Archiv der Kategorie: Geschichte

Vergangenheit

Ist Ihnen, werter Leser, werte Leserin, ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie sehr sich die Bedeutung des Wortes Vergangenheit in unserem öffentlichen Diskurs verengt hat? Wenn jemand von der Vergangenheit spricht, dann denken wir sofort an die Zeit von 1938 bis 1945. Das ist die Vergangenheit, die nicht weiter verdrängt werden dürfe, heißt’s dann, die wir aufarbeiten müssten, die zu bewältigen wäre.

Ohne diesen Forderungen entgegen zu treten, möchte ich doch anmerken: Eine derartige Fixierung, eine derartige Verengung kann à la longue dem Anliegen nicht dienen. Unsere Geschichte geht weiter zurück als bloß bis zum Jahre 1938, vor allem aber sind seit 1945 mehr als 75 Jahre vergangen – mehr als drei Viertel eines Jahrhunderts! Die müssen doch sicherlich auch zu unserer Vergangenheit zählen? Und wenn uns das moralische Versagen jener sieben Jahre vorgehalten wird, so müssten doch auch unsere Leistungen, unsere Verdienste aus der langen Zeit danach berücksichtigt werden?

Wohlgemerkt: Ich möchte nicht zu jenen gezählt werden, für die’s irgendwann einmal genug sein müsse, die also, kurz gesagt, die Zeit von 1938 bis 1945 vergessen und begraben wollen. Ich halte das für eine vergebliche Hoffnung. Wenn man sich unsere, die österreichische Kultur als Rucksack vorstellt, den wir mit uns herumtragen, ganz gleichgültig, ob uns das passt oder nicht – wenn man sich unsere Kultur also so vorstellt, dann gleicht die Nazi-Periode einem oder vielleicht mehreren Steinen, die da mit verpackt sind. Wir schleppen sie mit, können gar nicht anders, leugnen hilft nichts. Da sind sie, im Rucksack. Aber sie sind nicht der einzige Inhalt. Da gibt’s noch mehr, viel mehr.

Doch ist dieser verengte Blick – ausnahmsweise wäre Fokussierung tatsächlich das passende Wort – doch ist diese Fokussierung nicht das einzig Seltsame in Verbindung mit unserer Vergangenheit. Genau so auffällig ist wohl die Erstarrung der Sichtweise, die Ossifizierung. Eine bestimmte Interpretation hat sich durchgesetzt, hat sich praktisch zum Dogma entwickelt, zu dem, was man einfach zu sagen hat. Bewusst wurde mir das, als ich das Nachwort zum maßgeblichen Werk Postwar des hoch gelobten britischen Historikers Tony Judt las. Dort findet sich nämlich folgender Absatz (die Übersetzung stammt von mir):

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Bemerkenswert ist diese Passage deshalb, weil sie meiner Zählung nach gleich drei schwere Fehler enthält.

Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässigen Verallgemeinerung.

Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Denn was kann Land hier anderes bedeuten als: Staat? Und Österreich als Staat kann schwerlich Hitlers „Komplize“ gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war es nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land. Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.

Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Zum einen hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; selbst das Regime in Nordkorea, selbst Saddam Husseins Regime im Irak, selbst der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann hätten sich diese Regimes niemals durchsetzen können. Und was zum anderen den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Man fragt sich, wie ein renommierter Historiker mit durchaus enzyklopädischem Wissen so was schreiben konnte. Möglicherweise hat er bloß das wiedergegeben, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern erzählt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–13. – Tony Judt ist 2010 verstorben.

Lebensgeschichten

Letzte Zeugen erinnern, hg. von Heinrich Gritsch

Ein eigenartiges Buch: Da macht sich jemand aus dem Tiroler Oberland auf und spricht mit älteren Menschen über ihr Leben, ihre Erlebnisse. Und daraus macht er ein Buch, welches im Eigenverlag erscheint. Ist’s die Mühe wert? Ich meine nicht nur die Mühe des Machens, sondern auch des Lesens?

Zugegeben, wir erfahren nichts drastisch Neues, nichts Sensationelles. Aber genau das ist doch der Wert so eines Buches: Die durchschnittlichen, die „normalen“ Menschen kommen zu Wort. Denn so unspektakulär ihr Leben verlaufen mag, so steckt doch jede Menge Sorge, Leid, Trauer drin. Und natürlich Arbeit. Das sollte man niemals vergessen, besonders wenn man die Welt aus der erhabenen Sichtweise der Literatur oder der Geschichtsschreibung betrachtet.

Natürlich ergibt sich aus dieser Normalität eine gewisse Monotonie. Die Lebensgeschichten ähneln einander. Das resultiert unter anderem auch aus den Zeitläuften, wie’s manchmal heißt. Die Nazi-Zeit, der Krieg. Die Erzähler räumen durchaus ein, von den Nazis angetan gewesen zu sein. Mehr gesteht aber niemand ein, und selbst das eher verschämt. Richtige Nazis waren immer die anderen. Nicht, dass selbiges hier als Vorwurf erhoben werden soll. Aus damaliger Sicht, aus der Sicht dieser Menschen war die Anziehungskraft der Nazis nicht nur verständlich, sondern beinahe schon zwingend. Das vergisst man heute allzu leicht. Was danach geschah, wohin das führte, das konnten die Menschen damals nicht wissen.

So ist dem Herausgeber zu seiner Idee und seiner Beharrlichkeit nur zu gratulieren. Eigenverlag hin oder her, das Buch ist professionell gestaltet; auch das verdient Anerkennung.

Empfehlenswert? – Ja, eindeutig. Die Mühe lohnt sich, ist im Übrigen nicht übermäßig groß.

Letzte Zeugen erinnern, hrsg. von Heinrich Gritsch (Silz: Eigenverlag, 2. Aufl. 2018).

Thatcher, Thatcher, milk snatcher

[for an English version see below]

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Um es gleich vorwegzunehmen: Die legendäre Schlagzeile von Margaret Thatcher als “milk snatcher” kommt im hier zur Debatte stehenden Buch nicht vor. Sie stammt aus einer früheren Zeit. Warum sie sich trotzdem aufgedrängt hat, wird sich gleich erweisen.

Who Dares Wins ist der fünfte Band einer Reihe, an welcher der englische Historiker und Journalist Dominic Sandbrook schon seit Jahren arbeitet (Liste am Ende des Beitrags). Es handelt sich um Zeitgeschichte – eine Geschichte Großbritanniens von 1956 an. Der Beginn ist natürlich nicht zufällig gewählt: Die Suez-Krise war jenes einschneidende Ereignis, in dessen Verlauf das Vereinigte Königreich endgültig und unleugbar seine Weltmacht-Stellung einbüßte.

Die Art von Geschichte, welche Sandbrook schreibt, zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus; man könnte fast von einer Art Universalgeschichte sprechen. Da werden nämlich nicht bloß politische Entscheidungen seziert; ebenso kommt die Kultur zur Sprache, und zwar in Form von Romanen, Theaterstücken, Filmen, Rockbands sowie als Alltagskultur. Für jemanden wie mich bringt das etliche Aha-Erlebnisse, oder besser: Ach-ja-Erlebnisse, wenn man sich plötzlich wieder erinnert. Allerdings – an wesentlich mehr erinnert man sich eben nicht, man fragt sich, wie diese oder jene Entwicklung so an einem vorbeigehen konnte. Ich nehme an, britischen Lesern ergeht es ähnlich, obwohl sie doch die ganze Zeit mitten drin gelebt haben. Ich war bloß Besucher.

Der neueste Band von Sandbrooks grand oeuvre beschäftigt sich mit den Jahren 1979–1982. Er reicht also von der historischen Wahl Margaret Thatchers bis zum Falklands-Krieg. Das umfasst eine relativ kurze Zeitspanne, und gar so viel ist da eigentlich nicht passiert, sieht man vom Krieg ab, der von Sandbrook allerdings nicht im Detail geschildert wird. Ihm scheint es eher um die Verhandlungen und die Entscheidungen in Westminster zu gehen. Abgesehen davon, bewegte in jenen Jahren das Schicksal der britischen Stahlindustrie die Öffentlichkeit. Die wurde nun nämlich – entgegen bisher geübter Praxis – ihrem eigenen Schicksal überlassen. Das bedeutete: zerschlagen, verkauft, zugesperrt. Das Schicksal jener, welche mit unbewegter Miene derart folgenreiche Entscheidungen trafen, gestaltete sich natürlich gnädig; das Schicksal der Arbeiter und Angestellten hingegen war bitter und böse. Und niemand, gar niemand stand ihnen bei. Wie viele Lebenspläne wurden da zerstört? Wie viele Jugendliche um ihre Zukunft gebracht?

(Die blöde Platte mit der Eigeninitiative wollen wir lieber nicht auflegen. Wenn die Zahlen einmal in die Hunderttausende gehen, oder gar in die Millionen, dann ist Eigeninitiative per definitionem keine Lösung mehr.)

Margaret Thatcher zeichnete sich in dieser Phase durch eiserne Härte aus, durch jeglichen Mangel an Mitgefühl – the Iron Lady (wie sie schon 1976 von einer sowjetischen Armeezeitung getauft worden war). Man könnte argumentieren, das sei nötig gewesen, um endlich, endlich etwas zu bewegen in den völlig verfahrenen industrial relations, und ich würde nicht widersprechen, selbst heute nicht. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man solche Härte temporär einsetzt, um eine Besserung zu erzielen – was sich konkret niederschlagen müsste –, oder ob die Härte als Prinzip gilt. Bei Thatcher und ihren Kumpanen traf eindeutig das Zweite zu. Ihr Mangel an Mitgefühl oder auch nur Verständnis für die Betroffenen wurde damals schon allgemein beobachtet, selbst in ihrer eigenen Partei.

Dabei gestaltete sich ihre Politik in der fraglichen Periode alles andere als erfolgreich. Das lag in erster Linie am Dogma des Monetarismus, zu dessen Umsetzung sie angetreten war. Aber der funktionierte nicht. Während des Wahlkampfes hatten die Tories über die Labour-Partei gespottet: „Isn’t working“. Nun lagen nicht bloß die Arbeitslosenzahlen höher als während der siebziger Jahre, die Staatsverschuldung nahm auch nicht ab.

Thatcher isn’t working?

Was sie vor einer empfindlichen Niederlage rettete, das war die argentinische Invasion auf den Falkland-Inseln. Diese Gelegenheit ergriff sie eiskalt entschlossen beim Schopf und ließ sie nie wieder los – man könnte von da an gut und gerne vom Kriegs-Thatcherismus sprechen. Aber das liegt jenseits des Zeitrahmens des Bandes, der hier besprochen wird.

Bleibt die Aufgabe, die Sache mit dem „milk snatcher“ zu klären. Die Schlagzeile stammt aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als Mrs. Thatcher Unterrichtsministerin in der konservativen Regierung von Edward Heath war. Viel bewegte sie damals nicht, vor allem stellte sie sich keineswegs gegen den Trend zur comprehensive school. Aber weil sie wohl irgendetwas tun musste, strich sie bedürftigen Kindern die Gratis-Schulmilch. Woraufhin ein tabloid schlagzeilte: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“ (Milchklau). Nicht, dass die Schlagzeile in Erinnerung blieb. Man wünscht sich bloß, sie wäre.

Empfehlenswert? – Who Dares Wins ist ziemlich ausführlich geraten. Das erweckt den Eindruck, die paar Jahre seien fürchterlich wichtig gewesen. Meiner Erinnerung nach traf das eher nicht zu. Ein bisschen weniger wäre deshalb vielleicht besser gewesen. Aber das ist ein kleinlicher Einwand. Im Grunde dürften wir’s wohl mit einem klassischen Werk zu tun haben (was immer das heißt).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

Bei den weiteren Bänden handelt es sich um:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

 

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins

Let me be clear from the outset: The legendary headline of Margaret Thatcher as „milk snatcher“ does not appear in the book under discussion. It dates from an earlier time. Why it has come to mind will become clear presently.

Who Dares Wins is the fifth volume of a series that the English historian and journalist Dominic Sandbrook has been working on for years (see the list at the end of the article). It is contemporary history – a history of Britain from 1956 onwards. The beginning is not chosen by chance, of course: The Suez Crisis was the seminal event in the course of which the United Kingdom finally and undeniably lost its status as a world power.

The kind of history Sandbrook writes is characterised by its comprehensiveness; one could almost speak of a kind of universal history. Not only are political decisions analysed; culture is also discussed, in the form of novels, theatre, films, rock bands as well as everyday culture. For someone like me, this comes with a number of yes, of course moments: I remember! The surprising thing, however, is how much one does not remember. It makes you wonder how certain events or trends could have passed you by. I assume British readers feel the same way, although they lived in the thick of it. I was only a visitor.

The latest volume of Sandbrook’s grand oeuvre covers the years 1979–1982, from the historic election of Margaret Thatcher to the end of the Falklands War. This is a relatively short period of time in which not much happened, apart from the war which Sandbrook does not describe in detail. He seems to be more concerned with the political positions, negotiations, and decisions made in Westminster. Apart from that, it was the fate of the British steel industry that moved the public at the time. Contrary to previous practice, it was now left to its own devices, which meant: sold out, broken up, closed down. The fate of those who made such rational strategic decisions was, of course, rather benign; the fate of the workers and employees was bitter and cruel. And no one, absolutely no one at all stood by them. How many lives were destroyed in this way? How many young people were deprived of their future?

(We don’t want to put on the stupid soundtrack about individual enterprise. Once the numbers run into hundreds of thousands or even millions, then individual efforts are by definition no longer a solution).

In this phase Margaret Thatcher distinguished herself by her steely toughness or, to put it differently, by her utter lack of compassion – the Iron Lady (as she had been dubbed by a Soviet army magazine in 1976). One could argue that this was necessary in order to finally achieve some change in Britain’s terribly sclerotic industrial relations, and I certainly wouldn’t disagree, not even today. But there is a difference between deploying such harshness temporarily to achieve an improvement – which would have to be measurable sooner or later – and using harshness as a principle. With Thatcher and her cronies, the second was clearly the case. Their lack of compassion or even understanding for those affected was widely observed even within their own party.

Yet her policies in the period under discussion were anything but successful. This was primarily due to the dogma of monetarism, which she had set out to implement. But it did not work. During the election campaign, the Tories had sneered at the Labour Party: „Isn’t working“. Now, not only were the unemployment figures higher than during the 1970s, the national debt was not decreasing either.

„Thatcher isn’t working“?

What saved her from a severe electoral defeat were the actions of an Argentine general. She seized the opportunity with ice-cold determination and never let it go – one could well speak of wartime Thatcherism. But that is beyond the time frame of the volume under review.

Which leaves us with the task of explaining the „milk snatcher“ sobriquet. The headline dates from the early seventies, when Mrs Thatcher was Education Secretary in Edward Heath’s government. She didn’t achieve very much; most remarkably, she didn’t oppose the trend towards ever more comprehensive schools. But because she had to do something, she withdrew free school milk from needy children. Whereupon a tabloid headline read: „Thatcher, Thatcher, milk snatcher“. Not that the headline was widely remembered. One wishes it had been, though.

Recommended?Who Dares Wins is a bulky volume. It gives the impression that these few years were terribly important. To my recollection, that was rather not the case. A little less might therefore have been better. But that’s a petty objection. We are probably dealing with a classic (whatever that may mean).

Dominic Sandbrook, Who Dares Wins: Britain, 1979–1982 (London: Penguin Books, 2020).

The other volumes are:

Never Had It So Good: A History of Britain from Suez to the Beatles (London: Abacus, 2006).

White Heat: A History of Britain in the Swinging Sixties (London: Abacus, 2007).

State of Emergency: The Way We Were: Britain, 1970–1974 (London: Penguin Books, 2011).

Seasons in the Sun: The Battle for Britain, 1974–1979 (London: Penguin Books, 2013).

Fellow Traveller

An Robert Jungk wird man sich vielleicht erinnern. Er hatte sich mit dem Buch Die Zukunft hat schon begonnen einen Namen gemacht und etablierte sich in der Folge als so genannter Zukunftsforscher. Heller als tausend Sonnen schlug in dieselbe Kerbe. Zu der Zeit, von der hier die Rede ist, also um 1984, tat er sich als führender Vertreter der deutschen Friedensbewegung hervor. Die erlebte damals ihren Höhepunkt mit riesigen Demonstrationen gegen die NATO-Nachrüstung und mit schier unerschöpflichen öffentlichen Debatten.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie bekam die kleine Wochenzeitung, für die ich damals schrieb, Wind davon, dass er sich in Tirol aufhielt. Er machte eine Hungerkur in einem Nobelhotel nahe Innsbruck. Und so kam man auf die Idee, ein Interview mit ihm zu machen. Und mit selbigem Interview beauftragte man – erraten! – den Verfasser dieser Zeilen.

Ich traf den prominenten Herren in besagtem Nobelhotel. Das Gespräch nahm allerdings einen unvorhergesehenen Verlauf. Mich beschäftigte vor allem der gegen die Friedensbewegung erhobene Vorwurf, sie diene dem appeasement, der Beschwichtigung. Welch schädliche Auswirkungen die hatte, das glaubten wir aus der Geschichte der dreißiger Jahre zu wissen. Als ich Herrn Jungk darauf ansprach, geschah jedoch etwas Eigenartiges. Er weigerte sich beharrlich, auf der Linie der Ausgewogenheit zu wandeln, wie sie von der Friedensbewegung vorgegeben wurde: Beide, die USA und die Sowjetunion, seien bös’, hieß es beharrlich, beide müssten abrüsten.

Nein – die Friedensbewegung in der Sowjetunion, so meinte Robert Jungk, müsse unterdrückt werden, aus Sicherheitsgründen! Schuld an allem sei der böse Westen. Bewährte Kritiker des Kommunismus wie Manés Sperber oder Alexander Solschenizyn stempelte er als „Weiße“ ab, in Anspielung auf den russischen Bürgerkrieg, welcher auf die Revolution von 1917 gefolgt war; ja sogar als „weiße Stalinisten“! Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei (1968) sei „erforderlich“ gewesen, weil die CIA Waffenlager in dem Land angelegt habe. Der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan (1979) war berechtigt, weil „nämlich wirklich der Plan bestand, über den Iran, vom Süden her, die Sowjetunion aufzurollen.“ (Da hatte im Iran bereits die Revolution des Ayatollah Khomeini stattgefunden, die amerikanischen Geiseln saßen in der US-Botschaft in Teheran, die beiden Staaten waren einander spinnefeind.)

Ich weiß nicht, was Robert Jungk dazu bewegte, jegliche Vorsicht außer Acht zu lassen und sich derart offen als fellow traveller zu erkennen zu geben, als Sympathisant der Kommunisten. Vielleicht waren es die Argumente aus jener verflossenen Zeit, vielleicht war’s auch der unerfahrene, naive Provinz-Reporter, der ihm da gegenübersaß. Was er sagte, war jedenfalls äußerst brisant – es stellte jene Ausgeglichenheit in Frage, jene ideologische Neutralität, welche die Friedensbewegung stets betonte.

Was sollte ich machen? Ich transkribierte das Interview, ließ aber die haarsträubendsten Passagen weg. Sie würden beim Korrekturlesen durch den prominenten Herren ohnehin nicht durchgehen, nahm ich an. Dem legten wir das druckfertige Interview nämlich vor. Es kam auch prompt zurück, mit zahlreichen Korrekturen und Anmerkungen versehen. Doch zu meiner Verblüffung führten die wiederum neue, genau so haarsträubende Argumente ein!

Heute, im Rückblick, erkenne ich, dass wir eine Sensation in Händen gehalten hätten, a scoop, wie’s im Englischen heißt. Damals haben wir an so was überhaupt nicht gedacht. Das lag weit abseits der Linie dieses kleinen, provinziell respektablen Blattes. Allerdings – so sehe ich das heute – hätte uns der scoop nicht das Geringste genützt. Niemand hätte uns geglaubt. Wir hätten nämlich den Beweis erbracht, dass die Friedensbewegung wirklich von kommunistischen fellow travellers unterwandert war, ja sogar geleitet wurde; dass sie unter dem unparteiischen Verputz wirklich, wie ihr das vorgeworfen wurde, linkslastig und Sowjet-freundlich war. Eine derartige Sensation – aus unserem winterfesten Winkel der Welt?

Wie sich herausstellte, glaubte man uns nicht einmal hier, in diesem Winkel. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit einer alternativen jungen Frau, die mir zutiefst beleidigt Vorwürfe machte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich nichts verfälscht hatte, dass Robert Jungk selbst das endgültige Manuskript freigegeben hatte, und dass wir die kontroversiellsten Passagen ohnehin nicht gebracht hätten – vergebens. Sie glaubte mir einfach nicht. Nicht um die Burg.

Heute, 35 Jahre später, wissen wir natürlich mehr. Vor allem, dass die Friedensbewegung tatsächlich von kommunistischen Staaten finanziell unterstützt und dementsprechend benutzt wurde: eine Figur im strategischen Schachspiel, welches da im Gange war. Das ändert nichts am ehrlichen Eifer jener, die damals so empört waren, dass sie leidenschaftlich demonstrieren gingen. Aber es bestätigt auch Leute wie mich, die ihre Skepsis beim besten Willen nicht verleugnen konnten.

Das Interview ist erschienen als „Böser Westen – bedrohter Osten“, präsent Nr. 16 (19. April 1984), 14.

Die Amis kommen

Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung

Tirol wurde bekanntlich von den Amerikanern befreit. Ab 28. April 1945 marschierten mehrere Divisionen der US Army von Norden her über Kufstein, Scharnitz und Reutte in Tirol ein. Am 4. Mai trafen sich Vorausabteilungen der 103. Infanteriedivision bei Sterzing mit Kräften der US Fifth Army, die von Italien herauf kamen. Der Krieg war vorbei. Die Amerikaner blieben noch bis Anfang Juli in Tirol, dann wurden sie von den Franzosen als Besatzungsmacht abgelöst.

Sowohl während der Kriegshandlungen als auch während der kurzen Besatzungszeit wurde fotografiert, von professionellen Armeefotografen ebenso wie von den GIs, den Soldaten. Und solche Bilder samt begleitenden Briefen bilden im Wesentlichen den Inhalt des vorliegenden Bandes. Wie’s scheint, fühlten sich die Amerikaner durchaus wohl bei uns, sie kamen sich vor wie auf Urlaub. Sorge bereiteten ihnen bloß ihre Punkte: Denn wie viele einer gesammelt hatte, darauf kam’s an, ob er aufs Abrüsten hoffen durfte, oder ob er eine Verlegung in den Pazifik fürchten musste, wo sich die Amerikaner auf die Invasion Japans vorbereiteten.

Ob man sehr viel Neues erfährt. wird davon abhängen, wie viel man schon weiß. Zu meiner Freude fand ich jene Episode erwähnt, welche mir einst mein Vater erzählt hatte: Zusammengekratzte deutsche Truppen hatten am Fernpass eine notdürftige Verteidigungsstellung bezogen. Als die US Armee zum Angriff ansetzte, tauchten ein paar Gebirgsjäger auf – Österreicher, wie sie betonten – und führten eine amerikanische Kampfgruppe auf Schleichwegen in den Rücken der Verteidiger. Das rettete zwar unzählige Menschenleben, stellte aber trotzdem Hochverrat dar – die Österreicher verschwanden wieder auf mysteriöse Weise, ihre Namen blieben lange Zeit unbekannt. Mein Vater wusste davon, weil er einen der Beteiligten persönlich kannte. Ein Held, wenn’s je einen gab.*

Man möge mir nachsehen, wenn mich Erinnerungen davontragen – keine persönlichen, sondern an das, was meine Eltern erzählt haben. Mit dem Buch hat das nichts mehr zu tun. Mein Vater hatte sich schwer verwundet von Ravensbrück bis nach Hause durchgeschlagen, wo sich seine Verlobte, meine Mutter, gegenüber deutschen Militärärzten durchsetzte und seine Entlassung in häusliche Pflege erwirkte. Sie brachte ihn in die Leutasch, wo er bei einer befreundeten Familie auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Von dort war sie in den ersten Maitagen 1945 unterwegs nach Hause, nach Innsbruck – zu Fuß, da keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. Hinter ihrem Rücken rumorte es im Norden, sie nahm an, da zöge ein Gewitter auf. In Wirklichkeit handelte es sich um amerikanische Artillerie.

In Reith bei Seefeld standen ihrer Erzählung zufolge die Bewohner mit verweinten Augen vor ihren Häusern. Soeben war eine Kolonne von KZ-Häftlingen durchgetrieben worden. Am Zirlerberg beobachtete sie die Limousinen deutscher Generäle, die auf der Flucht die Straße hinunter rasten. Die Adjutanten saßen auf den Kotflügeln. Etliche Fahrzeuge schafften die steile Abfahrt nicht und landeten im Wald. In Zirl wartete glücklicherweise einer der raren Busse nach Innsbruck. Er fuhr mit Holzgas.

Als die Amerikaner in Innsbruck einmarschiert waren und der Krieg vorbei war, da machten sie Quartier. Und wie es sich traf, beschlagnahmten sie die Wohnung, in der meine Mutter und meine Großmutter wohnten. Über diese eher schmerzliche Episode unserer Familiengeschichte habe ich in meinem Buch Affidavit geschrieben, ich möchte mich nicht wiederholen. Und ich verkneife mir auch weitere Erinnerungen, die mich bestürmen.

Zurück zu unserem Buch: Nicht viel Neues also für meinesgleichen. Das soll beileibe keine Kritik sein! Was mir in Erinnerung bleibt, das sind die Bilder von Fähnchen schwenkenden Kindern, von jubelnden Frauen und Männern am Straßenrand. Entlang des Markt- und des Burggrabens. Sie bejubeln einmarschierende Truppen. Amerikanische, dieses Mal. Sieben Jahre zuvor – –

Was sagt man bloß zu solchen Menschen? Volk begnadet für das Schnöde?

Wenn etwas stört an diesem Band, dann sind es manche Kommentare der Herausgeber. Diesen akademischen Jargon, der mehr verhüllt als erhellt, den hätte man sich gut und gerne sparen können. Dafür hätten militärische Fachausdrücke und Abkürzungen erklärt werden müssen, besonders jene der US Armee. Ein Pfc ist ein Private first class, also ein Gefreiter. T/3, T/4, T/5 sind Dienstgrade für Spezialisten, also auch für Photographen. Und I&R steht für Intelligence and Reconnaissance. Der I&R Platoon ist der Aufklärungszug.

Empfehlenswert? – Keine Frage, ein interessanter Bildband zum Schmökern.

* Inzwischen ist sein Name kein Geheimnis mehr, er wurde 1977 sogar von der Republik Österreich ausgezeichnet – völlig zu Recht, wie ich glaube. Ich hab’ den Mann persönlich gekannt, als Freund meines Vaters.
Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung: Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945 (Innsbruck: Tyrolia Verlag, 2020).

Erster Mai

Jetzt war also wieder einmal Erster Mai, Tag der Arbeit, ein zweites Mal ohne Aufmarsch auf dem Ring in Wien. Corona. Nicht, dass mich der Ausfall sonderlich berührt hätte – ich hab’ mich niemals sehr dafür interessiert, und mitgegangen bin ich schon gar nicht, nirgends.

Allerdings war besagter Aufmarsch längst zu einem mehr oder minder hohlen Ritual verkommen: das Wacheln mit den roten Tüchern, das monotone „Freundschaft, Freundschaft“. Meine früheste persönliche Erinnerung stammt aus meiner Kindheit hier in Innsbruck, als wir vom Richardsweg hinunter schauten auf die Mühlauer Brücke (damals noch als Kettenbrücke bezeichnet, obwohl sie längst keine mehr war) und einen Zug von Arbeiterinnen und Arbeitern beobachteten, die mit roten Fahnen Richtung Rennweg zogen. Ein Frauenblock marschierte in unser Blickfeld.

„Krampfaderngschwader,“ ätzte meine Mutter.

Sie mochte sie nicht, „die Sozis“.

Und diese Einstellung übertrug sich auf mich. Nicht, dass sie irgendwie von Bedeutung gewesen wäre, denn Arbeiter, Sozialisten gab’s in unserem Bekanntenkreis ohnehin keine, nicht einmal am Gymnasium. Und wenn, dann verschwiegen sie ihre Herkunft peinlich. Hauptsach’, sie konnten gut Fußball spielen.

Man kann sich vielleicht vorstellen, was für einen Schock die Nationalratswahlen vom 1. März 1970 auslösten, als „die Sozis“ nicht nur eine – wenn auch relative – Mehrheit an Mandaten gewannen, sondern sogar die Regierung bildeten. Was folgte, das ist bekannt.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die geänderten Machtverhältnisse auch meine Weltsicht veränderten. Offenbar handelte es sich bei „den Sozis“ doch nicht um eine obskure Erscheinung. Man musste sich damit auseinandersetzen. Das umso mehr, als ihre soziale Weltsicht nicht bloß total neu war, sondern unleugbar etwas ansprach, was wir – die städtisch-bürgerliche Jugend – bis dahin übersehen hatten.

Das entscheidende Erlebnis für mich sollten allerdings meine Kommilitonen und Kommilitoninnen an der Anglistik und der Germanistik werden. So viele von denen kamen keineswegs aus der Stadt, vielmehr aus dem ländlichen Raum. Da tat sich eine komplett neue, unbekannte Welt auf! Nicht, dass diese Burschen und Mädchen – hauptsächlich handelte es sich um Mädchen, zumindest sprach ich vorwiegend mit solchen – nicht, dass diese Leute uns ihren Familienhintergrund aufs Butterbrot geschmiert hätten. Ich lernte vielmehr anhand aufgeschnappter Bemerkungen, anhand ihrer Einstellungen, ihrer Reaktionen.

„Das ist jetzt unser Beruf“, sagte mir eine Kollegin einmal dezidiert, als ich glaubte, mich mit meinem Geschick brüsten zu müssen, ohne viel Aufwand durch Prüfungen zu kommen. Das saß. Wahrscheinlich hat sie die Weiche gestellt hin zu meinem erfolgreichen Studienabschluss.

Diese Kollegen und Kolleginnen kamen allesamt von jenen Schulen, welche damals Mupäd hießen (Musisch-pädagogisches Realgymnasium, heute: BORG). Die brachten die Matura in den ländlichen Raum (genauer: in die Kleinstadt), wirkten somit als Hauptvehikel der so genannten Bildungsrevolution. Das Erstaunliche war, dass diese Oberstufen-Maturanten uns städtischen Gymnasiasten kaum nachstanden. Im Gegenteil: Wo’s ihnen vielleicht an unserer von den Eltern mittels Osmose vermittelten Bildung mangelte, da machten sie das Manko mehr als wett durch ihre Disziplin und durch ihren Fleiß (siehe oben). Ich lernte manche von ihnen für ihr Wissen, ihr Können, ihr systematisches Arbeiten zu bewundern.

Gewiss, die Mupäds waren keine Erfindung der Sozialisten, sie gingen weiter zurück, in ÖVP-Zeiten. Nun aber vermischte sich der gesellschaftliche Aufbruch mit dem sozialistischen Denken. Ja, wirklich: Die SPÖ bezeichnete sich damals als „sozialistisch“, wir hatten eine sozialistische Regierung, wir sagten sogar: Österreich ist sozialistisch. Wie’s uns dabei gegangen ist, das wissen wir.

Na ja, und so lernte ich auch, was es mit dem Ersten Mai auf sich hatte. Ich hörte oder las von der Geschichte der Arbeiterbewegung, von Solidarität und Gewerkschaft. Und ich stand sofort auf deren Seite. Selbst als snobistisches Bürgersöhnchen machte ich mir keinerlei Illusionen bezüglich der Schwäche eines lohnabhängigen Individuums, seiner Ausgeliefertheit, seiner Hilflosigkeit. Da half bloß Zusammenstehen.

Und so denke ich heute noch, ungeachtet aller Irrwege der SPÖ, ungeachtet ihres Abstiegs, ihres derzeitigen Tiefs. Wir werden sie, wir werden ihre Denkweise bald wieder brauchen, dringend sogar. Man kann bloß hoffen, dass sie sich rasch erfangt. Der nicht stattgefundene Aufmarsch zum Ersten Mai könnte symbolkräftig daran erinnern.

Weichensteller

Im Standard ging ein Autor jüngst dem Konzept der Tragic Choice nach (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Der Anlass waren natürlich jene Beschränkungen, welche zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassen wurden und werden, die dabei aber notwendigerweise unsere Grund- und Freiheitsrechte beschneiden. Ist so was unter Umständen zulässig? Manche – darunter auch der Verfasser dieser Zeilen – sagen Ja, andere bestreiten dies vehement.

Näher will ich darauf nicht eingehen. Ich hab’ mich bloß gefragt, wozu man da jetzt einen weiteren englischen Begriff braucht. Es handelt sich nämlich um nichts anderes als ein gutes altes Dilemma. Klingt doch auch schön, oder? In unserem speziellen Fall spricht man anscheinend vom Trolley-Problem (a trolley car ist in den USA eine Straßenbahn) oder, noch verständlicher, vom Weichenstellerfall. Das bezieht sich auf jenes Gedankenexperiment, mit welchem das Dilemma gerne dargestellt wird: Ein Straßenbahnzug rast auf eine Gruppe Gleisarbeiter zu. Die einzige Rettung besteht darin, dass rasch eine Weiche gestellt wird – zu einem anderen Gleis, auf dem indes ein einzelner Mann steht. Wie soll sich der Weichensteller entscheiden?

Ich hatte, ganz ehrlich gestanden, weder von diesem Weichenstellerfall noch von Tragic Choice jemals etwas gehört, die Begriffe waren mir völlig neu. Die zugrunde liegende Zwickmühle war es hingegen nicht. Mit der hatte ich mich auf meine naive Weise schon viel früher herum geschlagen.

Reisen wir zurück in den Herbst 1977. Der „deutsche Herbst“, wie sich viele erinnern werden. Der Herbst der Terroristen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und so weiter, die RAF, wie sie sich selbst nannten, die Rote Armee Fraktion. Sie entführten Menschen, ermordeten andere, und deshalb saßen führende Mitglieder im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim. In studentischen Kreisen tobten geradezu Diskussionen über Berechtigung oder Nicht-Berechtigung terroristischer Gewalt, und die verschnörkelten Umwege, auf denen die Argumentation endlich zu dem Schluss gelangte, die Gewalt sei doch irgendwie berechtigt – diese verschnörkelten Umwege kamen beinahe schon Kunstwerken gleich.

Dann wurde die Lufthansa-Maschine Landshut entführt. Die Entführer richteten den Flugkapitän eiskalt hin, Genickschuss. 90 Passagiere befanden sich in der Maschine, Menschen wie du und ich. Die zermürbende Odyssee endete schließlich am Flughafen von Mogadischu. Die Spannung wurde nachgerade unerträglich. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober wurden die Geiseln von einer deutschen Spezialeinheit befreit – welch ein Triumph, welche Erleichterung!

Die Nachricht erreichte uns in der Früh – na ja, mich zumindest, andere mögen die Nacht an den Radiogeräten ausgeharrt haben – zusammen mit einer weiteren: Die Häftlinge in Stammheim hatten noch in derselben Nacht Selbstmord begangen.

Mensch, und jetzt liefen die studentischen Diskussionen erst so richtig heiß! Die vorherrschende Meinung sprach natürlich von „Staatsmord“. Aber immerhin muss es auch Gegenstimmen gegeben haben, anders wäre es nicht zu derart hitzigen Debatten gekommen. Und mit welcher Spitzfindigkeit da argumentiert wurde! Notgedrungen, muss hinzugefügt werden, denn an Fakten hatten wir nur das, was in den Zeitungen stand oder was im Fernsehen berichtet wurde. Dass die Studenten der „kapitalistischen Monopolpresse“ misstrauten, das verstand sich von selbst.

Genau an diesem Punkt setzten meine eigenen Überlegungen an. Wissen – so reimte ich mir das zusammen – wirklich wissen können wir’s nicht und werden’s vielleicht niemals. Aber was, wenn die Frage falsch gestellt ist?

Versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Polizeioffiziers oder vielleicht auch eines verantwortlichen Politikers. Ganz egal, wie Sie politisch denken, ist die Situation doch klar: Dieser eine Versuch, die Gefangenen mittels Entführung frei zu pressen, ist missglückt. Aber der nächste kommt bestimmt, damit müssen Sie aufgrund der bisherigen Ereignisse eindeutig rechnen. Wer garantiert Ihnen, dass die nächste Entführung genau so triumphal endet? Da stehen Menschenleben auf dem Spiel, eine ganze Menge, lauter normale Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Auf der anderen Seite vier Leute, die Verbrechen begangen haben, Morde, und die nach einer Freipressung selbstverständlich weitere begehen würden – da machten sie ja kein Hehl draus, das gehörte zu ihrem politischen Programm, daraus zogen sie Selbstbestätigung und Selbstachtung. Solange die im Gefängnis saßen, würden die Entführungen, Erpressungen und Morde niemals aufhören, ganz egal, um welches Gefängnis es sich handelte, und ganz egal, wie die Haftbedingungen gestaltet wären.

So – und jetzt sind Sie dran. Was tun Sie?

Natürlich – so überlegte ich – natürlich dürfen Häftlinge in einem westlichen Rechtsstaat nicht gefoltert, geschweige denn hingerichtet werden. Absolutes Tabu, daran darf nicht gerüttelt werden, keine Ausnahmen!

Andererseits –

Ich glaube, ich hätte mich damals – wäre ich in die Lage gekommen, dies zu tun – für die radikale Variante entschieden. Alles andere hätte meinem moralischen Instinkt widersprochen. Philosophische Spekulationen stellte ich keine an, die betrachte ich bis heute eher skeptisch.

In besagtem Standard-Artikel wird eine Autorität zitiert, welche das Dilemma folgendermaßen löst: Die notwendige, aber gesetzeswidrige Tat wird von jemandem begangen, der bereit ist, die Strafe auf sich zu nehmen. So würde die Bedrohung aus der Welt geschafft, ohne dass der Rechtsgrundsatz verletzt wird.

Klingt gut. Aber wie schaut so was im wirklichen Leben aus?

Konstantin Lager, „Die Covid-Pandemie ist eine tickende Bombe für Grund- und Freiheitsrechte“, derStandard (23. März 2021).

Bekehrung und Enttäuschung

[for an English version see below]

André Gide, Return from the U.S.S.R.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1936 bereiste André Gide die Sowjetunion – auf Einladung, versteht sich. Er zählte damals bereits zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Zeit, seine Worte hatten Gewicht in den Kreisen Intellektueller. Und wie so viele von ihnen hegte er große Sympathie für die Sowjetunion, für die Kommunistischen Partei sowie für deren Ideologie. Die Entdeckung dieser Ideologie hatte er einmal in der Sprache religiöser Bekehrung beschrieben: Die Sowjetunion, so meinte er, zeige „den Weg zur Erlösung vom beklagenswerten Zustand der heutigen Welt.“ Allerdings erkannte er auch die Notwendigkeit, mit eigenen Augen zu sehen. Er reiste mit der Absicht, sein ursprüngliches Urteil bestätigt zu finden, und dieses Bemühen ist durch das ganze Buch hindurch zu verspüren.

Tatsächlich fing’s ermutigend an. Kurz nach seiner Ankunft nahm er an den Begräbnisfeierlichkeiten für Maxim Gorki auf dem Roten Platz in Moskau teil. Er hielt eine Rede vom Dach des Lenin-Mausoleums herunter, wo sonst nur Stalin und die oberste Parteispitze zu sehen waren.

Trotzdem erwies es sich schwierig, die Begeisterung aufrecht zu erhalten – und je länger er sich in der Sowjetunion aufhielt, je mehr er hörte und sah, desto schwieriger. Da ähnelte seine Erfahrung also der von Joseph Roth zehn Jahre früher. Davon war hier erst kürzlich die Rede (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Zu Gides Zeit beherrschte Stalin bereits Partei und Land mit unerbittlicher, unberechenbarer, böswilliger Strenge. Zwischen Roths und Gides Besuch lag der Holodor, die Hungersnot in der Ukraine, die Millionen von Opfern gekostet hatte. Außerdem herrschte der Stalin’sche Terror mit NKWD, Ljubljanka und Gulag. Der Große Terror, die Jeschowschtschina, begann noch im gleichen Jahr. Wieder sollten Millionen zu Opfern werden.

Selbst wenn Gide keine Details kannte, nicht hinter die Kulissen schauen konnte, er sah doch klar, wie der Hase lief. Er bemerkte den Kult um die Person Stalins, der geradezu  kindische Formen annehmen konnte, zumindest in den Augen eines westlichen Beobachters. Er bemerkte die unerbittliche Unterdrückung jeder abweichenden Meinung – so sehr, dass niemand auf die Idee zu kommen schien, eine solche überhaupt zu haben. Und er war sich durchaus klar, mit welchen Methoden dieser Konformismus erzwungen wurde, was mit jenen geschah, welche zu widersprechen wagten. Gerade dieser Aspekt musste ihn, den französischen Dichter, natürlich besonders abstoßen.

Darin lag auch eine gehörige Portion Enttäuschung. Die Sowjetunion galt ja als große Hoffnung: Alles sollte anders werden, nicht nur für die Arbeiter, sondern für die gesamte Menschheit, und nicht zuletzt für deren Literatur, für die Kultur. Aber im eisernen Griff der Stalin’schen Diktatur erschienen die höchst bedroht, bis hin zu ihrer Existenz.

André Gide sah und notierte das alles, so sehr es ihn schmerzte. Was sollte er berichten, so fragt er einmal verzweifelt, wenn er nach Paris zurückkommt? Kritik an der Sowjetunion galt als Verrat an der Sache. Man durfte dem Gegner keine Munition liefern!

Gide entschloss sich dazu, auch seine negativen Eindrücke wiederzugeben. In intellektuellen Kreisen löste das einen veritablen Skandal aus. Es war der Beginn jenes Weges, welcher ihn zum Gegner der kommunistischen Partei machte, zum scharfen Kritiker der kommunistischen Ideologie werden ließ.

Noch war’s aber nicht so weit. Noch beeilte er sich am Ende seines Berichtes zu beteuern: „Die Sowjetunion hat noch nicht aufgehört, uns Neues zu lehren und uns in Erstaunen zu versetzen.“

André Gide, Return from the U.S.S.R. (New York: Fabri Press, 2011). e-book. Urspr. erschienen 1936.

Pilgerreise in die Sowjetunion
André Gide, Return from the U.S.S.R.

In the second half of the year 1936, André Gide visited the Soviet Union – by invitation, of course. He was one of the most important writers of his time, his words carrying weight in intellectual circles. And like so many intellectuals, he had great sympathy for the Soviet Union, for the Communist Party and for its ideology. He had once described the discovery of that ideology in terms of religious conversion: The Soviet Union, he thought, showed „the way to salvation from the deplorable state of the world today.“ However, he also acknowledged the need to see with his own eyes. He travelled with the intention of finding his original judgement confirmed, and this intention is felt throughout the book.

In fact, the journey started quite encouragingly. Shortly after his arrival, he attended the funeral celebrations for Maxim Gorky in Moscow’s Red Square. He gave a speech from the top of Lenin’s mausoleum where usually only Stalin and the top party leadership could be seen.

Nevertheless, it proved difficult to maintain his enthusiasm – and the longer he stayed in the Soviet Union, the more he heard and saw, the more difficult it became. In this respect his experience was similar to that of Joseph Roth ten years earlier; this has been discussed here recently (link at the end of the article). In Gide’s time, however, Stalin ruled party and country with relentless, unpredictable and vicious harshness. Between Roth’s visit and Gide’s lay the Holodor, the famine in the Ukraine that had cost millions of victims. In addition, Stalin’s terror prevailed complete with NKVD, Ljubljanka and GULAG. The Great Terror, the Yezhovschina, was about to be unleashed later that year. Again millions would become its victims.

Even if Gide didn’t know the details, even if he couldn’t look behind the scenes, he saw clearly which way the wind was blowing. He experienced the personality cult surrounding Stalin, which could take on childish forms, at least in the eyes of a Western observer. He noticed the unremitting suppression of any dissenting opinion – so much so that no one seemed to even think of having one. And he was well aware of the methods used to enforce this conformism: what happened to those who dared to dissent. This aspect must have particularly repelled him, the French poet.

There was also a good deal of disappointment in this. The Soviet Union was considered a great hope: everything was supposed to be different, not only for the workers, but for all of humanity, and not least for literature, for culture in general. But in the iron grip of Stalin’s tyranny, these seemed severely threatened, even to the point of their very existence.

André Gide saw and noted all this, much as it pained him. What should he report, he once asks himself in despair, when he returns to Paris? Criticism of the Soviet Union was considered a betrayal of the cause. One must not supply the enemy with ammunition!

Gide decided to report his negative impressions all the same. This caused a veritable scandal in intellectual circles. It was the beginning of the path that took him out of the communist party and made him a harsh critic of communist ideology.

But he had not yet reached that point. At the end of his report, he hastened to affirm: „The Soviet Union has not yet finished instructing and astonishing us.”

André Gide, Return from the U.S.S.R. (New York: Fabri Press, 2011). e-book. First published 1936.

Pilgerreise in die Sowjetunion

Pilgerreise in die Sowjetunion

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland

Im Herbst und Winter 1926 bereiste Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung die damalige Sowjetunion. Die Reise führte ihn von Lemberg in der Ukraine über Moskau und Leningrad bis nach Astrachan am Unterlauf der Wolga. Seit den großen Revolutionen waren gerade einmal neun Jahre vergangen, die Wunden des Bürgerkriegs lagen offen zutage. Noch galt im Lande die Neue Ökonomische Politik, wenngleich sie sich bereits dem Ende zuneigte. Stalin zog die Fäden in der Partei und im Staate, wir wissen heute, was er im Sinn hatte. Joseph Roth wusste es nicht.

Reisen in die Sowjetunion glichen Pilgerfahrten, so eine Art Hadsch für westeuropäische Intellektuelle. Das Sowjetsystem vereinigte große Hoffnungen auf sich: ein radikaler Neuanfang, so glaubte man – wollte man glauben –, alles würde anders werden, die Befreiung des Menschen, weltweiter Friede. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschien das nur zu verständlich.

Manche ließen sich vom Augenschein bestärken, verschlossen die Augen vor der Realität (oder kehrten ihr überhaupt den Rücken, so wie Brecht). Roth reiste wohl auch mit der Absicht in die Sowjetunion, begeistert zu sein. Es finden sich genug Beobachtungen, genug Passagen, die davon zeugen. Das geht so weit, dass er sogar von der Religionsfreiheit schwärmt; Gott lebe in der Sowjetunion wie Gott in Frankreich, meint er einmal.

Man braucht aber nicht weit zu lesen, bis man merkt, dass da etwas nicht stimmt – in der beobachteten Realität nicht, und ebenso wenig in Roths Reportagen. Für mich war’s interessant festzustellen, dass Roth unter anderem die Schäbigkeit, die Trost- und Freudlosigkeit des Lebens, des Alltags bemängelt. Eben dies hat mich mehr als fünfzig Jahre später nämlich ebenfalls bedrückt: keine Freundlichkeit, kein Lächeln, keine Fröhlichkeit. Das ist natürlich schrecklich oberflächlich, klar, aber ich glaubte – ebenso wie Joseph Roth –, dass sich da eine tiefer liegende Malaise manifestierte. Woher sie kam, welcher Art sie war, das konnte ich ebenso wenig wie Roth einfach und schlüssig benennen.

Ein Pilger also, den der Augenschein nicht zu überzeugen vermochte, ganz im Gegenteil. (Der berühmteste dieser Spezies dürfte André Gide gewesen sein.) Roth sei als überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und kehre als „Royalist“ in den Westen zurück, meinte Walter Benjamin, der den Autor in Moskau traf. Wie’s scheint, wandte sich Roth in der Folge von der Utopie ab und der Vergangenheit zu, wie er sie nicht lange danach im Radetzkymarsch (erschienen 1932) verarbeiten sollte.

Empfehlenswert? – Also, bei aller Wertschätzung für Joseph Roth, ich würde doch zögern. Es braucht wohl das Interesse eines Spezialisten, sei’s für Joseph Roth, sei’s für die seinerzeitige Auseinandersetzung rund um Kommunismus und Sowjetunion.

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, hg. und mit einem Nachwort von Jan Bürger (München: C. H. Beck textura, 2015).

Das Empire auf dem Rückzug

[for an English version see below]

Jan Morris, Farewell the Trumpets

Fast hätt‘ ich’s vergessen – ich schulde ja noch den dritten Teil jenes Triptychons, welches Jan Morris gemalt hat, wenngleich mit Worten: jene Empire-Trilogie, deren ersten beiden Teile hier schon vorgestellt wurden (Links am Ende des Beitrags). Dieser letzte Teil führt uns vom großen Jubiläumsjahr 1897 bis zum Begräbnis Winston Churchills im Jahre 1965.

Nach dem Spektakel anlässlich des 60jährigen Regierungsjubiläums der Königin Viktoria – zugleich Empress of India –, verloren die Briten nach Ansicht von Jan Morris ihren Enthusiasmus fürs Empire. Einerseits stellten humanistische Strömungen daheim den Kolonialismus in Frage; andererseits erschütterten dramatische Ereignisse das Selbstvertrauen der Kolonialherren. Da war zunächst einmal der Zweite Burenkrieg (1899–1902), der beinahe verloren ging, und dann natürlich der Erste Weltkrieg. Der stellte die angebliche Überlegenheit der europäischen Zivilisation in Frage.

Ironischerweise erreichte das Empire eben damals, nach dem Ersten Weltkrieg, seine größte Ausdehnung. Das lag an den Mandatsgebieten, welche Großbritannien im Auftrag des Völkerbundes verwaltete. Dazu gehörte auch Palästina, welches sich freilich zu einem Stachel im Fleisch der Briten entwickeln sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich eben hier, wie sehr der Wille zum Empire geschwunden war: Das Gebiet wurde letztlich aufgegeben, einfach so, um die Lösung der vertrackten Probleme sollten sich andere kümmern.

Das war 1947/48 – eben jene Zeit, welche tatsächlich das Ende des Empires brachte, und zwar ganz wortwörtlich, indem der indische Subkontinent unabhängig wurde, the Indian Empire. Unblutig ging der Prozess freilich nicht vonstatten, wie Briten bis heute behaupten; die Spaltung zwischen Hindus und Moslems forderte vielmehr hunderttausende, wenn nicht Millionen Opfer. Nicht ganz unblutig verlief außerdem der Rückzug aus anderen Kolonien: Malaya zum Beispiel, oder Kenia. Als ich im Alter von sechzehn Jahren zum ersten Mal in England war, sahen wir in den Abendnachrichten Bilder von den Kämpfen im Krater von Aden – so ziemlich der letzte Außenposten east of Suez, sieht man einmal von Rhodesien ab, welches die britische Außenpolitik noch lange belasten sollte.

Das Begräbnis Churchills hab’ ich selbst mitverfolgt, live im Fernsehen. Ein passender Schlusspunkt? Ja, ich denke schon. Noch im Zweiten Weltkrieg hat jemand gesagt, seine Mentalität entspreche der eines Leutnants bei den Husaren. Man denkt sofort an die Schlacht von Omdurman (1898), wo er an der letzten großen Kavallerieattacke der britischen Armee teilgenommen hatte. Die weite, vielfältige Welt der Briten, die wurde mit ihm wohl wirklich zu Grabe getragen. Trotzdem sind ihre Spuren bis heute gegenwärtig – man gehe bloß in jede beliebige Dorfkirche und studiere die Inschriften an den Wänden sowie auf den Grabplatten am Boden. Vor allem aber hat das Empire meiner Beobachtung zufolge tiefe Spuren in der britischen Mentalität hinterlassen. Brexit hat das neuerlich zu Tage gefördert: Dabei geht’s nicht um sentimentale Nostalgie für vergangene Größe, nein – es handelt sich um das Gefühl des British exceptionalism, die tiefsitzende Überzeugung, die Briten seien etwas Besonderes.

Jan Morris ist im November 2020 verstorben, 94 Jahre alt. Ich glaube, sie hat diesen exceptionalism geteilt. Eine gewisse Nostalgie für die Tage, als ein Viertel der Weltkarte rot eingefärbt war, kann sie auf keinen Fall verleugnen (und will’s auch nicht). Politisch korrekt ist sie nicht – im Gegenteil, in diesen ikonoklastischen Tagen könnte sie leicht selbst zur Zielscheibe werden.

Ihr Leben – nun, das ist eine andere Geschichte, für die hier vielleicht später einmal Platz sein wird. Ich hab’ – wie schon einmal erzählt – Jan Morris persönlich erlebt, und zwar beim Literaturfestival Ways With Words in Dartington. Der Auftritt blieb mir in Erinnerung, einfach deshalb, weil da eine so beeindruckende Persönlichkeit sprach.

Empfehlenswert? – Na ja, man muss schon spezielles Interesse für englische Geschichte mitbringen. Ist das der Fall, dann: ja, durchaus.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume?
Das Empire am Höhepunkt
Jan Morris, Farewell the Trumpets

Almost forgot – I still owe the reader Part Three of the triptych painted by Jan Morris, albeit with words: the Empire Trilogy, the first two parts of which have already been introduced here (links at the end of the article). This last part takes us from the great Jubilee of 1897 up to Winston Churchill’s funeral in 1965.

In 1897, Queen Victoria had been on the throne for sixty years. During that time, she had also acquired the title of Empress of India. But according to Jan Morris, British enthusiasm for the Empire began to wane after the Diamond Jubilee celebrations. On the one hand, humanist voices at home started to undermine the colonialist mindset; on the other hand, dramatic events shook the colonial rulers’ confidence. First, there was the Second Boer War (1899-1902), which was almost lost, and then, of course, the Great War, which challenged the supposed superiority of European civilisation.

Ironically, it was precisely then, after the Great War, that the Empire reached its greatest expansion. This was due to the mandated territories that Great Britain administered on behalf of the League of Nations. They included Palestine, which was to become a thorn in the flesh of the Empire. After the Second World War, it became obvious how weak British Imperialism had become: the whole region was eventually abandoned, just like that, the solution to the intricate problems left to others.

That was 1947/48 – the time that literally brought the end of the Empire as the Indian subcontinent became independent: the Indian Empire. The process was not bloodless, as the British like to believe; the separation of Hindus and Muslims claimed hundreds of thousands, if not millions of lives. The withdrawal from other colonies was not entirely peaceful either: Malaya, for example, or Kenya. When I was in England for the first time, at the age of sixteen, we saw pictures of the fighting in the crater of Aden in the evening news – pretty much the last outpost east of Suez, apart perhaps from Rhodesia, which was to weigh heavily on British foreign policy for a long time to come.

I watched Churchill’s funeral live on television. A fitting ending? Yes, I think so. As late as the Second World War, someone remarked that Churchill still thought like a lieutenant in the Hussars. One immediately thinks of the Battle of Omdurman (1898), where he had taken part in the last decisive cavalry charge by the British Army. The wide and varied world of the British, it seems, was really laid to rest with him. Nevertheless, its traces are present even today – just visit any village church and study the inscriptions on the walls and on the gravestones on the floor. But above all, I seem to have observed, the Empire has left deep traces in the British mentality. Brexit has brought them to light again: It hasn’t been inspired by sentimental nostalgia for past greatness, no – but even today, it’s driven by a sense of British exceptionalism: the deep-seated conviction that the British are special.

Jan Morris passed away in November 2020, aged 94. I think she shared that exceptionalism. She can’t deny a certain nostalgia for the days when a quarter of the world’s map was coloured red (and I don’t think she’d want to). Politically correct? Definitely not – on the contrary, in these iconoclastic days she could easily become a target herself.

Her life – well, that’s another story for which there may be time later. As mentioned before, I saw and heard Jan Morris personally at the Ways With Words literary festival in Dartington. I remember her vividly, simply because she was such an impressive person.

Recommended? – Well, you have to have a special interest in English history. If that is the case: then yes, by all means.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume? 
Das Empire am Höhepunkt