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Paul Chaim Eisenberg, Das ABC vom Glück

Jüdische Weisheit für jede Lebenslage, verspricht der Untertitel des Buches von Paul Chaim Eisenberg, dem früheren, inzwischen pensionierten Oberrabbiner in Wien. Und jüdische Weisheit, das wird wahrscheinlich bloß so gehen: in Form von Anekdoten, von Aphorismen. Bei Eisenberg sind sie noch dazu alphabetisch angeordnet, von A wie „Ainleitung“ (damit selbige wirklich am Anfang stehen kann) bis Z wie 36 Zadikim (die berühmten 36 Gerechten, die’s in jeder Generation geben soll). Schlagen wir das Buch willkürlich auf, sagen wir beim Buchstaben P wie Purim-Fest. Das Kapitel wird – wie könnte es anders sein – mit einer Anekdote abgeschlossen:

Vor kurzem (berichtet Chaim Eisenberg) war ich kurz vor dem Purim-Fest in Israel und lernte dort einen Mann kennen, der mir erzählte, dass er sich vor dem Purim-Fest sehr fürchtet und nie in die Synagoge geht.

„Wieso?“, fragte ich ihn. „Purim ist doch ein lustiges Fest.“

Und er antwortete: „Ich wurde in einem der Kriege in Israel verwundet. Gott sei Dank sind meine physischen Schmerzen geheilt. Aber ich habe noch immer eine Heidenangst, wenn ich Schüsse oder Detonationen höre. Dann verstecke ich mich in meinem Zimmer und halte mir die Ohren zu.“

Das Purim-Fest, so klärt uns Eisenberg auf, sei vergleichbar mit unseren Silvesterfeiern; es würden Böller geworfen und Raketen geschossen.

Ein Buch der Anekdoten also und ja, auch der Witze. Ohne die geht’s nicht. Da wollte – zum Beispiel – ein sehr reicher Jude sein ganzes Vermögen seinem einzigen Sohn vererben. Der eröffnete ihm jedoch, dass er sich taufen lasse. Dem völlig verzweifelten Vater erschien eines Nachts Gott (ich zitiere weitgehend wörtlich):

„Das ist gut, dass du mir erscheinst“, sagte der Mann zum Ewigen, „denn ich habe große Probleme. Ich habe mein ganzes Vermögen meinem Sohn ins Testament geschrieben, aber jetzt will er sich auf einmal taufen lassen und Christ werden, und das ist für mich schwer auszuhalten.“

Darauf sagte ihm der liebe Gott: „Das verstehe ich gut, denn ich habe das gleiche Problem gehabt. Mein Sohn ist auch Christ geworden.“

„Was rätst du mir also zu tun?“

„Mach es so wie ich“, antwortete der Ewige, „schreib ein neues Testament.“

Eisenberg, Chaim, Das ABC vom Glück: Jüdische Weisheit für jede Lebenslage (Wien: Brandstätter, 2019).
Levitsky & Ziblatt, How Democracies Die

[for an English version see below]

2018 erschienen, also halbwegs während der Amtszeit von Donald Trump. Denn um den geht’s letztlich natürlich, auch wenn er nicht immer beim Namen genannt wird. Die Autoren haben sich schon längere Zeit damit beschäftigt, wie Demokratien zugrunde gehen können. Zwei Aspekte sollen hier herausgegriffen werden. Da ist zum einen der Mangel an dem, was die Autoren als „mutual tolerance and forbearance“ bezeichnen: Die gegenseitige Achtung der politischen Kontrahenten sowie Selbstbeschränkung in der Ausübung von Macht. Man darf, kurz gesagt, nicht alles tun, was man tun könnte. Voraussetzung dafür sind freilich Manieren, letztlich wohl eine gewisse Moral. Tatsächlich bestätigen Levitsky und Ziblatt, was wir schon lange vermutet haben: Wie wichtig Manieren für das Funktionieren einer Demokratie sind. Woraus folgt: Wer keine Manieren hat, ist kein Demokrat.

The book was published in 2018, halfway through Donald Trump’s term in the White House. Because that’s who it is all about, of course, even if he isn’t always mentioned by name. The authors have been researching for some time how democracies can collapse. Two aspects will be singled out here: First, there is a lack of what the authors call “mutual tolerance and forbearance”: mutual respect between political opponents and self-restraint in the exercise of power. In short, one may not do everything one could do. The prerequisite for this is, of course, manners, and ultimately a certain morality. In fact, Levitsky and Ziblatt confirm what we have long suspected: How important manners are for the working of a democracy. It follows that anyone who has no manners can’t really be a democrat.

Levitsky, Steven, and Daniel Ziblatt, How Democracies Die: What History Reveals About Our Future (London: Penguin Random House UK, 2018).
Naomi Klein, No Is Not Enough

[for an English version see below]

Getreu jenem Thema, mit dem sie ursprünglich zu Prominenz gelangte, sieht Naomi Klein in Trump und seinem öffentlichen Auftreten vor allem den brand. Was das genau ist, das hab’ ich, um einmal ganz ehrlich zu sein, noch immer nicht richtig begriffen. In diesem Buch erweckt die Autorin den Eindruck, es handle sich um den Namen einer Firma, die selbst nichts produziert. Der Kunde, die Kundin kauft bloß den Namen. Der sei allerdings verbunden mit einem Stil, ja mehr noch: mit einem Lebensgefühl, mit einer Identität. Ob das so zutrifft, das traue ich mich nicht zu beurteilen. Und was diese Sichtweise bei der Analyse des Phänomens Trump bringt, das scheint mir auch nicht so richtig klar zu werden. Allerdings geht’s nicht ausschließlich um ihn. Naomi Klein malt apokalyptische Bilder von den Folgen des Klimawandels. US-amerikanischen Konventionen folgend, endet sie mit einer optimistischen Note: Treffen von Aktivistinnen und Aktivisten, allgemeines Einander-Verstehen und Sich-Mögen. Schön. War sicher ein beflügelndes Erlebnis. Aber wie lange hält das Gefühl vor? Welche Spuren hinterlässt es in unserer Wirklichkeit?

True to the subject that brought her to prominence in the first place, Naomi Klein sees Trump and his public behaviour above all as a brand. To be honest, I still haven’t really grasped the concept. In this book, the author gives the impression that it is the name of a company that does not produce anything itself. The customer merely buys the name because it is connected with a certain style, or even more: with a certain attitude to life, with an identity. I do not dare judge whether this is true. And how such a view could help with the analysis of the Trump phenomenon isn’t really clear to me either. However, this book is not exclusively about him. Naomi Klein paints apocalyptic pictures of the consequences of climate change. Following US-American conventions, she ends on an optimistic note: meetings of activists with lots of mutual understanding and loads of sympathy. Very nice. Must have been an inspiring experience. But how long do such feelings last? What traces do they leave behind in the real world?

Naomi Klein, No Is Not Enough: Defeating the New Shock Politics (London: Penguin Random House UK, 2018).

Red’ Hochdeutsch

Irgendwo, in irgendeiner Zeitung, hab’ ich gesehen, dass sich wieder einmal jemand Sorgen macht um die Hochsprache. Was mich an die Ermahnung aus meinen eigenen Schultagen erinnert: Red’ Hochdeutsch! Zu meiner Verblüffung – und zu meinem Ärger – kam gegen Ende meines Berufslebens ein Vorsitzender bei einer mündlichen Reifeprüfung mit derselben Forderung daher. Geärgert hat mich das deshalb, weil ich versucht hatte, meine Schüler vom Druck besagten Gebots zu entlasten.

Ergeben hatte sich das Problem im Zuge jenes Trainings, welchem ich sie in punkto Präsentation unterzog – Sie wissen schon, komplett mit PowerPoint und allem, was so dazu gehört. Dass solche Fähigkeiten für angehende Techniker wichtig sein würden, das leuchtete ein. Im Zuge dieses Trainings erwies sich aber, dass es gar nicht so einfach war, den richtigen Ton zu treffen. Am Versuch, das legendäre Hochdeutsch zu sprechen, scheiterten wir allesamt. Ich schließe mich selbst ganz bewusst und sehr emphatisch ein. Aber was dann? Einfach so, wie einem der Schnabel gewachsen war? Das funktionierte bei diesen komplexen technischen Themen auch nicht. Die Schüler merkten das selbst und wurden unsicher. Eben dies, so versuchte ich ihnen zu vermitteln, galt es aber zu vermeiden.

Also?

Was ich ihnen erklärte, das mochte vielleicht nicht mit dem letzten Stand der linguistischen Wissenschaft überein stimmen. Andererseits referierte ich nicht bloß Studiertes oder Gelesenes, sondern auch eigene Beobachtung. Wenn ich selbst, als Deutsch-Professor, nicht dazu in der Lage war, Hochdeutsch zu reden – wer dann? Im Grunde, so glaubte ich beobachtet zu haben, war niemand dazu in der Lage.

Und warum?

Nun, zunächst ging’s um den Begriff „hochdeutsch“. Wie war dieses „hoch“ zu verstehen? Ich machte meine Schüler darauf aufmerksam, dass es sich keineswegs um eine Wertung handelt, im Sinne von hoch = besser. Vielmehr handelt es sich um eine geographische Einordnung. „Hoch“ ist die südliche Hälfte des deutschen Sprachraums, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie höher über dem Meer liegt als die nördliche Hälfte. Dort wird dementsprechend Niederdeutsch gesprochen.

Womit die Sache mit dem Hochdeutsch natürlich nicht erledigt ist. So einfach läuft das nicht. Es gibt im Deutschen tatsächlich so etwas wie eine Standardsprache. Sie ist weitgehend  normiert, selbst ihre Aussprache ist festgelegt (z. B. im einschlägigen Duden-Wörterbuch, ursprünglich im Siebs). Das weist bereits darauf hin, dass es sich eigentlich um eine Kunstsprache handelt. Aber warum? Wozu? Nun – so erklärte ich meinen Schülern – es handelt sich um jene Sprache, die geschrieben wird. Schriftlich kann ich ja nicht einfach jede lokale Färbung, jede individuelle Eigenart umsetzen. Es braucht gewisse Normen, eine Standardisierung. Einerseits, weil sonst nicht genügend Schriftzeichen zur Verfügung stünden, andererseits weil ja die Verständlichkeit über regionale Sprachgrenzen hinweg gewährleistet sein muss.

Was wir schlampigerweise als Hochdeutsch bezeichnen, das entpuppt sich folglich als Schriftsprache. Bloß redet die niemand, dazu ist sie ja auch gar nicht da. Die Schriftsprache wird geschrieben und dann (vielleicht) gelesen. Es kann schon sein, dass man sie auch zu hören bekommt – aber nur, wenn laut vorgelesen wird wie zum Beispiel in den Radio- oder Fernsehnachrichten, oder wenn auf der Bühne deklamiert wird. Ansonsten –

Ansonsten was?

Es ist ein Irrtum zu glauben, der Gegensatz zur so genannten Hochsprache sei der Dialekt (oder genauer: die lokale Dialektfärbung). Auch so sprachen meine Schüler nicht, selbst wenn sie sich unbeobachtet miteinander unterhielten. Sie kamen nämlich aus den verschiedensten Ecken und Winkeln Tirols. Deshalb bedienten sie sich, meist völlig unbewusst, irgendeiner Form dessen, was als Umgangssprache bezeichnet wird. Die mag zwar Züge regionaler Dialektfärbungen bewahren, ist aber trotzdem so angeglichen, dass sie weithin verständlich bleibt. Eine Art Verkehrssprache also, sie dient der Kommunikation über allfällige sprachliche Unterschiede hinweg.

Diese Umgangssprache gibt’s jedoch auf verschiedenen Niveaus: nahe dem ursprünglichen Dialekt bis hin zur Annäherung an die Schriftsprache. Es ist nicht bloß so, dass wir uns alle, gar alle dieser Umgangssprache bedienen. Es ist auch so, dass wir uns auf verschiedenen Ebenen dieser Sprache bewegen, und zwar zumeist ganz automatisch, unreflektiert. Wenn ich im Lehrsaal vortrug, dann verwendete ich zwar auch die Umgangssprache, aber in einer anderen Form als wenn ich auf der Straße einen alten Kumpel aus Schultagen traf. Das geht, wie schon gesagt, von selbst und natürlich.

Worauf es ankommt, so versuchte ich meinen Schülern einzuschärfen, das ist folglich dies: Es muss jeder den Tonfall finden, der für ihn selbst bei einer technischen Präsentation der richtige ist. Jene Sprache, bei der er sich sicher fühlt. Natürlich muss sie in die gegebene Situation passen. Aber niemand braucht sich zu bemühen, gehobener zu reden, als es ihm gegeben ist. Das wirkt nämlich steif, künstlich, womöglich beeinträchtigt es sogar das, was der Vorragende zu sagen hätte.

„Mir ist lieber, es sagt einer im Dialekt was Gscheites“, pflegte ich zu mahnen, „als dass er auf Hochdeutsch schweigt.“

Und noch einen Merksatz versuchte ich den Schülern mitzugeben:

„Kein Mensch redet wie gedruckt. So lügt man höchstens.“

Sechzig Prozent

Man berichtet mir, dass inzwischen an die sechzig Prozent aller Medizinstudenten in Innsbruck aus dem Ausland kämen. Zumindest sei das im Radio gesagt worden. Es handelt sich folglich um Hörensagen, aufgeschnappt – weswegen das Folgende bitte schön mit Vorsicht zu genießen wäre. Obwohl: Selbst wenn die Zahlen nicht genau stimmen, wissen wir doch schon seit langem um das Problem Bescheid. Das lässt sich nicht leugnen.

Zu einem Großteil werden diese Studenten natürlich aus der EU kommen, hauptsächlich aus Deutschland. Wir verdanken das der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union, und grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Ganz besonders nicht, wenn’s um die Universitäten geht. Die haben von jeher vom Austausch, von der Mobilität gelebt, besonders die Professoren und Lektoren.

Das spezielle Problem, dem wir uns in Österreich gegenübersehen, das ist die Sprache, die wir mit unseren nördlichen Nachbarn teilen. Und das sind viele, sehr viele – fast zehnmal so viele wie wir Österreicher. Da droht der Austausch stets zur Flut anzuschwellen, zur Gefahr der Überschwemmung. Früher galt die Regelung, dass nur jene Deutschen bei uns studieren durften, welche daheim, im Land des numerus clausus, bereits einen Studienplatz nachweisen konnten. Durchaus vernünftig, möchte man annehmen, aber leider hat das irgendeine EU-Instanz verboten; fragen Sie mich nicht, welche oder gar mit welchen Argumenten.

Aus europäischer Sicht gilt es immer, jegliche national motivierte Diskriminierung zu unterbinden. Alle Bürger der Union müssen gleich behandelt werden, jegliche Beschränkung muss für alle gleichermaßen gelten: So, als gehörten wir alle zu einem einzigen Staat. Bloß ist dem nicht so. Denn in so einem Falle würden die Deutschen indirekt via Brüssel auch für unsere Universitäten aufkommen – und vice versa (anteilsmäßig). Aber das tun sie bekanntlich nicht. Und so finden wir uns – falls die aufgeschnappten sechzig Prozent stimmen – in der eigenartigen Lage, dass wir unsere Medizinuniversität mehrheitlich für Ausländer, spezifisch wohl für Deutsche unterhalten.

Kann man was dagegen tun? Interventionen bei der EU dürften nutzlos sein. Die hat ja auch temporär ausgehandelte Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium gestoppt. Ersatzlos gestrichen. In Brüssel zählt das Prinzip. Unsere Nöte erscheinen demgegenüber klein, engstirnig, provinziell. Andererseits können wir nicht gut zuschauen, wie Deutsche unseren jungen Leuten massenweise die Studienplätze wegnehmen, oder? Bei gewissen Studien, vor allem der Medizin, könnte das drastische Folgen haben.

Also? Ich bin gewiss kein Experte und folglich dürfen die folgenden Vorschläge keineswegs allzu ernst genommen werden. Aber wie wär’s zum Beispiel mit folgender Vorgangsweise: Wir verrechnen jedem Studenten und natürlich jeder Studierenden ohne Ansehen der Staatsbürgerschaft einen angemessen Preis für ihren Studienplatz. So was lässt sich ja ermitteln. Bloß haben österreichische Staatsbürger oder ‑bürgerinnen beziehungsweise deren Eltern mittels ihrer Steuern bereits ihren Beitrag geleistet. Man kann sie nicht gut zweimal zur Kasse bitten. Solche Leute bekommen also die Studiengebühren erstattet. Um Missbrauch vorzubeugen, könnte man die Refundierung staffeln, je nachdem, wie lange die Betroffenen hierzulande bereits Steuern gezahlt haben.

Wirksam? Wie gesagt, ich bin kein Experte, trau’ mich aber vorauszusagen, dass der Zustrom deutscher Studiosi sehr schnell zu einem schwächlichen Tröpfeln degenerieren würde. Es könnte natürlich sein, dass andere Staaten den Uni-Zugang österreichischer Studenten auf die gleiche Weise beschränken; aber in diesem Falle könnten wir unsere Steuerzahler ohne weiteres so wie im Inland unterstützen.

Das vertrauliche Du

Innenminister Karl Nehammer hat also seinem ehemaligen Ministerkollegen und nunmehrigen Opponenten Herbert Kickl das Du aufgekündigt. In Österreich stellt das eine drastische Maßnahme dar, welche nur in den allerschlimmsten Fällen ergriffen wird. Du und Sie, das sind Pole, zwischen denen sich Respekt, Kollegialität bis hin zur Freundschaft manifestieren, und die insofern eine unverzichtbare Rolle spielen im höflichen Leben. Dass es dabei äußerst kompliziert zugeht, dürfte einleuchten, ein wahres Minenfeld an mangelhaften Manieren (unter Umständen beabsichtigt) und Beleidigt-Sein. Wie’s die Österreicher, oder zumindest ihre etwas besseren Kreise, eben lieben.

Weswegen Du und Sie auch ihre Blüten treiben. In der österreichischen Armee war es einst üblich, dass höhere Offiziere ihre Untergebenen duzten: Du, Herr Leutnant. Umgekehrt war es nicht so üblich, kam aber doch regelmäßig vor: Du, Herr Oberst. Und ob Sie’s glauben oder nicht, auf eben diesem Fuße stehe ich heute noch mit so jemandem: Wie geht’s dir, Herr Brigadier?

Friedrich Torberg (wer sonst?) berichtet uns von folgender Begebenheit: In einem k. k. Ministerium trat ein neuer Minister sein Amt an. Als ranghöchster Beamter sprach der Vater des Dichters Fritz von Herzmanovsky-Orlando die Begrüßungsworte. Da die beiden in dieselbe exklusive Eliteschule gegangen waren, bediente sich der Redner des in solchen Fällen üblichen Du. Der Neue antwortete, hielt sich jedoch durchgehend ans Sie – was einer öffentlichen Ohrfeige gleichkam. Als er geendet hatte, trat Herzmanovsky-Orlando erneut ans Rednerpult.

„Lieber Freund‟, sagte er. „Gestatte mir noch einmal das vertrauliche Du. Leck mich am Arsch.“

Sprach’s und ging in Pension.

Bei uns an der Schule spielten Du und Sie beinahe die umgekehrte Rolle. Als ich zu unterrichten anfing, machte mich der Abteilungsvorstand darauf aufmerksam, dass es üblich sei, die Schüler mit Sie anzureden. Mir kam das entgegen. Als ich selbst noch die Schulbank drückte, waren mir Lehrer zuwider, die glaubten, sie müssten sich kumpelhaft anbiedern. Ich hatte nicht vor, so was zu versuchen. Im Gegenteil. Das Sie etablierte eine gewisse Distanz, erzwang eine gewisse Höflichkeit. Schon bald fand ich jedoch heraus, dass selbige bei mir wahrscheinlich zu Magengeschwüren führen würde – zu viel musste ich da hinunterschlucken. Was tun?

Ich begann, meinem Unmut lauthals Luft zu machen, allerdings in ironisch gebrochener Weise. Und natürlich immer per Sie:

„Oh, Sie Blüten des österreichischen Schulwesens! Zierde der österreichischen Ingenieurskunst!“

Das funktionierte insofern, als die Schüler die Ironie verstanden und goutierten. Das Sie spielte dabei eine wichtige Rolle. Wenn ich ernsthaft böse wurde, dann verwendete ich das Du. Da wussten die Schüler, dass es gefährlich wurde.

So viel also zur komplizierten, um nicht zu sagen delikaten Angelegenheit des Du und des Sie hier bei uns in Österreich. Aber Halt! Eine weitere Episode darf ich Ihnen nicht vorenthalten. Auch sie stammt – wie könnte es anders sein – von Friedrich Torberg. Sie spielt im Prag der Zwischenkriegszeit und hat den roten Krasa zum Gegenstand. Den Beinamen verdankte er der Farbe seiner Haare. Er war berühmt für seine Potenz, sein Erfolg bei Frauen war legendär. Aber wie’s so kommen musste, früher oder später, erreichte ihn eine Vaterschaftsklage. Wie sollte er ihr begegnen? Der Rat seiner Freunde: Er musste sich seine Zeugungsunfähigkeit bestätigen lassen.

Dazu machten sie einen eher zwielichtigen Amtsarzt ausfindig, in einem schäbigen Viertel weit draußen. Torberg erklärte sich bereit, Krasa auf seinem schweren Gang zu begleiten. Die Praxis wirkte ebenso herunter gekommen wie die ganze Umgebung. Der Arzt nahm verschiedene Untersuchungen vor, stellte eine Menge Fragen, bis er schließlich ein Kondom hervorholte und Krasa aufforderte, eine Samenspende abzugeben.

Da saß er nun auf der verschlissenen Couch in der Ordination und versuchte sein Bestes. Aber unter diesen ungewohnten Umständen fiel ihm das schwer. Der Doktor wurde ungeduldig.

„Also was ist, Herr Krasa? Sind Sie bald fertig?“

Mit waidwundem Blick sah der rote Krasa zu ihm empor:

„Herr Doktor“, flüsterte er gequält, „könnten Sie nicht wenigstens Du zu mir sagen?“

Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch oder: Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten (München: dtv, 1977). Die Anekdote um den roten Krasa findet sich auf S. 100–102. Ich hab’ sie teilweise wörtlich wiedergegeben.

Friedrich Torberg, Die Erben der Tante Jolesch (München: dtv, 1981). Die Herzmanovsky-Episode auf S. 210–11.

Sich zu zieren wär’ viel schlauer

Es muss wohl mehr als zehn Jahre her sein: Ich unterrichtete in „meiner“ fünften Klasse an der HTL; das „mein“ drückt hier natürlich keinen Besitzstand aus, vielmehr handelte es sich um Burschen, mit denen ich gut auskam und zu denen im Laufe der Jahre eine freundliche Beziehung entstanden war.

Wie auch immer – während der Stunde kamen plötzlich zwei der Klassenmitglieder in den Lehrsaal.

„Öha“, sagte ich, „wo kommt’s denn ihr her?“
„Wir waren beim Fachlehrer P–“
„Und wieso?“
„Wir planen ein Denkmal.“
„Ihr plants was?“
„Ein Denkmal. Für den Schlierenzauer.“

Der war ein Kind unserer Gemeinde und hatte in dieser Saison einen Titel errungen. Vielleicht sogar mehrere, keine Ahnung. Weltmeister und so.

Dass unsere Schule damit beauftragt wurde, lag auf der Hand. Nicht nur verfügte sie über eine richtige Schmiede, sondern in Person eben dieses Fachlehrers auch über künstlerische und kunsthandwerkliche Kompetenz.

Schön. Doch dürfte ein solches Maß an alpenländischer Muskel- und Schiverehrung wohl eines meiner donau-österreichischen Gene gereizt haben, vielleicht das Kaffeehaus-Gen oder – eng damit verbunden – das Wortspiel-Gen. Oder beide. Jedenfalls sprudelte es aus mir heraus, ohne dass ich mich besinnen konnte:

Sich zu zieren wär’ viel schlauer
als zu bau’n fürn Schlierenzauer!

Literarische Korrespondenz: Susanne Preglau an H.W. Valerian. Betrifft: Schlierenzauer! – schoepfblog

Beitrags-Autor:Susanne Preglau
schoepfblog.at 29. September 2021

Sehr geehrter Herr Valerian,

„es muss wohl mehr als 10 Jahre her sein“, wovon Sie in Ihren Notizen im schoepfblog erzählen.
Also ca. im Jahr 2011 oder früher.
Als Sie in der HTL in Fulpmes – denn das ist der Wohnort des „Kinds unserer Gemeinde“ Gregor Schlierenzauer – unterrichtet haben.

Erlauben Sie mir eine Zwischenbemerkung:
Sie berichten von den Burschen, mit denen eine freundliche Beziehung entstanden war. Gab es vor ca. 10 Jahren noch kein einziges Mädchen, das sich damals für eine technische höhere Ausbildung interessiert hat? Hat sich niemand an Ihrer Schule dafür eingesetzt, das zu ändern? Wie ist die Situation an dieser Schule heute?

Ich hoffe doch sehr, dass sich da etwas geändert hat.

Die Burschen hatten also ein Denkmal geplant. Mit Stolz auf das „Kind der Gemeinde“. Und das sehr zu Recht.

Sie schreiben: „Er hatte in dieser Saison einen Titel errungen. Vielleicht sogar mehrere, keine Ahnung (sic!), Weltmeister oder so ähnlich.“

Ich habe in Wikipedia recherchiert:
Gregor Schlierenzauer, geb. 1990, Wohnort Fulpmes hat im Laufe seiner Karriere große Erfolge als Schispringer erzielt:

4 Olympia Medaillen (davon 1x Gold 2010-2014)
12 WM Medaillen (davon 6x Gold 2007-2017)
5 Skiflug WM Medaillen (davon 4x Gold 2008-2012)
53 Weltcupsiege (Rekord an Weltcupsiegen im Einzelspringen)
2x Weltcup Gesamtsieger (zwischen 2008 und 2013)
3x Skiflug Weltcup Gesamtsieger (zwischen 2008 und 2013)
2x Vierschanzen Tourneesieger (in den Jahren 2011-2013)

2007 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

In den letzten Jahren hat er, nach mehreren schweren Verletzungen, keine Erfolge mehr gehabt und ist am 21. September 2021 zurückgetreten und hat seine Karriere beendet. Traurig genug! Und Sie schreiben ausgerechnet 2 Tage später am 23.9. Ihre „Notizen“, in denen Sie dem dereinst Erfolgreichen und jetzt Glücklosen nachtreten.

Ich hoffe sehr, dass durch die Zusammenarbeit Ihrer Schüler mit dem „Fachlehrer P“ damals etwas „Künstlerisches“ entstanden ist, das dem „Kind der Gemeinde“ zur Ehre gereichen kann.

https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-susanne-preglau-an-h-w-valerian-betrifft-schlierenzauer/
[heruntergeladen 29. September 2021]
Von Schülerinnen und Denkmälern

Zu Susanne Preglaus literarischer Korrespondenz an H. W. Valerian. Betrifft: Schlierenzauer

Keine Sorge, ich hab’ nicht die Absicht, eine literarische Auseinandersetzung ad infinitum fortzuführen. Bei Susanne Preglau möchte ich mich in erster Linie bedanken, dass sie es der Mühe wert gefunden hat, zu meinem Beitrag Stellung zu nehmen. Jede Reaktion freut einen Kommentator, selbst kritische – wenigstens zeigt sich, dass man gelesen wird, dass man also noch lebt, intellektuell gesprochen.

Allerdings richtet Susanne Preglau auch ein paar Fragen an mich, und da gebietet mir die Höflichkeit zu antworten, und sei’s nur ganz kurz. Also, zur Sache: Zunächst wird mein fehlendes Gendern bekrittelt. Ob’s nicht auch Mädchen an unserer Schule gegeben habe?

Es hat, es hat. Allerdings nur vereinzelt: so weit ich mich erinnern kann, niemals mehr als zwei oder drei gleichzeitig. Die Ironie dabei: jene Mädchen, die sich an unsere HTL wagten, die erwiesen sich in den allermeisten Fällen als top of the class – nicht nur schulisch, sondern ebenso im Sinne ihrer Autorität gegenüber den Mitschülern. Mit diesen Mädchen zu arbeiten war angenehmer als mit den Burschen. Das Stereotyp, wonach Metallbearbeitung nichts sei für Mädchen, das erwies sich immer und immer wieder als falsch. Dementsprechend bemühten wir uns, mehr Mädchen für unsere Schule zu gewinnen, aber leider – vergebens. Da wirkte das Stereotyp einfach zu stark.

Aber wie dem auch sei: In der Klasse, von welcher ich geschrieben habe, befand sich jedenfalls kein Mädchen. Rein männlich. Die feministischen Jagdhunde dürfen wieder an die Leine genommen werden.

Des weiteren führt Susanne Preglau all die Medaillen und Titel an, die Gregor Schlierenzauer errungen habe. Schön. Der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass mir das damals ebenso wurscht war wie heute. Sportliche Leistungen verdienen meiner Ansicht nach prinzipiell keine Denkmäler, niemals, und Sportler dementsprechend auch nicht. Denkmäler gebühren jenen, die was Nützliches beigetragen haben zur Entwicklung der Menschheit, oder zu ihrem Wohlbefinden. Und ja, Sie haben vollkommen recht: Feldherrn gehören da auch nicht dazu.

Noch ein paar kleine Anmerkungen seien mir gestattet: Damals, als die Schüler in den Lehrsaal kamen und mir von den Denkmal-Plänen erzählten, da fiel mir Andi Goldberger ein. Der war ja auch in den Himmel hinauf gelobt worden, doch leider erwies sich sein Verhalten in der Folge keineswegs als sonderlich bewunderns- oder nachahmenswert. Gregor Schlierenzauer war noch sehr jung – knapp zwanzig, wenn ich das recht im Kopf habe. Der hatte seine Karriere noch vor sich. Wie würde sie verlaufen? Und dann sein Leben, ein langes, langes Leben (wollen wir hoffen): Was würde, was könnte da noch alles passieren? Würde er stets seinem Ruf gerecht werden, seiner denkmalischen Vorbildwirkung? Waren da Enttäuschungen nicht gleichsam eingebaut?

Denkmäler, so würde ich glauben, Denkmäler baut man normalerweise nachher, nicht vorher!