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Die Allianz der Mittelmäßigen

Sprichwörter, stehende Redensarten scheinen eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Man wirft sie in die Debatte, und nicht nur der Werfer selbst, alle anderen akzeptieren sie genau so, praktisch als Tatsache. Pacta sunt servanda. Verträge sind zu erfüllen. Abgesehen davon, dass es sich um eine Binsenweisheit handelt, wird der Satz gerade dann, wenn aus irgendeinem Grund über so einen Vertrag gestritten wird, nicht helfen. Insbesondere nicht im internationalen Recht.

Kommen die Zitate lateinisch daher, genießen sie besonderes Ansehen: Audiatur et altera pars; in dubio pro reo; si vis pacem para bellum. Letzterer Satz wurde gerne von den Falken im notorischen Auf- oder Abrüstungsstreit der achtziger Jahre ins Treffen geführt, Ältere erinnern sich: SS-20 Mittelstreckenraketen, Nato-Nachrüstung, Friedensbewegung. Für die Römer mag das so gegolten haben: Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg und unterwirf den aufmüpfigen Gegner. Dann herrscht wieder die Pax Romana. Aber heute? Müsste die Parole heute nicht viel eher lauten: Si vis pacem, para pacem? Wenn du Frieden willst, bereite den Frieden vor. Wobei leider offen bleibt, wie man dem Frieden jeweils am besten dient. Friedlich sein alleine reicht bekanntlich nicht.

Aber es muss nicht unbedingt Latein sein. Goethe ist auch immer gut. Faust, der Tragödie erster Teil: Es irrt der Mensch, solang er strebt. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! Und so weiter. Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles… Unterschlagen wird, was Goethe noch hinzugesetzt hat: Ach, wir Armen!

Friedrich Schiller eignet sich natürlich ebenso. Unser Mathematik-Professor in der Unterstufe pflegte zu spät Kommende mit den Worten zu begrüßen: Spät kommt ihr – doch ihr kommt! Um dann hinzuzusetzen: Der weite Weg, Graf Isolani, entschuldigt euer Säumen. Das hab’ ich jetzt nicht nach Vorlage zitiert, sondern nach besagtem Professor. Ob’s genau so stimmt, weiß ich nicht, es interessiert mich auch nicht.

In den altehrwürdigen (und ziemlich heruntergekommenen) Gemäuern der Klosterkaserne fand sich einst in einer Nische folgender Spruch an der Wand: Der Österreicher hat ein Vaterland / Und liebts, und hat auch Ursach, es zu lieben. Er wurde Franz Grillparzer zugeschrieben, was ja auch nahe lag, bloß leider – wie mich meine Mutter unverzüglich aufklärte, stammt er ebenfalls von Schiller, aus der Wallenstein-Trilogie (so wie der Graf Isolani). Von Grillparzer stammt unter anderem: Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde. Oder aber, nun wirklich österreichisch: Und die Größe ist gefährlich / Und der Ruhm ein leeres Spiel…

Und so weiter und so fort. Fast jedes Genie, zitierte jüngst ein Kollege den irischen Satiriker Jonathan Swift, verursacht augenblicklich eine Allianz der Mittelmäßigkeit. Und auf diesem Satz baute er seine Verteidigung von Sebastian Kurz auf. Immerhin reduziert er das Genie später auf ein „außerordentliches Talent“.

Ich habe mir im Laufe der Jahre – und das waren Jahre der intellektuellen Auseinandersetzung – ich habe mir also im Laufe der Jahre eine bestimmte Vorgehensweise angewöhnt, wenn ich mich mit so einer Zitat-basierten Argumentation konfrontiert sah. Erstens: Beleg suchen. Und siehe da: Es dürfte sich um die entstellte Version eines englischen Aphorismus handeln, welcher bereits 1706 in Swifts Bändchen Thoughts on Various Subjects, Moral and Diverting erschien. Im Original lautet er (sofern mich meine Quellen nicht im Stich lassen – das Buch selbst liegt mir leider nicht vor): When a true genius appears in the world, you may know him by this sign, that the dunces are all in confederacy against him. Wenn ein wahres Genie in dieser Welt erscheint, dann kann man es daran erkennen, dass sich die Dummköpfe alle dagegen verbünden.

Womit wir zunächst einmal sehen, wie alt der Satz ist. Sicher, es gibt Dinge, die werden mit der Zeit immer besser. Wein, so sagt man zum Beispiel. Ob’s auch für Zitate gilt, ist mir nicht bekannt. Aber mehr als 300 Jahre? Jonathan Swift war damals ein halb konservativer, halb liberaler Geistlicher (durchaus nicht unüblich), in seinen späteren Jahren Dean of St. Patrick’s Cathedral in Dublin; das alles in der Ära der Aufklärung, gegen deren Vertreter er manchmal mit ätzender Satire zu Felde zog. Das beeinflusst nicht unbedingt die Aussagekraft seines Zitats, wir tun aber doch gut daran, es im Kopf zu behalten.

Wichtiger erscheint mir ohnehin etwas anderes: Swift zufolge erkennt man ein Genie daran, dass sich die dunces, also die Dummköpfe geschlossen gegen selbiges verbünden. Mag ja sein. Man müsste die Behauptung einmal historisch überprüfen; ist nicht womöglich eher das Gegenteil der Fall?

Wir sind beim zweiten Schritt meiner Vorgehensweise angelangt: der Überprüfung anhand der Wirklichkeit. Wozu freilich gesagt werden muss, dass in der hier zitierten Version lediglich von einer „Allianz der Mittelmäßigkeit“ die Rede ist: eine gemäßigte Formulierung, somit eine höflichere. Dafür sei dem Autor ausdrücklich gedankt. Es ist ja so leicht, durch Satire zu verletzen; bloß bedeutet dies Verstimmung, Verärgerung und somit meist das Ende der Diskussion. Dafür besteht hier kein Anlass. Für mittelmäßig gehalten zu werden, fasse ich persönlich nicht als Beleidigung auf, schon gar nicht, wenn jene, welchen den Vorwurf erheben, selbst alles andere als… Na ja, man kann sich’s denken, daran erkennt man seine Pappenheimer (schon wieder Schiller).

Eine Allianz der Mittelmäßigen also, die sich gegen das außerordentliche Talent verbünden. Wenn von Sebastian Kurz die Rede ist, so habe ich mit Verlaub eher den gegenteiligen Eindruck gewonnen: Dass sich nämlich die „Mittelmäßigen“ (wenn nicht noch Ärgere) hinter ihm scharten, und dies nicht nur auf höchster Ebene in Wien – man erinnere sich bloß an den famosen Festplatten-Schredder, an die Ministerin mit ihren Diplom- und Master-Arbeiten oder an den Finanzminister, gegen den sogar der Bundespräsident einschreiten musste –, sondern auch hier, in meinem Bekanntenkreis. Da gab’s Verehrung für den Heiligen Sebastian, die jedem dunce gut zu Gesicht gestanden wäre.

Sorry: Das war jetzt gehässig, eine rein subjektive Wertung. Manchmal rutscht so was einfach hinein in einen Text. Trotzdem glaube ich insgesamt und ganz objektiv feststellen zu können: Dass sich die Mittelmäßigen gegen Kurz verschworen hätten, die Außerordentlichen hingegen in glänzender Wehr samt und sonders hinter ihm gestanden wären – das wird man so nur schwer behaupten können. Außer man erklärt alle Kurz-Gegner ipso facto für mittelmäßig, alle Kurz-Anhänger hingegen für hervorragend.

Scherz, lass nach!

Aber was ist mit Jonathan Swift? Mit seinem Zitat?

Wenn schon, dann würde es bedeuten, dass Sebastian Kurz, da sich die Mittelmäßigen eben nicht geschlossen gegen ihn verbündeten, folglich auch nicht als außerordentliches Talent zu erkennen sei. Oder gar als Genie. – Aber wie schon gesagt: Zitate beweisen überhaupt nichts. Schauen Sie sich an, was seit 2017 in Österreich geschehen ist, schauen Sie sich an, was Sebastian Kurz und seine Mannschaft aufgeführt haben, welche Zuständ’ sie hinterlassen haben, und dann urteilen Sie. Sprichwörter, abgedroschene Zitate (womöglich entstellt) brauchen Sie dazu bestimmt keine.

A Confederacy of Dunces ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers John Kennedy Toole (erschienen 1980). Er bezieht sich unübersehbar auf den alt-ehrwürdigen Aphorismus von Jonathan Swift. Auf deutsch heißt das Werk Die Verschwörung der Idioten. Ich ziehe allerdings die Übersetzung „Dummköpfe“ vor.
Alpenfeuilleton 18.5.22

Jede Menge Mord in Midsomer

Als wir jung waren, da haben wir über unsere Eltern gespöttelt, weil sie im Fernsehen bloß noch seichte Unterhaltung und Krimis sehen wollten. Wie konnte man bloß! Man musste sich doch mit der Welt auseinandersetzen, oder? Mit ihren Problemen!

Inzwischen selbst alt geworden, schauen wir zwar keine seichte Unterhaltung, dafür aber Krimis. Ich persönlich lieg’ fast jeden Abend vor dem Fernseher, hauptsächlich deshalb, weil ich nicht andauernd lesen kann. Da spielen meine Augen nicht mehr mit, sie fallen zu, ich entschlummere sanft. Leider viel zu früh am Abend.

Bei diesen Krimis sind wir allerdings wählerisch. Was schon gar nicht in Frage kommt, das sind brutale amerikanische Thriller mit Geschieße, Schlägerei, Grausamkeiten. Ähnlich ergeht es uns bei deutschen Krimis, zum Beispiel aus der Tatort-Serie. Die sind zwar nicht so gewalttätig, dafür nehmen sie sich selbst zu ernst.  Sie sind immer so schrecklich tragisch, tiefsinnig – halt Deutsch. Das wollen wir auch nicht mehr sehen.

Was also dann?

Nun, unsere Vorliebe hat sich auf englische Serien konzentriert, da allerdings auch nicht auf alle. Es gibt eine Art englischer Krimiserie, die mit einem gewissen Etwas daherkommt. Leichtigkeit wäre zu viel gesagt, obwohl sie mitspielt. Ebenso ein guter Schuss Ironie, Selbstironie. Sich selbst nicht hundertprozentig ernst nehmen.

Death in Paradise zum Beispiel. Handlung, Auflösung des kriminellen Rätsels sind (a) nicht besonders feinsinnig und laufen (b) völlig stereotyp ab. Aber das spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, das sind die liebenswerten Protagonisten. Für mich steht Dwayne Myers an erster Stelle. Von den wunderschönen weiblichen Protagonistinnen mit ihrem bezaubernden Charme möchte ich lieber nicht anfangen zu schwärmen: Camille, Florence sowie Camilles Mutter, Catherine. Dazu kommt die fröhliche karibische Atmosphäre. Wir können geradezu die feuchte Wärme spüren, wie sie dort den ganzen Körper umhüllt, herrliche Erinnerungen!

Eine Zeit lang liefen Agatha-Christie-Serien: Miss Marple zum Beispiel, oder Hercule Poirot. Agatha Christie garantiert gepflegte, geistvolle Krimi-Unterhaltung. Zur Zeit gibt’s (nicht von Agatha Christie) Miss Fishers mysteriöse Mordfälle. Dabei handelt es sich um eine australische Serie. Sie spielt in den zwanziger Jahren. Wenn schon nichts anderes, so ist die Garderobe der Protagonistin Phryne Fisher in ihrer Eleganz sehens- und beneidenswert. Des weiteren schauen wir gerne die Murdoch Myteries. Die spielen in Toronto in den 1890er Jahren. Und so weiter. Ich will mich nicht in Aufzählungen verlieren.

Es gibt nämlich eine Serie, die für mich fest im Mittelpunkt steht, und das ist der Inspektor Barnaby. Auf Englisch heißt sie Midsomer Murders. Midsomer ist jene fiktive Grafschaft, in welcher diese Kriminalfälle angesiedelt sind; Hauptstadt: Causton. Als Namensgeber diente die Ortschaft Midsomer Norton, die allerdings woanders, nämlich in Somerset liegt. Nicht nur stimmt die Landschaft dort nicht mit jener der Fernsehserie überein, auch der Charakter der Ortschaft dürfte ein völlig anderer sein. Dessen ungeachtet stahlen die ursprünglichen Autoren auch etliche der pittoresken Ortsnamen – Midsomer Magna zum Beispiel, oder Midsomer Morton. Abgesehen davon, gibt’s aber keine Verbindung zwischen dem wirklichen Midsomer Norton und dem fiktiven Midsomer im TV.

Es ist einmal errechnet worden, dass Midsomer in Anbetracht seiner Größe wahrscheinlich die fiktive Krimi-Örtlichkeit mit der höchsten Mordrate ist. Spielte sich das alles in Wirklichkeit ab, wäre längst der Notstand ausgerufen worden.

Im Mittelpunkt der Serie steht, wie das so üblich ist, der untersuchende Kriminalbeamte, in diesem Falle DCI (Detective Chief Inspector) Tom Barnaby. Ihm gehen wechselnde Assistenten zur Hand. Zunächst ist das DS (Detectice Sergeant) Gavin Troy, später DS Ben Jones. Weitere folgen. Des weiteren gibt’s Dr. George Bullard, den Gerichtsmediziner und Forensiker. Im privaten Bereich wäre zunächst Tom Barnabys Ehefrau zu nennen, Joyce, die ständig irgendwelchen mehr oder weniger ausgefallenen Aktivitäten nachgeht und solcher Art in manche der Mordfälle verwickelt wird. Sie ist eine meiner Lieblingsfiguren, I love her. Außerdem gibt’s die Tochter, Cully, die versucht, eine Karriere als Schauspielerin zu starten.

Der eigentliche Reichtum der Serie liegt jedoch in ihren Schauplätzen sowie den auftretenden Figuren. Gedreht wurde hauptsächlich in Oxfordshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und Bedfordshire. Dabei handelt es sich um so genannte Home Counties (außer Oxford, um pedantisch zu sein). Dementsprechend idyllisch sind die Lokalitäten: ein Haus pittoresker als das andere, wunderschön gepflegte Gärten, geschmackvolle Inneneinrichtung. Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass es auch Ausnahmen gibt; aber sie erscheinen doch recht dünn gesät. Und diese Häuser, diese Ortschaften samt village green und village pub werden von Leuten bevölkert, die in ihrer Exzentrik durchaus als typisch bezeichnet werden dürfen (oder zumindest: nicht untypisch).

Tatsächlich hab’ ich immer das Gefühl, all diese Lokalitäten schon einmal gesehen zu haben, all diesen Figuren schon begegnet zu sein. Dabei bin ich an den eigentlichen Drehorten gar nicht heimisch, bin an den meisten nie gewesen. Mein home turf, meine englische Heimat findet sich in West Berkshire sowie Wiltshire, also ein bisschen weiter westlich. Das macht aber keinen Unterschied. Wenn ich Midsomer Murders schaue, fühlt sich das an wie eine Heimkehr.

Typisch also gerade wegen ihrer Exzentrik: Besucher aus unseren Breiten zeigen sich immer verblüfft vom Ausmaß, in dem sich Engländer und besonders Engländerinnen individuell kleiden, ohne Rücksicht auf die Mode oder das Urteil der Mitbürger – die sich allerdings eines solchen Urteils enthalten. Each to his own. Ich kann mich erinnern, wie meine Freundin Trish eines Jahres, bereits über sechzig Jahre alt, mit kurz geschnittenen, kräftig violett gefärbten Haaren beim Festival Ways With Words in Dartington Hall aufkreuzte. Dieses Festival, seine Teilnehmer sowie die Location würden sich übrigens als ideale Schauplätze für Midsomer Murders-Folgen anbieten. Aber das nur nebenbei. Trish’s knalliges Erscheinungsbild fiel jedenfalls in Dartington Hall kaum auf. Erst als wir eines Abends in einem etwas entfernt liegenden Pub saßen und aufs Essen warteten, erregte sie die Aufmerksamkeit eines Kindes am Nebentisch. Es konnte sich kaum beruhigen, so sehr sich seine Eltern auch bemühten.

Midsomer Murders ist eine höchst populäre Serie, nicht nur bei uns, sondern ebenso in England. Es fragt sich, was sie so beliebt macht. Eine einfache Antwort wird’s, glaube ich, nicht geben. So viele Morde sich da ereignen, und so brutal sie zum Teil ausgeführt werden – was man freilich nie zu sehen bekommt –, irgendwie fehlt der brutale, der tödliche Ernst anderer Serien. Ich möchte nicht behaupten, da sei Ironie im Spiel, aber doch ein gewisser Charme (wenn man den scheinbaren Widerspruch tolerieren will). Da ich die Episoden nun bereits das zweite oder gar dritte Mal sehe, stehen die Kriminalfälle gar nicht mehr im Vordergrund, sondern eigentlich das Verhalten der diversen Gestalten. Das könnte ich mir gut und gerne noch ein paar Mal anschauen.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zu diesem Wieder-Sehen: Zunächst sollte ich betonen, dass ich sehr wohl erkennen kann, wenn ich eine Folge schon gesehen habe. Aber was ihren Inhalt betrifft, wie sie verläuft, wer sich schließlich als Bösewicht entpuppt – das hab’ ich in den meisten Fällen vergessen. In diesem Sinne sehe ich die Episode also zum ersten Mal. Aber nicht ganz: Ich leide nämlich nicht mehr unter unerträglicher Spannung, ich brauch’ mich nicht mehr zu fürchten. Das stellt einen Vorteil dar, welcher nicht zu verachten ist!

Unabweisbar fällt mir Alfred Hitchcock ein, der Meister filmischer Spannung. Im Privatleben, so habe ich einmal gelesen, ertrug er absolut keine Spannung. Nicht die geringste. Er konnte es nicht einmal ertragen, am Morgen, wenn er das Haus verließ, nicht zu wissen, was es zu Mittag zum Essen gab!

Zurück nach Midsomer. Eine Bekannte hat kürzlich leicht verächtlich gemeint, die Serie befriedige die nostalgische Sehnsucht der Engländer nach einer vergangenen Idylle. Das stimmt insofern, als die Idylle nicht nur da ist, sondern vor allem unübersehbar. Aber das bildet doch nicht die ganze Wahrheit. Man nehme bloß die bereits erwähnten Häuser: Jedem Engländer ist völlig klar, dass die Personen, so wie sie dargestellt werden, in Wirklichkeit niemals in solch teuren Liegenschaften wohnen, geschweige denn solche besitzen könnten. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung des Lebens in diesen Ortschaften – National Trust-Dörfer, bin ich versucht, sie zu nennen –, allerdings ist diese Darstellung so offensichtlich idealisiert, dass sie beim besten Willen nicht ernst genommen werden kann. Das, so glaube ich, ist ein wesentlicher Bestandteil der Serie: Die Engländer sehen zwar die Idylle, sie erkennen sie auch als solche, und sie lassen sich allzu gerne von ihr verführen – aber gleichzeitig erkennen sie auch das Künstliche, und so können sie gar nicht anders, als über ihre eigene Nostalgie zu lächeln. Was sie sehen, ist nicht nur typisch englisch (zumindest typisch für die Home Counties), es ist allzu typisch. Aus dem Bewusstsein dieser Doppelbödigkeit ergibt sich jener gute Schuss Ironie, mit welcher die Serie konsumiert werden sollte – und die ihren eigenartigen englischen Charme ausmacht.

Ihre Popularität hat dazu geführt, dass sie auch nach Ausscheiden von John Nettles, dem Darsteller des Tom Barnaby, weitergeführt wurde. In unserem Fernsehen läuft sie bis heute. Wenn der Vorrat an Episoden erschöpft ist, fangen sie von vorne an. Mein einziger Wunsch: auch andere Serien wieder bringen! Lewis, zum Beispiel, oder Inspector Lynley. Im englischen Fernsehen gibt’s übrigens noch mehr Serien von der Art, wie ich sie hier angepriesen habe. Meine Favoriten: New Tricks, oder (gleichrangig) Foyle’s War, das während des Zweiten Weltkrieges spielt. Die Nachstellung dieser vergangenen Welt, dieses period drama, das gehört eindeutig zu den Stärken des englischen Fernsehens.

Genug der Lobgesänge. Wie weit gestreut die Popularität von Midsomer Murders ist, möge folgende Episode verdeutlichen: Da wurde einmal die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Staatsbesuch im Vereinigten Königreich erwartet. Der Premierminister damals war David Cameron. Merkel äußerte einen speziellen Wunsch: Sie wollte John Nettles kennenlernen, den Darsteller des Inspector Barnaby.

Aus nicht näher genannten Gründen kam das Treffen nicht zustande. Die deutsche Bundeskanzlerin wurde mit einem DVD-Set abgespeist. Eigentlich ein Affront, wenn man’s recht bedenkt, obwohl Angela Merkel in ihrer bekannt geduldigen Art keinerlei Reaktion zeigte. Aber um derart arrogant unhöflich (oder gar grob) zu sein, dazu braucht es wohl Eton, Oxford und den Bullingdon Club.

Alpenfeuilleton

Der Aff’, der daneben griff

Es besteht zwar aktueller Anlass, nämlich Lawinenunglücke sowie Lawinentote (15 allein während der letzten Saison in Tirol), trotzdem reisen wir ein Stück zurück in die Vergangenheit: Damals kam ein junger Snowboarder, ein Schüler, auf der Seegrube ums Leben, weil er in einen Lawinenhang eingefahren war. Der war zwar gesperrt, ordnungsgemäß abgesichert und mit unübersehbaren Warnschildern versehen, aber wir wissen ja, wie viel so was unter Umständen nützt.

Prompt ergab sich eine öffentliche Debatte, was man gegen derlei Unfälle unternehmen könne. Und ebenso prompt meldete sich ein Schilehrer oder Tourenführer (oder so was Ähnliches) zu Wort und meinte, man müsse die Jugendlichen besser aufklären. Die Schule! Klar, die tat zu wenig, die müsse endlich mehr tun, das sei wichtiger als…

Wenn man zusammenrechnete, was alles inzwischen schon wichtiger war als der reguläre Unterricht, dann blieb für diesen nicht mehr viel übrig. Aber das nur nebenbei.

Besagter Schi-Mensch sagte aber noch was: Die Unterweisung müsse in der Sprache der Jugendlichen erfolgen, sonst würden die nicht zuhören, Ratschläge der jeweiligen Lehrer, Schilehrer oder Lawinenexperten nicht befolgen, deren Warnungen in den Wind schlagen.

Und da, an diesem Punkt, wurde es mir zu viel.

Wenn ein Jugendlicher den Belehrungen, Anweisungen und Warnungen Erwachsener, noch dazu sachkundiger und erfahrener Erwachsener, nicht Folge leisten will, so endet die Verantwortung von uns Erwachsenen oder der Gesellschaft als Ganzem, die ja auch so gerne herangezogen wird. Wenn der Jugendliche trotz allem in den Lawinenhang einfährt, so wird man ihn nicht daran hindern können. Er tut’s auf eigene Gefahr. Und wenn er umkommt – nun, dann haben wir’s ausnahmsweise einmal mit echter, nämlich natürlicher Selektion zu tun, nicht bloß mit sozialer, also unechter und verfälschender. Eine Lawine ist ein Naturphänomen.

Aber diese Sichtweise bedurfte schon damals und bedarf auch heute noch einer Erläuterung. Woran ich dachte, das war ein Beispiel, welches Konrad Lorenz einmal zur Illustration der Darwin’schen Thesen anführte: Der Affe, so sagte er, der mangels dreidimensionaler Vorstellungskraft neben den nächsten Ast griff und abstürzte, der gehört gewiss nicht zu unseren Vorfahren.

Das ist ein klassisches Beispiel für Selektion – für die richtige, wohlgemerkt, nämlich die natürliche, will sagen: jene durch die natürliche Umwelt. Wenn wir heutzutage von Selektion reden, dann meinen wir meist die gesellschaftliche, also die Auswahl aufgrund gesellschaftlich geschaffener und etablierter Kriterien. „Der Tüchtige“, zum Beispiel. Denn was heißt schon tüchtig? Gemeint ist damit doch bloß der wirtschaftlich Erfolgreiche. Aber wie tüchtig ist der im Vergleich zu einer Frau, die nicht bloß in ihrem Beruf bestehen muss, sondern auch den Haushalt schupft und die Kinder betreut?

„If wealth was the inevitable result of hard work and enterprise, every woman in Africa would be a millionaire“, hat der britische Journalist George Monbiot einmal festgestellt: Wenn Reichtum wirklich das unweigerliche Ergebnis von harter Arbeit und Unternehmungsgeist wäre, dann wäre jede Frau in Afrika Millionärin.

Wenn ein Jugendlicher hingegen unter eine Lawine gerät, weil er zu arrogant war, bei der Lawinenkunde aufzupassen oder den Warnschildern zu glauben – nun, dann verhält es sich mit ihm wie mit dem Aff’, der daneben griff. Natürliche Selektion. Wir sollten das unseren Jugendlichen einbläuen. Dann könnten wir uns viel Zeit und viel Geld für pädagogisch vorgekaute und fürsorglich eingespeichelte Unterweisung ersparen.

Alpenfeuilleton 20.4.2022

Naive Frage an Biologen

Vorweg das, was ich glaube, über die Evolutionstheorie gelernt zu haben: Sie besteht aus zwei voneinander unabhängigen Komponenten – der Theorie von der Evolution an sich sowie der Theorie zu ihrer Erklärung. Hier beschäftigen wir uns mit dieser Erklärung.

Die erfolgt anhand der beiden Annahmen von Mutation und Selektion. Zufällige Änderungen in den Genen können einem Individuum gewisse Vorteile verschaffen, die sich letztendlich darin äußern würden, dass es seine Gene öfter weitergeben kann als seine Artgenossen. So könnte sich die zufällige Erbänderung in der gesamten Population ausbreiten.

Das ist natürlich mehr als simpel wiedergegeben, und Biologen mögen sich bitte der Steinigung enthalten. Das Wichtige an der Darwin’schen These ist auf jeden Fall das Fehlen jeglicher Zweckgerichtetheit, jeglicher Teleologie. Das können wir nur schwer nachvollziehen, da wir selbst ja stets zweckgerichtet denken, überlegen, handeln und unser Handeln korrigieren. Nach Darwin vollzöge sich die Evolution von ihren Anfängen bis herauf zur heutigen Vielfalt jedoch rein zufällig. Deshalb ist das Bild von der „idealen Anpassung“ falsch. Die gibt’s nicht. Was wir sehen, das ist nur ein erstaunlich hohes Maß an Anpassung. Aber die ist zufällig entstanden (immer der Darwin’schen Lehre zufolge). Wenn das für uns so schwer fassbar erscheint, so liegt das an den ungeheuren Zeiträumen, mit denen wir’s zu tun haben: Millionen, womöglich Hunderte von Millionen Jahre. Uns ist nicht immer ausreichend klar, wie lang das eigentlich ist: eine Million Jahre. Das sind tausend mal tausend Jahre! So etwas übersteigt unsere Vorstellungskraft, da können wir tun, was wir wollen.

Trotzdem wohnt der Evolutionstheorie auch eine gewisse Logik inne. Ihr zufolge müsste die Entwicklung nämlich (a) Schritt für Schritt erfolgen, eine zufällige Erbänderung nach der anderen; (b) jeder dieser Schritte müsste dem Individuum einen Vorteil bringen; und (c) keiner dieser Schritte geschieht um des eventuellen Endproduktes willen. Die Evolution sieht nicht in die Zukunft, sie sieht selbst auch nicht, was von Vorteil oder von Nachteil ist – the blind watchmaker, der blinde Uhrmacher, wie das einmal ausgedrückt worden ist.

Und hier erhebt sich jene naive Frage, die ich heute zu stellen wage (ohnehin sehr schüchtern, voller Angst mich zu blamieren): Wie ist solcher Art, also mittels Darwin’scher Mutation und Selektion, die Metamorphose der Schmetterlinge (und anderer Gliederfüßler) zu erklären? Wenn sich die Raupe verpuppt – welchen Vorteil hat sie davon? Im Puppenstadium wird sie praktisch eingeschmolzen (meinem Stand des Wissens zufolge), um dann neu als bunter Schmetterling zu entstehen. Wie kann so was Schritt für Schritt durch zufällige Mutationen plus Selektion entstanden sein? Und woher kommt der Bauplan des Schmetterlings, den die Puppe in sich tragen muss? Denken wir bitte daran: keine Teleologie!

Ich weiß, dass ich mich jetzt sehr weit hinauslehne, aber mir scheinen da Probleme aufzutreten, die durch den Verweis auf noch so lange Zeiträume nicht mehr gelöst werden können. Es handelt sich, wie ich mich ausdrücke, um logische Probleme. Und erstaunlicherweise bekommt man diesbezüglich nie eine Antwort von Biologen. Die antworten eher mit dem Verweis auf den evolutionären Vorteil, bessere Überlebenschancen; aber das ist recht eigentlich unwissenschaftlich, denn wie schon gesagt, können weder Mutation noch Selektion in die Zukunft schauen.

Lassen Sie mich bloß kurz anfügen, dass ich solch logische Fragen auch beim Verhalten anderer Tiere sehe – bei jenen Sandwespen zum Beispiel, die zuerst mühsam ein Loch graben, dann ein gelähmtes Beuteinsekt hineinstecken, und dann ihre Eier in das Opfer legen. Die geschlüpften Maden ernähren sich vom lebenden Beutetier.

Ganz zum Schluss muss ich all jene enttäuschen, die ununterbrochen auf der Suche nach Alternativen zum Darwinismus sind; Kreationisten, zum Beispiel, oder intelligent design. Das bin ich nicht, ganz im Gegenteil! Mir geht’s nur um eine Antwort auf meine naive Frage. Die wird’s, daran zweifle ich nicht, früher oder später geben. Weiterführende Überlegungen stelle ich nicht an. Bin ja kein Biologe, nicht einmal Naturwissenschaftler.

schoepfblog 14.4.2022

Die 68er

Da wurde mir ein Buch angepriesen, nämlich Unser Kampf von Götz Aly, und ich hab’s pflichtschuldigst gelesen. Es verspricht einen „irritierten Blick zurück“ auf das notorische Jahr 1968. Nun sollte dieser Lektüre eigentlich eine Besprechung folgen. Aber leider weiß ich einfach nicht, was ich sagen soll.

Das soll nicht heißen, Alys Buch sei schlecht. Es ist ausführlich und detailliert, sicherlich auch wissenschaftlich fundiert (nehme ich zumindest an). Wenn’s sonst keinen Nutzen hat, so den: Es ruft in Erinnerung, welch haarsträubenden Unsinn die studentischen Protagonisten damals von sich geben konnten. Um nicht zu sagen: verbrecherisch. „Terror muss dabei sein…“

Als ich so nachdachte über dieses Buch, über die 68er und über meine eigenen Erinnerungen, da fiel mir ein anderer Autor ein, nämlich Guy Kirsch, dessen Essay Der Sturz des Ikarus (erschienen 1980) ich vor langer, langer Zeit irgendwo aufgeklaubt hatte. Es schien mir damals und scheint mir heute noch als zielsichere, einsichtige Analyse der äußeren Umstände und inneren Gefühlslagen, die zu jenem Phänomen führten, welches wir mittels des Kürzels „die 68er“ benennen. Und deshalb soll hier von diesem älteren Buch die Rede sein. Götz Aly wollen wir den heutigen Rezensenten überlassen.

Guy Kirsch stammt aus Luxemburg. Er wurde 1938 geboren, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und war später Professor für Neue Politische Ökonomie an der Universität Freiburg in der Schweiz. Er verfasste etliche bedeutende Werke, zu denen das vorliegende Essay offenbar nicht gehört, zumindest scheint es in einschlägigen Aufzählungen nicht auf. Wenn’s um das Jahr 1968 geht, dann kamen und kommen üblicherweise ausgediente Revoluzzer zu Wort, mit ihrer Mischung aus Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid. Guy Kirsch schlug da einen Ton an, der sich wohltuend abhob.

Ich greife nur ein paar Aspekte heraus, die mich beeindruckt haben und die mir deshalb in Erinnerung geblieben sind. Schon damals konstatierte Kirsch eine gewisse Parallele zu jener Jugendbewegung, welche in den dreißiger Jahren einfloss in die nationalsozialistische Bewegung und diese dann mittrug. Diese Parallele hat mich damals im beschränkten Ambiente von Innsbruck ebenfalls verfolgt, hat mir Albträume verursacht; denn basierend auf den Erzählungen meiner Mutter konnte ich nicht umhin, hinter den großmäuligen, pseudo-kämpferischen Parolen skandierender Studenten die diktatorische, ja mehr noch: die totalitäre Gefahr zu wittern. Damals kam mir das übertrieben vor, weit hergeholt; dank Guy Kirsch lernte ich, dass mich mein Gefühl nicht gar so getäuscht hatte.

Kirsch erkannte auch, wie sehr es sich bei der Revolte um ein Aufbegehren ohne Anlass handelte. Ohne adäquaten Anlass, um genau zu sein. Zwar gab’s einen solchen, aber der war weit weg, auf der anderen Seite der Welt: der Vietnam-Krieg. Indem die revoltierenden Stundenten jedoch „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ skandierend durch die Straßen liefen, desavouierten sie auch dieses Anliegen. Ich kann nicht gegen den Krieg sein, indem ich einfach die Seiten wechsle. Was viele von uns damals vermuteten, das sollte sich später bestätigen: Das Regime in Nordvietnam war auch bloß ein kommunistisches Regime. Wie die ausschauten, das hätte man 1968 bereits ausreichend wissen können. Der von den Studenten so hochverehrte General Giap schickte, wenn sich die Gelegenheit bot, reguläre Regimenter in Frontalangriffen gegen die amerikanische Feuerkraft, so etwa während der Belagerung von Khe Sanh 1968. Die Verluste bewegten sich in der Größenordnung von Zehntausenden. Und als die nordvietnamesische Armee nach der missglückten Tet-Offensive die Stadt Hue räumte, da hinterließ sie Massengräber voller Leichen – erschossen. Davon war allerdings nie die Rede.

Letztlich entzündete sich die Empörung also an keinem sichtbaren Anlass, ganz gewiss an keinem, welcher die Heftigkeit der Erregung gerechtfertigt hätte. Zumindest hab’ ich das so miterlebt, an der Uni in den frühen siebziger Jahren. Deshalb malte ich später einmal das Bild einer Gruppe von Studenten, wie sie

in der Mensa einer Universität sitzen und heftig über Marx, Lenin, Stalin und Mao, über Kapitalismus und Kommunismus diskutieren, vor allem aber: über die Revolution – jene Revolution, welche die böse Unterdrückung durch das imperiali­stische Monopolkapital beenden und in eine Zukunft voll Frie­den, Freiheit und Wohlstand für alle führen soll. Es geht ihnen längst nicht mehr darum, ob diese Revolution in der gegebenen Lage überhaupt notwendig oder wünschenswert sei – das erscheint selbstverständlich […].

Irritiert von ihren martialischen Reden, so schrieb ich weiter, von ihrem marxistischen Jargon mag der Zuhörer den Kopf heben und hinausschauen auf die Straße vor der Universität:

Wo bleibt da die böse Unterdrückung? Wo bleibt die Verelendung des Proletariats? Da draußen gehen die Men­schen ihrer Arbeit nach, ihren Besorgungen – und ihrem Vergnügen. Die Autos stauen sich an der Kreuzung, die Passanten sind modisch gekleidet, ihre Gesichtsfarbe zeugt von ausreichender, gesunder Er­nährung, nichts weist auf Mangel hin, oder auf Not und Elend.

Wer damals halbverdaute marxistische Parolen durchs Me­gaphon brüllte, so folgerte ich, der ver­gaß vor lauter Welt­anschauung, die Welt anzuschauen!

Guy Kirsch erinnert uns an die Leichtigkeit, mit welcher die Erörterung konkreter Missstände, konkreter Themen hinter einem Schwall vollmundiger Abstraktionen verschwinden konnte. Und auch das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Wenn’s um irgendwelche Details der germanistischen Studienordnung ging, dann mussten zumindest Adorno und Lukács herhalten, darunter gab man’s nicht. Und die Lösung bestand unweigerlich im Klassenkampf, der sich damals freilich nicht und nicht einstellen wollte.

Die so genannte „Achtundsechziger-Generation“ sei die erste gewesen, welche die „materiellen Folgen des Krieges und des Zusammenbruchs nicht mehr aus eigener Erfahrung kannte“, meint Guy Kirsch. Es sei leicht, „sich auf das Wesentliche zu besinnen, wenn man des Notwendigen sicher ist.“ Das traf zweifellos zu. Später goss ich die Erkenntnis in eine prägnante Formulierung: Das Ende der Not bringt das Ende der Notwendigkeit. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Formulierung nicht auch von Guy Kirsch stammt; gefunden hab’ ich sie allerdings nicht mehr. Wie stark dieses Motiv damals war, das kann ich aus eigener Erinnerung bestätigen, auch wenn ich niemals ein „Achtundsechziger“ war, auch kein Mitglied irgendeiner K-Gruppe in den siebziger Jahren (ich war überhaupt kein Mitglied). Doch galt diese Beobachtung nicht bloß den demonstrierenden und randalierenden Studenten in Berlin oder in Paris. Sie galt ebenso den Hippies in San Francisco, in weiterem Sinne sogar für meine eigene Liebe zur damaligen Musik, zum Tanz in der Diskothek – in letzter Konsequenz somit auch für mich.

Aber was blieb vom heftigen Protest der späten sechziger Jahre? Von den Barrikaden in Paris, von den Straßenschlachten in Berlin?

Herzlich wenig, wird man wohl zugeben müssen. Alternativ- und Grün-Bewegung, hören wir häufig als Antwort, doch ihrem Wesen nach waren die mit dem Leninismus der demonstrierenden Studenten nicht vereinbar – für Lenin wären das kleinbürgerliche Sentimentalitäten gewesen. Dasselbe hätte für den Feminismus gegolten. Meiner Erinnerung zufolge fand sehr wohl eine Art Kulturrevolution statt. Vieles, was meine ältere Schwester noch belastet hatte, war nun kein Problem mehr. Nicht bloß nahm mich die Freundin, eine Studienkollegin, nächtens in ihrem Untermietzimmer auf, ich fand das gegenüber meinen Eltern keiner Erwähnung mehr wert. Es war zur Selbstverständlichkeit geworden, und das innerhalb von vier oder fünf Jahren! Wobei wir solchen Beziehungen keineswegs dogmatisch nachgingen: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ Ganz im Gegenteil. Das Leben ging einfach weiter, es ging seine eigenen Wege, nicht zuletzt für uns Studenten und mit uns Studenten – langhaarig, locker und bunt.

Götz Aly, Unser Kampf: 1968 – ein irritierter Blick zurück (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2009).

Guy Kirsch, Der Sturz des Ikarus: Was blieb vom Protest der sechziger Jahre? Reihe Analyse und Perspektiven (München, Wien: Günter Olzog Verlag, 1980).

Die beiden längeren Zitate stammen aus Heinrich Payr, Der kritische Imperativ: Zur Psychologie von Intellektuellen (Wien: Turia + Kant, 1997), S. 8–9.
Alpenfeuilleton 6.4.2022

Mein lieber Sokrates

Sokrates gilt nicht nur wegen seiner Philosophie des „Fragens und Hinterfragens“ als ein Held der sagenumwobenen Republik des Geistes; vielmehr wandte er diese Philosophie konse­quent auf die Gesellschaft an, in der er lebte, auf die Politik seiner Heimatstadt Athen, er war also, kurz gesagt, der intellektuelle Kritiker par excellence, und das brachte ihn – typisch, würden Intellektuelle meinen – nicht nur vor Ge­richt, es brachte ihm sogar den Tod: ein Märtyrer.

Wir wissen recht ge­nau, wie sich Sokrates gegenüber seinen Mitbürgern rechtfertigte: Ein Ora­kelspruch in Delphi, welcher ihn als den Weisesten in Athen bezeichnete, habe ihn auf seine Bahn gebracht; denn da er sich selbst gar nicht als weise betrachte, dem Gott Apollo aber auch nicht widersprechen wollte, habe er herausfinden müs­sen, was der Orakelspruch zu bedeuten habe. Wann immer er in diesen Bemühungen nachließ, habe ihn sein „Daimon“ weitergetrieben.

Ein Gott, ein Dämon: Diese Erklärung war in unse­rer Zeit demnach alles andere als neu. Nun hatte Sokrates, Sporn und Ansporn Athens, freilich selbst einen Stachel in seinem Fleisch, nämlich seine Ehefrau Xan­thippe; die Konstellation erscheint so archetypisch, dass man sich fra­gen muß, ob das wirklich ein Zufall war, wie ihn das Leben so spielt, oder ob es sich nicht um eine Legende handelt. Aber wie dem auch sei – Xanthippe, so dürfen wir argwöhnen, hat in ihrer berüchtigten Art wenig Verständnis für solch hehre Auftraggeber: Bevor du über Götter und Dämonen redest, mein lieber Sokrates, solltest du einmal ordentlich arbeiten, damit deine Familie etwas zwischen die Zähne bekommt; die Schuhe der Kinder sind abgelaufen, ich brauch’ ein neues Kleid – ich bin schon das Gespött der Leute, von deinem blödsinnigen Benehmen einmal ganz abgesehen –, und das Haus müsste auch neu gestrichen werden. Sagt dir dein Dämon dazu nichts? Findest du das in Ordnung, wie du deine Familie vernachläs­sigst?

Was könnte Sokrates, sofern er sich überhaupt auf einen Disput einlässt, darauf antworten? Der göttliche Auftrag? Doch verlangen die Göt­ter nicht auch, dass die Menschen einander helfen, füreinander eintreten und sorgen? Oder: das Wohl, das Schicksal Athens? Aber solch große Wörter entlocken Xanthippe lediglich ein paar deftige Kraftausdrücke, denn in ihren Augen ist dieses Athen nur etwas, dem sauer verdiente Steuern zu zahlen sind, womit sich dann aufgeblasene Männer wichtig ma­chen, womöglich gar einen Krieg anzetteln, in dem sie fürchten muss, ihre Söhne zu verlieren. Da schwingt sie sich sogar zu einer philo­sophischen Sentenz auf: Mag sein, dass sich die Welt in großen Ereig­nissen, in Kriegen und Revolutionen weiterdreht; aber wenn sie über­haupt noch steht, mein bester Sokrates, dann ist das nur das Ver­dienst von Millionen und Aber­millionen namenloser, einfacher, anstän­diger Menschen, die das getan ha­ben, was stets zu tun ist: arbeiten, Häuser bauen, Kinder großziehen!

Der Streit ließe sich übrigens im Jenseits fortsetzen, denn dort würde So­krates vielleicht auf die Be­deutung dessen verweisen, was er zu Lebzeiten gesagt hat: wie nach Tausenden von Jahren noch immer über ihn nachge­dacht, gesprochen und geschrieben wird – ganze Bibliotheken!

Aber das, erwidert Xan­thippe, das sind doch nur dieselben Narren wie du. Außerdem bezahlen sie dafür nicht mit dem Leben, lassen nicht Frau und Kinder im Stich!

aus Der kritische Imperativ (Wien: Turia + Kant, 1997).

Alpenfeuilleton 23.3.2022