Alle Beiträge von H. W. Valerian

Volkstribune und Demagogen

Zum Populismus, ein weiterer Beitrag

Der folgende Ausschnitt stammt aus meinem langen Essay „Land der Lügen“, verfasst 2004/2005. Er bezieht sich auf Jörg Haider und die Erfahrungen, die wir damals mit seinem Populismus und seiner Demagogie gemacht haben.

Wer die angeblich herrschende „Klasse“, das herrschende System im Namen des „Volkes“ angreift, von dem würde man sich eigentlich erwarten, dass er dieses „Volk“ hinter sich hat, dass er wirklich und unbestreitbar für „das Volk“ spricht. Das ist Jörg Haider jedoch selbst am Gipfel seiner Erfolge nicht sonderlich eindrucksvoll gelungen. 27 oder 28 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer Nationalratswahl werden kaum jemanden davon überzeugen, dass hier „das Volk“ gegen eine „herrschende Klasse“ angetreten sei. Trotzdem blieben Haider und seine Paladine ebenso wie seine Verehrer und Verehrerinnen landauf, landab bei der Überzeugung, da sei ein ritterlicher Robin Hood gegen den bösen König und seinen Hof angetreten. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Nun, der erste und am nächsten liegende Schritt ist natürlich, das „Volk“ so zu definieren, dass es doch geschlossen hinter dem Volkstribun steht. Das „Volk“, das sind dieser Logik zufolge die Haider-Wähler. Und die anderen, immerhin eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit? Sie mögen zum Teil verblendet sein, entweder hoffnungslos, wie etwa intellektuelle Grün-Wähler, oder vorübergehend, verwirrt von der bösartigen Propaganda übermächtiger Volksfeinde, sodass sie entgegen ihren wahren Interessen abstimmten. Man sieht schon, auch der Volkstribun aus dem rechten Lager braucht das Manöver mit dem „falschen Bewusstsein“, genau wie der Marxist, um seine Fiktion vom „Volk“ und seinen Interessen aufrecht erhalten zu können.

Zu einem anderen Teil mögen sich die Stimmen für gegnerische Parteien aus dem Kreis jener rekrutieren, welche vom „herrschenden System“ profitieren: die „Privilegienritter“ und „Staatsschmarotzer“. Sie zählen ganz eindeutig nicht zum „Volk“, ganz im Gegenteil, sie stellen dessen Feinde dar, die Fremdkörper, welche „beseitigt“ werden müssen. Ihnen gilt der höchst dramatische, heroische Kampf der Volksbewegung.

Unter solchen Umständen stellen 27 oder 28 Prozent zwar noch immer kein überwältigendes Aufgebot dar, doch können jene, welche das wünschen, immerhin glauben, es handle sich um die Elite des „Volkes“, um die Kerntruppe, die Garde. (Oder gar die Avantgarde? Aber nein, das wäre denn doch zu linksintellektuell.)

Lieber weniger, dafür die Richtigen. „Ich will bloß die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu deklamieren, sehr zum Gaudium des Publikums. Am lautstärksten applaudierten jene, welche weder als fleißig noch als tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil; doch wenn sie sich zu Mitgliedern der Haider-Bewegung machten, dann durften sie das Diktum auch auf sich selbst beziehen, empfingen solcher Art also im Handumdrehen die Weihen des Fleißes und der Tüchtigkeit.

Derlei Auftritte veranschaulichten zugleich, wie sehr die Definition des „Volkes“ unweigerlich abhängt von dessen Feinden. Ohne gehässige Attacken ging und geht es da nicht ab, ja mehr noch, eben solche Attacken brachten die Zuschauer erst in Fahrt, da kam Stimmung auf, Johlen, Klatschen und Stampfen.

„Der sagt’s ihnen wieder eini, ha“, raunte uns einer der ortsbekannt „Fleißigen und Tüchtigen“ triumphierend zu.

Was „das Volk“ ist, formiert sich nicht einfach hinter seinem auserkorenen Tribun, womöglich aus vernünftigen Erwägungen heraus, vielmehr bedarf es eines gemeinsamen Kampfes, einer gemeinsamen Stoßrichtung, sowie des daraus resultierenden Wir-Gefühls: emotionale Aufrüstung. Deshalb waren und sind diese Volkstribune so häufig böse Demagogen: Volksaufwiegler und Volksverhetzer. Auch diese Gesetzmäßigkeit kennen wir spätestens seit den Tagen eines Georg Ritter von Schönerer oder der Dreyfus-Affäre in Frankreich.

Oberflächlich betrachtet, wendet sich die Hetze gegen „die da oben“, wäre in diesem Sinne also sozialrevolutionär. Das liegt allerdings gar nicht in der Absicht eines Demagogen von der rechten Seite des politischen Spektrums. Folglich kommt es darauf an, Ziele aufzustellen, die einerseits so aussehen, als handle es sich um „die da oben“, um Unterdrücker oder herzlose Profiteure, die andererseits aber für das „Volk“ leicht auszumachen sind, leicht zu identifizieren. Die Häme der Freiheitlichen richtete sich denn auch stets gegen irgendwelche – kaum je näher beschriebenen – Funktionärscliquen und Privilegienritter, daneben aber mit Wollust gegen linke Intellektuelle und so genannte „Gutmenschen“, gegen Beamte und, wie könnte es anders sein, gegen „Ausländer“, was in diesem Falle jedoch bloß bedeutete: gegen Menschen mit fremdartigem Aussehen – südlich, südöstlich, afrikanisch.

Über den Populismus haben wir uns hier bereits ein paarmal den Kopf zerbrochen: siehe Der Souverän, Populär wollen alle sein und Emotionale Mobilisierung.

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

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Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

***

So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?

Brexit Day

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Irgendwie fühl’ ich mich gezwungen, etwas zu sagen, obwohl ich überhaupt nicht mag. Heut’ ist nämlich Brexit Day – um 23:00 Uhr Ortszeit (24:00 MEZ) verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union.

Wichtiger Termin – ja oder nein?

Nun, fürs Gefühl vielleicht ja, nach dem ganzen Theater, das sich seit dem Referendum vom 23. Juni 2016 abgespielt hat. Aber sonst? Die wichtigen Entscheidungen sind entweder schon gefallen – der „Deal“, wie’s immer geheißen hat, samt Boris Johnsons Umfaller beim Backstop – oder werden erst getroffen: Das Handelsabkommen muss ja erst ausverhandelt werden. Die Frist läuft bis 31. Dezember 2020. Bis dahin, so nehme ich an, wird sich nicht viel ändern.

Soll ich als eingefleischter Anglophile traurig sein oder froh?

Ich hab’ immer gesagt: An sich könnte ein Brexit vernünftig sein – vorausgesetzt, die Briten wären bereit den Preis zu zahlen. Aber den kennt niemand. Der ist bislang in dem Theater kaum zur Sprache gekommen. Elephant in the room. Und deshalb war der Brexit, so wie’s real gelaufen ist, eben nicht rational, konnte es niemals sein. Irgendwann wird die Rechnung zu begleichen sein; fragt sich nur, wann?

Aber das sagt noch nicht viel darüber aus, wie’s in Zukunft sein wird: für die Briten – und da mein’ ich alle, quer durch die Bank –, für einen regelmäßigen Besucher wie Yours humbly. Meine Bekannten in England sind jedenfalls nicht allzu optimistisch. Offenbar sind sie aufgrund ihres Wissens und ihrer weit gereisten Erfahrung nicht in der Lage, die Schalmeientöne von Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg richtig zu würdigen.

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Somehow I feel compelled to say a few words, even though I don’t want to: today is Brexit Day – at 23:00 local time (24:00 CET) the United Kingdom leaves the European Union.

An important date?

Well, for the general feeling maybe, after all the razzmatazz that has been going on since the referendum on 23 June 2016. But otherwise? The important decisions have either been taken – the „deal“, as it used to be called, including Boris Johnson’s about-turn regarding the Backstop – or are still waiting to be made: after all, the trade agreement has yet to be negotiated. The deadline is 31 December 2020, and I assume that precious little will change until then.

Should I, as a dyed-in-the-wool Anglophile, be sad or happy?

I have always held that basically, Brexit could be reasonable – provided that the British were prepared to pay the price. But nobody knows what that is. It was hardly ever mentioned during said razzmatazz: the elephant in the room. And that’s why Brexit, the way it’s actually been done, could never be rational. Sooner or later the bill will have to be settled; the only question is, when?

But even that doesn’t say a lot about how things will turn out in future: for the British – and I mean all of them, right across the spectrum – or for a regular visitor like Yours humbly. My friends in England certainly are not overly optimistic. Apparently, due to their education and their world-wide experience, they are not able to give the sweet sounds of Boris Johnson and Jacob Rees-Mogg their due appreciation.

An article by the renowned writer Ian McEwan, well worth reading: Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done >> 
And in case anybody’s interested – here is a piece I wrote as a reaction to the referendum, June 2016: Another Nail in the Coffin >>

Emotionale Mobilisierung

Über den Populismus, Teil II

Popularitätshascherei, so haben wir hier vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, ist nicht dasselbe wie jener Populismus, welchem wir derzeit in der Politik allerorten begegnen (Links am Ende des Beitrags). Das provoziert natürlich die Frage: Aber was ist dieser Populismus dann? Wodurch zeichnet er sich aus?

Es läge nahe, sofort das Volk ins Spiel zu bringen. Schließlich steckt selbiges in der vom Lateinischen abgeleiteten Bezeichnung: populus = das Volk. Pedantische Wortklauber haben uns schon längst und schon oft darauf hingewiesen.

Bloß haben lateinische oder auch griechische Wurzeln nichts damit zu tun, wie wir heute solche Wörter verwenden. So auch im Falle der Populisten. Die mögen sich zwar auf „das Volk“ berufen – oder auf den „Souverän“, wie wir hier auch schon beobachtet haben –, aber das ist immer bloß ein Propaganda-Schmäh; ebenso wie übrigens die Verwendung der ersten Person Plural: „Einer von uns“. Niemals, gar niemals – nicht einmal während der bolschewistischen Revolution in Russland, nicht einmal 1930–33 in Deutschland – ist es solchen Populisten in einigermaßen freien, fairen Wahlen gelungen, einen Anteil der Wählerstimmen auf sich zu vereinen, der dem Anspruch, fürs „Volk“ zu sprechen, einen gewissen Anstrich von Berechtigung verliehen hätte. In Österreich kam der Ober-Populist, Jörg Haider, bei Nationalratswahlen niemals über einen Stimmenanteil von 27 Prozent hinaus, und sein Nachfolger schaffte auch nie mehr als 26 Prozent.

So lässt sich der Populismus also nicht erklären. Aber wie dann?

Nun, ich glaube ein Wesenszug liegt darin, dass Populisten eine „Bewegung“ schaffen, welche Form die im Einzelnen auch annehmen mag. Sie geben ihren Anhängern also das Gefühl, einer Gruppe anzugehören, einer ziemlich fest gefügten, zusammen geschweißten Gruppe, samt allem, was dazu gehört – Kameradschaft, Wir-Gefühl.

Aber wie schafft man das?

Wie es scheint, bieten sich dazu zwei Strategien an, die parallel und zeitgleich zum Einsatz kommen: Zum einen muss man natürlich die Gruppe, die „Bewegung“ irgendwie definieren; möglichst so, dass sich die Mitglieder gut, ja sogar überlegen fühlen.

„Ich will nur die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu verkünden. Am heftigsten applaudierten jene, johlend und Füße stampfend, die keineswegs als fleißig und tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil – aber das nur nebenbei.

Wichtig ist darüber hinaus das Gefühl einer Bedrohung, folglich in einem Kampfe zu stehen. Dieser Kampf mag sich gegen „die da oben“ richten, gegen irgendwelche „Eliten“, oder gegen Feinde von außen: „Brüssel“ zum Beispiel, wie im Falle des britischen Brexit-Populismus.

Beides – die Glorifizierung der eigenen Gruppe und ihre angebliche Verwicklung in einen hehren Kampf – dient der Emotionalisierung; der emotionalen Mobilisierung, wie ich mich auszudrücken pflege. Und die ist so wichtig, weil dank ihrer die Menschen dazu gebracht werden, völlig irrational gegen ihre eigenen offenkundigen Interessen zu agieren, vor allem natürlich: bei der Wahl abzustimmen.

Unglücklicherweise ist der emotionalen Mobilisierung schwer zu begegnen. Ich hab’ manchmal das Gefühl, als sei seriöse demokratische Politik dieser Masche gegenüber völlig machtlos. Das mag der Grund sein, warum die Gründerväter unserer Zweiten Republik unermüdlich davor gewarnt haben – ohne, dass ich sie verstanden hätte. Aber sie hatten Dinge erlebt, die ich nicht mehr aus erster Hand mitbekommen hatte.

Was wir sehr wohl kennen, heutzutage, das sind die Themen, welche sich trefflich zur emotionalen Mobilisierung eignen: das Kopftuch; die Migration, Ausländer (aber nur ganz bestimmte); und natürlich, nach wie vor und immer wieder, der Nationalismus in all seinen Spiel- und Erscheinungsformen.

Darüber braucht, wie ich glaube, nicht viel gesagt zu werden, so offensichtlich ist’s. Was nicht bedeutet, der Populismus sei harmlos – ganz im Gegenteil.

Zur Popularitätshascherei siehe Populär wollen alle sein; des weiteren Der Souverän; und zum Brexit-Populismus vielleicht Wer vertritt die Wähler sowie Der Teufel steckt im Referendum.

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

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Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

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When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).

Waldheim

Michael Palumbo, The Waldheim Files

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Waldheim? Warum ausgerechnet jetzt?

Nun, triftigen Grund gibt es keinen. Ich hab’ das Buch zufällig entdeckt, in einem second-hand bookshop in Bloomsbury. Mich interessierte, wie ein angelsächsischer Autor die Angelegenheit damals sah (das Buch erschien 1988). Außerdem war ich verblüfft, dass im englischen Sprachraum überhaupt eine einschlägige Untersuchung erschienen war. Ich hatte noch nie davon gehört, hatte es auch in keiner Bibliographie gefunden.

Über den Autor hab’ ich auch nur wenig herausfinden können. Wie es scheint ist er Jurist, lehrt oder lehrte an einer amerikanischen Universität. Lange vor der leidigen Waldheim-Affäre stieß er auf ein geheimes UN-Archiv über Kriegsverbrechen. Das weckte seine Neugier. Waldheims Name tauchte dort auch auf.

Also hat der biedere Österreicher doch Kriegsverbrechen begangen? Nein, sagt Palumbo. Die Akten, die seinerzeit vorlagen, deuten auf nichts Derartiges hin, sieht man von einer eindeutigen Fälschung ab, welche aus Jugoslawien stammt. So zeichnet Michael Palumbo ein Bild, das überraschend genau mit jenem übereinstimmt, welches ich mir damals gemacht habe: Waldheim war ehrgeizig, ruhm- und ehrsüchtig, wahrscheinlich auch ein ziemlich rückgratloser Karrierediplomat. Er hat seinen Dienst bei der Wehrmacht am Balkan verschwiegen und dann, als dieser schrittweise ans Licht kam, versucht zu lügen. Damit machte er sich natürlich verdächtig – er hatte sich das ganze Schlamassel schon auch selbst zuzuschreiben. Aber Kriegsverbrechen hat er keine begangen, weit davon entfernt. Nicht einmal ein Nazi dürfte er gewesen sein – im Gegenteil.

Palumbo äußert den Verdacht, Waldheim habe das gefälschte jugoslawische Dossier gefürchtet. Er habe sich erpressbar gefühlt. Eingedenk der schändlichen Medien-Kampagne von 1986 war die Furcht wohl nicht unbegründet. Außerdem hätten auch die amerikanische, die sowjetische und die israelische Regierung von dem Akt gewusst. Das sei mit ein Grund gewesen, warum sie ihn als UN-Generalsekretär wollten: Er war fügsam.

All das ändert nichts an der Schändlichkeit der Kampagne gegen ihn. Sie wurde vor allem von der Presse getragen, von der Boulevardpresse ebenso wie von seriösen Blättern. Letztere trugen durch sensationelle Schlagzeilen zur Aufheizung der Atmosphäre bei – insgesamt also kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

Empfehlenswert? Na ja – vorausgesetzt, man interessiert sich für dieses alte Thema, was nur bei wenigen der Fall sein wird, und notwendig ist’s auch nicht. Geschrieben wär’ das Buch nach anglo-amerikanischer Manier gut, flüssig und leicht zu lesen.

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Waldheim? Why now, of all times?

Well, there’s no good reason. I found this book by accident in a second-hand bookshop in Bloomsbury. I was interested to see how an Anglo-Saxon author saw the matter at the time (the book was published in 1988). I was also amazed to learn that a relevant investigation had been published in the English-speaking world at all. I had never heard of it, nor had I found it in any bibliography.

I could hardly find out anything about the author. It seems he’s trained in law, lecturing or having lectured at an American university. Long before the Waldheim affair he came across a secret UN archive on war crimes. This aroused his curiosity. Waldheim’s name also appeared there.

So the good man from Austria did commit war crimes after all? No, says Palumbo. The files available at the time indicate nothing of the sort, apart from an obvious forgery that came from Yugoslavia. Michael Palumbo draws a picture that coincides to an astonishing degree with the one that I had arrived at myself at the time: Waldheim was ambitious, vain and glory seeking, probably also a rather opportunistic career diplomat. He concealed his service with the Wehrmacht in the Balkans and then, when it eventually came to light, tried to lie about it. Not surprisingly, this aroused nasty suspicions – he also had himself to blame for the whole mess. But he committed no war crimes, far from it. He was not even a real Nazi – rather the contrary.

Palumbo entertains the suspicion that Waldheim feared the forged Yugoslavian dossier. He felt vulnerable to blackmail. In view of the disgraceful media campaign of 1986, the fear may not have been totally unfounded. Moreover, the American, the Soviet and the Israeli governments also knew about the file. According to Palumbo, that was one of the reasons why they wanted him to be UN Secretary-General in the first place: He was compliant.

Still – nothing said so far can in any way justify the disgraceful campaign that was waged against him. Its main agent was the press, the tabloids as well as the serious papers. With their sensational headlines, even the latter contributed to the heated atmosphere. All in all, therefore, it was not one of journalism’s most glorious moments.

Recommended? Well – provided the reader is interested in such an old issue. I doubt many will be, and it’s certainly not necessary. On the other hand the book, true to Anglo-American convention, is well written, fluent, and therefore quite easy to read.

Michael Palumbo, The Waldheim Files: Myth and Reality (London: Faber and Faber, 1988).

The British Empire, I Presume?

Jan Morris, Heaven’s Command

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Der erste Teil eines Triptychons, wie sich die Autorin ausgedrückt hat, seiner linker Flügel sozusagen: Das Gesamtwerk soll das britische Empire von der Thronbesteigung der Königin Victoria (1837) bis zu seinem Ende darstellen.

Ein endgültiges Urteil wird natürlich erst zu fällen sein, wenn alle drei Teile gelesen sind. So viel kann aber schon jetzt gesagt werden: Jan Morris ist nicht nur eine bemerkenswerte Person (ich hab’ sie einmal bei Ways With Words in Dartington erlebt, als sie ihr Buch über Triest vorstellte), sie ist auch eine ganz hervorragende Schreiberin.

Der erste Band führt uns bis ins Jahr 1897. Interessant, wie vielen mythenstiftenden Begebenheiten wir da begegnen: Das reicht von der Belagerung Lucknows im Zuge der so genannten Indian Mutiny bis zur Schlacht von Isandhlwana und der damit zusammenhängenden Verteidigung von Rorke’s Drift in Südafrika; Majuba darf natürlich auch nicht fehlen – ebenso wenig wie übrigens die berühmte Begrüßung (etwas früher, etwas weiter nördlich): „Doctor Livingstone, I presume?“

Und damit sind nur ein paar Beispiele herausgegriffen. Selbst der außenstehende, da ausländische Beobachter Englands hat von solchen Begebenheiten zumindest gehört, selbst noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie gehörten zum Inventar des britischen Selbst-Bewusstseins, und zwar ganz unabhängig davon, welche Haltung ein Individuum zu derlei imperialen Dingen einnehmen mochte.

Morris schildert sie – wie mir scheint – durchaus mit Sympathie, ohne freilich je auf die ihr eigene feine Ironie zu verzichten, und ohne die hässlichen Seiten auch nur im Geringsten zu unterschlagen: die Hungersnot in Irland oder die Ausrottung der Tasmanier – um wiederum nur zwei Beispiele zu nennen. Strenge Historiker mögen so manches bemängeln an diesem Buch, für unsereins bietet es jedoch nicht bloß sehr viel Gewinn, sondern ebenso viel Lesevergnügen.

Empfehlenswert? Ohne Einschränkung. Her mit dem nächsten Band!

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The first part of a triptych, as the author herself calls it, the left-hand panel, one might say: the complete work is intended to depict the British Empire from Queen Victoria’s accession to the throne (1837) to its end.

Obviously, a final verdict will have to be postponed until all three parts have been read. A few things, however, can be said straight away: Jan Morris is not only a remarkable person (I heard her once at the Ways With Words festival in Dartington presenting her book on Trieste), she is also quite an outstanding writer.

The first volume takes us to the year 1897, and it’s interesting to see how many myth-making events we encounter on the way: They range from the siege of Lucknow in the course of the so-called Indian Mutiny to the Battle of Isandhlwana and the related defence of Rorke’s Drift in South Africa; not to forget Majuba, of course, as well as the famous greeting (a bit earlier, a bit farther north): „Doctor Livingstone, I presume?“

And these are just a few examples. Even a foreign observer of the English – and thus, an outsider – must have heard of these incidents, even in the second half of the 20th century. They were part of the inventory of British self-perception, regardless of the attitude an individual might take towards such imperial matters.

Morris, it seems to me, describes them with sympathy without ever giving up her personal touch of subtle irony and certainly without any attempt at hiding the ugly side: the famine in Ireland or the extermination of the Tasmanians, to name but two examples. Rigorous historians may find fault with her book, but for us it is not only a great source of learning, but also a pleasure to read.

Recommended? Without any reservation. Where’s the next volume?

Jan Morris, Heaven’s Command: An Imperial Progress, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 1 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1973.

Die Österreicher, die Vergangenheit

Ich hab’ hier bereits über Tony Judts Nachkriegsgeschichte Europas geschrieben (Link am Ende des Beitrags). Hier ein Absatz aus jenem Essay, welches der Autor an seine Geschichte anhängt. Darin geht’s ums Erinnern – immer ein leidiges Thema, und besonders im Falle von Österreich:

But no-one expected very much of the Austrians. Their largely untroubled relationship to recent history – as late as 1990, nearly two Austrians in five still thought of their country as Hitler’s victim rather than his accomplice and 43 percent of Austrians thought Nazism ‘had good and bad sides’ – merely confirmed their own and others’ prejudices.

Zu deutsch:

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Der Absatz ist insofern bemerkenswert, als er nicht weniger als drei schwere Fehler enthält – meiner Zählung zufolge, wenigstens.

  • Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässige Verallgemeinerung.
  • Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Sein „Komplize“ kann es nicht gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Und vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war’s nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land, denn was kann das in diesem Sinne hier anderes bedeuten als: der Staat? Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.
  • Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Erstens hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; auch das Regime in Nordkorea, auch Saddam Husseins Regime im Irak, auch der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann gäb’s diese Regimes überhaupt nicht. Und was zweitens den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Ich weiß nicht, inwieweit dieser Absatz die Qualität des gesamten Buches beeinträchtigt. Immerhin kann man dem Autor zugute halten, dass er möglicherweise bloß das wiedergegeben hat, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern gesagt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–3. – Zu meiner Rezension siehe Europa seit 1945.

Populär wollen alle sein

Populismus, darin werden wir uns hoffentlich einig sein, ist ein politisches Phänomen unserer Zeit. Wir sprechen von Rechtspopulisten, im Englischen auch von National Populism. Man denkt an den US-Präsidenten Donald Trump, and Boris Johnson und Nigel Farage, an Victor Orbán, an Recep Tayyip Erdoğan – und an Jörg Haider, an die FPÖ.

Die Aufmerksamkeit scheint derzeit aber eher dem Publikum der Populisten zu gelten, den Motiven, welche diese Menschen bewegen. Sofern’s darum geht, was wir nun eigentlich meinen, wenn wir vom Populismus sprechen, fallen die Antworten ziemlich vage aus, verschwommen. Das erste, woran meine Gesprächspartner bisher dachten, das war stets die Sache mit den sechs Monaten.

Gemeint ist: Im Wahlkampf vor den Nationalratswahlen von 1970 bediente sich die SPÖ unter Bruno Kreisky des Slogans: „Sechs Monate sind genug“. Das bezog sich auf den Präsenzdienst beim Bundesheer, der damals neun Monate dauerte – und der alles andere als beliebt war, besonders nicht bei jungen Männern. Dem Versprechen auf Wehrdienstverkürzung wurde folglich ein beträchtlicher Anteil am Wahlerfolg der SPÖ zugeschrieben.

Wie jeder, der sich ein bisschen für die Materie interessierte, nur zu gut wusste, waren sechs Monate nicht genug. Das würde einfach nicht funktionieren. Und tatsächlich wurden später, unter der sozialistischen Alleinregierung, aus den sechs Monaten dann acht: sechs Monate Grundwehrdienst plus zwei Monate Truppenübungen (oder alles in einem, für die so genannten Durchdiener).

In diesem Sinne also gilt jenes Versprechen – jener Schmäh, könnte man sagen – heute noch als Gipfel des Populismus. Bloß wage ich an dieser Stelle zu behaupten, dass er nichts mit dem zu tun hat, was wir gegenwärtig darunter verstehen. Jetzt steckt viel mehr dahinter.

An dieser Stelle scheint vielleicht ein klärender Einschub angebracht: Ich spreche keineswegs davon, was Populismus „wirklich ist“. Ich spreche bloß davon, was wir im Sinn haben, wenn wir das Wort verwenden. Das kann sich natürlich ändern. Wenn damals, 1970 und folgende, das Wahlversprechen der SPÖ als populistisch eingestuft wurde, dann war’s eben dies – so wurde das Wort zu jener Zeit verwendet (wie ich mich selbst erinnern kann und es selbst praktiziert habe). Doch wenn wir heute von Populismus reden oder schreiben, dann meinen wir etwas anderes.

Bleiben wir vorerst beim Populismus des Jahres 1970. „Sechs Monate sind genug“ war ein – nicht sehr ehrlicher – Slogan, um Stimmen zu gewinnen. Nun mochte man die Unehrlichkeit der SPÖ kritisieren, den Umstand, dass sie ihre Wähler hinters Licht führte. Grundsätzlich konnte man insofern nicht viel dagegen einwenden, als der periodische Kampf um Wählerstimmen mit zu unserer Demokratie gehört. (Ich sage: mit zu. Ihr Wesen macht dieser Kampf noch nicht aus, nicht alleine.) Alle Beteiligten, alle Parteien und Politiker, müssen also danach streben, populär zu sein. Da liegt die Versuchung billiger Geschenke, so genannter Wahlzuckerln nur zu nahe – vielleicht auch, ab und zu ein bisschen zu mogeln. Das ist schlicht und einfach Teil des demokratischen Wettbewerbs, somit Teil demokratischer Gepflogenheiten schlechthin (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben).

Aber Populismus im heutigen Sinne ist das nicht. Wir sollten daher eine neue Bezeichnung einführen. Popularitätshascherei vielleicht? Obwohl ich zugebe, dass das Wort ziemlich holprig daher kommt, nicht leicht von der Zunge geht. Oder Popularismus?

Wie auch immer – durch den neuen Namen wird die Vorgangsweise um nichts anständiger. Ihr haftet nach wie vor etwas Billiges, etwas Unanständiges an. Aber eine grundsätzliche Gefahr für die Demokratie (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben) stellt sie nicht dar.

Der Populismus (so wie wir ihn heute verstehen) tut das sehr wohl. Das ist der Knackpunkt der ganzen Angelegenheit.

Der Souverän

„Der Souverän hat gesprochen“, las ich jüngst irgendwo in einem Posting, wie’s heutzutag’ so unschön heißt. Gemeint war Boris Johnson mit seinem spektakulären Wahlsieg, und die Spitze richtete sich gegen jene, die ihn, den notorischen Lügner, als denkbar ungeeignete Wahl erachten. Dazu zählt neben vielen Kennern der Szene in Westminster (einschließlich prominenter Konservativer) auch Yours humbly, der Verfasser dieser Zeilen.

Der Souverän hat gesprochen.

Wirklich?

Die Konservative Partei erhielt bei den Wahlen zum Unterhaus genau 43,6% aller abgegebenen Stimmen. Das heißt, dass mehr als 56 Prozent all jener, die’s der Mühe Wert fanden zur Wahl zu gehen, nicht für Boris Johnson oder die Tories gestimmt haben. (Bei einer Wahlbeteiligung von 67,3% macht der Stimmenanteil der Tories 29,34% aller Wahlberechtigten aus.)

Wohlgemerkt: Ich spreche der Konservativen Partei, ich spreche dem Prime Minister keineswegs die Legitimität ihres Sieges und ihrer derzeitigen Parlamentsmehrheit ab. Ganz im Gegenteil. Diese Mehrheit resultiert aus dem britischen Wahlsystem. Und das gilt immer, unabhängig davon, wer gerade gewinnt oder verliert. Wenn’s nicht repräsentativ ist, dann liegt die Schuld nicht bei Boris Johnson, sondern beim System.

Aber der Souverän?

Doch steckt hinter dem Argument mit dem Souverän noch etwas anderes:

„Der Souverän hat immer Recht“, hat unser famoser Herbert Kickl jüngst im Parlament verkündet.

Wir wollen einmal davon absehen, dass dieser Satz an sich Unsinn ist. Nichts und niemand kann immer Recht haben. Das ist völlig unmöglich. Irren gehört zum menschlichen Dasein.

Trotzdem scheint sich die Anschauung breit zu machen – stillschweigend, unreflektiert – wonach politischer Erfolg bereits ein inhaltlicher Beweis sei. Mit politischem Erfolg kann man nicht diskutieren. Boris Johnson dürfe demnach eben kein Lügner, Schwindler und politischer Hochstapler sein – denn der Souverän hat immer Recht. Brexit dürfe eben nicht schädlich sein – denn der Souverän hat immer Recht.

Diese stillschweigende Annahme ist so mächtig, dass ich ihre Wirkung sogar in mir selbst verspüre. Dabei bin ich von Kindesbeinen an dazu erzogen worden, allem zu misstrauen, was mit „Volks-“ beginnt. Auch „Volkes Stimme“. Dafür hat meine Mutter gesorgt. Sie hat von 1938 an miterleben müssen, wie der Souverän dachte, redete und handelte. Und wie Recht doch der Souverän hatte!

Anmerkung als Nachsatz: Das mit dem Souverän gilt auch, wenn’s um den Brexit geht. Zählt man die Stimmen jener Parteien zusammen, die eindeutig für den Brexit eingetreten sind – „get Brexit done“ –, also die der Tories, der Brexit-Partei und von UKIP, dann kommt man auch bloß auf einen Anteil von 45,7%. Das ist weniger als der Anteil der Remainers beim Referendum.