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Port und Nippel

Wie ich ins Krankenhaus gekommen war, darüber habe ich hier schon geschrieben („Das Mädchen in der Rettung“), ebenso was mir in der Folge durch den Kopf ging („Finstere Wochen“). Nun soll es um die physische Seite der Geschichte gehen.

Ich lag ja nicht zum Nachdenken in der Klinik, sondern zur Behandlung. Die ließ vorläufig aber noch auf sich warten, erst müsse sich mein Gesamtzustand verbessern, wie es hieß. Ich litt unter einem Tumor in der Lunge sowie unter Metastasen im Kleinhirn, von denen meine Beschwerden hauptsächlich herrührten. Was den Tumor betraf, so hatte man mir Mut gemacht. Mitglieder unserer doch ziemlich medizinischen Familie versicherten mir, so ein Tumor sei heute längst kein Todesurteil mehr, vielmehr gut heilbar. Ein Neffe, seines Zeichens Radiologieassistent in Linz, erzählte mir von dem Fall eines vierzigjährigen Mannes, der habe noch lange vergnügt weitergelebt. Und was die Chemotherapien betraf, so seien die längst nicht mehr die Bomben früherer Zeiten, vielmehr gebe es Mittel gegen die Nebenwirkungen, vor allem die notorische Übelkeit.

Da konnte ich also zuversichtlich sein. Trotzdem hatte ich Angst vor der ersten Verabreichung. Die begann am späten Vormittag mit zwei, drei kleineren Infusionen, dem Vorlauf, wie sich die Ärzte ausdrückten. Die eigentlich Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln. Bevor sie angeschlossen wurden, musste ich jedes Mal mein Geburtsdatum nennen. vermutlich beugte man so Verwechslungen vor.

Ich hatte vorweg einen so genannten Port eingesetzt bekommen. Dabei handelte es sich — laienhaft ausgedrückt — um ein halbrundes Kunststoffbällchen mit einer Membran am Boden. Die wurde, wenn ich das richtig verstanden hatte, mit einer Vene verbunden. Der Port wurde operativ unter der Haut eingesetzt, was den Vorteil hatte, dass er in der Folge nicht weiter störte. Für die Infusionen brauchte er bloß einmal angestochen und mit einer kurzen Leitung versehen zu werden — mein Nippel, wie ich mich auszudrücken pflegte. Was auch immer in der Folge in mich hineinfloss, brauchte nur noch angeschlossen zu werden. Sehr praktisch, wie ich fand, ein weiterer Fortschritt der Medizin. Der Port ist übrigens immer noch drin, ohne dass ich ihn spüre oder auch nur daran denke.

Die Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln mit Flüssigkeit. Sie wurde durch ein elektronisches Dosiergerät verabreicht. Das dauerte mehrere Stunden. Glücklicherweise konnte ich dabei lesen, sofern ich nicht vor mich hin dämmerte. Ich lernte sogar, mit dem stangenartigen Gestell aufzustehen, an dem Flasche baumelte. So konnte ich, es vorsichtig vor mir her schiebend, selbstständig aufs Klo gehen, was in Anbetracht der Menge an Flüssigkeit, die in mich hinein tröpfelte, des öfteren notwendig  wurde. Ich konnte mich sogar zum Essen an den Tisch setzen, immer das stangenartige Gestell neben mir.

„Mein Exoskelett“, pflegte ich zu sagen.

Es wurde Abend, ehe die Infusionen zu Ende waren. Am nächsten Tag ging’s weiter, nicht mehr ganz so lange, und am darauffolgenden Tag ein weiteres Mal. Nebenwirkungen spürte ich keine. Selbst Geschmack und Appetit blieben mir erhalten. Die einzigen Folgen waren Müdigkeit und Mattigkeit. Aber die hielten vorerst nicht lange an.

Nach dem ersten Durchgang an Chemotherapie sollte ich am Kopf bestrahlt werden. Auch davor fürchtete ich mich, wie man vielleicht verstehen wird. Die Rettung führte mich nach Innsbruck. In der ersten Sitzung wurde lediglich mein Kopf genau vermessen, dann passte  man mir eine Maske an. Es handelte sich um lauwarmes durchbrochenes Kunststoffgewebe, das mir so ähnlich wie ein Waschlappen aufs Gesicht gelegt wurde. Es erkaltete und erstarrte eng  anliegend, wurde wohl auch vom Personal nachgeformt. Die Maske wurde mit Schienen versehen, welche in passende Gegenstücke am Gerät eingeschoben und arretiert wurden. So sollte garantiert sein, dass sich der Kopf stets in der gleichen Lage befand, und dass er sich nicht bewege konnte. Angenehm war das  nicht gerade, und ich hab‘ von Leuten gehört, die die Prozedur kaum oder gar nicht aushielten. Allerdings dauerte sie nicht allzu lange. Das Eigentümlichste war ein seltsamer Geruch, der sich entwickelte.

Eines Tages kam ich ambulant in die Strahlentherapie. Zu diesem Zwecke gab’s das so genannte Strahlentaxi, bezahlt von der Krankenkasse (tu felix Austria!). Ich hatte mir angewöhnt, mich daheim schon aller Dinge zu entledigen, die ich ablegen musste oder die ich sonst nicht brauchte. Dazu zählten auch die Zahnprothesen. Nun wurde aber wieder einmal ein Bluttest genommen, und nach kurzer Zeit erschien ein junger Doktor,  ziemlich erregt, wie mir schien.

„Lassen Sie sich sofort in Ihr Krankenhaus bringen,“ sagte er alarmiert.

„Was ist denn?“

„Die weißen Blutkörperchen. Die sind so niedrig, es besteht höchste Ansteckungsgefahr.“

Und als ich Einwände erheben wollte, befahl er nur: „Sofort. Dringend.“

Und so fand ich mich wenig später alleine in einem Zimmer im Krankenhaus wieder. Ich hatte absolut nichts bei mir. Kein Handy, nicht einmal alle Zähne. Dabei war es verboten, Pakete abzuliefern. Nichts, aber schon gar nichts durfte die Schwelle der Anstalt überqueren.

Was sollte nun werden?

Zum ersten Male verzweifelte ich. Als ich da am Tisch saß, da kamen mir die Tränen. Ich fühlte mich so hilflos, nackt beinahe. Der Oberarzt, der mich untersuchte, begriff meine Lage und setzte sich bei der Klinikleitung dafür ein, eine Ausnahme zu machen. Begleiterin und Behüterin, von ihm verständigt, durfte eine Tasche abgeben. Erst als die eingelangt war, fühlte ich mich sicherer. Sie hatte ein wahres Meisterwerk an Umsicht und Nichtt-Vergessen vollbracht.

In weiterer Folge gingen die Chemotherapien im dreiwöchigen Takt weiter. Dazwischen gab’s Perioden, da bekam ich so genannte Erhaltungstherapien, diese allerdings ambulant, ich musste also nicht im Krankenhaus bleiben, kam zu Mittag wieder heim. Diese Therapien hatten die unangenehme Eigenschaft, atemberaubende Rückenschmerzen zu verursachen. Nach dem ersten Auftreten wusste die Schwester aber Bescheid, brach die Infusion ab und verabreichte ein Schmerzmittel, welches sie schon vorbereitet hatte. Danach konnte die Therapie fortgesetzt werden. Trotzdem gestaltete sich die Fahrt zur Ambulanz jedesmal wie der Gang nach Canossa.

Das ging so bis weit ins dritte Jahr hinein. Da bekam ich ein paar Wochen Urlaub, sozusagen, ehe ich mich wieder zu einer Untersuchung zu melden hatte. Kurz bevor es soweit war, trat die Gürtelrose auf. nicht schmerzhaft, darf ich vermelden, aber doch. Also: Wieder einmal Rettung, Klinik, dieses Mal die Hautklinik in Innsbruck. Die junge Doktorin in der Ambulanz wollte mich stante pede einweisen. Aber ich bockte — völlig untypisch für mich. Ich hatte so fest damit gerechnet, am Abend wieder zu Hause zu sein!

Sie war leicht verzweifelt, wie mir schien. Begleiterin und Behüterin hatte inzwischen einen Neffen angerufen, der hatte  Dienst an der Anästhesie, und der wusch mir per Handy ganz gehörig den Kopf. Also ließ ich mich gehorsam (und voll der Reue) aufnehmen.

Auch diese Episode ging vorbei, dank sachkundiger und durchaus liebevoller Pflege. Ich durfte wieder heim. Zu diesem Zeitpunkt war ich, wenn auch nur unter größter Vorsicht, selbständig mobil. Ich konnte ins Bad oder aufs Klo gehen. Eines Tages tappte ich von dort zurück zu meinem Bett, da verlor ich plötzlich das Gleichgewicht und fiel hin. So — jetzt ging das Theater wieder los. Rettung, Notarzt, Krankenhaus, Röntgen. Glücklicherweise war nichts gebrochen, nur geprellt.

In meinem Krankenhaus, wo ich den Kontrolltermin hatte, steckten sie mich in den Computertomographen. Leider fielen die Ergebnisse enttäuschend aus. Der Tumor war nicht, wie das die Ärzte erhofft hatten, zurückgegangen, eher im Gegenteil, und die Metastasen offenbar auch. Sie boten mir eine weitere Chemotherapie an, eine andere Substanz diesmal, die versprach zwar nur geringe Erfolgsaussichten, dafür würde sie beträchtliche Nebenwirkungen verursachen. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte das einfach nicht mehr. Die Ärzte verstanden meinen Wunsch sehr gut, keinerlei Einwände oder Überredungsversuche. Somit war ich austherapiert.

Aber was tun mit jemandem wie mir? Der Oberarzt brachte das Hospiz ins Spiel, und zu seiner Überraschung war ich sofort einverstanden. Mir ging’s um die Sicherheit, vor allem aber um die längst überfällige Entlastung der Begleiterin und Behüterin meines Lebens. Was die in den vergangenen zweieinhalb Jahren mitgemacht hatte! Sie sollte endlich einmal etwas unbeschwerter leben können.

Na ja, und da stehen wir jetzt. Mir geht’s gut, danke sehr, Schlaf, Appetit, alles da. Vorläufig.

Ich hab das alles aufgeschrieben mit der Absicht, dem einen Leser oder der anderen Leserin vielleicht ein kleines bisschen Mut zu machen. Natürlich gilt das nur strikt individuell; punktuell, könnte man sagen. Aber es muss nicht immer so verheerend kommen, wie man’s sich vorstellt. Vielleicht spendet das sogar ein bisschen Trost?

Finstere Wochen

Eine kleine Trilogie

Das Mädchen in der Rettung

Der bisherige Tiefpunkt meiner Krankheitsgeschichte kam Anfang März 2020. Ich hatte mich schon länger nicht wohl gefühlt, litt unter Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen beim Gehen, in letzter Zeit war Übelkeit dazugekommen, manchmal musste ich mich plötzlich aus unerfindlichen Gründen heftig übergeben. Einmal geschah das mitten in der Nacht, und während ich mich panisch aus dem Bett stemmte und ins Bad tapste, kamen mir die Türstöcke grotesk verzogen, nach vorne oder hinten geneigt entgegen. Ich konnte nicht mehr essen, wurde schwach und schwächer, kam nicht mehr aus dem Bett.

Nun war es so, dass zu diesem Zeitpunkt mein Krebs bereits diagnostiziert war, ich hatte sogar schon einen Termin für die erste Chemotherapie im Krankenhaus. Jetzt riss der Begleiterin und Beschützerin meines Lebens aber die Geduld. Sie rief kurz entschlossen an und setzte meine Aufnahme durch, obwohl so was überhaupt nicht vorgesehen war. Besonders nicht an einem Sonntag. Aber da kennt man besagte Begleiterin und Beschützerin  schlecht.

Sie packte meine Tasche, ich musste also bloß noch ächzend aufstehen und mich anziehen. Das gelang mir mit Müh und Not, und schließlich saß ich am Ende unserer Erkerbank in der Küche und wartete auf die Rettung. (So sagt man bei uns; gemeint ist in diesem Falle der Krankenwagen samt Besatzung.) Und während ich dort saß, da schien sich eine ungeheure Schwäche in mir auszubreiten, sie floss quasi von oben nach unten, vom Kopf bis in die Füße. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich lange aufrecht halten konnte, selbst im Sitzen. Meine Lebenskraft schien mir durch die Füße aus dem Leib zu rinnen.

Es läutete an der Tür. Begleiterin und Beschützerin machte auf. Ein junger, kräftiger Mann in Rot-Kreuz-Montur kam herein, gefolgt von einem schlanken blonden Mädchen in derselben Kleidung. Der junge Mann erfasste die Lage mit einigen kurzen Blicken, stellte ein paar gezielte Fragen zur Transportfähigkeit. Die beiden verschwanden wieder. Aber alleine das selbstsichere, kompetente Auftreten des jungen Mannes hatte bewirkt, dass ich meinen Tiefpunkt überwunden hatte. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren?

Die beiden kamen mit einem Tragesessel zurück, setzten mich mit gut geübten Griffen behutsam in selbigen und trugen mich hinaus. Ihr Rettungsauto parkte in der engen Zufahrt. An den Zäunen nahm ich die neugierigen Gesichter der Nachbarn wahr. Die waren mir zu diesem Zeitpunkt aber zutiefst wurscht.

Geschickt hievten die beiden den Stuhl durch die geöffnete Hecklappe ins Fahrzeug und arretierten ihn. Begleiterin und Beschützerin steuerte noch meine Tasche bei, dann ging’s los. Das Mädchen saß mir gegenüber im Fahrgast- oder Laderaum, je nachdem. Sie hatte bemerkt, wie schlecht mir war, und ein Speibsackl bereit gelegt. Außerdem hatte sie offenbar beschlossen, mich durch Konversation abzulenken. Wir begannen, über die üblichen Dinge zu sprechen: Was sie machte, was ich gemacht hatte. Sie kam aus einem Ort im Wipptal, so stellte sich heraus, ausgebildete Kindergärtnerin, arbeitete in einem Hort in Innsbruck. Als sie hörte, wo ich unterrichtet hatte, da nannte sie den Namen ihres Freundes. Der war nämlich dort in die Schule gegangen. Ob ich mich erinnern könne? Ich konnte, allerdings nur ganz, ganz vage. Aber immerhin –

So überstand ich die Fahrt. Die beiden brachten mich wieder per Transportstuhl auf die Station, übergaben mich dem dortigen Personal und verabschiedeten sich. Ich konnte damals und kann auch jetzt kaum ausdrücken, welch tiefes Gefühl der Dankbarkeit mich erfasste. Die beiden waren die ersten in einer langen, langen Reihe von jungen Frauen und Männern, die sich derart aufmerksam um mich kümmerten. Ich hoffe, darüber bald ausführlicher zu schreiben. Im Falle der beiden Rot-Kreuz-Helfer war’s ja so, dass wahrscheinlich beide, auf jeden Fall aber das Mädchen ihre Freizeit opferten, um am Wochenende mit dem Rettungswagen Dienst zu schieben. Das alleine wäre schon bewundernswert gewesen. Und dann noch auf diese Art! Das Lächeln dieses Mädchens, ihr freundliches Gesicht – kann man beschreiben, was für lebensfrohe Wirkung die ausübten?

Finstere Wochen

Wie ich ins Krankenhaus gekommen bin, hab’ ich schon geschildert („Das Mädchen in der Rettung“). Nun saß ich also auf einem der hölzernen Klappsessel an der Aufnahme und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen: Größe messen, wiegen, Blutdruck und was derlei Scherze mehr sind. Schließlich fand ich mich doch in einem Zimmer wieder, alleine – ich hatte ein Einzelzimmer bekommen, warum ist mir nicht bekannt, zugestanden wär’s mir nicht.

Aber wie auch immer: Ich schaffte es ins Bett, und da lag ich nun, hing an irgendeiner Flasche und – schlief. Tatsächlich sollte das für die nächste Zeit meine Hauptbeschäftigung werden. Dank der Infusionen, möglicherweise auch noch anderer Medikamente (ich kann mich nicht erinnern) verbesserte sich mein Befinden schnell: wesentlich weniger Schwindel, die Übelkeit war auch weg. Ich konnte essen wie zuvor. Lediglich die Schwäche blieb, und die Müdigkeit. Aber ich hatte ja nichts zu tun. Ich schlief und erfreute mich meines Appetits.

Die Damen und Herren Doctores steckten mich ins CT, und da entdeckten sie die Ursache meines elenden Zustandes: Metastasen im Kopf. Das war nun doch ein bisschen ein Schock. Aber die Fachleute beruhigten mich: Keine große Affäre, ich würde Bestrahlungen bekommen, die Aussichten seien gut.

Also auch das noch, zu Krebs und Chemotherapie dazu. Aber schön. Ich ergab mich in mein Schicksal oder genauer: ich begab mich vertrauensvoll in die Hände der Ärztinnen und Ärzte. Sowohl mit Bestrahlungen als auch mit Chemotherapien sollte allerdings noch zugewartet werden. Zuerst müsse ich mich erholen, müsse sich mein Gesamtzustand verbessern, wie’s hieß.

Und so befand ich mich also in meinem Zimmer und hatte nichts weiter zu tun als eben dies: Zustand verbessern. Keine sehr schwierige Aufgabe. Es versteht sich von selbst, dass mir in diesen Tagen und Wochen so allerlei im Kopf herumging. Wenn ich erwartet hatte, es würde sich eine schmerzliche Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit entspinnen, mit meinen Taten und Missetaten, dann hatte ich mich allerdings getäuscht. Zu meiner Überraschung standen plötzlich zwei Felsbrocken in meinem Bewusstsein, keine Ahnung, woher sie kamen, früher hatte ich über derlei Dinge nie nachgedacht. Doch die Felsbrocken standen da, unbeweglich und undurchdringlich.

Der eine, kleinere, äußerte sich in einem erleichterten Seufzer: Gott sei Dank bin ich schon siebzig!

Gemeint war: Da konnte mir niemand mehr vorwerfen, ich stehle mich zu früh davon. Nicht einmal ich selbst. Andernfalls hätte ich mir nämlich Vorwürfe gemacht, dass ich zu wenig auf meine Gesundheit geachtet hätte, man weiß schon: Rauchen, zu wenig Sport, all das. In Tirol spielt derlei bekanntlich eine besonders wichtige Rolle, man muss fit sein, fit bleiben, das ist so was wie das Oberste Gebot, da gibt es kein Pardon. Der Stand der jeweils individuellen Fitness ist viel wichtiger als alle sonstigen Leistungen, und seien sie noch so herausragend. Selbst der Philosoph, der Musiker oder der Mediziner wird zunächst einmal nach seinen körperlichen Leistungen beurteilt – Berg-, Schi- und Radtouren –, weniger nach dem, was er oder sie eigentlich leistet. Unser Kollege Walter Klier hat das einmal unnachahmlich scharf gefasst: Der Tiroler (in diesem Falle schrieb er über die Innsbrucker, aber das macht keinen Unterschied) – der Tiroler oder die Tirolerin also sei „stets auf das Peinlichste um die eigene Leistungsfähigkeit besorgt und, mit einem unmerklich raschen Seitenblick, die der anderen.“

Dieser unmerklich rasche Seitenblick, der erscheint mir charakteristisch für das Leben hierzulande. Ich hätte ihn, wäre ich in jüngeren Jahren erkrankt, sehr empfindlich gespürt – schmerzhaft sogar. Das war mir erspart geblieben. Ich hatte mein Teil beigetragen, ich hatte genug Geld nach Hause gebracht – genauer natürlich: es war genug Geld auf mein Bankkonto und von dort auf unsere Sparbücher geflossen –, ich hatte genug geleistet. Von daher konnte mir niemand einen Vorwurf machen, nicht einmal ich selbst. Das war immerhin auch etwas wert.

Der große Block, das war hingegen mein Leben. Der stand in meinem Bewusstsein, mächtig und dräuend, vor allem aber: unbeweglich, unbewegbar. Mein Leben war gelebt, so wie ich’s gelebt hatte, da gab es nichts mehr zu rütteln, nichts mehr zu ändern. Selbst wenn ich gesund geblieben wäre: Was auch immer ich noch getan oder unterlassen hätte, es hätte nichts mehr geändert an diesem Leben. Es stand einfach da. Zwecklos, sich dagegen zu wehren.

Natürlich erhob sich die Frage, wie dieses Leben nun zu beurteilen sei. Gelungen? Verpfuscht? Nun, auch zu diesen Fragen stellte sich eine spontane Antwort ein, aus meinem Inneren heraus, ohne vorherige Abwägung, ohne Kalkulation. Die Antwort lautete: teils–teils. Ich hatte nichts Besonderes vorzuweisen, weder als Schriftsteller, geschweige denn als Lehrer. Allerdings hatte ich mir auch nichts besonders Schlimmes zuschulden kommen lassen. Ein Engel, ein Heiliger war ich natürlich nicht, aber wirklich böse, zerstörerisch gar? Nein, das auch nicht. Hoffte ich zumindest.

Ein klassischer Spießer also. Langweilig. Und tatsächlich leiden solch durchschnittliche Leben unter einem schlechten Ruf. Man denke bloß an unsere hehre Literatur. Vergessen wird dabei, dass selbst das durchschnittlichste, das unspektakulärste Leben erst gelebt werden muss. Jeden Tag in der Früh aufstehen. Das sagt sich so leicht, aber für einen Nacht- oder besser: Abendmenschen bedeutet das jeden Morgen eine kleine Qual. Die kann nicht weggeleugnet werden. Ein Arbeitsleben lang. Und am Abend rechtzeitig das Licht ausschalten, rechtzeitig schlafen. Als ich in Pension gehen durfte, zählte dies zu den größten Erleichterungen: nicht mehr so früh aufstehen zu müssen.

Und dann die Arbeit. Auch nicht immer ein Honiglecken. Die Vorgesetzten, die Kollegen. Die Kunden. Die Routine – die macht ja so unheimlich müde. Davon ist kaum jemals die Rede. Außerdem gibt’s noch die Familie, die Kinder. Was die Kopfzerbrechen bereiten können! Und nicht nur das: ausgesprochene Sorgen, Herzweh.

So banal das alles aus der erhabenen Sichtweise von Philosophen, Schriftstellern, Künstlern oder Historikern sein mag – für die Beteiligten ist es ernst, fürchterlich ernst, existenziell geradezu. Deshalb ist das Leben von uns Spießern auch keineswegs langweilig, wie das immer unterstellt wird. Oh nein! Ich kann von mir selbst sagen, dass mein Leben stets aufregend war, deshalb verging’s ja auch so schnell, immer irgendetwas zu erledigen, zu bewältigen, irgendwelche Probleme zu lösen. Ich hätt’ oft was drum gegeben, wenn es ein bisschen langsamer verlaufen wäre – ein bisschen langweiliger. Da hätt’ ich nichts dagegen gehabt.

Also: Jedes Leben muss erst gelebt werden, selbst das unansehnlichste, das spießigste. Doch wie gesagt: So einfach, wie man sich das vorstellt, ist es nicht, es bedarf ein gerüttelt Maß an Disziplin, ja sogar Anstrengung. Und deshalb kann jedes dieser Leben auch daneben gehen. Wir beobachten das hin und hin. Ehekrach, Scheidung. Der Mann, der anfängt zu saufen. Die Frau, die ihr Leben nicht bewältigt, lebt von der Fürsorge, wir sehen sie mit dem Buggy rauchend vorm Einkaufszentrum stehen. Auch sie trinkt zu viel. Wir schauen auf solche Leute hinunter; heimlich vielleicht, versteckt, aber doch. So ein bisschen zumindest. Dabei führen sie uns bloß vor Augen, wie’s ebenso gut (oder schlecht) hätte kommen können, wie’s jederzeit kommen kann. Man soll sich bloß nichts einbilden.

Andererseits dürfen wir das Spießige schon auch auf der Habenseite verbuchen. Von selber geht wie gesagt gar nichts. Na ja – jedenfalls hab’ ich mir mein geordnetes Leben selbst gut geschrieben. Und deshalb bin ich zu dem Ergebnis gekommen, es sei unterm Strich teils gut, teils weniger gut gelungen. An missglückten Episoden herrschte ja kein Mangel: Gelegenheiten, bei denen ich kläglich versagt hatte, das Falsche gesagt hatte, peinlich peinlich, sogar unnötig bös’ gewesen war, oder zumindest egoistisch. Solche Erinnerungen ließen mich in der Nacht hochfahren: Wie konntest du nur? Entsetzlich! Trösten konnte ich mich bloß mit der positiven Substanz meines Lebens. Die negativen Erinnerungen stachen allerdings hervor, sie stachen ins Fleisch. Das war nicht zu umgehen.

In diesem Zusammenhang stellte sich noch eine Erkenntnis ein: Wann immer ich mir vorzustellen versuchte, wie ich in einer gegebenen Situation hätte anders handeln sollen, mich anders entscheiden, und wie mein Leben dann vielleicht hätte ausschauen können – wann immer ich mich solchen Gedankenspielchen hingab, gelangte ich rasch zu der ernüchternden Einsicht, dass ich in so einem Falle hätte ein anderer Mensch sein müssen. So, wie mein Leben verlief, repräsentierte es meine Persönlichkeit. Anderes Leben? Andere Persönlichkeit, bitte. Woraus sich umgekehrt der zwingende Schluss ergab, mein Leben sei das Produkt meines Ich, meines Wesens.

Da steckt natürlich ein gerüttelt Maß an Fatalismus drin, und ich bin – wie gesagt, aufgrund spontaner Erkenntnis, aus dem Bauch heraus – geneigt, diesen Fatalismus zu teilen. Als ich jedoch der treuen Begleiterin und Behüterin meines Lebens gegenüber eine einschlägige Andeutung machte, da reagierte sie ungehalten. Und es stimmt schon: Sie gibt sich nicht so leicht zufrieden. Man sieht: Genügend Raum für individuelle Meinungen und Auffassungen!

Die Lebensabrechnung also: Teils–teils. Wie schon gesagt, stellte sich das Ergebnis dieser Abrechnung spontan ein, keineswegs aufgrund einer minutiösen Kalkulation. Dafür standen die Ergebnisse aber auch fest, konnten nicht durch Nachdenken, durch innerliche Argumentation verändert werden. Ich akzeptierte sie, sie wurden zur festen Grundlage meines Denkens, meiner Welt- und Selbstsicht; so sehr, dass ich nicht mehr darüber nachzudenken brauchte.

Womit ich mich anderen Dingen zuwenden konnte. Meiner Lage, zum Beispiel.

Unmittelbar nachdem ich ins Krankenhaus gekommen war, begann der erste Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie. Der war ziemlich streng, wie man sich vielleicht erinnern wird, kam praktisch einer Ausgangssperre gleich. Als ich mit der Rettung ein paar Mal nach Innsbruck gebracht wurde zu diversen Untersuchungen, da erschreckten mich die menschen- und autoleeren Straßen. Das ergab ein gespenstisches Bild.

Damals wussten wir noch sehr wenig über diese neue Krankheit. Selbst wenn man selbst nicht dazu neigte, der Panik zu verfallen, konnte man doch nur spekulieren. Im Krankenhaus galt nicht bloß Maskenpflicht – nicht im Zimmer, sehr wohl aber am Gang –, sondern auch Besuchsverbot. Strenges Besuchsverbot. Nicht einmal Taschen durften zugestellt werden, Pakete mit Wäsche zum Beispiel. Absolut nichts.

Für mich ergab sich folgende Aufgabe: Zunächst hatte ich mich mit meiner Krankheit herumzuschlagen, mit dem Krebs. Ich musste begreifen, was mit mir geschah, musste mich damit abfinden, es akzeptieren, wenn möglich. Musste meine Perspektive drauf einstellen, die Erwartungen, die Pläne. Das war an sich schon nicht leicht. Fachkundige Stimmen sagten mir, so ein Lungenkrebs sei heutzutage kein Todesurteil mehr, da könne man noch recht lange vergnügt leben. Eine dieser Stimmen war ein Neffe, der in Linz an der Radiologie arbeitete. Doch kamen die Stimmen auch aus anderen Zweigen unserer teilweise doch recht medizinischen Familie.

Das war tröstlich. Ich konnte diesbezüglich einigermaßen optimistisch sein. Sogar in Bezug auf die bevorstehenden Chemotherapien sprach man mir Mut zu – das sei heute längst nicht mehr so brutal wie früher, besonders der Übelkeit sei man Herr geworden, da sei also auch nicht so viel zu befürchten.

Ich war geneigt, diesen Stimmen zu glauben. Was meinen Krebs betraf, fühlte ich mich folglich eher zuversichtlich. Eine böse Krankheit, gewiss, und letztlich sicher letal, aber vorläufig sah ich mich noch darüber hinaus, sie einigermaßen zu bewältigen, ohne mir selbst und vor allem ohne anderen allzu sehr zur Last zu fallen.

Nun kam aber Corona dazu. Ich kam mir vor, als säße ich mit meinem Krebs-Problem in einer riesigen Hohlwelle, rund herum drehte sich ein weiteres Werkel, die Pandemie. Wie schon gesagt, wusste man damals nicht viel darüber. Äußerst ansteckend, klar, die Zahlen waren furchterregend. Gegenmittel? Impfung? Da machte man uns keine Hoffnung. Da war nichts in Sicht, das würde noch Jahre dauern. Bis dahin half nur Abstand halten, Hände waschen – in England lehrten sie die Kinder, dabei „Happy Birthday“ zu singen, damit sie lange genug am Waschbecken blieben – und vor allem Masken tragen. Aber das waren, wie mir völlig klar war, nur Notmaßnahmen.

Die Krankheit würde sich also ausbreiten, und auch für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich anstecken würde. Und je länger es mir gelang, diesen Zeitpunkt hinauszuschieben, desto näher würde er rücken, desto sicherer würde er kommen. Aufgrund meiner Erkrankung musste ich mit einem schweren Verlauf rechnen. Was man von einem solchen hörte, das ließ das Blut in den Adern gefrieren. Ich lebte, so gesehen, auf Abruf. Wie lange noch? Ein halbes Jahr? Ein Jahr? So weit wagte ich gar nicht voraus zu denken.

Ein Leben auf Abruf. Ich versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken, vor allem nicht über den Verlauf einer schweren Covid-Erkrankung. Da konnte ich nur auf ein mildes Schicksal hoffen. Im Übrigen galt es, vorläufig weiter zu leben, einen Tag nach dem anderen, eine Vorsichtsmaßnahme nach der anderen. Immerhin versuchte ich, meine Angelegenheiten soweit als möglich zu ordnen, für den Fall, dass das Ende plötzlich kommen sollte. All die Arbeiten, die ich am Computer erledigt hatte: Korrespondenz, Bank, Buchhaltung.

Wenn ich aus heutiger Sicht auf jene finsteren Wochen zurückblicke, dann spielt jedoch etwas anderes eine herausragende, eine übermächtige Rolle: das Krankenhauspersonal. Gemeint sind damit wirklich alle, vom Oberarzt über Krankenschwestern und Pfleger (warum sagen wir eigentlich nicht einfach Krankenbrüder?) bis hin zu den Damen, welche das Essen brachten oder Zimmer und Bad reinigten. Dass sie alle tüchtig waren, ihren Job professionell erledigten, das mochte man vielleicht noch als selbst­verständlich voraussetzen. Ich tat’s nicht. Ich war dankbar dafür. Aber das war ja noch gar nicht alles. Wenn ich mich bei den Leuten bedankte, dann antworteten sie stets: „Das ist unser Job.“

„Sicher“, gab ich zurück. „Aber man kann jeden Job so oder so machen.“

Und sie machten ihren Job eindeutig so: effizient, aufmerksam, mitdenkend, initiativ. Vor allem aber freundlich, immer freundlich, um nicht zu sagen: fröhlich. Und das ist jenes Quentchen, das man nicht bezahlen kann, das sich einfach ergeben muss, das dann aber so ungeheuer viel wert ist. Ich für meinen Teil kann nur schwer wiedergeben, was mir das Lachen, das Strahlen vor allem der Frauen bedeutet hat. Da kam immer so ein bisschen Sonnenschein ins Zimmer. Mehr noch: Sie vermittelten mir das Gefühl, nicht einfach bloß irgendein Patient zu sein, sondern eben ich, also eine Person mit einem Leben, mit Ängsten, aber auch mit Hoffnungen. Nicht, dass wir darüber gesprochen hätten. Es war bloß das Gefühl. Aber dieses Gefühl, das weiß ich heute genau, das hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass ich durch jene finsteren Wochen kam. Anders wäre die Selbstbehauptung viel, viel schwerer gefallen.

Ich will mich jetzt nicht in Dankbarkeitsbezeugungen ergehen. Die kosten ja nichts. Davon bekommt unser Krankenhauspersonal wahrlich genug, auch in der Öffentlichkeit. Ich möchte bloß einfügen, dass ich im gesamten Gesundheitssystem die gleichen Erfahrungen machte: andere Krankenhäuser, CT und MRI, nicht zu vergessen Ordinationen niedergelassener Ärzte – stets dieselbe Freundlichkeit und Menschlichkeit.

Aber wie schon gesagt: Vom Dank können diese Frauen und Männer nicht abbeißen. Ihre Löhne gehören erhöht. Das ist in unserer Gesellschaft der sichtbare und handfeste Beweis der Wertschätzung. Zusätzlich wäre freilich noch etwas wichtig, sollte in unserer Welt der Rationalisierung und Einsparung ja nicht vergessen werden: Es braucht ausreichend Personal, um die hohe Qualität der Betreuung zu erhalten. Wenn diese Leute unter Druck kommen, Zeitnot, Stress – ja dann, das ist leicht vorherzusehen, dann wird’s bald vorbei sein mit persönlicher Betreuung. Aber mehr Personal kostet mehr Geld. Da wird sich also erweisen, wo unsere Prioritäten in Wahrheit liegen. Dass insgesamt nicht genug Geld vorhanden wäre, das wird man ja schwerlich behaupten können.

Port und Nippel

Wie ich ins Krankenhaus gekommen war, darüber habe ich hier schon geschrieben („Das Mädchen in der Rettung“), ebenso was mir in der Folge durch den Kopf ging („Finstere Wochen“). Nun soll es um die physische Seite der Geschichte gehen.

Ich lag ja nicht zum Nachdenken in der Klinik, sondern zur Behandlung. Die ließ vorläufig aber noch auf sich warten, erst müsse sich mein Gesamtzustand verbessern, wie es hieß. Ich litt unter einem Tumor in der Lunge sowie unter Metastasen im Kleinhirn, von denen meine Beschwerden hauptsächlich herrührten. Was den Tumor betraf, so hatte man mir Mut gemacht. Mitglieder unserer doch ziemlich medizinischen Familie versicherten mir, so ein Tumor sei heute längst kein Todesurteil mehr, vielmehr gut heilbar. Ein Neffe, seines Zeichens Radiologieassistent in Linz, erzählte mir von dem Fall eines vierzigjährigen Mannes, der habe noch lange vergnügt weitergelebt. Und was die Chemotherapien betraf, so seien die längst nicht mehr die Bomben früherer Zeiten, vielmehr gebe es Mittel gegen die Nebenwirkungen, vor allem die notorische Übelkeit.

Da konnte ich also zuversichtlich sein. Trotzdem hatte ich Angst vor der ersten Verabreichung. Die begann am späten Vormittag mit zwei, drei kleineren Infusionen, dem Vorlauf, wie sich die Ärzte ausdrückten. Die eigentlich Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln. Bevor sie angeschlossen wurden, musste ich jedes Mal mein Geburtsdatum nennen. vermutlich beugte man so Verwechslungen vor.

Ich hatte vorweg einen so genannten Port eingesetzt bekommen. Dabei handelte es sich — laienhaft ausgedrückt — um ein halbrundes Kunststoffbällchen mit einer Membran am Boden. Die wurde, wenn ich das richtig verstanden hatte, mit einer Vene verbunden. Der Port wurde operativ unter der Haut eingesetzt, was den Vorteil hatte, dass er in der Folge nicht weiter störte. Für die Infusionen brauchte er bloß einmal angestochen und mit einer kurzen Leitung versehen zu werden — mein Nippel, wie ich mich auszudrücken pflegte. Was auch immer in der Folge in mich hineinfloss, brauchte nur noch angeschlossen zu werden. Sehr praktisch, wie ich fand, ein weiterer Fortschritt der Medizin. Der Port ist übrigens immer noch drin, ohne dass ich ihn spüre oder auch nur daran denke.

Die Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln mit Flüssigkeit. Sie wurde durch ein elektronisches Dosiergerät verabreicht. Das dauerte mehrere Stunden. Glücklicherweise konnte ich dabei lesen, sofern ich nicht vor mich hin dämmerte. Ich lernte sogar, mit dem stangenartigen Gestell aufzustehen, an dem Flasche baumelte. So konnte ich, es vorsichtig vor mir her schiebend, selbstständig aufs Klo gehen, was in Anbetracht der Menge an Flüssigkeit, die in mich hinein tröpfelte, des öfteren notwendig  wurde. Ich konnte mich sogar zum Essen an den Tisch setzen, immer das stangenartige Gestell neben mir.

„Mein Exoskelett“, pflegte ich zu sagen.

Es wurde Abend, ehe die Infusionen zu Ende waren. Am nächsten Tag ging’s weiter, nicht mehr ganz so lange, und am darauffolgenden Tag ein weiteres Mal. Nebenwirkungen spürte ich keine. Selbst Geschmack und Appetit blieben mir erhalten. Die einzigen Folgen waren Müdigkeit und Mattigkeit. Aber die hielten vorerst nicht lange an.

Nach dem ersten Durchgang an Chemotherapie sollte ich am Kopf bestrahlt werden. Auch davor fürchtete ich mich, wie man vielleicht verstehen wird. Die Rettung führte mich nach Innsbruck. In der ersten Sitzung wurde lediglich mein Kopf genau vermessen, dann passte  man mir eine Maske an. Es handelte sich um lauwarmes durchbrochenes Kunststoffgewebe, das mir so ähnlich wie ein Waschlappen aufs Gesicht gelegt wurde. Es erkaltete und erstarrte eng  anliegend, wurde wohl auch vom Personal nachgeformt. Die Maske wurde mit Schienen versehen, welche in passende Gegenstücke am Gerät eingeschoben und arretiert wurden. So sollte garantiert sein, dass sich der Kopf stets in der gleichen Lage befand, und dass er sich nicht bewege konnte. Angenehm war das  nicht gerade, und ich hab‘ von Leuten gehört, die die Prozedur kaum oder gar nicht aushielten. Allerdings dauerte sie nicht allzu lange. Das Eigentümlichste war ein seltsamer Geruch, der sich entwickelte.

Eines Tages kam ich ambulant in die Strahlentherapie. Zu diesem Zwecke gab’s das so genannte Strahlentaxi, bezahlt von der Krankenkasse (tu felix Austria!). Ich hatte mir angewöhnt, mich daheim schon aller Dinge zu entledigen, die ich ablegen musste oder die ich sonst nicht brauchte. Dazu zählten auch die Zahnprothesen. Nun wurde aber wieder einmal ein Bluttest genommen, und nach kurzer Zeit erschien ein junger Doktor,  ziemlich erregt, wie mir schien.

„Lassen Sie sich sofort in Ihr Krankenhaus bringen,“ sagte er alarmiert.

„Was ist denn?“

„Die weißen Blutkörperchen. Die sind so niedrig, es besteht höchste Ansteckungsgefahr.“

Und als ich Einwände erheben wollte, befahl er nur: „Sofort. Dringend.“

Und so fand ich mich wenig später alleine in einem Zimmer im Krankenhaus wieder. Ich hatte absolut nichts bei mir. Kein Handy, nicht einmal alle Zähne. Dabei war es verboten, Pakete abzuliefern. Nichts, aber schon gar nichts durfte die Schwelle der Anstalt überqueren.

Was sollte nun werden?

Zum ersten Male verzweifelte ich. Als ich da am Tisch saß, da kamen mir die Tränen. Ich fühlte mich so hilflos, nackt beinahe. Der Oberarzt, der mich untersuchte, begriff meine Lage und setzte sich bei der Klinikleitung dafür ein, eine Ausnahme zu machen. Begleiterin und Behüterin, von ihm verständigt, durfte eine Tasche abgeben. Erst als die eingelangt war, fühlte ich mich sicherer. Sie hatte ein wahres Meisterwerk an Umsicht und Nichtt-Vergessen vollbracht.

In weiterer Folge gingen die Chemotherapien im dreiwöchigen Takt weiter. Dazwischen gab’s Perioden, da bekam ich so genannte Erhaltungstherapien, diese allerdings ambulant, ich musste also nicht im Krankenhaus bleiben, kam zu Mittag wieder heim. Diese Therapien hatten die unangenehme Eigenschaft, atemberaubende Rückenschmerzen zu verursachen. Nach dem ersten Auftreten wusste die Schwester aber Bescheid, brach die Infusion ab und verabreichte ein Schmerzmittel, welches sie schon vorbereitet hatte. Danach konnte die Therapie fortgesetzt werden. Trotzdem gestaltete sich die Fahrt zur Ambulanz jedesmal wie der Gang nach Canossa.

Das ging so bis weit ins dritte Jahr hinein. Da bekam ich ein paar Wochen Urlaub, sozusagen, ehe ich mich wieder zu einer Untersuchung zu melden hatte. Kurz bevor es soweit war, trat die Gürtelrose auf. nicht schmerzhaft, darf ich vermelden, aber doch. Also: Wieder einmal Rettung, Klinik, dieses Mal die Hautklinik in Innsbruck. Die junge Doktorin in der Ambulanz wollte mich stante pede einweisen. Aber ich bockte — völlig untypisch für mich. Ich hatte so fest damit gerechnet, am Abend wieder zu Hause zu sein!

Sie war leicht verzweifelt, wie mir schien. Begleiterin und Behüterin hatte inzwischen einen Neffen angerufen, der hatte  Dienst an der Anästhesie, und der wusch mir per Handy ganz gehörig den Kopf. Also ließ ich mich gehorsam (und voll der Reue) aufnehmen.

Auch diese Episode ging vorbei, dank sachkundiger und durchaus liebevoller Pflege. Ich durfte wieder heim. Zu diesem Zeitpunkt war ich, wenn auch nur unter größter Vorsicht, selbständig mobil. Ich konnte ins Bad oder aufs Klo gehen. Eines Tages tappte ich von dort zurück zu meinem Bett, da verlor ich plötzlich das Gleichgewicht und fiel hin. So — jetzt ging das Theater wieder los. Rettung, Notarzt, Krankenhaus, Röntgen. Glücklicherweise war nichts gebrochen, nur geprellt.

In meinem Krankenhaus, wo ich den Kontrolltermin hatte, steckten sie mich in den Computertomographen. Leider fielen die Ergebnisse enttäuschend aus. Der Tumor war nicht, wie das die Ärzte erhofft hatten, zurückgegangen, eher im Gegenteil, und die Metastasen offenbar auch. Sie boten mir eine weitere Chemotherapie an, eine andere Substanz diesmal, die versprach zwar nur geringe Erfolgsaussichten, dafür würde sie beträchtliche Nebenwirkungen verursachen. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte das einfach nicht mehr. Die Ärzte verstanden meinen Wunsch sehr gut, keinerlei Einwände oder Überredungsversuche. Somit war ich austherapiert.

Aber was tun mit jemandem wie mir? Der Oberarzt brachte das Hospiz ins Spiel, und zu seiner Überraschung war ich sofort einverstanden. Mir ging’s um die Sicherheit, vor allem aber um die längst überfällige Entlastung der Begleiterin und Behüterin meines Lebens. Was die in den vergangenen zweieinhalb Jahren mitgemacht hatte! Sie sollte endlich einmal etwas unbeschwerter leben können.

Na ja, und da stehen wir jetzt. Mir geht’s gut, danke sehr, Schlaf, Appetit, alles da. Vorläufig.

Ich hab das alles aufgeschrieben mit der Absicht, dem einen Leser oder der anderen Leserin vielleicht ein kleines bisschen Mut zu machen. Natürlich gilt das nur strikt individuell; punktuell, könnte man sagen. Aber es muss nicht immer so verheerend kommen, wie man’s sich vorstellt. Vielleicht spendet das sogar ein bisschen Trost?

 

 

Mut und Trost

Wir saßen in dem Hospiz zusammen, in welchem ich zur Zeit untergebracht bin,  und unterhielten uns, unter anderem auch über meine Krankheit. Ich erzählte ein bisschen, wie’s dazu gekommen war, wie sie weiter verlief und wieso ich jetzt hier gelandet war. Einer der Gesprächspartner bewunderte meine „Coolness“, wie er sich ausdrückte. Ich sah das zwar überhaupt nicht so, aber dann schlug er vor, ich sollte doch was schreiben, um Lesern oder Leserinnen ein bisschen Mut zu machen und eventuell ein bisschen  Trost zu spenden.

Nun eigne ich mich für solche Aufgaben normalerweise überhaupt nicht. In diesem Falle lockte sie trotzdem. Ich will’s also versuchen, auf meine Art, versteht sich, und unter der strikten Bedingung, dass Leserin und Leser stets wissen, wie individuell das alles ist, wie punktuell. Nichts als meine eigene, persönliche Erfahrung. Andere Menschen werden das ganz anders erleben oder erlebt haben. Keine Verallgemeinerung, bitte, keine generelle Sentenzen oder allgemeingültige Wahrheiten!

Wie ich ins Krankenhaus gebracht wurde, darüber habe ich schon geschrieben („Das Mädchen in der Rettung“, Alpenfeuilleton), und was mir danach durch den Kopf ging, darüber auch („Finstere Wochen“, Alpenfeuilleton). Hier möchte ich mehr über die physische Seite der Angelegenheit sprechen.

Primär war ich im Krankenhaus zwecks Behandlung, klar. Damit musste ich aber noch warten, bis sich mein Gesamtzustand ausreichend gebessert hatte. Aber irgendwann ging’s doch los mit der  Chemotherapie. Fachkundige — einigermaßen fachkundige — Bekannte, vor allem aber Familienmitglieder hatten da eher beschwichtigend geklungen: Lungenkrebs sei heute heilbar, einer erzählte von einem Fall, der noch Jahrzehnte fröhlich gelebt habe. Chemotherapien seien bei weitem nicht mehr jener Schrecken, den sie früher verbreitet hätten; da gab’s Mittel gegen Übelkeit und andere Nebenwirkungen.

Also schön. Vor der ersten Therapie hatte ich doch Angst. Ich hatte einen so genannten Port bekommen. Dabei handelt es sich um ein halbrundes Bällchen, das operativ in die Brust eingesetzt und mit einer Vene (glaube ich) verbunden wird. Für Infusionen genügt ein einziger kleiner Stich, dann wird eine Leitung mit einem Ventil angelegt. Die Infusionen brauchen nur noch angeschlossen zu werden Dazwischen baumelt der Nippel lose auf der Brust. Viel angenehmer als das Ventil am Handgelenk oder im Ellenbogen. So sieht der Fortschritt der Medizin aus.

Die erste Therapie also. Da liegt man dann am Bett und die Flüssigkeit tröpfelt in einen hinein. In der ersten  Sitzung bekam ich vorweg zwei, drei Fläschchen verabreicht, der Vorlauf, wie sie das nannten, gegen allerlei Nebenwirkungen, vor allem gegen die Übelkeit. Dann die eigentliche Chemo, zwei Flaschen. Das dauerte Stunden, von vor dem Mittagessen bis am Abend. Die Chemo selbst wurde streng dosiert abgegeben, mittels eines elektronischen Gerätes. Immerhin konnte ich während der Zeit lesen, sofern ich nicht vor mich hin dämmerte. In Anbetracht der Menge an Flüssigkeit, die da unablässig in den Körper rinnt, musste ich natürlich öfter aufs Klo. Das war möglich, ich lernte, vorsichtig aufzustehen, das stangenartige Gestell, an dem die Flasche hing, vorsichtig vor mir her schiebend dorthin zu tappen, wohin ich wollte. „Mein Exoskelett“, pflegte ich zu sagen. So konnte ich mich sogar, während die Infusion noch lief, an den Tisch setzen und zu Abend essen.

Nach den Chemos kam noch der Nachlauf, wie’s hieß, der dauerte noch einmal eine halbe Stunde oder mehr. Die Prozedur am nächsten Tag war nicht mehr ganz so lange, und am dritten Tage noch kürzer. Die Therapien nahmen immer drei Tage in Anspruch, und sie wurden alle drei Wochen verabreicht. Dazwischen durfte ich nach Hause. Nebenwirkungen spürte ich, wie schon gesagt, keine — außer dass ich ein paar Tage lang sehr matt war, viel schlief. Irgendwann, nach einiger Zeit,  begannen die Haare tatsächlich auszufallen, das aber in einer Art, dass ich vorübergehend aussah wie eine Witzfigur mit kahler Schädeldecke und seitlich senkrecht in die Höhe stehenden Büscheln. Interessanterweise machte mir das nicht das Geringste aus.

Damals war ich noch mobil, bewegte mich also selbstständig im Haus, ins Bad, ins Erdgeschoß zum Essen und so weiter. Vorsichtig musste ich schon sein, weil mein Gleichgewichtssinn beeinträchtigt war. Ich schwankte beim Gehen, eine unbedachte Drehung, besonders nach links hinten, konnte sofort zum Schwanken führen, womöglich zu einem Sturz. Aber ansonsten — nach einiger Zeit wagte ich mich wieder ins Freie, und einmal an einem sonnigen Sommertag, als die Begleiterin und Behüterin meines Lebens den Rasen mähte, sodass meine übliche Gartenrunde blockiert war, da machte ich mich kurz entschlossen auf zu einem kurzen Spaziergang außerhalb des Gartens. Und siehe da — es klappte recht gut! Von da an dehnte ich diese Gänge aus und kam schließlich sogar bis in den Wald, wo ich zufrieden auf einem Bankl in der Sonne sitzen konnte. Ich schlief gut, hatte keine Schmerzen, dafür aber Appetit, aß viel und mit Genuss. Das erstaunte meine Begleiterin und Behüterin am allermeisten.

So ging das etwas mehr als zwei Jahre. Im  Laufe der Zeit musste ich aber doch feststellen, wie ich nach jedem Durchgang von Chemotherapie ein bisschen schwächer wurde. Die früheren Reichweiten meiner Spaziergänge waren einfach nicht mehr zu schaffen. Und dann gab’s einen Zwischenfall. Begleiterin und Behüterin hatte mich im Dorfzentrum abgesetzt, weil ich einen Termin bei meiner Zahnärztin hatte. Ich stieg die breite Freitreppe hinauf, da rief mir von hinten unten jemand etwas zu. Unbedacht drehte ich mich um, und rums! verlor ich das Gleichgewicht. Es gab nichts zum Anhalten, und so rumpelte ich schwungvoll und schwer gegen die Begrenzungsmauer. Der Handlauf fing mich auf. Im ersten Schock spürte ich nichts, versicherte den Herbeigeeilten, es sei nichts geschehen, Davon war ich ja selbst überzeugt. Aber bis ich in der Praxis ankam, sahen die jungen Frauen sofort, dass da was nicht stimmte. Sie legten mich auf einen Zahnarztstuhl und riefen Rettung sowie Notarzt. Die kamen sehr rasch, Erstversorgung, dann ins Krankenhaus nach Hall. Röntgen, Ergebnis: zwei Rippen gebrochen.

Auch diese Episode ging vorüber, ohne allzu große Schmerzen und Kalamitäten. Wieder daheim, die Routine, fast ein Jahr lang. Ich hatte ein paar Wochen Pause mit den Therapien bekommen, am Ende dieser Periode sollte ich wieder einrücken für eine Kontrolle. CT war angesagt, Computertomographie. Bevor’s  so weit war, brach plötzlich die Gürtelrose aus. Die geplagte Begleiterin und Behüterin meines Lebens sah sich gezwwungen zu telefonieren, zum Doktor zu führen, Rettung zu organisieren. Augenklinik zunächst, aber als mich die junge Ärztin stationär aufnehmen wollte, bockte ich — gänzlich untypisch für mich. Die Ärmste war leicht verzweifelt. Sie schickte mich auf die Hautklinik und nahm mir das Versprechen ab, dort zu bleiben, wenn die das anordneten. Begleiterin und Behüterin hatte inzwischen desperat ihren Neffen erreicht, der befand sich in Ausbildung zum Anästhesisten. Und der wusch mir telefonisch ganz ordentlich den Kopf.

Also landete ich auf der Hautklinik. Ich muss sagen, dass mir die Gürtelrose keine großen Schmerzen verursache wie man das oft hört. Auch in dieser Beziehung kam ich also leicht davon, hatte schon wieder Glück. Nach ein paar Tagen überstellten sie mich in mein Stammkrankenhaus — „Hallo, auch wieder da? Sie gehören ja schon zum Inventar!“ — wo ich gesund gepflegt wurde.

Wieder nach Hause. Die Nachwirkungen der Gürtelrose spürte ich insofern, als ich sehr schnell ermüdete und viel schlief. Aber es schien aufwärts zu gehen. Doch dann, eines Nachmittags, nachdem wir uns angeregt mit Freunden unterhalten hatten, bekam ich ganz plötzlich Sprachschwierigkeiten. Wenn ich so plapperte, konnte ich etwas längere Wörter auf einmal nicht mehr aussprechen. Es kam nur unverständlicher Eintopf heraus. Was für ein Schock! Besonders für leidgeprüfte Begleiterin und Behüterin.

Sie musste schnell entscheiden, was tun. Notarzt, Rettung. Ab in die Neurologie, die brachten das rasch wieder in Ordnung. Inzwischen rückte der Termin für meine nächste Untersuchung heran. Sie ergab keine sehr hoffnungsvollen Ergebnisse. Die Doktoren boten mir eine letzte Chemotherapie an, etwas Neues, aber die Erfolgsaussichten seien gering, sagten sie, die Nebenwirkungen dafür umso beträchtlicher. Ich lehnte dankend ab, was sie durchaus verstanden. Somit war ich austherapiert. Der Rest war nur noch eine Frage der Zeit.

Was tun mit so einem wie mir? Daheim allein mit Begleiterin und Behüterin konnte ich nicht bleiben, dazu fehlten die Voraussetzungen, vor allem ihre Kraft und ihre Nerven. So waren wir beide froh, als das Hospiz ins Spiel kam. Dort bin ich jetzt, behütet wie’s besser gar nicht geht, und erhole mich mit der Hilfe dieser liebenswerten Leute langsam. Allzu lange kann meines Bleibens hier allerdings nicht sein.

Was sagt man zu so einer Geschichte? Natürlich bin ich bis dato leicht davongekommen und in der Hilfe, die ich von allen Seiten empfangen habe, war ich wohl außerordentlich privilegiert. Andererseits ist das Ende des Weges abgesteckt. In meinem jetzigen Zustand kann ich mir das gar nicht richtig vorstellen. Aber es ist so. Ich hoffe bloß, dass Angehörige und Ärzte mir die letzten Meter erleichtern, möglichst wenig Schmerzen und möglichst wenig Gedankenqualen. Aber das liegt dann nicht mehr in meiner Hand.

Die Allianz der Mittelmäßigen

Sprichwörter, stehende Redensarten scheinen eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Man wirft sie in die Debatte, und nicht nur der Werfer selbst, alle anderen akzeptieren sie genau so, praktisch als Tatsache. Pacta sunt servanda. Verträge sind zu erfüllen. Abgesehen davon, dass es sich um eine Binsenweisheit handelt, wird der Satz gerade dann, wenn aus irgendeinem Grund über so einen Vertrag gestritten wird, nicht helfen. Insbesondere nicht im internationalen Recht.

Kommen die Zitate lateinisch daher, genießen sie besonderes Ansehen: Audiatur et altera pars; in dubio pro reo; si vis pacem para bellum. Letzterer Satz wurde gerne von den Falken im notorischen Auf- oder Abrüstungsstreit der achtziger Jahre ins Treffen geführt, Ältere erinnern sich: SS-20 Mittelstreckenraketen, Nato-Nachrüstung, Friedensbewegung. Für die Römer mag das so gegolten haben: Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg und unterwirf den aufmüpfigen Gegner. Dann herrscht wieder die Pax Romana. Aber heute? Müsste die Parole heute nicht viel eher lauten: Si vis pacem, para pacem? Wenn du Frieden willst, bereite den Frieden vor. Wobei leider offen bleibt, wie man dem Frieden jeweils am besten dient. Friedlich sein alleine reicht bekanntlich nicht.

Aber es muss nicht unbedingt Latein sein. Goethe ist auch immer gut. Faust, der Tragödie erster Teil: Es irrt der Mensch, solang er strebt. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! Und so weiter. Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles… Unterschlagen wird, was Goethe noch hinzugesetzt hat: Ach, wir Armen!

Friedrich Schiller eignet sich natürlich ebenso. Unser Mathematik-Professor in der Unterstufe pflegte zu spät Kommende mit den Worten zu begrüßen: Spät kommt ihr – doch ihr kommt! Um dann hinzuzusetzen: Der weite Weg, Graf Isolani, entschuldigt euer Säumen. Das hab’ ich jetzt nicht nach Vorlage zitiert, sondern nach besagtem Professor. Ob’s genau so stimmt, weiß ich nicht, es interessiert mich auch nicht.

In den altehrwürdigen (und ziemlich heruntergekommenen) Gemäuern der Klosterkaserne fand sich einst in einer Nische folgender Spruch an der Wand: Der Österreicher hat ein Vaterland / Und liebts, und hat auch Ursach, es zu lieben. Er wurde Franz Grillparzer zugeschrieben, was ja auch nahe lag, bloß leider – wie mich meine Mutter unverzüglich aufklärte, stammt er ebenfalls von Schiller, aus der Wallenstein-Trilogie (so wie der Graf Isolani). Von Grillparzer stammt unter anderem: Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde. Oder aber, nun wirklich österreichisch: Und die Größe ist gefährlich / Und der Ruhm ein leeres Spiel…

Und so weiter und so fort. Fast jedes Genie, zitierte jüngst ein Kollege den irischen Satiriker Jonathan Swift, verursacht augenblicklich eine Allianz der Mittelmäßigkeit. Und auf diesem Satz baute er seine Verteidigung von Sebastian Kurz auf. Immerhin reduziert er das Genie später auf ein „außerordentliches Talent“.

Ich habe mir im Laufe der Jahre – und das waren Jahre der intellektuellen Auseinandersetzung – ich habe mir also im Laufe der Jahre eine bestimmte Vorgehensweise angewöhnt, wenn ich mich mit so einer Zitat-basierten Argumentation konfrontiert sah. Erstens: Beleg suchen. Und siehe da: Es dürfte sich um die entstellte Version eines englischen Aphorismus handeln, welcher bereits 1706 in Swifts Bändchen Thoughts on Various Subjects, Moral and Diverting erschien. Im Original lautet er (sofern mich meine Quellen nicht im Stich lassen – das Buch selbst liegt mir leider nicht vor): When a true genius appears in the world, you may know him by this sign, that the dunces are all in confederacy against him. Wenn ein wahres Genie in dieser Welt erscheint, dann kann man es daran erkennen, dass sich die Dummköpfe alle dagegen verbünden.

Womit wir zunächst einmal sehen, wie alt der Satz ist. Sicher, es gibt Dinge, die werden mit der Zeit immer besser. Wein, so sagt man zum Beispiel. Ob’s auch für Zitate gilt, ist mir nicht bekannt. Aber mehr als 300 Jahre? Jonathan Swift war damals ein halb konservativer, halb liberaler Geistlicher (durchaus nicht unüblich), in seinen späteren Jahren Dean of St. Patrick’s Cathedral in Dublin; das alles in der Ära der Aufklärung, gegen deren Vertreter er manchmal mit ätzender Satire zu Felde zog. Das beeinflusst nicht unbedingt die Aussagekraft seines Zitats, wir tun aber doch gut daran, es im Kopf zu behalten.

Wichtiger erscheint mir ohnehin etwas anderes: Swift zufolge erkennt man ein Genie daran, dass sich die dunces, also die Dummköpfe geschlossen gegen selbiges verbünden. Mag ja sein. Man müsste die Behauptung einmal historisch überprüfen; ist nicht womöglich eher das Gegenteil der Fall?

Wir sind beim zweiten Schritt meiner Vorgehensweise angelangt: der Überprüfung anhand der Wirklichkeit. Wozu freilich gesagt werden muss, dass in der hier zitierten Version lediglich von einer „Allianz der Mittelmäßigkeit“ die Rede ist: eine gemäßigte Formulierung, somit eine höflichere. Dafür sei dem Autor ausdrücklich gedankt. Es ist ja so leicht, durch Satire zu verletzen; bloß bedeutet dies Verstimmung, Verärgerung und somit meist das Ende der Diskussion. Dafür besteht hier kein Anlass. Für mittelmäßig gehalten zu werden, fasse ich persönlich nicht als Beleidigung auf, schon gar nicht, wenn jene, welchen den Vorwurf erheben, selbst alles andere als… Na ja, man kann sich’s denken, daran erkennt man seine Pappenheimer (schon wieder Schiller).

Eine Allianz der Mittelmäßigen also, die sich gegen das außerordentliche Talent verbünden. Wenn von Sebastian Kurz die Rede ist, so habe ich mit Verlaub eher den gegenteiligen Eindruck gewonnen: Dass sich nämlich die „Mittelmäßigen“ (wenn nicht noch Ärgere) hinter ihm scharten, und dies nicht nur auf höchster Ebene in Wien – man erinnere sich bloß an den famosen Festplatten-Schredder, an die Ministerin mit ihren Diplom- und Master-Arbeiten oder an den Finanzminister, gegen den sogar der Bundespräsident einschreiten musste –, sondern auch hier, in meinem Bekanntenkreis. Da gab’s Verehrung für den Heiligen Sebastian, die jedem dunce gut zu Gesicht gestanden wäre.

Sorry: Das war jetzt gehässig, eine rein subjektive Wertung. Manchmal rutscht so was einfach hinein in einen Text. Trotzdem glaube ich insgesamt und ganz objektiv feststellen zu können: Dass sich die Mittelmäßigen gegen Kurz verschworen hätten, die Außerordentlichen hingegen in glänzender Wehr samt und sonders hinter ihm gestanden wären – das wird man so nur schwer behaupten können. Außer man erklärt alle Kurz-Gegner ipso facto für mittelmäßig, alle Kurz-Anhänger hingegen für hervorragend.

Scherz, lass nach!

Aber was ist mit Jonathan Swift? Mit seinem Zitat?

Wenn schon, dann würde es bedeuten, dass Sebastian Kurz, da sich die Mittelmäßigen eben nicht geschlossen gegen ihn verbündeten, folglich auch nicht als außerordentliches Talent zu erkennen sei. Oder gar als Genie. – Aber wie schon gesagt: Zitate beweisen überhaupt nichts. Schauen Sie sich an, was seit 2017 in Österreich geschehen ist, schauen Sie sich an, was Sebastian Kurz und seine Mannschaft aufgeführt haben, welche Zuständ’ sie hinterlassen haben, und dann urteilen Sie. Sprichwörter, abgedroschene Zitate (womöglich entstellt) brauchen Sie dazu bestimmt keine.

A Confederacy of Dunces ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers John Kennedy Toole (erschienen 1980). Er bezieht sich unübersehbar auf den alt-ehrwürdigen Aphorismus von Jonathan Swift. Auf deutsch heißt das Werk Die Verschwörung der Idioten. Ich ziehe allerdings die Übersetzung „Dummköpfe“ vor.
Alpenfeuilleton 18.5.22

Jede Menge Mord in Midsomer

Als wir jung waren, da haben wir über unsere Eltern gespöttelt, weil sie im Fernsehen bloß noch seichte Unterhaltung und Krimis sehen wollten. Wie konnte man bloß! Man musste sich doch mit der Welt auseinandersetzen, oder? Mit ihren Problemen!

Inzwischen selbst alt geworden, schauen wir zwar keine seichte Unterhaltung, dafür aber Krimis. Ich persönlich lieg’ fast jeden Abend vor dem Fernseher, hauptsächlich deshalb, weil ich nicht andauernd lesen kann. Da spielen meine Augen nicht mehr mit, sie fallen zu, ich entschlummere sanft. Leider viel zu früh am Abend.

Bei diesen Krimis sind wir allerdings wählerisch. Was schon gar nicht in Frage kommt, das sind brutale amerikanische Thriller mit Geschieße, Schlägerei, Grausamkeiten. Ähnlich ergeht es uns bei deutschen Krimis, zum Beispiel aus der Tatort-Serie. Die sind zwar nicht so gewalttätig, dafür nehmen sie sich selbst zu ernst.  Sie sind immer so schrecklich tragisch, tiefsinnig – halt Deutsch. Das wollen wir auch nicht mehr sehen.

Was also dann?

Nun, unsere Vorliebe hat sich auf englische Serien konzentriert, da allerdings auch nicht auf alle. Es gibt eine Art englischer Krimiserie, die mit einem gewissen Etwas daherkommt. Leichtigkeit wäre zu viel gesagt, obwohl sie mitspielt. Ebenso ein guter Schuss Ironie, Selbstironie. Sich selbst nicht hundertprozentig ernst nehmen.

Death in Paradise zum Beispiel. Handlung, Auflösung des kriminellen Rätsels sind (a) nicht besonders feinsinnig und laufen (b) völlig stereotyp ab. Aber das spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, das sind die liebenswerten Protagonisten. Für mich steht Dwayne Myers an erster Stelle. Von den wunderschönen weiblichen Protagonistinnen mit ihrem bezaubernden Charme möchte ich lieber nicht anfangen zu schwärmen: Camille, Florence sowie Camilles Mutter, Catherine. Dazu kommt die fröhliche karibische Atmosphäre. Wir können geradezu die feuchte Wärme spüren, wie sie dort den ganzen Körper umhüllt, herrliche Erinnerungen!

Eine Zeit lang liefen Agatha-Christie-Serien: Miss Marple zum Beispiel, oder Hercule Poirot. Agatha Christie garantiert gepflegte, geistvolle Krimi-Unterhaltung. Zur Zeit gibt’s (nicht von Agatha Christie) Miss Fishers mysteriöse Mordfälle. Dabei handelt es sich um eine australische Serie. Sie spielt in den zwanziger Jahren. Wenn schon nichts anderes, so ist die Garderobe der Protagonistin Phryne Fisher in ihrer Eleganz sehens- und beneidenswert. Des weiteren schauen wir gerne die Murdoch Myteries. Die spielen in Toronto in den 1890er Jahren. Und so weiter. Ich will mich nicht in Aufzählungen verlieren.

Es gibt nämlich eine Serie, die für mich fest im Mittelpunkt steht, und das ist der Inspektor Barnaby. Auf Englisch heißt sie Midsomer Murders. Midsomer ist jene fiktive Grafschaft, in welcher diese Kriminalfälle angesiedelt sind; Hauptstadt: Causton. Als Namensgeber diente die Ortschaft Midsomer Norton, die allerdings woanders, nämlich in Somerset liegt. Nicht nur stimmt die Landschaft dort nicht mit jener der Fernsehserie überein, auch der Charakter der Ortschaft dürfte ein völlig anderer sein. Dessen ungeachtet stahlen die ursprünglichen Autoren auch etliche der pittoresken Ortsnamen – Midsomer Magna zum Beispiel, oder Midsomer Morton. Abgesehen davon, gibt’s aber keine Verbindung zwischen dem wirklichen Midsomer Norton und dem fiktiven Midsomer im TV.

Es ist einmal errechnet worden, dass Midsomer in Anbetracht seiner Größe wahrscheinlich die fiktive Krimi-Örtlichkeit mit der höchsten Mordrate ist. Spielte sich das alles in Wirklichkeit ab, wäre längst der Notstand ausgerufen worden.

Im Mittelpunkt der Serie steht, wie das so üblich ist, der untersuchende Kriminalbeamte, in diesem Falle DCI (Detective Chief Inspector) Tom Barnaby. Ihm gehen wechselnde Assistenten zur Hand. Zunächst ist das DS (Detectice Sergeant) Gavin Troy, später DS Ben Jones. Weitere folgen. Des weiteren gibt’s Dr. George Bullard, den Gerichtsmediziner und Forensiker. Im privaten Bereich wäre zunächst Tom Barnabys Ehefrau zu nennen, Joyce, die ständig irgendwelchen mehr oder weniger ausgefallenen Aktivitäten nachgeht und solcher Art in manche der Mordfälle verwickelt wird. Sie ist eine meiner Lieblingsfiguren, I love her. Außerdem gibt’s die Tochter, Cully, die versucht, eine Karriere als Schauspielerin zu starten.

Der eigentliche Reichtum der Serie liegt jedoch in ihren Schauplätzen sowie den auftretenden Figuren. Gedreht wurde hauptsächlich in Oxfordshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und Bedfordshire. Dabei handelt es sich um so genannte Home Counties (außer Oxford, um pedantisch zu sein). Dementsprechend idyllisch sind die Lokalitäten: ein Haus pittoresker als das andere, wunderschön gepflegte Gärten, geschmackvolle Inneneinrichtung. Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass es auch Ausnahmen gibt; aber sie erscheinen doch recht dünn gesät. Und diese Häuser, diese Ortschaften samt village green und village pub werden von Leuten bevölkert, die in ihrer Exzentrik durchaus als typisch bezeichnet werden dürfen (oder zumindest: nicht untypisch).

Tatsächlich hab’ ich immer das Gefühl, all diese Lokalitäten schon einmal gesehen zu haben, all diesen Figuren schon begegnet zu sein. Dabei bin ich an den eigentlichen Drehorten gar nicht heimisch, bin an den meisten nie gewesen. Mein home turf, meine englische Heimat findet sich in West Berkshire sowie Wiltshire, also ein bisschen weiter westlich. Das macht aber keinen Unterschied. Wenn ich Midsomer Murders schaue, fühlt sich das an wie eine Heimkehr.

Typisch also gerade wegen ihrer Exzentrik: Besucher aus unseren Breiten zeigen sich immer verblüfft vom Ausmaß, in dem sich Engländer und besonders Engländerinnen individuell kleiden, ohne Rücksicht auf die Mode oder das Urteil der Mitbürger – die sich allerdings eines solchen Urteils enthalten. Each to his own. Ich kann mich erinnern, wie meine Freundin Trish eines Jahres, bereits über sechzig Jahre alt, mit kurz geschnittenen, kräftig violett gefärbten Haaren beim Festival Ways With Words in Dartington Hall aufkreuzte. Dieses Festival, seine Teilnehmer sowie die Location würden sich übrigens als ideale Schauplätze für Midsomer Murders-Folgen anbieten. Aber das nur nebenbei. Trish’s knalliges Erscheinungsbild fiel jedenfalls in Dartington Hall kaum auf. Erst als wir eines Abends in einem etwas entfernt liegenden Pub saßen und aufs Essen warteten, erregte sie die Aufmerksamkeit eines Kindes am Nebentisch. Es konnte sich kaum beruhigen, so sehr sich seine Eltern auch bemühten.

Midsomer Murders ist eine höchst populäre Serie, nicht nur bei uns, sondern ebenso in England. Es fragt sich, was sie so beliebt macht. Eine einfache Antwort wird’s, glaube ich, nicht geben. So viele Morde sich da ereignen, und so brutal sie zum Teil ausgeführt werden – was man freilich nie zu sehen bekommt –, irgendwie fehlt der brutale, der tödliche Ernst anderer Serien. Ich möchte nicht behaupten, da sei Ironie im Spiel, aber doch ein gewisser Charme (wenn man den scheinbaren Widerspruch tolerieren will). Da ich die Episoden nun bereits das zweite oder gar dritte Mal sehe, stehen die Kriminalfälle gar nicht mehr im Vordergrund, sondern eigentlich das Verhalten der diversen Gestalten. Das könnte ich mir gut und gerne noch ein paar Mal anschauen.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zu diesem Wieder-Sehen: Zunächst sollte ich betonen, dass ich sehr wohl erkennen kann, wenn ich eine Folge schon gesehen habe. Aber was ihren Inhalt betrifft, wie sie verläuft, wer sich schließlich als Bösewicht entpuppt – das hab’ ich in den meisten Fällen vergessen. In diesem Sinne sehe ich die Episode also zum ersten Mal. Aber nicht ganz: Ich leide nämlich nicht mehr unter unerträglicher Spannung, ich brauch’ mich nicht mehr zu fürchten. Das stellt einen Vorteil dar, welcher nicht zu verachten ist!

Unabweisbar fällt mir Alfred Hitchcock ein, der Meister filmischer Spannung. Im Privatleben, so habe ich einmal gelesen, ertrug er absolut keine Spannung. Nicht die geringste. Er konnte es nicht einmal ertragen, am Morgen, wenn er das Haus verließ, nicht zu wissen, was es zu Mittag zum Essen gab!

Zurück nach Midsomer. Eine Bekannte hat kürzlich leicht verächtlich gemeint, die Serie befriedige die nostalgische Sehnsucht der Engländer nach einer vergangenen Idylle. Das stimmt insofern, als die Idylle nicht nur da ist, sondern vor allem unübersehbar. Aber das bildet doch nicht die ganze Wahrheit. Man nehme bloß die bereits erwähnten Häuser: Jedem Engländer ist völlig klar, dass die Personen, so wie sie dargestellt werden, in Wirklichkeit niemals in solch teuren Liegenschaften wohnen, geschweige denn solche besitzen könnten. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung des Lebens in diesen Ortschaften – National Trust-Dörfer, bin ich versucht, sie zu nennen –, allerdings ist diese Darstellung so offensichtlich idealisiert, dass sie beim besten Willen nicht ernst genommen werden kann. Das, so glaube ich, ist ein wesentlicher Bestandteil der Serie: Die Engländer sehen zwar die Idylle, sie erkennen sie auch als solche, und sie lassen sich allzu gerne von ihr verführen – aber gleichzeitig erkennen sie auch das Künstliche, und so können sie gar nicht anders, als über ihre eigene Nostalgie zu lächeln. Was sie sehen, ist nicht nur typisch englisch (zumindest typisch für die Home Counties), es ist allzu typisch. Aus dem Bewusstsein dieser Doppelbödigkeit ergibt sich jener gute Schuss Ironie, mit welcher die Serie konsumiert werden sollte – und die ihren eigenartigen englischen Charme ausmacht.

Ihre Popularität hat dazu geführt, dass sie auch nach Ausscheiden von John Nettles, dem Darsteller des Tom Barnaby, weitergeführt wurde. In unserem Fernsehen läuft sie bis heute. Wenn der Vorrat an Episoden erschöpft ist, fangen sie von vorne an. Mein einziger Wunsch: auch andere Serien wieder bringen! Lewis, zum Beispiel, oder Inspector Lynley. Im englischen Fernsehen gibt’s übrigens noch mehr Serien von der Art, wie ich sie hier angepriesen habe. Meine Favoriten: New Tricks, oder (gleichrangig) Foyle’s War, das während des Zweiten Weltkrieges spielt. Die Nachstellung dieser vergangenen Welt, dieses period drama, das gehört eindeutig zu den Stärken des englischen Fernsehens.

Genug der Lobgesänge. Wie weit gestreut die Popularität von Midsomer Murders ist, möge folgende Episode verdeutlichen: Da wurde einmal die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Staatsbesuch im Vereinigten Königreich erwartet. Der Premierminister damals war David Cameron. Merkel äußerte einen speziellen Wunsch: Sie wollte John Nettles kennenlernen, den Darsteller des Inspector Barnaby.

Aus nicht näher genannten Gründen kam das Treffen nicht zustande. Die deutsche Bundeskanzlerin wurde mit einem DVD-Set abgespeist. Eigentlich ein Affront, wenn man’s recht bedenkt, obwohl Angela Merkel in ihrer bekannt geduldigen Art keinerlei Reaktion zeigte. Aber um derart arrogant unhöflich (oder gar grob) zu sein, dazu braucht es wohl Eton, Oxford und den Bullingdon Club.

Alpenfeuilleton

Der Aff’, der daneben griff

Es besteht zwar aktueller Anlass, nämlich Lawinenunglücke sowie Lawinentote (15 allein während der letzten Saison in Tirol), trotzdem reisen wir ein Stück zurück in die Vergangenheit: Damals kam ein junger Snowboarder, ein Schüler, auf der Seegrube ums Leben, weil er in einen Lawinenhang eingefahren war. Der war zwar gesperrt, ordnungsgemäß abgesichert und mit unübersehbaren Warnschildern versehen, aber wir wissen ja, wie viel so was unter Umständen nützt.

Prompt ergab sich eine öffentliche Debatte, was man gegen derlei Unfälle unternehmen könne. Und ebenso prompt meldete sich ein Schilehrer oder Tourenführer (oder so was Ähnliches) zu Wort und meinte, man müsse die Jugendlichen besser aufklären. Die Schule! Klar, die tat zu wenig, die müsse endlich mehr tun, das sei wichtiger als…

Wenn man zusammenrechnete, was alles inzwischen schon wichtiger war als der reguläre Unterricht, dann blieb für diesen nicht mehr viel übrig. Aber das nur nebenbei.

Besagter Schi-Mensch sagte aber noch was: Die Unterweisung müsse in der Sprache der Jugendlichen erfolgen, sonst würden die nicht zuhören, Ratschläge der jeweiligen Lehrer, Schilehrer oder Lawinenexperten nicht befolgen, deren Warnungen in den Wind schlagen.

Und da, an diesem Punkt, wurde es mir zu viel.

Wenn ein Jugendlicher den Belehrungen, Anweisungen und Warnungen Erwachsener, noch dazu sachkundiger und erfahrener Erwachsener, nicht Folge leisten will, so endet die Verantwortung von uns Erwachsenen oder der Gesellschaft als Ganzem, die ja auch so gerne herangezogen wird. Wenn der Jugendliche trotz allem in den Lawinenhang einfährt, so wird man ihn nicht daran hindern können. Er tut’s auf eigene Gefahr. Und wenn er umkommt – nun, dann haben wir’s ausnahmsweise einmal mit echter, nämlich natürlicher Selektion zu tun, nicht bloß mit sozialer, also unechter und verfälschender. Eine Lawine ist ein Naturphänomen.

Aber diese Sichtweise bedurfte schon damals und bedarf auch heute noch einer Erläuterung. Woran ich dachte, das war ein Beispiel, welches Konrad Lorenz einmal zur Illustration der Darwin’schen Thesen anführte: Der Affe, so sagte er, der mangels dreidimensionaler Vorstellungskraft neben den nächsten Ast griff und abstürzte, der gehört gewiss nicht zu unseren Vorfahren.

Das ist ein klassisches Beispiel für Selektion – für die richtige, wohlgemerkt, nämlich die natürliche, will sagen: jene durch die natürliche Umwelt. Wenn wir heutzutage von Selektion reden, dann meinen wir meist die gesellschaftliche, also die Auswahl aufgrund gesellschaftlich geschaffener und etablierter Kriterien. „Der Tüchtige“, zum Beispiel. Denn was heißt schon tüchtig? Gemeint ist damit doch bloß der wirtschaftlich Erfolgreiche. Aber wie tüchtig ist der im Vergleich zu einer Frau, die nicht bloß in ihrem Beruf bestehen muss, sondern auch den Haushalt schupft und die Kinder betreut?

„If wealth was the inevitable result of hard work and enterprise, every woman in Africa would be a millionaire“, hat der britische Journalist George Monbiot einmal festgestellt: Wenn Reichtum wirklich das unweigerliche Ergebnis von harter Arbeit und Unternehmungsgeist wäre, dann wäre jede Frau in Afrika Millionärin.

Wenn ein Jugendlicher hingegen unter eine Lawine gerät, weil er zu arrogant war, bei der Lawinenkunde aufzupassen oder den Warnschildern zu glauben – nun, dann verhält es sich mit ihm wie mit dem Aff’, der daneben griff. Natürliche Selektion. Wir sollten das unseren Jugendlichen einbläuen. Dann könnten wir uns viel Zeit und viel Geld für pädagogisch vorgekaute und fürsorglich eingespeichelte Unterweisung ersparen.

Alpenfeuilleton 20.4.2022