Die Allianz der Mittelmäßigen

Sprichwörter, stehende Redensarten scheinen eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Man wirft sie in die Debatte, und nicht nur der Werfer selbst, alle anderen akzeptieren sie genau so, praktisch als Tatsache. Pacta sunt servanda. Verträge sind zu erfüllen. Abgesehen davon, dass es sich um eine Binsenweisheit handelt, wird der Satz gerade dann, wenn aus irgendeinem Grund über so einen Vertrag gestritten wird, nicht helfen. Insbesondere nicht im internationalen Recht.

Kommen die Zitate lateinisch daher, genießen sie besonderes Ansehen: Audiatur et altera pars; in dubio pro reo; si vis pacem para bellum. Letzterer Satz wurde gerne von den Falken im notorischen Auf- oder Abrüstungsstreit der achtziger Jahre ins Treffen geführt, Ältere erinnern sich: SS-20 Mittelstreckenraketen, Nato-Nachrüstung, Friedensbewegung. Für die Römer mag das so gegolten haben: Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg und unterwirf den aufmüpfigen Gegner. Dann herrscht wieder die Pax Romana. Aber heute? Müsste die Parole heute nicht viel eher lauten: Si vis pacem, para pacem? Wenn du Frieden willst, bereite den Frieden vor. Wobei leider offen bleibt, wie man dem Frieden jeweils am besten dient. Friedlich sein alleine reicht bekanntlich nicht.

Aber es muss nicht unbedingt Latein sein. Goethe ist auch immer gut. Faust, der Tragödie erster Teil: Es irrt der Mensch, solang er strebt. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! Und so weiter. Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles… Unterschlagen wird, was Goethe noch hinzugesetzt hat: Ach, wir Armen!

Friedrich Schiller eignet sich natürlich ebenso. Unser Mathematik-Professor in der Unterstufe pflegte zu spät Kommende mit den Worten zu begrüßen: Spät kommt ihr – doch ihr kommt! Um dann hinzuzusetzen: Der weite Weg, Graf Isolani, entschuldigt euer Säumen. Das hab’ ich jetzt nicht nach Vorlage zitiert, sondern nach besagtem Professor. Ob’s genau so stimmt, weiß ich nicht, es interessiert mich auch nicht.

In den altehrwürdigen (und ziemlich heruntergekommenen) Gemäuern der Klosterkaserne fand sich einst in einer Nische folgender Spruch an der Wand: Der Österreicher hat ein Vaterland / Und liebts, und hat auch Ursach, es zu lieben. Er wurde Franz Grillparzer zugeschrieben, was ja auch nahe lag, bloß leider – wie mich meine Mutter unverzüglich aufklärte, stammt er ebenfalls von Schiller, aus der Wallenstein-Trilogie (so wie der Graf Isolani). Von Grillparzer stammt unter anderem: Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde. Oder aber, nun wirklich österreichisch: Und die Größe ist gefährlich / Und der Ruhm ein leeres Spiel…

Und so weiter und so fort. Fast jedes Genie, zitierte jüngst ein Kollege den irischen Satiriker Jonathan Swift, verursacht augenblicklich eine Allianz der Mittelmäßigkeit. Und auf diesem Satz baute er seine Verteidigung von Sebastian Kurz auf. Immerhin reduziert er das Genie später auf ein „außerordentliches Talent“.

Ich habe mir im Laufe der Jahre – und das waren Jahre der intellektuellen Auseinandersetzung – ich habe mir also im Laufe der Jahre eine bestimmte Vorgehensweise angewöhnt, wenn ich mich mit so einer Zitat-basierten Argumentation konfrontiert sah. Erstens: Beleg suchen. Und siehe da: Es dürfte sich um die entstellte Version eines englischen Aphorismus handeln, welcher bereits 1706 in Swifts Bändchen Thoughts on Various Subjects, Moral and Diverting erschien. Im Original lautet er (sofern mich meine Quellen nicht im Stich lassen – das Buch selbst liegt mir leider nicht vor): When a true genius appears in the world, you may know him by this sign, that the dunces are all in confederacy against him. Wenn ein wahres Genie in dieser Welt erscheint, dann kann man es daran erkennen, dass sich die Dummköpfe alle dagegen verbünden.

Womit wir zunächst einmal sehen, wie alt der Satz ist. Sicher, es gibt Dinge, die werden mit der Zeit immer besser. Wein, so sagt man zum Beispiel. Ob’s auch für Zitate gilt, ist mir nicht bekannt. Aber mehr als 300 Jahre? Jonathan Swift war damals ein halb konservativer, halb liberaler Geistlicher (durchaus nicht unüblich), in seinen späteren Jahren Dean of St. Patrick’s Cathedral in Dublin; das alles in der Ära der Aufklärung, gegen deren Vertreter er manchmal mit ätzender Satire zu Felde zog. Das beeinflusst nicht unbedingt die Aussagekraft seines Zitats, wir tun aber doch gut daran, es im Kopf zu behalten.

Wichtiger erscheint mir ohnehin etwas anderes: Swift zufolge erkennt man ein Genie daran, dass sich die dunces, also die Dummköpfe geschlossen gegen selbiges verbünden. Mag ja sein. Man müsste die Behauptung einmal historisch überprüfen; ist nicht womöglich eher das Gegenteil der Fall?

Wir sind beim zweiten Schritt meiner Vorgehensweise angelangt: der Überprüfung anhand der Wirklichkeit. Wozu freilich gesagt werden muss, dass in der hier zitierten Version lediglich von einer „Allianz der Mittelmäßigkeit“ die Rede ist: eine gemäßigte Formulierung, somit eine höflichere. Dafür sei dem Autor ausdrücklich gedankt. Es ist ja so leicht, durch Satire zu verletzen; bloß bedeutet dies Verstimmung, Verärgerung und somit meist das Ende der Diskussion. Dafür besteht hier kein Anlass. Für mittelmäßig gehalten zu werden, fasse ich persönlich nicht als Beleidigung auf, schon gar nicht, wenn jene, welchen den Vorwurf erheben, selbst alles andere als… Na ja, man kann sich’s denken, daran erkennt man seine Pappenheimer (schon wieder Schiller).

Eine Allianz der Mittelmäßigen also, die sich gegen das außerordentliche Talent verbünden. Wenn von Sebastian Kurz die Rede ist, so habe ich mit Verlaub eher den gegenteiligen Eindruck gewonnen: Dass sich nämlich die „Mittelmäßigen“ (wenn nicht noch Ärgere) hinter ihm scharten, und dies nicht nur auf höchster Ebene in Wien – man erinnere sich bloß an den famosen Festplatten-Schredder, an die Ministerin mit ihren Diplom- und Master-Arbeiten oder an den Finanzminister, gegen den sogar der Bundespräsident einschreiten musste –, sondern auch hier, in meinem Bekanntenkreis. Da gab’s Verehrung für den Heiligen Sebastian, die jedem dunce gut zu Gesicht gestanden wäre.

Sorry: Das war jetzt gehässig, eine rein subjektive Wertung. Manchmal rutscht so was einfach hinein in einen Text. Trotzdem glaube ich insgesamt und ganz objektiv feststellen zu können: Dass sich die Mittelmäßigen gegen Kurz verschworen hätten, die Außerordentlichen hingegen in glänzender Wehr samt und sonders hinter ihm gestanden wären – das wird man so nur schwer behaupten können. Außer man erklärt alle Kurz-Gegner ipso facto für mittelmäßig, alle Kurz-Anhänger hingegen für hervorragend.

Scherz, lass nach!

Aber was ist mit Jonathan Swift? Mit seinem Zitat?

Wenn schon, dann würde es bedeuten, dass Sebastian Kurz, da sich die Mittelmäßigen eben nicht geschlossen gegen ihn verbündeten, folglich auch nicht als außerordentliches Talent zu erkennen sei. Oder gar als Genie. – Aber wie schon gesagt: Zitate beweisen überhaupt nichts. Schauen Sie sich an, was seit 2017 in Österreich geschehen ist, schauen Sie sich an, was Sebastian Kurz und seine Mannschaft aufgeführt haben, welche Zuständ’ sie hinterlassen haben, und dann urteilen Sie. Sprichwörter, abgedroschene Zitate (womöglich entstellt) brauchen Sie dazu bestimmt keine.

A Confederacy of Dunces ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers John Kennedy Toole (erschienen 1980). Er bezieht sich unübersehbar auf den alt-ehrwürdigen Aphorismus von Jonathan Swift. Auf deutsch heißt das Werk Die Verschwörung der Idioten. Ich ziehe allerdings die Übersetzung „Dummköpfe“ vor.
Alpenfeuilleton 18.5.22

Krieg in Europa

Der Text wurde knapp vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine verfasst, als sich niemand vorstellen konnte, dass es wirklich zum Krieg kommen würde. Deshalb habe ich ihn so lange zurück gehalten: Allzu sehr klingt er nach „Ich hab’s schon immer gewusst.“ So eine Pose möchte ich auf keinen Fall einnehmen!

Man hat mich gebeten, die gegenwärtige Lage in Europa zu analysieren. Dazu sehe ich mich nicht in der Lage. Zu dünn ist das, was ich weiß, ich hätte demzufolge nichts anderes zu bieten als Geschwurbel. Trotzdem kann ich der Verlockung nicht widerstehen, etwas von mir zu geben. Pundit’s disease, sagt man auf Englisch. Manische Kommentaritis. Um genau zu sein, möchte ich was erzählen. Das Thema – Krieg bzw. Frieden in Europa – das beschäftigt mich nämlich schon seit langem.

Fangen wir mit etwas an, was ich selbst erlebt habe. Es muss wohl Ende der achtziger Jahre gewesen sein, als das Ende des Kalten Krieges bereits absehbar war, jedoch vor dem Zerfall der Sowjetunion und somit auch des Warschauer Paktes (1991). Wir befanden uns auf einer der turnusmäßigen Truppenübungen unseres Milizbataillons, in diesem Falle im Rahmen der Abschlussübung der österreichischen Militärakademie im Raum ostwärts von Lienz (wie’s militärisch korrekt zu heißen hat). Es war ein heißer, sonniger Tag im Juni. Und da wurde der Einsatz von chemischen Waffen gespielt. Das gehörte zur ganz normalen Einsatzdoktrin des Warschauer Paktes.

Schön. Wir taten, wie ausgebildet: Schutzmaske, Regenschutz (aus reinem Plastik), Handschuhe. Ich begann sofort zu schwitzen in einer Art, wie ich’s noch nie erlebt hatte. Das Wasser rann mir den Rücken hinunter, durch die Arschfalte bis in die Stiefel. Ich verwende den derben Ausdruck absichtlich, denn es handelte sich um eine ziemlich derbe Erfahrung. Aufgrund meiner Ausbildung konnte ich mir die grausige Realität so eines Einsatzes ausmalen, zumindest in Ansätzen.

Gott sei Dank, schoss es mir durch den Kopf, das ist dir erspart geblieben!

Nicht lange danach ging der Kalte Krieg tatsächlich zu Ende (Gipfeltreffen vor Malta, 1989), die Sowjetunion zerfiel und damit auch der Warschauer Pakt (1991). Nun war das Frohlocken natürlich gewaltig, das Jubilieren und das Tirilieren. Die Friedensapostel hatten Hochkonjunktur: Man weiß schon, Friedensforscher mit ihrer schimmernden Wehr akademischer Institute und auf ihrem hohen moralischen Ross. Irgendjemand machte den euphorischen Vorschlag, Russland in die Nato aufzunehmen. Bei aller Freude über den Alb, der da von unseren Schultern gewichen war, hielt ich das denn doch für etwas übertrieben. Wenn ich mit meinem Nachbarn in Frieden leben will, wird es nicht nützen, ihn einzuladen, sein Wohnzimmer in meine Küche herein zu verlängern. Das kann bloß zu Konflikten führen. Voraussetzung (aber nicht Garantie) für ein friedliches Nebeneinander ist eine klare Abgrenzung: eine feste, dicke Mauer, wenn möglich schalldicht.

Friedensdividende, erschallte es aller Orten, Friedensdividende! Das Ende des Wettrüstens, der Abbau der Streitkräfte versprach, ungeheure Mittel für andere Zwecke freizusetzen. Und die wurden dringend benötigt: fürs Spitalswesen, für die Schulen, fürs soziale Netz. Doch trotz aller Abrüstung reichte das Geld noch immer nicht. Klar, hieß es, aufgeblähte Sozialleistungen, zu viele Krankenbetten. Wieder einmal konnte ich der Propaganda nicht folgen. Meiner bescheidenen Meinung nach war’s finanziell knapp geworden, seit die Finanzmärkte liberalisiert wurden. Da wurde den Oligarchen die Möglichkeit eingeräumt, das Vermögen der Volkswirtschaften abzuschöpfen und dem Zugriff des Staates zu entziehen. Dort stehen wir noch heute.

Wie auch immer: Es wurde abgerüstet. Vor allem die westeuropäischen Heere wurden drastisch zusammengestutzt, die Wehrpflicht abgeschafft. Mit all dem wollte man nichts mehr zu tun haben! In Österreich wurde das Milizsystem beendet, klar, hatte ja begonnen, zu viel zu kosten.

Friedensdividende.

Und da wurde es Ihrem Berichterstatter bei aller Bescheidenheit doch ein bisschen schwummrig. Woher nahmen die Leute die Sicherheit, dass sie nie wieder ein einsatzfähiges Militär brauchen würden? Glaubten sie wirklich den Schalmeientönen der Friedensschwadron, wonach es genüge, friedlich zu sein, um in Frieden zu leben?

Der Krieg ist integraler Bestandteil der europäischen Geschichte. Und damit auch der Gegenwart. Wenn man so was sagt, muss man nicht „für den Krieg“ sein. Ich bin’s jedenfalls nicht. Aber man muss mit Krieg rechnen. Und wenn man einen solchen wirklich verhindern will, muss man über zwei Qualitäten verfügen: Standfestigkeit – und Stärke. Letztere kostet was.

Jede Menge Mord in Midsomer

Als wir jung waren, da haben wir über unsere Eltern gespöttelt, weil sie im Fernsehen bloß noch seichte Unterhaltung und Krimis sehen wollten. Wie konnte man bloß! Man musste sich doch mit der Welt auseinandersetzen, oder? Mit ihren Problemen!

Inzwischen selbst alt geworden, schauen wir zwar keine seichte Unterhaltung, dafür aber Krimis. Ich persönlich lieg’ fast jeden Abend vor dem Fernseher, hauptsächlich deshalb, weil ich nicht andauernd lesen kann. Da spielen meine Augen nicht mehr mit, sie fallen zu, ich entschlummere sanft. Leider viel zu früh am Abend.

Bei diesen Krimis sind wir allerdings wählerisch. Was schon gar nicht in Frage kommt, das sind brutale amerikanische Thriller mit Geschieße, Schlägerei, Grausamkeiten. Ähnlich ergeht es uns bei deutschen Krimis, zum Beispiel aus der Tatort-Serie. Die sind zwar nicht so gewalttätig, dafür nehmen sie sich selbst zu ernst.  Sie sind immer so schrecklich tragisch, tiefsinnig – halt Deutsch. Das wollen wir auch nicht mehr sehen.

Was also dann?

Nun, unsere Vorliebe hat sich auf englische Serien konzentriert, da allerdings auch nicht auf alle. Es gibt eine Art englischer Krimiserie, die mit einem gewissen Etwas daherkommt. Leichtigkeit wäre zu viel gesagt, obwohl sie mitspielt. Ebenso ein guter Schuss Ironie, Selbstironie. Sich selbst nicht hundertprozentig ernst nehmen.

Death in Paradise zum Beispiel. Handlung, Auflösung des kriminellen Rätsels sind (a) nicht besonders feinsinnig und laufen (b) völlig stereotyp ab. Aber das spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, das sind die liebenswerten Protagonisten. Für mich steht Dwayne Myers an erster Stelle. Von den wunderschönen weiblichen Protagonistinnen mit ihrem bezaubernden Charme möchte ich lieber nicht anfangen zu schwärmen: Camille, Florence sowie Camilles Mutter, Catherine. Dazu kommt die fröhliche karibische Atmosphäre. Wir können geradezu die feuchte Wärme spüren, wie sie dort den ganzen Körper umhüllt, herrliche Erinnerungen!

Eine Zeit lang liefen Agatha-Christie-Serien: Miss Marple zum Beispiel, oder Hercule Poirot. Agatha Christie garantiert gepflegte, geistvolle Krimi-Unterhaltung. Zur Zeit gibt’s (nicht von Agatha Christie) Miss Fishers mysteriöse Mordfälle. Dabei handelt es sich um eine australische Serie. Sie spielt in den zwanziger Jahren. Wenn schon nichts anderes, so ist die Garderobe der Protagonistin Phryne Fisher in ihrer Eleganz sehens- und beneidenswert. Des weiteren schauen wir gerne die Murdoch Myteries. Die spielen in Toronto in den 1890er Jahren. Und so weiter. Ich will mich nicht in Aufzählungen verlieren.

Es gibt nämlich eine Serie, die für mich fest im Mittelpunkt steht, und das ist der Inspektor Barnaby. Auf Englisch heißt sie Midsomer Murders. Midsomer ist jene fiktive Grafschaft, in welcher diese Kriminalfälle angesiedelt sind; Hauptstadt: Causton. Als Namensgeber diente die Ortschaft Midsomer Norton, die allerdings woanders, nämlich in Somerset liegt. Nicht nur stimmt die Landschaft dort nicht mit jener der Fernsehserie überein, auch der Charakter der Ortschaft dürfte ein völlig anderer sein. Dessen ungeachtet stahlen die ursprünglichen Autoren auch etliche der pittoresken Ortsnamen – Midsomer Magna zum Beispiel, oder Midsomer Morton. Abgesehen davon, gibt’s aber keine Verbindung zwischen dem wirklichen Midsomer Norton und dem fiktiven Midsomer im TV.

Es ist einmal errechnet worden, dass Midsomer in Anbetracht seiner Größe wahrscheinlich die fiktive Krimi-Örtlichkeit mit der höchsten Mordrate ist. Spielte sich das alles in Wirklichkeit ab, wäre längst der Notstand ausgerufen worden.

Im Mittelpunkt der Serie steht, wie das so üblich ist, der untersuchende Kriminalbeamte, in diesem Falle DCI (Detective Chief Inspector) Tom Barnaby. Ihm gehen wechselnde Assistenten zur Hand. Zunächst ist das DS (Detectice Sergeant) Gavin Troy, später DS Ben Jones. Weitere folgen. Des weiteren gibt’s Dr. George Bullard, den Gerichtsmediziner und Forensiker. Im privaten Bereich wäre zunächst Tom Barnabys Ehefrau zu nennen, Joyce, die ständig irgendwelchen mehr oder weniger ausgefallenen Aktivitäten nachgeht und solcher Art in manche der Mordfälle verwickelt wird. Sie ist eine meiner Lieblingsfiguren, I love her. Außerdem gibt’s die Tochter, Cully, die versucht, eine Karriere als Schauspielerin zu starten.

Der eigentliche Reichtum der Serie liegt jedoch in ihren Schauplätzen sowie den auftretenden Figuren. Gedreht wurde hauptsächlich in Oxfordshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und Bedfordshire. Dabei handelt es sich um so genannte Home Counties (außer Oxford, um pedantisch zu sein). Dementsprechend idyllisch sind die Lokalitäten: ein Haus pittoresker als das andere, wunderschön gepflegte Gärten, geschmackvolle Inneneinrichtung. Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass es auch Ausnahmen gibt; aber sie erscheinen doch recht dünn gesät. Und diese Häuser, diese Ortschaften samt village green und village pub werden von Leuten bevölkert, die in ihrer Exzentrik durchaus als typisch bezeichnet werden dürfen (oder zumindest: nicht untypisch).

Tatsächlich hab’ ich immer das Gefühl, all diese Lokalitäten schon einmal gesehen zu haben, all diesen Figuren schon begegnet zu sein. Dabei bin ich an den eigentlichen Drehorten gar nicht heimisch, bin an den meisten nie gewesen. Mein home turf, meine englische Heimat findet sich in West Berkshire sowie Wiltshire, also ein bisschen weiter westlich. Das macht aber keinen Unterschied. Wenn ich Midsomer Murders schaue, fühlt sich das an wie eine Heimkehr.

Typisch also gerade wegen ihrer Exzentrik: Besucher aus unseren Breiten zeigen sich immer verblüfft vom Ausmaß, in dem sich Engländer und besonders Engländerinnen individuell kleiden, ohne Rücksicht auf die Mode oder das Urteil der Mitbürger – die sich allerdings eines solchen Urteils enthalten. Each to his own. Ich kann mich erinnern, wie meine Freundin Trish eines Jahres, bereits über sechzig Jahre alt, mit kurz geschnittenen, kräftig violett gefärbten Haaren beim Festival Ways With Words in Dartington Hall aufkreuzte. Dieses Festival, seine Teilnehmer sowie die Location würden sich übrigens als ideale Schauplätze für Midsomer Murders-Folgen anbieten. Aber das nur nebenbei. Trish’s knalliges Erscheinungsbild fiel jedenfalls in Dartington Hall kaum auf. Erst als wir eines Abends in einem etwas entfernt liegenden Pub saßen und aufs Essen warteten, erregte sie die Aufmerksamkeit eines Kindes am Nebentisch. Es konnte sich kaum beruhigen, so sehr sich seine Eltern auch bemühten.

Midsomer Murders ist eine höchst populäre Serie, nicht nur bei uns, sondern ebenso in England. Es fragt sich, was sie so beliebt macht. Eine einfache Antwort wird’s, glaube ich, nicht geben. So viele Morde sich da ereignen, und so brutal sie zum Teil ausgeführt werden – was man freilich nie zu sehen bekommt –, irgendwie fehlt der brutale, der tödliche Ernst anderer Serien. Ich möchte nicht behaupten, da sei Ironie im Spiel, aber doch ein gewisser Charme (wenn man den scheinbaren Widerspruch tolerieren will). Da ich die Episoden nun bereits das zweite oder gar dritte Mal sehe, stehen die Kriminalfälle gar nicht mehr im Vordergrund, sondern eigentlich das Verhalten der diversen Gestalten. Das könnte ich mir gut und gerne noch ein paar Mal anschauen.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zu diesem Wieder-Sehen: Zunächst sollte ich betonen, dass ich sehr wohl erkennen kann, wenn ich eine Folge schon gesehen habe. Aber was ihren Inhalt betrifft, wie sie verläuft, wer sich schließlich als Bösewicht entpuppt – das hab’ ich in den meisten Fällen vergessen. In diesem Sinne sehe ich die Episode also zum ersten Mal. Aber nicht ganz: Ich leide nämlich nicht mehr unter unerträglicher Spannung, ich brauch’ mich nicht mehr zu fürchten. Das stellt einen Vorteil dar, welcher nicht zu verachten ist!

Unabweisbar fällt mir Alfred Hitchcock ein, der Meister filmischer Spannung. Im Privatleben, so habe ich einmal gelesen, ertrug er absolut keine Spannung. Nicht die geringste. Er konnte es nicht einmal ertragen, am Morgen, wenn er das Haus verließ, nicht zu wissen, was es zu Mittag zum Essen gab!

Zurück nach Midsomer. Eine Bekannte hat kürzlich leicht verächtlich gemeint, die Serie befriedige die nostalgische Sehnsucht der Engländer nach einer vergangenen Idylle. Das stimmt insofern, als die Idylle nicht nur da ist, sondern vor allem unübersehbar. Aber das bildet doch nicht die ganze Wahrheit. Man nehme bloß die bereits erwähnten Häuser: Jedem Engländer ist völlig klar, dass die Personen, so wie sie dargestellt werden, in Wirklichkeit niemals in solch teuren Liegenschaften wohnen, geschweige denn solche besitzen könnten. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung des Lebens in diesen Ortschaften – National Trust-Dörfer, bin ich versucht, sie zu nennen –, allerdings ist diese Darstellung so offensichtlich idealisiert, dass sie beim besten Willen nicht ernst genommen werden kann. Das, so glaube ich, ist ein wesentlicher Bestandteil der Serie: Die Engländer sehen zwar die Idylle, sie erkennen sie auch als solche, und sie lassen sich allzu gerne von ihr verführen – aber gleichzeitig erkennen sie auch das Künstliche, und so können sie gar nicht anders, als über ihre eigene Nostalgie zu lächeln. Was sie sehen, ist nicht nur typisch englisch (zumindest typisch für die Home Counties), es ist allzu typisch. Aus dem Bewusstsein dieser Doppelbödigkeit ergibt sich jener gute Schuss Ironie, mit welcher die Serie konsumiert werden sollte – und die ihren eigenartigen englischen Charme ausmacht.

Ihre Popularität hat dazu geführt, dass sie auch nach Ausscheiden von John Nettles, dem Darsteller des Tom Barnaby, weitergeführt wurde. In unserem Fernsehen läuft sie bis heute. Wenn der Vorrat an Episoden erschöpft ist, fangen sie von vorne an. Mein einziger Wunsch: auch andere Serien wieder bringen! Lewis, zum Beispiel, oder Inspector Lynley. Im englischen Fernsehen gibt’s übrigens noch mehr Serien von der Art, wie ich sie hier angepriesen habe. Meine Favoriten: New Tricks, oder (gleichrangig) Foyle’s War, das während des Zweiten Weltkrieges spielt. Die Nachstellung dieser vergangenen Welt, dieses period drama, das gehört eindeutig zu den Stärken des englischen Fernsehens.

Genug der Lobgesänge. Wie weit gestreut die Popularität von Midsomer Murders ist, möge folgende Episode verdeutlichen: Da wurde einmal die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Staatsbesuch im Vereinigten Königreich erwartet. Der Premierminister damals war David Cameron. Merkel äußerte einen speziellen Wunsch: Sie wollte John Nettles kennenlernen, den Darsteller des Inspector Barnaby.

Aus nicht näher genannten Gründen kam das Treffen nicht zustande. Die deutsche Bundeskanzlerin wurde mit einem DVD-Set abgespeist. Eigentlich ein Affront, wenn man’s recht bedenkt, obwohl Angela Merkel in ihrer bekannt geduldigen Art keinerlei Reaktion zeigte. Aber um derart arrogant unhöflich (oder gar grob) zu sein, dazu braucht es wohl Eton, Oxford und den Bullingdon Club.

Alpenfeuilleton

Brecht, nach Westen blickend

Da steht er, der große Meister, im Garten seiner Villa in Ostberlin, Zigarre im Mund, und schaut – nach Westen.

Zumindest seh’ ich ihn so vor meinem geistigen Auge. Die Villa hat er vom Regime der DDR bekommen, klar, samt Garten, was für ein Privileg! Zusammen mit einem kompletten Theater inklusive Geld für vertrackte Produktionen. Der Goldene Käfig.

Aber er schaut nach Westen. Er beobachtet scharf, was dort vor sich geht, kritisiert es scharfzüngig, in geistvoll-dialektischer Anwendung von Marx, Engels und Lenin.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Im Westen.

Was hinter seinem Rücken liegt, das nimmt er nicht wahr. Nie, gar nie verliert er auch nur ein Sterbenswörtchen darüber. Das endlose Massaker seit der so genannten Oktoberrevolution von 1917 (eigentlich der Putsch einer verschworenen, skrupellosen Bande). Heute ist uns das bekannt und, wie ich hoffe, auch bewusst. Gerade dieser Tage: Die Zwangskollektivierung in der Ukraine (1929–1933), die zwischen 5 und 9 Millionen Todesopfer forderte. 5 bis 9 Millionen! Und dann der Große Terror, ebenfalls etliche Millionen. Und so weiter. Die Geschichte der Sowjetunion bietet sich dar als eine Geschichte von Terror, Folter, Lagerhaft; schlimmer noch: von Massenvertreibung, Massenverhaftung, Massenvernichtung. Das zog sich hin bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Aber nein – dazu hat Brecht nichts zu sagen. Nicht einmal verdrehte Zweideutigkeiten. Nichts.

Doch halt – das ist jetzt vielleicht unfair.

„Unsere Gegner sind die Gegner der Menschheit“, hat er einmal geschrieben (in den Anmerkungen zur Mutter). „Sie haben nicht ‘recht’ von ihrem Standpunkt aus: das Unrecht besteht in ihrem Standpunkt. Sie müssen vielleicht so sein, wie sie sind, aber sie müssen nicht sein.“

Das ist – wenn Sie mich fragen – die Verharmlosung von Massenmord, wenn nicht gar die Aufforderung zu selbigem, obgleich dieses Mal nicht in Form des Genozids, sondern in Form des Soziozids. Nicht Rassenvernichtung, sondern Klassenvernichtung.

Brecht hat immer bestritten, jemals Mitglied einer kommunistischen Partei gewesen zu sein. Daher das kategorische Nein vor dem House Committee on Un-American Activities. Dieses Nein ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Ach, die ungebildeten Amerikaner, wie können sie nur so primitiv fragen! Brecht wird bis heute für seine Antwort bewundert, und dass sie einmal hinterfragt worden wäre, das ist mir bis dato noch nicht untergekommen.

Aber selbst wenn es technisch zuträfe, dass er nie irgendeiner kommunistischen Organisation angehört habe, so enthält die Antwort doch eine gigantische Lüge. Brecht war deklarierter Kommunist; er diente als Aushängeschild, als Star der Propaganda; er unterstützte die jeweilige Parteilinie, ließ niemals einen abweichenden Standpunkt verlauten. Wenn überhaupt, erfolgte das vielleicht im privaten Kreise in fein geschliffenen, fünffach geschraubten dialektischen Sentenzen. In der Öffentlichkeit galt er als deklarierter Parteigänger, ganz ohne Wenn und Aber. Wer, bitte schön, wenn nicht er?

Aber seine Version des Kommunismus gestaltete sich akademisch ebenso wie literarisch vollkommen pur. Massaker, Inhaftierung, Folter, Deportationen: das kam da nicht vor. Das war alles im Land hinter seinem Rücken geschehen, davon nahm er nichts zur Kenntnis. Hätte ja auch schlecht zusammengepasst mit seiner Verehrung der „Klassiker“, mit seiner Vorstellung vom Klassenkampf, mit seiner Weltsicht schlechthin. Eines der gigantischsten Menscheitsverbrechen, nicht bloß des 20. Jahrhunderts – und er hatte nichts dazu zu sagen.

Bei westlichen Intellektuellen, Literaten, Germanisten, Kritikern, Verlegern – da genoss er höchstes Ansehen und genießt es bis heute. Fast schon ein Heiliger, eine Ikone. Manche seiner Aperçus gehen geradezu automatisch über die Lippen:

„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

Hat sich je irgendwer überlegt, wie dieser Satz wirkt, wenn er auf Brecht selbst angewandt wird? Es mag wohl sein, dass er die Wahrheit nie ausgesprochen als Lüge bezeichnet hat (obwohl man sich da ohne entsprechende Recherche nicht so sicher sein sollte). Aber was ist mit dem, der die Wahrheit weiß, sie aber konsequent verschweigt?

Brecht gilt als der denkende Mensch schlechthin; dessen Leben, wie Max Frisch einmal beobachtet haben will, in einem Ausmaß vom Denken bestimmt wurde, das einmalig gewesen sei.

Wozu Friedrich Dürrenmatt anmerkte:
„Brecht denkt unerbittlich, weil er an vieles unerbittlich nicht denkt.“

Bertolt Brecht, „[Aus den] Anmerkungen zur »Mutter«“, Über Politik auf dem Theater, hgg. von Werner Hecht (edition suhrkamp 465, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971), S. 30–36; 33. Verfasst 1932 bzw. 1936.
(schoepfblog)

Ein paar Worte zur Neutralität

Jetzt ist – neutralitätspolitisch gesprochen – der GAU eingetreten, der Größte Anzunehmende Unfall: eine Neutralitätsdebatte in Österreich. Denn ganz egal, wer sich da zu Wort meldet, ob Neutralitätsgegner oder -befürworter, die Argumente bewegen sich stets in der reinen Theorie, im Bereich der Worte oder, ums einmal brutal zu formulieren, im Geschwurbel. Das gilt zum Beispiel für SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner, der zur Neutralität nichts anderes einfällt als Reden, Verhandeln, Vermitteln. Solcherart habe die Neutralität unsere Sicherheit gewährleistet.

Echt? Wie denn?

Doch auch ihr scharfer, ja geradezu empörter Kritiker Christian Rainer vom profil hat nicht viel Besseres zu bieten. Seiner Meinung nach hätten wir schon längst der NATO beitreten sollen, wenn wir’s nicht getan haben, so bloß aus Feigheit.

‘tschuldigung, Herr Rainer, aber gibt’s da nicht auch so was wie Geschichte?

Woran die Debatte in Österreich von jeher gekrankt hat, das ist der Umstand, dass sie beharrlich den harten Fakten aus dem Weg geht. Das gilt nicht nur für die friedensbemühte Argumentation, sondern ebenso für die völkerrechtliche. Denn das Völkerrecht ist nach wie vor Konsensrecht: Es ist wirksam, wenn alle Parteien sich daran halten. Wenn nicht, dann gibt’s im Unterschied zum innerstaatlichen Recht keine wirksamen Strafen (Sanktionen, lautet der Fachausdruck, aber der ist mehrdeutig geworden).

Das bedeutet: Wenn die Neutralität dazu in der Lage sein soll, die äußere Sicherheit eines Staates zu erhöhen, dann muss das in der Dimension der reellen Machtpolitik erfolgen. Militär. Alles andere wäre – na ja, eben Geschwurbel.

Aber kann Neutralität so was je leisten?

Nun, grundsätzlich muss bedacht werden: Neutralität ist ein Dreiecksverhältnis (mindestens). Es besteht zwischen zwei Konfliktparteien und dem neutralen Staat. Wenn der Konflikt zwischen den Parteien schwindet, dann schwindet auch die Bedeutung der Neutralität – es sei denn, es handle sich um einen Fall immerwährender Neutralität.

In diesem klassischen Dreieck können nun die Interessen der beiden Konfliktparteien dahin wirken, dass sie von einem Angriff auf den Neutralen Abstand nehmen. Ich habe seinerzeit zwischen negativen und positiven Interessen unterschieden (ob das sehr sinnvoll war, mag dahingestellt bleiben). Negative Interessen würden darin bestehen, dass die jeweilige Konfliktpartei einen Vorteil für die Gegenseite fürchtet, wenn der Neutrale vereinnahmt wird. Positive Interessen sehen die Vorteile, welche die jeweilige Konfliktpartei direkt aus der Neutralität zieht. Das können etwa Handelsbeziehungen sein, Kanäle in die weite Welt, aber auch der Umstand, dass sich die potentielle Frontlinie solcherart verkürzt. Ein intakter Neutraler ist ein Gegner weniger.

Man sieht: Es kann also durchaus im Interesse einer Konfliktpartei liegen, und sei sie noch so stark und militaristisch, den Neutralen zu unterstützen, seine Neutralität womöglich gar zu schützen. In so einem Falle kann die Neutralität in der Tat dazu beitragen, die Sicherheit eines Staates zu gewährleisten. Das wäre dann die Voraussetzung für diplomatische Initiativen, für Vermittlung, zuletzt vielleicht sogar Friedensbemühungen (obwohl man sich diesbezüglich keinen Illusionen hingeben sollte).

Wenn wir in Österreich von Neutralität sprechen, denken wir automatisch an unsere Spielart, also an die immerwährende Neutralität. Macht es Sinn für einen kleinen Staat, sich derart festzulegen? Die Antwort ist: unter Umständen ja. So kann über lange Zeit hinweg Glaubwürdigkeit aufgebaut werden. Wenn dem kleinen Staat im Ernstfall seine Neutralität geglaubt werden soll, muss er diesen Glauben konsequent aufbauen und stärken; und zwar nicht nur durch wohlklingende Absichtserklärungen, auch nicht bloß durch gelehrte Abhandlungen oder Rechtsgutachten – nein: durch Taten. Auf gut Deutsch: durch die Vorbereitung der Landesverteidigung.

Aber genau da scheuen die österreichischen Pferdchen, nicht wahr? Das darf nicht sein. Neutralität soll was kosten? Gott bewahre.

Daran krankt die so genannte Neutralitätsdebatte in Österreich. Sie krankt jetzt, und sie hat seit jeher gekrankt. Da steht dieser massige Elefant mitten im Raum – elephant in the room – und niemand nimmt von ihm Notiz, niemand erwähnt ihn mit einem Sterbenswörtchen. Absolutes Tabu. Offenbar haben wir’s mit einem Fall von Verdrängung zu tun, weswegen ich auch schon von einem „österreichischen Komplex“ gesprochen habe.

Ein Symptom dieses Komplexes – aber beileibe nicht das einzige! – ist die Beharrlichkeit, mit der die Debatte in unserem Nachbarland, der Schweiz, ignoriert wird (und von jeher ignoriert wurde). Dabei wird diese Debatte auf Deutsch geführt. Es gibt einen riesigen Korpus einschlägiger Literatur, alles auf Deutsch – man bräuchte bloß über die Grenze zu fahren und in eidgenössischen Buchhandlungen zu stöbern. Da wird einem Österreicher oder einer Österreicherin rasch das dünkelhafte Grinsen vergehen, von wegen „Raubgold“ und „das Boot ist voll“. Das ist für mich – nebenbei bemerkt – eine der widerlichsten Begleiterscheinungen der österreichischen Neutralitätsdebatte: Wie wir den Eidgenossen vorwerfen, sie hätten jene Juden zurückgewiesen, die vor der drohenden Vernichtung flohen – der drohenden Vernichtung hier bei uns!

Christian Rainer, „Die SPÖ und die Neutralität? Widerlich!“, profil 8.3.2022 <https://www.profil.at/oesterreich/die-spoe-und-die-neutralitaet-widerlich/401929579> [heruntergeladen 18. März 2022].
schoepfblog 21.4.2022

Der Aff’, der daneben griff

Es besteht zwar aktueller Anlass, nämlich Lawinenunglücke sowie Lawinentote (15 allein während der letzten Saison in Tirol), trotzdem reisen wir ein Stück zurück in die Vergangenheit: Damals kam ein junger Snowboarder, ein Schüler, auf der Seegrube ums Leben, weil er in einen Lawinenhang eingefahren war. Der war zwar gesperrt, ordnungsgemäß abgesichert und mit unübersehbaren Warnschildern versehen, aber wir wissen ja, wie viel so was unter Umständen nützt.

Prompt ergab sich eine öffentliche Debatte, was man gegen derlei Unfälle unternehmen könne. Und ebenso prompt meldete sich ein Schilehrer oder Tourenführer (oder so was Ähnliches) zu Wort und meinte, man müsse die Jugendlichen besser aufklären. Die Schule! Klar, die tat zu wenig, die müsse endlich mehr tun, das sei wichtiger als…

Wenn man zusammenrechnete, was alles inzwischen schon wichtiger war als der reguläre Unterricht, dann blieb für diesen nicht mehr viel übrig. Aber das nur nebenbei.

Besagter Schi-Mensch sagte aber noch was: Die Unterweisung müsse in der Sprache der Jugendlichen erfolgen, sonst würden die nicht zuhören, Ratschläge der jeweiligen Lehrer, Schilehrer oder Lawinenexperten nicht befolgen, deren Warnungen in den Wind schlagen.

Und da, an diesem Punkt, wurde es mir zu viel.

Wenn ein Jugendlicher den Belehrungen, Anweisungen und Warnungen Erwachsener, noch dazu sachkundiger und erfahrener Erwachsener, nicht Folge leisten will, so endet die Verantwortung von uns Erwachsenen oder der Gesellschaft als Ganzem, die ja auch so gerne herangezogen wird. Wenn der Jugendliche trotz allem in den Lawinenhang einfährt, so wird man ihn nicht daran hindern können. Er tut’s auf eigene Gefahr. Und wenn er umkommt – nun, dann haben wir’s ausnahmsweise einmal mit echter, nämlich natürlicher Selektion zu tun, nicht bloß mit sozialer, also unechter und verfälschender. Eine Lawine ist ein Naturphänomen.

Aber diese Sichtweise bedurfte schon damals und bedarf auch heute noch einer Erläuterung. Woran ich dachte, das war ein Beispiel, welches Konrad Lorenz einmal zur Illustration der Darwin’schen Thesen anführte: Der Affe, so sagte er, der mangels dreidimensionaler Vorstellungskraft neben den nächsten Ast griff und abstürzte, der gehört gewiss nicht zu unseren Vorfahren.

Das ist ein klassisches Beispiel für Selektion – für die richtige, wohlgemerkt, nämlich die natürliche, will sagen: jene durch die natürliche Umwelt. Wenn wir heutzutage von Selektion reden, dann meinen wir meist die gesellschaftliche, also die Auswahl aufgrund gesellschaftlich geschaffener und etablierter Kriterien. „Der Tüchtige“, zum Beispiel. Denn was heißt schon tüchtig? Gemeint ist damit doch bloß der wirtschaftlich Erfolgreiche. Aber wie tüchtig ist der im Vergleich zu einer Frau, die nicht bloß in ihrem Beruf bestehen muss, sondern auch den Haushalt schupft und die Kinder betreut?

„If wealth was the inevitable result of hard work and enterprise, every woman in Africa would be a millionaire“, hat der britische Journalist George Monbiot einmal festgestellt: Wenn Reichtum wirklich das unweigerliche Ergebnis von harter Arbeit und Unternehmungsgeist wäre, dann wäre jede Frau in Afrika Millionärin.

Wenn ein Jugendlicher hingegen unter eine Lawine gerät, weil er zu arrogant war, bei der Lawinenkunde aufzupassen oder den Warnschildern zu glauben – nun, dann verhält es sich mit ihm wie mit dem Aff’, der daneben griff. Natürliche Selektion. Wir sollten das unseren Jugendlichen einbläuen. Dann könnten wir uns viel Zeit und viel Geld für pädagogisch vorgekaute und fürsorglich eingespeichelte Unterweisung ersparen.

Alpenfeuilleton 20.4.2022