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Die Österreicher, die Vergangenheit

Ich hab’ hier bereits über Tony Judts Nachkriegsgeschichte Europas geschrieben (Link am Ende des Beitrags). Hier ein Absatz aus jenem Essay, welches der Autor an seine Geschichte anhängt. Darin geht’s ums Erinnern – immer ein leidiges Thema, und besonders im Falle von Österreich:

But no-one expected very much of the Austrians. Their largely untroubled relationship to recent history – as late as 1990, nearly two Austrians in five still thought of their country as Hitler’s victim rather than his accomplice and 43 percent of Austrians thought Nazism ‘had good and bad sides’ – merely confirmed their own and others’ prejudices.

Zu deutsch:

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Der Absatz ist insofern bemerkenswert, als er nicht weniger als drei schwere Fehler enthält – meiner Zählung zufolge, wenigstens.

  • Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässige Verallgemeinerung.
  • Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Sein „Komplize“ kann es nicht gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Und vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war’s nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land, denn was kann das in diesem Sinne hier anderes bedeuten als: der Staat? Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.
  • Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Erstens hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; auch das Regime in Nordkorea, auch Saddam Husseins Regime im Irak, auch der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann gäb’s diese Regimes überhaupt nicht. Und was zweitens den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Ich weiß nicht, inwieweit dieser Absatz die Qualität des gesamten Buches beeinträchtigt. Immerhin kann man dem Autor zugute halten, dass er möglicherweise bloß das wiedergegeben hat, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern gesagt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–3. – Zu meiner Rezension siehe Europa seit 1945.

Populär wollen alle sein

Populismus, darin werden wir uns hoffentlich einig sein, ist ein politisches Phänomen unserer Zeit. Wir sprechen von Rechtspopulisten, im Englischen auch von National Populism. Man denkt an den US-Präsidenten Donald Trump, and Boris Johnson und Nigel Farage, an Victor Orbán, an Recep Tayyip Erdoğan – und an Jörg Haider, an die FPÖ.

Die Aufmerksamkeit scheint derzeit aber eher dem Publikum der Populisten zu gelten, den Motiven, welche diese Menschen bewegen. Sofern’s darum geht, was wir nun eigentlich meinen, wenn wir vom Populismus sprechen, fallen die Antworten ziemlich vage aus, verschwommen. Das erste, woran meine Gesprächspartner bisher dachten, das war stets die Sache mit den sechs Monaten.

Gemeint ist: Im Wahlkampf vor den Nationalratswahlen von 1970 bediente sich die SPÖ unter Bruno Kreisky des Slogans: „Sechs Monate sind genug“. Das bezog sich auf den Präsenzdienst beim Bundesheer, der damals neun Monate dauerte – und der alles andere als beliebt war, besonders nicht bei jungen Männern. Dem Versprechen auf Wehrdienstverkürzung wurde folglich ein beträchtlicher Anteil am Wahlerfolg der SPÖ zugeschrieben.

Wie jeder, der sich ein bisschen für die Materie interessierte, nur zu gut wusste, waren sechs Monate nicht genug. Das würde einfach nicht funktionieren. Und tatsächlich wurden später, unter der sozialistischen Alleinregierung, aus den sechs Monaten dann acht: sechs Monate Grundwehrdienst plus zwei Monate Truppenübungen (oder alles in einem, für die so genannten Durchdiener).

In diesem Sinne also gilt jenes Versprechen – jener Schmäh, könnte man sagen – heute noch als Gipfel des Populismus. Bloß wage ich an dieser Stelle zu behaupten, dass er nichts mit dem zu tun hat, was wir gegenwärtig darunter verstehen. Jetzt steckt viel mehr dahinter.

An dieser Stelle scheint vielleicht ein klärender Einschub angebracht: Ich spreche keineswegs davon, was Populismus „wirklich ist“. Ich spreche bloß davon, was wir im Sinn haben, wenn wir das Wort verwenden. Das kann sich natürlich ändern. Wenn damals, 1970 und folgende, das Wahlversprechen der SPÖ als populistisch eingestuft wurde, dann war’s eben dies – so wurde das Wort zu jener Zeit verwendet (wie ich mich selbst erinnern kann und es selbst praktiziert habe). Doch wenn wir heute von Populismus reden oder schreiben, dann meinen wir etwas anderes.

Bleiben wir vorerst beim Populismus des Jahres 1970. „Sechs Monate sind genug“ war ein – nicht sehr ehrlicher – Slogan, um Stimmen zu gewinnen. Nun mochte man die Unehrlichkeit der SPÖ kritisieren, den Umstand, dass sie ihre Wähler hinters Licht führte. Grundsätzlich konnte man insofern nicht viel dagegen einwenden, als der periodische Kampf um Wählerstimmen mit zu unserer Demokratie gehört. (Ich sage: mit zu. Ihr Wesen macht dieser Kampf noch nicht aus, nicht alleine.) Alle Beteiligten, alle Parteien und Politiker, müssen also danach streben, populär zu sein. Da liegt die Versuchung billiger Geschenke, so genannter Wahlzuckerln nur zu nahe – vielleicht auch, ab und zu ein bisschen zu mogeln. Das ist schlicht und einfach Teil des demokratischen Wettbewerbs, somit Teil demokratischer Gepflogenheiten schlechthin (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben).

Aber Populismus im heutigen Sinne ist das nicht. Wir sollten daher eine neue Bezeichnung einführen. Popularitätshascherei vielleicht? Obwohl ich zugebe, dass das Wort ziemlich holprig daher kommt, nicht leicht von der Zunge geht. Oder Popularismus?

Wie auch immer – durch den neuen Namen wird die Vorgangsweise um nichts anständiger. Ihr haftet nach wie vor etwas Billiges, etwas Unanständiges an. Aber eine grundsätzliche Gefahr für die Demokratie (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben) stellt sie nicht dar.

Der Populismus (so wie wir ihn heute verstehen) tut das sehr wohl. Das ist der Knackpunkt der ganzen Angelegenheit.

Der Souverän

„Der Souverän hat gesprochen“, las ich jüngst irgendwo in einem Posting, wie’s heutzutag’ so unschön heißt. Gemeint war Boris Johnson mit seinem spektakulären Wahlsieg, und die Spitze richtete sich gegen jene, die ihn, den notorischen Lügner, als denkbar ungeeignete Wahl erachten. Dazu zählt neben vielen Kennern der Szene in Westminster (einschließlich prominenter Konservativer) auch Yours humbly, der Verfasser dieser Zeilen.

Der Souverän hat gesprochen.

Wirklich?

Die Konservative Partei erhielt bei den Wahlen zum Unterhaus genau 43,6% aller abgegebenen Stimmen. Das heißt, dass mehr als 56 Prozent all jener, die’s der Mühe Wert fanden zur Wahl zu gehen, nicht für Boris Johnson oder die Tories gestimmt haben. (Bei einer Wahlbeteiligung von 67,3% macht der Stimmenanteil der Tories 29,34% aller Wahlberechtigten aus.)

Wohlgemerkt: Ich spreche der Konservativen Partei, ich spreche dem Prime Minister keineswegs die Legitimität ihres Sieges und ihrer derzeitigen Parlamentsmehrheit ab. Ganz im Gegenteil. Diese Mehrheit resultiert aus dem britischen Wahlsystem. Und das gilt immer, unabhängig davon, wer gerade gewinnt oder verliert. Wenn’s nicht repräsentativ ist, dann liegt die Schuld nicht bei Boris Johnson, sondern beim System.

Aber der Souverän?

Doch steckt hinter dem Argument mit dem Souverän noch etwas anderes:

„Der Souverän hat immer Recht“, hat unser famoser Herbert Kickl jüngst im Parlament verkündet.

Wir wollen einmal davon absehen, dass dieser Satz an sich Unsinn ist. Nichts und niemand kann immer Recht haben. Das ist völlig unmöglich. Irren gehört zum menschlichen Dasein.

Trotzdem scheint sich die Anschauung breit zu machen – stillschweigend, unreflektiert – wonach politischer Erfolg bereits ein inhaltlicher Beweis sei. Mit politischem Erfolg kann man nicht diskutieren. Boris Johnson dürfe demnach eben kein Lügner, Schwindler und politischer Hochstapler sein – denn der Souverän hat immer Recht. Brexit dürfe eben nicht schädlich sein – denn der Souverän hat immer Recht.

Diese stillschweigende Annahme ist so mächtig, dass ich ihre Wirkung sogar in mir selbst verspüre. Dabei bin ich von Kindesbeinen an dazu erzogen worden, allem zu misstrauen, was mit „Volks-“ beginnt. Auch „Volkes Stimme“. Dafür hat meine Mutter gesorgt. Sie hat von 1938 an miterleben müssen, wie der Souverän dachte, redete und handelte. Und wie Recht doch der Souverän hatte!

Anmerkung als Nachsatz: Das mit dem Souverän gilt auch, wenn’s um den Brexit geht. Zählt man die Stimmen jener Parteien zusammen, die eindeutig für den Brexit eingetreten sind – „get Brexit done“ –, also die der Tories, der Brexit-Partei und von UKIP, dann kommt man auch bloß auf einen Anteil von 45,7%. Das ist weniger als der Anteil der Remainers beim Referendum.

Fortunes of War

[for an English version see below]

Das Kriegsglück ist wechselhaft, wie wir wissen, es lacht einmal dem einen und bald darauf dem anderen. Deshalb verwendet das Englische wohl den Plural: fortunes of war. Und genau so nennt sich eine Abfolge von Romanen, welche Oliva Manning (1908–1980) im Laufe ihres Lebens verfasst hat. Üblicherweise werden sie in zwei Bänden gruppiert, The Balkan Trilogy und The Levant Trilogy. Erschienen sind sie im Zeitraum von 1960–65 beziehungsweise 1977–80.

Im Zentrum steht Harriet, verheiratet mit Guy Pringle. Er unterrichtet im Auftrag einer nicht näher genannten Organisation – wir dürfen ruhig ans British Council denken – Englische Literatur in Bukarest. Bloß bricht in eben jenem Sommer, da Harriet und Guy heiraten, der Zweite Weltkrieg aus. Er bildet den Hintergrund zu allem, was sich in der Folge abspielt.

Davor tummeln sich die vielen, vielen Charaktere, denen Harriet und Guy begegnen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. So gesehen, gleichen die beiden Trilogien einer bei den Engländern so beliebten Gesellschaftskomödie: ein Panorama menschlicher Verhaltensweisen, anständig ebenso wie zynisch, heroisch und feige, oft genug ein bisschen skurril, wenn nicht gar grotesk. Etliche bleiben in Erinnerung: Prinz Yakimov zum Beispiel, der hochadelige Schnorrer, oder später der junge Leutnant Simon Boulderstone – und viele mehr. Die plastische Zeichnung ihrer Personen, das dürfte wohl eine der ausgeprägtesten Stärken von Olivia Manning gewesen sein.

Doch erhält die lange Erzählung zusätzliche Schärfe, weil sie auch von der Ehe der Pringles handelt. Guy ist immer aktiv, geradezu besessen von seinem Literaturunterricht, er hat zahllose Freunde, gewinnt immer neue, er braucht sie. Für Harriet bleibt nichts übrig – Guy nimmt einfach an, sie denke so wie er, sei ein Teil seiner selbst. „Sei nicht unvernünftig“, schmettert er ihre Wünsche ab. So muss Harriet ihren eigenen Weg finden; sie muss sich, wie man später gesagt hätte, emanzipieren.

Und im Hintergrund stets der Krieg. Die Pringles erleben mit, wie Rumänien nach der Niederlage Frankreichs und dem Abzug der Britischen Armee vom Kontinent den Faschisten anheim fällt. Guy und Harriet entkommen knapp der Gewalt der Eisernen Garden. Ihre Flucht führt sie nach Athen. Auch dort gibt’s eine britische Kolonie, gesellschaftliches Leben, aber schließlich diktiert wiederum der Krieg ihr Schicksal. Mit Mühe entkommen sie den Deutschen; ihre Flucht führt sie nach Ägypten. Die zweite Trilogie setzt ein, als die Wehrmacht soeben El Alamein erreicht hat, man rechnet allgemein damit, dass sie innerhalb von Stunden in Alexandria sein würde. Die britische Botschaft in Kairo hat bereits begonnen, Akten zu verbrennen.

Doch die Pringles überleben letztlich, ebenso wie ihre Ehe. Etliche ihrer Freunde und Bekannten sind nicht so glücklich – the fortunes of war. Olivia Manning hat ein beeindruckendes Monument geschaffen: nicht so sehr dem Krieg und seinen Helden, als vielmehr den Menschen; vielen durchschnittlichen, trotzdem bemerkenswerten Menschen, mehrheitlich Zivilisten, samt all ihren Schwächen, ihren Tugenden, ihren Hoffnungen – und ihren Schicksalen.

Für Fachleute sei hinzugefügt, dass sich ein Vergleich mit Evelyn Waughs Sword of Honour-Trilogie aufdrängt, nicht zuletzt wegen der Schauplätze. Glücklicherweise teilt Manning nicht jene servile Bewunderung der upper classes, welche Waughs Werk entstellt. Was ich vorziehe, dürfte klar sein. Tausche 3 Waugh gegen 1 Manning (um ein Messverfahren anzuwenden, welches Friedrich Torberg seinerzeit eingeführt hat).

Empfehlenswert? Unbedingt – allerdings handelt es sich um zwei dicke Bände, es braucht also Leser, die so was mögen: richtige Leser, bin ich versucht zu sagen.

Ursprünglich erschienenen die Teile der beiden Trilogien als einzelne Romane. The Balkan Trilogy erschien erstmals 1965 bei William Heinemann; The Levant Trilogy erstmals 1982 bei Weidenfeld & Nicolson. Ich habe alte Penguin-Ausgaben aus den Jahren 1981 bzw. 1982 gelesen.
Fortunes of War

The fortunes of war are unpredictable, as we all know; they may favour one side and then the other. That’s probably why the English language uses the plural. And that’s what a series of novels is called which Olivia Manning (1908-1980) wrote in the course of her life. They are usually collected in two volumes, The Balkan Trilogy and The Levant Trilogy. Originally these were published between 1960–65 and 1977–80, respectively.

At the centre of the story is Harriet, married to Guy Pringle. He teaches English Literature in Bucharest on behalf of an unnamed organization – it is permissible to think of the British Council. However, in the summer when Harriet and Guy get married, the Second World War breaks out. It forms the background to everything that happens afterwards.

In the foreground there are the many, many characters Harriet and Guy meet and who they have to deal with. Seen in this way, the two trilogies resemble a social comedy of the kind so popular with the English: a panorama of human behaviour, decent as well as cynical, heroic as well as cowardly, often enough a bit bizarre, if not grotesque. Quite a few of these characters will linger in the reader’s mind: Prince Yakimov, for example, the aristocratic scrounger, or later the young lieutenant Simon Boulderstone – and many more. The creation of lifelike characters must have been one of Olivia Manning’s most distinctive strengths.

The long narrative gains additional intensity because it also deals with the Pringles’ marriage. Guy is constantly busy, obsessed almost with his literature lectures, he has countless friends, always wins new ones, he actually needs them. There’s nothing left for Harriet – Guy simply assumes she thinks like him, is a part of himself. “Don’t be unreasonable,” he brushes her demands aside. And so Harriet has to find her own feet; she has to emancipate herself, as we would have said later.

And always, in the background, there’s the war. The Pringles witness Romania falling to the fascists after the defeat of France and the withdrawal of the British army from the continent. Guy and Harriet narrowly escape violence by the Iron Guard. Their flight takes them to Athens. They find another British colony there, more social life, but eventually war dictates their fate again. They manage to escape from the Germans, but only just; their flight takes them to Egypt. The second trilogy begins when the Wehrmacht has just reached El Alamein and is generally expected to occupy Alexandria within hours. The British embassy in Cairo has already begun to burn the files.

But in the end the Pringles survive, as does their marriage. Some of their friends and acquaintances are not so lucky – the fortunes of war. Olivia Manning has created an impressive monument: not so much to the war and its heroes as to people; many average yet remarkable people, mostly civilians, with all their weaknesses, their virtues, their hopes – and their destinies.

For literary experts it may be added that Manning’s books invite comparison with Evelyn Waugh’s Sword of Honour trilogy, if only due to the setting. Fortunately, Manning does not share the servile adoration of the upper classes which distorts Waugh’s work. My personal preference should be obvious. I’ll happily exchange 3 Waughs for 1 Manning (to apply a measurement method introduced by Friedrich Torberg a long time ago).

Recommended? Absolutely – although the two volumes are quite long and so require readers who like this sort of book: real readers, I am tempted to say.

Originally, the parts of the two trilogies were published as individual novels. The Balkan Trilogy was first published in 1965 by William Heinemann; The Levant Trilogy was first published in 1982 by Weidenfeld & Nicolson. My copies are the Penguin editions from 1981 and 1982.

 

 

 

Weihrauch im Elfenbeinturm

Handke und kein Ende. Schade, dass er so viel Aufmerksamkeit erhält. Sie gebührt ihm nicht.

Den Nobelpreis har er verdient, klar. Wer, wenn nicht er? Gibt’s noch jemand, der sich derart hoch verstiegen hat in die obersten, die luftigsten Stockwerke des Elfenbeinturms? Angefeuert von einer Clique deutschsprachiger Literaturkritiker, Germanisten. Da droben frönen sie ihrem affektiert verschnörkelten Diskurs. Nur ja nichts einfach ausdrücken, wenn’s kompliziert auch geht! (Und je komplizierter, desto gescheiter – glauben sie.)

So benebeln sie Handke mit ihrem Weihrauch; ihn sowie ein paar weitere auserkorene Dichter und – deshalb angeblich auch – Denker. Und Handke glaubt’s. Er beantworte keine banalen Fragen von Journalisten, hat er jüngst geschimpft, er halte Zwiesprache mit Tolstoi und Homer! Das – nämlich das Selber-Glauben – das könnte vielleicht seine größte Schwäche sein.

Und die Serbien-Affäre? Nun, was hat man sich eigentlich erwartet von einem Elfenbeinturm-Spitzenbewohner? Der weiß nichts von der Wirklichkeit da draußen, will nichts wissen, darf gar nichts wissen. Da kann eine Intervention in der realen Welt nur in die Hosen gehen. Im Übrigen kennen wir das aus dem 20. Jahrhundert zur Genüge. Denken wir bloß an Pablo Picasso und Stalin. Sartre und die kommunistischen Straflager. Gerhard Hauptmann und die Nationalsozialisten.

Tröstlich ist bloß: Weder Handke noch seine Germanisten, seine Literaturkritiker machen einen Unterschied. Nicht den geringsten. Was Handke gesagt hat; ob er was anderes hätte sagen können; oder ob er überhaupt besser geschwiegen hätte – es macht keinen Unterschied. Null.

Und seine Literatur? Haben Sie bloß kein schlechtes Gewissen, weil Sie schon so lange nichts mehr von ihm gelesen haben. Das hat nämlich niemand, es sei denn, er oder sie musste. Und genau so war’s ja auch gedacht: Elfenbein-Literatur ist nicht fürs gemeine Volk! Wir wenden uns wieder dem zu, was wir gerne lesen, gerne und mit Gewinn. Ein kleiner Tipp: die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2013, die Kanadierin Alice Munro.

Just back from…

Eros (to be precise: Anteros), Piccadilly Circus
Royal Hospital Chelsea
The Tide Walk, Greenwich Peninsula, with Emirates Air-Line in the background
Richmond Hill, seen from the Twickenham side of the River Thames
Christmas market on Trafalgar Square
Wo’s that?
Regent Street
Christmas at Kew Gardens
Good-bye…

Darf ich vorstellen?

Mein jüngster Sprössling:

Ich hab’s als Erzählung bezeichnet, obwohl das wahrscheinlich nicht ganz zutrifft. Gekommen ist’s so: Im Herbst 2018 unternahm ich auf Anregung und Einladung von Freunden hin eine Busreise durch Polen – ganz normal, mit Führern und allem, was so dazu gehört.

Diese Reise hat mich gehörig beeindruckt. Wieder daheim, wollte ich – wie ich das sonst oft gemacht habe – eine Art Dia-Show zusammenstellen, und zwar als PowerPoint Präsentation. Da bin ich aber draufgekommen, dass mir viel zu viele Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen durch den Kopf gingen. Es half nichts: Ich musste erzählen.

Und daraus ist dann eben dieses Buch geworden: halb Reisebericht, halb historisches Essay.

Erste Reaktionen waren erfreulich positiv. Sollte es jemanden interessieren, hier geht’s zu den Details >>

Just back from…

Toronto
Kingston, Ontario
Montreal
Quebec
Ottawa
Algonquin Provincial Park
Niagara Falls
The prairies, seen from the plane
Lake Louise, Banff National Park (Alberta)
near Jasper, Alberta
Rainforest in Fraser Valley, British Columbia
Mounties in Victoria, British Columbia
Victoria harbour
Whale watching off Vancouver Island – a humpback
Vancouver – view from Granville Island

Gelesen / Just read

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine

Ich hab’ keine Ahnung, was gescheite Leute zu dem Roman der jungen schottischen Autorin sagen: Vielleicht ist er ihnen zu seicht. Und tatsächlich könnte man argumentieren, das Ende habe etwas Kitschiges an sich. Was glückliche Enden freilich so an sich haben. Andererseits strahlt der Roman einen Optimismus und damit eine Stärke aus, die anderen abgeht. Im Zentrum steht die Hilfsbereitschaft durchschnittlicher Menschen ohne großen Ehrgeiz. Sie bringt die Handlung in Gang, sie bringt schließlich die Lösung – selbst für eine verschreckte, verbitterte alternde Jungfer.

Empfehlenswert? – Ja, ganz ohne Einschränkung.

I have no idea how clever people react to this novel by a young Scottish author: They may well find it rather thin. And indeed, one could argue that the ending has something kitschy about it; but then, this is the way with happy endings. On the other hand, the novel projects a sense of optimism and thus strength that others sadly lack. The focus is on the helpfulness of average people without much ambition. This is the quality that gets the plot going and finally leads to a denouement  – even for a frightened, embittered ageing spinster.

Recommended? – Yes, without reservation.

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine (London: HarperCollins, 2017).
Jonathan Coe, Middle England

Was gescheite Leute hingegen zum Roman von Jonathan Coe sagen, ist klar: Er handelt ja von ihnen. Hauptfigur ist – man glaubt es nicht – ein millionenschwerer Schriftsteller.

Wobei der Autor brillant erzählt. Sein Roman liest sich spannend und unterhaltsam von Anfang bis Ende, und das obwohl er letztlich von nichts anderem handelt als von einer kleinen Gruppe schnatternder Intellektueller: the chattering classes. So was hinzukriegen, zeugt schon von gehörigem Talent.

Nur tieferer Sinn steckt keiner dahinter. Und schon gar kein politischer – denn auch der wurde dem Roman von eifrigen Rezensenten zugeschrieben, von wegen Brexit und so. Sogar von einem state-of-the-nation Roman war die Rede! Nichts dergleichen – dazu ist der gesellschaftliche Horizont viel zu beschränkt.

Empfehlenswert? – Als reine Unterhaltung, ja. Man darf sich nur nicht zu viel erwarten.

Whereas it’s abundantly clear how clever people react to the novel by Jonathan Coe: After all, it is about themselves. The main character is – believe it or not – a millionaire writer.

And yet, the author is a brilliant narrator, and his novel makes fascinating as well as amusing reading from beginning to end, even though it isn’t really about anything but a small group of intellectuals – the chattering classes. To pull this off is no mean achievement and testimony to considerable talent.

As long as one is not hoping for any deeper meaning; and certainly not in a political sense, which has also been attributed to the novel by friendly reviewers: Brexit, and so on. There has even been talk of a state-of-the-nation novel! Far from it – the range is just too limited for any such thing.

Recommended? – If you’re looking for pure entertainment, yes; just don’t expect anything else.

Jonathan Coe, Middle England (London: Viking, 2018).
Margaret Laurence, A Jest of God

Margaret Laurence (1926–1987) zählt inzwischen zu den Klassikern der kanadischen Literatur. Einige ihrer Romane sind in der fiktiven Kleinstadt Manawaka in der Provinz Manitoba angesiedelt, so auch dieser hier. Er handelt von der verschüchterten Lehrerin Rachel Cameron, der übel mitgespielt wird – von den lieben Mitmenschen ebenso wie vom Schicksal. Ihre Schweigsamkeit, ihre Angst offen zu reden, die daraus resultierenden Missverständnisse, die tragen das ihre dazu bei. Die Geschichte endet nicht gut, aber ausgesprochen schlimm auch nicht. Wie könnte es auch anders sein?

Interessant: Der Roman ist 1966 erschienen. (Ich hab’ ihn erstmals so um 1977 oder ‘78 gelesen.) Offenbar sind die sechziger Jahre zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Manawaka angekommen – ebenso wenig übrigens wie in Innsbruck. Oder ist das traurige Leben der Heldin bewusst als Kontrapunkt gesetzt?

Empfehlenswert? – Durchaus, obwohl’s schon ein bisschen Geduld und Leseerfahrung braucht.

Today, Margaret Laurence (1926–1987) is considered one of the major figures in Canadian literature. Some of her novels are set in the fictional small town of Manawaka in the province of Manitoba, as is this one. It is about the shy and inhibited schoolteacher Rachel Cameron, who is dealt a rotten hand – by people just as much as by fate. This is aggravated by misunderstandings created by her taciturn ways, by her reluctance to speak openly. Her story does not end well, but not overly disastrous either. How could it be otherwise?

It is interesting to note that the novel was published in 1966. (I first read it around 1977 or ’78.) Obviously the Sixties have not arrived in Manawaka yet – nor had they in Innsbruck, by the way. Or is the heroine’s sad life deliberately set as a counterpoint?

Recommended? – By all means, although a certain amount of patience and reading experience may be required.

Margaret Laurence, A Jest of God (Toronto: McClelland and Stewart, 1974). 1st publ. 1966.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).