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Wozu?

Sehr geehrter Herr Kotrschal!

In Ihrem Kommentar im Standard vom 29. Juni 2021 äußern Sie sich zum leidigen Wolfs-, Bär und eventuell auch noch Luchs-Problem, das uns nun schon seit einigen Jahren plagt. Wenig überraschend ergreifen Sie als Verhaltensbiologe die Partei eben dieser Raubtiere. Dabei gehen Sie so weit zu behaupten, das „Hauptproblem des Schutzes der großen Beutegreifer in Österreich“ sei die „illegale Abknallerei der Wölfe wie auch der Bären, Luchse und Greifvögel…“

Wirklich?

Schon am nächsten Tag erfahren wir aus der Tiroler Tageszeitung, dass ein Wolf auf der Oberhofer Alm (im Oberinntal, Raum Telfs) 31 Schafe gerissen habe. Die Bauern hätten sich darauf hin gezwungen gesehen, die Tiere von der Alm zu holen.

Das sagt sich so leicht. Aber hat man eigentlich je bedacht, was das konkret bedeutet? Die Schafe müssen im Stall gehalten werden, sie müssen gefüttert werden, und das zu einer Jahreszeit, da solches absolut nicht vorgesehen ist. Kann man sich diesen Arbeitsaufwand vorstellen? Und was das kostet? Um von den 31 getöteten Tieren erst gar nicht zu reden.

Wie ich sehe, sind auch Sie geneigt, den Schafhaltern die Verantwortung aufzubürden: Es gehe längst nicht mehr um Zäune auf den Almen, mahnen Sie, sondern um „klassische Behirtung und Herdenführung.“ Auch auf den Almen werde man um „fachgerechten Herdenschutz“ nicht herumkommen.

Aber was, bitte schön, soll das sein: Klassische Behirtung und Herdenführung? Fachgerechter Herdenschutz? Wie funktioniert das, wie wirksam wäre so was? Und noch einmal: Wieviel zusätzlichen Arbeitsaufwand verlangt das? Wieviel Geld?

Wozu?

Als Nutzen der großen Raubtiere geben Sie lediglich an, Wölfe seien durch „Kontrolle von Fuchs, Goldschakal oder Fischotter“ die „Hüter einer diversen Fauna“.

Was indes gleich mehrere Fragen aufwirft. Waren Fuchs, Goldschakal oder Fischotter vor Ankunft der Wölfe etwa außer Kontrolle?

Und vor allem: Was ist, bitte schön, eine diverse Fauna? Gehören Wolf, Bär & Co. da unbedingt dazu, oder sind sie bloß Draufgabe, Verzierung? An welchen Grad der Diversität denken Sie? An jenen vor 200 Jahren? 300? 500? Und wenn Diversität sein muss, warum nicht auch Wildschwein und Wisent hier bei uns in den (nicht mehr vorhandenen) Innauen? Oder wie wär’s der Vollständigkeit halber vielleicht mit Ratten samt zugehörigen Flöhen, die auf den Menschen überspringen – na ja, Sie wissen schon.

Doch selbst damit ist unsere grundlegende Frage nicht beantwortet:

Wozu?

Wozu soll der Schafhalter oder die Schafhalterin hier bei uns so viel mehr arbeiten, so viel Geld ausgeben, nur damit’s Wölfe und den vereinzelten Bären geben darf? Und selbst wenn ihm oder ihr die Kosten erstattet werden, großzügig womöglich – wozu soll ich, als Steuerzahler, dafür aufkommen? Nur damit Wildtier-Biologen sich an ihren Raubtieren ergötzen können?

Tut mir leid, aber das ist einfach nicht einzusehen. Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich sind unserem Handlungsspielraum durch EU-Gesetze enge Grenzen gesetzt. Aber soweit mir bekannt, dürfen geltende Gesetze durchaus kritisiert werden. Man darf sogar auf ihre Veränderung oder Abschaffung hinarbeiten. Immerhin kam genau so unser so genannter Fortschritt zustande.

Aber gut – Abschießen wird nicht so einfach gehen. Wie wär’s jedoch mit folgender Vorgangsweise, Herr Kotrschal: Für jedes große Raubtier, das hier bei uns auftaucht und das Schäden, Folgekosten, Arbeitsaufwand verursacht – für jedes Raubtier also finden sich Sponsoren, die sich verpflichten, für alle diese Kosten aufzukommen, und zwar umfassend und total. Ist das sichergestellt, darf das Tier bleiben. Wenn nicht –

Mit freundlichen Grüßen
H. W. Valerian

Kurt Kotrschal, „Wider die verkürzte Jägersicht“, derStandard (29. Juni 2021).

„31 tote Schafe in Oberhofen, Bauern holen Tiere von der Alm“, Tiroler Tageszeitung (30.06.2021).

 

Kleine Bonmots zur Tagesschau

Ein paar „kleine Bonmots zur Tagesschau“, wie sich ein Schulkollege seinerzeit auszudrücken pflegte.

Schlagzeile in der Tiroler Tageszeitung:

„Neunjähriger Scooter-Fahrer nach Kollision in Zirl mit Pkw verletzt“

Da scheint ein neunjähriger Scooter-Fahrer in Zirl mit irgendetwas kollidiert zu sein und wurde dann mit einem Pkw verletzt. Ziemlich grausam und brutal, finde ich, und ganz sicher eine Straftat. Aber davon steht im Artikel nichts.

Wie ich des weiteren sehe, ist nach dem Spiel unserer Fußball-Nationalmannschaft gegen Mazedonien im Rahmen der Europameisterschaft allseits von einem „historischen Sieg“ die Rede. Ich weiß gar nicht, wie viele solcher Schlagzeilen ich schon gelesen habe.

Ich frag’ mich, was da „historisch“ sein könnte. Hat Österreich noch nie ein Spiel bei einer internationalen Meisterschaft gewonnen? Das dürfte wohl auszuschließen sein. Ist der Sieg so bedeutend, dass er in die Geschichte eingehen wird? So wie zum Beispiel der „i wer’ narrisch“-Sieg in Cordoba? Schwer zu glauben. Ist Nord-Mazedonien ein überlegener Gegner, gegen den wir normalerweise verlieren? Das ist unmöglich, weil’s den Staat noch nicht so lange gibt, infolgedessen auch seine Nationalmannschaft nicht.

Was also dann?

Das Stichwort Cordoba erinnert mich an Hans Krankl, und der erinnert mich an den berühmten Sager: „Wir müssen gewinnen. Alles andere ist primär.“

Das wird immer hämisch angeführt, als Beweis, wie ignorant der Mann doch sei. Aber da erlaube ich mir, Protest einzulegen, obwohl ich sonst nicht das Geringste übrig habe für Fußballer, Profisportler oder, ums zu gestehen, für Sportler im Allgemeinen. Sport, so pflege ich zu sagen, ist die Rache des Neandertalers am Homo sapiens.

Aber in diesem Falle: Hat Krankl da nicht eine profunde Weisheit ausgesprochen? Wandelt er da nicht auf den Spuren unseres Nationaldichters und Nationalphilosophen Johann Nepomuk Nestroy?

„Unwichtiges zuerst“, soll Friedrich Torberg einmal gesagt haben. Der war übrigens nicht nur Schriftsteller, sondern in seiner Jugend ebenfalls Sportler, Spitzensportler sogar. Später sollte er bekennen, dass ihn seine Erfolge beim Wasserball mit größerem Stolz erfüllten als jene auf literarischem Parkett.

„Alles andere ist primär.“

Das könnte tatsächlich von Nestroy stammen! Was nicht nur Hans Krankl ein gerüttelt Maß an Volkswitz attestieren würde, sondern auch beweisen, wie tief Nestroys Denkweise bei uns in Österreich verwurzelt ist.

Und wenn ich so weit gekommen bin mit meinen Überlegungen, dann fällt mir unweigerlich Toni Polster ein, der einmal auf die Frage, ob er sich als Fußball-Legende fühle, antwortete:

„Lieber eine Legende als ein Denkmal. Weil da scheißen die Tauben drauf.“

Während seiner Zeit in Deutschland war er einmal in langwierige Transfer-Verhandlungen verstrickt. Fragen Sie mich ja nicht, von welchem Verein zu welchem. Jedenfalls fragte ihn ein deutscher Reporter wahrscheinlich zum hundertsten Male nach dem Stand selbiger Verhandlungen.

Toni Polster antwortete, der Fragen ganz offensichtlich müde: „Es spießt sich derzeit daran, dass die andere Seite zu viel bezahlen will.“

Der Reporter stutzte, kurze Pause, dann: „Det is’n Scherz, wa?“

„Kleiner Vifzack!“

Neunjähriger Scooter-Fahrer nach Kollision in Zirl mit Pkw verletzt

Ein Leben ohne Theater

„Wie können wir ohne Theater überhaupt leben?“, stellt Doron Rabinovici die angebliche Gretchenfrage im Standard und bittet Leser – pardon: User – um ihre Beiträge. Meine Reaktion möge auf diesem Wege erfolgen und gnädig zur Kenntnis genommen werden.

Tatsächlich kann ich mir ein Leben ohne Theater durchaus vorstellen; aber vorstellen kann man sich bekanntlich sehr viel. So ein Leben wäre allerdings ziemlich schmerzhaft. Mein literarisches Dasein war von Anfang an eng verwoben mit Theaterbesuchen. Die dürften sogar noch vor dem Lesen, vor der fiction gekommen sein. Eine Aufführung, an die ich mich erinnern kann, fand im – damals eben erst wieder eröffneten – Tiroler Landestheater statt: Beckett oder die Ehre Gottes von Jean Anouilh. Ich war ganz weg. Etwas später diente ich in Zwölfaxing bei Schwechat einen Teil meines Präsenzdienstes ab. Wiener Bekannte nahmen mich am Wochenende mit ins Theater – Komödien meistens, in der Josefstadt, den Kammerspielen oder ähnlichen Etablissements. Das begründete meine Liebe, und die hat lebenslang angehalten. Zur Zeit strahlt der ORF solche Aufzeichnungen wieder aus, und dafür sei ihm ehrlich und herzlich gedankt. Über die so unterschätzte Kunst der Komödie, des Lustspiels wird vielleicht ein andermal Gelegenheit sein zu reden.

Aber natürlich geht’s nicht nur um Komödien. Ich bin schließlich durch die germanistische Mangel gedreht worden. Auch in dieser Sphäre hat’s zutiefst bewegende Erlebnisse gegeben (und dabei red’ ich gar nicht von England, von London oder von Stratford). Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Nora in der Josefstadt, ebenso an eine Glasmenagerie, vor allem aber an Der Schwierige von Hugo von Hofmannsthal mit Helmuth Lohner in der Titelrolle. Da knisterte die Spannung im Zuschauerraum, und das nicht etwa wegen einer sensationellen Inszenierung, sondern ausschließlich wegen des Textes, des gesprochenen Wortes, das aber mit exquisiter Schauspielkunst.

Ein denkwürdiges Ereignis.

Leider scheinen die in immer weitere Entfernung zu rücken. Wenn man heute ins Theater gehen will, dann mag das Programm wohl interessante Stücke versprechen, man wird aber gut beraten sein, Kritiken zu studieren, und zwar sehr genau, zwischen den Zeilen lesend, denn offen wird’s ja nie ausgesprochen, wenn eine Inszenierung Mist ist. Und letzteres kommt immer häufiger vor. Dafür garantiert das Regietheater. Es besteht darin, dass irgendein Nebochant ohne die geringste schreiberische Begabung glaubt, jedem beliebigen Stück seine Duftmarke aufdrücken zu müssen. Was dabei herauskommt. ist immer dasselbe: Zerstückelte Handlung, Deklamationen im Schreiton, unmotiviertes Herumgetrample auf der Bühne. Jedes, aber auch gar jedes Drama kann so zerstört werden – und es wird. Schau’n Sie sich bloß um, geht ja zur Zeit dank live stream: Schillers Kabale und Liebe am Tiroler Landestheater zum Beispiel; eine preisgekrönte Maria Stuart von einer Berliner Bühne; oder der Lumpazivagabundus in der Josefstadt. Letztere Inszenierung kommt einer mutwilligen Sachbeschädigung gleich, angesichts welcher man sich anfängt die Frage zu stellen, ob man dagegen nicht doch rechtlich vorgehen sollte.

Für mich bedeutet das die resignierende Einsicht, dass meine Theaterzeiten wohl vorbei sein dürften. Zu alt. Wenn ich je wieder ins Theater komm’, hier oder in Wien, werde ich mir die Aufführungen sehr sorgfältig aussuchen müssen. Wenn freilich selbst die Josefstadt glaubt, auf den kruden Karren des Schmieren… äh, pardon, des Regietheaters aufspringen zu müssen, dann wird die Wahl ziemlich beschränkt. Also bleibt in Zukunft bloß die Hoffnung auf alte ORF-Aufzeichnungen.

Wie immer kann ich nicht glauben, ich sei außerordentlich. Ganz im Gegenteil. Deshalb nehme ich an, dass viele, viele andere genau so denken. Ein Leben ohne Theater? Die Entscheidung liegt nicht bei uns. Die nimmt uns das zeitgenössische Theater selbst ab.

Links:

"Ein Leben ohne Theater?", derStandard (27. Mai 2021).
"Wie wichtig ist uns Theater?", derStandard (5. Mai 2021).

Corrigendum

Die unter den Verdacht der mutwilligen Sachbeschädigung gestellte Inszenierung von Lumpazivagabundus stammt nicht, wie fälschlich behauptet, aus der Josefstadt, sondern vom Landestheater Linz. Ich bedaure den Irrtum und entschuldige mich in aller Form bei den Josefstädtern!

Da saß ich auf meinem Bankl

Da saß ich im Sonnenschein auf meinem Bankl, neben dem Spazierweg am Rande unseres Wohnortes. Eine junge Frau kam sportlichen Schrittes des Wegs.

„Hallo“, grüßte ich sie, wie’s halt so üblich ist.

Sie blieb stehen. Groß, schlank, kurzes meliertes Haar, schmales Gesicht.

„Jetzt wär’ ich fast nicht weiter gekommen“, sagte sie. Sie sprach mit leiser, sanfter Stimme.

„Warum denn?“

„Da ist abgesperrt. Ich musste drüber klettern.“

„Ach ja, stimmt! Das ist die Quarantäne.“

Sie sah mich verwundert an.

Hatte sie nichts gehört davon? Es stand doch in der Zeitung, war im Radio verlautbart worden, im Lokalfernsehen. Oder wusste sie nicht, was eine Quarantäne ist?

„Ja,“ beteuerte ich. „Es kann jeder rein, aber wer das Dorf verlässt, braucht einen negativen Corona-Test.“

„Ich auch? Ich geh ja nur spazieren.“

„Wie’s scheint, Sie auch.“

„Ich hab’s nicht so mit dem Testen.“

„Aber das ist doch ganz einfach!“

Und das stimmte, keine Schönfärberei. Seit Neuestem gab’s einen Container auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt, da brauchte man sich nicht einmal anzumelden, und selbst wenn viele Leute dort waren, ging’s schnell. Schnell und problemlos.

„Ich mag’s nicht, wenn man da an mir herum tut.“

„Aber um Sie geht’s doch gar nicht.“

Sie sah mich zweifelnd an.

„Es geht um die anderen. Um die Ansteckung. Nicht ihre – von denen. Sie selbst können krank werden, so viel Sie wollen.“

Sie erwiderte nichts. Schaute mich ein paar Augenblicke stumm an, dann wandte sie sich grußlos ab, ging weiter. –

Was mich an eine weitere Begebenheit erinnert, ebenfalls erst kürzlich. Da bekam ich übers Web wieder einmal die triumphierende Meldung einer Bekannten: Eine Karte Österreichs, auf der in verschiedenen Farben angezeigt wurde, wie viel Prozent im jeweiligen Bundesland eben nicht mit dem Corona-Virus infiziert seien. In Tirol waren’s angeblich 99,82. Die Betonung liegt auf angeblich. (Wenn man nachrechnet, stimmen diese Zahlen ja nie.) Normalerweise enthalte ich mich in solchen Fällen einer Antwort. Nicht, weil ich’s besser wüsste, ganz im Gegenteil, sondern weil ich mich nicht in sinnlose Debatten verstricken lasse. Dieses Mal rutschte mir aber doch eine Replik heraus.

„Komisch“, schrieb ich, „dass ich so viele aus dem winzig kleinen Rest kenne!“

Und auch das stimmte. Bekannte, Verwandte, ehemalige Kollegen. Schwager samt Familie. Die waren sogar bei uns zu Besuch gewesen, die Symptome zeigten sich erst danach, glücklicherweise nichts passiert. Ein ehemaliger Kollege, genau so alt wie ich, samt Frau. Die hat’s etwas ärger erwischt, wie sie uns erzählten, als wir ihnen später auf einem Spaziergang begegneten. Er kam noch immer ziemlich wackelig daher. Und dabei habe ich noch gar nicht vom medizinischen Teil unserer Familie geredet. Ein Verwandter klaubte den Virus in einem Krankenhaus in Linz auf, er arbeitet dort als Assistent in der Radiologie. In diesem Falle musste er allerdings auf der Corona-Station aushelfen. Ihn hat’s recht arg erwischt, hoffentlich ohne Spätfolgen.

Ein anderer ist Arzt, er durchläuft an einem Bezirkskrankenhaus in Tirol das, was man früher den Turnus genannt hat. Da hatte er ebenfalls auf der Corona-Station Dienst zu tun. Einmal rief er mich am Abend an, als er nach einer langen Schicht nach Hause kam.

„Mensch“, stöhnte er hörbar erschöpft. „24 Stunden. Und immer der Schutzanzug.“

Zufällig wusste ich aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt. Wie einem der Schweiß in der Arschfalte zusammenrinnt, ganz wortwörtlich.

„Was manche Leut’ mitmachen!“, sagte er verzweifelt. „Tieren gibt man da wenigstens den Gnadenschuss, oder?“

Na endlich

Das Coronavirus ist der Versuch der Waschbären, uns alle umzuwandeln! Ein Anagramm von Corona ist Racoon, und was machen Waschbären? Sie waschen sich die Hände und tragen Masken.
Wacht endlich auf!

Lala
(Twitterperlen)

Intellektuelle

Es nahe das „Ende der Intellektuellen“, prophezeite Peter Kurer vor kurzem hier im schoepfblog (22. April 2021). Was nun folgt, das soll allerdings keine Auseinandersetzung mit der These oder ihrem Autor werden. Es war nur so, dass diese Schlagzeile genügte, um eine ganze Flut von Gedanken, von Erinnerungen in meinem Kopf auszulösen. Mit dem Phänomen der Intellektuellen hab’ ich mich nämlich schon seit langer, langer Zeit herumgeschlagen. Das begann in den frühen siebziger Jahren, als ich mein spärlich vorhandenes Geld zusammenkratzte und die vier Bände von Orwells Collected Essays, Journalism and Letters kaufte, in der Penguin-Taschenbuchausgabe, versteht sich. Der Grund war mein intellektuelles Ringen mit der leninistisch-maoistischen Ideologie, mit welcher uns großmäulige Studentenführer damals bombardierten. Und George Orwell befasste sich eingehend mit den Intellektuellen. „Mr. Orwell is intellectual-hun­ting again“, beklagte sich ein Zeitgenosse.

Die geistige Auseinandersetzung führte zu bohrenden Zweifeln und dementsprechenden Nachforschungen, kurz zu einem privaten, selbst verordneten Studiengang. Der zog sich über Jahre hin. Schließlich führte er zu einem – ja, zu einem richtigen Buch, erschienen 1997 unter dem Titel Der kritische Imperativ. Gedacht war es als Beitrag zur „Psychologie von Intellektuellen“. Ich sag’ das nicht, weil dieses Buch so toll wäre; heut’ bin ich eher nicht stolz darauf. Es soll bloß zeigen, wie intensiv ich mich mit dem Thema beschäftigt habe.

Ich hab’ damals darauf verzichtet, mich an einer Definition zu versuchen. Der Grund war, dass ich keine Anhaltspunkte finden konnte. Was ich antraf, das fiel so offensichtlich schmeichlerisch-sykophantisch aus, dass es manchmal schon ans Lachhafte grenzte. Was soll man zum Beispiel davon halten, wenn die Intellektuellen als die „klagende Klasse“ bezeichnet werden, weil sie „chronisch unzufrieden“ seien und am Zustand der Welt litten. Wer so was sagt – denkt der überhaupt nicht an das, was im 20. Jahrhundert geschehen ist? All die Verbrechen, welche Intellektuelle in seinem Verlaufe begangen haben, nicht körperlich vielleicht, aber doch gegen den Intellekt, gegen Wahrheit und Aufrichtigkeit?

 Der einzige Definitionsversuch, den ich hätte verwenden wollen, war jener von Richard Löwenthal: „Als Intellektuelle bezeichnen sich diejenigen, die sich bemühen, dem Leben und der gesellschaftlichen Entwicklung als Ganzem eine Deutung zu geben – sei es durch wissenschaftliche Analyse, wertenden Kommentar oder künstlerischen Ausdruck – und insbesondere die Gesellschaft an ihren eigenen Werten zu messen.“ Deshalb sei der Anspruch des Intellektuellen „seiner Natur nach ein kritischer“. Letztlich entschied ich mich, das Zitat nicht in mein Buch aufzunehmen, vor allem deshalb, weil ich den „kritischen Anspruch“ bestritt. Die Intellektuellen, die ich zu jener Zeit beobachten konnte, die waren in ihrer überwiegenden Mehrheit – zirka 95 Prozent – eben nicht kritisch, sondern genau das Gegenteil. Der Hauptgrund für die Auslassung fand sich jedoch in der hochgescheiten Literatur zum Thema. Dort wurde der Begriff des Intellektuellen zwar dauernd verwendet, aber nie definiert. Jeder Autor schien ganz genau zu wissen, was er selbst im Sinne hatte, und setzte dies bei seinen Lesern und Leserinnen selbstverständlich voraus. Wieso sollte ich, ein kleiner Privat-Schreiberling, da das Unmögliche versuchen?

Trotzdem hat mich das Problem in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht losgelassen, selbst wenn ich nicht mehr darüber schrieb. Eine tragbare Definition hab’ ich bis heute nicht gefunden, sehr wohl aber glaube ich, einigermaßen verständlich beschreiben zu können, was ich mir unter diesem sagenhaften Geschöpf, dem Intellektuellen, vorstelle. Der Leser oder die Leserin mag zustimmen oder widersprechen, beides womöglich teilweise, herzlich willkommen, vielleicht denken die beiden sogar über ihre eigene Vorstellung nach – aber eine allgemein gültige Definition hab’ ich nicht im Sinn. Das habe ich längst aufgegeben.

Vorauszuschicken wäre, dass Intellektuelle für mich stets in der zweiten oder dritten Reihe stehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst nichts Neues schaffen. Tun sie das, etwa indem sie neue philosophische Deutungen in die Welt setzen, oder einen Roman, ein Theaterstück, ein Kunstwerk – tun sie das, so handelt es sich um Philosophen, Schriftsteller, Künstler, aber nicht um Intellektuelle. Die denken prinzipiell nur das nach, was andere vorgedacht haben, sie predigen eine vorgegebene Lehre.

Insofern hat Julien Benda den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er in seinem berühmten Werk Der Verrat der Intellektuellen in seiner Muttersprache von clercs sprach (La trahison des clercs). Ich bin keineswegs bewandert im Französischen, aber aus dem Englischen weiß ich, dass das Wort clerk einerseits einen Büroangestellten bezeichnet – früher mochte man gesagt haben: Schreiber –, andererseits aber mit clergy verwandt ist, der Geistlichkeit. Der Intellektuelle wird also quasi als Pfarrer betrachtet, einer jener unzähligen kleinen Kleriker, die landauf landab und durch die Jahrhunderte mit ihren Predigten die Lehre der jeweiligen Kirche unters Volk brachten. Eben dies, so scheint mir, ist eigentlich die Funktion der Intellektuellen in unserer Gesellschaft: Sie dienen als Prediger, als Verkünder einer Lehre, die von oben herab kommt und dem unwissenden Volk vermittelt werden muss. In der Regel wird die Lehre konter-intuitiv sein, andernfalls würde sie das Volk ja von selbst begreifen. Man denkt sofort an das Evangelium nach Karl Marx – oder aber an die ansonsten nicht nachvollziehbaren Segnungen des wirtschaftlichen Liberalismus. Da dienen Friedrich Hayek, Milton Friedmann und Ayn Rand als halbgöttliche Religionsstifter.

Sieht man die Sache einmal so, dann kann ein Intellektueller, ein clerc, gar nicht kritisch sein. Er ist im Gegenteil gläubig, oftmals überraschend naiv noch dazu. Mehr noch: Die Intellektuellen werden stets so einen Gott brauchen, eine Bibel, mit welcher sie wacheln können, wenn sie vor das Volk hintreten. Wenn der eine Gott versagt, dann suchen sie sich einen anderen. Diesen Vorgang hatte ich inzwischen das Privileg mit eigenen Augen zu beobachten, nach der Wende von 1990.

Die Intellektuellen wären demzufolge die gläubige Klasse, die predigende Klasse, die nachbetende Klasse. Wenn Sie sich ein bisschen umsehen im 20. Jahrhundert, aber auch im jetzigen, dann werden Sie entdecken, wie treffend diese Beschreibung ist.

Es sei denn, es sei denn – wen ich in meinen Versuchen, das Phänomen der Intellektuellen zu beschreiben, immer vergesse, das sind die Nonkonformisten, die Dissidenten. Auch solche hat’s unter den clercs gegeben, und in modernen Zeiten gab’s und  gibt’s die genau so. Sie sind es, die selbst in finsteren Zeiten das Licht der Vernunft, der Wahrheitssuche leuchten lassen. Die Frage ist nur: Wie hoch ist ihr Anteil?

Julien Benda, Der Verrat der Intellektuellen (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1988). Erstmals erschienen als La trahison des clercs, 1927.

Wolf Lepenies, Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa (Frankfurt/Main: Campus Verlag, 1992). Die zitierten Stellen finden sich auf S. 14.

Richard Löwenthal, Gesellschaftswandel und Kulturkrise: Zukunftsprobleme der westlichen Demokratie (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1979). Die erwähnte Definition auf S. 21.

Emma Peel im Karzer

Letzten September ist Diana Rigg verstorben, im Alter von 82 Jahren. Dame Diana Rigg, müsste es eigentlich heißen, DBE: Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire. Sie war eine großartige Schauspielerin in zahllosen Bühnen- und Filmrollen, nicht zuletzt als Shakespeare-Darstellerin. Leider hab’ ich sie nie auf der Bühne gesehen, im Unterschied zu Freunden, die sehr wohl das beneidenswerte Privileg genossen, ich glaube bei einer Freilichtaufführung im Regent’s Park.

Nein. Warum ich mit quasi freundschaftlicher Wehmut an Diana Rigg denke, das ist wegen ihrer Darstellung der Emma Peel in der Fernsehserie The Avengers, bei uns bekannt als Schirm, Charme und Melone. Verkürzt hieß das bei uns bloß Schirm Charme, im Laufe der Zeit verballhornt zu Schrimm Schramm. Das änderte freilich nichts an der Bedeutung dieser Serie für uns Teenager. Diana Rigg wirkte von 1965 bis 1968 mit, immer an der Seite von Patrick Macnee, der den Erz-Gentleman John Steed verkörperte.

Wir durchlebten die sechziger Jahre. Es dürfte heute nur sehr schwer zu beschreiben sein, was die bedeuteten. Ich war damals im delikaten Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Als mir ein Klassenkollege zum ersten Mal eine Schallplatte lieh, eine 45er, wie’s damals hieß, weil sie mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen war – als ich also diese Schallplatte daheim auflegte, in der Musiktruhe meiner Eltern, und als ich Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hörte, da trat ich in eine neue Welt ein: eine bunte Welt voll aufregender Klänge, eine moderne Welt, eine jugendliche Welt. Kurz darauf hörte ich „Paint it black“ von den Rolling Stones. Ich verfiel dieser Musik und bin ihr bis heute verfallen geblieben.

Und diese neue Welt, diese Modernität – zu der gehörten eben auch Emma Peel und John Steed. Emma Peel trug immer die neuesten Klamotten, nicht zuletzt atemberaubend kurze Kleider. Außer es ging dem Höhepunkt der jeweiligen Folge zu: Dann hatte sie ebenso sensationelle Hosenanzüge an, auch sie damals aufregend neu. „Nahkampfanzug“, pflegten wir zu sagen. Denn dann kam Emmas Karate zum Einsatz.

Wenn man sich die Folgen heute ansieht, dann staunt man einerseits, wie kostensparend sie gemacht wurden, besonders die ersten Staffeln. Schwarz-weiß, versteht sich, aber was anderes gab’s ohnehin nicht in unseren Fernsehern. Andererseits waren die Episoden ungeheuer spannend. Besonders natürlich, wenn Emma Peel in Bedrängnis geriet. Trotzdem gingen sie immer gut aus – klar, sonst hätt’s ja keine Fortsetzung gegeben –, außerdem waren sie insgesamt nicht ganz ernst gemeint. Da traten exzentrische englische Typen auf, die irgendein verschrobenes Hobby bis zum Exzess, bis zur angestrebten Weltherrschaft verfolgten. Genau dieser Humor sprach uns an: cool!

Als Teenager im Stadium des hormonellen Irreseins lasen wir das Bravo. Eigentlich muss es heißen: wir lasen nur das Bravo. Ob das heute noch ein Begriff ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir brauchten es für die Nachrichten aus der Londoner Musikszene. Alles andere interessierte uns höchstens am Rande. Nun brachte dieses Bravo aber eine riesige Emma Peel zum Ausschneiden, verteilt auf mehrere Folgen. Zufällig bin ich im Web jüngst wieder darauf gestoßen (und um ehrlich zu sein, bildete eben dies den Anstoß für meine Erinnerungen).

Wir sammelten die Teile, setzten sie zusammen und klebten die übermannsgroße Figur an die ansonsten leere Rückwand unseres Klassenzimmers.

Die Reaktionen der werten Lehrkräfte fielen unterschiedlich aus.

„Da brauch ich keine Brillen mehr“, sagte der Physik- und Mathematiklehrer anerkennend. Trotzdem ließ er uns das Bild wieder abnehmen. Er hatte Angst vor den Vorgesetzten.

Ähnlich reagierte die Philosophie- und Psychologieprofessorin. Sie trug selbst den Vornamen Emma. Auch sie bat uns, bei aller Sympathie, das Bild abzunehmen. Andere Herrschaften reagierten nicht so gelassen, manche fassten Emma Peel als Provokation auf. Und da kam es zu Wortwechseln, bei denen ich mich – mehr als fünfzig Jahre später sei’s gestanden – unrühmlich hervortat. Das führte in weiterer Folge zu einer Disziplinarkonferenz, ich bekam einen Karzer aufgebrummt. Der war allerdings nicht in einem Verließ im Keller abzusitzen, sondern bloß wie eine längere Schulhaft (die’s damals sehr wohl noch gab). Wie lange, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Emma Peel war zwar nicht der direkte Grund, aber doch immerhin der indirekte. Man wird verstehen, dass mich mit ihr, mit ihrer Darstellerin Diana Rigg seit damals so eine Art Spezialverhältnis verband – ganz einseitig, versteht sich, und aus weiter Ferne.

Quizfrage an Alters- und Gesinnungsgenossen: Welches Auto fuhr Emma Peel?

Abbildung: http://www.lagarden.de/starschnitt/1967/1967.html

Glauben

Es ist schon einige Zeit her, da ging’s mir gar nicht gut, und so fand ich mich in der Ordination eines Facharztes wieder. Der stellte mir zu Beginn der Untersuchung eine Menge Fragen, wie das so üblich ist.

„Ich glaub’ schon“, antwortete ich auf eine davon.

„Glauben tut man in der Kirche“, schnappte er zurück.

Na ja.

Bloß wiederholte sich das einige Male, und da riss mir in meinem angeschlagenen Zustand denn doch die Geduld.

„Hören S’ auf“, fuhr ich ihn ungewöhnlich heftig an, „vom Glauben versteh’ ich mehr wie Sie.“

Was ihn trotz seines forschen Auftretens stutzen ließ; mein Tonfall vermutlich mehr als meine Worte.

Aber es stimmte schon: Übers Glauben hatte ich sicher mehr nachgedacht als er. Als Autor eines einschlägigen Buches (Nicht zu glauben, 2006) wird man hierzulande ja dauernd in Diskussionen verstrickt. Und da kommt ein Argument so sicher wie’s Amen im Gebet:

„Sie glauben doch auch. Alle glauben wir.“

Gemeint ist damit der Glaube an die Wissenschaft. Wenn die Physik sagt, Materie bestehe aus Molekülen und die wieder aus sausenden Atomen, dann müssen wir das glauben. Wissen tun’s die wenigsten unter uns.

Und gemeint ist damit weiters: Wenn wir an sausende Atome glauben, dann können wir genau so gut an die Dreifaltigkeit glauben, an die Transsubstantiation, oder an den Papst und die Bischöfe und die Unauflöslichkeit der Ehe, kurz: an die ganze katholische Theologie.

Letzteres ist natürlich eine intellektuelle Abkürzung, ein Kurz-Schluss, das ist leicht zu sehen. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Glauben an sich. Übersehen wird da – geflissentlich? –, dass wir das Wort glauben in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Ich hab’ bisher mindestens vier ausgemacht.

Erstens der Glaube im religiösen Sinne: Der verlangt von uns, auch noch das Unwahrscheinlichste zu glauben, selbst wenn’s nicht die geringste Evidenz gibt. Man spricht vom sacrificium intellectus.

Dann gibt’s zweitens den Glauben, den wir der Naturwissenschaft entgegenbringen, der Technik und der Medizin. In diesem Falle ist der Glaube jedoch gut abgesichert durch Erfahrungswerte. Wir haben gelernt, dass die Voraussagen in solchen Disziplinen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eintreffen. Unser tägliches Leben baut darauf auf: Wir leben im dritten Stock eines Wohnhauses, welches normalerweise nicht zusammenbricht; wir fahren mit dem Bus; wir überqueren in selbigem eine Brücke – und so weiter, und so fort. In all diesen Fällen steht der Glaube keineswegs im Widerspruch zur Vernunft, ganz im Gegenteil: Es wäre ausgesprochen unvernünftig, nicht zu glauben!

Im Alltag bestätigt sich das auf eine weitere Weise: Denn unser Zusammenleben beruht ebenfalls auf sehr viel Glauben. Wenn ich jemanden anrufe und ein Treffen um drei Uhr nachmittags im Café Katzung ausmache (natürlich vor oder nach Corona), dann glauben wir einander. Warum? Ganz einfach: aufgrund unserer Erfahrung, nicht nur miteinander, sondern mit so vielen anderen Menschen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

Wie vernünftig dieser Glaube ist, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Irgendwo im Hinterkopf, ganz klein und ganz versteckt, kalkulieren wir trotz allem die Möglichkeit ein, dass etwas schief gehen könnte, ja sogar – im Falle eines bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Menschen – die Möglichkeit einer Unehrlichkeit. Die mag uns vielleicht überraschen, aber erschüttern wird sie uns nicht. Und warum? Aufgrund der Erfahrung.

Aktuell handelt es sich um eben diese Art des Glaubens, wenn wir uns mit Konträren streiten: welchen Quellen, welchen Autoritäten wir glauben sollen, und welchen nicht.

Um die Aufzählung zu vervollständigen, seien zwei weitere Bedeutungen des Wortes glauben angeführt: Nämlich drittens als Vermutung – „Ich glaub’, ich hab’ mir einen Schnupfen geholt.“ In diesem Sinne hab’ ich das Wort bei unserem Herrn Doktor verwendet. Viertens gibt es noch den Glauben an Werte. Ich glaub’ zum Beispiel, dass Menschen einander helfen oder sich zumindest das Leben nicht schwerer machen sollen, als es ohnehin schon ist. Das ist keinesfalls selbstverständlich: siehe unsere Wirtschaftsliberalen. Begründen kann ich meinen Glauben letztlich nicht – es gibt keinen Beweis, höchstens Indizien.

Inzwischen waren die Untersuchungen an ihr Ende gekommen.

„So“, sagte der Herr Doktor, „jetzt schicken wir Sie noch zum CT, dann sehen wir weiter.“

„Glauben S’?“, lag es mir auf der Zunge zu fragen.

Aber das hab’ ich mir dann doch verbissen.

 

Rituale

Vor langer, langer Zeit machte ich mich einmal in einer Glosse über den außer Rand und Band geratenen Weihnachtsrummel lustig. Angesichts all der Dekoration, all der Leuchten und Girlanden, so schrieb ich, komme mir unweigerlich der gute alte Travnicek in den Sinn, der sich bei solcher Lichterpracht nur eines wünschte:

„An Kurzschluss.“

Inzwischen hat sich der Wahnsinn noch gesteigert, indem an jedem Haus – na ja, an fast jedem Haus – schon LED-Lichterln blinken, womöglich gar Rentiere in die Gegend glotzen. Der Aufwand verhält sich umgekehrt proportional zur Ehrlichkeit der Gefühle.

Heuer kriegen wir vom Weihnachtsrummel nicht gar so viel mit – meine Wenigkeit praktisch überhaupt nichts –, manche sind froh, Weihnachten überhaupt noch erlebt zu haben, und der Wunsch „ein gesundes Neues Jahr“ hat sinistre Bedeutung gewonnen. Da bleibt einem der Spott im Halse stecken.

Von „neu besinnen“ möchte ich schon gar nicht reden. Das ist auch so eine Floskel. Aber vielleicht erinnern wir uns an etwas anderes: ans Ritual. Das haben wir als Kinder doch so geliebt an dem Fest: die knisternde Spannung, wenn das Wohnzimmer verschlossen war, weil dort das Christkind werkte. Am Vierundzwanzigsten wurden wir nachmittags zur Großmutter expediert, um daheim nicht im Weg zu sein, und auch dies gehörte zum Weihnachtsritual. Später zum Friedhof; wir besuchten das Grab des Großvaters. Ich erinnere mich an einen solchen Besuch: Es hatte große Mengen geschneit, wir mussten knietief zum Grab waten; es war bereits finster, aber auf den Gräbern flackerten Kerzen und drunten, weit entfernt, funkelten die Lichter von Innsbruck (das spielte sich am Mühlauer Friedhof ab, einem Kleinod für sich).

Danach heim, warten bis… ja, bis das Glöckchen klingelte, und dann ging die Tür auf, der Christbaum in seiner vollen Pracht, die Krippe, die Geschenke. Aber auf die durften wir uns nicht stürzen, keineswegs! Zuerst wurde gesungen: Stille Nacht, Heilige Nacht. Wir sangen tatsächlich selbst, mehr schlecht als recht, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Es gehörte einfach dazu, und das Lied – nun, es hat seine ganz eigene Magie, die immer berührt, ganz egal, wie alt man ist oder wo man’s hört. Mein fröhlichstes Hörerlebnis fand am Greenmarket Square in Kapstadt statt, ich saß im kurzärmeligen Hemd vor einem Café im Freien und nippte an meinem Cola, da intonierte es ein Straßenmusikant auf seiner Trompete anlässlich des Ersten Adventsonntags.

Nach dem Singen kam die eigentliche Bescherung – auch wohlgesittet, unsere kleine Schwester suchte die Päckchen aus und verteilte sie, eines nach dem anderen und schön ausgewogen. Wir schauten beim Auspacken zu und freuten uns mit den Beschenkten.

Wenn die Bescherung vorbei war, gab’s das Essen. Geselchte Zunge mit Kartoffelpüree und grünen Erbsen, so wie immer. Und danach waren wir alle so satt, da verkroch sich jeder oder jede in ein Eck und begann zu lesen, denn Bücher machten die Mehrheit der Geschenke aus. Bis es Zeit wurde für die Mette.

Natürlich ging’s mit den Ritualen weiter, ganz ausgeprägt zu Silvester. Da spielten wir leidenschaftlich. Zu Dreikönig, dem letzten Tag der Ferien, wurde der Christbaum abgebrannt, wie wir sagten, das heißt wir saßen alle zusammen im Esszimmer und ließen die Kerzen herunterbrennen, bis die letzte verlöscht war (unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich). Am nächsten Tag wieder in die Schule, mit dem Bewusstsein, wunderschöne Ferien verbracht zu haben.

Und warum?

Wegen der Rituale. Ich glaube, wir haben ein bisschen vergessen, wie wichtig die sind, gerade für Familien. Nicht nur zu heiligen Zeiten, wie’s so schön heißt, sondern jeden Tag: Einmal im Tag kommt eine ordentliche Familie zusammen, beim Essen, meistens wird das heutzutage am späten Nachmittag sein, um Familienangelegenheiten zu besprechen, Neuigkeiten auszutauschen, Leute auszurichten („analysieren“, haben wir das genannt) – und um miteinander zu lachen. Bei uns fand das Abendessen um halb sieben statt, wer nicht anwesend sein konnte, musste das der Mutter rechtzeitig mitteilen. Das war eine eiserne Regel.

Na ja, und in diesem Sinne darf ich Ihnen gelungene Feiertage wünschen. Die bräuchten nicht viel Geld und keine blinkenden LED-Lichterln. Sie würden sogar dem Sarkasmus eines Travnicek widerstehen: Gott sei Dank, so wird ihm vorgehalten, gibt’s noch Leut’, die ans Christkind glauben.

„Ja“, brummt er, „die Geschäftsleut.“

Bronner / Qualtinger, „Travniceks Weihnachts-Einkäufe“

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.