Archiv der Kategorie: Geschichte

Wie ist so eine Fehlleistung möglich?

Da will man am Montag in der Früh ganz unschuldig und ohne jeden Hintergedanken einen Online-Quiz absolvieren, und dann stößt man auf diese Zeilen:

„Wir haben doch 1938 am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man allein gelassen wird.“ Das hat anscheinend unser Außenminister gesagt, Herr Alexander Schallenberg. Und das war offenbar ganz schlimm: „Herrn Schallenberg zum Aufwachen: Der österreichische Bundeskanzler hat bereits eine Beteiligung Österreichs an den NS-Verbrechen eingestanden und bat als offizieller Vertreter der Republik erstmals um Entschuldigung und zwar 1991.“

Was, bitte schön, hat das eine mit dem anderen zu tun?

In vielerlei Hinsicht muss man die Arbeit der Moment-Leute natürlich schätzen. In anderer hingegen weniger. Das ist immer dann der Fall, wenn ihnen allzu viel Ideologie in die Quere kommt. So wie hier. Denn man bräuchte ja bloß einmal innezuhalten und kurz nachzudenken, um zu erkennen:

  1. Grundsätzlich hat die Frage der Mitschuld – oder auch nicht – absolut gar nichts mit der Frage zu tun, ob wir 1938 allein gelassen wurden. Das ist keine Wertung, das ist blanke Logik.
  2. Dass wir 1938 allein gelassen wurden, stimmt einfach. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Nicht nur ließ uns Mussolini im Stich, weil sich der eine Ganove freudig mit dem anderen auf ein Packl haute, wie’s Wienerisch so schön heißt, vielmehr verweigerten Frankreich und England genauso jede Unterstützung. Die hatten das Anschlussverbot seinerzeit in den Friedensvertrag von Saint-Germain hineingeschrieben. Nun wandten sie sich ab, zuckten bloß mit den Schultern: „Eine innerdeutsche Angelegenheit“, wie ein britischer Diplomat meinte und so den Anschluss eiskalt lächelnd vorwegnahm, den die Österreicher so verzweifelt abzuwenden versuchten.
  3. Eine Beteiligung Österreichs an NS-Verbrechen war nicht möglich, weil es Österreich im fraglichen Zeitraum (1938–1945) nicht gab.
  4. Wofür sich Bundeskanzler Franz Vranitzky entschuldigt hat, das war die Beteiligung so vieler Österreicher an den NS-Verbrechen. Das ist etwas ganz anderes.

Irgendwie, so scheint es, löst die bloße Andeutung, „Österreich“ könne etwas anderes gewesen sein als böser, braun uniformierter Täter, in manchen Kreisen Empörung aus. Woher diese seltsame Verkrampfung kommt, ist gar nicht so schwer nachzuvollziehen. Sie kommt von dem verlogenen Schluss, den so viele Österreicher gezogen haben, dass nämlich, da Österreich als erstes Opfer der Nazi-Aggression galt (Moskauer Deklaration 1943), sie selbst und allesamt genau so Opfer gewesen seien. Aber das trifft natürlich nicht zu. Viele, sehr viele taten enthusiastisch mit. Meine Mutter konnte ein Lied davon singen. Genauer: Sie erzählte mir oft vom Verhalten unserer ach so lieben Landsleute.

„Sag dem Führer-Papa gute Nacht“, befahl eine junge Mutter ihrem Sprössling jeden Abend und hob ihn hinauf ans Hitlerbild.

Eine andere hielt ihr kleines Söhnchen in der Früh zum offenen Fenster hinaus:

„Der Sonne entgegen, Baldur!“

Der Witz an der Sache ist aber, dass meine Mutter ganz offensichtlich nicht als Täterin in Frage kam, nicht einmal als Mitläuferin, ebenso wenig wie die Freundinnen, die noch zu ihr hielten, um von der Familie erst gar nicht zu reden. Dasselbe traf auf ihren Verlobten zu, meinen späteren Vater. Und auf dessen Freunde. Auf die Eltern einer guten Bekannten offenbar ebenso. In deren Namen empört sie sich heute noch über die Pauschalierung, die im Zuge der so genannten Vergangenheitsbewältigung Usus geworden ist.

Bis zum März 1938 wehrte sich das Land verzweifelt gegen die drohende Vereinnahmung durch den übermächtigen Nachbarn. Wer mir nicht glaubt, möge bitte zeitgenössische Literatur lesen. Lili Körber böte sich an, sie hat die schrecklichen Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in ihrem Roman Eine Österreicherin erlebt den Anschluss eindrucksvoll und bewegend geschildert. Oder Friedrich Torberg in seinem Roman Auch das war Wien. Es gibt sicher noch mehr. Mir klingen bis heute die Verbitterung und die Verachtung im Ohr, mit denen meine Großmutter den Namen „Scheiß-Inquart“ auszusprechen pflegte (auszuspucken wäre vielleicht der passendere Ausdruck). Das alleine lehrte mich als kleinen Buben genug.

Kehren wir zurück zu unseren Leuten vom Moment-Blog. Wie ist ihre schockierende Fehlleistung möglich? Ist die ideologische Denkerstarrung in Wien wirklich schon so weit fortgeschritten? Werden da wirklich solche Halb- oder Unwahrheiten endlos wiederholt, ohne je darüber nachzudenken? Und – schlimmer noch – ist es wirklich schon so weit, dass jeder, der sich nicht haargenau ans vorgeschriebene Drehbuch hält, dafür abgekanzelt wird, sich öffentlich entschuldigen muss, so wie eben erst Außenminister Alexander Schallenberg?

Ich habe in dieser Angelegenheit zweimal an die Momentum-Redaktion geschrieben, jedesmal recht ausführlich, vor allem aber sachlich und höflich. Antwort hab’ ich keine bekommen. Auch das erscheint mir bedenklich.
(schoepfblog)

Die 68er

Da wurde mir ein Buch angepriesen, nämlich Unser Kampf von Götz Aly, und ich hab’s pflichtschuldigst gelesen. Es verspricht einen „irritierten Blick zurück“ auf das notorische Jahr 1968. Nun sollte dieser Lektüre eigentlich eine Besprechung folgen. Aber leider weiß ich einfach nicht, was ich sagen soll.

Das soll nicht heißen, Alys Buch sei schlecht. Es ist ausführlich und detailliert, sicherlich auch wissenschaftlich fundiert (nehme ich zumindest an). Wenn’s sonst keinen Nutzen hat, so den: Es ruft in Erinnerung, welch haarsträubenden Unsinn die studentischen Protagonisten damals von sich geben konnten. Um nicht zu sagen: verbrecherisch. „Terror muss dabei sein…“

Als ich so nachdachte über dieses Buch, über die 68er und über meine eigenen Erinnerungen, da fiel mir ein anderer Autor ein, nämlich Guy Kirsch, dessen Essay Der Sturz des Ikarus (erschienen 1980) ich vor langer, langer Zeit irgendwo aufgeklaubt hatte. Es schien mir damals und scheint mir heute noch als zielsichere, einsichtige Analyse der äußeren Umstände und inneren Gefühlslagen, die zu jenem Phänomen führten, welches wir mittels des Kürzels „die 68er“ benennen. Und deshalb soll hier von diesem älteren Buch die Rede sein. Götz Aly wollen wir den heutigen Rezensenten überlassen.

Guy Kirsch stammt aus Luxemburg. Er wurde 1938 geboren, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und war später Professor für Neue Politische Ökonomie an der Universität Freiburg in der Schweiz. Er verfasste etliche bedeutende Werke, zu denen das vorliegende Essay offenbar nicht gehört, zumindest scheint es in einschlägigen Aufzählungen nicht auf. Wenn’s um das Jahr 1968 geht, dann kamen und kommen üblicherweise ausgediente Revoluzzer zu Wort, mit ihrer Mischung aus Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid. Guy Kirsch schlug da einen Ton an, der sich wohltuend abhob.

Ich greife nur ein paar Aspekte heraus, die mich beeindruckt haben und die mir deshalb in Erinnerung geblieben sind. Schon damals konstatierte Kirsch eine gewisse Parallele zu jener Jugendbewegung, welche in den dreißiger Jahren einfloss in die nationalsozialistische Bewegung und diese dann mittrug. Diese Parallele hat mich damals im beschränkten Ambiente von Innsbruck ebenfalls verfolgt, hat mir Albträume verursacht; denn basierend auf den Erzählungen meiner Mutter konnte ich nicht umhin, hinter den großmäuligen, pseudo-kämpferischen Parolen skandierender Studenten die diktatorische, ja mehr noch: die totalitäre Gefahr zu wittern. Damals kam mir das übertrieben vor, weit hergeholt; dank Guy Kirsch lernte ich, dass mich mein Gefühl nicht gar so getäuscht hatte.

Kirsch erkannte auch, wie sehr es sich bei der Revolte um ein Aufbegehren ohne Anlass handelte. Ohne adäquaten Anlass, um genau zu sein. Zwar gab’s einen solchen, aber der war weit weg, auf der anderen Seite der Welt: der Vietnam-Krieg. Indem die revoltierenden Stundenten jedoch „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ skandierend durch die Straßen liefen, desavouierten sie auch dieses Anliegen. Ich kann nicht gegen den Krieg sein, indem ich einfach die Seiten wechsle. Was viele von uns damals vermuteten, das sollte sich später bestätigen: Das Regime in Nordvietnam war auch bloß ein kommunistisches Regime. Wie die ausschauten, das hätte man 1968 bereits ausreichend wissen können. Der von den Studenten so hochverehrte General Giap schickte, wenn sich die Gelegenheit bot, reguläre Regimenter in Frontalangriffen gegen die amerikanische Feuerkraft, so etwa während der Belagerung von Khe Sanh 1968. Die Verluste bewegten sich in der Größenordnung von Zehntausenden. Und als die nordvietnamesische Armee nach der missglückten Tet-Offensive die Stadt Hue räumte, da hinterließ sie Massengräber voller Leichen – erschossen. Davon war allerdings nie die Rede.

Letztlich entzündete sich die Empörung also an keinem sichtbaren Anlass, ganz gewiss an keinem, welcher die Heftigkeit der Erregung gerechtfertigt hätte. Zumindest hab’ ich das so miterlebt, an der Uni in den frühen siebziger Jahren. Deshalb malte ich später einmal das Bild einer Gruppe von Studenten, wie sie

in der Mensa einer Universität sitzen und heftig über Marx, Lenin, Stalin und Mao, über Kapitalismus und Kommunismus diskutieren, vor allem aber: über die Revolution – jene Revolution, welche die böse Unterdrückung durch das imperiali­stische Monopolkapital beenden und in eine Zukunft voll Frie­den, Freiheit und Wohlstand für alle führen soll. Es geht ihnen längst nicht mehr darum, ob diese Revolution in der gegebenen Lage überhaupt notwendig oder wünschenswert sei – das erscheint selbstverständlich […].

Irritiert von ihren martialischen Reden, so schrieb ich weiter, von ihrem marxistischen Jargon mag der Zuhörer den Kopf heben und hinausschauen auf die Straße vor der Universität:

Wo bleibt da die böse Unterdrückung? Wo bleibt die Verelendung des Proletariats? Da draußen gehen die Men­schen ihrer Arbeit nach, ihren Besorgungen – und ihrem Vergnügen. Die Autos stauen sich an der Kreuzung, die Passanten sind modisch gekleidet, ihre Gesichtsfarbe zeugt von ausreichender, gesunder Er­nährung, nichts weist auf Mangel hin, oder auf Not und Elend.

Wer damals halbverdaute marxistische Parolen durchs Me­gaphon brüllte, so folgerte ich, der ver­gaß vor lauter Welt­anschauung, die Welt anzuschauen!

Guy Kirsch erinnert uns an die Leichtigkeit, mit welcher die Erörterung konkreter Missstände, konkreter Themen hinter einem Schwall vollmundiger Abstraktionen verschwinden konnte. Und auch das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Wenn’s um irgendwelche Details der germanistischen Studienordnung ging, dann mussten zumindest Adorno und Lukács herhalten, darunter gab man’s nicht. Und die Lösung bestand unweigerlich im Klassenkampf, der sich damals freilich nicht und nicht einstellen wollte.

Die so genannte „Achtundsechziger-Generation“ sei die erste gewesen, welche die „materiellen Folgen des Krieges und des Zusammenbruchs nicht mehr aus eigener Erfahrung kannte“, meint Guy Kirsch. Es sei leicht, „sich auf das Wesentliche zu besinnen, wenn man des Notwendigen sicher ist.“ Das traf zweifellos zu. Später goss ich die Erkenntnis in eine prägnante Formulierung: Das Ende der Not bringt das Ende der Notwendigkeit. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Formulierung nicht auch von Guy Kirsch stammt; gefunden hab’ ich sie allerdings nicht mehr. Wie stark dieses Motiv damals war, das kann ich aus eigener Erinnerung bestätigen, auch wenn ich niemals ein „Achtundsechziger“ war, auch kein Mitglied irgendeiner K-Gruppe in den siebziger Jahren (ich war überhaupt kein Mitglied). Doch galt diese Beobachtung nicht bloß den demonstrierenden und randalierenden Studenten in Berlin oder in Paris. Sie galt ebenso den Hippies in San Francisco, in weiterem Sinne sogar für meine eigene Liebe zur damaligen Musik, zum Tanz in der Diskothek – in letzter Konsequenz somit auch für mich.

Aber was blieb vom heftigen Protest der späten sechziger Jahre? Von den Barrikaden in Paris, von den Straßenschlachten in Berlin?

Herzlich wenig, wird man wohl zugeben müssen. Alternativ- und Grün-Bewegung, hören wir häufig als Antwort, doch ihrem Wesen nach waren die mit dem Leninismus der demonstrierenden Studenten nicht vereinbar – für Lenin wären das kleinbürgerliche Sentimentalitäten gewesen. Dasselbe hätte für den Feminismus gegolten. Meiner Erinnerung zufolge fand sehr wohl eine Art Kulturrevolution statt. Vieles, was meine ältere Schwester noch belastet hatte, war nun kein Problem mehr. Nicht bloß nahm mich die Freundin, eine Studienkollegin, nächtens in ihrem Untermietzimmer auf, ich fand das gegenüber meinen Eltern keiner Erwähnung mehr wert. Es war zur Selbstverständlichkeit geworden, und das innerhalb von vier oder fünf Jahren! Wobei wir solchen Beziehungen keineswegs dogmatisch nachgingen: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ Ganz im Gegenteil. Das Leben ging einfach weiter, es ging seine eigenen Wege, nicht zuletzt für uns Studenten und mit uns Studenten – langhaarig, locker und bunt.

Götz Aly, Unser Kampf: 1968 – ein irritierter Blick zurück (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2009).

Guy Kirsch, Der Sturz des Ikarus: Was blieb vom Protest der sechziger Jahre? Reihe Analyse und Perspektiven (München, Wien: Günter Olzog Verlag, 1980).

Die beiden längeren Zitate stammen aus Heinrich Payr, Der kritische Imperativ: Zur Psychologie von Intellektuellen (Wien: Turia + Kant, 1997), S. 8–9.
Alpenfeuilleton 6.4.2022

Die Sache mit dem Appeasement

Was man unter „Appeasement“ zu verstehen hat, dürfte wahrscheinlich bekannt sein: Normalerweise beziehen wir uns, wenn wir den Ausdruck gebrauchen, auf die Versuche von Frankreich und England, ab 1933 einen weiteren Krieg zu verhindern, indem sie Hitler bzw. das nationalsozialistische „Dritte Reich“ beschwichtigten. Das bedeutete einerseits Wegsehen und Dulden, andererseits aber auch, den deutschen Forderungen nachzugeben. Das Appeasement zog sich hin vom März 1935, als Hitler den Friedensvertrag von Versailles brach, indem er die Expansion der deutschen Streitmächte proklamierte, über die Besetzung des Rheinlandes 1936, die Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg (1936–39), den „Anschluss“ Österreichs (März 1938) bis zum schändlichen Münchner Abkommen vom September 1938, in dem Hitler das zur Tschechoslowakei gehörige Sudentenland geopfert wurde. Genutzt hat das alles nichts, wie wir wissen. Letztlich sahen sich England und Frankreich doch gezwungen, dem Dritten Reich den Krieg zu erklären (3. September 1939).

Der wichtigste Antrieb dieser Appeasement-Politik war ebenso makel- wie tadellos: Nie wieder Krieg! Englische und französische Politiker waren durch diesen Krieg gegangen, sie wussten nur zu genau, was sie wollten beziehungsweise noch genauer, was sie nicht wollten. Die deutsche Führung hatte gleichfalls im Krieg gekämpft – Hitler, Göring, um nur zwei Beispiele zu nennen. Deshalb nahmen die englischen und französischen Politiker an, die Deutschen dächten genau so wie sie selbst. Aber das war ein Irrtum. Die Deutschen trauerten dem Krieg nach, insbesondere, da sie ihn verloren hatten; bei ihnen herrschte ungebrochen der Mythos vom heldenhaften Kampf, vom Kriegshelden. Wer die Realität vor Augen führte wie etwa Erich Maria Remarque mit seinem berühmten Roman Im Westen nichts Neues, der wurde zum Schweigen gebracht.

Nun trafen diese beiden Parteien also aufeinander. Aus der Logik der einen ergab sich zwingend die Konsequenz: Verhandeln, verhandeln, verhandeln. Und wenn nötig, noch einmal verhandeln. Denn da niemand einen Krieg wollte, konnte ein solcher nur aus einem Missverständnis entspringen. Es galt herauszufinden, wie der Fordernde zufriedengestellt werden konnte, ohne dass man selbst allzu viel aufgab. Diesem Willen zum Nachgeben leistete ein weiteres Motiv Vorschub, das nicht zu unterschätzen war: das schlechte Gewissen wegen des Friedensvertrages von Versailles, vor allem wegen der viel zu hohen, geradezu phantastischen Reparationszahlungen. Das schwächte die Position von England und Frankreich zusätzlich.

Der Forderer – um bei diesem Ausdruck zu bleiben – ging nach dem Prinzip vor: Heut’ a bisserl, morgen a bisserl. Damit waren seine Ansprüche nie so groß, dass sie einen Krieg gerechtfertigt hätten. Den stellte man sich übrigens als eine Abfolge unermesslicher Schrecken vor: Bomberflotten, die den Himmel verdunkelten und Bomben mit Giftgas auf die wehrlose Bevölkerung der gegnerischen Städte niedergehen ließen. Dagegen gab’s nach damaligem Stand der Technik praktisch keine Verteidigung. Eindeckige, einsitzige Ganzmetall-Jagdflugzeuge, die schnell genug waren, die Bomber zu stellen, gab’s vorläufig noch nicht: Die „Hurricane“ wurde 1937 in Dienst gestellt (und die war nicht Ganzmetall), die berühmte „Spitfire“ erst 1938. Auf deutscher Seite gab’s seit 1937 die Bf 109. Bis dahin galt die berühmt-berüchtigte Regel, „The bomber always gets through“. Daraus resultierten jene apokalyptischen Vorstellungen des nächsten Krieges, wie wir sie aus der englischen Literatur kennen. Man denke bloß an die einschlägigen Passagen in George Orwells Roman Coming Up For Air (1939; deutsch: Auftauchen, um Luft zu holen). Und diese Ängste nährten ihrerseits das Appeasement.

Ich möchte hier allerdings noch einen anderen Aspekt ansprechen, und zwar aus meiner persönlichen Erfahrung. Als ehemaliger Lehrer der Altersgruppe 14–19 Jahre, mit wenigen Ausnahmen durchwegs männliche Exemplare unserer Spezies, kommen mir die Verhaltensweisen von Putin, Orban, Trump nämlich seltsam vertraut vor. Das Aufplustern des Jungmännchens, der beleidigte Trotz, die konstante Provokation, aber auch die unterschwellige Aggression – all das gehört mit zu den Verhaltensweisen besagter Kategorie von Menschen. Natürlich gebärdeten sich nicht alle so, nicht einmal viele, sondern eigentlich nur einzelne. Aber das genügte. Sie hätten nämlich den Unterricht lahmlegen können. Sie forderten mich heraus, nicht offen, sondern stets so, dass man ihnen nicht leicht ankam, keinesfalls mit dem Gesetz. Da gingen sie zwar hart an die Grenze, wagten sich aber nie so weit vor, dass sie sich nicht schnell zurückziehen und hinter Ausreden verschanzen konnten. Andererseits gestaltete sich die Auseinandersetzung mit dem Lehrer, mit der Autoritätsperson als Zweikampf, ganz wortwörtlich, selbst wenn dabei keine Gewalt zur Anwendung kam, ja nicht einmal kräftige Worte. Denn darauf lauerten diese Bürschchen bloß. Dann hätten sie nämlich Oberwasser gehabt. Weswegen ich später, bereits in Pension, eben diesen wiederkehrenden Albtraum hatte: Dass ich gegenüber so einem provokanten Halbstarken die Contenance verlor, dass mir die Hand auskam. Die gebührte ihm zwar – aber ich hatte verloren.

In letzter Konsequenz spitzte sich der Kampf zu einem klassischen Duell zu, wenngleich ohne Revolver, nur mit den Augen, mit dem Willen. Es musste mir gelingen „to stare him down“, wie’s auf Englisch heißt. Glücklicherweise, so darf ich berichten, ist das stets geglückt, obwohl’s manchmal verdammt knapp war. Und was sich dann abgespielt hätte, das wage ich mir gar nicht auszumalen. Jedenfalls ging ich schweißnass und völlig erschöpft aus solchen Stunden heraus. Wieviel Sympathie ich aufbringe, wenn ich derartige Verhaltensweisen heute wahrnehme, das kann man sich vielleicht vorstellen.

Die Lehren, die ich aus solchen Begegnungen zog: Erstens, eine klare Linie von Anfang an, klare Grenzen. Zweitens: Auf eine Überschreitung dieser Grenzen muss blitzschnell eine Sanktion folgen. Die braucht nicht schwer zu sein, mag bloß in einem scharfen Verweis bestehen, aber schnell muss es gehen, ohne Zögern. Und schließlich: Keiner Konfrontation aus dem Wege gehen; der erste Krach ist besser als der letzte.

Nun kann man derart vereinzelte persönliche Erfahrungen schlecht verallgemeinern. Russland und die NATO sind weder Lehrer noch halbstarke Schüler. Trotzdem kann ich, wenn ich mir das lauwarme Gerede, die ungelenken Bemühungen von Olaf Scholz, Emmanuel Macron oder gar Boris Johnson anschau’, bloß die Hände vors Gesicht schlagen. Meiner Erfahrung nach machen die alles falsch, was man nur falsch machen kann. Schlimmer noch: Sie haben bereits alles falsch gemacht!

(schoepfblog)

Zwischen Habsburg und Nazis

Wie ich sehe, nehmen die adeligen Dokumentationen im ORF kein Ende. An einem zufällig ins Auge gefassten Tag, nämlich Dienstag den 25. Jänner, hatten wir auf ORF III drei Folgen der Reihe Erbe Österreich im Hauptabendprogramm, und alle drei beschäftigten sich entweder mit den Habsburgern, mit der Kaiserin Sissi oder gar – man glaubt’s kaum – mit dem „Glanz des alten Adels“.

Und mit derlei werden wir nun schon seit Monaten geplagt. Zuerst war es eine schier endlose Folge von Sissi-Verfilmungen und Dokus, so als sei sie eben erst verstorben. Und als dieses Material erschöpft war, da kam die Kaiserin Maria Theresia dran. Flankiert von einer langen Parade von Filmen über weniger bedeutende Figuren.

Was denken sich die Programmmacher am Küniglberg eigentlich dabei?

Obwohl: Gar so genau hab’ ich das Ganze ja nicht mitverfolgt. Ich hab’s nur wahrgenommen – aus den Augenwinkeln, quasi –, wenn ich das Fernsehprogramm überflog um zu sehen, ob’s was Sehenswertes gab. In Anbetracht der Zahl von Fernsehprogrammen ist solches ja erstaunlich rar. Der Rest ist Mist auf vierundzwanzig Kanälen.

Umso schwerer wiegt der Aristo-Trip unserer heimischen Programmmacher. Was für einen Sinn macht ein Staatsrundfunk, wenn er nicht für uns und zu uns spricht? Wozu ich wahrscheinlich bekennen sollte, dass ich sehr für einen solchen Staatsrundfunk bin. Wir brauchen eine österreichische Plattform, glaube ich; wir brauchen eine Stimme, in der wir uns wiedererkennen und der wir vertrauen. Wenn’s die gibt, wenn die gesichert ist, dann können wir auf gut Österreichisch beruhigt motschgern. Aber erst dann.

Umgelegt auf die Aristo-Manie beim ORF, würde das nichts Gutes bedeuten. Sind wir auf dem Weg zurück zu Kaiser, Habsburg, Graf Bobby und Graf Rudi? Unterwegs in eine Ära der unverhohlenen Nostalgie, trotz allem, was wir inzwischen gelernt haben? Und wenn dem so wäre – warum? Wo liegen die Wurzeln dieser Sehnsucht? Hat diese unsere Zweite Republik nicht genug geleistet? Hat sie sich nicht glänzend bewährt?

Ich weiß schon, ich weiß schon: So darf man den Österreichern nicht kommen – einer großen Anzahl von ihnen, ist damit gemeint. So rational. So langweilig. Vielleicht fangen wir schon einmal an, wieder ein bisschen Unterwürfigkeit einzuüben? Respekt und Bewunderung für jeden adeligen Spross, der sich mehr oder weniger gelungen am Bildschirm präsentiert? Selbst wenn sich das, was er da präsentiert, als ausgesprochen öde herausstellt? Macht nix. Hauptsach’ ist der klingende Name. Habsburg-Lothringen, mein Gott!

Aber schön – es gibt ja noch andere Kanäle. ZDF Info zum Beispiel. Da stand am fraglichen Tag (siehe oben) ZDF-History auf dem Programm, wiederum drei Folgen. Und was bekamen wir zu sehen? „Kaum ein Sportereignis hat die Deutschen so bewegt wie das ‘Wunder von Bern’, der WM-Titel 1954. Doch auf dem Erfolg lastet ein dunkles Erbe: der Schatten der NS-Zeit.“

Das ist so originell, so überraschend, dass mir die Füß’ einschlafen. Nur leider ging’s an jenem Abend genau so weiter: Die nächste Sendung beschäftigte sich mit dem „Psychologen von Nürnberg“;  gemeint waren die Nürnberger Prozesse, denen besagter Mann beiwohnte. Danach kam eine Doku über Albert Speer. Noch eine! Nicht bloß nimmt das kein Ende, die Flut scheint vielmehr ständig zu steigen: Fernsehreihen, Zeitungsartikel, Bücher. Ein Schelm, der schlecht, nämlich ökonomisch dabei denkt. Oder karrieremäßig.

Ich kann zu diesem Thema einfach nichts mehr sehen, lesen, hören. Genug der Grausamkeiten, der sinnlosen Tode, genug auch des Krieges. Nicht bloß hab’ ich das alles schon so oft im TV gesehen (von der Lektüre ganz zu schweigen). Ich weiß ausreichend Bescheid, danke schön, wirklich Neues ist schon seit weiß-Gott-wann nicht mehr dazu gekommen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht für Zeitgeschichte interessierte, ganz im Gegenteil. Eben hab’ ich ein kritisches Buch über die berühmt-berüchtigte 68er-Generation gelesen, mit großem Wissensgewinn und mit großer Freude. Oder ein Buch über die Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen. Die münden zwar auch in Wannsee und Auschwitz, gehen aber viel weiter zurück, tief ins 19. Jahrhundert. Und da hab’ ich eine ganze Menge gelernt. Ausgezeichnet!

Wenn’s nach ORF und ZDF ginge, dann müsste man den Eindruck bekommen, unsere Geschichte bestünde nur aus Habsburg und Nazis. Was für ein Zerrbild! Wir wiederholen unsere Frage, in diesem Falle allerdings nur an die Herr- und Frauschaften vom ORF: Was denkt ihr euch eigentlich dabei?

(schoepfblog)

Zwischen den Kriegen

Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre 1918–1938

Äußerlich betrachtet, ist dieses Buch genau so aufgebaut wie sein Vorgänger (Der taumelnde Kontinent): die Kapitel werden von den Jahren gebildet, oder soll man’s umgekehrt sagen? Tatsächlich ist es so, dass jedes Jahres-Kapitel einem Thema gewidmet ist, die Erörterung reicht folglich zurück in die Vergangenheit und eilt voraus in die Zukunft. Aber wie dem auch sei: Im Innern gestaltet sich dieser Band anders als der vorhergehende. Da gilt es nämlich viel mehr Ereignisse zu behandeln als in der gemächlicheren Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, und so bleibt weniger Raum für die Kultur. Die spielte beim Ablauf des Geschehens nämlich bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Der großen, weltbewegenden Ereignisse gab es wahrlich genug: Im ehemaligen Russischen Reich die Revolution, dann Bürgerkrieg, gefolgt von Zwangskollektivierung samt Hungersnot in unvorstellbaren Ausmaßen – der so genannte Holodor. Anschließend die Stalin’schen Säuberungen, der Große Terror, wiederum mit Millionen von Opfern.

Im Westen zunächst scheinbare Stabilisierung, Normalisierung, aber nur bis zur Weltwirtschaftskrise ab 1929. Danach schien alles auf den Kopf gestellt, nichts war mehr, wie’s sein sollte. Rechtsgerichtete diktatorische Bewegungen machten sich breit, in Italien der Faschismus Mussolinis ab 1922, in Deutschland der Nationalsozialismus Hitlers, der 1933 an die Macht kam. Der Spanische Bürgerkrieg (1936–39), das Schreckensregime von General Franco. Es gab aber noch mehr solcher faschistischer oder proto-faschistischer Regimes, nicht zuletzt das klerikal-ständestaatliche in Österreich. Tatsächlich schien es eine Zeit lang so, als habe die Demokratie ausgedient.

Wohin das alles führte, das wissen wir. Darüber schreibt Philipp Blom nicht, es liegt jenseits der von ihm gewählten Zeitspanne. Auch in diesem Band versucht er, psychologische Erklärungen für das Verhalten der Menschen zu finden: der Schock des Ersten Weltkriegs, Verunsicherung und Angst angesichts rasender Modernisierung. Ohne Zweifel trifft das zu, aber ob’s als Erklärung ausreicht, das ist eine andere Frage.

Selbst wenn man sich in der hier behandelten Epoche einigermaßen auskennt, bringt Blom doch eine geraffte, komprimierte Darstellung, die nützlich sein kann. So zum Beispiel, wenn er von den kommunistischen Sympathisanten im Westen spricht, den „fellow travellers“: George Bernard Shaw zum Beispiel, der nach einer sorgsam inszenierten Reise durch die verwüstete Ukraine erklärte, es gebe gar keine Hungersnot und als Beweis ein opulentes Mahl anführte, das er genossen habe. Solch krasser Fehlleistungen haben sich allzu viele westliche Intellektuelle allzu oft schuldig gemacht. „Nützliche Idioten“ wurden sie in Moskau genannt. Aber wie Blom richtig anmerkt, war das historische Gedächtnis des 20. Jahrhunderts nicht dazu angetan, derlei Entgleisungen lange in Erinnerung zu behalten. Sie wurden, auf gut Deutsch, vergessen. Vielleicht – so schießt es mir durch den Kopf – vielleicht sollten wir damit anfangen, die verdrängte Vergangenheit der linken Intelligenz ebenfalls aufzuarbeiten?

 Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre 1918–1938 (München: dtv, 2016).

Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent

Dem einen oder der anderen wird Philip Blom vielleicht aus dem Radio bekannt sein; auf Ö1 moderiert er nämlich die Diskussionssendung Punkt Eins. 1970 geboren, kam der gebürtige Hamburger im Zuge seines Studiums (Philosophie, Geschichte und Judaistik) nach Wien. In weiterer Folge studierte er in Oxford, wo er seinen Ph. D. erwarb, seinen Doktortitel. Er ist in Englisch genau so gewandt wie auf Deutsch, schreibt seine Bücher in ersterer Sprache und übersetzt sie selbst in zweitere. Als Journalist hat er im Independent, in der Financial Times, im Times Literary Supplement, nicht zuletzt im Guardian geschrieben. Bei so einer Aufzählung überkommt mich Bewunderung, blanke Bewunderung. Ganz offensichtlich kann Philipp Blom Dinge, die ich immer gerne gekonnt hätte.

Als ich ihn das erste Mal bei Punkt Eins hörte, da ärgerte ich mich über diesen bundesdeutschen Sprecher bei unserem ureigensten Staatsfunk. Hat man da wirklich keinen anderen gefunden? Nun, da ich um die Talente des Herrn Blom weiß, bin ich froh, dass man ihn an die Angel bekam und an Land zog. Möge er uns lange erhalten bleiben.

Der taumelnde Kontinent beschäftigt sich mit Europa im Zeitraum von 1900 bis 1914. Gegliedert ist es nach Jahren – jedes Jahr ein Kapitel. Zugleich widmet sich jedes Kapitel einem Thema; es handelt sich also um eine Kreuzung aus Chronologie und Aufriss. Nicht, dass dies der Darstellung schaden würde; sie erfordert zwar häufige Rückblenden und Überschneidungen, aber die wären auf jeden Fall unvermeidlich. Es geht ja – so könnte man sagen – um den Versuch einer Totaldarstellung jener Jahre.

Das Schwergewicht liegt auf gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen, nicht so sehr auf machtpolitischen. Und hier, im gesellschaftlichen Bereich, spielt die Psychologie eine herausragende Rolle, ebenso wie künstlerisch kreative Menschen, also Schriftsteller, Maler, Komponisten. Leider ergibt sich aus eben diesen beiden Komponenten das Problem, welches ich mit dem Buch habe: Denn zum einen ist es für mich keineswegs so selbstverständlich wie für den Autor, dass Schriftsteller und Künstler die geeignetsten Zeugen einer Epoche seien. Blom scheint sie für ungeheuer feine, weitreichende und aussagekräftige Seismographen zu halten: Was immer sie sagen oder tun, es spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeit wider, gesellschaftliche Strömungen. Aber trifft das wirklich zu? Könnte es nicht so sein, dass wir den Aussagen oder Handlungen solcher Menschen – womit auch ihr Schaffen gemeint ist – erst jetzt, a posteriori, solche Qualitäten zuschreiben? Mit dieser Methode könnte alles, was irgendein mehr oder minder bedeutender Mensch je produziert hat, als repräsentativ oder gar prophetisch gedeutet werden.

Dazu kommt noch das Gewicht, welches der Autor der Psychologie beimisst. Das Motiv von der Angst des Mannes durchzieht das gesamte Buch: Angst vor der demographischen Entwicklung, Angst vor der metaphorischen Entmannung durch den technischen Fortschritt, Angst nicht zuletzt vor den Frauen, die eben damals begannen, auf Selbständigkeit zu pochen, auf ihre Rechte. Das klingt einleuchtend – aber war es wirklich so?

Man kommt nicht umhin, die damalige Zeit, die Belle Époque, mit unserer eigenen zu vergleichen. Dieses unbekümmerte, ahnungslose Tanzen auf dem Vulkan, zum Beispiel. So vieles, was damals grundgelegt wurde, kam erst später zur Anwendung. Aber das wird wohl Gegenstand des Folgebandes sein, Die zerrissenen Jahre, welcher die Zwischenkriegszeit abdeckt.

Ich lege das Buch mit gemischten Gefühlen weg. Ausführlich, keine Frage, detailreich, der Mann ist halt einfach gescheit, da beißt die Maus keinen Faden ab; und doch, und doch – irgendwie kann mich das Unternehmen nicht restlos überzeugen. Tut mir leid.

Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent: Europa 1900–1914 (München: dtv, 2020). Ursprüngl. erschienen 2008 als The Vertigo Years bei Weidenfels & Nicholson.

(schoepfblog 04 01 2022)