Archiv der Kategorie: Allgemein

Splitter

Junge Leute

In der Tiroler Tageszeitung lese ich, dass zwei junge Leute Opfer von Internetbetrügern geworden sind. So sehr mir die beiden leid tun, klar – aber ist es nicht auch ein bisschen tröstlich, dass offenbar nicht bloß alte Menschen zum Opfer werden?

https://www.tt.com/panorama/verbrechen/15540627/junge-tiroler-verloren-mehrere-tausend-euro-an-internetbetrueger

Julian Assange

Die Verhaftung von Julian Assange, so wird überall in Europa alarmiert, sei ein Anschlag auf die Pressefreiheit. Das wird von so vielen gesagt, und von Leuten, die viel besseren Einblick haben als ich, dass ich keineswegs widersprechen möchte. Ich denke bloß an zwei weitere Dinge: (1) dass er in Schweden vor Gericht stehen sollte, wegen des Vorwurfs einer Vergewaltigung. Ob der Vorwurf stimmt oder nicht, das spielt zunächst keine Rolle – das hat das Gericht zu bestimmen; und jeglicher Zweifel an der Rechtspflege in Schweden ist ein Affront, das sollten wir bitte nicht vergessen. (2) haben alle seriösen Blätter ebenso wie das ICIJ, das International Consortium of Investigative Journalists, die Zusammenarbeit mit Assange eingestellt. Sein Umgang mit den leaks war einfach nicht professionell. Man darf ja nicht vergessen: Es geht nicht bloß um vertuschte Skandale; es geht auch um Menschen, deren Leben durch Offenlegung gefährdet sein kann; und es geht um die – stets notwendige, stets auch nutzbringende – Arbeit von Staaten. Verantwortung heißt unter anderem, nicht alles zu tun, was man tun könnte. Wer diese Verantwortung nicht wahrnimmt, der missbraucht seine Freiheit. Wer die Freiheit missbraucht, der schadet ihr, der provoziert ihre Einschränkung. Julian Assange – und die Pressefreiheit?

Nachtrag: Wesentlich fundierter, erfahrener und umsichtiger dazu natürlich Alan Rusbridger im Observer, 26 May 2019: "US efforts to jail Assange for espionage are a grave threat to a free media".
Meinung + Journalismus

Kürzlich im Guardian über diesen Satz gestolpert:

For years, privileged men have been able to frame themselves as agents provocateurs – often spouting the kind of opinions a roaring, angry drunk on the night bus might, but with a plummy accent, an Oxford degree, and an overreliance on antiquated vocabulary – in columns in national newspapers.

Zu deutsch (und frei übersetzt): Seit Jahren konnten sich privilegierte Männer in den Spalten seriöser Zeitungen als Provokateure gebärden – oft mit Ansichten, wie sie ein wütender, brüllender Betrunkener in einem Nachtbus von sich geben mag, bloß in gepflegter Sprache, mit akademischer Bildung und unter reichlicher Verwendung altertümlichen Vokabulars.

Also – sofern Sie selbst Zeitungsleser sind: Wer fällt Ihnen da zuerst ein? Ich brauch’ jedenfalls nicht lange nachzudenken; und in die Ferne zu schweifen brauch’ ich auch nicht.

https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/apr/15/niall-ferguson-free-speech-power

He he he!

A piece of good news after all — highly welcome:

Der Wolf, der Wolf

Eben zurück aus England, erzählt mir jemand, in den Telfer Wiesen sei ein Wolf gesichtet worden. Kurze Nachforschung bestätigt das.

Wolf in den Telfer Wiesen, Aufnahme einer Wildkamera 29./30. Oktober 2017 (Land Tirol)

Zu meiner Überraschung scheinen die Reaktionen überwiegend positiv zu sein. Irgendwie ist das toll, wenn’s bei uns wieder Großraubtiere gibt: Wölfe, Bären, Luchse.

Wie üblich, kommt von den Wildtier-Romantikern Beschwichtigung: keine Gefahr für den Menschen. Schön, wir wissen’s jetzt. Aber weiß es der Wolf?

Für Schafe, heißt’s weiter, bestehe keine Gefahr. Einerseits, weil sie zu dieser Jahreszeit ohnehin im Stall seien. Okay – aber was ist nächstes Frühjahr?

Andererseits, weil Wölfe lieber Wild jagen. – Kannst dir vorstellen, ja. Im Frühjahr hat so ein Wolf jedenfalls definitiv Schafe gerissen im Stubaital, das wurde wissenschaftlich einwandfrei festgestellt. Hat halt weder die TT  noch das Bezirksblatt gelesen.

Damals, im Frühjahr, wurden die Landwirte aufgefordert, Schafe und Rinder über Nacht im Stall zu halten. Weiß eigentlich jemand, was das bedeutet? Mehrarbeit, Mehrkosten? Von den gerissenen Schafen einmal ganz abgesehen? Und in Zukunft, wenn immer mehr von dem Zeugs zu uns kommt: Hüterhunde, Zäune? Wer zahlt das?

Was mir immer noch fehlt, ist dies: Ein Argument, ein einziges nur, warum Wolf, Fuchs oder Bär bei uns notwendig sind. Wo liegt der Nutzen – cui bono?

Wenn Wildtier-Romantiker solche Raubtiere haben möchten, schlage ich Folgendes vor: Sie übernehmen die Patenschaft über jedes große Raubtier, das bei uns auftaucht. Was bedeutet: Sie haben für sämtliche Kosten geradezustehen, nicht bloß die direkten Schäden, sondern auch Mehrarbeit der Landwirte, Schutzmaßnahmen, Investitionen.

Wo kein Pate, da kein Wildtier. Abschuss.

"Video beweist: Wolf im Stubaital unterwegs", Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe 06.11.2017 

"Schafe im Stubai wurden von Wolf gerissen", meinbezirk.at 10.05.2017

Crispr

Gestern eine deprimierende Dokumentation über Crispr gesehen (Clustered Regularly Interspersed Palindromic Repeats) bzw. über Cas9 (Crispr associated protein 9). Wenn ich das richtig verstanden habe, dann handelt es sich dabei um eine Art „Schere“, mit der gezielt Bausteine aus der DNA herausgeschnitten werden können. Ebenso können neue Bausteine eingefügt werden. Die Technik soll nicht bloß genau, sondern auch einfach funktionieren – und somit billig.

So weit, so gut – durchaus im öffentlichen Interesse, möchte man annehmen, sofern man an neue Wege bei der Bekämpfung von Krankheiten denkt. Laut besagter Dokumentation soll in den USA aber bereits die kommerzielle Anwendung begonnen haben – eine garage industry sei im Entstehen begriffen, so wie einst im Silicon Valley.

Und das eröffnet angsterregende Aussichten: Wohin hat denn der einst so gepriesene Pionier- und Unternehmergeist in Kalifornien geführt? Microsoft, Google, Facebook, Amazon. Marktbeherrschende Giganten, beuten ihre Angestellten aus mit bösen Arbeitsbedingungen, pressen uns Geld ab mit dem Innovationsschmäh (Microsoft), haben eine Macht errungen, welche bereits gefährlich geworden ist für unsere Privatsphäre, für die Rechtsordnung, für die Sicherheit.

Dabei geht’s da „nur“ um Daten, um Information.

Bei Crispr geht’s zunächst einmal um die Gesundheit. Werden wir gezwungen sein, Unsummen an irgendeinen Gen-Monopolisten zu brennen, an einen Bio-Bill Gates, einen Gen-Steven Jobs oder einen Pharma-Mark Zuckerberg, nur um auf einem zeitgemäßen Stand der Technik behandelt zu werden?

Denn es geht ja auch ums Leben – ums menschliche Leben. Um den Menschen schlechthin. Und das wollen wir jetzt irgendwelchen „tüchtigen“ Unternehmertypen anvertrauen?

Echt?

So was taugt mir

Montag Vormittag, Ecke Boznerplatz / Wilhelm-Greil-Straße. Ich steh’ da am Fußgänger­übergang, warte bis die Ampel grün wird, nicht gerade bester Stimmung wegen dem mise­rablen Winter in Innsbruck, Sie wissen schon: gefrorener dreckiger Schnee am Straßenrand, auf den Gehsteigen eine dünne braune Schicht von Salzmatsch. Außerdem ist es kalt. Ich hab meine Mütze über die Ohren gezogen und den Kragen des Anoraks hoch geschlagen.

Neben mir steht ein junger Mann asiatischen Aussehens, kleines Ziegenbärtchen unterm Kinn. Und er ist, wie ich bemerke, im Hemd. Ich schau noch einmal: ja wirklich, weißes Hemd, drunter nichts.

„Brrr“, mach’ ich.

Er lacht.

„I hab kahn langen Weg“, sagt er in gepflegtem Innsbruckerisch ohne den geringsten Akzent. Klingt angeboren. Oder zumindest seit frühesten Kindesbeinen.

„Trotzdem. So was geht nur, wenn ma jung is.“

„Oder wenn ma lei schnell a Jausn holt.“

Wir lachen beide, überqueren die Straße gemeinsam bei Grün.

„Schönen Tag noch“, sagt er.

„Tschau!“

Und während ich weitergehe, erwärmt ein Lächeln mein Gesicht. Ja, ich muss grinsen. So was taugt mir, macht mich ganz vergnügt!