Walli als Dauerzustand

„Der Walli“, das war früher eindeutig und allgemein verständlich: Es bezeichnete Eduard Wallnöfer, Langzeit-Landeshauptmann von Tirol 1963 bis 1987. Die lange Regierungszeit führte natürlich zu einer gewissen Stagnation, zu so etwas wie einem Dauerzustand. Er zeichnete sich einerseits durch das überproportionale Gewicht aus, welches der Bauernbund genoss. Andererseits hatte sich eine Schicht von behäbigen, selbstzufriedenen Patriarchen herausgebildet. Für viele von uns, der jüngeren Generation, waren sie nachgerade unerträglich. Gegen Ende der Ära hatten wir das Gefühl, in einem Druckkochtopf zu arbeiten, oben hermetisch verschlossen von einem Deckel, auf dem dick und breit eben diese Patriarchen hockten.

Dementsprechend hofften wir nach Wallis Abdankung auf bessere Zeiten: frischer Wind, ein bisschen Offenheit, ein bisschen Urbanität. Aber da hatten wir uns getäuscht. Es änderte sich nichts, nicht in Tirol – bis heute. Da wird uns dieser Zustand eindrucksvoll vor Augen geführt, wenn solche Herrschaften im Fernsehen auftreten. Eben dies ist denn auch der Anlass meiner Gedanken hier.

Inzwischen ist diese Führungsschicht allerdings schon so machtgewöhnt, so überzeugt von sich selbst, dass sie sicht- und hörbar verknöchert. Damit erkläre ich mir die haarsträubende Öffentlichkeitsarbeit dieser Leute anlässlich der Corona-Krise. Österreich mag lachen, Europa mag ungläubig den Kopf schütteln – was tut’s?

Es läge nahe zu sagen: Die Verknöcherung wird zum Untergang führen. Wir stehen am Anfang vom Ende.

Aber so läuft das nicht in Tirol. Wenn’s nach Walli keinen Wandel gab, dann wird’s ihn wahrscheinlich nie geben. Das liegt allerdings auch daran, dass es eine Vielzahl von Tirolern gar nicht anders will. Wie groß diese Vielzahl ist, darüber traue ich mir kein Urteil zu. Außenstehende machen sich kaum einen Begriff von der indigenen Unterwürfigkeit, Dienstfertigkeit, bis hin zum vorauseilenden Gehorsam. Auch das gehört zum Tiroler Wesen. Schon im mythenumwobenen Jahr 1809 erhoben sich Wallis geliebte Schitzen nicht etwa im Namen von Freiheit oder womöglich gar Gerechtigkeit (Gott behüte!), sondern zwecks Unterwerfung unter Kirche und Krone. Von der Selbstdarstellung der Tiroler als kernig, trotzig und widerspenstig sollte man sich nicht täuschen lassen. Das sind meine Landsleute nämlich in genau dem gleichen Maße wie alle anderen Österreicher auch, nicht mehr und nicht weniger.

„Die Wiener sind herzlich, aber falsch“, hat Hans Weigel einst konstatiert. „Die Tiroler hingegen sind rau – aber falsch.“

Bloß ist das heutige Tirol nicht so. Rau, mein’ ich. Zumindest nicht das ganze Tirol. Wir sind auch ein modernes Land, gut bis hervorragend ausgebildet, viel stärker industrialisiert, als wir das selbst wahrhaben wollen, wobei es sich überwiegend um so genannte KMUs handelt, also kleine bis mittlere Unternehmen, die es trotz allem schaffen, sich gegenüber weltweiter Konkurrenz zu behaupten. Dessen ungeachtet wollen die Leute immer noch Tiroler bleiben, sie klammern sich an ihre Tirolität, wie man so sagt. Wie ist so was möglich? CIM (computer-integrated manufacturing) in der Schützentracht?

Bis heute wird der Walli dafür verehrt, dass er Tirol modernisiert habe, vor allem durch Straßen und Autobahnen. Aber abgesehen davon, dass da möglicherweise Danaer-Geschenke drunter waren, muss doch festgestellt werden: Österreich besteht aus neun Bundesländern, acht davon hatten keinen Walli, doch sind sie deswegen zurückgeblieben?

Was nicht heißt, Walli sei ohne Verdienst um unser Land. Angehörige meiner Generation werden sich daran erinnern, wie er der – damals sozialistischen – Bundesregierung mit einem Schützenaufmarsch an der Osttiroler Grenze zu Kärnten drohte, falls sie nicht von ihren Zusammenlegungsplänen abließ. Das Entscheidende daran war die Art, wie er das tat – mit diesem verschmitzten Lächeln, ganz leicht bloß, gerade genug, damit das, was eigentlich eine Ungeheuerlichkeit darstellte, mit amüsiertem Schmunzeln quittiert wurde. Das machte ihm keiner nach. Und genau darin bestand seine einzigartige Leistung: den Tirolern einen Weg zu weisen, wie sie in modernen Zeiten leben konnten, wie sie von diesen Zeiten sogar profitieren konnten, ohne indes auf ihre so heiß geliebte Tirolität verzichten zu müssen.

Was wir in letzter Zeit an Seilbahnchefs und Wirtschaftskämmerern im Fernsehen gesehen haben, das waren letztlich Produkte von Wallis Dauerzustand. Bloß dass inzwischen halt mehr als dreißig Jahre vergangen sind, und dass nicht jeder, der als Tiroler Größe auftritt, das Format eines Wallnöfer hat.

Aber Änderung, Wandel?

Nein, nicht in Tirol. Ich erinnere mich, wie ich im Regionalfernsehen einmal vor einer Landtagswahl die Befragung von Passanten mitverfolgte. Einer von ihnen, ein männlicher Tiroler mittleren Alters, äußerte ätzende Kritik an der dominierenden Partei, also der ÖVP. Die werde er bestimmt nicht wählen.

Und die Opposition?

Wegwerfende Handbewegung:

„Die sind viel zu schwach.“

Vivat academia

Warum ich ausgerechnet jetzt über jene Zeiterscheinung nachdenke, welche ich kurz und bündig als Akademisierung bezeichne, das dürfte klar sein: wegen der Affäre um unsere ehemalige Ministerin Chrisitine Aschbacher. Trotzdem soll sie nicht im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen stehen. So deppert, wie sie sich verhalten hat – da verdient sie eigentlich gar keine Aufmerksamkeit.

Bloß ist ihre Gier nach akademischen Diplomen und Titeln gewiss keine Ausnahme. Aus eigener leidvoller Erfahrung als Betreuer von schriftlichen Arbeiten weiß ich davon wahrlich ein Lied zu singen. Denn es geht ja nicht nur um Diplomarbeiten oder Dissertationen. Nein – wie ich festgestellt habe, müssen inzwischen sogar Altenpflegerinnen, Radiologie-Assistenten oder -innen, Physiotherapeutinnen oder -therapeuten und weiß der Himmel wer noch aller im Zuge ihrer Ausbildung schriftliche Arbeiten verfassen, wobei auch noch auf das äußere Kostüm von Wissenschaftlichkeit bestanden wird, will sagen: auf Anmerkungen, Literaturverzeichnis und so weiter – manchmal fälschlich als kritischer Apparat bezeichnet.

Wozu?

Nun, die naheliegende Antwort lautet: Weil sie sich dann Bachelor nennen dürfen, ein akademischer Grad. Und dazu bedarf es eben einer schriftlichen Arbeit.

Wer sagt das?

Der Bologna-Prozess. Der schreibt ja auch die credits vor, die man hamstern muss.

Aber das sind nur die naheliegenden Antworten. Ich fürchte, die Sache mit der Akademisierung geht tiefer (wenn wir einmal bei diesem Ausdruck bleiben wollen). Angefangen hat’s schon viel, viel früher, nämlich mit dem Zug zur Matura. Mein Gott, wie wollten sie alle die Matura haben, ob geeignet oder nicht! Und welche psychologischen und pädagogischen Spitzfindigkeiten hätten wir da anwenden sollen, um einen widerspenstigen Knaben (in meinem Falle waren’s stets solche) mit ausgeklügelter List doch noch so weit zu bringen, selbst wenn er’s selbst ganz offensichtlich gar nicht wollte.

„Lass es“, pflegte ich in späteren Jahren zu sagen. „Such dir etwas, das du wirklich willst. Mittelmäßige Maturanten wird’s in Zukunft zum Saufuttern geben. Engagierte Praktiker werden mit Gold aufgewogen!“

Aber das wollte niemand hören. Meine Vorgesetzten schon gar nicht.

Doch sind wir übers Stadium der Matura inzwischen hinaus. Die hat praktisch jeder, der sie haben will, und sei’s in Form der Berufsreifeprüfung, die gefälligerweise so verwässert wurde, dass der Vorsatz „Berufs-“ in den Ohren jener wie Hohn klingt, welche selbige wirklich neben der Arbeit ablegen. Wie sich herausstellt, ist inzwischen genau jener Effekt eingetreten, vor dem stets gewarnt wurde: dass die Berufsmaturanten glauben, ihre Qualifikation sei nicht bloß formal, sondern auch inhaltlich gleichzusetzen mit der einer AHS- oder BHS-Reifeprüfung. Früher oder später sehen sie sich dann der rauen Wirklichkeit ausgesetzt – etwa auf einer Uni –, welche Enttäuschung!

Man kann nur hoffen, dass die Universitäten über kurz oder lang nicht auch dem Sog des fallenden Niveaus nachgeben müssen, so wie wir in der Schule.

Also: was früher die Matura war, das ist jetzt vielleicht schon der Bachelor. Um den zu erlangen, muss eine Arbeit geschrieben werden. Und so ergibt sich doch noch eine Antwort auf die Frage: Wozu?

Es würde sich um eine Aufgabe handeln, eine Probe, die zu bewältigen ist, um ans begehrte Ziel zu gelangen. Ein alter Germanist denkt sofort an eine aventuire, von denen Aspiranten einst etliche zu bestehen hatten, um in den erlesenen Kreis der Ritter aufgenommen zu werden. Parzival, zum Beispiel. Die Art des Abenteuers spielt da keine Rolle. Hauptsach’ dass. Ob das angehenden Alten- oder Krankenpflegerinnen bzw. -pflegern ein Trost ist, möchte ich nicht beurteilen.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Pseudo-Akademisierung von selbst in die Höhe schraubt. In meinen Tagen galten vierzig Seiten als Richtwert für eine Diplomarbeit (damals hießen die noch Hausarbeit). Heute, so berichtet man mir, geht das an hundert. Das wäre für uns beinahe eine Dissertation gewesen. Wie lang die heute sind, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Nun ist mir schon klar, dass dank Textverarbeitung das Verfassen solcher Arbeiten leichter geworden ist, besonders bei den Anmerkungen, die für uns an der Schreibmaschine wahre Teufelchen waren. Allerdings wird so aber auch das Stehlen leichter: copy and paste. Siehe oben.

Die eigentliche Frage ist jedoch: Was wird da geschrieben? Worüber? In solcher Ausführlichkeit? Ist es denn wirklich vorstellbar, dass immer mehr Kandidatinnen und Kandidaten immer mehr zu immer enger gesteckten Themen zu sagen haben? Man schaudert, wenn man sich versucht vorzustellen, was da in die Tastatur geklopft wird.

Und wird’s dann auch gelesen? Irgendwie wahrscheinlich schon, zumindest teilweise. Zweifel dürften trotzdem erlaubt sein. Vielleicht ist bereits, in Ergänzung zur Plagiats-Software, eine akademische Beurteilungssoftware in Entwicklung? Die würde das Problem nicht nur lösen, die würde es zugleich ermöglichen, noch mehr und noch längere Arbeiten zu vergeben. Je mehr aventuiren, desto mehr Ritter und Ritterfräulein.

Vivant professores!

Der Gott, der keiner war

Richard Crossman, ed., The God That Failed

Es handelt sich um eine – inzwischen legendäre – Sammlung von sechs längeren Aufsätzen bekannter Schriftsteller: Arthur Koestler, Ignazio Silone, Richard Wright, André Gide, Louis Fischer und Stephen Spender. Herausgegeben wurde der Band von Richard Crossman, einem jener Gelehrten-Journalisten-Politiker, wie sie in Großbritannien gar nicht so selten auftreten. Erschienen ist er 1949 (der Zeitpunkt ist von Bedeutung).

Was die sechs Schriftsteller gemeinsam haben, das ist der Umstand, dass sie irgendwann in der Zwischenkriegszeit der kommunistischen Partei beigetreten waren – und dass alle wieder austraten. Ihre Gründe für diesen Schritt, die Geschichte ihrer Beziehung zur Partei, die bilden den Inhalt ihrer Bekenntnisse und somit auch das Thema des Buches.

Es würde zu weit führen, hier auf jeden einzelnen einzugehen, obwohl sie das natürlich verdienten. Ich möchte bloß erwähnen, was hervorsticht – zumindest in meinen Augen. Arthur Köstler ist vor allem bekannt für seinen Roman Darkness at Noon (dt.: Sonnenfinsternis), ein wichtiges Dokument dissidenter Literatur. Ignazio Silone überraschte mich mit dem Bekenntnis, hochrangiger Funktionär der Kommunistischen Partei Italiens gewesen zu sein. Seite an Seite mit Palmiro Togliatti nahm er an Sitzungen der Komintern-Führung teil, einmal widersprach er sogar Stalin höchstselbst. Von Richard Wright hatte ich bislang noch nichts gehört – stopp: nichts im Zusammenhang mit Politik und Kommunismus. Es handelt sich um einen afro-amerikanischen Dichter aus Chicago. Über André Gide haben wir hier bereits geschrieben (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Louis Fischer war ein Star-Reporter, und Stephen Spender eine Größe im literarischen Leben Londons. Er taucht im Dunstkreis von George Orwell auf.

Letzterer verweist zugleich auf die Bedeutung dieses Buches zur damaligen Zeit (obwohl er selbst nichts beigesteuert hat). Das war ja genau die Zeit, als Nineteen Eighty-Four erschien (der Titel ergibt sich bekanntlich aus dem Erscheinungsjahr 1948), nicht lange davor war Animal Farm herausgekommen. Man könnte argumentieren, dieser neu entdeckte Anti-Kommunismus sei opportunistisch gewesen: Europa stand am Anfang des Kalten Krieges, der eine Neubewertung der Sowjetunion geradezu erzwang. Bis dahin bewunderte man sowohl die UdSSR als auch den Kommunismus im allgemeinen, wobei sich Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller ganz besonders hervortaten – die berühmten fellow travellers, die bereit waren, „ein Stück Wegs“ mit den Kommunisten zu gehen, sofern sie nicht überhaupt der Partei beitraten. Diese Sympathie für den Kommunismus gab’s seit der Revolution, mit steigender Häufigkeit jedoch während der Dreißiger Jahre und schließlich im Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetunion nicht bloß Verbündeter der USA und des Vereinigten Königreiches war, sondern bei weitem der stärkste und wichtigste Teil der Allianz. Es war letztlich die Rote Armee, welche die Wehrmacht besiegte: nicht ausschließlich, aber doch wesentlich.

Von Anfang an hatte es aber auch kritische Stimmen gegeben. Wir haben hier bereits Joseph Roth kennen gelernt (Verknüpfung am Ende des Beitrags); die anderen Autoren im vorliegenden Band gehören ebenfalls dazu. Sie sprechen allesamt von den Gründen, aus welchen sie sich zum Kommunismus hingezogen fühlten. Dann aber, und womöglich noch ausführlicher, von den Gründen, aus denen sie zu Kritikern wurden, Apostaten, Dissidenten (wie man später sagte). Der heutige Leser kann mehrere Motive unterscheiden. Zunächst kam die Konfrontation mit der sowjetischen Wirklichkeit. Die spielte zum Beispiel für André Gide eine entscheidende Rolle. Wozu man freilich anmerken sollte, dass es selbst dann, wenn jemand mit eigenen Augen sah, einer intellektuellen Leistung bedurfte, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen und nicht, wie das so viele taten, das Gesehene mittels goodthink zurechtzubiegen.

Ein zweiter Anlass zum Ausscheren bot die Orthodoxie der Kommunistischen Partei, der Druck, gläubig nachzubeten, was jeweils als neueste Parteilinie galt, keinen Widerspruch, ja nicht einmal Zweifel zu äußern. Wenn einmal der Verzicht aufs eigenständige Denken geleistet ist, meint Richard Crossman in der Einleitung, dann werde der Geist zum Sklaven eines höheren unbestrittenen Zieles. „Die Wahrheit zu verleugnen ist eine Dienstleistung.“ Und deshalb sei es zwecklos, mit einem Kommunisten zu diskutieren. Westlichen Intellektuellen musste dieser quasi-religiöse Gehorsam schwer fallen. Stephen Spender verweist in diesem Zusammenhang auf die Tradition der dissenters, der protestantischen Nonkonformisten, die er in sich selbst verspüre. Durchaus möglich, dass da etwas dran ist. Ignazio Silone berichtet von einer Sitzung der Komintern-Spitze, bei der es um englische Gewerkschaftsangelegenheiten ging. Es wurde vorgeschlagen, die einzelnen Sektionen der KP sollten sich scheinbar der geforderten Linie unterwerfen, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil tun.

„Aber das wäre eine Lüge!“, unterbrach der englische Vertreter den Redner.

Diesen Einwand, so erinnert sich Silone, „begrüßte ein unbefangenes, herzliches, endloses Gelächter, wie es die düsteren Büros der Kommunistischen Internationale vielleicht noch nie gehört hatten. Es verbreitete sich in Windeseile durch ganz Moskau, denn man hatte die unglaublich komische Antwort des Engländers sofort an Stalin und alle wichtigen Staatsbehörden durchtelephoniert.“

Mich erinnert das an etwas, was Manés Sperber einmal erzählt hat. Im Auftrag der Kommunistischen Partei ging er um 1934 nach England. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass die meisten Genossen, die er dort traf, nicht davon zu überzeugen waren, „dass der Zweck die Mittel in jedem Falle rechtfertige.“

Three cheers!

Schließlich wirkten auch die Starre des Parteiapparats, die Bürokratie, die kleinlichen Fehden und Intrigen abstoßend. Als Richard Wright in Chicago seine Zweifel erkennen ließ, flog er aus dem Demonstrationszug zum 1. Mai – und zwar wortwörtlich, sehr unsanft.

Es ist heute nicht leicht nachzuvollziehen, welchen Einschnitt die Trennung von der Kommunistischen Partei bedeutete. Da war einerseits die Hoffnung, der feste Glaube, sie – und nur sie – könne eine Besserung bewirken, gerade angesichts des Versagens der wirtschaftlichen und politischen Ordnung in den dreißiger Jahren. Dazu kamen noch der Spanische Bürgerkrieg und die Bedrohung durch den Faschismus. Wo, wenn nicht bei den Kommunisten, waren noch Widerstandswille, Kampfbereitschaft, Entschlossenheit und Mut zu finden?

Dann gab’s den religiösen Aspekt. Auch er ist heute nicht mehr leicht nachzuvollziehen. (Oder doch – bei den Querdenkern, QAnon und so?) Schon Gide schilderte seine Entdeckung des Kommunismus wie eine religiöse Erweckung:

Meine Bekehrung hat etwas Religiöses. Mein ganzes Sein, all mein Sinnen und Trachten ist auf ein einziges Ziel gerichtet; jeder Gedanke, selbst der unfreiwilligste, lenkt mich darauf hin. Die Sowjetunion scheint mir den Weg zur Erlösung aus dem jammervollen Elend zu weisen, in dem sich die heutige Welt befindet. Alles bestärkt mich in dieser Überzeugung. Die erbärmlichen Argumente meiner Gegner können mich niemals umstimmen, sie empören mich. Und wenn der Sieg der Sowjetunion von meinem Leben abhinge, gern und auf der Stelle gäbe ich es dahin.

Und dann das intellektuelle Marschieren im Gleichschritt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich jemand, der da mitgemacht hatte, der praktisch seinen Verstand geopfert hatte, fürchterlich schwer tat, wieder zu sich selbst zu finden. Sein enormes Opfer wäre dann ja umsonst gewesen. Und seine Vergehen, taktische Lügen im Dienste der Sache, die stünden plötzlich da wie Todsünden.

Für jene, welche den Schritt nicht vollzogen, welche also bei der Partei blieben, stellten die Abtrünnigen verständlicherweise Verräter dar. Man dürfe dem Gegner keine Munition liefern, hieß es immer. Schwer abzuschätzen, wie viel zur Bewachung dieses imaginären Munitionsdepots gelogen wurde – und Schlimmeres. Aber eben dies taten die Dissidenten: Sie lieferten den Gegnern Argumente, ob sie wollten oder nicht.

Das zog sich fort den ganzen Weltkrieg hindurch. Der Schock des Nichtangriffspaktes vom August 1939 verflog rasch. Mit Juni 1941 war die Welt wieder in Ordnung. Für die nächsten vier Jahre genoss die Sowjetunion hohes Ansehen in Großbritannien und den USA, und zwar in jeder Hinsicht. Hier lag mit ein Grund, warum sie so viele Spione rekrutieren konnte.

Die Dissidenten waren so gesehen mutige Vorkämpfer, Schrittmacher. Man denke bloß an George Orwell und welche Schwierigkeiten er hatte, Animal Farm zu veröffentlichen. Doch der Prozess kam in Gang, und Der Gott, der keiner war stellte eine wichtige Etappe dar. In der Folge hatte der Kommunismus zwar in der breiten Bevölkerung ausgedient, nicht aber in intellektuellen Kreisen. Da flammte er in den sechziger und siebziger Jahren sogar noch einmal auf. Selbst in den achtziger Jahren hab’ ich das zu spüren bekommen, als die Drucker einer kleinen Regionalzeitung einen meiner Artikel nicht drucken wollten, weil ich dem damaligen Antifa-Star Alfred Hrdlicka sein fortdauerndes Bekenntnis zum Bolschewismus vorwarf.

Empfehlenswert? – Man muss sich schon für’s Thema interessieren: Zeitgeschichte, Ideologiekritik. Ist das der Fall, dann Ja.

Richard Crossman, ed., The God That Failed (Harper Colophon Books, New York: Harper & Row, 1963). First publ. 1949. – Dt. Ausgabe Ein Gott, der keiner war (Zürich: Europa Verlag, 2005). e-book. 
Leider ist die digitale Version nicht zu empfehlen, sie strotz von Fehlern, zum Teil scheint der Text schlampig gescannt worden zu sein. Deutschsprachige Print-Ausgaben sind erhältlich, nicht alle ausgesprochen preisgünstig.

Zu André Gide: Bekehrung und Enttäuschung

Zu Joseph Roth: Pilgerreise in die Sowjetunion

Weichensteller

Im Standard ging ein Autor jüngst dem Konzept der Tragic Choice nach (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Der Anlass waren natürlich jene Beschränkungen, welche zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassen wurden und werden, die dabei aber notwendigerweise unsere Grund- und Freiheitsrechte beschneiden. Ist so was unter Umständen zulässig? Manche – darunter auch der Verfasser dieser Zeilen – sagen Ja, andere bestreiten dies vehement.

Näher will ich darauf nicht eingehen. Ich hab’ mich bloß gefragt, wozu man da jetzt einen weiteren englischen Begriff braucht. Es handelt sich nämlich um nichts anderes als ein gutes altes Dilemma. Klingt doch auch schön, oder? In unserem speziellen Fall spricht man anscheinend vom Trolley-Problem (a trolley car ist in den USA eine Straßenbahn) oder, noch verständlicher, vom Weichenstellerfall. Das bezieht sich auf jenes Gedankenexperiment, mit welchem das Dilemma gerne dargestellt wird: Ein Straßenbahnzug rast auf eine Gruppe Gleisarbeiter zu. Die einzige Rettung besteht darin, dass rasch eine Weiche gestellt wird – zu einem anderen Gleis, auf dem indes ein einzelner Mann steht. Wie soll sich der Weichensteller entscheiden?

Ich hatte, ganz ehrlich gestanden, weder von diesem Weichenstellerfall noch von Tragic Choice jemals etwas gehört, die Begriffe waren mir völlig neu. Die zugrunde liegende Zwickmühle war es hingegen nicht. Mit der hatte ich mich auf meine naive Weise schon viel früher herum geschlagen.

Reisen wir zurück in den Herbst 1977. Der „deutsche Herbst“, wie sich viele erinnern werden. Der Herbst der Terroristen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und so weiter, die RAF, wie sie sich selbst nannten, die Rote Armee Fraktion. Sie entführten Menschen, ermordeten andere, und deshalb saßen führende Mitglieder im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim. In studentischen Kreisen tobten geradezu Diskussionen über Berechtigung oder Nicht-Berechtigung terroristischer Gewalt, und die verschnörkelten Umwege, auf denen die Argumentation endlich zu dem Schluss gelangte, die Gewalt sei doch irgendwie berechtigt – diese verschnörkelten Umwege kamen beinahe schon Kunstwerken gleich.

Dann wurde die Lufthansa-Maschine Landshut entführt. Die Entführer richteten den Flugkapitän eiskalt hin, Genickschuss. 90 Passagiere befanden sich in der Maschine, Menschen wie du und ich. Die zermürbende Odyssee endete schließlich am Flughafen von Mogadischu. Die Spannung wurde nachgerade unerträglich. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober wurden die Geiseln von einer deutschen Spezialeinheit befreit – welch ein Triumph, welche Erleichterung!

Die Nachricht erreichte uns in der Früh – na ja, mich zumindest, andere mögen die Nacht an den Radiogeräten ausgeharrt haben – zusammen mit einer weiteren: Die Häftlinge in Stammheim hatten noch in derselben Nacht Selbstmord begangen.

Mensch, und jetzt liefen die studentischen Diskussionen erst so richtig heiß! Die vorherrschende Meinung sprach natürlich von „Staatsmord“. Aber immerhin muss es auch Gegenstimmen gegeben haben, anders wäre es nicht zu derart hitzigen Debatten gekommen. Und mit welcher Spitzfindigkeit da argumentiert wurde! Notgedrungen, muss hinzugefügt werden, denn an Fakten hatten wir nur das, was in den Zeitungen stand oder was im Fernsehen berichtet wurde. Dass die Studenten der „kapitalistischen Monopolpresse“ misstrauten, das verstand sich von selbst.

Genau an diesem Punkt setzten meine eigenen Überlegungen an. Wissen – so reimte ich mir das zusammen – wirklich wissen können wir’s nicht und werden’s vielleicht niemals. Aber was, wenn die Frage falsch gestellt ist?

Versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Polizeioffiziers oder vielleicht auch eines verantwortlichen Politikers. Ganz egal, wie Sie politisch denken, ist die Situation doch klar: Dieser eine Versuch, die Gefangenen mittels Entführung frei zu pressen, ist missglückt. Aber der nächste kommt bestimmt, damit müssen Sie aufgrund der bisherigen Ereignisse eindeutig rechnen. Wer garantiert Ihnen, dass die nächste Entführung genau so triumphal endet? Da stehen Menschenleben auf dem Spiel, eine ganze Menge, lauter normale Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Auf der anderen Seite vier Leute, die Verbrechen begangen haben, Morde, und die nach einer Freipressung selbstverständlich weitere begehen würden – da machten sie ja kein Hehl draus, das gehörte zu ihrem politischen Programm, daraus zogen sie Selbstbestätigung und Selbstachtung. Solange die im Gefängnis saßen, würden die Entführungen, Erpressungen und Morde niemals aufhören, ganz egal, um welches Gefängnis es sich handelte, und ganz egal, wie die Haftbedingungen gestaltet wären.

So – und jetzt sind Sie dran. Was tun Sie?

Natürlich – so überlegte ich – natürlich dürfen Häftlinge in einem westlichen Rechtsstaat nicht gefoltert, geschweige denn hingerichtet werden. Absolutes Tabu, daran darf nicht gerüttelt werden, keine Ausnahmen!

Andererseits –

Ich glaube, ich hätte mich damals – wäre ich in die Lage gekommen, dies zu tun – für die radikale Variante entschieden. Alles andere hätte meinem moralischen Instinkt widersprochen. Philosophische Spekulationen stellte ich keine an, die betrachte ich bis heute eher skeptisch.

In besagtem Standard-Artikel wird eine Autorität zitiert, welche das Dilemma folgendermaßen löst: Die notwendige, aber gesetzeswidrige Tat wird von jemandem begangen, der bereit ist, die Strafe auf sich zu nehmen. So würde die Bedrohung aus der Welt geschafft, ohne dass der Rechtsgrundsatz verletzt wird.

Klingt gut. Aber wie schaut so was im wirklichen Leben aus?

Konstantin Lager, „Die Covid-Pandemie ist eine tickende Bombe für Grund- und Freiheitsrechte“, derStandard (23. März 2021).

Ich hân mîn impfung

Der eine oder die andere wird sich vielleicht noch aus Schulzeiten erinnern: „Ich hân mîn lêhen“, jubelte Walther von der Vogelweide vor nunmehr 800 Jahren, als ihm endlich ein solches zuteil wurde. Worum es sich genau handelte, das weiß man heute nicht mehr. Er brauche nicht mehr zu betteln, freute er sich, und im Winter würde er keine kalten Füße mehr haben.

„Ich hân mîn impfung“, war ich versucht zu frohlocken, als es endlich so weit war. Dieser Tage habe ich nämlich die erste Dosis der Corona-Impfung verabreicht bekommen. AstraZeneca. Die diversen Impfstoffe haben’s ja bis an unsere Küchentische geschafft: Wir reden über Biontech/Pfizer, Moderna oder Johnson & Johnson, wie wir früher über Fußballmannschaften diskutiert haben. Hätt’ sich vor einem Jahr auch niemand träumen lassen.

Mir wurde also AstraZeneca verabreicht. Das gilt ein bisschen als zweite Klasse, nicht wahr, Prolojauckerl. Wer was Besseres ist – oder zu sein glaubt –, lässt sich auch was Besseres spritzen. In meinem Fall ergab sich das folgendermaßen: Wir hatten uns für die Impfung angemeldet, kaum das möglich war. Bei unserem Hausarzt, dem praktischen Arzt in einer Gemeinde in der Umgebung von Innsbruck. Wie sich herausstellte, hatten mich die fürsorglichen Damen dort bereits auf ihre Liste gesetzt. Wann’s so weit sein würde, das konnte jedoch niemand sagen. Da ich wohl zur Gruppe der Hochrisiko-Patienten zu zählen war, rechnete ich mit einem baldigen Termin.

Aber dann – geschah nichts. Die Zeit verging. Zunächst hörte ich vereinzelt von Bekannten oder Verwandten, die geimpft worden seien. Meist handelte es sich um Hau-Ruck-Aktionen, wenn irgendwo Impfstoff übrig blieb. Dann erfolgten die Impfungen regulär, an den Impfstraßen, in Krankenhäusern oder sogar Arztpraxen. Schließlich hatte ich schon den Eindruck, alle in meinem Bekanntenkreis seien schon geimpft, und zwar mit BionTech/Pfizer oder Moderna – alle, außer mir. Dabei waren viele dieser Bekannten oder Verwandten jünger als ich, und gesund!

Trotzdem beschloss ich, nicht unzufrieden zu sein. Ich konnte mich ja nur zu gut daran erinnern, wie das vor einem Jahr ausgeschaut hatte. Da befand ich mich im Krankenhaus, es ging mir nicht besonders gut, und ich musste versuchen, mich mit meiner Krankheit abzufinden. Das wäre unter normalen Umständen schon schwer genug gewesen, nun kam aber noch die Corona-Pandemie dazu. Der erste Lockdown (wie’s unnötig Englisch heißt), die erste Ausgangssperre wurde verhängt, kurz nachdem ich ins Krankenhaus gekommen war. Das schuf eine gespenstische Stimmung. Wir hatten ja keine Ahnung, was da ablief, was kommen würde, die Prognosen klangen äußerst bedrohlich. Impfung? Da machte man uns keine Hoffnung. Das würde Jahre dauern. Bis dahin konnten wir bloß Masken tragen und Abstand halten.

Ich rechnete mir nur ganz geringe Chancen aus. Aufgrund meiner Krankheit würde mich das Corona-Virus umbringen, wenn es mich befiel. Da machte ich mir keine Illusionen. Und wie schaute es mit der Wahrscheinlichkeit aus, einer solchen Infektion zu entgehen? Nun, dachte ich, je länger desto schlechter. Wenn das Monate so ging, ein Jahr, zwei Jahre – dann musste ich das Virus doch irgendwann einmal aufschnappen, oder?

Das hieß, ich musste nicht bloß mit meiner Krankheit fertig werden, ich hatte mich auch auf einen engen Zeithorizont einzustellen.

Und jetzt, ein Jahr später, habe ich meine Impfung! Na ja, nicht die ganze, nur den ersten Schuss, aber der soll auch schon wirken, so ein bisschen, er sollte meine Chancen verbessern.

Als mich unser Doktor anrief und die Impfung anbot, da zögerte ich kurz: Sollte ich Glücksspiel betreiben und drauf setzen, dass ich in Innsbruck bald einen besseren Impfstoff bekäme?

Ich entschied mich dagegen. Nicht bloß, weil ich kein Spieler bin. Ich hatte so lange auf diesen Moment gewartet, ich würde ihn nicht vorbei gehen lassen! Außerdem hielt ich die Zweifel am AstraZeneca-Impfstoff für übertrieben. Vor allem aber – siehe oben –, vor allem aber konnte ich’s immer noch nicht fassen, dass es überhaupt irgendeinen Impfstoff gab. So rasch! Ein Wunder!

Und dafür sollten wir ausnahmsweise einmal dankbar sein. Vor allem natürlich den Wissenschaftlern samt all ihren Assistenten und Gehilfen – immer beide Geschlechter mitgedacht, bitte schön, denn die -innen dürften da letztlich in der Mehrheit sein!

Und wir sollten ausnahmsweise auch einmal dankbar sein, in einem Staat zu leben, der für die Durchführung der Impfung sorgt – auch wenn’s derzeit nicht so läuft, wie’s sollte. Diese Kritik kam auch in mir selbst auf. Trotzdem: Vom ersten Forschungsauftrag über die gewaltigen Mittel, die da zugeschossen wurden, bis hin zur Infrastruktur, immer war’s unser Staat, der diesen Erfolg mit ermöglichte.

Also – ich hab’ meine Impfung! Sofern das bei Ihnen noch nicht der Fall ist, wünsche ich Ihnen, dass er möglichst bald eintritt. Übrigens: Nebenwirkungen hab’ ich bisher keine verspürt, außer dass ich einen Tag lang ausgiebig geschlafen habe.