Fortunes of War

[for an English version see below]

Das Kriegsglück ist wechselhaft, wie wir wissen, es lacht einmal dem einen und bald darauf dem anderen. Deshalb verwendet das Englische wohl den Plural: fortunes of war. Und genau so nennt sich eine Abfolge von Romanen, welche Oliva Manning (1908–1980) im Laufe ihres Lebens verfasst hat. Üblicherweise werden sie in zwei Bänden gruppiert, The Balkan Trilogy und The Levant Trilogy. Erschienen sind sie im Zeitraum von 1960–65 beziehungsweise 1977–80.

Im Zentrum steht Harriet, verheiratet mit Guy Pringle. Er unterrichtet im Auftrag einer nicht näher genannten Organisation – wir dürfen ruhig ans British Council denken – Englische Literatur in Bukarest. Bloß bricht in eben jenem Sommer, da Harriet und Guy heiraten, der Zweite Weltkrieg aus. Er bildet den Hintergrund zu allem, was sich in der Folge abspielt.

Davor tummeln sich die vielen, vielen Charaktere, denen Harriet und Guy begegnen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. So gesehen, gleichen die beiden Trilogien einer bei den Engländern so beliebten Gesellschaftskomödie: ein Panorama menschlicher Verhaltensweisen, anständig ebenso wie zynisch, heroisch und feige, oft genug ein bisschen skurril, wenn nicht gar grotesk. Etliche bleiben in Erinnerung: Prinz Yakimov zum Beispiel, der hochadelige Schnorrer, oder später der junge Leutnant Simon Boulderstone – und viele mehr. Die plastische Zeichnung ihrer Personen, das dürfte wohl eine der ausgeprägtesten Stärken von Olivia Manning gewesen sein.

Doch erhält die lange Erzählung zusätzliche Schärfe, weil sie auch von der Ehe der Pringles handelt. Guy ist immer aktiv, geradezu besessen von seinem Literaturunterricht, er hat zahllose Freunde, gewinnt immer neue, er braucht sie. Für Harriet bleibt nichts übrig – Guy nimmt einfach an, sie denke so wie er, sei ein Teil seiner selbst. „Sei nicht unvernünftig“, schmettert er ihre Wünsche ab. So muss Harriet ihren eigenen Weg finden; sie muss sich, wie man später gesagt hätte, emanzipieren.

Und im Hintergrund stets der Krieg. Die Pringles erleben mit, wie Rumänien nach der Niederlage Frankreichs und dem Abzug der Britischen Armee vom Kontinent den Faschisten anheim fällt. Guy und Harriet entkommen knapp der Gewalt der Eisernen Garden. Ihre Flucht führt sie nach Athen. Auch dort gibt’s eine britische Kolonie, gesellschaftliches Leben, aber schließlich diktiert wiederum der Krieg ihr Schicksal. Mit Mühe entkommen sie den Deutschen; ihre Flucht führt sie nach Ägypten. Die zweite Trilogie setzt ein, als die Wehrmacht soeben El Alamein erreicht hat, man rechnet allgemein damit, dass sie innerhalb von Stunden in Alexandria sein würde. Die britische Botschaft in Kairo hat bereits begonnen, Akten zu verbrennen.

Doch die Pringles überleben letztlich, ebenso wie ihre Ehe. Etliche ihrer Freunde und Bekannten sind nicht so glücklich – the fortunes of war. Olivia Manning hat ein beeindruckendes Monument geschaffen: nicht so sehr dem Krieg und seinen Helden, als vielmehr den Menschen; vielen durchschnittlichen, trotzdem bemerkenswerten Menschen, mehrheitlich Zivilisten, samt all ihren Schwächen, ihren Tugenden, ihren Hoffnungen – und ihren Schicksalen.

Für Fachleute sei hinzugefügt, dass sich ein Vergleich mit Evelyn Waughs Sword of Honour-Trilogie aufdrängt, nicht zuletzt wegen der Schauplätze. Glücklicherweise teilt Manning nicht jene servile Bewunderung der upper classes, welche Waughs Werk entstellt. Was ich vorziehe, dürfte klar sein. Tausche 3 Waugh gegen 1 Manning (um ein Messverfahren anzuwenden, welches Friedrich Torberg seinerzeit eingeführt hat).

Empfehlenswert? Unbedingt – allerdings handelt es sich um zwei dicke Bände, es braucht also Leser, die so was mögen: richtige Leser, bin ich versucht zu sagen.

Ursprünglich erschienenen die Teile der beiden Trilogien als einzelne Romane. The Balkan Trilogy erschien erstmals 1965 bei William Heinemann; The Levant Trilogy erstmals 1982 bei Weidenfeld & Nicolson. Ich habe alte Penguin-Ausgaben aus den Jahren 1981 bzw. 1982 gelesen.
Fortunes of War

The fortunes of war are unpredictable, as we all know; they may favour one side and then the other. That’s probably why the English language uses the plural. And that’s what a series of novels is called which Olivia Manning (1908-1980) wrote in the course of her life. They are usually collected in two volumes, The Balkan Trilogy and The Levant Trilogy. Originally these were published between 1960–65 and 1977–80, respectively.

At the centre of the story is Harriet, married to Guy Pringle. He teaches English Literature in Bucharest on behalf of an unnamed organization – it is permissible to think of the British Council. However, in the summer when Harriet and Guy get married, the Second World War breaks out. It forms the background to everything that happens afterwards.

In the foreground there are the many, many characters Harriet and Guy meet and who they have to deal with. Seen in this way, the two trilogies resemble a social comedy of the kind so popular with the English: a panorama of human behaviour, decent as well as cynical, heroic as well as cowardly, often enough a bit bizarre, if not grotesque. Quite a few of these characters will linger in the reader’s mind: Prince Yakimov, for example, the aristocratic scrounger, or later the young lieutenant Simon Boulderstone – and many more. The creation of lifelike characters must have been one of Olivia Manning’s most distinctive strengths.

The long narrative gains additional intensity because it also deals with the Pringles’ marriage. Guy is constantly busy, obsessed almost with his literature lectures, he has countless friends, always wins new ones, he actually needs them. There’s nothing left for Harriet – Guy simply assumes she thinks like him, is a part of himself. “Don’t be unreasonable,” he brushes her demands aside. And so Harriet has to find her own feet; she has to emancipate herself, as we would have said later.

And always, in the background, there’s the war. The Pringles witness Romania falling to the fascists after the defeat of France and the withdrawal of the British army from the continent. Guy and Harriet narrowly escape violence by the Iron Guard. Their flight takes them to Athens. They find another British colony there, more social life, but eventually war dictates their fate again. They manage to escape from the Germans, but only just; their flight takes them to Egypt. The second trilogy begins when the Wehrmacht has just reached El Alamein and is generally expected to occupy Alexandria within hours. The British embassy in Cairo has already begun to burn the files.

But in the end the Pringles survive, as does their marriage. Some of their friends and acquaintances are not so lucky – the fortunes of war. Olivia Manning has created an impressive monument: not so much to the war and its heroes as to people; many average yet remarkable people, mostly civilians, with all their weaknesses, their virtues, their hopes – and their destinies.

For literary experts it may be added that Manning’s books invite comparison with Evelyn Waugh’s Sword of Honour trilogy, if only due to the setting. Fortunately, Manning does not share the servile adoration of the upper classes which distorts Waugh’s work. My personal preference should be obvious. I’ll happily exchange 3 Waughs for 1 Manning (to apply a measurement method introduced by Friedrich Torberg a long time ago).

Recommended? Absolutely – although the two volumes are quite long and so require readers who like this sort of book: real readers, I am tempted to say.

Originally, the parts of the two trilogies were published as individual novels. The Balkan Trilogy was first published in 1965 by William Heinemann; The Levant Trilogy was first published in 1982 by Weidenfeld & Nicolson. My copies are the Penguin editions from 1981 and 1982.

 

 

 

Weihrauch im Elfenbeinturm

Handke und kein Ende. Schade, dass er so viel Aufmerksamkeit erhält. Sie gebührt ihm nicht.

Den Nobelpreis har er verdient, klar. Wer, wenn nicht er? Gibt’s noch jemand, der sich derart hoch verstiegen hat in die obersten, die luftigsten Stockwerke des Elfenbeinturms? Angefeuert von einer Clique deutschsprachiger Literaturkritiker, Germanisten. Da droben frönen sie ihrem affektiert verschnörkelten Diskurs. Nur ja nichts einfach ausdrücken, wenn’s kompliziert auch geht! (Und je komplizierter, desto gescheiter – glauben sie.)

So benebeln sie Handke mit ihrem Weihrauch; ihn sowie ein paar weitere auserkorene Dichter und – deshalb angeblich auch – Denker. Und Handke glaubt’s. Er beantworte keine banalen Fragen von Journalisten, hat er jüngst geschimpft, er halte Zwiesprache mit Tolstoi und Homer! Das – nämlich das Selber-Glauben – das könnte vielleicht seine größte Schwäche sein.

Und die Serbien-Affäre? Nun, was hat man sich eigentlich erwartet von einem Elfenbeinturm-Spitzenbewohner? Der weiß nichts von der Wirklichkeit da draußen, will nichts wissen, darf gar nichts wissen. Da kann eine Intervention in der realen Welt nur in die Hosen gehen. Im Übrigen kennen wir das aus dem 20. Jahrhundert zur Genüge. Denken wir bloß an Pablo Picasso und Stalin. Sartre und die kommunistischen Straflager. Gerhard Hauptmann und die Nationalsozialisten.

Tröstlich ist bloß: Weder Handke noch seine Germanisten, seine Literaturkritiker machen einen Unterschied. Nicht den geringsten. Was Handke gesagt hat; ob er was anderes hätte sagen können; oder ob er überhaupt besser geschwiegen hätte – es macht keinen Unterschied. Null.

Und seine Literatur? Haben Sie bloß kein schlechtes Gewissen, weil Sie schon so lange nichts mehr von ihm gelesen haben. Das hat nämlich niemand, es sei denn, er oder sie musste. Und genau so war’s ja auch gedacht: Elfenbein-Literatur ist nicht fürs gemeine Volk! Wir wenden uns wieder dem zu, was wir gerne lesen, gerne und mit Gewinn. Ein kleiner Tipp: die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2013, die Kanadierin Alice Munro.

Just back from…

Eros (to be precise: Anteros), Piccadilly Circus
Royal Hospital Chelsea
The Tide Walk, Greenwich Peninsula, with Emirates Air-Line in the background
Richmond Hill, seen from the Twickenham side of the River Thames
Christmas market on Trafalgar Square
Wo’s that?
Regent Street
Christmas at Kew Gardens
Good-bye…

Darf ich vorstellen?

Mein jüngster Sprössling:

Ich hab’s als Erzählung bezeichnet, obwohl das wahrscheinlich nicht ganz zutrifft. Gekommen ist’s so: Im Herbst 2018 unternahm ich auf Anregung und Einladung von Freunden hin eine Busreise durch Polen – ganz normal, mit Führern und allem, was so dazu gehört.

Diese Reise hat mich gehörig beeindruckt. Wieder daheim, wollte ich – wie ich das sonst oft gemacht habe – eine Art Dia-Show zusammenstellen, und zwar als PowerPoint Präsentation. Da bin ich aber draufgekommen, dass mir viel zu viele Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen durch den Kopf gingen. Es half nichts: Ich musste erzählen.

Und daraus ist dann eben dieses Buch geworden: halb Reisebericht, halb historisches Essay.

Erste Reaktionen waren erfreulich positiv. Sollte es jemanden interessieren, hier geht’s zu den Details >>

Just back from…

Toronto
Kingston, Ontario
Montreal
Quebec
Ottawa
Algonquin Provincial Park
Niagara Falls
The prairies, seen from the plane
Lake Louise, Banff National Park (Alberta)
near Jasper, Alberta
Rainforest in Fraser Valley, British Columbia
Mounties in Victoria, British Columbia
Victoria harbour
Whale watching off Vancouver Island – a humpback
Vancouver – view from Granville Island

Gelesen / Just read

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine

Ich hab’ keine Ahnung, was gescheite Leute zu dem Roman der jungen schottischen Autorin sagen: Vielleicht ist er ihnen zu seicht. Und tatsächlich könnte man argumentieren, das Ende habe etwas Kitschiges an sich. Was glückliche Enden freilich so an sich haben. Andererseits strahlt der Roman einen Optimismus und damit eine Stärke aus, die anderen abgeht. Im Zentrum steht die Hilfsbereitschaft durchschnittlicher Menschen ohne großen Ehrgeiz. Sie bringt die Handlung in Gang, sie bringt schließlich die Lösung – selbst für eine verschreckte, verbitterte alternde Jungfer.

Empfehlenswert? – Ja, ganz ohne Einschränkung.

I have no idea how clever people react to this novel by a young Scottish author: They may well find it rather thin. And indeed, one could argue that the ending has something kitschy about it; but then, this is the way with happy endings. On the other hand, the novel projects a sense of optimism and thus strength that others sadly lack. The focus is on the helpfulness of average people without much ambition. This is the quality that gets the plot going and finally leads to a denouement  – even for a frightened, embittered ageing spinster.

Recommended? – Yes, without reservation.

Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine (London: HarperCollins, 2017).
Jonathan Coe, Middle England

Was gescheite Leute hingegen zum Roman von Jonathan Coe sagen, ist klar: Er handelt ja von ihnen. Hauptfigur ist – man glaubt es nicht – ein millionenschwerer Schriftsteller.

Wobei der Autor brillant erzählt. Sein Roman liest sich spannend und unterhaltsam von Anfang bis Ende, und das obwohl er letztlich von nichts anderem handelt als von einer kleinen Gruppe schnatternder Intellektueller: the chattering classes. So was hinzukriegen, zeugt schon von gehörigem Talent.

Nur tieferer Sinn steckt keiner dahinter. Und schon gar kein politischer – denn auch der wurde dem Roman von eifrigen Rezensenten zugeschrieben, von wegen Brexit und so. Sogar von einem state-of-the-nation Roman war die Rede! Nichts dergleichen – dazu ist der gesellschaftliche Horizont viel zu beschränkt.

Empfehlenswert? – Als reine Unterhaltung, ja. Man darf sich nur nicht zu viel erwarten.

Whereas it’s abundantly clear how clever people react to the novel by Jonathan Coe: After all, it is about themselves. The main character is – believe it or not – a millionaire writer.

And yet, the author is a brilliant narrator, and his novel makes fascinating as well as amusing reading from beginning to end, even though it isn’t really about anything but a small group of intellectuals – the chattering classes. To pull this off is no mean achievement and testimony to considerable talent.

As long as one is not hoping for any deeper meaning; and certainly not in a political sense, which has also been attributed to the novel by friendly reviewers: Brexit, and so on. There has even been talk of a state-of-the-nation novel! Far from it – the range is just too limited for any such thing.

Recommended? – If you’re looking for pure entertainment, yes; just don’t expect anything else.

Jonathan Coe, Middle England (London: Viking, 2018).
Margaret Laurence, A Jest of God

Margaret Laurence (1926–1987) zählt inzwischen zu den Klassikern der kanadischen Literatur. Einige ihrer Romane sind in der fiktiven Kleinstadt Manawaka in der Provinz Manitoba angesiedelt, so auch dieser hier. Er handelt von der verschüchterten Lehrerin Rachel Cameron, der übel mitgespielt wird – von den lieben Mitmenschen ebenso wie vom Schicksal. Ihre Schweigsamkeit, ihre Angst offen zu reden, die daraus resultierenden Missverständnisse, die tragen das ihre dazu bei. Die Geschichte endet nicht gut, aber ausgesprochen schlimm auch nicht. Wie könnte es auch anders sein?

Interessant: Der Roman ist 1966 erschienen. (Ich hab’ ihn erstmals so um 1977 oder ‘78 gelesen.) Offenbar sind die sechziger Jahre zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Manawaka angekommen – ebenso wenig übrigens wie in Innsbruck. Oder ist das traurige Leben der Heldin bewusst als Kontrapunkt gesetzt?

Empfehlenswert? – Durchaus, obwohl’s schon ein bisschen Geduld und Leseerfahrung braucht.

Today, Margaret Laurence (1926–1987) is considered one of the major figures in Canadian literature. Some of her novels are set in the fictional small town of Manawaka in the province of Manitoba, as is this one. It is about the shy and inhibited schoolteacher Rachel Cameron, who is dealt a rotten hand – by people just as much as by fate. This is aggravated by misunderstandings created by her taciturn ways, by her reluctance to speak openly. Her story does not end well, but not overly disastrous either. How could it be otherwise?

It is interesting to note that the novel was published in 1966. (I first read it around 1977 or ’78.) Obviously the Sixties have not arrived in Manawaka yet – nor had they in Innsbruck, by the way. Or is the heroine’s sad life deliberately set as a counterpoint?

Recommended? – By all means, although a certain amount of patience and reading experience may be required.

Margaret Laurence, A Jest of God (Toronto: McClelland and Stewart, 1974). 1st publ. 1966.

Europa seit 1945

[for an English version, see below]

Eines kann man über Postwar, die Nachkriegs-Geschichte Europas von Tony Judt, auf jeden Fall sagen: Sie ist umfangreich. Allzu kleinliche Kritik an Details verbietet sich deshalb von selbst. Im englischsprachigen Raum erntete das Unternehmen hymnisches Lob. Aus zentraleuropäischer Sicht schaut das vielleicht doch ein bisschen anders aus. Wenn’s darum geht, das Werk zu empfehlen, dann tu ich mich, ehrlich gestanden, schwer, nicht nur wegen der Länge an sich. Die ergibt sich ja aus dem Standpunkt, welchen Tony Judt einnimmt: Er schreibt als Historiker, der quasi von oben, aus olympischer Ferne große Bilder malt, große Zusammenhänge herstellt, Muster erkennt, Trends. Aber ist so was im Falle Europas nach 1945 bereits möglich? Postwar ließ mich jedenfalls dran zweifeln. Und das ist schade. Denn Nachkriegs-Geschichte brauchen wir sehr wohl, gerade in Europa, wo die „Vergangenheit“ auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 zu schrumpfen droht.

Empfehlenswert? – Na ja, siehe oben. Voraussetzung ist auf jeden Fall historisches Interesse sowie Zeit und Geduld; und alle zusammen müssen ausreichen, um sich kritisch mit diesem massiven Konvolut auseinanderzusetzen.

Europe Since 1945

One thing is certain about Postwar, Tony Judt’s history of Europe since 1945: it is extensive. This rules out any petty criticism of details. In the English-speaking world, the project elicited hymns of praise. From a Central European perspective, the reaction may be slightly different. Asked if I could recommend the book, I would be hard put to give a straightforward answer, and not just because of its considerable length. This is only a consequence of the author’s perspective: he writes as an historian from a lofty position, painting a large canvas, identifying vast connections, patterns, and trends. But is such an approach feasible in the case of Europe after 1945? Postwar certainly made me doubt it. And that’s a pity. We really need post-war history, especially in Europe, where the “past” is in danger of being reduced to the period from 1933 to 1945.

Recommended?– Well, see above. In any case, the book requires historical interest plus a considerable amount of time and patience; sufficient, indeed, for a critical reading of such a weighty tome.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage Books, 2010). 1st publ. 2005. – deutsch: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (München: Carl Hanser Verlag, 2006).

Ein Realist ersten Ranges

Anna of the Five Towns von Arnold Bennett

[for an English version, see below]

Als ich englische Literatur studierte, da kam Arnold Bennett praktisch nicht vor. Er hatte das Pech, zu spät geboren zu sein für einen Realisten – er lebte von 1867 bis 1931. Damit geriet er mitten hinein in die Moderne: Virginia Woolf, Bloomsbury. Diese Leute verachteten ihn wegen seiner Herkunft und seiner handwerklichen Einstellung zum Schreiben.

Inzwischen ist uns die Moderne allerdings auch ein bisschen ranzig geworden. Bennett hat hingegen eine Art Wiedergutmachung erfahren, seit ihn der Literaturwissenschaftler John Carey zu seinem Lieblingsautor erklärte. [1] Wie’s heute um seinen Ruf steht, weiß ich nicht.

Aufgrund meiner Leseerfahrung stimme ich John Carey jedenfalls zu, voll und ganz. Es ist nicht nur so, dass da ein Realist ersten Ranges zu uns spricht; vielmehr hat er den Realismus auch nachhaltig weiter entwickelt. Zwei Aspekte fallen mir sofort ein:

Erstens, die Realität, welche er beschreibt. Sie ist zumeist in den Five Towns angesiedelt, also jener Agglomeration, welche heute als Stoke-on-Trent bezeichnet wird. Das war – und blieb – Arnold Bennetts Heimat. Und dabei handelt es sich um das Herz der Potteries, wo einst alle unsere mugs herkamen, unsere Kaffeehaferln. Folglich beschreibt er Menschen aus den Midlands, einer Industrieregion. Selbstverständlich war so etwas keineswegs.

Zweitens, die Frauen. Nicht bloß stellen sie oft die Hauptfiguren seiner Romane so wie in diesem hier, oder im Falle von The Old Wives’ Tale; sie sind auch – ja, sie sind überraschend selbständig, selbstbewusst. Sie sind, wenn man so will, tatsächlich Heldinnen, ganz anders als, sagen wir, bei Anthony Trollope – um von Charles Dickens erst gar nicht zu reden.

Das gilt auch für Anna im hier besprochenen Roman, obwohl’s am Anfang gar nicht so ausschaut: Da lebt sie nämlich unterdrückt und praktisch entmündigt im Haus ihres diktatorischen, geizigen Vaters (Ebenezer Scrooge mit Kindern). Doch als ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag unversehens ein reiches Erbe zufällt, da macht sie sich aller Unerfahrenheit zum Trotz auf ihren Weg. Den muss sie allerdings erst noch finden. Einfach ist’s nicht – es stehen schmerzliche Entscheidungen an, immerhin ist sie zur Gläubigerin geworden. Und ihr Vater bleibt eine unerbittliche Autorität. Herzensangelegenheiten spielen natürlich auch eine Rolle, klar, in diesem Falle allerdings ohne happy ending. Aber darum geht’s nicht. Was beeindruckt, das ist Annas Festigkeit – ihr Charakter.

Ich weiß nicht, ob andere den Roman so aktuell finden werden wie ich. Ich lese die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts oder – wie in diesem Falle – des frühen 20. Jahrhunderts (erschienen 1902) immer noch mit Interesse, mit Spannung und mit Freude. Sie haben mir nach wie vor etwas zu sagen – mehr als so mancher zeitgenössische Roman. Aber was? Nun, darüber bin ich mir selbst nicht ganz klar. Aber was ändert das schon?

Empfehlenswert? – Meiner Ansicht nach: ja.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
Anna of the Five Towns by Arnold Bennett

When I was studying English literature, Arnold Bennett was practically non-existent. He had the misfortune to be born rather late for a realist – he lived from 1867 to 1931. And thus, he became a contemporary to the moderns: Virginia Wolf, Bloomsbury. These people despised him for his background and for his craftsman’s approach to writing.

In the meantime, however, modernity has in turn become a bit stale. Bennett, on the other hand, has enjoyed a certain renaissance since literary scholar John Carey declared him his favourite author. [2] I’m not sure about his standing today.

In any case, because of my reading experience, I agree with John Carey, wholeheartedly. It’s not just that a realist of the first order is speaking to us; rather, he has also developed realism in a substantial way. Two aspects come to mind immediately:

First, the reality he describes. It is mostly located in the Five Towns, the conurbation which is known as Stoke-on-Trent today. It always remained Arnold Bennett’s sentimental home. And it used to be the heart of the Potteries, where all our mugs once came from. Consequently, he describes people from the Midlands, an industrial region – a remarkable feat at the time he was writing.

Second, women. Not only are they often the main characters in his novels as in this case, or in the case of The Old Wives‘ Tale; they are also – well, they are surprisingly self-reliant, self-confident. You could say that they are real heroines, unlike, say, Anthony Trollope’s female characters – not to mention Charles Dickens.

This also applies to Anna in the novel discussed here, although it starts inauspiciously enough: Initially, Anna lives in the household of her dictatorial, tight-fisted father (Ebenezer Scrooge with children), subdued and dependent. But when she unexpectedly comes into a wealthy inheritance on her eighteenth birthday, she sets off on her own course in spite of all her inexperience, even though that course has yet to be determined. It’s not easy – there are painful decisions to be made; after all, she has become a creditor. And her father remains an unrelenting authority. Of course, tender feelings also play a role, in this case however without a happy ending. But that’s not the point. The reader is impressed by Anna’s firmness – her character.

I do not know if others will find the novel as up to date as I do. I still read realistic literature of the nineteenth century or, as in this case, the early twentieth century (published in 1902) with interest, with excitement and with joy. I feel that these books are telling me something – more than many a contemporary novel. But what? Well, I’m not sure. But does that make any difference?

Recommended? – Well, if you ask me: yes.

Arnold Bennett, Anna of the Five Towns (Harmondsworth, Middlesex: Penguin Books, 1975). First publ. 1902.
[1] Das geschah in seinem Buch Hass auf die Massen: Intellektuelle 1880–1939 (Göttingen: Steidl, 1996).

[2] In The Intellectuals and the Masses: Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880–1939 (London: Faber, 1992).

Welcher Liberalismus?

Im Guardian lese ich, dass der russische Präsident Vladimir Putin anscheinend die Idee des Liberalismus für „obsolet“ hält. [1]

Schön und gut – oder schlecht (je nachdem). Aber welchen Liberalismus meint er?

Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie man zunächst annehmen möchte. Das ist mir selbst erst jüngst bewusst geworden, als ich zufällig wieder auf das alt-ehrwürdige Zitat des amerikanischen Soziologen Daniel Bell stieß, der seine Einstellung einst folgendermaßen beschrieb:

„A socialist in economics, a liberal in politics, and a conservative in culture.“

Wobei für ihn, vor US-amerikanischem Hintergrund, socialist natürlich so viel bedeutete wie: sozialdemokratisch.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur, dass sich viele Menschen genau so definieren würden – in den USA ebenso wie hierzulande, damals ebenso wie jetzt. Genau so bemerkenswert ist die Unterteilung, welche da zum Ausdruck kommt: wirtschaftlich–politisch–kulturell. Drei Dimensionen, könnte man sagen, drei Sphären. Und die Anschauungen, die Haltungen in diesen drei Sphären können durchaus unterschiedlich sein, ja sogar konträr!

Das spielt gerade beim Begriff des Liberalismus eine Rolle, der zur Zeit ja häufig, fast schon zu häufig in den Mund genommen wird beziehungsweise in den Schlagzeilen aufscheint. Daniel Bells Eigendefinition erinnert uns nämlich daran, dass es auch von ihm drei Arten gibt:

  • wirtschaftlicher Liberalismus,
  • politischer Liberalismus, und
  • kultureller Liberalismus.

Wirtschaftlicher Liberalismus ist das, was man heute als Neo-Liberalismus bezeichnet. Er zeichnet sich – unter anderem, versteht sich – dadurch aus, dass es ausschließlich um die Freiheit des wirtschaftlich handelnden Individuums geht. Der ist alles andere unterzuordnen.

Der politische Liberalismus bedeutet hingegen nichts weiter als: Demokratie. Politisch liberal bin ich dann, wenn ich für jene Art von Demokratie eintrete, wie wir sie in unserem Lande seit 1945 kennen und schätzen gelernt haben – und wie sie Karl R. Popper in seinem grundlegenden Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde beschrieben und untermauert hat. Nicht umsonst hat er bereits erkannt, dass die wirtschaftliche Freiheit um der politischen Freiheit willen eingeschränkt werden muss, gezügelt – daher sein „Ökonomischer Interventionismus“, wie wir ihn auf diesen Seiten hier schon einmal beschrieben haben. [2]

Man muss sich allerdings klar sein, dass politischer Liberalismus kein konkretes Programm enthält. Er stellt lediglich eine Verfahrensweise dar. Kein Fußballmatch, könnte man sagen, nur dessen Voraussetzungen und dessen Regeln.  Das gilt sogar für Parteien, die sich selbst Liberal nennen. Auch sie benötigen irgendein Programm – in der Regel wird’s natürlich wirtschaftsliberal sein, darüber hinaus mag es mehr oder weniger konservative, progressive oder ökologische Elemente enthalten. Aber Liberal an sich ist unmöglich – zumindest im Rahmen einer liberalen Demokratie.

Umgekehrt bedeutet das auch: Wenn von der liberalen Demokratie die Rede ist, so heißt das nicht automatisch wirtschaftsliberal. Eher im Gegenteil (siehe Popper). Verständlicherweise legen Neo-Liberale keinen Wert auf diese Unterscheidung. Die Verwirrung dient ihrer Propaganda.

Was den kulturellen Liberalismus angeht, so kann man von ihm nur eines mit Sicherheit feststellen: Der Begriff ist so schwammig, dass man ihn kaum zu fassen bekommt. Er umfasst so viele Bereiche – von Erziehung, Bildung und Schule über LGBT und Pluralismus, vielleicht gar Multikulturalismus bis hin zu Kunst und Literatur. Deshalb wird’s auch in dieser Sphäre kaum möglich sein, dass eine Person in allen Bereichen gleichermaßen liberal oder konservativ oder progressiv denkt.

Hier sei bloß eine Beobachtung eingefügt, die mich schon seit langer Zeit verwirrt: Zumindest im Bereich der Erziehung, des Schulwesens geben sich wirtschaftlich Liberale gern auch kulturell liberal. Sie sind also für progressive Pädagogik mit fröhlich lachenden Kindern, die glücklich durch Blumenwiesen laufen, alles nur Spaß und lustvolle Neugier, keine Langeweile, keine Anstrengung, keine Noten versteht sich, kein Leistungsdruck. Aber wie ist das mit der wirtschaftsliberalen Welt zu vereinen? Die schaut bekanntlich ganz anders aus, da gelten ganz andere Werte – und die werden ganz offen eingefordert. Also?

Aber das nur nebenbei. – Wichtig ist jedenfalls, dass man sich der drei Dimensionen des Liberalismus-Begriffs bewusst wird, und dass man jegliche Äußerung unter diesem Gesichtspunkt beurteilt: Welcher Liberalismus?

Man wird sehen: Das bringt erstaunliche Ergebnisse, erstaunliche Klarheit.

[1] „Western liberalism is obsolete, warns Putin, ahead of May meeting”, The Guardian, 28 June 2019.

[2] „Ökonomischer Interventionismus“, 10. Januar 2019.

Gelesen

Unerträgliche Leichtigkeit

Als alter Mensch schreibt man keinen Verriss mehr. Wozu auch? Schad’ um die Zeit – die eigene ebenso wie die der Leser –, schad’ ums Gehirnschmalz. Außerdem handelt es sich bei Milan Kundera um einen Autor mit Höheren Literarischen Weihen (HLW) und bei seinem Buch der lächerlichen Liebe um ein Allgemein Gepriesenes Werk (AGW). Und so soll es auch sein, denn es wimmelt nur so von Universitätslektoren, Sportwagenfahrern, Medizinprofessoren, Filmstars. Weswegen sie alle den unablässigen Drang verspüren, allgemein gültige Weisheiten von sich zu geben. Mein früheres Ich hätte gesagt: Platituden. Aber auch das ist gut so, denn der Leser überblättert seitenlange Passagen und kommt hinterher drauf, dass er absolut nichts versäumt hat. Leichtigkeit in der Literatur wäre an sich äußerst begrüßenswert, es gibt viel zu wenig davon. Aber leider, wie sich zeigt, kann sie auch unerträglich werden.

Empfehlenswert? – Wenn Sie gehorsam HLW und AGW folgen, dann ja.

Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe, aus dem Tschechischen von Susanna Roth (München: Carl Hanser Verlag, 1986).
Battle of Britain

Das kleine Büchlein des renommierten Historikers Richard Overy ist wohl als Handbuch zu verstehen, ganz gewiss im Vergleich zu ausführlichen Untersuchungen, von denen es jede Menge gibt. Ein paar davon stehen ebenfalls in meiner Bibliothek. Und gelesen hab’ ich Overys Buch natürlich auch schon früher. Warum also jetzt wieder? Nun, einerseits handelt es sich um Eskapismus: höchst spannend, höchst tragisch, blutig gar (wenn man so will) – aber letztlich gewinnen doch die Richtigen. Overy zeigt, so wie allen seriösen Chronisten, wie knapp der Sieg der Royal Air Force ausfiel, close-run, aber auch, wie viel Unterstützung die Briten bekamen, vor allem von ihrem Empire. Für sie handelte es sich um eine entscheidende Schlacht, um einen wichtigen Sieg – weswegen der Mythos bis heute wirkt. Damit sind wir beim Andererseits: Wir reden zugleich vom Heute, von Großbritannien in den Zeiten des Brexit. Ob da ein achtzig Jahre alter Mythos noch immer nützlich sein kann, das ist freilich eine andere Frage.

Empfehlenswert? – Ja, als Auffrischung sozusagen, und historisches Interesse vorausgesetzt.

Battle of Britain

This little book by the renowned historian Richard Overy should be understood as a manual, certainly in comparison with more detailed investigations; and there’s certainly no lack of those. A few of them have also found their way into my library. And needless to say I first read Overy’s book some time ago. So why again, and why now? Well, on the one hand this is a case of escapism: extremely exciting, highly tragic, bloody even (if you will) – but in the end the right ones win. Like all serious historians, Overy shows what a close-run thing the victory by the Royal Air Force was, but also how much support the British got, especially from their empire. For them, it was a decisive battle, an important victory – which is why the myth is still working today. And that brings us to the other hand: We’re also talking about the present, about Britain in the times of Brexit. Whether an eighty-year-old myth can still be useful is, of course, another question.

Recommended? – Yes, as a refresher course, so to speak, and historical interest provided.

Richard Overy, The Battle of Britain (London: Penguin Books, 2000).