Archiv der Kategorie: Geschichte

Erbsünde

Da gibt’s einen aus meinem Bekanntenkreis, der schickt mir auf Facebook immer so Zitate und Links. Natürlich handelt es sich um einen Querkopf (pardon, -denker). Normalerweise beachte ich das Zeug nicht mehr, seit ich draufgekommen bin, wie sehr jede Nachforschung, jede Quellenverifizierung im Sumpf abstruser Behauptungen und Quacksalber endet.

Dieses Mal war’s ein Link zu einem Artikel, den er mir unter die Nase rieb, und aus einer Laune heraus verfolgte ich den doch. Als Autor stellte sich ein gewisser Jared Taylor heraus (mehr über ihn später), der Erscheinungsort ist eine Website namens Unz Review (auch dazu später mehr), und der Titel des Artikels lautet „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?“. Wozu man vielleicht sagen sollte, dass in der US-amerikanischen Debatte die „original sin“, die Erbsünde quasi als terminus technicus für die Sklaverei steht.

Ich fang’ an zu lesen und schon stolpere ich über diese Aussage: „ … the idea is that slavery was a uniquely horrible thing that defines the United States and will stain whites forever”: die Sklaverei würde demzufolge als schreckliche Sache betrachtet, welche einzigartig dastehe, welche die Vereinigten Staaten definiere und die Weißen auf immer beflecke.

Und das machte mich stutzen. Die Lesart war mir nämlich neu. Normalerweise denkt man bei der original sin etwa an die Unabhängigkeitserklärung, wo’s bekanntlich heißt, es sei “self-evident … that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with cer­tain un­alienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.” Aber als das geschrieben wurde (1776), da waren eben nicht alle Menschen gleich, vielen wurden ihre unveräußerlichen Rechte vorenthalten, und – was besonders schwer wiegt – daran sollte sich in den neu zu gründenden Vereinigten Staaten auch nichts ändern. Nicht vorgesehen. In der Verfassung von 1787 kommt das Wort Sklaverei zwar nicht vor, an mehreren Stellen wird jedoch eindeutig Bezug darauf genommen, ihre Existenz somit anerkannt und akzeptiert.

Und das war nun wirklich eine Art Sünde. Als original kann man sie bezeichnen, nicht bloß weil sie am Anfang stand, sondern weil sie die Vereinigten Staaten auch weiterhin belasten sollte, sich immer wieder regte und für Turbulenzen sorgte, und zwar in Form eines alles durchdringenden und scheinbar nicht ausrottbaren Rassismus. In diesem Sinne hat zum Beispiel der Schriftsteller und Nobelpreisträger William Faulkner den Begriff verwendet. Heute, nach George Floyd und mit Black Lives Matter, braucht man über die Omnipräsenz nicht weiter zu diskutieren.

Aber davon, dass „die Weißen“ für immer „befleckt“ wären, kann natürlich keine Rede sein und ist’s meines Wissens nie gewesen – zumindest nicht im main stream der Debatte. Was der Herr Taylor hier vorführt, ist ein uralter Trick: Er formt das Ziel seiner Polemik so um, dass es leicht zu treffen und zu demontieren ist. Er stellt Pappkameraden auf, wie man beim Militär gesagt hat.

Der Rest des Artikels zählt auf, wo und wann die Sklaverei seit jeher und überall gang und gäbe war und wie sie anderswo womöglich noch grausamer ausfiel als in den USA. Er zeigt sozusagen mit dem Finger. Aber das hat mit der ursprünglichen These nichts zu tun. Ich kann dem Vorwurf der Korruption nicht dadurch begegnen, dass ich aufzähle, wo sie sonst noch praktiziert wird. Korruption bleibt Korruption, zumindest unseren eigenen Standards zufolge. Genau so verhält es sich mit Sklaverei und Rassismus.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und Verfassung wurden im Zeitalter der Aufklärung verfasst, sind von ihrem Geiste durchtränkt, wären ohne ihr Gedankengut überhaupt nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund war die Akzeptanz der Sklaverei eigentlich nicht zu entschuldigen, zumindest aber – wenn man pragmatisch denkt – höchst problematisch. Da spielt’s keine Rolle, wo es sie sonst noch gegeben haben mochte. Die führenden Amerikaner sahen sich selbst ja anders, höher stehend – eben aufgeklärt. Sie versagten in diesem Punkt vor ihren eigenen Ansprüchen.

Womit wir zur Frage kommen, wer so einen Artikel verfasst, an welchem Ort, und zu welchem Zwecke. Um’s kurz zu machen: laut Wikepedia propagiert Unz Review „antisemitism, Holocaust denial, conspiracy theories, and white supremacist material.“ Der Autor, Jared Taylor, ist als white supremacist und „wissenschaftlicher Rassist“ bekannt. So weit so schlecht, aber dennoch: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich frag’ mich bloß, warum mir mein Bekannter dauernd solchen Schmarrn schickt. Überprüft er seine eigenen Zitate, seine eigenen Quellen nicht? Wo er doch so stolz ist auf sein querköpfiges Denken?

Jared Taylor, „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?”, Unz Review (July 26, 2021) <https://www.unz.com/ jtaylor/wait-slavery-is-our-original-sin> [accessed 1 August 2021].

Deserteure als Opfer

Der werte Leser, die werte Leserin werden’s vielleicht auch mitbekommen haben: Da fand an unserer Universität hier in Innsbruck ein Symposium über Wehrmachtsdeserteure statt. Die erfreuen sich seit einiger Zeit ja erhöhter Aufmerksamkeit von Historikern, Schriftstellern, Filmemachern und Journalisten. Man denke bloß an die Deserteure im Vomper Loch. „Die Rehabilitation von Deserteuren als Nazi-Opfer“. so heißt es in der einschlägigen Meldung bei ORF News, „wurde erst vor wenigen Jahren vollzogen.“

Alles schön und gut. Ich möchte klarstellen, dass ich gegen Wehrmachtsdeserteure im Zweiten Weltkrieg nicht das Geringste einzuwenden habe. Besonders im letzten Kriegsjahr, also von Mitte 1944 bis Kriegsende. In diesem Zeitraum fiel nämlich eine Million Wehrmachtssoldaten – völlig sinnlos, wie vielen Beteiligten und auch Unbeteiligten durchaus klar war. Als mein Vater Ende 1944 oder Anfang 1945 einen Marschbefehl nach Ostpreußen erhielt, also mitten hinein in den Malstrom gigantischer Kesselschlachten, da erwog er selbst zu desertieren. Über die nötigen Verbindungen hätte er verfügt. Wenn er’s letztlich doch nicht tat, so nur aus Rücksicht auf seine Familie und seine Verlobte.

Jedes Verständnis also für Deserteure, die ja ebenfalls ein hohes Risiko eingingen. SS-Patrouillen machten kurzen Prozess, wie wir wissen. Das traf allerdings auch viele Soldaten, die gar nicht desertiert waren, sich bloß zur falschen Zeit am falschen Ort befanden.

Und damit sind wir bei unserem eigentlichen Thema. Denn wie sich gezeigt hat, läuft der Trend in die Richtung, Deserteure als Opfer der Nazis zu betrachten, womöglich sogar als Widerstandskämpfer! In Wien gibt’s inzwischen sogar schon ein Denkmal für solche Deserteure – „Opfer der NS-Militärjustiz“.

Nun sei keineswegs geleugnet, dass es solche auch gegeben hat. Aber gilt es für Deserteure ganz allgemein? Bedenken wir bitte eines: „Opfer der Nazis“ waren alle Soldaten (oder doch die allermeisten), ganz besonders im letzten Kriegsjahr, und diese Soldaten hatten womöglich mehr durchzustehen als die Deserteure. Womit ich, wie ebenfalls schon gesagt, letztere nicht abwerten, erstere aber ebenso wenig hochstilisieren will. Das wäre eingedenk des Geschehens in diesen schrecklichen Monaten geradezu lächerlich. Alle Soldaten waren Opfer, selbst jene, die heil davonkamen. Dass dies im Namen des Nationalsozialismus erfolgte, auf Anordnung einer realitätsfremden Führung, das spielte für den einzelnen draußen im Schützengraben höchstens eine untergeordnete Rolle.

Wovor heute allerdings gewarnt werden muss, das ist eine Glorifizierung von Deserteuren. Bevor wir in diese Tonart verfallen, sollten wir doch eines bedenken: Nicht jede Armee dient verbrecherischen Zwecken. Da braucht man ja bloß an die US-Truppen ab Juni 1944 in Europa denken, oder an die Soldaten in der britischen Armee. Die sind glücklicherweise nicht desertiert, schon gar nicht in großen Massen. Hätten sie das getan, dann wären wir im später so genannten Westen schön dagestanden. Und die Deserteure im Vomper Loch auch.

Ähnliches gilt auch heute noch. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Nicht auszuschließen, dass wir in Europa noch einmal einer Armee bedürfen. Was, wenn es dann prinzipiell toll wäre zu desertieren?

Gute Seiten

Am System des Kommunismus gebe es ebenso wenig „gute Seiten“ wie am System des Nationalsozialismus, erklärt Hans Rauscher im Standard (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Man könne links und demokratisch sein, aber dann sollte man nicht mehr Kommunist sein wollen.

Nun, dem zweiten Satz können wir gerne zustimmen, bis vielleicht auf dieses Detail: Wenn man demokratisch sein will, gleichgültig ob links, Mitte oder eher rechts, dann kann man nicht mehr Kommunist sein. Aber da handelt es sich möglicherweise um Wortklauberei, um intellektuelle Pedanterie.

Nicht so im Falle des ersten Satzes: Die Aussage, es gebe einfach keine „guten Seiten“ an Nationalsozialismus oder Kommunismus, ist viel zu kategorisch. So einfach ist das nicht – nicht in der chaotischen, vielfältigen und zumeist auch widersprüchlichen Wirklichkeit, sei sie nun gegenwärtig oder vergangen. Ich hab’ schon wiederholt darauf hingewiesen, dass selbst der Nationalsozialismus „gute Seiten“ gehabt haben müsse, andernfalls hätte er nicht so viele Menschen für sich gewinnen können. Erzählungen aus den Tagen vor Ausbruch des Krieges bestätigen dies. Ich erinnere mich an eine, die ich gelesen habe: Ein junges Mädchen, beflügelt von der Umbruchstimmung nach dem Anschluss, bewarb sich kurz entschlossen um eine Stelle im damaligen Gauhaus (heute: Landhaus). Sie wurde angestellt, ganz entgegen ihren Erwartungen, und fand sich in einem freundlichen, anregenden Arbeitsklima wieder. Eine Folge des gesellschaftlichen Umbruchs, welche der Nationalsozialismus mit sich brachte, und von dem viele profitierten – vorwiegend allerdings solche, die weder schriftlich noch mündlich an die Öffentlichkeit traten. Die deprimierenden Schilderungen der Herrschafts- und Armutsverhältnisse im Bezirk Tamsweg vor dem Krieg enden in dem Moment, als die Nazis die Macht übernahmen: Da konnten die geschundenen Knechte und Mägde nämlich in die Stadt gehen, sich in Fabriken verdingen. Mit der Tyrannei der unheiligen Allianz von Großbauern und Pfarrern war es schlagartig vorbei. Und diese Umwälzung erwies sich als permanent, auch nach dem Kriege.

Und im Kommunismus?

Ehe ich lange herumdoziere, sei eine Episode berichtet, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst mitbekommen habe. Da hatten wir nämlich einen reading circle auf Englisch mit wahrlich internationaler Mitgliedschaft. Einmal kam ich mit einer jungen Frau zu reden, Ärztin an der Innsbrucker Universitätsklinik. Wie sich herausstellte, stammte sie aus Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, heute ein unabhängiger Staat, einst eine der Sowjetrepubliken. Wie sie dorthin gekommen war, ist eine eigene Geschichte – ein andermal vielleicht. Sie nahm Anstoß an einer Bemerkung, die ich in meinem feurigen Anti-Kommunismus von mir gegeben hatte. Es sei nicht alles schlecht gewesen, protestierte sie. So erinnere sie sich mit großer Dankbarkeit an ihre Lehrer. Die hätten mit derartigem Enthusiasmus unterrichtet, dass sich selbiger auf die Schüler übertrug. Mittels Geographieunterricht sei ihr die ganze Welt offen gestanden, beteuerte sie. Ihre Jugend in Taschkent habe sie insgesamt in bester Erinnerung. (Positive Erinnerungen ans sowjetische Schulwesen habe ich so oft zu hören bekommen, dass man wohl davon ausgehen kann, da sei was Wahres dran.)

 Jedenfalls entschuldigte ich mich bei der jungen Frau wegen der Stereotype, die ich in meiner Ignoranz von mir gegeben hatte. Gleiches würde vielleicht Herrn Rauscher gut anstehen. Zu sagen, irgendetwas könne keine „guten Seiten“ haben, ist Unsinn. Natürlich ändert das nichts an den gigantischen Verbrechen des Nationalsozialismus, noch an den viel gigantischeren des Kommunismus (quantitativ gesprochen). Wegen einiger „guten Seiten“ wird man sich Kommunismus oder Nationalsozialismus schwerlich zurück wünschen. Ebenso wenig geht’s um ein Schwarz-Weiß-Urteil. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Im Übrigen hat die junge Ärztin nichts an meinem tief sitzenden Anti-Kommunismus geändert, um von meiner Abscheu vor dem Nationalsozialismus erst gar nicht zu reden. Ich hab’ seither bloß versucht, ein bisschen umsichtiger zu argumentieren – und ein bisschen nachdenklicher.

Hans Rauscher, „Ein paar Fakten zum Kommunismus“, der Standard.at (2. Oktober 2021) <https://www.derstandard.at/story/2000130113956/ein-paar-fakten-zum-kommunismus> [heruntergeladen 3. Oktober 2021].

Horst Schreiber (Hg.), 1938: Der Anschluss in den Bezirken Tirols (Innsbruck: StudienVerlag, 2018).

Peter Klammer (Hg.), Auf fremden Höfen: Anstiftkinder, Dienstboten und Einleger im Gebirge (Wien: Böhlau, 2007).

Das Albtraum-Jahrhundert

Wenn’s um hochpolitische Dinge geht, noch dazu solche in fernen Ländern, sollte ein Schreiberling meines Kalibers besser das Maul halten, zumindest wenn er einen letzten Rest von Seriosität bewahren will. Daher folgen nun keineswegs Gescheitheiten zu den Vorgängen in Afghanistan. Ich möchte bloß vermelden – oder gestehen –, dass mir die Machtübernahme der Taliban dort Albträume verursacht. Besonders das Schicksal der Frauen. Obwohl’s auch vielen Männern dreckig gehen wird, mit Kerker, Verhör, Folter.

Wobei hier anzumerken ist, dass meine Vorstellungen im Wesentlichen aus einem Roman  stammen, also aus der fiction. Es handelt sich um A Thousand Splendid Suns (Tausend strahlende Sonnen) von Khaled Husseini, bekannter vielleicht für seinen Kite Runner (Drachenläufer). So meisterhaft der Roman geschrieben ist, so instruktiv wie fesselnd, möchte ich ihn doch nur bedingt empfehlen: zu schrecklich ist das, was da geschildert wird.

Albträume.

Dabei wissen wir alle, dass es nicht an sonstigen Albträumen mangeln würde, von den Rohingya in Myanmar über die Uiguren in China – oder die Demokraten in Hongkong – bis hin zu den Menschen in der so genannten Demokratischen Republik Kongo. Die Schmerzen, das Leid, die Qualen so vieler Menschen! Und das läuft quasi unter unseren Augen ab.

Nicht, dass ich glaubte, wir – der früher so genannte Westen – könne viel dagegen tun. Diese Zeiten sind vorbei. Im Gegenteil: Wir sollten uns rüsten (auch im wortwörtlichen Sinne), um uns selbst – den früher so genannten Westen – zu schützen. Dafür müsste man aber bei uns selbst an diesen Westen glauben, an die westlichen Werte. Wie steht’s damit?

Dabei sollten wir wahrlich wissen, wovon wir reden. Unsere eigene Geschichte, das 20. Jahrhundert liefern an sich schon Stoff genug für Albträume. Wir brauchen die Geschichte bloß an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Das beginnt – sagen wir – mit dem Zweiten Burenkrieg in Südafrika (1899–1902), als die Briten kein anderes Mittel wussten, als das Land zu verwüsten und die nicht kriegführende Bevölkerung in Lagern zusammen zu treiben, in denen dann sehr viele starben. Sogar einen Namen erfanden die Briten: Konzentrationslager. (Die waren zwar schlimm, aber bei weitem nicht so schlimm wie die deutschen später; außerdem regte sich alsbald heftiger Protest in Großbritannien selbst.)

Dann der Erste Weltkrieg. Dessen Grausamkeit, dessen sinnloses Hinschlachten von Hunderttausenden dürfte wohl bekannt sein: „Nutzt’s nix, schadt’s nix.“ Insgesamt an die 7,7 Millionen Menschen. Und dieser Krieg gebar quasi die Revolution im Russischen Reich. Die wird bei uns konsequent verharmlost, aber zunächst verursachte schon das Revolutionsjahr 1917 eine ganze Reihe von Katastrophen, von Hungersnöten bis hin zu blutrünstigen Bauernaufständen im ganzen Land. Die Zahl der Opfer? Nur noch grob zu schätzen.

Lenins so genannte Revolution war eigentlich ein Handstreich, ein Putsch. Was folgte, das wird bei uns ebenfalls zu selten erzählt: Erschießen, erschießen, erschießen, das war Lenins und ist aller seiner Jünger Kredo geblieben. Und auf den Putsch folgte der Bürgerkrieg (1918–1920): geschätzte 10 Millionen Opfer. Die Hungersnot in Russland: ca. 5 Millionen. Die Hungersnot in der Ukraine zwecks Kollektivierung sowie Vernichtung der so genannten Kulaken: manche sprechen von bis zu 11 Millionen Opfern! Durch den Terror sollen bis zu 15 Millionen umgekommen sein. Ausführlich hat darüber der englische Historiker Orlando Figes geschrieben: A People’s Tragedy (Die Tragödie eines Volkes) und Revolutionary Russia (Hundert Jahre Revolution).

Die Nazi-Herrschaft, der Zweite Weltkrieg. Insgesamt soll er an die 40 Millionen Menschen das Leben gekostet haben, die Opfer der Shoa mit eingeschlossen. Kann man sich das eigentlich vorstellen? Die Schicksale hinter diesen Zahlen? Denn jedes einzelne Opfer war doch ein Mensch mit einer Biographie, mit zerstörten Hoffnungen.

Doch wer geglaubt hatte, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei Friede eingekehrt, Wohlstand, Demokratie – nun, was hätten wohl koreanische Mütter dazu gesagt? Oder vietnamesische? Oder biafranische? Äthiopische, eritreische? Vor nicht allzu langer Zeit hat die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri den Opfern der italienischen Eroberung und Unterdrückung in Abessinien ein bewegendes Denkmal gesetzt: Alle, außer mir.

Und da soll man keine Albträume bekommen? Nicht bloß von Vergangenem, bitte schön – nein: Wie schaut eigentlich, mit albtraumhafter Schärfe und Unerbittlichkeit betrachtet, unsere Zukunft aus?

Vergangenheit

Ist Ihnen, werter Leser, werte Leserin, ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie sehr sich die Bedeutung des Wortes Vergangenheit in unserem öffentlichen Diskurs verengt hat? Wenn jemand von der Vergangenheit spricht, dann denken wir sofort an die Zeit von 1938 bis 1945. Das ist die Vergangenheit, die nicht weiter verdrängt werden dürfe, heißt’s dann, die wir aufarbeiten müssten, die zu bewältigen wäre.

Ohne diesen Forderungen entgegen zu treten, möchte ich doch anmerken: Eine derartige Fixierung, eine derartige Verengung kann à la longue dem Anliegen nicht dienen. Unsere Geschichte geht weiter zurück als bloß bis zum Jahre 1938, vor allem aber sind seit 1945 mehr als 75 Jahre vergangen – mehr als drei Viertel eines Jahrhunderts! Die müssen doch sicherlich auch zu unserer Vergangenheit zählen? Und wenn uns das moralische Versagen jener sieben Jahre vorgehalten wird, so müssten doch auch unsere Leistungen, unsere Verdienste aus der langen Zeit danach berücksichtigt werden?

Wohlgemerkt: Ich möchte nicht zu jenen gezählt werden, für die’s irgendwann einmal genug sein müsse, die also, kurz gesagt, die Zeit von 1938 bis 1945 vergessen und begraben wollen. Ich halte das für eine vergebliche Hoffnung. Wenn man sich unsere, die österreichische Kultur als Rucksack vorstellt, den wir mit uns herumtragen, ganz gleichgültig, ob uns das passt oder nicht – wenn man sich unsere Kultur also so vorstellt, dann gleicht die Nazi-Periode einem oder vielleicht mehreren Steinen, die da mit verpackt sind. Wir schleppen sie mit, können gar nicht anders, leugnen hilft nichts. Da sind sie, im Rucksack. Aber sie sind nicht der einzige Inhalt. Da gibt’s noch mehr, viel mehr.

Doch ist dieser verengte Blick – ausnahmsweise wäre Fokussierung tatsächlich das passende Wort – doch ist diese Fokussierung nicht das einzig Seltsame in Verbindung mit unserer Vergangenheit. Genau so auffällig ist wohl die Erstarrung der Sichtweise, die Ossifizierung. Eine bestimmte Interpretation hat sich durchgesetzt, hat sich praktisch zum Dogma entwickelt, zu dem, was man einfach zu sagen hat. Bewusst wurde mir das, als ich das Nachwort zum maßgeblichen Werk Postwar des hoch gelobten britischen Historikers Tony Judt las. Dort findet sich nämlich folgender Absatz (die Übersetzung stammt von mir):

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Bemerkenswert ist diese Passage deshalb, weil sie meiner Zählung nach gleich drei schwere Fehler enthält.

Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässigen Verallgemeinerung.

Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Denn was kann Land hier anderes bedeuten als: Staat? Und Österreich als Staat kann schwerlich Hitlers „Komplize“ gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war es nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land. Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.

Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Zum einen hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; selbst das Regime in Nordkorea, selbst Saddam Husseins Regime im Irak, selbst der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann hätten sich diese Regimes niemals durchsetzen können. Und was zum anderen den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Man fragt sich, wie ein renommierter Historiker mit durchaus enzyklopädischem Wissen so was schreiben konnte. Möglicherweise hat er bloß das wiedergegeben, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern erzählt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–13. – Tony Judt ist 2010 verstorben.