Alle Beiträge von H. W. Valerian

Die Anfänge des jüdischen Staates

Tom Segev, Die ersten Israelis

Selbst hier bei uns gab’s seinerzeit so etwas wie einen Israel-Mythos, besonders nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Schon die Gründung des Staates (1948), der Unabhängigkeitskrieg – das alles wurde verstanden als eine Art Wunder, ein Sieg gegen übermächtige Gegner und Umstände, erzielt von einem Staatswesen europäischer Machart, jedoch mit reiner Tugendhaftigkeit. Wir glaubten das, und zwar aus einem einfachen Grund: weil wir’s glauben wollten. Wir hätten wissen müssen, dass es so nicht sein konnte.

Inzwischen hat sich viel getan, wir haben sehr viel Wasser in unseren Wein gegeben, und an unseren Idealismus erinnern wir uns nicht gar so gerne. Der israelische Historiker Tom Segev ist den damaligen Hoffnungen und Enttäuschungen nachgegangen, sechzig Jahre nach der Staatsgründung, nun aber mit Zugang zu Archiven sowie zum Tagebuch des Gründervaters und ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Was er zu berichten hat, ist trotz aller zeitlichen Distanz ein weiteres Mal ernüchternd.

Mit der Ausrufung des souveränen Staates Israel ergab sich sofort und unausweichlich das Problem der arabischen Menschen auf dem neuen Staatsgebiet. Wer sich modernen, sozialistisch inspirierten Gleichheits- und Integrationswillen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Von Anfang an wünschten die führenden Politiker nur eines: dass die Araber verschwinden mögen. In der Vision eines jüdischen Staates konnten sie bloß stören. Kein Wunder, dass kräftig nachgeholfen wurde, um den Wunsch zu erfüllen, auch mit brutalen Mitteln. Trotzdem blieben viele und bildeten eine beträchtliche Minderheit im Lande – ein schwelender Konflikt bis heute.

Nach Ende des Unabhängigkeitskrieges kamen unzählige Einwanderer ins Land. Zunächst wurden sie eifrig angelockt: Israel brauchte dringend Menschen. Doch führte die Masseneinwanderung zu neuen Problemen. Die Neuankömmlinge wurden in Lager gesteckt, ihre Lebensbedingungen spotteten jeder Beschreibung, von Willkommen keine Spur. Das galt besonders für die zahlreichen Einwanderer aus Nordafrika. Hier tat sich eine tiefe kulturelle Kluft auf – wenn nicht gar eine rassistische. Die Aschkenasim, also die europäischen Juden, betrachteten diese Sephardim, wie sie zunächst behelfsmäßig bezeichnet wurden, mit äußerstem Misstrauen, ja sogar Furcht: Denn Israel sollte ein aufgeklärter, sozialer (wenn nicht gar sozialistischer) Staat werden. Wie Tom Segev in seinem Werk über das Jahr 1967 gezeigt hat, sorgten diese Mizrachim – so wurden sie zwanzig Jahre später genannt – immer noch für Spannungen, Ängste, Konflikte.

Weitere Konflikte kamen nach der Staatsgründung hinzu, so etwa mit aggressiven Zionisten, aber auch mit Gewerkschaftern. Dass Israel exponiert war, gefährdet, das war uns allen bewusst; nicht aber, dass es so exponiert war, dass seine Existenz noch lange nicht gesichert erschien, und zwar nicht nur aufgrund äußerer Bedrohung, sondern auch im Bewusstsein seiner Bürger. Ebenso wenig war uns bewusst, wie rücksichtslos, wie machiavellistisch seine führenden Politiker oft dachten.

Es ist mir nicht bekannt, wie Tom Segevs Buch in Israel aufgenommen wurde: Hat man sich an derlei Enthüllungen, an die Entmythisierung inzwischen gewöhnt? Oder erregte es Anstoß, Skandal? Er selbst würde so was wohl aushalten, in Anbetracht jener Werke, die er zuvor schon geschrieben hat und die ihm nationale ebenso wie internationale Anerkennung einbrachten. Dazu zählen etwa das bereits erwähnte 1967 sowie Simon Wiesenthal: Die Biographie (siehe Link am Ende des Beitrags).

Empfehlenswert? – Nun, die Untersuchung ist ziemlich detailliert ausgefallen, für Leser oder Leserinnen hierorts vielleicht ein bisschen zu detailliert, aber trotzdem: Ja, sofern man sich fürs Thema interessiert.

Gelesen: Der Nazi-Jäger

Segev, Tom, Die ersten Israelis: Die Anfänge des jüdischen Staates (München: Siedler Verlag, 2008).

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Auch das ist London

for an English version see below

Ben Judah, This Is London

Das Buch beginnt, indem Ben Judah, der Autor, am Busbahnhof nahe der Victoria Station in London Ankömmlinge aus Osteuropa beobachtet. Genau das ist das Thema seines Buches. Er folgt ihnen in ihre miserablen, überfüllten Unterkünfte, für die sie natürlich Wucherpreise zahlen; und er folgt jenen, die kein Dach überm Kopf haben und in den Fußgängerpassagen unter Hyde Park Corner übernachten. Diese Lokalität werden selbst Touristen kennen, man kommt dort auf dem Weg vom Buckingham Palace zum Hyde Park vorbei. Ich kann mich jedenfalls gut erinnern. Die Obdachlosen sind mir allerdings nicht aufgefallen, vermutlich weil ich am helllichten Tag dort war, da gab’s nur ein paar buskers, Straßenmusikanten.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass mir noch weitere Schauplätze bekannt waren, so zum Beispiel die Gegend um Shepherd’s Bush Market; von Elephant & Castle nach Camberwell Green (die Busfahrt hab’ ich selbst schon beschrieben), Catford Bridge – und so weiter. Das Entscheidende ist aber: Ben Judahs London hab’ ich nie bewusst gesehen, im besten Falle flüchtig, aus den Augenwinkeln, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Typisch.

Wie’s scheint, ist es dieses Nicht-Sehen, welches einen beträchtlichen Teil sozialer Problematik ausmacht. „Fremde Welt nebenan“, habe ich einst eine Besprechung von Henry Mayhews Monumentalwerk London Labour and the London Poor überschrieben. Eine ähnliche Wirkung mochten wohl die Romane von Charles Dickens erzielen. Zusammen mit Friedrich Engels trugen sie bei zu einer langsamen – sehr langsamen! – Wandlung des Bewusstseins im Laufe des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts leistete der Amerikaner Jack London mit People of the Abyss seinen Beitrag, ebenso natürlich die Ragged-Trousered Philanthropists von Robert Tressell. In derselben Tradition stehen etliche Reportagen George Orwells; am bekanntesten The Road to Wigan Pier.

Ben Judah blickt also auf eine ansehnliche Ahnenreihe zurück. Das Problem ist nur: Die Missstände von damals, die wurden behoben, wir haben den Autoren also Aufmerksamkeit geschenkt, die Sache ist abgehakt.

Aber heute? Welche Wirkung wird Ben Judah erzielen – wenn überhaupt? Im Informationszeitalter ist es ungeheuer schwer, Spuren im Denken und Fühlen des Publikums zu hinterlassen – dazu gibt’s einfach zu viel Information. Dazu kommt, wie so oft, der vertrackte Konnex zwischen sozialem Elend und Einwanderung. Die Menschen, über die Ben Judah schreibt, kommen mehrheitlich aus Osteuropa, völlig legal dank der EU. Der Effekt ist derselbe wie bei früheren Einwanderungswellen: unhygienische Massenunterkünfte; Hungerlöhne, mit denen Einheimische unterboten werden. Beliebt machen sich die Neuankömmlinge solcher Art nicht. Besserung wird’s keine geben, solange sich Löhne und Lebensqualität in den Herkunftsländern nicht westeuropäischen Standards nähern.

Empfehlenswert? – Im Prinzip ja, ausreichendes Interesse an London, an England sowie an sozialen Problemen vorausgesetzt.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).
Ben Judah, This Is London

The book begins with author Ben Judah observing arrivals from Eastern Europe at Victoria Coach Station in London. And this is exactly what the book is about. He follows them into their miserable, overcrowded lodgings, for which they have to pay exorbitant prices; and he follows those who have no roof over their heads and spend the night in pedestrian passages such as those beneath Hyde Park Corner. Even tourists will know the place as it lies on the way from Buckingham Palace to Hyde Park. Anyway, I can remember it well. But I didn’t notice the homeless, probably because I was there in broad daylight. There were only a few buskers.

To my surprise I found that there are other places in the book that I know, for example the area around Shepherd’s Bush Market; the bus ride from Elephant & Castle to Camberwell Green (which I have described myself in my book Crossings), Catford Bridge – and so on. But I have never seen Ben Judah’s London, or at best fleetingly, out of the corner of my eye as it were, without giving it much attention.

Typical.

It seems that it is this not-seeing which constitutes a considerable part of the social problem. „Foreign world next door“, I once called a review of Henry Mayhew’s monumental work London Labour and the London Poor. His book, I argued, tried to make that world visible. Charles Dickens’s novels probably had a similar effect. Together with Friedrich Engels these two contributed to a slow – very slow! – transformation of consciousness in the course of the 19th century. In the early years of the 20th century, the American Jack London contributed his People of the Abyss, as did, of course, Robert Tressell with his Ragged-Trousered Philanthropists. Several pieces by George Orwell are in the same tradition, most famously The Road to Wigan Pier.

Ben Judah looks back on a long line of respectable ancestors. There’s a hitch, however: haven’t the most urgent problems of the past been solved, we ask ourselves. We’ve paid proper attention to the authors and therefore, the matter should be settled, shouldn’t it?

Which begs the question what Ben Judah’s book can achieve –  if anything at all. In the information age it is extremely difficult to leave traces in the thinking and feeling of the audience –  there is simply too much news. In addition, there is always the intricate connection between social misery and immigration. The majority of the people Ben Judah writes about come from Eastern Europe, completely legally thanks to the EU. Still, the effect is the same as with previous waves of immigration: overcrowded unhygienic housing; starvation wages undercutting the locals, foreign languages and exotic manners in the shops and in the pub. New arrivals of this kind are never popular. And no improvement is in sight as long as wages and the quality of life in the countries of origin do not approach Western European standards.

Recommended? –  Basically yes, provided there is sufficient interest in London, England, and social questions.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).

Aljona mit die schmutzigen Füß’

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre

Also, eigentlich haben wir von diesem traurigen Kapitel schon genug gehört. Okay. Aber gelesen?

Die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die an der Veröffentlichung des notorischen Videos maßgeblich beteiligt waren, haben sich hingesetzt und ein Buch über eben dieses Video geschrieben, aber auch über die Geschichte, wie’s zur Veröffentlichung kam – und ein bisschen auch, wie’s danach weiterging. Das Buch beinhaltet somit zwei Erzählstränge, die alternierend dargeboten werden.

Was das Video betrifft sowie die damit zusammenhängende österreichische Politik, erfahren wir wenig Neues. Allerdings ist es nützlich, das Ganze schriftlich präsentiert zu bekommen, denn da nimmt man’s doch genauer und nachhaltiger auf, man kann zurückgehen, noch einmal lesen, nachschauen. Insofern leisten die beidem Journalisten einen durchaus nützlichen und wichtigen Dienst.

Die Erzählung, wie’s dazu kam, könnte auch interessant sein, leidet aber unter einem Mangel: Immer dann, wenn’s richtig spannend wird, brechen die Autoren ab – das dürfen wir nicht sagen, heißt’s dann, wir müssen unsere Quellen schützen. Das kommt so oft vor, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie überhaupt darüber schreiben. Nur um zu sagen, dass sie nichts sagen dürfen? Die Frage, wie’s zu der ganzen Affäre kam und wer dahintersteckt, bleibt somit unbeantwortet. Meine persönliche These: Strache wurde von seiner eigenen Partei hineingelegt, die ihn loswerden wollte. Unwahrscheinlich, ich weiß, aber andererseits – konnten die Beteiligten, kann irgendein Mensch wirklich so blind sein?

Die Affäre selbst ist in Österreich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Es gibt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, gewiss, aber da wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über den Inhalt des Videos. Der Protagonist, H. C. Strache, hat seither ziemlich erfolglos agiert, aber nicht so sehr wegen seinem Benehmen damals. Offenbar nehmen das viele Österreicher achselzuckend hin, obwohl eben hier doch der eigentliche Skandal liegt. Völlig unabhängig davon, ob Strache nun strafbare Handlungen angestiftet oder in Betracht gezogen hat – wenn ein österreichischer Spitzenpolitiker im Leiberl angeheitert dahin schwadroniert und dabei ganz locker das Land aufteilt (wie man so sagt), dann wäre das in jedem zivilisierten Land an sich schon schlimm genug. So jemand sollte beschämt in der Versenkung verschwinden. Wenn er’s nicht tut, dann erhebt sich die Frage, wie zivilisiert das betroffene Land eigentlich ist.

Aber schön – wir wollen nicht allzu puritanisch auftreten. Erinnern wir uns daran, wie wir die berühmten Video-Ausschnitte seinerzeit zum ersten Mal sahen. Ich lachte das ganze Wochenende über in mich hinein: Aljona mit die schmutzigen Füß’!

Also ehrlich: Wie kann man bloß so deppert sein?

Empfehlenswert? – Für Österreicher und Österreicherinnen auf jeden Fall, ja.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre: Innenansichten eines Skandals (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Rituale

Vor langer, langer Zeit machte ich mich einmal in einer Glosse über den außer Rand und Band geratenen Weihnachtsrummel lustig. Angesichts all der Dekoration, all der Leuchten und Girlanden, so schrieb ich, komme mir unweigerlich der gute alte Travnicek in den Sinn, der sich bei solcher Lichterpracht nur eines wünschte:

„An Kurzschluss.“

Inzwischen hat sich der Wahnsinn noch gesteigert, indem an jedem Haus – na ja, an fast jedem Haus – schon LED-Lichterln blinken, womöglich gar Rentiere in die Gegend glotzen. Der Aufwand verhält sich umgekehrt proportional zur Ehrlichkeit der Gefühle.

Heuer kriegen wir vom Weihnachtsrummel nicht gar so viel mit – meine Wenigkeit praktisch überhaupt nichts –, manche sind froh, Weihnachten überhaupt noch erlebt zu haben, und der Wunsch „ein gesundes Neues Jahr“ hat sinistre Bedeutung gewonnen. Da bleibt einem der Spott im Halse stecken.

Von „neu besinnen“ möchte ich schon gar nicht reden. Das ist auch so eine Floskel. Aber vielleicht erinnern wir uns an etwas anderes: ans Ritual. Das haben wir als Kinder doch so geliebt an dem Fest: die knisternde Spannung, wenn das Wohnzimmer verschlossen war, weil dort das Christkind werkte. Am Vierundzwanzigsten wurden wir nachmittags zur Großmutter expediert, um daheim nicht im Weg zu sein, und auch dies gehörte zum Weihnachtsritual. Später zum Friedhof; wir besuchten das Grab des Großvaters. Ich erinnere mich an einen solchen Besuch: Es hatte große Mengen geschneit, wir mussten knietief zum Grab waten; es war bereits finster, aber auf den Gräbern flackerten Kerzen und drunten, weit entfernt, funkelten die Lichter von Innsbruck (das spielte sich am Mühlauer Friedhof ab, einem Kleinod für sich).

Danach heim, warten bis… ja, bis das Glöckchen klingelte, und dann ging die Tür auf, der Christbaum in seiner vollen Pracht, die Krippe, die Geschenke. Aber auf die durften wir uns nicht stürzen, keineswegs! Zuerst wurde gesungen: Stille Nacht, Heilige Nacht. Wir sangen tatsächlich selbst, mehr schlecht als recht, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Es gehörte einfach dazu, und das Lied – nun, es hat seine ganz eigene Magie, die immer berührt, ganz egal, wie alt man ist oder wo man’s hört. Mein fröhlichstes Hörerlebnis fand am Greenmarket Square in Kapstadt statt, ich saß im kurzärmeligen Hemd vor einem Café im Freien und nippte an meinem Cola, da intonierte es ein Straßenmusikant auf seiner Trompete anlässlich des Ersten Adventsonntags.

Nach dem Singen kam die eigentliche Bescherung – auch wohlgesittet, unsere kleine Schwester suchte die Päckchen aus und verteilte sie, eines nach dem anderen und schön ausgewogen. Wir schauten beim Auspacken zu und freuten uns mit den Beschenkten.

Wenn die Bescherung vorbei war, gab’s das Essen. Geselchte Zunge mit Kartoffelpüree und grünen Erbsen, so wie immer. Und danach waren wir alle so satt, da verkroch sich jeder oder jede in ein Eck und begann zu lesen, denn Bücher machten die Mehrheit der Geschenke aus. Bis es Zeit wurde für die Mette.

Natürlich ging’s mit den Ritualen weiter, ganz ausgeprägt zu Silvester. Da spielten wir leidenschaftlich. Zu Dreikönig, dem letzten Tag der Ferien, wurde der Christbaum abgebrannt, wie wir sagten, das heißt wir saßen alle zusammen im Esszimmer und ließen die Kerzen herunterbrennen, bis die letzte verlöscht war (unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich). Am nächsten Tag wieder in die Schule, mit dem Bewusstsein, wunderschöne Ferien verbracht zu haben.

Und warum?

Wegen der Rituale. Ich glaube, wir haben ein bisschen vergessen, wie wichtig die sind, gerade für Familien. Nicht nur zu heiligen Zeiten, wie’s so schön heißt, sondern jeden Tag: Einmal im Tag kommt eine ordentliche Familie zusammen, beim Essen, meistens wird das heutzutage am späten Nachmittag sein, um Familienangelegenheiten zu besprechen, Neuigkeiten auszutauschen, Leute auszurichten („analysieren“, haben wir das genannt) – und um miteinander zu lachen. Bei uns fand das Abendessen um halb sieben statt, wer nicht anwesend sein konnte, musste das der Mutter rechtzeitig mitteilen. Das war eine eiserne Regel.

Na ja, und in diesem Sinne darf ich Ihnen gelungene Feiertage wünschen. Die bräuchten nicht viel Geld und keine blinkenden LED-Lichterln. Sie würden sogar dem Sarkasmus eines Travnicek widerstehen: Gott sei Dank, so wird ihm vorgehalten, gibt’s noch Leut’, die ans Christkind glauben.

„Ja“, brummt er, „die Geschäftsleut.“

Bronner / Qualtinger, „Travniceks Weihnachts-Einkäufe“

Gelesen: Rose Ausländer

Die deutschsprachige Lyrikerin wurde 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz geboren. Dabei handelte es sich um die Hauptstadt der Bukowina, einem eher entlegenen Winkel der Donaumonarchie. Trotzdem galt die Stadt als ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Unter anderem zeichnete sie sich durch ihre Vielsprachigkeit aus: gesprochen wurden Rumänisch, Ruthenisch (Ukrainisch), Polnisch, Jiddisch und Deutsch. Nicht zuletzt deshalb brachte Czernowitz – ebenso wie übrigens Ostgalizien als Ganzes – eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervor; unter anderem eben auch unsere Dichterin.

Sie kam weit herum: Im Ersten Weltkrieg auf der Flucht vor den Russen nach Wien; später ging sie nach Amerika und ließ sich dort nieder. Sie heiratete Ignaz Ausländer, allerdings trennten sich die beiden bald wieder. Die Krankheit ihrer Mutter bewog Rose, nach Czernowitz zurückzukehren. So geriet sie – sehr verkürzt erzählt – aufgrund der Gebietsaufteilung zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 unter bolschewistische Herrschaft. Da saß sie prompt vier Monate im Gefängnis. Im Windschatten der deutschen Offensive in Russland besetzten 1941 rumänische Truppen die Bukowina. Mit ihrer Mutter musste Rose zunächst ins Ghetto, später überlebte sie versteckt in einem Keller. In dieser Zeit lernte sie Paul Celan kennen, der ja ebenfalls aus Czernowitz stammte.

Nach der Befreiung durch sowjetische Truppen ging Rose Ausländer wieder in die Vereinigten Staaten, wo sie bis 1964 lebte und arbeitete. Danach wollte sie sich in Wien niederlassen, was aber scheiterte (über die Gründe konnte ich nichts in Erfahrung bringen). Sie ging nach Düsseldorf, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 blieb, abgesehen von etlichen Reisen.

Dieser – extrem verkürzte – Abriss ihrer Biografie zeigt ein Leben des 20. Jahrhunderts, mit all seiner Glorie, aber vor allem auch mit seiner finsteren Schande, mit seinen Höllenqualen. Lyrik verfasste Rose Ausländer fast ihr ganzes Leben lang, und ob gewollt oder nicht, die Geschehnisse hinterließen ihre Spuren in ihrem Werk. Inhaltlich haben Kenner später sechs Themenkreise ausgemacht:

  • Gedichte über die Bukowina;
  • Gedichte über das Judentum;
  • Shoa-Gedichte;
  • Exil-Gedichte;
  • Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel, als Handwerk und als Heimat;
  • Gedichte über die Liebe, über Altwerden und über den Tod.

Formal schreibt Rose Ausländer nach Art der so genannten Moderne. Ihre Gedichte weisen also keinen durchgehenden Rhythmus auf, kein Versmaß, und Reim gibt’s schon gar keinen. Zu ihrer Zeit war das neu, befreiend.

Mehr getraue ich mich dazu nicht zu sagen, denn wir sollten uns nichts vormachen: Die Beliebigkeit der Form brachte a la longue natürlich auch die Beliebigkeit der Inhalte und somit letztlich der Kriterien mit sich. Die moderne Lyrik lädt jeden und jede dazu ein, ein paar Zeilen aufs Papier zu stammeln. Sofern sie nur paradox genug sind, erwecken sie immer noch den Eindruck des Epigrammatischen.

Nicht, dass ich Rose Ausländer den Vorwurf der Beliebigkeit machen möchte; ganz gewiss nicht. Aber ist es ein Zufall, dass mir ausgerechnet ein Gedicht in Erinnerung geblieben ist, welches in konventioneller Form verfasst wurde?

Die Zeit im Januarschnee versunken.
Der Atem raucht. Die Raben krähn.
Aus Pelzen sprühen Augenfunken.
Der Schlitten fliegt ins Sternverwehn.
(aus: Bukowina I)

Ich muss es dem Leser, der Leserin überlassen, wie sie zu Ausländers Gedichten stehen wollen. Sollten sie Schwierigkeiten mit moderner literarischer Lyrik haben, dann darf ich sie trösten: Mir geht’s genau so, obwohl ich doch Literatur studiert hab’.

Empfehlenswert? – Nun, ja, bei allem Vorbehalt: Rose Ausländers Gedichte sind allemal einen Versuch wert.

Rose Ausländer, Gedichte (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001). Die Liste der Themenkreise findet sich dort auf S. 350.

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.

Ein «schöner Echt-Roman»

Helmuth Schönauer
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2246

«In der Literatur feiern wir manchmal so etwas wie Sonnenschein ohne Sonne, dabei setzt sich jemand eine Sonnenbrille auf und sieht die Welt für einen Abschnitt lang einfach schön.
H.W. Valerians Sonnenbrille heißt England, er setzt sie schon ein Leben lang während der Sommerferien auf und fährt dorthin. Entstanden ist dabei ein Lebensgefühl, das sich sogar erzählen und nachprüfen lässt. In seinen „Bekenntnissen eines Anglophilen“ geht es um diesen aufregenden Erzählstandpunkt, mit dem man verlässlich glücklich werden kann, ohne deshalb gleich Drogen nehmen zu müssen. „Good To Be Back“ ist eine Begrüßungsformel für einen Einheimischen in England, der zufällig das Jahr über in der Nähe von Innsbruck lebt.
An der Oberfläche gelesen besteht der dritte Band der Bekenntnisse aus drei biographischen Erzählungen, die jene Epoche des Autors beleuchten, die allgemein als „the long middle passage“ bezeichnet wird. Diese Zeit erscheint, wenn man sie durchlebt hat, kurz und lang zugleich, kurz, weil man immer busy gewesen ist, lang, weil man sich vielleicht auf einem falschen Pfad bewegt hat. Der Autor gibt nämlich unumwunden zu, dass er das Glück des Lebens nicht durch Unterrichten gefunden hat. Er hat seinen Lehrerjob irgendwie ordentlich gemacht, ist aber dabei zu keinem Heißläufer an schulischer Begeisterung geworden.
Ein weiterer biographischer Zug führt verlässlich während der Sommermonate nach England, wo er bei Verwandten im Dorf „Inkpen“ lebt und Einheimischer auf Zeit wird. Diese exklusive Disposition führt zu den Vorzügen der „Bekenntnisse“, die schöne Eigentümlichkeiten aufweisen, wie sie in der Literatur sehr selten vorkommen.
Das Dorf Inkpen wird nicht touristisch vorgestellt, wie das in der österreichischen Gegenwartsliteratur bis hin zum Landkrimi leider immer häufiger vorkommt. Inkpen bleibt ein Rätsel, das aber allmählich entblättert wird, sodass der Leser ein verschwiegener Eingeweihter werden kann. Aus alten Chroniken aus der Zeit vom „Domesday Book“ geht hervor, dass es sich dabei um eine befestigte Ansiedlung handelt, die in eine Seelenlandschaft eingestreut ist. Das Dorf wird quasi quer durch die Jahrhunderte als etwas Beruhigendes beschrieben, eingegrenzt von Hügelketten und Vegetation, die in einem ikonographisch verwurzelten englischen Rasen münden. Während dieser Schilderung, in der es um tiefenpsychologische Glückszonen geht, taucht die konkrete Gegenwart auf. Das Dorf ist deshalb idyllisch und unversehrt geblieben, weil es mittlerweile von reichen und erfolgreichen Zuzüglern aus London besiedelt wird. Und diese neuen Bewohner haben nichts anderes im Sinn, als ihre Erwartung von Glück zu pflegen. Die ursprünglichen Bewohner verdingen sich dabei als Handwerker und Zuträger, aber alle verkehren in einem wertschätzenden Ton, sodass sich jene Umgangsformen entwickeln können, die man in literarischen Vorlagen nur in Südengland spielen lassen kann.
Neben dieser Schilderung um einen anglophilen Standpunkt herum ist vor allem die Verquickung des Englischen mit dem Deutschen eine solitäre Eigenheit. Der Autor erzählt, dass er erst dann Frieden in seinem Kopf findet, wenn er ein aufgegriffenes Wort in beiden Sprachen unterbringt. An diesem Suchen nach den richtigen Fügungen soll auch der Leser teilnehmen, der dadurch automatisch Insiderwissen gewinnt.
Vor allem bei der Deutung der jüngeren Zeitgeschichte ist dieser Zugang zum offiziellen Narrativ bedeutsam. Selten einmal ist der Thatcherismus so klar von innen her beschrieben worden wie in der Erzählung „Inkpen“. Eine unsterblich gültige Erzählung braucht auch ein fixes Ende, damit die erklärten Zeitabschnitte auf der historischen Skala eingetragen werden können. „Inkpen“ geht in ein Fade-Out über, als die Verwandten sterben oder es aus Altersgründen aufgeben, wobei sie die Erinnerung als schönes Stück Harmonie mitnehmen.
In der zweiten biographischen Erzählung „Ways With Words“ (167) geht es um ein Literaturfestival in Dartington Hall, das der Autor mehrere Jahre hindurch besucht. Auch hier gilt mit der Zeit die schöne Formel: Good To Be Back. Es entstehen Freundschaften mit literarischen Disputanten, unbekannte Dichter stellen ihre Jahresproduktion vor, die Fiktionen werden mit historischen Vorbildern abgeglichen und anschließend dem steifen Wind der Außenwelt ausgesetzt. Nicht alles, was im Sommer beim Festival für Aufruhr und Anerkennung sorgt, hat im Winter noch die Kraft, als vergängliche Zeilen in einem Buch zu überleben. Der Autor nimmt vor allem eine Weisheit mit aus diesen Sommern: „Kauf nie ein Buch, das soeben präsentiert wurde.“ (182) Damit reagiert er prophetisch auf den zunehmenden Gap zwischen Literatur und Literaturbetrieb.
Die dritte biographisch-literarische Exkursion „By The Old Canal“ (232) führt entlang des historischen Kanals zwischen Bristol und London durch wellige Landschaft und aufgeschäumte Geschichte. Esther, die Ursache und tapfere Begleiterin dieser anglophilen Wunderwelt, ist in ein altersgemäßes Quartier gezogen und hat Inkpen zurückgelassen. Auch die Stimmung des Autors ist mit übersiedelt, denn auch in neuer Umgebung ist das kulturelle Umfeld noch unversehrt zugänglich, wie es sich seit Jahrhunderten entwickelt hat. Die Wanderungen entlang des Kanals lassen ständig die Geschichte der Industrialisierung des Landes aufblitzen. Dabei kommt diese bronzene Stimmung auf, wenn etwas schon verloschen ist, aber noch einen Restglanz abstrahlt wie ein aufgelassener Stern. Der mild gewordene Kapitalismus, wie er in Erzählungen des Realismus herüber gefiltert wird in die Gegenwart, lässt sich als Urfratze hinter all dem Business erahnen, wie es von der Metropole aus bis in die letzte Landritze hinausströmt. Und dann stirbt Esther, und das Buch müsste eigentlich zu Ende sein.
So kann es nicht aufhören, sagt der Autor und fügt noch ein paar Reiseerlebnisse an, wieder an einem Ort, an dem sich das Anglophile auskosten lässt. Aber die Zeit gibt keine Ruh und bringt alles zu einem Ende, was einst als helle Kindheit begonnen hat. Auch dieses Pärchen, das die letzten Jahre Quartier gegeben hat, geht ins Altersheim und verkauft das Anwesen.
Mit diesem unbarmherzigen Bild geht dieser schöne Echt-Roman zu Ende. Erst wenn alles verkauft ist, darfst du von dieser Welt gehen und sie als Erinnerung mitnehmen!»

H. W. Valerian
Good To Be Back
Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen, Bd. 3
edition inkpen,  Berlin 2020
ISBN: 978-3-753104-70-6
Softcover, 336 Seiten

Gelesen: Singapur + Meereshöhe

Ein Jahr in Singapur

Irgendwann hatte jemand beim Herder-Verlag die Idee zu einer Reihe Ein Jahr in… Und als Autorinnen wurden durchwegs weibliche Wesen ausgewählt. So auch für den Band über Singapur.

Mir fiel der Titel auf, weil wir selbst einmal in Singapur waren, und weil mich die Stadt damals faszinierte – vor allem die Sozialpolitik, der Wohnbau, die Infrastruktur. Wie kam es, dass hier – zumindest dem Anschein nach – der soziale Zusammenhalt derart gut zu funktionieren schien, der Gemeinsinn?

Auf solche Fragen erwartete ich mir Antworten, oder doch zumindest Antwortversuche, von dem Bändchen. Verfasst wurde es von einer jungen Dame namens Nicola Kaulich-Stollfuß. Und man muss ihr zugestehen: Schreiben kann sie! Nicht nur flüssig, sondern auch leichtfüßig, immer mit einem guten Schuss Ironie, nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Nur leider bleibt’s dabei, zwölf Monate und zwölf Kapitel lang. Tiefer wird’s nicht. HDB, Housing Development Board, wird nur am Rande erwähnt, kein einziges Wort der Erklärung. Die Häuser seien halt so hässlich. Dabei war dieses HDB verantwortlich für eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Wie in einer asiatischen Stadt geordnete Wohnverhältnisse einkehrten, und zwar für alle. Ich hab’ diese Bauten gesehen – gar so hässlich erschienen sie mir nicht – und ich war beeindruckt.

Darüber hätt’ ich, wie gesagt, gerne mehr erfahren. Aber nein. Mich plagen weiterhin meine Fragen. Singapur hätte sich Besseres verdient.

Empfehlenswert? – Na ja. Die Lektüre ist durchaus amüsant, keine Frage, und wer nicht mehr verlangt, der wird gut bedient.

Nicola Kaulich-Stollfuß, Ein Jahr in Singapur: Reise in den Alltag (Freiburg: Herder, 2013).
Über Meereshöhe

Ein weiterer Roman von Francesca Melandri, die hier ja schon zweimal ihren Auftritt hatte (Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Er unterscheidet sich von den anderen, indem es diesmal nicht um große Geschichte geht, um Jahrzehnte und um weite Räume. Ganz im Gegenteil: hier geht’s um Gefängnis, um Haft. Die Handlung ist beschränkt auf einen kleinen Kreis von Personen, eigentlich bloß auf drei: Zunächst Paolo, welcher seinen geliebten Sohn im Hochsicherheitsgefängnis besucht; der hat nämlich als Mitglied einer roten Terrorgruppe mehrere Menschen ermordet (der Roman spielt in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren); dann Luisa, sie besucht ihren Mann im selben Gefängnis; und schließlich Nitti, ein Justizwachebeamter. Aufgrund eines unvorhergesehenen Zwischenfalls werden sie für kurze Zeit zusammengeführt, im Falle von Paolo und Luisa sogar zu einem one-night stand.

Wir haben’s  demnach nicht mit einem großen Orchester zu tun, einer Symphonie, sondern mit Kammermusik. Das ist für einen Roman, wenn schon nicht ungewöhnlich, so doch eine Herausforderung. Da bedarf es großen Geschicks bei der Handlungsführung und bei der Zeichnung der Charaktere. Francesca Melandri, das kann man wohl sagen, bewältigt die Aufgaben meisterhaft. Auch dieser Roman liest sich spannend von Anfang bis Ende, und das gänzlich ohne stilistische Verrenkungen oder Verschnörkelung. Die Charaktere leiden, aber sie tun das auf stoische Art und Weise. Sie leiden, weil sie nahestehenden Menschen die Treue halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das macht zugleich ihr Heldentum aus.

Die Politik, vor allem die des Terrors kommt, wenn überhaupt, nur im Hintergrund vor. Früher, so reflektiert Paolo einmal, gab’s das Wort Revolution, und es gab die Sache: 1789, 1848, 1917. Aber im Italien des Jahres 1979, da gibt es nur das Wort, die Phrasen: „von der Gewalt der Gedanken zum Gedanken der Gewalt“. Das charakterisiert treffsicher die jugendlich-studentische Hirnverbranntheit jener Zeit.

Aber wie gesagt: Es spielt nur eine untergeordnete Rolle. Melandri geht’s um Menschen, um deren Schicksale – und wie sie damit fertig werden. Der Roman endet einigermaßen gut, obwohl man als Leser spürt, wie das Leiden die Charaktere weiter begleitet, durchs ganze Leben.

Empfehlenswert? – Ja, ohne Einschränkung.

Melandri, Francisca, Über Meereshöhe, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (München: Karl Blessing Verlag, 2012). Orig. Più alto del mare.

Rezension Eva schläft

Rezension Alle, außer mir

Bisch a Luada

Es ist schon wieder einige Zeit her, seit das Wörtchen Luder für Aufregung sorgte. Um selbige, nämlich um die Aufregung, soll’s hier allerdings nicht gehen. Ich erinnere mich, damals irgendwo die Behauptung gelesen zu haben, Luder werde ausschließlich für weibliche Personen verwendet und ausschließlich abwertend. Und da protestierte meine Pedanterie. Ich hab’ nämlich heute noch die Stimme meines Vaters im Ohr, wenn er zu mir sagte:

„Bisch a Luada.“

Das war eindeutig anerkennend gemeint, wenn ich eine kniffliges Problem mit Witz, List oder Geschick gelöst hatte. Und ich bin männlichen Geschlechts.

So einfach ist die Sache also nicht.  Früher pflegten wir nämlich auch zu sagen:

„Der Ehrgeiz isch a Luada.“

Womit ich nicht die geringste Absicht bekunde, den Herrn Landesrat zu entlasten. Der hat’s, soweit ich das abschätzen kann, genau so gemeint, wie’s ihm unterstellt wurde, der Unmut entlud sich folglich zu Recht über seinem Haupte. Es ist bloß so, dass oben angeführte Behauptung zu kategorisch war. Es gibt Ausnahmen.

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Wir wollen den verbleibenden Platz daher mit Erfreulicherem füllen – den stehenden Sprüchen zum Beispiel, mit welchen mein Vater gewisse Tätigkeiten zu begleiten pflegte. Nehmen wir an, wir befänden uns in jenem Kellerraum unseres Wohnhauses, der unter anderem auch als Werkstatt diente. Ein Handmixer liegt auf der Werkbank, zu jener Zeit das Neueste vom Neuen. Aber er funktioniert nicht: genau die Herausforderung, die mein Vater liebte. Er zerlegte das Gehäuse – damals noch möglich, da die beiden Hälften nicht verschweißt waren, sondern von kleinen Schrauben zusammengehalten wurden. Nun ging’s an die Fehlersuche. Wenn die vergeblich blieb, dann kam der Seufzer:

„Mich laust der Affe.“

Wenn sie hingegen zu einem eindeutigen Ergebnis geführt hatte, quittierte mein Vater dies mit den Worten:

„Da liegt der Hund begraben!“

Oder aber, bei anderer Gelegenheit:

„Hinc illae lacrimae.“ (Daher also die Tränen.)

Nun musste ein Weg gefunden werden, den Fehler zu beheben. Es mochte sein, dass sich unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg stellten, sodass ich willens war, das Unternehmen als gescheitert aufzugeben. Nicht so mein Vater:

„Noch ist Polen nicht verloren!“

Es mochte aber auch sein, dass ich mit meinen jüngeren und deshalb schlankeren Fingern eine Stelle erreichte, die sich seinem Zugriff entzog.

„Bisch a Luada!“

Oder aber auch:

„Bisch a Hund.“

Schließlich hatten wir den Fehler behoben – hofften wir zumindest – und die dünnen Drähte mussten wieder an ihren angestammten Platz gebracht werden.

„Und verlegen sie genau in den Hof der guten Frau.“

Wilhelm Busch, wie die meisten noch wissen dürften, und den zitierte mein Erzeuger mit Vorliebe.

Die blanken Enden der Drähte wurden angelötet oder mit winzig kleinen Schrauben festgeklemmt. Mein Vater überprüfte gewissenhaft den festen Sitz.

„Hängt von Hengkovic“, stellte er zufrieden fest.

Nun kam ein kritischer Schritt: der Probelauf.

„Jetzt kommt der Moment, wo der Aff’ ins Wasser rennt.“

Und wenn das Werkl funktionierte, wie’s sollte, dann hieß es:

„Läuft wie ein Glöckl.“

Das Gehäuse wurde wieder zusammengeschraubt und gereinigt. So übergab er das Gerät meiner Mutter.

„Schöner wie neich!“ (neu)