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Emma Peel im Karzer

Letzten September ist Diana Rigg verstorben, im Alter von 82 Jahren. Dame Diana Rigg, müsste es eigentlich heißen, DBE: Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire. Sie war eine großartige Schauspielerin in zahllosen Bühnen- und Filmrollen, nicht zuletzt als Shakespeare-Darstellerin. Leider hab’ ich sie nie auf der Bühne gesehen, im Unterschied zu Freunden, die sehr wohl das beneidenswerte Privileg genossen, ich glaube bei einer Freilichtaufführung im Regent’s Park.

Nein. Warum ich mit quasi freundschaftlicher Wehmut an Diana Rigg denke, das ist wegen ihrer Darstellung der Emma Peel in der Fernsehserie The Avengers, bei uns bekannt als Schirm, Charme und Melone. Verkürzt hieß das bei uns bloß Schirm Charme, im Laufe der Zeit verballhornt zu Schrimm Schramm. Das änderte freilich nichts an der Bedeutung dieser Serie für uns Teenager. Diana Rigg wirkte von 1965 bis 1968 mit, immer an der Seite von Patrick Macnee, der den Erz-Gentleman John Steed verkörperte.

Wir durchlebten die sechziger Jahre. Es dürfte heute nur sehr schwer zu beschreiben sein, was die bedeuteten. Ich war damals im delikaten Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Als mir ein Klassenkollege zum ersten Mal eine Schallplatte lieh, eine 45er, wie’s damals hieß, weil sie mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen war – als ich also diese Schallplatte daheim auflegte, in der Musiktruhe meiner Eltern, und als ich Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hörte, da trat ich in eine neue Welt ein: eine bunte Welt voll aufregender Klänge, eine moderne Welt, eine jugendliche Welt. Kurz darauf hörte ich „Paint it black“ von den Rolling Stones. Ich verfiel dieser Musik und bin ihr bis heute verfallen geblieben.

Und diese neue Welt, diese Modernität – zu der gehörten eben auch Emma Peel und John Steed. Emma Peel trug immer die neuesten Klamotten, nicht zuletzt atemberaubend kurze Kleider. Außer es ging dem Höhepunkt der jeweiligen Folge zu: Dann hatte sie ebenso sensationelle Hosenanzüge an, auch sie damals aufregend neu. „Nahkampfanzug“, pflegten wir zu sagen. Denn dann kam Emmas Karate zum Einsatz.

Wenn man sich die Folgen heute ansieht, dann staunt man einerseits, wie kostensparend sie gemacht wurden, besonders die ersten Staffeln. Schwarz-weiß, versteht sich, aber was anderes gab’s ohnehin nicht in unseren Fernsehern. Andererseits waren die Episoden ungeheuer spannend. Besonders natürlich, wenn Emma Peel in Bedrängnis geriet. Trotzdem gingen sie immer gut aus – klar, sonst hätt’s ja keine Fortsetzung gegeben –, außerdem waren sie insgesamt nicht ganz ernst gemeint. Da traten exzentrische englische Typen auf, die irgendein verschrobenes Hobby bis zum Exzess, bis zur angestrebten Weltherrschaft verfolgten. Genau dieser Humor sprach uns an: cool!

Als Teenager im Stadium des hormonellen Irreseins lasen wir das Bravo. Eigentlich muss es heißen: wir lasen nur das Bravo. Ob das heute noch ein Begriff ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir brauchten es für die Nachrichten aus der Londoner Musikszene. Alles andere interessierte uns höchstens am Rande. Nun brachte dieses Bravo aber eine riesige Emma Peel zum Ausschneiden, verteilt auf mehrere Folgen. Zufällig bin ich im Web jüngst wieder darauf gestoßen (und um ehrlich zu sein, bildete eben dies den Anstoß für meine Erinnerungen).

Wir sammelten die Teile, setzten sie zusammen und klebten die übermannsgroße Figur an die ansonsten leere Rückwand unseres Klassenzimmers.

Die Reaktionen der werten Lehrkräfte fielen unterschiedlich aus.

„Da brauch ich keine Brillen mehr“, sagte der Physik- und Mathematiklehrer anerkennend. Trotzdem ließ er uns das Bild wieder abnehmen. Er hatte Angst vor den Vorgesetzten.

Ähnlich reagierte die Philosophie- und Psychologieprofessorin. Sie trug selbst den Vornamen Emma. Auch sie bat uns, bei aller Sympathie, das Bild abzunehmen. Andere Herrschaften reagierten nicht so gelassen, manche fassten Emma Peel als Provokation auf. Und da kam es zu Wortwechseln, bei denen ich mich – mehr als fünfzig Jahre später sei’s gestanden – unrühmlich hervortat. Das führte in weiterer Folge zu einer Disziplinarkonferenz, ich bekam einen Karzer aufgebrummt. Der war allerdings nicht in einem Verließ im Keller abzusitzen, sondern bloß wie eine längere Schulhaft (die’s damals sehr wohl noch gab). Wie lange, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Emma Peel war zwar nicht der direkte Grund, aber doch immerhin der indirekte. Man wird verstehen, dass mich mit ihr, mit ihrer Darstellerin Diana Rigg seit damals so eine Art Spezialverhältnis verband – ganz einseitig, versteht sich, und aus weiter Ferne.

Quizfrage an Alters- und Gesinnungsgenossen: Welches Auto fuhr Emma Peel?

Abbildung: http://www.lagarden.de/starschnitt/1967/1967.html

Glauben

Es ist schon einige Zeit her, da ging’s mir gar nicht gut, und so fand ich mich in der Ordination eines Facharztes wieder. Der stellte mir zu Beginn der Untersuchung eine Menge Fragen, wie das so üblich ist.

„Ich glaub’ schon“, antwortete ich auf eine davon.

„Glauben tut man in der Kirche“, schnappte er zurück.

Na ja.

Bloß wiederholte sich das einige Male, und da riss mir in meinem angeschlagenen Zustand denn doch die Geduld.

„Hören S’ auf“, fuhr ich ihn ungewöhnlich heftig an, „vom Glauben versteh’ ich mehr wie Sie.“

Was ihn trotz seines forschen Auftretens stutzen ließ; mein Tonfall vermutlich mehr als meine Worte.

Aber es stimmte schon: Übers Glauben hatte ich sicher mehr nachgedacht als er. Als Autor eines einschlägigen Buches (Nicht zu glauben, 2006) wird man hierzulande ja dauernd in Diskussionen verstrickt. Und da kommt ein Argument so sicher wie’s Amen im Gebet:

„Sie glauben doch auch. Alle glauben wir.“

Gemeint ist damit der Glaube an die Wissenschaft. Wenn die Physik sagt, Materie bestehe aus Molekülen und die wieder aus sausenden Atomen, dann müssen wir das glauben. Wissen tun’s die wenigsten unter uns.

Und gemeint ist damit weiters: Wenn wir an sausende Atome glauben, dann können wir genau so gut an die Dreifaltigkeit glauben, an die Transsubstantiation, oder an den Papst und die Bischöfe und die Unauflöslichkeit der Ehe, kurz: an die ganze katholische Theologie.

Letzteres ist natürlich eine intellektuelle Abkürzung, ein Kurz-Schluss, das ist leicht zu sehen. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Glauben an sich. Übersehen wird da – geflissentlich? –, dass wir das Wort glauben in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Ich hab’ bisher mindestens vier ausgemacht.

Erstens der Glaube im religiösen Sinne: Der verlangt von uns, auch noch das Unwahrscheinlichste zu glauben, selbst wenn’s nicht die geringste Evidenz gibt. Man spricht vom sacrificium intellectus.

Dann gibt’s zweitens den Glauben, den wir der Naturwissenschaft entgegenbringen, der Technik und der Medizin. In diesem Falle ist der Glaube jedoch gut abgesichert durch Erfahrungswerte. Wir haben gelernt, dass die Voraussagen in solchen Disziplinen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eintreffen. Unser tägliches Leben baut darauf auf: Wir leben im dritten Stock eines Wohnhauses, welches normalerweise nicht zusammenbricht; wir fahren mit dem Bus; wir überqueren in selbigem eine Brücke – und so weiter, und so fort. In all diesen Fällen steht der Glaube keineswegs im Widerspruch zur Vernunft, ganz im Gegenteil: Es wäre ausgesprochen unvernünftig, nicht zu glauben!

Im Alltag bestätigt sich das auf eine weitere Weise: Denn unser Zusammenleben beruht ebenfalls auf sehr viel Glauben. Wenn ich jemanden anrufe und ein Treffen um drei Uhr nachmittags im Café Katzung ausmache (natürlich vor oder nach Corona), dann glauben wir einander. Warum? Ganz einfach: aufgrund unserer Erfahrung, nicht nur miteinander, sondern mit so vielen anderen Menschen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

Wie vernünftig dieser Glaube ist, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Irgendwo im Hinterkopf, ganz klein und ganz versteckt, kalkulieren wir trotz allem die Möglichkeit ein, dass etwas schief gehen könnte, ja sogar – im Falle eines bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Menschen – die Möglichkeit einer Unehrlichkeit. Die mag uns vielleicht überraschen, aber erschüttern wird sie uns nicht. Und warum? Aufgrund der Erfahrung.

Aktuell handelt es sich um eben diese Art des Glaubens, wenn wir uns mit Konträren streiten: welchen Quellen, welchen Autoritäten wir glauben sollen, und welchen nicht.

Um die Aufzählung zu vervollständigen, seien zwei weitere Bedeutungen des Wortes glauben angeführt: Nämlich drittens als Vermutung – „Ich glaub’, ich hab’ mir einen Schnupfen geholt.“ In diesem Sinne hab’ ich das Wort bei unserem Herrn Doktor verwendet. Viertens gibt es noch den Glauben an Werte. Ich glaub’ zum Beispiel, dass Menschen einander helfen oder sich zumindest das Leben nicht schwerer machen sollen, als es ohnehin schon ist. Das ist keinesfalls selbstverständlich: siehe unsere Wirtschaftsliberalen. Begründen kann ich meinen Glauben letztlich nicht – es gibt keinen Beweis, höchstens Indizien.

Inzwischen waren die Untersuchungen an ihr Ende gekommen.

„So“, sagte der Herr Doktor, „jetzt schicken wir Sie noch zum CT, dann sehen wir weiter.“

„Glauben S’?“, lag es mir auf der Zunge zu fragen.

Aber das hab’ ich mir dann doch verbissen.

 

Rituale

Vor langer, langer Zeit machte ich mich einmal in einer Glosse über den außer Rand und Band geratenen Weihnachtsrummel lustig. Angesichts all der Dekoration, all der Leuchten und Girlanden, so schrieb ich, komme mir unweigerlich der gute alte Travnicek in den Sinn, der sich bei solcher Lichterpracht nur eines wünschte:

„An Kurzschluss.“

Inzwischen hat sich der Wahnsinn noch gesteigert, indem an jedem Haus – na ja, an fast jedem Haus – schon LED-Lichterln blinken, womöglich gar Rentiere in die Gegend glotzen. Der Aufwand verhält sich umgekehrt proportional zur Ehrlichkeit der Gefühle.

Heuer kriegen wir vom Weihnachtsrummel nicht gar so viel mit – meine Wenigkeit praktisch überhaupt nichts –, manche sind froh, Weihnachten überhaupt noch erlebt zu haben, und der Wunsch „ein gesundes Neues Jahr“ hat sinistre Bedeutung gewonnen. Da bleibt einem der Spott im Halse stecken.

Von „neu besinnen“ möchte ich schon gar nicht reden. Das ist auch so eine Floskel. Aber vielleicht erinnern wir uns an etwas anderes: ans Ritual. Das haben wir als Kinder doch so geliebt an dem Fest: die knisternde Spannung, wenn das Wohnzimmer verschlossen war, weil dort das Christkind werkte. Am Vierundzwanzigsten wurden wir nachmittags zur Großmutter expediert, um daheim nicht im Weg zu sein, und auch dies gehörte zum Weihnachtsritual. Später zum Friedhof; wir besuchten das Grab des Großvaters. Ich erinnere mich an einen solchen Besuch: Es hatte große Mengen geschneit, wir mussten knietief zum Grab waten; es war bereits finster, aber auf den Gräbern flackerten Kerzen und drunten, weit entfernt, funkelten die Lichter von Innsbruck (das spielte sich am Mühlauer Friedhof ab, einem Kleinod für sich).

Danach heim, warten bis… ja, bis das Glöckchen klingelte, und dann ging die Tür auf, der Christbaum in seiner vollen Pracht, die Krippe, die Geschenke. Aber auf die durften wir uns nicht stürzen, keineswegs! Zuerst wurde gesungen: Stille Nacht, Heilige Nacht. Wir sangen tatsächlich selbst, mehr schlecht als recht, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Es gehörte einfach dazu, und das Lied – nun, es hat seine ganz eigene Magie, die immer berührt, ganz egal, wie alt man ist oder wo man’s hört. Mein fröhlichstes Hörerlebnis fand am Greenmarket Square in Kapstadt statt, ich saß im kurzärmeligen Hemd vor einem Café im Freien und nippte an meinem Cola, da intonierte es ein Straßenmusikant auf seiner Trompete anlässlich des Ersten Adventsonntags.

Nach dem Singen kam die eigentliche Bescherung – auch wohlgesittet, unsere kleine Schwester suchte die Päckchen aus und verteilte sie, eines nach dem anderen und schön ausgewogen. Wir schauten beim Auspacken zu und freuten uns mit den Beschenkten.

Wenn die Bescherung vorbei war, gab’s das Essen. Geselchte Zunge mit Kartoffelpüree und grünen Erbsen, so wie immer. Und danach waren wir alle so satt, da verkroch sich jeder oder jede in ein Eck und begann zu lesen, denn Bücher machten die Mehrheit der Geschenke aus. Bis es Zeit wurde für die Mette.

Natürlich ging’s mit den Ritualen weiter, ganz ausgeprägt zu Silvester. Da spielten wir leidenschaftlich. Zu Dreikönig, dem letzten Tag der Ferien, wurde der Christbaum abgebrannt, wie wir sagten, das heißt wir saßen alle zusammen im Esszimmer und ließen die Kerzen herunterbrennen, bis die letzte verlöscht war (unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich). Am nächsten Tag wieder in die Schule, mit dem Bewusstsein, wunderschöne Ferien verbracht zu haben.

Und warum?

Wegen der Rituale. Ich glaube, wir haben ein bisschen vergessen, wie wichtig die sind, gerade für Familien. Nicht nur zu heiligen Zeiten, wie’s so schön heißt, sondern jeden Tag: Einmal im Tag kommt eine ordentliche Familie zusammen, beim Essen, meistens wird das heutzutage am späten Nachmittag sein, um Familienangelegenheiten zu besprechen, Neuigkeiten auszutauschen, Leute auszurichten („analysieren“, haben wir das genannt) – und um miteinander zu lachen. Bei uns fand das Abendessen um halb sieben statt, wer nicht anwesend sein konnte, musste das der Mutter rechtzeitig mitteilen. Das war eine eiserne Regel.

Na ja, und in diesem Sinne darf ich Ihnen gelungene Feiertage wünschen. Die bräuchten nicht viel Geld und keine blinkenden LED-Lichterln. Sie würden sogar dem Sarkasmus eines Travnicek widerstehen: Gott sei Dank, so wird ihm vorgehalten, gibt’s noch Leut’, die ans Christkind glauben.

„Ja“, brummt er, „die Geschäftsleut.“

Bronner / Qualtinger, „Travniceks Weihnachts-Einkäufe“

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.

Bisch a Luada

Es ist schon wieder einige Zeit her, seit das Wörtchen Luder für Aufregung sorgte. Um selbige, nämlich um die Aufregung, soll’s hier allerdings nicht gehen. Ich erinnere mich, damals irgendwo die Behauptung gelesen zu haben, Luder werde ausschließlich für weibliche Personen verwendet und ausschließlich abwertend. Und da protestierte meine Pedanterie. Ich hab’ nämlich heute noch die Stimme meines Vaters im Ohr, wenn er zu mir sagte:

„Bisch a Luada.“

Das war eindeutig anerkennend gemeint, wenn ich eine kniffliges Problem mit Witz, List oder Geschick gelöst hatte. Und ich bin männlichen Geschlechts.

So einfach ist die Sache also nicht.  Früher pflegten wir nämlich auch zu sagen:

„Der Ehrgeiz isch a Luada.“

Womit ich nicht die geringste Absicht bekunde, den Herrn Landesrat zu entlasten. Der hat’s, soweit ich das abschätzen kann, genau so gemeint, wie’s ihm unterstellt wurde, der Unmut entlud sich folglich zu Recht über seinem Haupte. Es ist bloß so, dass oben angeführte Behauptung zu kategorisch war. Es gibt Ausnahmen.

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Wir wollen den verbleibenden Platz daher mit Erfreulicherem füllen – den stehenden Sprüchen zum Beispiel, mit welchen mein Vater gewisse Tätigkeiten zu begleiten pflegte. Nehmen wir an, wir befänden uns in jenem Kellerraum unseres Wohnhauses, der unter anderem auch als Werkstatt diente. Ein Handmixer liegt auf der Werkbank, zu jener Zeit das Neueste vom Neuen. Aber er funktioniert nicht: genau die Herausforderung, die mein Vater liebte. Er zerlegte das Gehäuse – damals noch möglich, da die beiden Hälften nicht verschweißt waren, sondern von kleinen Schrauben zusammengehalten wurden. Nun ging’s an die Fehlersuche. Wenn die vergeblich blieb, dann kam der Seufzer:

„Mich laust der Affe.“

Wenn sie hingegen zu einem eindeutigen Ergebnis geführt hatte, quittierte mein Vater dies mit den Worten:

„Da liegt der Hund begraben!“

Oder aber, bei anderer Gelegenheit:

„Hinc illae lacrimae.“ (Daher also die Tränen.)

Nun musste ein Weg gefunden werden, den Fehler zu beheben. Es mochte sein, dass sich unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg stellten, sodass ich willens war, das Unternehmen als gescheitert aufzugeben. Nicht so mein Vater:

„Noch ist Polen nicht verloren!“

Es mochte aber auch sein, dass ich mit meinen jüngeren und deshalb schlankeren Fingern eine Stelle erreichte, die sich seinem Zugriff entzog.

„Bisch a Luada!“

Oder aber auch:

„Bisch a Hund.“

Schließlich hatten wir den Fehler behoben – hofften wir zumindest – und die dünnen Drähte mussten wieder an ihren angestammten Platz gebracht werden.

„Und verlegen sie genau in den Hof der guten Frau.“

Wilhelm Busch, wie die meisten noch wissen dürften, und den zitierte mein Erzeuger mit Vorliebe.

Die blanken Enden der Drähte wurden angelötet oder mit winzig kleinen Schrauben festgeklemmt. Mein Vater überprüfte gewissenhaft den festen Sitz.

„Hängt von Hengkovic“, stellte er zufrieden fest.

Nun kam ein kritischer Schritt: der Probelauf.

„Jetzt kommt der Moment, wo der Aff’ ins Wasser rennt.“

Und wenn das Werkl funktionierte, wie’s sollte, dann hieß es:

„Läuft wie ein Glöckl.“

Das Gehäuse wurde wieder zusammengeschraubt und gereinigt. So übergab er das Gerät meiner Mutter.

„Schöner wie neich!“ (neu)

Mein Leben gehört mir

Bekanntlich läuft derzeit so etwas wie eine Kampagne, um jene strengen Paragraphen im österreichischen Strafgesetzbuch zu streichen oder doch wenigstens zu mildern, welche Sterbehilfe verbieten (auf Einzelheiten wollen wir uns hier nicht einlassen). Vor ein paar Tagen wurde ich zufällig Zeuge einer einschlägigen Diskussion im Fernsehen. Und da sagte der Verfechter der Sterbehilfe – seinen Namen hab’ ich leider vergessen, bitte um Entschuldigung –, folgenden Satz:

„Mein Leben gehört mir.“

Und er führte Begriffe wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit ins Treffen.

Nun ist es so, dass ich in dieser Angelegenheit auf seiner Seite stehe. Ich halte es für äußerst wichtig, dass Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie sich dazu entschließen. Gerade im Falle einer unheilbaren Krankheit, noch dazu womöglich in hohem Alter muss es diese Option einfach geben. Da geht’s nämlich um die Würde eines Menschen, um einen würdigen Abgang, wenn man so will. Ich sag’ das aus eigener Erfahrung – nicht weil ich selbst schon gestorben wäre (obwohl mich manche für einen schreibenden Zombie halten mögen), sondern eingedenk des Sterbens nächster Angehöriger.

Trotzdem zuckte ich bei dem Satz zurück: Mein Leben gehört mir. So kategorisch hätte ich das niemals ausgedrückt. Mit der angeblichen Eigenverantwortung und der Entscheidungsfreiheit möchte ich mich in diesem Falle erst gar nicht auseinandersetzen. Hier geht es um die Frage, ob unser Leben wirklich uns gehört, ausschließlich uns allein: genau so umfassend, wie das der Herr formuliert hat, und genau so ausnahmslos. Wir wollen einmal annehmen, er sei wirklich derart selbständig, derart eigenbestimmt, wie er den Eindruck erweckt. Aber selbst der tüchtigste self-made man ist doch nicht wirklich self-made, oder? Die Vorstellung ist einfach lächerlich, so eine Art masturbatorischer Parthenogenese. In Wirklichkeit kommt auch er aller Wahrscheinlichkeit nach in einem technisch bestens ausgestatteten Kreißsaal zur Welt, mit der Hilfe von Hebammen und Gynäkologen. In weiterer Folge gibt’s den Mutter-Kind-Pass, und dann Kindergarten, Schule, Universität. Aber selbst wenn unser Genie all das nicht in Anspruch nähme, dann bliebe immer noch der Schutz, den er genießt, von der Polizei über die Justiz bis hin zur Datenschutzverordnung. Strom, Wasser, asphaltierte Straßen. Sollte unser self-made man in weiterer Folge seinem Namen alle Ehre machen und Milliarden scheffeln, so ist auch dies nur möglich, weil die Gesellschaft (a) solches zulässt und (b) seinen Hort schützt.

Und dann will er daherkommen und behaupten, sein Leben gehöre ausschließlich ihm?

Wohlgemerkt: Ich will nicht das Gegenteil behaupten, keineswegs! Ich hab’ noch immer den sarkastischen Tonfall meines Vaters im Ohr, sehe sein süffisantes Grinsen, wenn er die Parole der Nazis wiederholte: „Nicht wichtig ist, dass du lebst, wichtig ist, dass Deutschland lebt!“ Nichts hätte mir besser beibringen können, wie idiotisch so ein Satz ist – und das von Kindesbeinen an.

Aber wenn etwas nicht weiß ist, dann muss es deswegen noch lange nicht schwarz sein. Tatsache ist doch, dass wir den Anderen sehr viel in unserem Leben schulden. Das mag die Familie sein, die nähere Umgebung, die Kommune, bis hin zur viel bemühten Gesellschaft, zum Staat (oder entsprechenden Einrichtungen, zum Beispiel der EU). Diese Schuld ist da, ob’s uns passt oder nicht. Und deshalb hat die Gesellschaft ein gewisses Recht auf unser Leben. Im Extremfall eines Krieges kann dies sogar ganz wortwörtlich zum Tragen kommen: Man denke bloß an Großbritannien und die USA im Zweiten Weltkrieg. Wenn sich die jungen Männer in diesen Demokratien damals auf den Standpunkt gestellt hätten, ihr Leben gehöre ausschließlich ihnen selbst, dann wären wir – meine Generation hier in Österreich – schön dagestanden.

Natürlich, das ist schon klar: Bis zu welchem Maß die Gesellschaft Rechte geltend machen darf, das ist Gegenstand einer andauernden Diskussion. Die Grenze wird sich ständig verschieben, möglicherweise unter heftigen Auseinandersetzungen. Aber einfach so: „Mein Leben gehört mir“? Nein, tut mir leid, so funktioniert das nicht.

Mensch, gehn mir die Konträren auf die Nerven!

Man soll nicht emotional werden, immer schön sachlich und ruhig argumentieren. Einverstanden. Trotzdem – einmal, so hat Peter Michael Lingens einst im profil geschrieben, einmal hat selbst der Chefredakteur das Recht, ins Blatt zu kotzen. Da ich weder Chefredakteur bin noch für eine Zeitschrift wie’s profil schreibe, wird’s hier nicht ganz so schlimm werden. Aber immerhin –

Ich bin gewiss kein Facebook-Junkie, aber einmal am Tag schau’ ich doch hinein, um zu sehen, was es Neues gibt. Vor allem interessiert mich, was Bekannte, Verwandte, Freunde etc. gepostet haben; und da wiederum besonders ihre Bilder von Wanderungen, Reisen, sonstigen Unternehmungen. Ziemlich unschuldig, also.

Leider gibt’s unter diesen Bekannten, Verwandten, Freunden etc. auch einige wenige, die sich dem Konträren verschrieben haben. Von denen bekomm’ ich jeden Tag mindestens einen Link zu einer Seite, die jetzt endlich die Wahrheit ans Licht bringt, die Fakten; oder ein Video mit derselben Mission.

An sich wär’ das nicht schlimm. Es kann (und soll) jeder seine Meinung sagen. Zu teilen brauch’ ich sie ja nicht, ebenso wenig wie sie die meine. Aber so kommen diese Konträren ja nicht daher. Die knallen mir ihre Funde ins Gesicht, im Ton unerschütterlicher Gewissheit: Da sind endlich die Tatsachen, die Wahrheit, wir kennen sie, du kennst sie nicht und die dumpfe Masse ebenso wenig. Wir (die Konträren) – und nur wir! – besitzen die Einsicht, durchschauen die bösen Ränke. Am schlimmsten wird’s, wenn sie uns leicht süffisant von oben herab fühlen lassen, wie naiv und autoritätsgläubig alle andern doch sind.

Letzthin bekam ich von einem Bekannten auf Facebook ein Video zugespielt, mit dem enthusiastischen Kommentar: Endlich die Fakten! Manchmal, nur manchmal gebe ich einer Schwäche nach und schau mir das an. In diesem Falle begann der Video-Mann – das Licht der Welt, möchte man glauben – seinen Vortrag, indem er sich vorstellte: Inhaber einer Werbeagentur, Journalist.

Wie bitte?

Im zweiten Satz war bereits von einer „neuen Weltordnung“ die Rede. Da wurde ich denn doch stutzig und forschte weiter. Und was, glauben Sie, entdeckten meine leidgeprüften Augen? Rechte Szene, FPÖ, markige Sprüche hart an der Grenze. Früher war da anscheinend auch was mit Wiederbetätigung.

Nun ist schon klar: Dieser Herr könnte durchaus Recht haben. Das hat mit der politischen Einstellung nichts zu tun. Die Frage ist bloß, ob wir ihm das glauben. Meine Wenigkeit bleibt jedenfalls skeptisch, sehr sogar; und das ist kein Vor-Urteil, bitte schön, sondern ein Nach-Urteil, gefällt eingedenk all der Dinge, welche rechts außen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon verzapft wurden.

Was mich freilich mehr beschäftigt: Wie konnte mein Bekannter mir dieses Video samt enthusiastischem Kommentar schicken? Hat er nicht nachgeschaut? Kritisch hinterfragt? Gerade darauf ist er doch so stolz! Aber es ist schon seltsam, nicht wahr, wie die Erkenntnisse und die Zahlen von konventionellen Wissenschaftlern als Propaganda oder gar Lüge beiseite gewischt werden, jene von Konträren hingegen felsenfest geglaubt.

Und das, selbst wenn es sich um eher fragwürdige „Experten“ handelt. Einer, der mir als anerkannter Mediziner und Wissenschaftler angepriesen wurde, erwies sich tatsächlich als solcher – bloß brillierte er auf einem ganz bestimmten Gebiet, nämlich der Sportmedizin.

Sport!

Darüber hinaus vertreibt er Anti-Ageing-Mittel, verspricht sogar Unsterblichkeit (nicht gleich, zugegeben, aber doch bald). In seiner Heimat, den USA, hätte man früher wahrscheinlich von snake oil-Medizin gesprochen.

Ein anderer Experte entpuppt sich als Gynäkologe, ein weiterer als Zahnarzt. Na ja, vielleicht könnte letzterer dem Corona-Virus wenigstens die Zähne ziehen?

Es gibt keine Pandemie, las ich jüngst in einem Kommentar: alles nur Hysterie, Panikmache, klarerweise zu finsteren Zwecken. Komisch: Die ganze Welt von Brasilien über die USA, Großbritannien und Europa bis nach Russland ringt mit dem, was die WHO als Pandemie definiert hat – nur unser Kommentator an seinem Bildschirm hier in seiner Wohnung in Innsbruck, der weiß es besser. Besser als die ganze Welt!

Aber wie schon gesagt: Möglich wär’s. Möglich wär’ allerdings so ziemlich alles, theoretisch zumindest. Die Frage muss daher sein: Für wie wahrscheinlich halten wir’s? Darauf  mögen die Leserin, der Leser selbst eine Antwort finden.

Und wie ebenfalls schon gesagt: Jeder, jede kann seine oder ihre Meinung haben und selbige auch sagen. Kein Problem. Bloß verschone man mich bitte mit der Heuchelei, Meinungen so zu präsentieren, als handle es sich um Tatsachen, samt all der zugehörigen Besserwisserei und süffisanten Herablassung.

Das nervt!

Liberale Nasenlöcher

Um eines gleich von Anfang an klarzustellen: Es geht hier nicht um das Corona-Virus, um Pandemie oder auch nicht, es geht auch nicht um Gesetze, Verordnungen oder sonstige Maßnahmen, die in diesem Zusammenhang erlassen beziehungsweise verordnet werden – oder auch nicht. Ich werde mich hüten, in diese Debatte zu waten. Sie ist nämlich nicht nur fruchtlos, sondern inzwischen auch schon ziemlich öde.

Zugegeben: Es wird um die unbeliebte Maske gehen, den Mund-Nasen-Schutz (MNS); doch was der werte Leser oder die geschätzte Leserin von dieser Maske halten – oder auch nicht –, das spielt hier keine Rolle. Dafür oder dagegen, sinnvoll oder sinnlos: völlig belanglos.

Hier geht’s um etwas anderes. Gegen den Mund-Nasen-Schutz wird unter anderem auch mit folgendem Argument protestiert: Die Pflicht, eine Maske zu tragen, schränke die Freiheit des Einzelnen ein, sei somit unvereinbar mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie; zusammen mit anderen verordneten Maßnahmen gefährde sie diese sogar.

Und da, bei dem Wörtchen liberal, möchte ich doch Einspruch erheben. So, wie ich den Liberalismus verstehe – mit beschränkter Belesenheit und Auffassungsgabe, zugegeben, besonders im Vergleich zu unseren Konträren –, so wie ich also den Liberalismus verstehe, gibt es eine solche Unvereinbarkeit nicht. Eher im Gegenteil.

Gewiss, das grundlegende Prinzip des Liberalismus besagt, dass niemand legitimerweise gezwungen werden könne, etwas zu tun oder zu unterlassen, nur weil es für ihn besser ist, weil es ihn glücklicher macht, weil es nach der Meinung anderer weise oder gar richtig wäre. So zumindest der Klassiker des Liberalismus, John Stuart Mill (1806–73), in seinem Essay „On Liberty“. Das einzige, was wir in einem solchen Falle tun können, das sei ermahnen, argumentieren, überreden oder vielleicht beschwören. Aber Zwang, womöglich sogar Strafen – nein!

Bloß braucht man nicht lange mit einem Liberalen zu diskutieren, bis der abgedroschene Standard-Satz daherkommt: Meine Freiheit endet da, wo die Rechte des anderen anfangen. Ich will jetzt nicht drauf herumreiten, dass dieser Satz eigentlich sinnlos ist: Denn gerade in städtischen Ballungsräumen leben wir heute so dicht beisammen, dass praktisch jede Freiheit, die ich mir nehme, irgend jemand anderes Rechte verletzt. Weswegen das Prinzip gerne in drastischere Worte gekleidet wird, vorzüglich jene von Oliver Wendell Holmes: „The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins“ – das Recht, meine Fäuste zu schwingen, endet dort, wo die Nase des anderen beginnt. In der Praxis ist das zwar auch nicht gerade erhellend, ironischerweise passt es aber gerade auf die Frage der Maskenpflicht haargenau.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die Maske vorwiegend dem Schutze anderer dient, nicht unserem eigenen. Zumindest entnehme ich das den weitaus überwiegenden Äußerungen von Wissenschaftlern. (Ich weiß schon, liebe Konträre, ich weiß schon…) Sie soll verhindern, dass wir beim Atmen, Husten oder Niesen Bakterien und Viren in die Welt und somit anderen Menschen ins Gesicht schießen. Wenn dem aber so ist, oder wenn dem bloß so sein könnte, dann geht es eben nicht um das jeweilige Individuum selbst. Es geht um den Schutz anderer, in letzter Konsequenz der Gemeinschaft (schließlich haben wir’s mit einer Seuche zu tun). Und da – hört, hört! – da gelten, immer laut John Stuart Mill, andere Gesetze:

„Um dies“, nämlich Zwang und Strafe, „zu rechtfertigen, muss das Verhalten, von dem man abschrecken will, derart sein, dass es bei einem anderen Schaden hervorruft. Die einzigen Verhaltensweisen, für die das Individuum der Gesellschaft gegenüber verantwortlich ist, sind jene, welche andere berühren.“ Und in so einem Falle ist tatsächlich „die Gesell­schaft“ zuständig. Was meiner bescheidenen Meinung nach letztlich nur heißen kann: der Staat.

Was die notorische Maskenpflicht angeht, sollte die Sachlage somit ausnahmsweise einmal klar sein: Sie schützt andere. Deshalb hat „die Gesellschaft“ (der Staat) das Recht, das Tragen einer Maske anzuordnen und allenfalls Strafen zu verhängen. Von einer Einschränkung der Freiheit, einer Gefahr für den Liberalismus kann keine Rede sein: Denn mein Recht, Bakterien und Viren in die Luft zu niesen, endet an den Nasenlöchern meines Gegenübers. So gesehen, bestünde sogar eine moralische Pflicht, die Maske zu tragen, zumindest dann, wenn man als einigermaßen zivilisiertes, rücksichtsvolles Mitglied unserer Gesellschaft gelten will.

Womit sich natürlich nicht das Geringste ändern wird, nicht im wirklichen Leben. So, wie ich die überwiegende Mehrheit der Maskenmuffel einschätze, werden sie diese (oder ähnliche) Zeilen gar nicht lesen, und wenn, dann sind sie an solchen Überlegungen nicht im Geringsten interessiert. Aber wenigstens – so wünscht man sich als geplagter Leser – aber wenigstens in unseren Reihen, im Kommentariat könnten wir aufhören, so unbedacht von Freiheit und von liberal zu reden.

Die Zitate stammen aus dem Essay „On Liberty“ von John Stuart Mill, hier zit. nach der Ausgabe der Oxford Univerity Press (Óxford, 1998). Die Über-setzung stammt von mir selbst unter Zuhilfenahme von DeepL Über­setzer.

Die Duesberg-Geschichte

Leser und Leserinnen meiner Altersgruppe werden sich erinnern – Mitte der achtziger Jahre sahen wir uns wie aus heiterem Himmel mit einer Pandemie konfrontiert: AIDS. Eine unheimliche, furchterregende Krankheit; denn nicht nur wusste man damals sehr wenig, es war auch nicht abzuschätzen, wie schnell und wie weit sie sich ausbreiten würde. Damit nicht genug, zielte sie auf ein Kernstück unserer damaligen Kultur: Seit den sechziger Jahren hatte ein gewisser Umgang mit Sex zu unserem Selbstverständnis gehört, zu unseren Selbstverständlichkeiten; und dieser Umgang war – na ja, nicht gerade freizügig (die meisten von uns feierten ja keine Orgien), sehr wohl aber unbekümmert. Und damit sollte es jetzt vorbei sein? Wie lange? Auf immer?

In dieser beklemmenden Stimmung erhob sich eine tröstende Stimme: Alles nicht wahr! Sie stammte von Peter Duesberg, geboren 1936, Professor für molekulare und Zellbiologie an der Universität von Kalifornien in Berkeley, und aufgrund seiner Krebsforschung bereits hoch geschätzter Wissenschaftler. Nun vertrat er die These, dass AIDS gar nicht durch das Humane Immundefizienz-Virus HIV übertragen werde, vielmehr eine Folge von Drogenkonsum, analem Geschlechtsverkehr und anderen Verhaltensweisen sei. Die herrschende Auffassung, so behauptete er, diene bloß der Panikmache, von der in weiterer Folge die Pharmaindustrie zu profitieren hoffe. Deren Medikamente seien völlig wertlos, ja sie könnten sogar selbst AIDS verursachen.

Sehr viele Wissenschaftler folgten ihm nicht – wobei gesagt werden muss, dass seine Behauptungen sehr wohl wahrgenommen wurden, getestet und überprüft. Es gab auch prominente Kollegen, die ihm keineswegs zustimmten, trotzdem für sein Recht eintraten, wenigstens gehört zu werden. Zugleich formte sich allerdings auch so was wie eine Bewegung. So breit wie spätere sollte sie allerdings nicht werden, schließlich gab’s damals noch keine Soziale Medien.

Immerhin gelangte Kenntnis von dieser konträren Bewegung bis in unsere Gefilde. Irgendwann – an Jahr und Datum kann ich mich leider nicht erinnern – irgendwann also brachte die Gegenwart in Innsbruck die deutsche Übersetzung eines Aufsatzes; ich weiß nicht mehr, ob von Duesberg selbst oder über ihn. Die Argumentation klang durchaus logisch. Trotzdem hätte ich ihr damals noch keine übermäßige Bedeutung beigemessen. Das kam erst, als sich auch die Sunday Times in London auf seine Seite zu stellen schien. Da fühlte ich mich ermutigt, eine meiner wöchentlichen Glossen dem Thema zu widmen. Ich blieb vorsichtig, dass muss ich mir selbst lassen, trotzdem konnte kaum Zweifel bestehen, dass ich im Grunde an die konträre Hypothese glaubte. War ja auch ein Geschenk für jeden Kolumnisten!

Wie’s weiterging, wird man sich vielleicht erinnern: AIDS breitete sich nicht so rasend aus wie vorhergesagt. Das lag allerdings auch daran, dass sich die Menschen schützten. Und dazu wurden sie, besonders in Großbritannien, mittels aufwändiger und ziemlich drastischer Informationskampagnen der Regierung angehalten. In einem Land, nämlich Südafrika, folgte die Regierung der Duesberg-Hypothese. Das Resultat war katastrophal.

Mit der Zeit kamen Medikamente auf den Markt, welche AIDS zwar nicht verhinderten oder heilten, die Wirkung der Krankheit jedoch so eindämmten, dass die Opfer wesentlich länger und besser lebten. All das war aber nur möglich, weil Politik und Medizin den Annahmen der konventionellen Wissenschaft bezüglich HIV folgten. Diese Wissenschaftler warnten schon damals, dass es sehr, sehr lange dauern würde, bis ein heilendes Medikament oder gar ein Impfstoff gefunden würden. Auch das hat sich bewahrheitet.

Von Duesberg hat man nichts mehr gehört. Ich nehme an, es gibt noch immer eine verschworene Gemeinschaft seiner Anhänger, aber wissen tu ich’s nicht. Immerhin scheint ihn die Affäre nicht um seine Existenz gebracht zu haben. Meinen Informationen zufolge behielt er seine Professur in Berkeley. Inzwischen muss er schon emeritiert sein.

Was mich betraf – nun, ich lernte. Ich hab’ mich nie wieder derart vorlaut zu naturwissenschaftlichen und medizinischen Fragen geäußert. Dem Ewig Konträren gegenüber bin ich höchst misstrauisch geworden. Und noch eine wertvolle Erfahrung hab’ ich von damals mitgenommen: Ich durfte am eigenen Leib erleben, wie erhebend es sich doch anfühlt, wenn man sich zu einer ausgewählten Gruppe von Menschen mit überlegenem Wissen zählt.

Schlusspunkt

Ich habe bemerkt, dass Blogs manchmal einfach versanden, so als sei dem Autor das Interesse ausgegangen, oder die Energie. Da stößt man dann auf irgendeinen alltäglichen Eintrag aus anno Schnee – und dann kommt nichts mehr. Diesen nachlässigen Eindruck möchte ich vermeiden.

Deshalb also dieser Schlusspunkt:

Leider muss ich meine Beiträge  Aus der Stille einstellen. Vorläufig oder endgültig? – Wer weiß das schon.

Viel gelesen wurden sie nicht, das ist mir schon klar. Doch hat’s Leute gegeben, die mich darauf angesprochen oder die mir geschrieben haben, und ihre Reaktion war zumeist freundlich. Das freut mich bis heute.