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Da saß ich auf meinem Bankl

Da saß ich im Sonnenschein auf meinem Bankl, neben dem Spazierweg am Rande unseres Wohnortes. Eine junge Frau kam sportlichen Schrittes des Wegs.

„Hallo“, grüßte ich sie, wie’s halt so üblich ist.

Sie blieb stehen. Groß, schlank, kurzes meliertes Haar, schmales Gesicht.

„Jetzt wär’ ich fast nicht weiter gekommen“, sagte sie. Sie sprach mit leiser, sanfter Stimme.

„Warum denn?“

„Da ist abgesperrt. Ich musste drüber klettern.“

„Ach ja, stimmt! Das ist die Quarantäne.“

Sie sah mich verwundert an.

Hatte sie nichts gehört davon? Es stand doch in der Zeitung, war im Radio verlautbart worden, im Lokalfernsehen. Oder wusste sie nicht, was eine Quarantäne ist?

„Ja,“ beteuerte ich. „Es kann jeder rein, aber wer das Dorf verlässt, braucht einen negativen Corona-Test.“

„Ich auch? Ich geh ja nur spazieren.“

„Wie’s scheint, Sie auch.“

„Ich hab’s nicht so mit dem Testen.“

„Aber das ist doch ganz einfach!“

Und das stimmte, keine Schönfärberei. Seit Neuestem gab’s einen Container auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt, da brauchte man sich nicht einmal anzumelden, und selbst wenn viele Leute dort waren, ging’s schnell. Schnell und problemlos.

„Ich mag’s nicht, wenn man da an mir herum tut.“

„Aber um Sie geht’s doch gar nicht.“

Sie sah mich zweifelnd an.

„Es geht um die anderen. Um die Ansteckung. Nicht ihre – von denen. Sie selbst können krank werden, so viel Sie wollen.“

Sie erwiderte nichts. Schaute mich ein paar Augenblicke stumm an, dann wandte sie sich grußlos ab, ging weiter. –

Was mich an eine weitere Begebenheit erinnert, ebenfalls erst kürzlich. Da bekam ich übers Web wieder einmal die triumphierende Meldung einer Bekannten: Eine Karte Österreichs, auf der in verschiedenen Farben angezeigt wurde, wie viel Prozent im jeweiligen Bundesland eben nicht mit dem Corona-Virus infiziert seien. In Tirol waren’s angeblich 99,82. Die Betonung liegt auf angeblich. (Wenn man nachrechnet, stimmen diese Zahlen ja nie.) Normalerweise enthalte ich mich in solchen Fällen einer Antwort. Nicht, weil ich’s besser wüsste, ganz im Gegenteil, sondern weil ich mich nicht in sinnlose Debatten verstricken lasse. Dieses Mal rutschte mir aber doch eine Replik heraus.

„Komisch“, schrieb ich, „dass ich so viele aus dem winzig kleinen Rest kenne!“

Und auch das stimmte. Bekannte, Verwandte, ehemalige Kollegen. Schwager samt Familie. Die waren sogar bei uns zu Besuch gewesen, die Symptome zeigten sich erst danach, glücklicherweise nichts passiert. Ein ehemaliger Kollege, genau so alt wie ich, samt Frau. Die hat’s etwas ärger erwischt, wie sie uns erzählten, als wir ihnen später auf einem Spaziergang begegneten. Er kam noch immer ziemlich wackelig daher. Und dabei habe ich noch gar nicht vom medizinischen Teil unserer Familie geredet. Ein Verwandter klaubte den Virus in einem Krankenhaus in Linz auf, er arbeitet dort als Assistent in der Radiologie. In diesem Falle musste er allerdings auf der Corona-Station aushelfen. Ihn hat’s recht arg erwischt, hoffentlich ohne Spätfolgen.

Ein anderer ist Arzt, er durchläuft an einem Bezirkskrankenhaus in Tirol das, was man früher den Turnus genannt hat. Da hatte er ebenfalls auf der Corona-Station Dienst zu tun. Einmal rief er mich am Abend an, als er nach einer langen Schicht nach Hause kam.

„Mensch“, stöhnte er hörbar erschöpft. „24 Stunden. Und immer der Schutzanzug.“

Zufällig wusste ich aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt. Wie einem der Schweiß in der Arschfalte zusammenrinnt, ganz wortwörtlich.

„Was manche Leut’ mitmachen!“, sagte er verzweifelt. „Tieren gibt man da wenigstens den Gnadenschuss, oder?“

Na endlich

Das Coronavirus ist der Versuch der Waschbären, uns alle umzuwandeln! Ein Anagramm von Corona ist Racoon, und was machen Waschbären? Sie waschen sich die Hände und tragen Masken.
Wacht endlich auf!

Lala
(Twitterperlen)

Intellektuelle

Es nahe das „Ende der Intellektuellen“, prophezeite Peter Kurer vor kurzem hier im schoepfblog (22. April 2021). Was nun folgt, das soll allerdings keine Auseinandersetzung mit der These oder ihrem Autor werden. Es war nur so, dass diese Schlagzeile genügte, um eine ganze Flut von Gedanken, von Erinnerungen in meinem Kopf auszulösen. Mit dem Phänomen der Intellektuellen hab’ ich mich nämlich schon seit langer, langer Zeit herumgeschlagen. Das begann in den frühen siebziger Jahren, als ich mein spärlich vorhandenes Geld zusammenkratzte und die vier Bände von Orwells Collected Essays, Journalism and Letters kaufte, in der Penguin-Taschenbuchausgabe, versteht sich. Der Grund war mein intellektuelles Ringen mit der leninistisch-maoistischen Ideologie, mit welcher uns großmäulige Studentenführer damals bombardierten. Und George Orwell befasste sich eingehend mit den Intellektuellen. „Mr. Orwell is intellectual-hun­ting again“, beklagte sich ein Zeitgenosse.

Die geistige Auseinandersetzung führte zu bohrenden Zweifeln und dementsprechenden Nachforschungen, kurz zu einem privaten, selbst verordneten Studiengang. Der zog sich über Jahre hin. Schließlich führte er zu einem – ja, zu einem richtigen Buch, erschienen 1997 unter dem Titel Der kritische Imperativ. Gedacht war es als Beitrag zur „Psychologie von Intellektuellen“. Ich sag’ das nicht, weil dieses Buch so toll wäre; heut’ bin ich eher nicht stolz darauf. Es soll bloß zeigen, wie intensiv ich mich mit dem Thema beschäftigt habe.

Ich hab’ damals darauf verzichtet, mich an einer Definition zu versuchen. Der Grund war, dass ich keine Anhaltspunkte finden konnte. Was ich antraf, das fiel so offensichtlich schmeichlerisch-sykophantisch aus, dass es manchmal schon ans Lachhafte grenzte. Was soll man zum Beispiel davon halten, wenn die Intellektuellen als die „klagende Klasse“ bezeichnet werden, weil sie „chronisch unzufrieden“ seien und am Zustand der Welt litten. Wer so was sagt – denkt der überhaupt nicht an das, was im 20. Jahrhundert geschehen ist? All die Verbrechen, welche Intellektuelle in seinem Verlaufe begangen haben, nicht körperlich vielleicht, aber doch gegen den Intellekt, gegen Wahrheit und Aufrichtigkeit?

 Der einzige Definitionsversuch, den ich hätte verwenden wollen, war jener von Richard Löwenthal: „Als Intellektuelle bezeichnen sich diejenigen, die sich bemühen, dem Leben und der gesellschaftlichen Entwicklung als Ganzem eine Deutung zu geben – sei es durch wissenschaftliche Analyse, wertenden Kommentar oder künstlerischen Ausdruck – und insbesondere die Gesellschaft an ihren eigenen Werten zu messen.“ Deshalb sei der Anspruch des Intellektuellen „seiner Natur nach ein kritischer“. Letztlich entschied ich mich, das Zitat nicht in mein Buch aufzunehmen, vor allem deshalb, weil ich den „kritischen Anspruch“ bestritt. Die Intellektuellen, die ich zu jener Zeit beobachten konnte, die waren in ihrer überwiegenden Mehrheit – zirka 95 Prozent – eben nicht kritisch, sondern genau das Gegenteil. Der Hauptgrund für die Auslassung fand sich jedoch in der hochgescheiten Literatur zum Thema. Dort wurde der Begriff des Intellektuellen zwar dauernd verwendet, aber nie definiert. Jeder Autor schien ganz genau zu wissen, was er selbst im Sinne hatte, und setzte dies bei seinen Lesern und Leserinnen selbstverständlich voraus. Wieso sollte ich, ein kleiner Privat-Schreiberling, da das Unmögliche versuchen?

Trotzdem hat mich das Problem in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht losgelassen, selbst wenn ich nicht mehr darüber schrieb. Eine tragbare Definition hab’ ich bis heute nicht gefunden, sehr wohl aber glaube ich, einigermaßen verständlich beschreiben zu können, was ich mir unter diesem sagenhaften Geschöpf, dem Intellektuellen, vorstelle. Der Leser oder die Leserin mag zustimmen oder widersprechen, beides womöglich teilweise, herzlich willkommen, vielleicht denken die beiden sogar über ihre eigene Vorstellung nach – aber eine allgemein gültige Definition hab’ ich nicht im Sinn. Das habe ich längst aufgegeben.

Vorauszuschicken wäre, dass Intellektuelle für mich stets in der zweiten oder dritten Reihe stehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst nichts Neues schaffen. Tun sie das, etwa indem sie neue philosophische Deutungen in die Welt setzen, oder einen Roman, ein Theaterstück, ein Kunstwerk – tun sie das, so handelt es sich um Philosophen, Schriftsteller, Künstler, aber nicht um Intellektuelle. Die denken prinzipiell nur das nach, was andere vorgedacht haben, sie predigen eine vorgegebene Lehre.

Insofern hat Julien Benda den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er in seinem berühmten Werk Der Verrat der Intellektuellen in seiner Muttersprache von clercs sprach (La trahison des clercs). Ich bin keineswegs bewandert im Französischen, aber aus dem Englischen weiß ich, dass das Wort clerk einerseits einen Büroangestellten bezeichnet – früher mochte man gesagt haben: Schreiber –, andererseits aber mit clergy verwandt ist, der Geistlichkeit. Der Intellektuelle wird also quasi als Pfarrer betrachtet, einer jener unzähligen kleinen Kleriker, die landauf landab und durch die Jahrhunderte mit ihren Predigten die Lehre der jeweiligen Kirche unters Volk brachten. Eben dies, so scheint mir, ist eigentlich die Funktion der Intellektuellen in unserer Gesellschaft: Sie dienen als Prediger, als Verkünder einer Lehre, die von oben herab kommt und dem unwissenden Volk vermittelt werden muss. In der Regel wird die Lehre konter-intuitiv sein, andernfalls würde sie das Volk ja von selbst begreifen. Man denkt sofort an das Evangelium nach Karl Marx – oder aber an die ansonsten nicht nachvollziehbaren Segnungen des wirtschaftlichen Liberalismus. Da dienen Friedrich Hayek, Milton Friedmann und Ayn Rand als halbgöttliche Religionsstifter.

Sieht man die Sache einmal so, dann kann ein Intellektueller, ein clerc, gar nicht kritisch sein. Er ist im Gegenteil gläubig, oftmals überraschend naiv noch dazu. Mehr noch: Die Intellektuellen werden stets so einen Gott brauchen, eine Bibel, mit welcher sie wacheln können, wenn sie vor das Volk hintreten. Wenn der eine Gott versagt, dann suchen sie sich einen anderen. Diesen Vorgang hatte ich inzwischen das Privileg mit eigenen Augen zu beobachten, nach der Wende von 1990.

Die Intellektuellen wären demzufolge die gläubige Klasse, die predigende Klasse, die nachbetende Klasse. Wenn Sie sich ein bisschen umsehen im 20. Jahrhundert, aber auch im jetzigen, dann werden Sie entdecken, wie treffend diese Beschreibung ist.

Es sei denn, es sei denn – wen ich in meinen Versuchen, das Phänomen der Intellektuellen zu beschreiben, immer vergesse, das sind die Nonkonformisten, die Dissidenten. Auch solche hat’s unter den clercs gegeben, und in modernen Zeiten gab’s und  gibt’s die genau so. Sie sind es, die selbst in finsteren Zeiten das Licht der Vernunft, der Wahrheitssuche leuchten lassen. Die Frage ist nur: Wie hoch ist ihr Anteil?

Julien Benda, Der Verrat der Intellektuellen (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1988). Erstmals erschienen als La trahison des clercs, 1927.

Wolf Lepenies, Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa (Frankfurt/Main: Campus Verlag, 1992). Die zitierten Stellen finden sich auf S. 14.

Richard Löwenthal, Gesellschaftswandel und Kulturkrise: Zukunftsprobleme der westlichen Demokratie (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1979). Die erwähnte Definition auf S. 21.