Archiv der Kategorie: Geschichte

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

[for an English version see below]

Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

***

So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?

The British Empire, I Presume?

Jan Morris, Heaven’s Command

[for an English version see below]

Der erste Teil eines Triptychons, wie sich die Autorin ausgedrückt hat, seiner linker Flügel sozusagen: Das Gesamtwerk soll das britische Empire von der Thronbesteigung der Königin Victoria (1837) bis zu seinem Ende darstellen.

Ein endgültiges Urteil wird natürlich erst zu fällen sein, wenn alle drei Teile gelesen sind. So viel kann aber schon jetzt gesagt werden: Jan Morris ist nicht nur eine bemerkenswerte Person (ich hab’ sie einmal bei Ways With Words in Dartington erlebt, als sie ihr Buch über Triest vorstellte), sie ist auch eine ganz hervorragende Schreiberin.

Der erste Band führt uns bis ins Jahr 1897. Interessant, wie vielen mythenstiftenden Begebenheiten wir da begegnen: Das reicht von der Belagerung Lucknows im Zuge der so genannten Indian Mutiny bis zur Schlacht von Isandhlwana und der damit zusammenhängenden Verteidigung von Rorke’s Drift in Südafrika; Majuba darf natürlich auch nicht fehlen – ebenso wenig wie übrigens die berühmte Begrüßung (etwas früher, etwas weiter nördlich): „Doctor Livingstone, I presume?“

Und damit sind nur ein paar Beispiele herausgegriffen. Selbst der außenstehende, da ausländische Beobachter Englands hat von solchen Begebenheiten zumindest gehört, selbst noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie gehörten zum Inventar des britischen Selbst-Bewusstseins, und zwar ganz unabhängig davon, welche Haltung ein Individuum zu derlei imperialen Dingen einnehmen mochte.

Morris schildert sie – wie mir scheint – durchaus mit Sympathie, ohne freilich je auf die ihr eigene feine Ironie zu verzichten, und ohne die hässlichen Seiten auch nur im Geringsten zu unterschlagen: die Hungersnot in Irland oder die Ausrottung der Tasmanier – um wiederum nur zwei Beispiele zu nennen. Strenge Historiker mögen so manches bemängeln an diesem Buch, für unsereins bietet es jedoch nicht bloß sehr viel Gewinn, sondern ebenso viel Lesevergnügen.

Empfehlenswert? Ohne Einschränkung. Her mit dem nächsten Band!

***

The first part of a triptych, as the author herself calls it, the left-hand panel, one might say: the complete work is intended to depict the British Empire from Queen Victoria’s accession to the throne (1837) to its end.

Obviously, a final verdict will have to be postponed until all three parts have been read. A few things, however, can be said straight away: Jan Morris is not only a remarkable person (I heard her once at the Ways With Words festival in Dartington presenting her book on Trieste), she is also quite an outstanding writer.

The first volume takes us to the year 1897, and it’s interesting to see how many myth-making events we encounter on the way: They range from the siege of Lucknow in the course of the so-called Indian Mutiny to the Battle of Isandhlwana and the related defence of Rorke’s Drift in South Africa; not to forget Majuba, of course, as well as the famous greeting (a bit earlier, a bit farther north): „Doctor Livingstone, I presume?“

And these are just a few examples. Even a foreign observer of the English – and thus, an outsider – must have heard of these incidents, even in the second half of the 20th century. They were part of the inventory of British self-perception, regardless of the attitude an individual might take towards such imperial matters.

Morris, it seems to me, describes them with sympathy without ever giving up her personal touch of subtle irony and certainly without any attempt at hiding the ugly side: the famine in Ireland or the extermination of the Tasmanians, to name but two examples. Rigorous historians may find fault with her book, but for us it is not only a great source of learning, but also a pleasure to read.

Recommended? Without any reservation. Where’s the next volume?

Jan Morris, Heaven’s Command: An Imperial Progress, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 1 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1973.

Die Österreicher, die Vergangenheit

Ich hab’ hier bereits über Tony Judts Nachkriegsgeschichte Europas geschrieben (Link am Ende des Beitrags). Hier ein Absatz aus jenem Essay, welches der Autor an seine Geschichte anhängt. Darin geht’s ums Erinnern – immer ein leidiges Thema, und besonders im Falle von Österreich:

But no-one expected very much of the Austrians. Their largely untroubled relationship to recent history – as late as 1990, nearly two Austrians in five still thought of their country as Hitler’s victim rather than his accomplice and 43 percent of Austrians thought Nazism ‘had good and bad sides’ – merely confirmed their own and others’ prejudices.

Zu deutsch:

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Der Absatz ist insofern bemerkenswert, als er nicht weniger als drei schwere Fehler enthält – meiner Zählung zufolge, wenigstens.

  • Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässige Verallgemeinerung.
  • Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Sein „Komplize“ kann es nicht gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Und vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war’s nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land, denn was kann das in diesem Sinne hier anderes bedeuten als: der Staat? Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.
  • Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Erstens hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; auch das Regime in Nordkorea, auch Saddam Husseins Regime im Irak, auch der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann gäb’s diese Regimes überhaupt nicht. Und was zweitens den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Ich weiß nicht, inwieweit dieser Absatz die Qualität des gesamten Buches beeinträchtigt. Immerhin kann man dem Autor zugute halten, dass er möglicherweise bloß das wiedergegeben hat, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern gesagt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–3. – Zu meiner Rezension siehe Europa seit 1945.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Vergessener Jahrtag

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren, genau am 18. Dezember 1998, verfolgte ich im Fernsehen mit, wie Cruise Missiles in Bagdad einschlugen. Die Bilder stammten von einer Kamera, welche CNN-Reporter am Dach ihres Hotels aufgestellt hatten (sie selbst hatten sich im Keller verkrochen).

Der Angriff erfolgte im Rahmen der viertägigen Operation Desert Fox und sollte Saddam Hussein dafür bestrafen, dass er UN-Inspekteure auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen nicht gebührlich unterstützt oder gar behindert hatte.

BBC World Service 1998

Die Bilder zeigten die abendlich beleuchtete Stadt, am jenseitigen Ufer des Flusses konnte der Zuseher Gebäude ausmachen, eine weiße Kuppel im orientalischen Stil. Plötzlich erklang nervöses Flak-Feuer, Leuchtspurmunition durchzog den Nachthimmel über den Häusern. Dann dicke, grelle Feuerkugeln, dumpfe Detonationen.

Und wir saßen da, in unserem Wohnzimmer, und schauten zu. So wie – na ja, die ganze Welt wird’s nicht gerade gewesen sein, aber doch, sagen wir, Hunderttausende?

Als gelerntem Österreicher kam mir unweigerlich eine Szene aus Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit in den Sinn:

Kriegshauptquartier, Kinotheater. In der ersten Reihe sitzt der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich. Ihm zur Seite sein Gast, der König Ferdinand von Bulgarien. Es wird ein Sascha-Film vorgeführt, der in sämtlichen Bildern Mörserwirkungen darstellt. Man sieht Rauch aufsteigen und Soldaten fallen. Der Vorgang wiederholt sich während anderthalb Stunden vierzehnmal. Das militärische Publikum sieht mit fachmännischer Aufmerksamkeit zu. Man hört keinen Laut. Nur bei jedem Bild, in dem Augenblick, in dem der Mörser seine Wirkung übt, hört man aus der vordersten Reihe das Wort:
Bumsti!

Wie kann man so was machen – die Live-Show einer Bombardierung? Während dort die Leute irgendwo in einer Ecke kauern, praktisch schutzlos?

Machen wir uns nichts vor: Das haben auch Hunderttausende gesehen, mitbekommen – aber andere. Warum wundern wir uns eigentlich so über den militanten Islamismus, über islamistischen Terror? Nine-eleven? Wie konnten wir da moralisch entrüstet spielen?

Zu meinem Befremden habe ich festgestellt, dass sowohl der englische als auch der deutsche Wikipedia-Beitrag zu Operation Desert Fox lediglich militärische Bilder zeigt: eine Cruise Missile, die eben abgeschossen wird; ein amerikanischer Bomber; zwei weibliche Jagdbomber-Pilotinnen. Da wird die aseptische Version einer klinisch-exakten Strafaktion aufrecht erhalten. Über die andere Seite erfahren wir wenig. Was zivile Opfer angeht, so ist bloß die Rede von „dozens“, Dutzenden – in der englischen Version. In der deutschen: kein Wort.

„Operation Desert Fox“, BBC World Service: Witness, 16 December 1998.

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Teil I (München: dtv, 1969); II. Akt, 28. Szene, S. 231.

„Bombing of Iraq (1998)“, Wikipedia: The Free Encyclopedia, 4 January 2019.

„Operation Desert Fox“, Wikipedia: Die freie Enzyklopädie, 13. November 2018.

Interessantes Bild

Interessant? Was soll eigentlich interessant sein an diesem Bild?

Nun —

  1. Ich hab’s im Imperial War Museum in London gesehen. Es hing in einer Ausstellung zum Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren mit dem Titel Renewal: Life After the First World War in Photographs.
  2. Das Bild zeigt zwei britische Offiziere.
  3. Wenn man genau hinschaut, bemerkt man, dass das Bild in Tirol aufgenommen wurde. Um genau zu sein: in Imst.

Des Rätsels Lösung: Die Offiziere kamen mit der italienischen Armee nach Nordtirol, die das Land von 1918 bis 1920 besetzte; ob lediglich als Beobachter, oder ob auch ein britisches Truppenkontingent dabei war, das konnte ich leider nicht herausfinden.

Man beachte bitte die beiden Kinder hinterm Hauseck, wie sie den Briten zuschauen. Aber wie? Ängstlich? Neidisch? Befremdet? Verächtlich?

Historical truth

Just back from London where I stayed long enough this year to witness the ceremonies surrounding Remembrance Sunday, albeit only on the telly. I didn’t go to Whitehall on Sunday because I feared the masses that would have congregated there. I would hardly have seen very much (if anything), standing in a tightly packed crowd.

The ceremony at the Cenotaph and even more so the subsequent march-by have always moved me almost – but not quite – to tears. The reason is the extraordinary mixture of the military with the civilian. In some detachments, a part of the participants saunter down Whitehall in civilian clothes, whereas others wear their regimental caps and badges and attempt something like a military step with the typical swinging of arms, British style. This year, due to the 100th anniversary, we even saw about 10,000 randomly selected civilians file past the Cenotaph!

It all serves to remember, of course, and to honour the sacrifice of those who were killed or maimed in World War I as well as all the other wars since. But what is it exactly that we should honour and that we should never forget?

A young girl amongst the marchers was asked the question by a BBC reporter.

“I’m here”, she said, “because my great-grandfather died in World War I. He gave his life so that I can live mine.”

A noble sentiment, no doubt – but does it stand scrutiny?

The Germans in the First World War were not the Nazis of the Second. They may have been more militaristic than other European powers, but the difference was one of nuance rather than principle. In those days, war was generally accepted as a legitimate means to achieve political aims. World War I was not a clash of civilisations. In fact, that is what made the slaughter so futile.

Not a thought, I realize, that would meet with much sympathy, certainly not on Remembrance Sunday. But then – for all the remembering and honouring, certainly there must also be something called historical truth?