sie solcherart sogar neue Mehrheiten finden?

Aber sie wird’s nicht tun. Im Gegenteil. Wenn der Misstrauensantrag heute Abend scheitert, dann wird sie das Gefühl haben, noch fester im Sattel zu sitzen als zuvor. Die Misere geht weiter.

Auf die Frage, ob sie eine Zollunion mit der EU ausschließe, sagt die Premierministerin, sie wolle das verwirklichen, wofür die Menschen gestimmt haben.
Der altgediente konservative Parlaments-abgeordnete Ken Clarke sagt, er habe noch nie gehört, dass jemand, der für den Brexit gestimmt hat, auch für den Austritt aus der Zollunion gestimmt habe oder dafür, dass Handelsbarrieren zwischen Großbritannien und Europa bestehen sollten.
Er sagt, die Premierministerin fühle sich verpflichtet, die offenen Grenzen mit der EU zu wahren, betont jedoch: "Nirgendwo auf der Welt gibt es zwei Industrieländer, die eine offene Grenze haben, ohne eine Zollunion zu haben."
Theresa May sagt, die Menschen hätten dafür gestimmt, dass sie gute Handelsbeziehungen mit der EU haben, aber auch mit anderen. Das Abkommen, welches von den Abgeordneten abgelehnt wurde, hätte das ermöglicht.
[1] „Der Teufel steckt im Referendum“, 27. August 2017.

[2] “Tory MP questions PM's approach to customs union”, BBC News: House of Commons, 16 January 2019.

Das R-Wort und das F-Wort

 In den vergangenen Tagen haben private Drohnen den Flughafen Gatwick im Süden von London für mehr als 36 Stunden lahmgelegt. Das Chaos kann man sich vorstellen, so knapp vor Weihnachten; vielleicht auch das daraus resultierende Elend der betroffenen Passagiere.

Wer genau hinter der Aktion steckt, ist bis dato unbekannt; ein Mann und eine Frau sind inzwischen zwar verhaftet worden, aber mehr wissen wir nicht.[1] Auf jeden Fall erfolgte die Störung äußerst geschickt, die Täter spielten mit den Sicherheitskräften Katz und Maus. Gegenmaßnahmen brauchten lange, bis sie überhaupt ergriffen wurden, und selbst dann schienen sie nicht wirksam genug zu sein, um gleich einen sicheren Flugverkehr zu gewährleisten.

Wie kann so was passieren?

Gute Frage. Denn dass es früher oder später zu einem schweren Zwischenfall kommen würde, das war abzusehen. Leichtere hatte es in den vergangenen Jahren genug gegeben, und das mit steigender Häufigkeit – weniger als zehn im Jahre 2014, mehr als 90 im Jahr 2017.[2] Bloß hat man die Konsequenzen verdrängt. Zumindest war das mein Eindruck.

Das mochte auch daran gelegen haben, dass Gegenmaßnahmen offenbar schwer zu ergreifen sind – zumindest nicht so einfach, wie sich das ein Laie vorstellen und wünschen mag. Selbst der Einsatz von Spezialeinheiten des Militärs konnte die Situation in Gatwick nicht sofort entschärfen.

Andererseits sind Drohnen natürlich leicht erhältlich, und zwar für jedermann. Nicht unweit des Flughafens, so las ich irgendwo, fand ein Reporter eine Art Drohnen-Supermarkt mit reichem Sortiment. Und die Software dieser Dinger – nun, ich versteh’ nichts davon, aber man kann sich wohl vorstellen, was da heutzutage alles möglich ist an Verschlüsselung und künstlicher Intelligenz; Schlingel-Intelligenz in diesem Falle, aber die ist bekanntlich besonders findig – und heimtückisch.

So wurde denn im Kommentariat (d. h. unter Meinungsjournalisten) plötzlich wieder das verpönte R-Wort laut: Regulierung. Ansonsten ist es, wie wir alle wissen, tabu. Und deshalb gibt’s in Großbritannien zwar Gesetze, die festlegen, was man mit Drohnen tun darf und was nicht – aber es gibt keine Kontrolle, keine Kontrollmöglichkeit. Wirksam werden diese Gesetze samt ihren Strafen folglich erst, wenn sich so ein Fernsteuerungspilot erwischen lässt.

Wenn man bedenkt, wie viele Drohnen sich inzwischen in Privatbesitz befinden, dann wird schnell klar, wie selten das der Fall sein wird. Denn es geht ja nicht bloß um den Flugverkehr. Es geht auch um Autostraßen und Autobahnen. Ums Spazierengehen auf freiem Feld: da ist mir vor nicht allzu langer Zeit so eine Drohne bedenklich nahe gekommen, wenn dem Piloten der geringste Fehler unterlaufen wäre an seinem Steuergerät –

Und es geht auch um folgendes Szenario: halbstarke Burschen in einer Wohnsiedlung, die sich solche Drohnen zulegen. Wie könnten die ihre Mitmenschen terrorisieren! Nahe an Balkone und Fenster fliegen, Bilder machen und ins Internet stellen. Ganz abgesehen einmal vom Geräusch.

Was will man da regulieren?

Gut, man könnte Drohnenbesitzer registrieren. Aber was wäre mit all jenen, die früher solche Geräte gekauft haben und dies nicht melden wollen? Und würde das in Zukunft illegalen Besitz oder illegalen Betrieb ausschließen?

 Nein; das Gescheiteste wäre schlicht und einfach – Verbieten. Den freien Verkauf untersagen. Eine Drohne bekommt nur noch, wer nachweisen kann, warum und wozu er sie braucht, und wer dafür die nötigen Qualifikationen aufweist. Das Problem wäre gelöst – wenn nicht hundertprozentig, so doch zu einem großen Teil.

Bloß: Genau so hätte man’s bisher auch schon lösen können. Warum ist’s nicht geschehen? Nun, das liegt unter anderem am F-Wort: Freiheit. Im Unterschied zum R-Wort ist die nicht tabu, sondern sakrosankt. Da darf nicht dran gerührt werden!

Man kann doch nicht alles verbieten, heißt’s dann.

Mag sein. Im Falle der Drohnen jedoch – warum eigentlich nicht?

Ihre Gefährlichkeit ist erwiesen, auch in großem Rahmen: siehe Gatwick. Ihr Nutzen für den privaten Konsumenten? Was verlöre er? Wie viel ist seine Freiheit, eine Drohne zu fliegen, wohl wert im Vergleich mit dem Schaden, den er anrichten kann, der Gefährdung anderer?

Die Antwort liegt auf der Hand: Nichts.

Aber dann müssen wir uns natürlich noch etwas klarmachen: Beim F-Wort geht’s gar nicht um den privaten Konsumenten, zumindest nicht vorrangig. Es geht um den Drohnen-Supermarkt. Es geht um die Firmen, um die Konzerne, die ihn mit ihren Produkten beliefern. Es geht nicht um die Freiheit zu kaufen – es geht um die Freiheit zu verkaufen! Das ist der eigentliche Grund, warum das F-Wort so sakrosankt ist.

[1] Ich schreibe am Abend des 22. Dezember 2018. Vergleiche „Gatwick drones: Man and woman from Crawley held“, BBC News, 22 December 2018.

[2] vgl. „Sky battles: Fighting back against rogue drones“, BBC News, 12 October 2018.

 

Historical truth

Just back from London where I stayed long enough this year to witness the ceremonies surrounding Remembrance Sunday, albeit only on the telly. I didn’t go to Whitehall on Sunday because I feared the masses that would have congregated there. I would hardly have seen very much (if anything), standing in a tightly packed crowd.

The ceremony at the Cenotaph and even more so the subsequent march-by have always moved me almost – but not quite – to tears. The reason is the extraordinary mixture of the military with the civilian. In some detachments, a part of the participants saunter down Whitehall in civilian clothes, whereas others wear their regimental caps and badges and attempt something like a military step with the typical swinging of arms, British style. This year, due to the 100th anniversary, we even saw about 10,000 randomly selected civilians file past the Cenotaph!

It all serves to remember, of course, and to honour the sacrifice of those who were killed or maimed in World War I as well as all the other wars since. But what is it exactly that we should honour and that we should never forget?

A young girl amongst the marchers was asked the question by a BBC reporter.

“I’m here”, she said, “because my great-grandfather died in World War I. He gave his life so that I can live mine.”

A noble sentiment, no doubt – but does it stand scrutiny?

The Germans in the First World War were not the Nazis of the Second. They may have been more militaristic than other European powers, but the difference was one of nuance rather than principle. In those days, war was generally accepted as a legitimate means to achieve political aims. World War I was not a clash of civilisations. In fact, that is what made the slaughter so futile.

Not a thought, I realize, that would meet with much sympathy, certainly not on Remembrance Sunday. But then – for all the remembering and honouring, certainly there must also be something called historical truth?

Ich tu’s nie wieder

Über Briten, Brexit und das Buch eines deutschen Journalisten

Ja, ich geb’s zu. Ich hab’s wieder getan. Ich wollt’ nicht, aber die Versuchung war einfach zu groß.

Ich hab’ wieder ein Buch von einem deutschsprachigen Journalisten gekauft. In diesem Falle handelt es sich um Jochen Buchsteiner, und der Titel lautet Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie. Klang ja auch zu verführerisch. Ich les’ sehr viel über den Brexit, aber auf Englisch. Da müsste eine andere, eine kontinentale Sichtweise doch interessant sein, oder?

Jochen Buchsteiner, so erfahren wir, Jahrgang 1965, berichtet als Korrespondent der FAZ aus London. Möglicherweise haben wir damit das Problem seines Buches bereits benannt. Was dem Leser als erstes auffällt, ist nämlich der Stil, der da praktiziert wird. Breezy, würde man auf Englisch wahrscheinlich sagen: atemlos, immer ein bisschen hastig. Und natürlich so obenhin, über drüber:

„Die Briten fordern die Ordnung Europas nicht zum ersten Mal heraus“, beginnen wir zu lesen. „Als König Heinrich VIII. vor einem halben Jahrtausend…“ Für einen Kenner der britischen Debatte ist das Argument nicht neu – wovon mehr später. Doch eilig geht’s weiter, Seite um Seite. Nun ist die Rede bereits von der Französischen Revolution: „Die Briten verlegten die Revolution gewissermaßen von innen nach außen – und von der Politik in die Wirtschaft. Der Kolonialismus rückte ins Zentrum der Staatsgeschäfte, und der moderne Kapitalismus entfesselte sich…“

Wie bitte? Der Zusammenhang zwischen Revolution und Kolonialismus bleibt nebulos, abgesehen vielleicht von einer zeitlichen Koinzidenz. Aber das ist eben das Verstörende an dieser Argumentation: Wenn man sich einigermaßen auskennt in der britischen Geschichte, dann lässt sich mit einigem Nachdenken schon erkennen, worauf der Verfasser Bezug nimmt, welche Fakten er da großzügig (und zumeist stillschweigend) verknüpft. Insofern könnte mit sehr, sehr viel Wohlwollen eingeräumt werden: Ja, so kann man das auch sehen. Bloß kann man’s genau so gut anders sehen. Das Gegenteil ist ebenso wahr – und historisch vermutlich besser untermauert. Aber das wär‘ halt so pedantisch! Schmissige Formulierungen würden sich daraus keine ergeben.

Nicht umsonst hegt Herr Buchsteiner eine unübersehbare Schwäche für den erzkonservativen Erz-Brexiteer (Brexit-Befürworter) Boris Johnson. Ausgerechnet! Aber in diesem Falle ist die Sympathie gar nicht so überraschend. Von Johnson wurde gesagt, er sei nur zu verstehen, wenn man in Rechnung stelle, dass er eigentlich Journalist sei, Meinungsjournalist: Dass es ihm nur um die sensationelle Schlagzeile gehe, welche er sich übers Wochenende ausgedacht habe. Sachliche Irrtümer? Ungenauigkeiten? „Geht nicht“? Das sind kleinliche Einwände langweiliger Pedanten. Widerspruch, Aufschrei, womöglich gar Skandal? Gut so – sorgt für Aufmerksamkeit.

So weit geht unser FAZ-Reporter freilich nicht. Seine Argumentation stammt jedoch ganz eindeutig von Boris Johnson und seinesgleichen – von einer ganzen Schar konservativer Politiker und Journalisten. Da wird schon seit längerer Zeit fleißig an einem britischen (vorzugsweise: englischen) Heldenmythos gebastelt. Die Briten (Engländer) hätten demnach immer schon gewusst, wo’s lang geht, immer um eine Nasenlänge voraus – nicht bloß seit Henry VIII (siehe oben), sondern schon seit der Magna Carta (1215), die in unserem Bändchen natürlich auch ihren Auftritt haben muss. Und deshalb, so die Folgerung, wüssten sie’s jetzt auch wieder besser, wenn’s um die EU geht.

Daher der Titel des Buches. Die Briten, so will es zeigen, die denken nicht in großartigen Programmen, geschweige denn in Utopien. Das tun bloß die Europäer, sehr zu ihrem eigenen Schaden, wie die letzten hundert, zweihundert, dreihundert oder vierhundert Jahre gezeigt haben – je nachdem, wie weit man ausholen möchte. Die Briten eilten hingegen von Erfolg zu Erfolg, die haben die moderne Welt erfunden und geschaffen (wie sie sich selbst so hartnäckig bestätigen), indem sie immer pragmatisch blieben, improvisierten, indem sie ihrem (selbst attestierten) Volkssport frönten: muddling through,  durchwursteln.

Bloß hieße das, übertragen auf heute: Die konservativen Brexiteers mit ihrer Vision von einem Neuen Goldenen Zeitalter, Rule Britannia, mit ihrem Dogma vom freien Markt und vom Freihandel – das sollen heute die Pragmatiker sein, während die EU-Vertreter verblendet wären von abstraktem Denken, von Utopien? Aber wo, wenn nicht in der EU, sind Kompromisse und Improvisieren zu Hause? Muddling through nicht bloß als charakteristische Methode, sondern schlicht und einfach – die einzige?

Wenn man mit dem Nachdenken so weit gekommen ist, dann bleibt nicht mehr viel übrig von der angeblichen europäischen Utopie. Fliehen mögen die Briten sehr wohl, aber aus anderen Gründen. Historische Analogien, das sollten wir inzwischen vielleicht doch begriffen haben, sind wertlos. Und das ist nun eigentlich das Problem unseres flotten FAZ-Korrespondenten. Der Titel verspricht, was sein Büchlein nicht hält.

Aber dann: aus Schaden wird man klug, oder? Sollte man zumindest. Ich hab’s mir jedenfalls vorgenommen, ganz ganz fest: Ich tu’s nie wieder!

Jochen Buchsteiner, Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie (Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 2018).

Ideas for reform

There is no lack of sharp-witted analysis highlighting the maladies of neo-liberal policies. What we get far less frequently are remedies.

A recent report by a British think tank attempts to fill the gap. The British economic model is broken, it observes, and goes on to offer ideas for reform. Some of them are (according to the Guardian, see below):

  • An immediate increase in the minimum wage to the real Living Wage.
  • A requirement that workers on zero-hours contracts be paid 20% above the higher real Living Wage rate.
  • A new national investment bank that would raise £15bn a year to push public investment.
  • Major changes to how UK companies are governed, such as the inclusion of workers on company boards.
  • Rises in corporation tax.
  • Taxing work and wealth on the same basis, with a single income tax for all types of income (meaning the abolition of capital gains tax and dividend tax).
  • The replacement of inheritance tax with a lifetime gift tax, levied on recipients rather than estates.

Sounds practical and realistic. Could this be a way forward?

“Thinktank calls for major overhaul of Britain's economy”, The Guardian, 5 September 2018.

Anmerkungen zum Brexit

Während ich mich diesen Herbst in London aufhielt, amüsierten uns die täglich wechselnden und einander widersprechenden Meinungsäußerungen britischer Regierungsmitglieder zum so genannten Brexit. Das ging so weit, dass an einem Tag bekräftigt wurde, das Vereinigte Königreich werde nicht bloß den Gemeinsamen Markt, sondern ebenso die Zollunion verlassen, während am nächsten Tag eine „harte Grenze“ zwischen Nordirland und der Republik Irland definitiv nicht in Frage kam. Wie das funktionieren soll, das erklärte niemand.

Einer Umfrage zufolge sollen vor einem Jahr – also ehe das Austritts­verfahren gemäß dem berüchtigten Artikel 50 ausgelöst worden war – mehr als 60 Prozent der Briten ihrer Premierministerin Theresa May eine gute Verhandlungsführung bescheinigt haben; nun waren’s nur noch knapp über dreißig Prozent. Doch hatte sie – meinem persönlichen Eindruck nach – zuvor genau so gut oder so schlecht agiert wie jetzt. Das Problem, welches die Briten mit ihrem Brexit haben, liegt woanders.

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Taxpayers

It may have been David Davis, the British Brexit secretary, or it may have been Liam Fox, Secretary of State for International Trade, or it may have been Philip Hammond, Chancellor of the Exchequer – I’m not sure, and it does not matter very much. One of them said recently, referring to the so-called ‘divorce bill’, i.e. the amount of money the EU expects the United Kingdom to pay on leaving the Union: This is taxpayers’ money. I’m responsible to them.

True enough.

Unfortunately, the good man seems to have forgotten the sauce for the gander. The ‘divorce bill’ also involves the money of continental taxpayers (I happen to be one of them). I don’t know about their respective numbers in the UK and the EU, but we do have an idea of the respective populations: about 66 million in the UK; about 446 million in the EU after Brexit. It follows that for every UK taxpayer, there must be between 6 and 7 Europeans.

Not such a good idea to bring up the topic after all, maybe?