Aljona mit die schmutzigen Füß’

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre

Also, eigentlich haben wir von diesem traurigen Kapitel schon genug gehört. Okay. Aber gelesen?

Die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die an der Veröffentlichung des notorischen Videos maßgeblich beteiligt waren, haben sich hingesetzt und ein Buch über eben dieses Video geschrieben, aber auch über die Geschichte, wie’s zur Veröffentlichung kam – und ein bisschen auch, wie’s danach weiterging. Das Buch beinhaltet somit zwei Erzählstränge, die alternierend dargeboten werden.

Was das Video betrifft sowie die damit zusammenhängende österreichische Politik, erfahren wir wenig Neues. Allerdings ist es nützlich, das Ganze schriftlich präsentiert zu bekommen, denn da nimmt man’s doch genauer und nachhaltiger auf, man kann zurückgehen, noch einmal lesen, nachschauen. Insofern leisten die beidem Journalisten einen durchaus nützlichen und wichtigen Dienst.

Die Erzählung, wie’s dazu kam, könnte auch interessant sein, leidet aber unter einem Mangel: Immer dann, wenn’s richtig spannend wird, brechen die Autoren ab – das dürfen wir nicht sagen, heißt’s dann, wir müssen unsere Quellen schützen. Das kommt so oft vor, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie überhaupt darüber schreiben. Nur um zu sagen, dass sie nichts sagen dürfen? Die Frage, wie’s zu der ganzen Affäre kam und wer dahintersteckt, bleibt somit unbeantwortet. Meine persönliche These: Strache wurde von seiner eigenen Partei hineingelegt, die ihn loswerden wollte. Unwahrscheinlich, ich weiß, aber andererseits – konnten die Beteiligten, kann irgendein Mensch wirklich so blind sein?

Die Affäre selbst ist in Österreich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Es gibt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, gewiss, aber da wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über den Inhalt des Videos. Der Protagonist, H. C. Strache, hat seither ziemlich erfolglos agiert, aber nicht so sehr wegen seinem Benehmen damals. Offenbar nehmen das viele Österreicher achselzuckend hin, obwohl eben hier doch der eigentliche Skandal liegt. Völlig unabhängig davon, ob Strache nun strafbare Handlungen angestiftet oder in Betracht gezogen hat – wenn ein österreichischer Spitzenpolitiker im Leiberl angeheitert dahin schwadroniert und dabei ganz locker das Land aufteilt (wie man so sagt), dann wäre das in jedem zivilisierten Land an sich schon schlimm genug. So jemand sollte beschämt in der Versenkung verschwinden. Wenn er’s nicht tut, dann erhebt sich die Frage, wie zivilisiert das betroffene Land eigentlich ist.

Aber schön – wir wollen nicht allzu puritanisch auftreten. Erinnern wir uns daran, wie wir die berühmten Video-Ausschnitte seinerzeit zum ersten Mal sahen. Ich lachte das ganze Wochenende über in mich hinein: Aljona mit die schmutzigen Füß’!

Also ehrlich: Wie kann man bloß so deppert sein?

Empfehlenswert? – Für Österreicher und Österreicherinnen auf jeden Fall, ja.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayr, Die Ibiza-Affäre: Innenansichten eines Skandals (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Rituale

Vor langer, langer Zeit machte ich mich einmal in einer Glosse über den außer Rand und Band geratenen Weihnachtsrummel lustig. Angesichts all der Dekoration, all der Leuchten und Girlanden, so schrieb ich, komme mir unweigerlich der gute alte Travnicek in den Sinn, der sich bei solcher Lichterpracht nur eines wünschte:

„An Kurzschluss.“

Inzwischen hat sich der Wahnsinn noch gesteigert, indem an jedem Haus – na ja, an fast jedem Haus – schon LED-Lichterln blinken, womöglich gar Rentiere in die Gegend glotzen. Der Aufwand verhält sich umgekehrt proportional zur Ehrlichkeit der Gefühle.

Heuer kriegen wir vom Weihnachtsrummel nicht gar so viel mit – meine Wenigkeit praktisch überhaupt nichts –, manche sind froh, Weihnachten überhaupt noch erlebt zu haben, und der Wunsch „ein gesundes Neues Jahr“ hat sinistre Bedeutung gewonnen. Da bleibt einem der Spott im Halse stecken.

Von „neu besinnen“ möchte ich schon gar nicht reden. Das ist auch so eine Floskel. Aber vielleicht erinnern wir uns an etwas anderes: ans Ritual. Das haben wir als Kinder doch so geliebt an dem Fest: die knisternde Spannung, wenn das Wohnzimmer verschlossen war, weil dort das Christkind werkte. Am Vierundzwanzigsten wurden wir nachmittags zur Großmutter expediert, um daheim nicht im Weg zu sein, und auch dies gehörte zum Weihnachtsritual. Später zum Friedhof; wir besuchten das Grab des Großvaters. Ich erinnere mich an einen solchen Besuch: Es hatte große Mengen geschneit, wir mussten knietief zum Grab waten; es war bereits finster, aber auf den Gräbern flackerten Kerzen und drunten, weit entfernt, funkelten die Lichter von Innsbruck (das spielte sich am Mühlauer Friedhof ab, einem Kleinod für sich).

Danach heim, warten bis… ja, bis das Glöckchen klingelte, und dann ging die Tür auf, der Christbaum in seiner vollen Pracht, die Krippe, die Geschenke. Aber auf die durften wir uns nicht stürzen, keineswegs! Zuerst wurde gesungen: Stille Nacht, Heilige Nacht. Wir sangen tatsächlich selbst, mehr schlecht als recht, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Es gehörte einfach dazu, und das Lied – nun, es hat seine ganz eigene Magie, die immer berührt, ganz egal, wie alt man ist oder wo man’s hört. Mein fröhlichstes Hörerlebnis fand am Greenmarket Square in Kapstadt statt, ich saß im kurzärmeligen Hemd vor einem Café im Freien und nippte an meinem Cola, da intonierte es ein Straßenmusikant auf seiner Trompete anlässlich des Ersten Adventsonntags.

Nach dem Singen kam die eigentliche Bescherung – auch wohlgesittet, unsere kleine Schwester suchte die Päckchen aus und verteilte sie, eines nach dem anderen und schön ausgewogen. Wir schauten beim Auspacken zu und freuten uns mit den Beschenkten.

Wenn die Bescherung vorbei war, gab’s das Essen. Geselchte Zunge mit Kartoffelpüree und grünen Erbsen, so wie immer. Und danach waren wir alle so satt, da verkroch sich jeder oder jede in ein Eck und begann zu lesen, denn Bücher machten die Mehrheit der Geschenke aus. Bis es Zeit wurde für die Mette.

Natürlich ging’s mit den Ritualen weiter, ganz ausgeprägt zu Silvester. Da spielten wir leidenschaftlich. Zu Dreikönig, dem letzten Tag der Ferien, wurde der Christbaum abgebrannt, wie wir sagten, das heißt wir saßen alle zusammen im Esszimmer und ließen die Kerzen herunterbrennen, bis die letzte verlöscht war (unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich). Am nächsten Tag wieder in die Schule, mit dem Bewusstsein, wunderschöne Ferien verbracht zu haben.

Und warum?

Wegen der Rituale. Ich glaube, wir haben ein bisschen vergessen, wie wichtig die sind, gerade für Familien. Nicht nur zu heiligen Zeiten, wie’s so schön heißt, sondern jeden Tag: Einmal im Tag kommt eine ordentliche Familie zusammen, beim Essen, meistens wird das heutzutage am späten Nachmittag sein, um Familienangelegenheiten zu besprechen, Neuigkeiten auszutauschen, Leute auszurichten („analysieren“, haben wir das genannt) – und um miteinander zu lachen. Bei uns fand das Abendessen um halb sieben statt, wer nicht anwesend sein konnte, musste das der Mutter rechtzeitig mitteilen. Das war eine eiserne Regel.

Na ja, und in diesem Sinne darf ich Ihnen gelungene Feiertage wünschen. Die bräuchten nicht viel Geld und keine blinkenden LED-Lichterln. Sie würden sogar dem Sarkasmus eines Travnicek widerstehen: Gott sei Dank, so wird ihm vorgehalten, gibt’s noch Leut’, die ans Christkind glauben.

„Ja“, brummt er, „die Geschäftsleut.“

Bronner / Qualtinger, „Travniceks Weihnachts-Einkäufe“

Gelesen: Rose Ausländer

Die deutschsprachige Lyrikerin wurde 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz geboren. Dabei handelte es sich um die Hauptstadt der Bukowina, einem eher entlegenen Winkel der Donaumonarchie. Trotzdem galt die Stadt als ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Unter anderem zeichnete sie sich durch ihre Vielsprachigkeit aus: gesprochen wurden Rumänisch, Ruthenisch (Ukrainisch), Polnisch, Jiddisch und Deutsch. Nicht zuletzt deshalb brachte Czernowitz – ebenso wie übrigens Ostgalizien als Ganzes – eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervor; unter anderem eben auch unsere Dichterin.

Sie kam weit herum: Im Ersten Weltkrieg auf der Flucht vor den Russen nach Wien; später ging sie nach Amerika und ließ sich dort nieder. Sie heiratete Ignaz Ausländer, allerdings trennten sich die beiden bald wieder. Die Krankheit ihrer Mutter bewog Rose, nach Czernowitz zurückzukehren. So geriet sie – sehr verkürzt erzählt – aufgrund der Gebietsaufteilung zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 unter bolschewistische Herrschaft. Da saß sie prompt vier Monate im Gefängnis. Im Windschatten der deutschen Offensive in Russland besetzten 1941 rumänische Truppen die Bukowina. Mit ihrer Mutter musste Rose zunächst ins Ghetto, später überlebte sie versteckt in einem Keller. In dieser Zeit lernte sie Paul Celan kennen, der ja ebenfalls aus Czernowitz stammte.

Nach der Befreiung durch sowjetische Truppen ging Rose Ausländer wieder in die Vereinigten Staaten, wo sie bis 1964 lebte und arbeitete. Danach wollte sie sich in Wien niederlassen, was aber scheiterte (über die Gründe konnte ich nichts in Erfahrung bringen). Sie ging nach Düsseldorf, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 blieb, abgesehen von etlichen Reisen.

Dieser – extrem verkürzte – Abriss ihrer Biografie zeigt ein Leben des 20. Jahrhunderts, mit all seiner Glorie, aber vor allem auch mit seiner finsteren Schande, mit seinen Höllenqualen. Lyrik verfasste Rose Ausländer fast ihr ganzes Leben lang, und ob gewollt oder nicht, die Geschehnisse hinterließen ihre Spuren in ihrem Werk. Inhaltlich haben Kenner später sechs Themenkreise ausgemacht:

  • Gedichte über die Bukowina;
  • Gedichte über das Judentum;
  • Shoa-Gedichte;
  • Exil-Gedichte;
  • Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel, als Handwerk und als Heimat;
  • Gedichte über die Liebe, über Altwerden und über den Tod.

Formal schreibt Rose Ausländer nach Art der so genannten Moderne. Ihre Gedichte weisen also keinen durchgehenden Rhythmus auf, kein Versmaß, und Reim gibt’s schon gar keinen. Zu ihrer Zeit war das neu, befreiend.

Mehr getraue ich mich dazu nicht zu sagen, denn wir sollten uns nichts vormachen: Die Beliebigkeit der Form brachte a la longue natürlich auch die Beliebigkeit der Inhalte und somit letztlich der Kriterien mit sich. Die moderne Lyrik lädt jeden und jede dazu ein, ein paar Zeilen aufs Papier zu stammeln. Sofern sie nur paradox genug sind, erwecken sie immer noch den Eindruck des Epigrammatischen.

Nicht, dass ich Rose Ausländer den Vorwurf der Beliebigkeit machen möchte; ganz gewiss nicht. Aber ist es ein Zufall, dass mir ausgerechnet ein Gedicht in Erinnerung geblieben ist, welches in konventioneller Form verfasst wurde?

Die Zeit im Januarschnee versunken.
Der Atem raucht. Die Raben krähn.
Aus Pelzen sprühen Augenfunken.
Der Schlitten fliegt ins Sternverwehn.
(aus: Bukowina I)

Ich muss es dem Leser, der Leserin überlassen, wie sie zu Ausländers Gedichten stehen wollen. Sollten sie Schwierigkeiten mit moderner literarischer Lyrik haben, dann darf ich sie trösten: Mir geht’s genau so, obwohl ich doch Literatur studiert hab’.

Empfehlenswert? – Nun, ja, bei allem Vorbehalt: Rose Ausländers Gedichte sind allemal einen Versuch wert.

Rose Ausländer, Gedichte (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001). Die Liste der Themenkreise findet sich dort auf S. 350.

Oh je!

Genau so hätte dieser Beitrag eigentlich anfangen sollen: Oh je! Ich glaubte nämlich, Günter Traxler vom Standard bei einem Fehler ertappt zu haben. In seiner Kolumne Blattsalat vom 15. November zitierte er den Philosophen Immanuel Kant und dessen „kategorischen Imperativ“: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Normalerweise meint man mit dem kategorischen Imperativ etwas anderes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und das steht keineswegs im Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Glücklicherweise hab’ ich aber doch noch ein bisschen herum gelesen, und siehe da – das berühmte sapere aude wird durchaus auch als „kategorischer Imperativ der Aufklärung“ bezeichnet!

Oh je.

Allerdings, allerdings – das wäre bloß als Aufmacher gedacht gewesen. Eigentlich sollte es in dem Beitrag um andere Dinge gehen (und keineswegs um Günter Traxler): Zunächst einmal um die Unart, klassische Zitate als unumstößliche Wahrheiten in die Diskussion zu werfen, so als würden sie alles entscheiden. Besonders, wenn sie auf Lateinisch daherkommen: vox populi, vox Dei; quod licet Iovi non licet bovi. Aber ein Zitat, irgendein abgedroschener Satz beweisen gar nichts.

Das zeigt sich auch und gerade an Kants berühmter Definition von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Denn wann könnten wir einem konkreten Menschen wirklich vorwerfen, er sei „unmündig“? Und „selbstverschuldet“ noch dazu? Wer möchte so etwas wagen?

Gewiss, Kant bemüht sich in der Folge, die Begriffe ein bisschen genauer zu beschreiben. Aber weit kommen wir damit auch nicht; im Grunde verschieben sich bloß die Fragen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Kant eigener Aussage zufolge primär an den religiösen Glauben denkt. Letztlich, so wage ich zu behaupten, letztlich eignet sich die famose Definition bloß zu einem Zwecke – zum Fingerzeigen: Du unmündig, ich aufgeklärt. Genau das spielt sich derzeit ja zwischen den Konträren und uns Normalos ab.

Noch etwas kommt dazu: Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes unterscheidet Kant zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft. Die Unterscheidung ist alles andere als leicht nachzuvollziehen, deshalb sollen dem Leser, der Leserin weitere Erörterungen erspart bleiben. Die ganze Argumentation läuft ohnehin bloß auf Eines hinaus: Man darf den preußischen Staat samt König Friedrich den Großen mit seinem aufgeklärten Absolutismus nicht kritisieren. Der Gebrauch der Vernunft beschränke sich auf die Abhandlungen von „Gelehrten“. Kant verwendet das Beispiel eines Offiziers, der den Befehlen seiner Vorgesetzten selbstverständlich zu gehorchen habe, ohne Wenn und Aber. Wenn er schon „räsonieren“ wolle (also seine Vernunft anwenden), dann dürfe das nur hinterher erfolgen, etwa in einer gelehrten Analyse des Feldzuges.

Man wird verstehen, dass die Frage „Was ist Unmündigkeit?“ angesichts solcher Komplikationen ziemlich schwer zu beantworten sein wird. Besonders ernüchternd müsste der Aufsatz auf jene wirken, welche aktuell den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit für sich in Anspruch nehmen, weil sie dem main stream in Wissenschaft, Politik und Medien nicht glauben. (Wie dogmatisch sie andererseits ihren eigenen Heilsbringern glauben, darüber reden sie natürlich weniger.) Für unsere Maskenverweigerer und Pandemieleugner hätte Kant, wenn sie ihn schon bemühen wollen, eine ganz klare Anweisung auf Lager – allerdings erst am Ende besagten Aufsatzes:

Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!

Oh je.

Ein «schöner Echt-Roman»

Helmuth Schönauer
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2246

«In der Literatur feiern wir manchmal so etwas wie Sonnenschein ohne Sonne, dabei setzt sich jemand eine Sonnenbrille auf und sieht die Welt für einen Abschnitt lang einfach schön.
H.W. Valerians Sonnenbrille heißt England, er setzt sie schon ein Leben lang während der Sommerferien auf und fährt dorthin. Entstanden ist dabei ein Lebensgefühl, das sich sogar erzählen und nachprüfen lässt. In seinen „Bekenntnissen eines Anglophilen“ geht es um diesen aufregenden Erzählstandpunkt, mit dem man verlässlich glücklich werden kann, ohne deshalb gleich Drogen nehmen zu müssen. „Good To Be Back“ ist eine Begrüßungsformel für einen Einheimischen in England, der zufällig das Jahr über in der Nähe von Innsbruck lebt.
An der Oberfläche gelesen besteht der dritte Band der Bekenntnisse aus drei biographischen Erzählungen, die jene Epoche des Autors beleuchten, die allgemein als „the long middle passage“ bezeichnet wird. Diese Zeit erscheint, wenn man sie durchlebt hat, kurz und lang zugleich, kurz, weil man immer busy gewesen ist, lang, weil man sich vielleicht auf einem falschen Pfad bewegt hat. Der Autor gibt nämlich unumwunden zu, dass er das Glück des Lebens nicht durch Unterrichten gefunden hat. Er hat seinen Lehrerjob irgendwie ordentlich gemacht, ist aber dabei zu keinem Heißläufer an schulischer Begeisterung geworden.
Ein weiterer biographischer Zug führt verlässlich während der Sommermonate nach England, wo er bei Verwandten im Dorf „Inkpen“ lebt und Einheimischer auf Zeit wird. Diese exklusive Disposition führt zu den Vorzügen der „Bekenntnisse“, die schöne Eigentümlichkeiten aufweisen, wie sie in der Literatur sehr selten vorkommen.
Das Dorf Inkpen wird nicht touristisch vorgestellt, wie das in der österreichischen Gegenwartsliteratur bis hin zum Landkrimi leider immer häufiger vorkommt. Inkpen bleibt ein Rätsel, das aber allmählich entblättert wird, sodass der Leser ein verschwiegener Eingeweihter werden kann. Aus alten Chroniken aus der Zeit vom „Domesday Book“ geht hervor, dass es sich dabei um eine befestigte Ansiedlung handelt, die in eine Seelenlandschaft eingestreut ist. Das Dorf wird quasi quer durch die Jahrhunderte als etwas Beruhigendes beschrieben, eingegrenzt von Hügelketten und Vegetation, die in einem ikonographisch verwurzelten englischen Rasen münden. Während dieser Schilderung, in der es um tiefenpsychologische Glückszonen geht, taucht die konkrete Gegenwart auf. Das Dorf ist deshalb idyllisch und unversehrt geblieben, weil es mittlerweile von reichen und erfolgreichen Zuzüglern aus London besiedelt wird. Und diese neuen Bewohner haben nichts anderes im Sinn, als ihre Erwartung von Glück zu pflegen. Die ursprünglichen Bewohner verdingen sich dabei als Handwerker und Zuträger, aber alle verkehren in einem wertschätzenden Ton, sodass sich jene Umgangsformen entwickeln können, die man in literarischen Vorlagen nur in Südengland spielen lassen kann.
Neben dieser Schilderung um einen anglophilen Standpunkt herum ist vor allem die Verquickung des Englischen mit dem Deutschen eine solitäre Eigenheit. Der Autor erzählt, dass er erst dann Frieden in seinem Kopf findet, wenn er ein aufgegriffenes Wort in beiden Sprachen unterbringt. An diesem Suchen nach den richtigen Fügungen soll auch der Leser teilnehmen, der dadurch automatisch Insiderwissen gewinnt.
Vor allem bei der Deutung der jüngeren Zeitgeschichte ist dieser Zugang zum offiziellen Narrativ bedeutsam. Selten einmal ist der Thatcherismus so klar von innen her beschrieben worden wie in der Erzählung „Inkpen“. Eine unsterblich gültige Erzählung braucht auch ein fixes Ende, damit die erklärten Zeitabschnitte auf der historischen Skala eingetragen werden können. „Inkpen“ geht in ein Fade-Out über, als die Verwandten sterben oder es aus Altersgründen aufgeben, wobei sie die Erinnerung als schönes Stück Harmonie mitnehmen.
In der zweiten biographischen Erzählung „Ways With Words“ (167) geht es um ein Literaturfestival in Dartington Hall, das der Autor mehrere Jahre hindurch besucht. Auch hier gilt mit der Zeit die schöne Formel: Good To Be Back. Es entstehen Freundschaften mit literarischen Disputanten, unbekannte Dichter stellen ihre Jahresproduktion vor, die Fiktionen werden mit historischen Vorbildern abgeglichen und anschließend dem steifen Wind der Außenwelt ausgesetzt. Nicht alles, was im Sommer beim Festival für Aufruhr und Anerkennung sorgt, hat im Winter noch die Kraft, als vergängliche Zeilen in einem Buch zu überleben. Der Autor nimmt vor allem eine Weisheit mit aus diesen Sommern: „Kauf nie ein Buch, das soeben präsentiert wurde.“ (182) Damit reagiert er prophetisch auf den zunehmenden Gap zwischen Literatur und Literaturbetrieb.
Die dritte biographisch-literarische Exkursion „By The Old Canal“ (232) führt entlang des historischen Kanals zwischen Bristol und London durch wellige Landschaft und aufgeschäumte Geschichte. Esther, die Ursache und tapfere Begleiterin dieser anglophilen Wunderwelt, ist in ein altersgemäßes Quartier gezogen und hat Inkpen zurückgelassen. Auch die Stimmung des Autors ist mit übersiedelt, denn auch in neuer Umgebung ist das kulturelle Umfeld noch unversehrt zugänglich, wie es sich seit Jahrhunderten entwickelt hat. Die Wanderungen entlang des Kanals lassen ständig die Geschichte der Industrialisierung des Landes aufblitzen. Dabei kommt diese bronzene Stimmung auf, wenn etwas schon verloschen ist, aber noch einen Restglanz abstrahlt wie ein aufgelassener Stern. Der mild gewordene Kapitalismus, wie er in Erzählungen des Realismus herüber gefiltert wird in die Gegenwart, lässt sich als Urfratze hinter all dem Business erahnen, wie es von der Metropole aus bis in die letzte Landritze hinausströmt. Und dann stirbt Esther, und das Buch müsste eigentlich zu Ende sein.
So kann es nicht aufhören, sagt der Autor und fügt noch ein paar Reiseerlebnisse an, wieder an einem Ort, an dem sich das Anglophile auskosten lässt. Aber die Zeit gibt keine Ruh und bringt alles zu einem Ende, was einst als helle Kindheit begonnen hat. Auch dieses Pärchen, das die letzten Jahre Quartier gegeben hat, geht ins Altersheim und verkauft das Anwesen.
Mit diesem unbarmherzigen Bild geht dieser schöne Echt-Roman zu Ende. Erst wenn alles verkauft ist, darfst du von dieser Welt gehen und sie als Erinnerung mitnehmen!»

H. W. Valerian
Good To Be Back
Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen, Bd. 3
edition inkpen,  Berlin 2020
ISBN: 978-3-753104-70-6
Softcover, 336 Seiten

Gelesen: Singapur + Meereshöhe

Ein Jahr in Singapur

Irgendwann hatte jemand beim Herder-Verlag die Idee zu einer Reihe Ein Jahr in… Und als Autorinnen wurden durchwegs weibliche Wesen ausgewählt. So auch für den Band über Singapur.

Mir fiel der Titel auf, weil wir selbst einmal in Singapur waren, und weil mich die Stadt damals faszinierte – vor allem die Sozialpolitik, der Wohnbau, die Infrastruktur. Wie kam es, dass hier – zumindest dem Anschein nach – der soziale Zusammenhalt derart gut zu funktionieren schien, der Gemeinsinn?

Auf solche Fragen erwartete ich mir Antworten, oder doch zumindest Antwortversuche, von dem Bändchen. Verfasst wurde es von einer jungen Dame namens Nicola Kaulich-Stollfuß. Und man muss ihr zugestehen: Schreiben kann sie! Nicht nur flüssig, sondern auch leichtfüßig, immer mit einem guten Schuss Ironie, nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Nur leider bleibt’s dabei, zwölf Monate und zwölf Kapitel lang. Tiefer wird’s nicht. HDB, Housing Development Board, wird nur am Rande erwähnt, kein einziges Wort der Erklärung. Die Häuser seien halt so hässlich. Dabei war dieses HDB verantwortlich für eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Wie in einer asiatischen Stadt geordnete Wohnverhältnisse einkehrten, und zwar für alle. Ich hab’ diese Bauten gesehen – gar so hässlich erschienen sie mir nicht – und ich war beeindruckt.

Darüber hätt’ ich, wie gesagt, gerne mehr erfahren. Aber nein. Mich plagen weiterhin meine Fragen. Singapur hätte sich Besseres verdient.

Empfehlenswert? – Na ja. Die Lektüre ist durchaus amüsant, keine Frage, und wer nicht mehr verlangt, der wird gut bedient.

Nicola Kaulich-Stollfuß, Ein Jahr in Singapur: Reise in den Alltag (Freiburg: Herder, 2013).
Über Meereshöhe

Ein weiterer Roman von Francesca Melandri, die hier ja schon zweimal ihren Auftritt hatte (Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Er unterscheidet sich von den anderen, indem es diesmal nicht um große Geschichte geht, um Jahrzehnte und um weite Räume. Ganz im Gegenteil: hier geht’s um Gefängnis, um Haft. Die Handlung ist beschränkt auf einen kleinen Kreis von Personen, eigentlich bloß auf drei: Zunächst Paolo, welcher seinen geliebten Sohn im Hochsicherheitsgefängnis besucht; der hat nämlich als Mitglied einer roten Terrorgruppe mehrere Menschen ermordet (der Roman spielt in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren); dann Luisa, sie besucht ihren Mann im selben Gefängnis; und schließlich Nitti, ein Justizwachebeamter. Aufgrund eines unvorhergesehenen Zwischenfalls werden sie für kurze Zeit zusammengeführt, im Falle von Paolo und Luisa sogar zu einem one-night stand.

Wir haben’s  demnach nicht mit einem großen Orchester zu tun, einer Symphonie, sondern mit Kammermusik. Das ist für einen Roman, wenn schon nicht ungewöhnlich, so doch eine Herausforderung. Da bedarf es großen Geschicks bei der Handlungsführung und bei der Zeichnung der Charaktere. Francesca Melandri, das kann man wohl sagen, bewältigt die Aufgaben meisterhaft. Auch dieser Roman liest sich spannend von Anfang bis Ende, und das gänzlich ohne stilistische Verrenkungen oder Verschnörkelung. Die Charaktere leiden, aber sie tun das auf stoische Art und Weise. Sie leiden, weil sie nahestehenden Menschen die Treue halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das macht zugleich ihr Heldentum aus.

Die Politik, vor allem die des Terrors kommt, wenn überhaupt, nur im Hintergrund vor. Früher, so reflektiert Paolo einmal, gab’s das Wort Revolution, und es gab die Sache: 1789, 1848, 1917. Aber im Italien des Jahres 1979, da gibt es nur das Wort, die Phrasen: „von der Gewalt der Gedanken zum Gedanken der Gewalt“. Das charakterisiert treffsicher die jugendlich-studentische Hirnverbranntheit jener Zeit.

Aber wie gesagt: Es spielt nur eine untergeordnete Rolle. Melandri geht’s um Menschen, um deren Schicksale – und wie sie damit fertig werden. Der Roman endet einigermaßen gut, obwohl man als Leser spürt, wie das Leiden die Charaktere weiter begleitet, durchs ganze Leben.

Empfehlenswert? – Ja, ohne Einschränkung.

Melandri, Francisca, Über Meereshöhe, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (München: Karl Blessing Verlag, 2012). Orig. Più alto del mare.

Rezension Eva schläft

Rezension Alle, außer mir

Bisch a Luada

Es ist schon wieder einige Zeit her, seit das Wörtchen Luder für Aufregung sorgte. Um selbige, nämlich um die Aufregung, soll’s hier allerdings nicht gehen. Ich erinnere mich, damals irgendwo die Behauptung gelesen zu haben, Luder werde ausschließlich für weibliche Personen verwendet und ausschließlich abwertend. Und da protestierte meine Pedanterie. Ich hab’ nämlich heute noch die Stimme meines Vaters im Ohr, wenn er zu mir sagte:

„Bisch a Luada.“

Das war eindeutig anerkennend gemeint, wenn ich eine kniffliges Problem mit Witz, List oder Geschick gelöst hatte. Und ich bin männlichen Geschlechts.

So einfach ist die Sache also nicht.  Früher pflegten wir nämlich auch zu sagen:

„Der Ehrgeiz isch a Luada.“

Womit ich nicht die geringste Absicht bekunde, den Herrn Landesrat zu entlasten. Der hat’s, soweit ich das abschätzen kann, genau so gemeint, wie’s ihm unterstellt wurde, der Unmut entlud sich folglich zu Recht über seinem Haupte. Es ist bloß so, dass oben angeführte Behauptung zu kategorisch war. Es gibt Ausnahmen.

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Wir wollen den verbleibenden Platz daher mit Erfreulicherem füllen – den stehenden Sprüchen zum Beispiel, mit welchen mein Vater gewisse Tätigkeiten zu begleiten pflegte. Nehmen wir an, wir befänden uns in jenem Kellerraum unseres Wohnhauses, der unter anderem auch als Werkstatt diente. Ein Handmixer liegt auf der Werkbank, zu jener Zeit das Neueste vom Neuen. Aber er funktioniert nicht: genau die Herausforderung, die mein Vater liebte. Er zerlegte das Gehäuse – damals noch möglich, da die beiden Hälften nicht verschweißt waren, sondern von kleinen Schrauben zusammengehalten wurden. Nun ging’s an die Fehlersuche. Wenn die vergeblich blieb, dann kam der Seufzer:

„Mich laust der Affe.“

Wenn sie hingegen zu einem eindeutigen Ergebnis geführt hatte, quittierte mein Vater dies mit den Worten:

„Da liegt der Hund begraben!“

Oder aber, bei anderer Gelegenheit:

„Hinc illae lacrimae.“ (Daher also die Tränen.)

Nun musste ein Weg gefunden werden, den Fehler zu beheben. Es mochte sein, dass sich unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg stellten, sodass ich willens war, das Unternehmen als gescheitert aufzugeben. Nicht so mein Vater:

„Noch ist Polen nicht verloren!“

Es mochte aber auch sein, dass ich mit meinen jüngeren und deshalb schlankeren Fingern eine Stelle erreichte, die sich seinem Zugriff entzog.

„Bisch a Luada!“

Oder aber auch:

„Bisch a Hund.“

Schließlich hatten wir den Fehler behoben – hofften wir zumindest – und die dünnen Drähte mussten wieder an ihren angestammten Platz gebracht werden.

„Und verlegen sie genau in den Hof der guten Frau.“

Wilhelm Busch, wie die meisten noch wissen dürften, und den zitierte mein Erzeuger mit Vorliebe.

Die blanken Enden der Drähte wurden angelötet oder mit winzig kleinen Schrauben festgeklemmt. Mein Vater überprüfte gewissenhaft den festen Sitz.

„Hängt von Hengkovic“, stellte er zufrieden fest.

Nun kam ein kritischer Schritt: der Probelauf.

„Jetzt kommt der Moment, wo der Aff’ ins Wasser rennt.“

Und wenn das Werkl funktionierte, wie’s sollte, dann hieß es:

„Läuft wie ein Glöckl.“

Das Gehäuse wurde wieder zusammengeschraubt und gereinigt. So übergab er das Gerät meiner Mutter.

„Schöner wie neich!“ (neu)

Krokodilstränen

Jetzt wurden die Schulen geschlossen; umgestellt auf home learning. Und jetzt wird gejammert: Was die Kinder und Jugendlichen alles versäumen, sie werden die Lücken nie mehr schließen können, ihr ganzes Leben lang – eine verlorene Generation!

Komisch: Vor der Corona-Epidemie hat das mangelnde Können und Wissen unserer Kinder niemanden gekratzt.

Im Gegenteil: Die ganze Pädagogik, der ganze Schulbetrieb beruhten auf dem Dogma, dass viel zu viel in die Kinder hinein gestopft werde, dass ihnen zu viel zugemutet werde. Und „zu viel“, das war in diesem Sinne praktisch alles, was Mühe machte. Zulässig war ausschließlich lustvolles Lernen. Spielerisch. Es musste alles von selbst gehen.

Und wenn’s nicht von selbst ging?

„Das braucht’s nicht“, hieß es dann.

Ich rede da, bitte schön, aus eigener Anschauung. An meiner ehemaligen Schule erklärte mir einmal ein Kollege, seine Tochter habe von dem, was sie in Mathematik gelernt hatte, später höchstens zehn Prozent gebraucht.

Und was unterrichtete der Kollege? – Mathematik. An einer Höheren Technischen Lehranstalt.

Das braucht’s nicht.

Motto der Schule von heute.

In einer anderen Auseinandersetzung wurde ein anderer Kollege kritisiert, weil er eine Aufgabe mit Nicht genügend beurteilt hatte, deren Ergebnis falsch war – ohne Rücksicht auf richtigen Ansatz, Rechengang, aufs Bemühen des Schülers!

Es handelte sich ums Fach Mechanik.

Wenn’s in der Mechanik falsch ist, dann ist es eben falsch, argumentierte er, dann bricht die Welle oder die Brücke stürzt ein.

Aber nein: so streng darf man doch nicht sein, oder? Da kam dann immer gleich die Rohrstockpädagogik aufs Tapet, das reine Faktenlernen und so.

Das einzige, was uns bisher gerettet hat, war die Widerstandskraft jüngerer Kollegen und Kolleginnen. Ich bewundere sie einfach, wie sie zwar brav ihre Pädagogik studiert haben, wie sie aber trotzdem völlig unideologisch ihren Unterricht durchziehen, ganz ruhig und unspektakulär. Ich hab’ über solche Gelassenheit leider nie verfügt. Mich hat es sehr viel Energie gekostet, der pädagogischen Gehirnwäsche zu widerstehen. Das kam wahrscheinlich daher, dass ich so ein Sch***-Intellektueller bin. Kann immer nur ideologisch denken, du meine Güte!

Aber wie dem auch sei – wenn man jetzt den Ausfall von Unterricht bejammert, dann handelt es sich um reine Krokodilstränen. Ob unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule nichts lernen oder aber selbiges zuhause tun, wo soll da der Unterschied sein? Vielleicht haben sie daheim sogar weniger Stress durchs angeblich so verknöcherte Schulsystem?

Nachsatz: Ich hab’ von meiner Gymnasiums-Mathematik auch nichts mehr gebraucht, das meiste dementsprechend vergessen. War’s umsonst? Ganz im Gegenteil: Ich weiß, was mir fehlt. Das ist eine ganz wichtige Funktion der so genannten Bildung.

Just Read: Revolution in Russia

Deutsche Fassung >>

When I was at university, we were constantly discussing „the revolution“. It became something like a sacred concept: Revolution good, opponents evil. Although I did not share the view, I learned a lot about a chapter in history that I had only heard about vaguely. But I only learned certain aspects: heroic, glorified.

Thirty years later, the British historian Orlando Figes re-tells the story with the knowledge of today, especially of course with access to archives. He does so in two related but distinct works: First, in the detailed 900-page study A People’s Tragedy 1891-1924, then in a condensed history of the Russian Revolution from 1891 to 1991, Revolutionary Russia. In the latter work, the revolutionary year 1917 itself is discussed rather briefly. Thus, while the two books certainly overlap, they do so only partially; mostly, they complement each other.

Even the run-up, including the 1905 revolution, is rather depressing: the unshakeably autocratic rigidity of the tsarist system; violent conflicts in the countryside; supply shortages during World War I, which also caused gigantic losses resulting in the war-weariness and rebelliousness of Russian soldiers – as well as their readiness to resort to violence.

The year 1917 is mainly presented as anarchist chaos: hunger riots, strikes, all kinds of armed gangs, shooting, plunder, torture, murder. In Orlando Figes’ narrative, Lenin and his Bolsheviks appear less as intellectual saviours than as reckless members of an armed gang. They won because they had the least – or more precisely, because they had no scruples at all. Execute, execute, execute. It was Lenin who introduced this mode of action and who made terror a means of Bolshevik politics. Figes paints a rather critical picture of the revolutionary leader, and I think rightly so. Lenin was the first of those horrible 20th century monsters.

And what about revered Marxism? The intellectual dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, the author comments dryly.

The armed coup of October 1917 was followed by civil war, terror, famine of unconceivable dimensions. Stalin was not a deviation but the logical consequence of what Lenin had initiated. And so it went on, in drastic form until 1953 (Stalin’s death), somewhat less drastically until the eighties.

„History is the science of human misery“, the French writer Raymond Queneau reportedly said. Nowhere does this become more bleakly visible than in the two books by Orlando Figes.

Recommended? – Yes, especially the shorter book. The first one requires stamina, and the reader has to put up with a lot of cruelty.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen: Revolution in Russland

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Als ich an der Uni studierte, da wurde dauernd über „die Revolution“ geredet. Sie wurde zum sakralen Konzept: Revolution gut, ihre Gegner bös’. Ich teilte diese Auffassung zwar nicht, trotzdem lernte ich viel über ein Kapitel, von dem ich zuvor nur höchst vage gehört hatte. Allerdings lernte ich nur bestimmte Aspekte: die heroischen, die glorifizierten.

Dreißig Jahre später geht der britische Historiker Orlando Figes dieser Geschichte mit dem Wissen von heute nach, besonders natürlich mit dem Zugang zu Archiven. Er tut dies in zwei verwandten, aber doch unterschiedlichen Werken: Zunächst in der 900 Seiten schweren detaillierten Untersuchung A People’s Tragedy 1891–1924, dann in einer komprimierten Geschichte der russischen Revolution von 1891 bis 1991, Revolutionary Russia. Hier wird das eigentliche Revolutionsjahr 1917 eher kurz besprochen. Die beiden Bücher überschneiden sich demnach nur teilweise, ergänzen sich eher.

Schon die Vorgeschichte inklusive der Revolution von 1905 ist eher deprimierend: die völlige Starre des autokratischen zaristischen Systems; die oft gewaltsamen Konflikte auf dem Lande; Versorgungsengpässe während des Ersten Weltkriegs, der überdies gigantische Verluste verursachte, woraus die Kriegsmüdigkeit und die Aufmüpfigkeit der russischen Soldaten resultierte – allerdings auch ihre Gewaltbereitschaft.

Das Jahr 1917 bietet sich vor allem als anarchistisches Chaos dar: Hungerkrawalle, Streiks, alle möglichen bewaffneten Formationen, es wird geschossen, geplündert, gefoltert, gemordet. Lenin und seine Bolschewiken treten bei Orlando Figes weniger als intellektuelle Heilsbringer auf denn als eine eiskalte bewaffnete Bande. Sie gewannen, weil sie am wenigsten – oder genauer: weil sie überhaupt keine Skrupel hatten. Erschießen, erschießen, erschießen. Es war Lenin, der diese Gangart einführte, den Terror zu einem Mittel bolschewistischer Politik machte. Insgesamt kommt er nicht gar so gut weg bei Figes, und ich glaube: zu Recht. Lenin war das erste dieser schrecklichen Monster des 20. Jahrhunderts.

Und der hehre Marxismus? Die intellektuelle Dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, kommentiert der Autor trocken.

Auf den gewaltsamen Putsch des Oktobers 1917 folgten Bürgerkrieg, Terror, Hungersnöte ungeahnten Ausmaßes. Stalin war keine Abweichung, sondern die logische Konsequenz aus dem, was Lenin grundgelegt hatte. Und so ging es weiter, in drastischer Form bis 1953 (Stalins Tod), etwas weniger drastisch bis in die achtziger Jahre.

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen“, soll der französische Schriftsteller Raymond Queneau einmal gesagt haben. Nirgends wird das so unerbittlich, so trostlos sichtbar wie in den beiden Werken von Orlando Figes.

Empfehlenswert? – Ja, besonders das kürzere Buch. Das erste braucht schon einen langen Atem, und die Grausamkeiten muss man auch aushalten.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).