Alle Beiträge von H. W. Valerian

Gelesen

Vor kurzem haben wir hier über den Roman Eva schläft der römischen Autorin Francesca Melandri gesprochen. Inzwischen hab’ ich einen weiteren gelesen, nämlich Alle, außer mir (italienisch Sangue giusto), erschienen 2017.

Es gibt Parallelen zwischen den beiden Werken: allen voran wohl der Stil, auch dieses Mal wieder geradeheraus und zielsicher, ohne jegliche Schnörkel, Pirouetten oder sonstige Attitüden (lediglich die deutsche Übersetzung könnte in diesem Falle kritisiert werden). Die Geschichte, die da erzählt wird, steht stets im Vordergrund. Das macht diesen Roman genau so fesselnd wie den früheren.

Außerdem handelt es sich wieder um eine Familiengeschichte, wenngleich mit einer interessanten Variante. Und auch dieses Mal ist das Schicksal der Familie verwoben mit Geschichte, mit Politik. Es geht um Abessinien, wie’s damals hieß, also um Äthiopien, und im Besonderen um den Krieg (1935–36), mit welchem das faschistische Italien seine Herrschaft in dem Lande errichtete. Und beides, Krieg samt anschließender Herrschaft, zeichneten sich durch schockierende Brutalität von Seiten der Italiener aus – dass sie Giftgas einsetzten, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein, aber das war noch lange nicht alles.

Francesca Melandri schildert solche Grausamkeiten, solche Massaker kaltblütig und anschaulich – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Mir scheint, sie tut das in der Absicht, ihre Landsleute zum Hinschauen zu zwingen, zum Wahrnehmen. Inwieweit das in Italien bereits erfolgte, oder inwieweit das schockierend wirkt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der pater familias im Roman, Attilio Profeti, scheint seine Taten jedenfalls weitgehend vergessen zu haben, zumindest nach außen hin. Seine Lebensgeschichte steht im Zentrum der Erzählung.

Natürlich kommt noch mehr zur Sprache: das Rom der Gegenwart zum Beispiel; Liebe in ihren verschiedenen Formen, geglückt oder vergeblich; die geradezu atemberaubende Korruption von Politik und Verwaltung; sowie Migration, illegal wie legal. Insofern handelt es sich um eine Erzählung der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit.

Empfehlenswert? – Ja, keine Frage. Packend geschrieben, und man lernt eine Menge (sofern einem daran gelegen ist).

Francesca Melandri, Alle, außer mir, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen (München: btb Verlag, 2020).

Mensch, gehn mir die Konträren auf die Nerven!

Man soll nicht emotional werden, immer schön sachlich und ruhig argumentieren. Einverstanden. Trotzdem – einmal, so hat Peter Michael Lingens einst im profil geschrieben, einmal hat selbst der Chefredakteur das Recht, ins Blatt zu kotzen. Da ich weder Chefredakteur bin noch für eine Zeitschrift wie’s profil schreibe, wird’s hier nicht ganz so schlimm werden. Aber immerhin –

Ich bin gewiss kein Facebook-Junkie, aber einmal am Tag schau’ ich doch hinein, um zu sehen, was es Neues gibt. Vor allem interessiert mich, was Bekannte, Verwandte, Freunde etc. gepostet haben; und da wiederum besonders ihre Bilder von Wanderungen, Reisen, sonstigen Unternehmungen. Ziemlich unschuldig, also.

Leider gibt’s unter diesen Bekannten, Verwandten, Freunden etc. auch einige wenige, die sich dem Konträren verschrieben haben. Von denen bekomm’ ich jeden Tag mindestens einen Link zu einer Seite, die jetzt endlich die Wahrheit ans Licht bringt, die Fakten; oder ein Video mit derselben Mission.

An sich wär’ das nicht schlimm. Es kann (und soll) jeder seine Meinung sagen. Zu teilen brauch’ ich sie ja nicht, ebenso wenig wie sie die meine. Aber so kommen diese Konträren ja nicht daher. Die knallen mir ihre Funde ins Gesicht, im Ton unerschütterlicher Gewissheit: Da sind endlich die Tatsachen, die Wahrheit, wir kennen sie, du kennst sie nicht und die dumpfe Masse ebenso wenig. Wir (die Konträren) – und nur wir! – besitzen die Einsicht, durchschauen die bösen Ränke. Am schlimmsten wird’s, wenn sie uns leicht süffisant von oben herab fühlen lassen, wie naiv und autoritätsgläubig alle andern doch sind.

Letzthin bekam ich von einem Bekannten auf Facebook ein Video zugespielt, mit dem enthusiastischen Kommentar: Endlich die Fakten! Manchmal, nur manchmal gebe ich einer Schwäche nach und schau mir das an. In diesem Falle begann der Video-Mann – das Licht der Welt, möchte man glauben – seinen Vortrag, indem er sich vorstellte: Inhaber einer Werbeagentur, Journalist.

Wie bitte?

Im zweiten Satz war bereits von einer „neuen Weltordnung“ die Rede. Da wurde ich denn doch stutzig und forschte weiter. Und was, glauben Sie, entdeckten meine leidgeprüften Augen? Rechte Szene, FPÖ, markige Sprüche hart an der Grenze. Früher war da anscheinend auch was mit Wiederbetätigung.

Nun ist schon klar: Dieser Herr könnte durchaus Recht haben. Das hat mit der politischen Einstellung nichts zu tun. Die Frage ist bloß, ob wir ihm das glauben. Meine Wenigkeit bleibt jedenfalls skeptisch, sehr sogar; und das ist kein Vor-Urteil, bitte schön, sondern ein Nach-Urteil, gefällt eingedenk all der Dinge, welche rechts außen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon verzapft wurden.

Was mich freilich mehr beschäftigt: Wie konnte mein Bekannter mir dieses Video samt enthusiastischem Kommentar schicken? Hat er nicht nachgeschaut? Kritisch hinterfragt? Gerade darauf ist er doch so stolz! Aber es ist schon seltsam, nicht wahr, wie die Erkenntnisse und die Zahlen von konventionellen Wissenschaftlern als Propaganda oder gar Lüge beiseite gewischt werden, jene von Konträren hingegen felsenfest geglaubt.

Und das, selbst wenn es sich um eher fragwürdige „Experten“ handelt. Einer, der mir als anerkannter Mediziner und Wissenschaftler angepriesen wurde, erwies sich tatsächlich als solcher – bloß brillierte er auf einem ganz bestimmten Gebiet, nämlich der Sportmedizin.

Sport!

Darüber hinaus vertreibt er Anti-Ageing-Mittel, verspricht sogar Unsterblichkeit (nicht gleich, zugegeben, aber doch bald). In seiner Heimat, den USA, hätte man früher wahrscheinlich von snake oil-Medizin gesprochen.

Ein anderer Experte entpuppt sich als Gynäkologe, ein weiterer als Zahnarzt. Na ja, vielleicht könnte letzterer dem Corona-Virus wenigstens die Zähne ziehen?

Es gibt keine Pandemie, las ich jüngst in einem Kommentar: alles nur Hysterie, Panikmache, klarerweise zu finsteren Zwecken. Komisch: Die ganze Welt von Brasilien über die USA, Großbritannien und Europa bis nach Russland ringt mit dem, was die WHO als Pandemie definiert hat – nur unser Kommentator an seinem Bildschirm hier in seiner Wohnung in Innsbruck, der weiß es besser. Besser als die ganze Welt!

Aber wie schon gesagt: Möglich wär’s. Möglich wär’ allerdings so ziemlich alles, theoretisch zumindest. Die Frage muss daher sein: Für wie wahrscheinlich halten wir’s? Darauf  mögen die Leserin, der Leser selbst eine Antwort finden.

Und wie ebenfalls schon gesagt: Jeder, jede kann seine oder ihre Meinung haben und selbige auch sagen. Kein Problem. Bloß verschone man mich bitte mit der Heuchelei, Meinungen so zu präsentieren, als handle es sich um Tatsachen, samt all der zugehörigen Besserwisserei und süffisanten Herablassung.

Das nervt!

Gelesen / Just read

Damals, als wir so hitzig über den Vietnam-Krieg diskutierten, da dachten wir nie an die Soldaten der anderen Seite: jene in der NVA, der nordvietnamesischen Armee; die einfachen Soldaten, meine ich, die armen Frontschweine. Enthusiastische Studenten nahmen wahrscheinlich an, sie erfüllten allesamt glücklich ihre Pflicht, mit anti-imperialistischen und proletarischen Parolen auf den Lippen. Das so was Blödsinn sein musste, kam uns, ehrlich gestanden, nicht in den Sinn. Aber Krieg ist Krieg, immer, und besonders auf der untersten Ebene: bei den grunts, wie die Amerikaner zu sagen pflegten.

Ich wurde zum ersten Mal aufmerksam auf die andere Seite dank einer Bemerkung in dem Buch 80 Tage in der Hölle der italienischen Reporterin Oriana Fallaci. Da erwähnt sie nämlich das Tagebuch eines nordvietnamesischen Soldaten, in welchem die erbärmlichen Bedingungen deutlich wurden, unter denen diese Männer und Frauen lebten und kämpften. Man sollte ja nicht vergessen – obwohl wir auch dies taten –, dass der Krieg von den Nordvietnamesen zum Teil völlig konventionell geführt wurde, mit Regimentern und Divisionen, die gegen amerikanische Feuerkraft anrannten – zumeist erfolglos. Alleine bei der vergeblichen Belagerung von Khe Sanh (Jänner–Juli 1968) sollen bis zu 10.000 Nordvietnamesen gefallen oder verwundet worden sein (die Angaben variieren ganz gewaltig). Aber das hielt die nordvietnamesische Führung nicht davon ab, genau so weiter zu machen. Ein bisschen erinnert das an den Ersten Weltkrieg. General Giap, so scheint’s, war doch nicht ganz das militärische Genie, als welches ihn skandierende Studenten priesen.

Das bleibende Dokument dieser nordvietnamesischen Soldaten, besonders in der westlichen Aufmerksamkeit, dürfte der Roman The Sorrow of War von Bao Ninh sein. Er ist 1991 in Hanoi erschienen. Der Autor wurde 1952 geboren – meine Generation. Seine Erfahrungen sind freilich total anders. In seiner Erzählung geht es nämlich nicht bloß um den Krieg, um das, was er als Frontsoldat erlebt und durchgemacht hat, es geht ebenso um sein Leben – und seine Liebe – davor und danach. Alles, aber schon gar alles ist belastet durch das Leiden des Krieges (so der deutsche Titel). Zu sagen, der Erzähler sei traumatisiert, greift zu kurz. Er hat den Krieg zwar überlebt, als einziger seiner Einheit, aber dieser Krieg hat sein Leben nachhaltig zerstört.

Von Politik, von Ideologie ist praktisch nie die Rede. Ob sie vom Autor absichtlich ausgeklammert wurde oder ob dies die Wirklichkeit in Hanoi widerspiegelt, das wissen wir nicht. Bemerkenswert ist immerhin, dass der Roman überhaupt erscheinen durfte; denn ein heroisches Bild zeichnet er gewiss nicht. Aber wie auch immer – entscheidend ist vor allem, dass der Schrecken des Krieges hier hauptsächlich nachher wirkt, in der Erinnerung, in Albträumen, im Alkoholismus. Das kennen wir von amerikanischen Veteranen nur zu gut. Arme Schweine alle zusammen.

Empfehlenswert? – Unbedingt.

In our heated debates about the Vietnam War long ago we never thought of the soldiers on the other side: those in the NVA, the North Vietnamese Army; I’m talking about the ordinary soldiers, the riflemen in their foxholes. Enthusiastic students probably assumed that they were all happy to do their duty, chanting anti-imperialist and proletarian slogans. Quite honestly, it never occurred to us that this had to be nonsense. War, after all, is war, always the same, especially at the lowest level: the grunts, as the Americans used to say.

I first became aware of the other side thanks to a remark in the book Nothing and Amen by the Italian reporter Oriana Fallaci. She mentions the diary of a North Vietnamese soldier highlighting the pitiful conditions in which these men and women were living and fighting. It should not be forgotten – although of course we did – that on the North Vietnamese side the war was partly fought in a completely conventional way with regiments and divisions attacking American firepower – mostly unsuccessfully. In the futile siege of Khe Sanh alone, January–July 1968, up to 10,000 North Vietnamese are said to have been killed or wounded (the figures vary enormously). But that did not stop the North Vietnamese leadership from continuing in exactly the same vein. It evokes faint memories of World War I. General Giap, it seems, was not quite the military genius that students chanting Communist slogans made him out to be.

The lasting memorial for these North Vietnamese soldiers, especially from a Western perspective, could be The Sorrow of War, a novel by Bao Ninh. It was published in Hanoi in 1991. The author was born in 1952: my generation, although his experiences were, of course, totally different. His story is not just about the war, about what he experienced and what he suffered as a front-line soldier; it is also about his life – and his love – before and after. Everything, absolutely everything is overshadowed by the Sorrow of War. To say that the narrator is traumatised might be an understatement. He may have survived the war as the only one of his unit, but his life has been destroyed permanently.

There is practically no mention of politics or ideology. We do not know whether the author deliberately excludes these aspects or whether this reflects life in Hanoi. What is remarkable, however, is that the novel was allowed to appear at all; for it certainly does not paint a heroic picture. In any case, the most impressive aspect may be that the horror of war is mainly felt in retrospect: through memories, nightmares, alcoholism. American veterans have displayed the same symptoms, as we know only too well. Poor bastards all of them.

Recommended? – Absolutely.

Bao Ninh, The Sorrow of War: A Novel, English version by Frank Palmos (London: Secker & Warburg, 1994). Ich hab’ die Minerva Taschenbuchausgabe aus demselben Jahr verwendet. Deutsch: Die Leiden des Krieges (Halle/Saale: Mitteldeutscher Verlag, 2014).

Gelesen

Francesca Melandris Roman Eva schläft erschien bereits 2010; taufrisch ist er also nicht mehr. Ob er hier bei uns gelesen wurde, beachtet, diskutiert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich im Web gefunden habe, das ist eine Rezension von Helmuth Schönauer. No na, ist man fast versucht zu sagen, denn was hat unser Meisterrezensent eigentlich nicht gelesen und besprochen? Die Lektüre- und Besprechungsleistung, die er in seinem Berufsleben hingelegt hat, müsste eigentlich rekordverdächtig sein. Mir ringt sie mundoffenstehende Bewunderung ab.

Aber darum soll’s hier natürlich nicht gehen. Das Bemerkenswerte an dem Roman ist der Umstand, dass er von einer Italienerin verfasst wurde, dass er jedoch von Südtirol handelt. Den Rahmen bildet eine Zugfahrt durch die gesamte Länge des italienischen Stiefels. Die Kapitelüberschriften sind zur Hälfte denn auch Kilometerangaben, zur anderen Hälfte Jahreszahlen, denn die Erzählung verquickt eine Familiengeschichte mit Politik, mit Historie. Das reicht vom Ende des Ersten Weltkriegs über Italienisierung, Abessinienkrieg, Option, Zweiten Weltkrieg und Nazi-Herrschaft bis herauf zu den Bumsern und schließlich zur Streitbeilegungserklärung.

Solche halb historischen, halb privaten Romane bringen freilich eine Gefahr mit sich: Dass die Charaktere nur noch Repräsentanten sind für geschichtliche oder politische oder auch soziologische Phänomene, nach der Methode: „So eine Figur brauchen wir auch noch“, also hinein damit und kräftig umgerührt. Fernsehserien werden auf diese Art und Weise produziert – und Melandri hat derlei Drehbücher geschrieben.

Kann ihr Roman mehr bieten? Handelt es sich wirklich um einen Roman, nicht nur um illustrierte Geschichte? Nun, meine spontane Reaktion wäre zu sagen: Ja, er ist mehr. Ich möchte aber vorsichtig sein. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich ein endgültiges, haltbares Urteil erst nach einiger Zeit herausbildet. Vorläufig werde ich mich also meiner Stimme enthalten. Was man aber zweifellos sagen kann, ist dies: Melandri schreibt mitreißend, das Buch ist spannend zu lesen von Anfang bis zum Ende, ohne die geringste Verschnörkelung und Affektiertheit, wie sie bei einem solchen Thema in der österreichischen Literatur leider zu befürchten wären.

Was die Familiengeschichte betrifft, handelt sie von einer ärmlichen deutschsprachigen Familie – man ist versucht, sie im Raum Bruneck anzusiedeln. Im Mittelpunkt steht Gerda, die sich als Köchin in einer feindseligen Umwelt durchschlagen muss. Ihr uneheliches Kind ist Eva, also jene, die schläft, und die zugleich als Erzählerin der ganzen Geschichte fungiert. Die Bahnfahrt dient dazu, nach langen, langen Jahren ihren Stiefvater wiederzusehen, ein letztes Mal vor seinem Tod – denn dieser kalabresische Carabiniere war ihr eigentlicher Vater, liebend und geliebt.

Mehr braucht hier nicht verraten zu werden. Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Einer kurzen Anmerkung entnehme ich, dass sie 15 Jahre in Südtirol/Alto Adige gelebt habe. Was sie weiß, was sie recherchiert hat, das erscheint mir erstaunlich treffsicher. Wenn irgendwelche Details benörgelt werden, so sind sie völlig irrelevant. Das Thema an sich, die Perspektive – die dürften doch höchst bemerkenswert sein, eine bewundernswerte Leistung in diesen Zeiten des wieder aufkommenden Nationalismus.

Empfehlenswert? – Ganz ohne Zweifel: Ja. Wie schon gesagt, ein Buch, das man frisst, nur ungern niederlegt, ehe man zum Schluss gelangt.

Francesca Melandri, Eva schläft, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (Berlin: Verlag Klaus Wagenbach,  Taschenbuch 7. Aufl. 2020). Erstmals erschienen 2010.

Liberale Nasenlöcher

Um eines gleich von Anfang an klarzustellen: Es geht hier nicht um das Corona-Virus, um Pandemie oder auch nicht, es geht auch nicht um Gesetze, Verordnungen oder sonstige Maßnahmen, die in diesem Zusammenhang erlassen beziehungsweise verordnet werden – oder auch nicht. Ich werde mich hüten, in diese Debatte zu waten. Sie ist nämlich nicht nur fruchtlos, sondern inzwischen auch schon ziemlich öde.

Zugegeben: Es wird um die unbeliebte Maske gehen, den Mund-Nasen-Schutz (MNS); doch was der werte Leser oder die geschätzte Leserin von dieser Maske halten – oder auch nicht –, das spielt hier keine Rolle. Dafür oder dagegen, sinnvoll oder sinnlos: völlig belanglos.

Hier geht’s um etwas anderes. Gegen den Mund-Nasen-Schutz wird unter anderem auch mit folgendem Argument protestiert: Die Pflicht, eine Maske zu tragen, schränke die Freiheit des Einzelnen ein, sei somit unvereinbar mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie; zusammen mit anderen verordneten Maßnahmen gefährde sie diese sogar.

Und da, bei dem Wörtchen liberal, möchte ich doch Einspruch erheben. So, wie ich den Liberalismus verstehe – mit beschränkter Belesenheit und Auffassungsgabe, zugegeben, besonders im Vergleich zu unseren Konträren –, so wie ich also den Liberalismus verstehe, gibt es eine solche Unvereinbarkeit nicht. Eher im Gegenteil.

Gewiss, das grundlegende Prinzip des Liberalismus besagt, dass niemand legitimerweise gezwungen werden könne, etwas zu tun oder zu unterlassen, nur weil es für ihn besser ist, weil es ihn glücklicher macht, weil es nach der Meinung anderer weise oder gar richtig wäre. So zumindest der Klassiker des Liberalismus, John Stuart Mill (1806–73), in seinem Essay „On Liberty“. Das einzige, was wir in einem solchen Falle tun können, das sei ermahnen, argumentieren, überreden oder vielleicht beschwören. Aber Zwang, womöglich sogar Strafen – nein!

Bloß braucht man nicht lange mit einem Liberalen zu diskutieren, bis der abgedroschene Standard-Satz daherkommt: Meine Freiheit endet da, wo die Rechte des anderen anfangen. Ich will jetzt nicht drauf herumreiten, dass dieser Satz eigentlich sinnlos ist: Denn gerade in städtischen Ballungsräumen leben wir heute so dicht beisammen, dass praktisch jede Freiheit, die ich mir nehme, irgend jemand anderes Rechte verletzt. Weswegen das Prinzip gerne in drastischere Worte gekleidet wird, vorzüglich jene von Oliver Wendell Holmes: „The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins“ – das Recht, meine Fäuste zu schwingen, endet dort, wo die Nase des anderen beginnt. In der Praxis ist das zwar auch nicht gerade erhellend, ironischerweise passt es aber gerade auf die Frage der Maskenpflicht haargenau.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die Maske vorwiegend dem Schutze anderer dient, nicht unserem eigenen. Zumindest entnehme ich das den weitaus überwiegenden Äußerungen von Wissenschaftlern. (Ich weiß schon, liebe Konträre, ich weiß schon…) Sie soll verhindern, dass wir beim Atmen, Husten oder Niesen Bakterien und Viren in die Welt und somit anderen Menschen ins Gesicht schießen. Wenn dem aber so ist, oder wenn dem bloß so sein könnte, dann geht es eben nicht um das jeweilige Individuum selbst. Es geht um den Schutz anderer, in letzter Konsequenz der Gemeinschaft (schließlich haben wir’s mit einer Seuche zu tun). Und da – hört, hört! – da gelten, immer laut John Stuart Mill, andere Gesetze:

„Um dies“, nämlich Zwang und Strafe, „zu rechtfertigen, muss das Verhalten, von dem man abschrecken will, derart sein, dass es bei einem anderen Schaden hervorruft. Die einzigen Verhaltensweisen, für die das Individuum der Gesellschaft gegenüber verantwortlich ist, sind jene, welche andere berühren.“ Und in so einem Falle ist tatsächlich „die Gesell­schaft“ zuständig. Was meiner bescheidenen Meinung nach letztlich nur heißen kann: der Staat.

Was die notorische Maskenpflicht angeht, sollte die Sachlage somit ausnahmsweise einmal klar sein: Sie schützt andere. Deshalb hat „die Gesellschaft“ (der Staat) das Recht, das Tragen einer Maske anzuordnen und allenfalls Strafen zu verhängen. Von einer Einschränkung der Freiheit, einer Gefahr für den Liberalismus kann keine Rede sein: Denn mein Recht, Bakterien und Viren in die Luft zu niesen, endet an den Nasenlöchern meines Gegenübers. So gesehen, bestünde sogar eine moralische Pflicht, die Maske zu tragen, zumindest dann, wenn man als einigermaßen zivilisiertes, rücksichtsvolles Mitglied unserer Gesellschaft gelten will.

Womit sich natürlich nicht das Geringste ändern wird, nicht im wirklichen Leben. So, wie ich die überwiegende Mehrheit der Maskenmuffel einschätze, werden sie diese (oder ähnliche) Zeilen gar nicht lesen, und wenn, dann sind sie an solchen Überlegungen nicht im Geringsten interessiert. Aber wenigstens – so wünscht man sich als geplagter Leser – aber wenigstens in unseren Reihen, im Kommentariat könnten wir aufhören, so unbedacht von Freiheit und von liberal zu reden.

Die Zitate stammen aus dem Essay „On Liberty“ von John Stuart Mill, hier zit. nach der Ausgabe der Oxford Univerity Press (Óxford, 1998). Die Über-setzung stammt von mir selbst unter Zuhilfenahme von DeepL Über­setzer.

Die Duesberg-Geschichte

Leser und Leserinnen meiner Altersgruppe werden sich erinnern – Mitte der achtziger Jahre sahen wir uns wie aus heiterem Himmel mit einer Pandemie konfrontiert: AIDS. Eine unheimliche, furchterregende Krankheit; denn nicht nur wusste man damals sehr wenig, es war auch nicht abzuschätzen, wie schnell und wie weit sie sich ausbreiten würde. Damit nicht genug, zielte sie auf ein Kernstück unserer damaligen Kultur: Seit den sechziger Jahren hatte ein gewisser Umgang mit Sex zu unserem Selbstverständnis gehört, zu unseren Selbstverständlichkeiten; und dieser Umgang war – na ja, nicht gerade freizügig (die meisten von uns feierten ja keine Orgien), sehr wohl aber unbekümmert. Und damit sollte es jetzt vorbei sein? Wie lange? Auf immer?

In dieser beklemmenden Stimmung erhob sich eine tröstende Stimme: Alles nicht wahr! Sie stammte von Peter Duesberg, geboren 1936, Professor für molekulare und Zellbiologie an der Universität von Kalifornien in Berkeley, und aufgrund seiner Krebsforschung bereits hoch geschätzter Wissenschaftler. Nun vertrat er die These, dass AIDS gar nicht durch das Humane Immundefizienz-Virus HIV übertragen werde, vielmehr eine Folge von Drogenkonsum, analem Geschlechtsverkehr und anderen Verhaltensweisen sei. Die herrschende Auffassung, so behauptete er, diene bloß der Panikmache, von der in weiterer Folge die Pharmaindustrie zu profitieren hoffe. Deren Medikamente seien völlig wertlos, ja sie könnten sogar selbst AIDS verursachen.

Sehr viele Wissenschaftler folgten ihm nicht – wobei gesagt werden muss, dass seine Behauptungen sehr wohl wahrgenommen wurden, getestet und überprüft. Es gab auch prominente Kollegen, die ihm keineswegs zustimmten, trotzdem für sein Recht eintraten, wenigstens gehört zu werden. Zugleich formte sich allerdings auch so was wie eine Bewegung. So breit wie spätere sollte sie allerdings nicht werden, schließlich gab’s damals noch keine Soziale Medien.

Immerhin gelangte Kenntnis von dieser konträren Bewegung bis in unsere Gefilde. Irgendwann – an Jahr und Datum kann ich mich leider nicht erinnern – irgendwann also brachte die Gegenwart in Innsbruck die deutsche Übersetzung eines Aufsatzes; ich weiß nicht mehr, ob von Duesberg selbst oder über ihn. Die Argumentation klang durchaus logisch. Trotzdem hätte ich ihr damals noch keine übermäßige Bedeutung beigemessen. Das kam erst, als sich auch die Sunday Times in London auf seine Seite zu stellen schien. Da fühlte ich mich ermutigt, eine meiner wöchentlichen Glossen dem Thema zu widmen. Ich blieb vorsichtig, dass muss ich mir selbst lassen, trotzdem konnte kaum Zweifel bestehen, dass ich im Grunde an die konträre Hypothese glaubte. War ja auch ein Geschenk für jeden Kolumnisten!

Wie’s weiterging, wird man sich vielleicht erinnern: AIDS breitete sich nicht so rasend aus wie vorhergesagt. Das lag allerdings auch daran, dass sich die Menschen schützten. Und dazu wurden sie, besonders in Großbritannien, mittels aufwändiger und ziemlich drastischer Informationskampagnen der Regierung angehalten. In einem Land, nämlich Südafrika, folgte die Regierung der Duesberg-Hypothese. Das Resultat war katastrophal.

Mit der Zeit kamen Medikamente auf den Markt, welche AIDS zwar nicht verhinderten oder heilten, die Wirkung der Krankheit jedoch so eindämmten, dass die Opfer wesentlich länger und besser lebten. All das war aber nur möglich, weil Politik und Medizin den Annahmen der konventionellen Wissenschaft bezüglich HIV folgten. Diese Wissenschaftler warnten schon damals, dass es sehr, sehr lange dauern würde, bis ein heilendes Medikament oder gar ein Impfstoff gefunden würden. Auch das hat sich bewahrheitet.

Von Duesberg hat man nichts mehr gehört. Ich nehme an, es gibt noch immer eine verschworene Gemeinschaft seiner Anhänger, aber wissen tu ich’s nicht. Immerhin scheint ihn die Affäre nicht um seine Existenz gebracht zu haben. Meinen Informationen zufolge behielt er seine Professur in Berkeley. Inzwischen muss er schon emeritiert sein.

Was mich betraf – nun, ich lernte. Ich hab’ mich nie wieder derart vorlaut zu naturwissenschaftlichen und medizinischen Fragen geäußert. Dem Ewig Konträren gegenüber bin ich höchst misstrauisch geworden. Und noch eine wertvolle Erfahrung hab’ ich von damals mitgenommen: Ich durfte am eigenen Leib erleben, wie erhebend es sich doch anfühlt, wenn man sich zu einer ausgewählten Gruppe von Menschen mit überlegenem Wissen zählt.

Austria

... und es geht trotzdem weiter -- wenngleich nur in eingeschränktem Umfang. Die Katze kann das Mausen halt nicht lassen. Zumindest nicht, so lange es noch irgendwie geht.

Nicht gerade auf der anderen Seite der Welt, aber doch drei Viertel des Weges dorthin: Wir befanden uns in Victoria, Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, gelegen auf Vancouver Island (nicht zu ver­wechseln mit der Stadt Vancouver auf dem Festland).

Es war Sonntag Vormittag. Wir stiegen im Zentrum aus dem Linienbus und gingen in Richtung Hafen. Schon auf den ersten Blick war zu erkennen, dass sich da irgendwas abspielte: Männer in dunkelblauen Uniformen standen auf der Straße herum, etliche hielten Fahnen.

Was konnte das bedeuten?

Nun – selbst wenn man sich nur kurze Zeit in Kanada aufgehalten hat, dann weiß man, was zu tun ist: Fragen. Gleichgültig, wie lästig, wie unsinnig, wie naiv die Frage des Touristen sein mag, er oder sie kann praktisch immer mit einer geduldigen, freundlichen Antwort rechnen. Wirklich erstaunlich.

Also: Wir fragten einen Polizisten, der an der Ecke einer Kreuzung auf seinen Einsatz wartete.

Heute werde der Exekutivbeamten gedacht, welche im Dienst ums Leben gekommen sind, erklärte er uns. Etliche Formationen würden die Straße am Hafen hinunter marschieren und dann an einer Zeremonie beim Parlaments­gebäude teilnehmen.

„Where are you from?“, fragte er uns.

„Austria.“

„Oh,“ freute er sich, „we’ve been there! – What’s that guy called? Adolf Mozart?”

Schlusspunkt

Ich habe bemerkt, dass Blogs manchmal einfach versanden, so als sei dem Autor das Interesse ausgegangen, oder die Energie. Da stößt man dann auf irgendeinen alltäglichen Eintrag aus anno Schnee – und dann kommt nichts mehr. Diesen nachlässigen Eindruck möchte ich vermeiden.

Deshalb also dieser Schlusspunkt:

Leider muss ich meine Beiträge  Aus der Stille einstellen. Vorläufig oder endgültig? – Wer weiß das schon.

Viel gelesen wurden sie nicht, das ist mir schon klar. Doch hat’s Leute gegeben, die mich darauf angesprochen oder die mir geschrieben haben, und ihre Reaktion war zumeist freundlich. Das freut mich bis heute.

Gesehen

Die Bilder hab‘ ich vor einem Jahr aufgenommen, ziemlich genau um dieselbe Zeit. Aber weil ich sie noch nie gezeigt habe, denk‘ ich, sie passen ganz gut hier her.

An einem sonnigen Nachmittag hatte ich plötzlich Zeit übrig und entschloss mich, mit dem Bus auf die Hungerburg zu fahren.

Die neue Hungerburgbahn — ob sie einem nun gefällt oder nicht. Und gar so neu ist sie inzwischen ja auch nicht mehr.

Der Saggen sowie, im Hintergrund, Pradl. Meine jugendlichen Jagdgründe!

Nicht von der Hungerburg aufgenommen, sondern vom obersten Stockwerk des Landesmuseums. Kuppel und Turm gehören zur Jesuitenkirche.

Wieder auf der Hungerburg: Die Serles; für Kenner ist weiter vorne der Bergisel auszumachen.

… sowie die Nockspitze.

Elite

Die Wartehalle am Innsbrucker Flughafen. Departure lounge müsste ich sagen, um zu zeigen, wie weitgereist und wie weltgewandt ich doch bin. Aber was ist schon weltgewandt am Innsbrucker Flughafen? Selbst das Wort „Halle“ scheint ein wenig übertrieben für den niedrigen, emotionslos eingerichteten Raum.

Er hatte sich gefüllt mit Fluggästen, die auf die Ankunft jener Maschine warteten, welche sie anschließend nach London Gatwick fliegen würde. Ziemlich voll, wie ich feststellte. Nur noch wenige Sitze frei in der Halle. Gegenüber von mir ließ sich ein flatternder, zwitschernder Schwarm von Mädchen nieder, Teenager, dreizehn oder vierzehn Jahre vielleicht – je älter man wird, desto jünger schätzt man, immer zu jung. Schülerinnen ganz offensichtlich, eine ganze Klasse. Sie konnten keinen Moment ruhig sitzen, flogen auf, kehrten zurück, unablässig schnatternd.

„Das erste, was ich tun muss“, verkündete eine in bestimmtem Ton, sie wusste es ganz genau: „Zu einem Starbucks.“

Geschmeidige Bewegungen, lange schlanke Finger, gelangweilter Schmoll­mund:

„Ich war schon sooo lange in keinem Starbucks mehr!“

Die anderen spielten mit ihren Smartphones.

Eine von ihnen setzte sich blitzschnell auf den Sessel neben mir, kaum er frei wurde. Ich konnte mir’s nicht verkneifen sie anzureden.

„Sprachwoche, wie?“

Sie nickte.

„London?“

„Ja.“

„Warum eigentlich immer London“, fragte die mit dem Schmollmund beleidigt. „London kenn’ ich doch schon!“

„Welche Schule?“, fragte ich das Mädchen neben mir.

„Akademisches Gymnasium.“

Hatte ich mir’s doch gedacht. Angeblich die Eliteschule von Innsbruck. Rechts­anwälte, Manager, Hofräte, Ärzte. Die bessere Gesellschaft.