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Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Vergessener Jahrtag

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren, genau am 18. Dezember 1998, verfolgte ich im Fernsehen mit, wie Cruise Missiles in Bagdad einschlugen. Die Bilder stammten von einer Kamera, welche CNN-Reporter am Dach ihres Hotels aufgestellt hatten (sie selbst hatten sich im Keller verkrochen).

Der Angriff erfolgte im Rahmen der viertägigen Operation Desert Fox und sollte Saddam Hussein dafür bestrafen, dass er UN-Inspekteure auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen nicht gebührlich unterstützt oder gar behindert hatte.

BBC World Service 1998

Die Bilder zeigten die abendlich beleuchtete Stadt, am jenseitigen Ufer des Flusses konnte der Zuseher Gebäude ausmachen, eine weiße Kuppel im orientalischen Stil. Plötzlich erklang nervöses Flak-Feuer, Leuchtspurmunition durchzog den Nachthimmel über den Häusern. Dann dicke, grelle Feuerkugeln, dumpfe Detonationen.

Und wir saßen da, in unserem Wohnzimmer, und schauten zu. So wie – na ja, die ganze Welt wird’s nicht gerade gewesen sein, aber doch, sagen wir, Hunderttausende?

Als gelerntem Österreicher kam mir unweigerlich eine Szene aus Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit in den Sinn:

Kriegshauptquartier, Kinotheater. In der ersten Reihe sitzt der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich. Ihm zur Seite sein Gast, der König Ferdinand von Bulgarien. Es wird ein Sascha-Film vorgeführt, der in sämtlichen Bildern Mörserwirkungen darstellt. Man sieht Rauch aufsteigen und Soldaten fallen. Der Vorgang wiederholt sich während anderthalb Stunden vierzehnmal. Das militärische Publikum sieht mit fachmännischer Aufmerksamkeit zu. Man hört keinen Laut. Nur bei jedem Bild, in dem Augenblick, in dem der Mörser seine Wirkung übt, hört man aus der vordersten Reihe das Wort:
Bumsti!

Wie kann man so was machen – die Live-Show einer Bombardierung? Während dort die Leute irgendwo in einer Ecke kauern, praktisch schutzlos?

Machen wir uns nichts vor: Das haben auch Hunderttausende gesehen, mitbekommen – aber andere. Warum wundern wir uns eigentlich so über den militanten Islamismus, über islamistischen Terror? Nine-eleven? Wie konnten wir da moralisch entrüstet spielen?

Zu meinem Befremden habe ich festgestellt, dass sowohl der englische als auch der deutsche Wikipedia-Beitrag zu Operation Desert Fox lediglich militärische Bilder zeigt: eine Cruise Missile, die eben abgeschossen wird; ein amerikanischer Bomber; zwei weibliche Jagdbomber-Pilotinnen. Da wird die aseptische Version einer klinisch-exakten Strafaktion aufrecht erhalten. Über die andere Seite erfahren wir wenig. Was zivile Opfer angeht, so ist bloß die Rede von „dozens“, Dutzenden – in der englischen Version. In der deutschen: kein Wort.

„Operation Desert Fox“, BBC World Service: Witness, 16 December 1998.

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Teil I (München: dtv, 1969); II. Akt, 28. Szene, S. 231.

„Bombing of Iraq (1998)“, Wikipedia: The Free Encyclopedia, 4 January 2019.

„Operation Desert Fox“, Wikipedia: Die freie Enzyklopädie, 13. November 2018.

Interessantes Bild

Interessant? Was soll eigentlich interessant sein an diesem Bild?

Nun —

  1. Ich hab’s im Imperial War Museum in London gesehen. Es hing in einer Ausstellung zum Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren mit dem Titel Renewal: Life After the First World War in Photographs.
  2. Das Bild zeigt zwei britische Offiziere.
  3. Wenn man genau hinschaut, bemerkt man, dass das Bild in Tirol aufgenommen wurde. Um genau zu sein: in Imst.

Des Rätsels Lösung: Die Offiziere kamen mit der italienischen Armee nach Nordtirol, die das Land von 1918 bis 1920 besetzte; ob lediglich als Beobachter, oder ob auch ein britisches Truppenkontingent dabei war, das konnte ich leider nicht herausfinden.

Man beachte bitte die beiden Kinder hinterm Hauseck, wie sie den Briten zuschauen. Aber wie? Ängstlich? Neidisch? Befremdet? Verächtlich?

Historical truth

Just back from London where I stayed long enough this year to witness the ceremonies surrounding Remembrance Sunday, albeit only on the telly. I didn’t go to Whitehall on Sunday because I feared the masses that would have congregated there. I would hardly have seen very much (if anything), standing in a tightly packed crowd.

The ceremony at the Cenotaph and even more so the subsequent march-by have always moved me almost – but not quite – to tears. The reason is the extraordinary mixture of the military with the civilian. In some detachments, a part of the participants saunter down Whitehall in civilian clothes, whereas others wear their regimental caps and badges and attempt something like a military step with the typical swinging of arms, British style. This year, due to the 100th anniversary, we even saw about 10,000 randomly selected civilians file past the Cenotaph!

It all serves to remember, of course, and to honour the sacrifice of those who were killed or maimed in World War I as well as all the other wars since. But what is it exactly that we should honour and that we should never forget?

A young girl amongst the marchers was asked the question by a BBC reporter.

“I’m here”, she said, “because my great-grandfather died in World War I. He gave his life so that I can live mine.”

A noble sentiment, no doubt – but does it stand scrutiny?

The Germans in the First World War were not the Nazis of the Second. They may have been more militaristic than other European powers, but the difference was one of nuance rather than principle. In those days, war was generally accepted as a legitimate means to achieve political aims. World War I was not a clash of civilisations. In fact, that is what made the slaughter so futile.

Not a thought, I realize, that would meet with much sympathy, certainly not on Remembrance Sunday. But then – for all the remembering and honouring, certainly there must also be something called historical truth?