Schlusspunkt

Ich habe bemerkt, dass Blogs manchmal einfach versanden, so als sei dem Autor das Interesse ausgegangen, oder die Energie. Da stößt man dann auf irgendeinen alltäglichen Eintrag aus anno Schnee – und dann kommt nichts mehr. Diesen nachlässigen Eindruck möchte ich vermeiden.

Deshalb also dieser Schlusspunkt:

Leider muss ich meine Beiträge  Aus der Stille einstellen. Vorläufig oder endgültig? – Wer weiß das schon.

Viel gelesen wurden sie nicht, das ist mir schon klar. Doch hat’s Leute gegeben, die mich darauf angesprochen oder die mir geschrieben haben, und ihre Reaktion war zumeist freundlich. Das freut mich bis heute.

Gesehen

Die Bilder hab‘ ich vor einem Jahr aufgenommen, ziemlich genau um dieselbe Zeit. Aber weil ich sie noch nie gezeigt habe, denk‘ ich, sie passen ganz gut hier her.

An einem sonnigen Nachmittag hatte ich plötzlich Zeit übrig und entschloss mich, mit dem Bus auf die Hungerburg zu fahren.

Die neue Hungerburgbahn — ob sie einem nun gefällt oder nicht. Und gar so neu ist sie inzwischen ja auch nicht mehr.

Der Saggen sowie, im Hintergrund, Pradl. Meine jugendlichen Jagdgründe!

Nicht von der Hungerburg aufgenommen, sondern vom obersten Stockwerk des Landesmuseums. Kuppel und Turm gehören zur Jesuitenkirche.

Wieder auf der Hungerburg: Bergisel mit Serles im Hintergrund…

… sowie die Nockspitze.

Elite

Die Wartehalle am Innsbrucker Flughafen. Departure lounge müsste ich sagen, um zu zeigen, wie weitgereist und wie weltgewandt ich doch bin. Aber was ist schon weltgewandt am Innsbrucker Flughafen? Selbst das Wort „Halle“ scheint ein wenig übertrieben für den niedrigen, emotionslos eingerichteten Raum.

Er hatte sich gefüllt mit Fluggästen, die auf die Ankunft jener Maschine warteten, welche sie anschließend nach London Gatwick fliegen würde. Ziemlich voll, wie ich feststellte. Nur noch wenige Sitze frei in der Halle. Gegenüber von mir ließ sich ein flatternder, zwitschernder Schwarm von Mädchen nieder, Teenager, dreizehn oder vierzehn Jahre vielleicht – je älter man wird, desto jünger schätzt man, immer zu jung. Schülerinnen ganz offensichtlich, eine ganze Klasse. Sie konnten keinen Moment ruhig sitzen, flogen auf, kehrten zurück, unablässig schnatternd.

„Das erste, was ich tun muss“, verkündete eine in bestimmtem Ton, sie wusste es ganz genau: „Zu einem Starbucks.“

Geschmeidige Bewegungen, lange schlanke Finger, gelangweilter Schmoll­mund:

„Ich war schon sooo lange in keinem Starbucks mehr!“

Die anderen spielten mit ihren Smartphones.

Eine von ihnen setzte sich blitzschnell auf den Sessel neben mir, kaum er frei wurde. Ich konnte mir’s nicht verkneifen sie anzureden.

„Sprachwoche, wie?“

Sie nickte.

„London?“

„Ja.“

„Warum eigentlich immer London“, fragte die mit dem Schmollmund beleidigt. „London kenn’ ich doch schon!“

„Welche Schule?“, fragte ich das Mädchen neben mir.

„Akademisches Gymnasium.“

Hatte ich mir’s doch gedacht. Angeblich die Eliteschule von Innsbruck. Rechts­anwälte, Manager, Hofräte, Ärzte. Die bessere Gesellschaft.

 

Gelesen / Just read

Howard Zinn, A People’s History of the United States

Gelesen ist eigentlich übertrieben; drin geblättert kommt der Sache viel näher. Howard Zinn hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Vereinigten Staaten anders zu erzählen, aus dem Blickwinkel der so genannten (und so oft bemühten) einfachen Leute. Und wir wollen ihm abnehmen, dass er Selbiges tatsächlich tut. Aus diesem Blickwinkel, so Zinn, schaut vieles ganz anders aus, als es in herkömmlichen Geschichtswerken geschildert wird und als man’s uns eingetrichtert hat.

Aber wie? Man muss sich klar sein, dass das Buch nur verstehen kann, wer die amerikanische Geschichte bereits kennt, ziemlich genau sogar. Für sich alleine ergibt es keine Geschichte. Vielleicht ist der Titel insofern etwas irreführend: A People’s Annotation to the History of the United States käme der Sache wohl näher. Darin besteht die erste Schwäche von Zinns Ansatz.

Das heißt nicht, das Buch könne keinen Zweck erfüllen. Wenn man sich intensiv mit – sagen wir – dem New Deal beschäftigt, vielleicht gar etwas publizieren will, dann mögen die einschlägigen Passagen durchaus nützlich sein, wertvolle Einsichten bieten. Doch kann auch das nicht über die zweite Schwäche hinweg täuschen. Wenn – sagen wir – selbst der New Deal noch enttäuscht, wenn er nicht das brachte, was sich der Autor offenbar vorgestellt hat – ja, was hat er sich dann vorgestellt? Darauf gibt’s keine Antwort. Niemals.

Empfehlenswert? – Nur unter den oben genannten Bedingungen.

***

To say I’ve really read the book would be an exaggeration; leafing through is closer to the truth. Howard Zinn has set himself the goal of telling an alternative history of the United States, from the point of view of so-called (and frequently quoted) ordinary people. Let’s assume that he actually does just that. From this perspective, says Zinn, many things look rather different from the way they are presented in conventional history books, or from the way we were taught the subject.

But in what way? It is important to remember that the book can only be understood by those who already have a pretty detailed grasp of American history. On its own it doesn’t make much sense. Maybe that’s why the title is a bit misleading: A People’s Annotation to the History of the United States would probably be more fitting. This is the first weakness of Zinn’s approach.

That doesn’t mean the book can’t serve any purpose at all. If one is studying, say, the New Deal in detail, perhaps even wants to publish something about it, then the relevant passages may well be useful and may offer valuable insights. All the same, the second weakness cannot be ignored either. If, say, even the New Deal disappoints the author, if it did not produce the results he seems to envisage – well, the question is, what does he envisage? We don’t get an answer to that. Not once.

Recommended? – Only if the conditions stated above apply.

Howard Zinn, A People’s History of the United States, first Harper Perennial Modern Classics deluxe edition (New York: HarperCollins, 2010). First publ. 1980. – Eine deutsche Ausgabe erschien 2013 unter dem Titel Eine Geschichte des amerikanischen Volkes.
Amos Oz, Unter Freunden

Eine Sammlung von Erzählungen aus einem Kibbuz; da treten die unterschiedlichsten Menschen auf: Käuze, tragische Figuren. Es geht um kleine Begebenheiten des Alltags und um tief empfundene Liebe.

Viel mehr ist wohl nicht zu sagen über das Buch – aber das ist kein Tadel, sondern das genaue Gegenteil. Denn darum geht’s doch in der Literatur, oder? Wenn schon nicht ausschließlich, so doch auch, zu einem nicht unwesentlichen Teil: Menschen wie du und ich. Daraus mitreißende Literatur zu machen, das ist die große Herausforderung an den Schriftsteller. Amos Oz (1939–2018) hat sie angenommen und glorios bewältigt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ohne Wenn und Aber.

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A collection of stories from a kibbutz featuring a wide variety of people: eccentrics, tragic figures. The stories deal with small events of everyday life as well as deeply felt love.

There is probably not much more to say about the book – but that’s not meant as a criticism, quite the opposite. Because in the last analysis, that’s what literature is all about, isn’t it? If not exclusively, then at least to a considerable extent: people like you and me. To produce captivating literature from such stuff, that’s the great challenge for a writer. Amos Oz (1939–2018) has accepted it – and he has succeeded gloriously.

Recommended? – Doubtlessly, without any reservation.

Amos Oz, Unter Freunden, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler (Berlin: suhrkamp taschenbuch, 2014). – English version: Between Friends.
Jesmyn Ward, Sing, Unburied, Sing

Wieder einmal AGW, ein allgemein gepriesenes Werk. Jesmyn Wards Roman gewann 2017 den prestigeträchtigen National Book Award in den USA. Es wird also genug Leute geben, denen das Buch gefällt. Leider hat’s den Verfasser dieser Zeilen von Anfang bis Ende kalt gelassen. Sicher, da ist alles drin, was man von AGW erwartet, von technischer Finesse bis hin zu den angesprochenen Themen: Rassismus, Strafvollzug, neue Armut, ja sogar ein Schuss Übernatürliches. Gut. Aber zumindest für diesen Leser kam das alles mit viel zu vielen Worten daher, seitenweise raschelte da bloß das Papier.

Empfehlenswert? – Nun, wie gesagt: Vielen wird der Roman gefallen. Ich enthalte mich eines Urteils.

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Once again a generally acclaimed piece of literature. Jesmyn Ward’s novel won the prestigious National Book Award in the USA in 2017, so there can be no doubt that plenty of people like the book. Unfortunately it didn’t appeal to the person writing this review. To be sure, there’s everything you expect from a generally acclaimed piece of literature – technical finesse as well as an appropriate choice of topics: racism, the penal system, new poverty, even a dash of the supernatural. Very good. But for this reader at least, it all comes with far too many words, page after page of rustling paper.

Recommended? – Well, as I have said, many people will like the novel. As for myself – I beg to reserve my judgment.

Ward, Jesmyn, Sing, Unburied, Sing (London: Bloomsbury, 2018). 1st publ. 2017. – Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt erschienen.

Volkstribune und Demagogen

Zum Populismus, ein weiterer Beitrag

Der folgende Ausschnitt stammt aus meinem langen Essay „Land der Lügen“, verfasst 2004/2005. Er bezieht sich auf Jörg Haider und die Erfahrungen, die wir damals mit seinem Populismus und seiner Demagogie gemacht haben.

Wer die angeblich herrschende „Klasse“, das herrschende System im Namen des „Volkes“ angreift, von dem würde man sich eigentlich erwarten, dass er dieses „Volk“ hinter sich hat, dass er wirklich und unbestreitbar für „das Volk“ spricht. Das ist Jörg Haider jedoch selbst am Gipfel seiner Erfolge nicht sonderlich eindrucksvoll gelungen. 27 oder 28 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer Nationalratswahl werden kaum jemanden davon überzeugen, dass hier „das Volk“ gegen eine „herrschende Klasse“ angetreten sei. Trotzdem blieben Haider und seine Paladine ebenso wie seine Verehrer und Verehrerinnen landauf, landab bei der Überzeugung, da sei ein ritterlicher Robin Hood gegen den bösen König und seinen Hof angetreten. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Nun, der erste und am nächsten liegende Schritt ist natürlich, das „Volk“ so zu definieren, dass es doch geschlossen hinter dem Volkstribun steht. Das „Volk“, das sind dieser Logik zufolge die Haider-Wähler. Und die anderen, immerhin eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit? Sie mögen zum Teil verblendet sein, entweder hoffnungslos, wie etwa intellektuelle Grün-Wähler, oder vorübergehend, verwirrt von der bösartigen Propaganda übermächtiger Volksfeinde, sodass sie entgegen ihren wahren Interessen abstimmten. Man sieht schon, auch der Volkstribun aus dem rechten Lager braucht das Manöver mit dem „falschen Bewusstsein“, genau wie der Marxist, um seine Fiktion vom „Volk“ und seinen Interessen aufrecht erhalten zu können.

Zu einem anderen Teil mögen sich die Stimmen für gegnerische Parteien aus dem Kreis jener rekrutieren, welche vom „herrschenden System“ profitieren: die „Privilegienritter“ und „Staatsschmarotzer“. Sie zählen ganz eindeutig nicht zum „Volk“, ganz im Gegenteil, sie stellen dessen Feinde dar, die Fremdkörper, welche „beseitigt“ werden müssen. Ihnen gilt der höchst dramatische, heroische Kampf der Volksbewegung.

Unter solchen Umständen stellen 27 oder 28 Prozent zwar noch immer kein überwältigendes Aufgebot dar, doch können jene, welche das wünschen, immerhin glauben, es handle sich um die Elite des „Volkes“, um die Kerntruppe, die Garde. (Oder gar die Avantgarde? Aber nein, das wäre denn doch zu linksintellektuell.)

Lieber weniger, dafür die Richtigen. „Ich will bloß die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu deklamieren, sehr zum Gaudium des Publikums. Am lautstärksten applaudierten jene, welche weder als fleißig noch als tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil; doch wenn sie sich zu Mitgliedern der Haider-Bewegung machten, dann durften sie das Diktum auch auf sich selbst beziehen, empfingen solcher Art also im Handumdrehen die Weihen des Fleißes und der Tüchtigkeit.

Derlei Auftritte veranschaulichten zugleich, wie sehr die Definition des „Volkes“ unweigerlich abhängt von dessen Feinden. Ohne gehässige Attacken ging und geht es da nicht ab, ja mehr noch, eben solche Attacken brachten die Zuschauer erst in Fahrt, da kam Stimmung auf, Johlen, Klatschen und Stampfen.

„Der sagt’s ihnen wieder eini, ha“, raunte uns einer der ortsbekannt „Fleißigen und Tüchtigen“ triumphierend zu.

Was „das Volk“ ist, formiert sich nicht einfach hinter seinem auserkorenen Tribun, womöglich aus vernünftigen Erwägungen heraus, vielmehr bedarf es eines gemeinsamen Kampfes, einer gemeinsamen Stoßrichtung, sowie des daraus resultierenden Wir-Gefühls: emotionale Aufrüstung. Deshalb waren und sind diese Volkstribune so häufig böse Demagogen: Volksaufwiegler und Volksverhetzer. Auch diese Gesetzmäßigkeit kennen wir spätestens seit den Tagen eines Georg Ritter von Schönerer oder der Dreyfus-Affäre in Frankreich.

Oberflächlich betrachtet, wendet sich die Hetze gegen „die da oben“, wäre in diesem Sinne also sozialrevolutionär. Das liegt allerdings gar nicht in der Absicht eines Demagogen von der rechten Seite des politischen Spektrums. Folglich kommt es darauf an, Ziele aufzustellen, die einerseits so aussehen, als handle es sich um „die da oben“, um Unterdrücker oder herzlose Profiteure, die andererseits aber für das „Volk“ leicht auszumachen sind, leicht zu identifizieren. Die Häme der Freiheitlichen richtete sich denn auch stets gegen irgendwelche – kaum je näher beschriebenen – Funktionärscliquen und Privilegienritter, daneben aber mit Wollust gegen linke Intellektuelle und so genannte „Gutmenschen“, gegen Beamte und, wie könnte es anders sein, gegen „Ausländer“, was in diesem Falle jedoch bloß bedeutete: gegen Menschen mit fremdartigem Aussehen – südlich, südöstlich, afrikanisch.

Über den Populismus haben wir uns hier bereits ein paarmal den Kopf zerbrochen: siehe Der Souverän, Populär wollen alle sein und Emotionale Mobilisierung.

Das Empire am Höhepunkt

Jan Morris, Pax Britannica

[for an English version see below]

Hier haben wir also den zweiten Teil jenes Triptychons, von welchem schon einmal die Rede war (Verknüpfung am Ende des Beitrags) – die Tafel in der Mitte. Vom Ansatz her unterscheidet sich dieser Band radikal vom ersten. Nun haben wir’s nämlich mit einer Art Momentaufnahme zu tun: das britische Empire zum Zeitpunkt der großen Jubiläumsfeiern im Jahre 1897 – damals war Königin Victoria 60 Jahre auf dem Thron – und gleichzeitig an seinem Höhepunkt.

Wie Jan Morris das schildert, war die Königin – und Kaiserin von Indien, Empress of India – selbst zu einer bedeutenden Symbolfigur dieses Empires geworden, nicht bloß daheim, sondern eben auch und besonders bei den vielen, vielen Völkern in diesem Reich. Und seine Teile, die fanden sich damals auf allen Kontinenten (wenn man einmal die Antarktis ausnimmt) – etwa ein Viertel der Erdoberfläche mit ungefähr demselben Anteil der Weltbevölkerung. Es handelte sich um das größte Reich, welches uns aus der Geschichte bekannt ist.

Dabei war es keineswegs einheitlich zentral organisiert, eher im Gegenteil: Das Colonial Office in London gab sich als kleine, elitäre Institution, vergleichbar mit einem Club. Dasselbe galt fürs India Office (im selben Gebäude in Whitehall, heute das Finanzministerium), obwohl es doch fürs Herzstück des Empire verantwortlich zeichnete, für die British Raj, die Herrschaft der Briten am indischen Subkontinent. In Wirklichkeit, so Jan Morris einmal, sei das Empire von 43 verschiedenen Regierungen gesteuert worden.

Ebenso buntscheckig gestalteten sich die Geschichte dieses Reiches sowie die Motive, die hinter seinem Anwachsen standen. Dazu zählten Geld- und Machtgier ebenso wie der Bekehrungseifer christlicher Prediger, der Glaube an die zivilisatorische Mission, the white man’s burden, ebenso wie technologische Überlegenheit dank Eisenbahn und Telegraph (und, nie zu vergessen, die Maxim gun). Außerdem bot das Empire Raum für die wachsende Bevölkerung der britischen Inseln sowie ein Betätigungsfeld für abenteuerlustige Soldaten oder Forscher.

Um 1897, so Jan Morris, seien die Briten dem New Imperialism verfallen gewesen, welcher das Empire ideologisch begründete, mit Sinn versah und verklärte. Sie schreibt zwar, dass das Reich wenig sichtbare Denkmäler in England hinterlassen habe, nicht einmal in London, und da wird sie wohl recht haben. Umso markanter waren jedoch die Spuren in der britischen Mentalität. Morris hebt zwei Verhaltensweisen hervor: aloofness, Distanziertheit, und smugness, Selbstgefälligkeit. Ob solche Haltungen im 21. Jahrhundert wirklich ausgestorben sind, mag dahingestellt bleiben; old habits die hard, wie man auf Englisch sagt.

Natürlich ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nur ein kleiner und recht kläglicher Ausschnitt aus dem Panorama, welches Jan Morris malt. Aber um es in seiner Gesamtheit zu würdigen, wird man wohl das Buch lesen müssen. Ganz egal, was man selbst noch hinein- oder herausnörgeln möchte – es steht außer Zweifel, dass Jan Morris da ein Meisterwerk gelungen ist: unfassbar die Weite ihrer Sichtweise; beeindruckend, wo sie überall selbst gewesen ist; und einfach begeisternd, wie sie’s präsentiert. Das alleine schon macht die Lektüre zu einem Fest.

Empfehlenswert? – Klar, ja, das versteht sich nach allem, was hier gesagt wurde, von selbst.

***

So here we have the second part of the triptych which has been discussed recently (see link at the end of the posting) – the central panel. In its approach, this volume radically differs from the first. What we have now is a kind of snapshot: the British Empire at the time of the great jubilee celebrations of 1897 – Queen Victoria had been on the throne for 60 years – and at the same time at its apogee.

As Jan Morris describes it, the Queen – and Empress of India – had herself become an important symbol of this empire, not only at home, but particularly among its many, many subject peoples. Its parts were to be found on all continents (if one excludes Antarctica) – about a quarter of the earth’s surface with about the same proportion of world population. It was the largest empire known in history.

Yet it was by no means systematically centralized, quite the opposite: the Colonial Office in London did not pretend to be more than a small elitist institution, comparable to an exclusive club. This was also true for the India Office (housed in the same building in Whitehall, today the Ministry of Finance), although it was responsible for the heart of the Empire, the British Raj, i.e. the British rule on the Indian subcontinent. In fact, Jan Morris once says, the Empire was run by 43 different governments.

The history of the Empire and the motives behind its growth were just as colourful. The latter included the greed for money and power just as much as the proselytising of Christian missionaries; the belief in the mission of civilisation, the white man’s burden, just as much as technological superiority thanks to the railway and the telegraph (plus, not to be forgotten, the Maxim gun). In addition, the Empire offered space to the growing population of the British Isles and a field of activity for adventurous soldiers or explorers.

According to Jan Morris, by 1897 the British had become addicted to New Imperialism, which gave the Empire an ideological foundation, provided it with meaning, and glorified the whole enterprise. She remarks that the Empire left few visible monuments in England, not even in London, and in this she may be right. However, its traces in the British mentality were all the more striking. Morris emphasizes two attitudes: aloofness, and smugness. Whether they have really died out in the 21st century, is a matter of debate; old habits die hard, as they say.

Of course, what I have reproduced here is only a small and rather imperfect extract of the panorama that Jan Morris paints. In order to appreciate it in its entirety, one will have to read the whole book. No matter what pedantic quibbles one may have – there can be no doubt that Jan Morris has succeeded in creating a masterpiece: the scope of her perspective is breathtaking; the sheer number of places she’s been to herself is impressive; and the way she presents her material is simply inspiring. That alone makes the reading a feast.

Recommended? – Certainly, yes; goes without saying after all that has been written here.

Jan Morris, Pax Britannica: The Climax of an Empire, paperback edn. (London: Faber and Faber, 2012). Vol. 2 of the Pax Britannica trilogy; first publ. 1968.

Zum ersten Teil der Trilogie siehe The British Empire, I Presume?

Brexit Day

[for an English version see below]

Irgendwie fühl’ ich mich gezwungen, etwas zu sagen, obwohl ich überhaupt nicht mag. Heut’ ist nämlich Brexit Day – um 23:00 Uhr Ortszeit (24:00 MEZ) verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union.

Wichtiger Termin – ja oder nein?

Nun, fürs Gefühl vielleicht ja, nach dem ganzen Theater, das sich seit dem Referendum vom 23. Juni 2016 abgespielt hat. Aber sonst? Die wichtigen Entscheidungen sind entweder schon gefallen – der „Deal“, wie’s immer geheißen hat, samt Boris Johnsons Umfaller beim Backstop – oder werden erst getroffen: Das Handelsabkommen muss ja erst ausverhandelt werden. Die Frist läuft bis 31. Dezember 2020. Bis dahin, so nehme ich an, wird sich nicht viel ändern.

Soll ich als eingefleischter Anglophile traurig sein oder froh?

Ich hab’ immer gesagt: An sich könnte ein Brexit vernünftig sein – vorausgesetzt, die Briten wären bereit den Preis zu zahlen. Aber den kennt niemand. Der ist bislang in dem Theater kaum zur Sprache gekommen. Elephant in the room. Und deshalb war der Brexit, so wie’s real gelaufen ist, eben nicht rational, konnte es niemals sein. Irgendwann wird die Rechnung zu begleichen sein; fragt sich nur, wann?

Aber das sagt noch nicht viel darüber aus, wie’s in Zukunft sein wird: für die Briten – und da mein’ ich alle, quer durch die Bank –, für einen regelmäßigen Besucher wie Yours humbly. Meine Bekannten in England sind jedenfalls nicht allzu optimistisch. Offenbar sind sie aufgrund ihres Wissens und ihrer weit gereisten Erfahrung nicht in der Lage, die Schalmeientöne von Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg richtig zu würdigen.

***

Somehow I feel compelled to say a few words, even though I don’t want to: today is Brexit Day – at 23:00 local time (24:00 CET) the United Kingdom leaves the European Union.

An important date?

Well, for the general feeling maybe, after all the razzmatazz that has been going on since the referendum on 23 June 2016. But otherwise? The important decisions have either been taken – the „deal“, as it used to be called, including Boris Johnson’s about-turn regarding the Backstop – or are still waiting to be made: after all, the trade agreement has yet to be negotiated. The deadline is 31 December 2020, and I assume that precious little will change until then.

Should I, as a dyed-in-the-wool Anglophile, be sad or happy?

I have always held that basically, Brexit could be reasonable – provided that the British were prepared to pay the price. But nobody knows what that is. It was hardly ever mentioned during said razzmatazz: the elephant in the room. And that’s why Brexit, the way it’s actually been done, could never be rational. Sooner or later the bill will have to be settled; the only question is, when?

But even that doesn’t say a lot about how things will turn out in future: for the British – and I mean all of them, right across the spectrum – or for a regular visitor like Yours humbly. My friends in England certainly are not overly optimistic. Apparently, due to their education and their world-wide experience, they are not able to give the sweet sounds of Boris Johnson and Jacob Rees-Mogg their due appreciation.

An article by the renowned writer Ian McEwan, well worth reading: Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done >> 
And in case anybody’s interested – here is a piece I wrote as a reaction to the referendum, June 2016: Another Nail in the Coffin >>

Emotionale Mobilisierung

Über den Populismus, Teil II

Popularitätshascherei, so haben wir hier vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, ist nicht dasselbe wie jener Populismus, welchem wir derzeit in der Politik allerorten begegnen (Links am Ende des Beitrags). Das provoziert natürlich die Frage: Aber was ist dieser Populismus dann? Wodurch zeichnet er sich aus?

Es läge nahe, sofort das Volk ins Spiel zu bringen. Schließlich steckt selbiges in der vom Lateinischen abgeleiteten Bezeichnung: populus = das Volk. Pedantische Wortklauber haben uns schon längst und schon oft darauf hingewiesen.

Bloß haben lateinische oder auch griechische Wurzeln nichts damit zu tun, wie wir heute solche Wörter verwenden. So auch im Falle der Populisten. Die mögen sich zwar auf „das Volk“ berufen – oder auf den „Souverän“, wie wir hier auch schon beobachtet haben –, aber das ist immer bloß ein Propaganda-Schmäh; ebenso wie übrigens die Verwendung der ersten Person Plural: „Einer von uns“. Niemals, gar niemals – nicht einmal während der bolschewistischen Revolution in Russland, nicht einmal 1930–33 in Deutschland – ist es solchen Populisten in einigermaßen freien, fairen Wahlen gelungen, einen Anteil der Wählerstimmen auf sich zu vereinen, der dem Anspruch, fürs „Volk“ zu sprechen, einen gewissen Anstrich von Berechtigung verliehen hätte. In Österreich kam der Ober-Populist, Jörg Haider, bei Nationalratswahlen niemals über einen Stimmenanteil von 27 Prozent hinaus, und sein Nachfolger schaffte auch nie mehr als 26 Prozent.

So lässt sich der Populismus also nicht erklären. Aber wie dann?

Nun, ich glaube ein Wesenszug liegt darin, dass Populisten eine „Bewegung“ schaffen, welche Form die im Einzelnen auch annehmen mag. Sie geben ihren Anhängern also das Gefühl, einer Gruppe anzugehören, einer ziemlich fest gefügten, zusammen geschweißten Gruppe, samt allem, was dazu gehört – Kameradschaft, Wir-Gefühl.

Aber wie schafft man das?

Wie es scheint, bieten sich dazu zwei Strategien an, die parallel und zeitgleich zum Einsatz kommen: Zum einen muss man natürlich die Gruppe, die „Bewegung“ irgendwie definieren; möglichst so, dass sich die Mitglieder gut, ja sogar überlegen fühlen.

„Ich will nur die Fleißigen und die Tüchtigen“, pflegte Jörg Haider vom Podium herunter zu verkünden. Am heftigsten applaudierten jene, johlend und Füße stampfend, die keineswegs als fleißig und tüchtig ortsbekannt waren, eher im Gegenteil – aber das nur nebenbei.

Wichtig ist darüber hinaus das Gefühl einer Bedrohung, folglich in einem Kampfe zu stehen. Dieser Kampf mag sich gegen „die da oben“ richten, gegen irgendwelche „Eliten“, oder gegen Feinde von außen: „Brüssel“ zum Beispiel, wie im Falle des britischen Brexit-Populismus.

Beides – die Glorifizierung der eigenen Gruppe und ihre angebliche Verwicklung in einen hehren Kampf – dient der Emotionalisierung; der emotionalen Mobilisierung, wie ich mich auszudrücken pflege. Und die ist so wichtig, weil dank ihrer die Menschen dazu gebracht werden, völlig irrational gegen ihre eigenen offenkundigen Interessen zu agieren, vor allem natürlich: bei der Wahl abzustimmen.

Unglücklicherweise ist der emotionalen Mobilisierung schwer zu begegnen. Ich hab’ manchmal das Gefühl, als sei seriöse demokratische Politik dieser Masche gegenüber völlig machtlos. Das mag der Grund sein, warum die Gründerväter unserer Zweiten Republik unermüdlich davor gewarnt haben – ohne, dass ich sie verstanden hätte. Aber sie hatten Dinge erlebt, die ich nicht mehr aus erster Hand mitbekommen hatte.

Was wir sehr wohl kennen, heutzutage, das sind die Themen, welche sich trefflich zur emotionalen Mobilisierung eignen: das Kopftuch; die Migration, Ausländer (aber nur ganz bestimmte); und natürlich, nach wie vor und immer wieder, der Nationalismus in all seinen Spiel- und Erscheinungsformen.

Darüber braucht, wie ich glaube, nicht viel gesagt zu werden, so offensichtlich ist’s. Was nicht bedeutet, der Populismus sei harmlos – ganz im Gegenteil.

Zur Popularitätshascherei siehe Populär wollen alle sein; des weiteren Der Souverän; und zum Brexit-Populismus vielleicht Wer vertritt die Wähler sowie Der Teufel steckt im Referendum.

Whistleblower

Edward Snowden, Permanent Record

[for an English version see below]

Wenn Sie das hier lesen, dann wird diese Tatsache aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo aufgezeichnet und gespeichert. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle – nicht einmal das Stichwort Snowden im Titel –, noch sind Sie in irgendeiner Form verdächtig. Ihre (und meine) Daten bleiben gespeichert. Mag sein, dass sie nie mehr zur Anwendung kommen; es könnte aber auch sein, dass diese Daten bei irgendeiner Suche wieder auftauchen, dass Sie (und ich) ins Netz gehen. Was die Suche finden will, das können wir nicht wissen: Sie liegt in der Zukunft.

Dieses Verfahren – mass surveillance – prangert Edward Snowden in seinem Buch an. Die Entdeckung, dass Vorratsdatenspeicherung in den USA im großen Stile praktiziert wird, ohne jegliche rechtliche Grundlage, hat ihn dazu gebracht, einen gut bezahlten Posten aufzugeben, sein Leben und das seiner Lebensgefährtin zu ruinieren, indem er die entsprechenden Unterlagen stahl und an die Presse weitergab. Er bezahlt bis heute mit seinem erzwungenen Exil in Moskau.

Sein Buch sollte man vielleicht als Apologie lesen, apologia pro vita sua. Es geht ihm nicht nur darum zu erklären, wie’s überhaupt dazu kam: sein Familienhintergrund, sein Werdegang, seine atemberaubende Karriere; ebenso geht’s um seine Zweifel, seine Angst, seine Skrupel – er wollte ja ein whistleblower sein, kein gemeiner Verräter. Diesen Vorwurf auszuräumen, das gelingt ihm sehr wohl (glaubt zumindest der Verfasser dieser Rezension).

Natürlich handelt das Buch auch von der neuen, der digitalen Welt, in welche Snowden, geboren 1983, als Angehöriger der ersten Computer-Generation hinein wuchs, und welche überhaupt erst die Mittel für Massendatenspeicherung und, noch bedrohlicher, -verarbeitung bereit stellt. Trotzdem sollten sich weder Leser noch Leserinnen vor dem technischen Aspekt fürchten: Er wird so behandelt, dass er durchaus verständlich bleibt, oder anders ausgedrückt: Er kratzt bestenfalls an der Oberfläche.

Ungeachtet dessen bringt uns das Buch neue, bedenkenswerte Einsichten. Es mag ja sein, dass wir von geheimen Aktivitäten diverser Sicherheitsdienste – keineswegs bloß in den Vereinigten Staaten! – bereits gehört hatten. Aber haben wir auch an den schieren Umfang, an die latente Gefahr gedacht? Sie bewusst zu machen, das scheint mir das bleibende Verdienst von Edward Snowden zu sein. Bleibt bloß zu hoffen, dass ihm irgendwann einmal auch die Anerkennung zuteil wird, welche ihm gebührt.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall, ja.

***

When you are reading this, it is quite likely that the fact is being recorded and stored somewhere. The content does not matter – not even the keyword Snowden in the title – nor are you suspicious in any way. Your (and my) data will remain stored. It may be that they will never be used again; but it could also be that this data will reappear in some search and that you (and I) will be caught in the dragnet. We can’t possibly know what such a search will be for: it’s being done at some point in the future.

That’s the practice – mass surveillance – that Edward Snowden exposes in his book. The discovery that data collection is performed on a grand scale and without any legal basis in the United States has led him to give up a well-paid job and ruin his own life as well as that of his partner by stealing relevant documents and passing them on to the press. To this day he pays for the act with his involuntary exile in Moscow.

His book should perhaps be read as an apology, apologia pro vita sua. It is not just about explaining how it all came about: his family background, his development, his breathtaking career; it is also about his doubts, his fear, his scruples – he wanted to be a whistleblower, not a common traitor. He certainly succeeds in dispelling this latter accusation (at least that’s what the author of this review thinks).

Inevitably, the book is also about the new digital world in which Snowden, born 1983, grew up as a member of the first computer generation. It is only this world which has made mass data storage and, even more threateningly, mass processing possible. Nevertheless, readers should not be put off by the technical aspect of the book. The relevant passages are quite comprehensible even for a layman or, in other words, they only scratch the surface at best.

All the same, the book offers insights that are worth our attention. It may well be that we have heard about secret activities of various security services, by no means just in the United States; but have we also thought about the sheer scale and the latent danger? Snowden raises awareness – and that may be his lasting merit. Let’s hope that one day he will receive the recognition he deserves.

Recommended? – Definitely, yes.

Edward Snowden, Permanent Record (London: Macmillan, 2019).

Waldheim

Michael Palumbo, The Waldheim Files

[for an English version see below]

Waldheim? Warum ausgerechnet jetzt?

Nun, triftigen Grund gibt es keinen. Ich hab’ das Buch zufällig entdeckt, in einem second-hand bookshop in Bloomsbury. Mich interessierte, wie ein angelsächsischer Autor die Angelegenheit damals sah (das Buch erschien 1988). Außerdem war ich verblüfft, dass im englischen Sprachraum überhaupt eine einschlägige Untersuchung erschienen war. Ich hatte noch nie davon gehört, hatte es auch in keiner Bibliographie gefunden.

Über den Autor hab’ ich auch nur wenig herausfinden können. Wie es scheint ist er Jurist, lehrt oder lehrte an einer amerikanischen Universität. Lange vor der leidigen Waldheim-Affäre stieß er auf ein geheimes UN-Archiv über Kriegsverbrechen. Das weckte seine Neugier. Waldheims Name tauchte dort auch auf.

Also hat der biedere Österreicher doch Kriegsverbrechen begangen? Nein, sagt Palumbo. Die Akten, die seinerzeit vorlagen, deuten auf nichts Derartiges hin, sieht man von einer eindeutigen Fälschung ab, welche aus Jugoslawien stammt. So zeichnet Michael Palumbo ein Bild, das überraschend genau mit jenem übereinstimmt, welches ich mir damals gemacht habe: Waldheim war ehrgeizig, ruhm- und ehrsüchtig, wahrscheinlich auch ein ziemlich rückgratloser Karrierediplomat. Er hat seinen Dienst bei der Wehrmacht am Balkan verschwiegen und dann, als dieser schrittweise ans Licht kam, versucht zu lügen. Damit machte er sich natürlich verdächtig – er hatte sich das ganze Schlamassel schon auch selbst zuzuschreiben. Aber Kriegsverbrechen hat er keine begangen, weit davon entfernt. Nicht einmal ein Nazi dürfte er gewesen sein – im Gegenteil.

Palumbo äußert den Verdacht, Waldheim habe das gefälschte jugoslawische Dossier gefürchtet. Er habe sich erpressbar gefühlt. Eingedenk der schändlichen Medien-Kampagne von 1986 war die Furcht wohl nicht unbegründet. Außerdem hätten auch die amerikanische, die sowjetische und die israelische Regierung von dem Akt gewusst. Das sei mit ein Grund gewesen, warum sie ihn als UN-Generalsekretär wollten: Er war fügsam.

All das ändert nichts an der Schändlichkeit der Kampagne gegen ihn. Sie wurde vor allem von der Presse getragen, von der Boulevardpresse ebenso wie von seriösen Blättern. Letztere trugen durch sensationelle Schlagzeilen zur Aufheizung der Atmosphäre bei – insgesamt also kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

Empfehlenswert? Na ja – vorausgesetzt, man interessiert sich für dieses alte Thema, was nur bei wenigen der Fall sein wird, und notwendig ist’s auch nicht. Geschrieben wär’ das Buch nach anglo-amerikanischer Manier gut, flüssig und leicht zu lesen.

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Waldheim? Why now, of all times?

Well, there’s no good reason. I found this book by accident in a second-hand bookshop in Bloomsbury. I was interested to see how an Anglo-Saxon author saw the matter at the time (the book was published in 1988). I was also amazed to learn that a relevant investigation had been published in the English-speaking world at all. I had never heard of it, nor had I found it in any bibliography.

I could hardly find out anything about the author. It seems he’s trained in law, lecturing or having lectured at an American university. Long before the Waldheim affair he came across a secret UN archive on war crimes. This aroused his curiosity. Waldheim’s name also appeared there.

So the good man from Austria did commit war crimes after all? No, says Palumbo. The files available at the time indicate nothing of the sort, apart from an obvious forgery that came from Yugoslavia. Michael Palumbo draws a picture that coincides to an astonishing degree with the one that I had arrived at myself at the time: Waldheim was ambitious, vain and glory seeking, probably also a rather opportunistic career diplomat. He concealed his service with the Wehrmacht in the Balkans and then, when it eventually came to light, tried to lie about it. Not surprisingly, this aroused nasty suspicions – he also had himself to blame for the whole mess. But he committed no war crimes, far from it. He was not even a real Nazi – rather the contrary.

Palumbo entertains the suspicion that Waldheim feared the forged Yugoslavian dossier. He felt vulnerable to blackmail. In view of the disgraceful media campaign of 1986, the fear may not have been totally unfounded. Moreover, the American, the Soviet and the Israeli governments also knew about the file. According to Palumbo, that was one of the reasons why they wanted him to be UN Secretary-General in the first place: He was compliant.

Still – nothing said so far can in any way justify the disgraceful campaign that was waged against him. Its main agent was the press, the tabloids as well as the serious papers. With their sensational headlines, even the latter contributed to the heated atmosphere. All in all, therefore, it was not one of journalism’s most glorious moments.

Recommended? Well – provided the reader is interested in such an old issue. I doubt many will be, and it’s certainly not necessary. On the other hand the book, true to Anglo-American convention, is well written, fluent, and therefore quite easy to read.

Michael Palumbo, The Waldheim Files: Myth and Reality (London: Faber and Faber, 1988).