Krokodilstränen

Jetzt wurden die Schulen geschlossen; umgestellt auf home learning. Und jetzt wird gejammert: Was die Kinder und Jugendlichen alles versäumen, sie werden die Lücken nie mehr schließen können, ihr ganzes Leben lang – eine verlorene Generation!

Komisch: Vor der Corona-Epidemie hat das mangelnde Können und Wissen unserer Kinder niemanden gekratzt.

Im Gegenteil: Die ganze Pädagogik, der ganze Schulbetrieb beruhten auf dem Dogma, dass viel zu viel in die Kinder hinein gestopft werde, dass ihnen zu viel zugemutet werde. Und „zu viel“, das war in diesem Sinne praktisch alles, was Mühe machte. Zulässig war ausschließlich lustvolles Lernen. Spielerisch. Es musste alles von selbst gehen.

Und wenn’s nicht von selbst ging?

„Das braucht’s nicht“, hieß es dann.

Ich rede da, bitte schön, aus eigener Anschauung. An meiner ehemaligen Schule erklärte mir einmal ein Kollege, seine Tochter habe von dem, was sie in Mathematik gelernt hatte, später höchstens zehn Prozent gebraucht.

Und was unterrichtete der Kollege? – Mathematik. An einer Höheren Technischen Lehranstalt.

Das braucht’s nicht.

Motto der Schule von heute.

In einer anderen Auseinandersetzung wurde ein anderer Kollege kritisiert, weil er eine Aufgabe mit Nicht genügend beurteilt hatte, deren Ergebnis falsch war – ohne Rücksicht auf richtigen Ansatz, Rechengang, aufs Bemühen des Schülers!

Es handelte sich ums Fach Mechanik.

Wenn’s in der Mechanik falsch ist, dann ist es eben falsch, argumentierte er, dann bricht die Welle oder die Brücke stürzt ein.

Aber nein: so streng darf man doch nicht sein, oder? Da kam dann immer gleich die Rohrstockpädagogik aufs Tapet, das reine Faktenlernen und so.

Das einzige, was uns bisher gerettet hat, war die Widerstandskraft jüngerer Kollegen und Kolleginnen. Ich bewundere sie einfach, wie sie zwar brav ihre Pädagogik studiert haben, wie sie aber trotzdem völlig unideologisch ihren Unterricht durchziehen, ganz ruhig und unspektakulär. Ich hab’ über solche Gelassenheit leider nie verfügt. Mich hat es sehr viel Energie gekostet, der pädagogischen Gehirnwäsche zu widerstehen. Das kam wahrscheinlich daher, dass ich so ein Sch***-Intellektueller bin. Kann immer nur ideologisch denken, du meine Güte!

Aber wie dem auch sei – wenn man jetzt den Ausfall von Unterricht bejammert, dann handelt es sich um reine Krokodilstränen. Ob unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule nichts lernen oder aber selbiges zuhause tun, wo soll da der Unterschied sein? Vielleicht haben sie daheim sogar weniger Stress durchs angeblich so verknöcherte Schulsystem?

Nachsatz: Ich hab’ von meiner Gymnasiums-Mathematik auch nichts mehr gebraucht, das meiste dementsprechend vergessen. War’s umsonst? Ganz im Gegenteil: Ich weiß, was mir fehlt. Das ist eine ganz wichtige Funktion der so genannten Bildung.

Just Read: Revolution in Russia

Deutsche Fassung >>

When I was at university, we were constantly discussing „the revolution“. It became something like a sacred concept: Revolution good, opponents evil. Although I did not share the view, I learned a lot about a chapter in history that I had only heard about vaguely. But I only learned certain aspects: heroic, glorified.

Thirty years later, the British historian Orlando Figes re-tells the story with the knowledge of today, especially of course with access to archives. He does so in two related but distinct works: First, in the detailed 900-page study A People’s Tragedy 1891-1924, then in a condensed history of the Russian Revolution from 1891 to 1991, Revolutionary Russia. In the latter work, the revolutionary year 1917 itself is discussed rather briefly. Thus, while the two books certainly overlap, they do so only partially; mostly, they complement each other.

Even the run-up, including the 1905 revolution, is rather depressing: the unshakeably autocratic rigidity of the tsarist system; violent conflicts in the countryside; supply shortages during World War I, which also caused gigantic losses resulting in the war-weariness and rebelliousness of Russian soldiers – as well as their readiness to resort to violence.

The year 1917 is mainly presented as anarchist chaos: hunger riots, strikes, all kinds of armed gangs, shooting, plunder, torture, murder. In Orlando Figes’ narrative, Lenin and his Bolsheviks appear less as intellectual saviours than as reckless members of an armed gang. They won because they had the least – or more precisely, because they had no scruples at all. Execute, execute, execute. It was Lenin who introduced this mode of action and who made terror a means of Bolshevik politics. Figes paints a rather critical picture of the revolutionary leader, and I think rightly so. Lenin was the first of those horrible 20th century monsters.

And what about revered Marxism? The intellectual dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, the author comments dryly.

The armed coup of October 1917 was followed by civil war, terror, famine of unconceivable dimensions. Stalin was not a deviation but the logical consequence of what Lenin had initiated. And so it went on, in drastic form until 1953 (Stalin’s death), somewhat less drastically until the eighties.

„History is the science of human misery“, the French writer Raymond Queneau reportedly said. Nowhere does this become more bleakly visible than in the two books by Orlando Figes.

Recommended? – Yes, especially the shorter book. The first one requires stamina, and the reader has to put up with a lot of cruelty.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Gelesen: Revolution in Russland

for an English version, see here >>

Als ich an der Uni studierte, da wurde dauernd über „die Revolution“ geredet. Sie wurde zum sakralen Konzept: Revolution gut, ihre Gegner bös’. Ich teilte diese Auffassung zwar nicht, trotzdem lernte ich viel über ein Kapitel, von dem ich zuvor nur höchst vage gehört hatte. Allerdings lernte ich nur bestimmte Aspekte: die heroischen, die glorifizierten.

Dreißig Jahre später geht der britische Historiker Orlando Figes dieser Geschichte mit dem Wissen von heute nach, besonders natürlich mit dem Zugang zu Archiven. Er tut dies in zwei verwandten, aber doch unterschiedlichen Werken: Zunächst in der 900 Seiten schweren detaillierten Untersuchung A People’s Tragedy 1891–1924, dann in einer komprimierten Geschichte der russischen Revolution von 1891 bis 1991, Revolutionary Russia. Hier wird das eigentliche Revolutionsjahr 1917 eher kurz besprochen. Die beiden Bücher überschneiden sich demnach nur teilweise, ergänzen sich eher.

Schon die Vorgeschichte inklusive der Revolution von 1905 ist eher deprimierend: die völlige Starre des autokratischen zaristischen Systems; die oft gewaltsamen Konflikte auf dem Lande; Versorgungsengpässe während des Ersten Weltkriegs, der überdies gigantische Verluste verursachte, woraus die Kriegsmüdigkeit und die Aufmüpfigkeit der russischen Soldaten resultierte – allerdings auch ihre Gewaltbereitschaft.

Das Jahr 1917 bietet sich vor allem als anarchistisches Chaos dar: Hungerkrawalle, Streiks, alle möglichen bewaffneten Formationen, es wird geschossen, geplündert, gefoltert, gemordet. Lenin und seine Bolschewiken treten bei Orlando Figes weniger als intellektuelle Heilsbringer auf denn als eine eiskalte bewaffnete Bande. Sie gewannen, weil sie am wenigsten – oder genauer: weil sie überhaupt keine Skrupel hatten. Erschießen, erschießen, erschießen. Es war Lenin, der diese Gangart einführte, den Terror zu einem Mittel bolschewistischer Politik machte. Insgesamt kommt er nicht gar so gut weg bei Figes, und ich glaube: zu Recht. Lenin war das erste dieser schrecklichen Monster des 20. Jahrhunderts.

Und der hehre Marxismus? Die intellektuelle Dimension?

„It was not Marxism that made Lenin a revolutionary but Lenin who made Marxism revolutionary“, kommentiert der Autor trocken.

Auf den gewaltsamen Putsch des Oktobers 1917 folgten Bürgerkrieg, Terror, Hungersnöte ungeahnten Ausmaßes. Stalin war keine Abweichung, sondern die logische Konsequenz aus dem, was Lenin grundgelegt hatte. Und so ging es weiter, in drastischer Form bis 1953 (Stalins Tod), etwas weniger drastisch bis in die achtziger Jahre.

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen“, soll der französische Schriftsteller Raymond Queneau einmal gesagt haben. Nirgends wird das so unerbittlich, so trostlos sichtbar wie in den beiden Werken von Orlando Figes.

Empfehlenswert? – Ja, besonders das kürzere Buch. Das erste braucht schon einen langen Atem, und die Grausamkeiten muss man auch aushalten.

Orlando Figes, A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924, 100th Anniversary Edition (London: The Bodley Head, 2017).

Orlando Figes, Revolutionary Russia 1891–1991: A History (New York: Picador, 2015).

Mein Leben gehört mir

Bekanntlich läuft derzeit so etwas wie eine Kampagne, um jene strengen Paragraphen im österreichischen Strafgesetzbuch zu streichen oder doch wenigstens zu mildern, welche Sterbehilfe verbieten (auf Einzelheiten wollen wir uns hier nicht einlassen). Vor ein paar Tagen wurde ich zufällig Zeuge einer einschlägigen Diskussion im Fernsehen. Und da sagte der Verfechter der Sterbehilfe – seinen Namen hab’ ich leider vergessen, bitte um Entschuldigung –, folgenden Satz:

„Mein Leben gehört mir.“

Und er führte Begriffe wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit ins Treffen.

Nun ist es so, dass ich in dieser Angelegenheit auf seiner Seite stehe. Ich halte es für äußerst wichtig, dass Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie sich dazu entschließen. Gerade im Falle einer unheilbaren Krankheit, noch dazu womöglich in hohem Alter muss es diese Option einfach geben. Da geht’s nämlich um die Würde eines Menschen, um einen würdigen Abgang, wenn man so will. Ich sag’ das aus eigener Erfahrung – nicht weil ich selbst schon gestorben wäre (obwohl mich manche für einen schreibenden Zombie halten mögen), sondern eingedenk des Sterbens nächster Angehöriger.

Trotzdem zuckte ich bei dem Satz zurück: Mein Leben gehört mir. So kategorisch hätte ich das niemals ausgedrückt. Mit der angeblichen Eigenverantwortung und der Entscheidungsfreiheit möchte ich mich in diesem Falle erst gar nicht auseinandersetzen. Hier geht es um die Frage, ob unser Leben wirklich uns gehört, ausschließlich uns allein: genau so umfassend, wie das der Herr formuliert hat, und genau so ausnahmslos. Wir wollen einmal annehmen, er sei wirklich derart selbständig, derart eigenbestimmt, wie er den Eindruck erweckt. Aber selbst der tüchtigste self-made man ist doch nicht wirklich self-made, oder? Die Vorstellung ist einfach lächerlich, so eine Art masturbatorischer Parthenogenese. In Wirklichkeit kommt auch er aller Wahrscheinlichkeit nach in einem technisch bestens ausgestatteten Kreißsaal zur Welt, mit der Hilfe von Hebammen und Gynäkologen. In weiterer Folge gibt’s den Mutter-Kind-Pass, und dann Kindergarten, Schule, Universität. Aber selbst wenn unser Genie all das nicht in Anspruch nähme, dann bliebe immer noch der Schutz, den er genießt, von der Polizei über die Justiz bis hin zur Datenschutzverordnung. Strom, Wasser, asphaltierte Straßen. Sollte unser self-made man in weiterer Folge seinem Namen alle Ehre machen und Milliarden scheffeln, so ist auch dies nur möglich, weil die Gesellschaft (a) solches zulässt und (b) seinen Hort schützt.

Und dann will er daherkommen und behaupten, sein Leben gehöre ausschließlich ihm?

Wohlgemerkt: Ich will nicht das Gegenteil behaupten, keineswegs! Ich hab’ noch immer den sarkastischen Tonfall meines Vaters im Ohr, sehe sein süffisantes Grinsen, wenn er die Parole der Nazis wiederholte: „Nicht wichtig ist, dass du lebst, wichtig ist, dass Deutschland lebt!“ Nichts hätte mir besser beibringen können, wie idiotisch so ein Satz ist – und das von Kindesbeinen an.

Aber wenn etwas nicht weiß ist, dann muss es deswegen noch lange nicht schwarz sein. Tatsache ist doch, dass wir den Anderen sehr viel in unserem Leben schulden. Das mag die Familie sein, die nähere Umgebung, die Kommune, bis hin zur viel bemühten Gesellschaft, zum Staat (oder entsprechenden Einrichtungen, zum Beispiel der EU). Diese Schuld ist da, ob’s uns passt oder nicht. Und deshalb hat die Gesellschaft ein gewisses Recht auf unser Leben. Im Extremfall eines Krieges kann dies sogar ganz wortwörtlich zum Tragen kommen: Man denke bloß an Großbritannien und die USA im Zweiten Weltkrieg. Wenn sich die jungen Männer in diesen Demokratien damals auf den Standpunkt gestellt hätten, ihr Leben gehöre ausschließlich ihnen selbst, dann wären wir – meine Generation hier in Österreich – schön dagestanden.

Natürlich, das ist schon klar: Bis zu welchem Maß die Gesellschaft Rechte geltend machen darf, das ist Gegenstand einer andauernden Diskussion. Die Grenze wird sich ständig verschieben, möglicherweise unter heftigen Auseinandersetzungen. Aber einfach so: „Mein Leben gehört mir“? Nein, tut mir leid, so funktioniert das nicht.

Gelesen

Der hohe Preis des Friedens

Am 23. November 1918 marschierten italienische Truppen unter klingendem Spiel – wie’s damals wohl hieß – in Innsbruck ein. In den Wochen zuvor hatten sie bereits Südtirol besetzt. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Tiroler hatten die Bayern zu Hilfe gerufen, welche tatsächlich bis Franzensfeste vorrückten, dann aber Tirol wieder räumten.

Die Jahre 1918–1922 und die Teilung Tirols sind das Thema des Bandes Der hohe Preis des Friedens der beiden Historiker Marion Dotter und Stefan Wedrac. Südtirol war den Italienern bei der Londoner Konferenz 1915 von Frankreich und England versprochen worden. Nordtirol hingegen nicht – hier agierten die italienischen Truppen aufgrund einer Klausel in den Waffenstillstandsbedingungen, wonach sie sich frei im gesamten österreichischen Staatsgebiet bewegen durften. So kam es zu einer kurzfristigen Besetzung, die im Übrigen auch kleine englische und französische Kontingente ins Land brachte. Auf diesen Umstand war ich vor ein paar Jahren anlässlich einer Ausstellung im Imperial War Museum in London aufmerksam geworden.

Die Italiener hatten niemals die Absicht, in Nordtirol zu bleiben. Sie ließen die Bevölkerung in Ruhe, es kam kaum zu Ausschreitungen, eher im Gegenteil: Die Truppen erwiesen sich als hilfsbereit, sei’s bei der Aufrechterhaltung der Ordnung oder bei der Versorgung der Bevölkerung – damals bekanntlich eine prekäre Angelegenheit. Wirklich dankbar waren die Nordtiroler trotzdem nicht: der Feind blieb der Feind.

Die Besetzung nördlich des Brenners endete 1920. Nicht so in Südtirol. Hier waren die Italiener gekommen, um zu bleiben, und das stellten sie von allem Anfang an unerbittlich klar – bitter für die ansässige Bevölkerung. Anfänglich stand die neue Provinz unter Militärverwaltung. Trotzdem legte selbst deren Befehlshaber großen Wert darauf, dass die Bevölkerung in ihrer Lebensweise, ihrer Kultur nicht beeinträchtigt werde. Dasselbe galt in der Folge für die Zivilverwaltung. Beide orientierten sich an den großzügigen, liberalen Vorstellungen früherer Zeiten. Dies entsprach auch den Vorgaben der demokratisch gewählten Regierung in Rom. Nationalisten wie Ettore Tolomei kamen vorerst nicht zum Zug.

Ein einigermaßen gedeihliches Neben- oder gar Miteinander ergab sich daraus freilich nicht. Das mochte einerseits aus dem – durchaus verständlichen – Trotz der Südtiroler resultieren, andererseits wohl auch aus dem stolzen Gebaren der neuen Herrscher. Vor allem aber etablierte sich ein neuer Verwaltungs- und Rechtsapparat mit fremdartigen Gesetzen und Gebräuchen, dessen Vertreter noch dazu bloß Italienisch sprachen. Da half es nichts, dass die Schulen nach wie vor so liefen wie zuvor; jetzt wäre Italienisch gefragt gewesen. Die Vorherrschaft des überwiegend italienischsprachigen Trentino, mit dem Bozen verwaltungstechnisch zusammengeschlossen war, stellte einen weiteren Zankapfel dar.

Und in den Kulissen warteten bereits die Faschisten. Ab etwa 1920 wurde deren Propaganda immer lauter, ihr Auftreten provokanter. Es kam zu Zusammenstößen, die Repression der italienischen Exekutive verhärtete sich. 1922 kamen sie an die Macht.

Wie’s weiterging, ist nicht mehr Thema dieses Buches. Es handelt sich zwar um eine wissenschaftliche Arbeit, dessen ungeachtet schreiben Marion Dotter und Stefan Wedrac jedoch durchgehend klar und leicht verständlich. Das soll lobend hervorgehoben werden. Sie schließen eine kleine, aber doch empfindliche Lücke in unserem Geschichtsbewusstsein. Für den Frieden nach dem Ersten Weltkrieg hatten alle – ausgenommen höchstens die US-Amerikaner – einen hohen Preis zu zahlen. Am größten dürfte er wohl im Russischen Reich gewesen sein. Aber auch für die Südtiroler gestaltete er sich äußerst schmerzhaft – und anhaltend.

Marion Dotter, Stefan Wedrac, Der hohe Preis des Friedens: Die Geschichte der Teilung Tirols 1918–1922 (Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia, 2018).

Die Ego-Demokratie

Mit großartigen Worten und Konzepten sollte man vorsichtig umgehen: Wendezeit, zum Beispiel. Das haben wir schon öfter gehabt, aber bisher fiel eine solche Wende stets eher bescheiden aus. Das mag auch jetzt der Fall sein, wenn ich das Gefühl habe, wir stünden an einem einschneidenden Wendepunkt. Das Folgende wäre folglich mit Vorsicht zu genießen, und wenn Sie widersprechen, dann hab’ ich volles Verständnis.

Warum glaub’ ich also an eine Wende? Nun, in diesem Falle beziehe ich mich auf unsere Demokratie – das heißt, auf jene Ausgestaltung, wie wir sie seit 1945 gekannt und als selbstverständlich betrachtet haben; und damit stünden wir automatisch auch an einem Wendepunkt unserer Beziehung zum Staat.

Der zornige Widerstand gegen Corona-Maßnahmen entspringt unter anderem der (angeblichen) Zumutung, sich derlei – oder genauer: sich überhaupt irgendetwas – vom Staat vorschreiben zu lassen. Das beschränke die Freiheit des Einzelnen, heißt es, sein oder ihr Selbstbestimmungsrecht, die Wahlfreiheit, die Eigenverantwortung – wir kennen die Argumente zur Genüge. Mir scheint, dem liegt eine Auffassung zugrunde, wonach „Demokratie“ eine Veranstaltung zur Selbstverwirklichung des Individuums darstelle. Alles, was den Interessen dieses Individuums entgegenliefe, wäre demzufolge undemokratisch. Die Idee, dass es darüber hinaus eine zumindest ebenso bedeutende Instanz gebe, nämlich die kollektive oder von mir aus auch die gesellschaftliche – diese Idee erscheint völlig fremd, exotisch, wenn nicht gar bedrohlich. There is no such thing as society.

Es erscheint mir leicht verständlich, wie sich diese Auffassung entwickeln konnte. Seit langer, langer Zeit, eigentlich schon seit 1945 sind wir keiner ernstlichen äußeren Bedrohung unseres Gemeinwesens samt unserer Lebensart ausgesetzt gewesen. Damit konnte tatsächlich der Eindruck entstehen, strenge Maßnahmen, Zwang womöglich gar, seien unnötig und somit unzulässig.

Ich hab’ einmal versucht, dies in Form eines Bildes zu veranschaulichen: Auf einem Boot, das gemütlich auf ruhiger See dahin dümpelt, können sich die Passagiere in ihren Liegestühlen räkeln, sie können über den Kurs des Bootes debattieren und sich über den Kapitän und seine angeblich mangelhaften Fähigkeiten lustig machen, sie können sogar verlangen, dass alle seine Entscheidungen zuerst mit ihnen diskutiert werden. Das macht ja keinen Unterschied. Was aber, wenn Wellengang aufkommt? Womöglich gar Sturm?

Ursprünglich war Demokratie keineswegs primär fürs Individuum gedacht. Es ging um die Regierungsform. Und das hieß: Es ging um Herrschaft, um Macht. Was die Demokratie (so wie wir sie seit 1945 verstanden haben) auszeichnet, das ist die Art und Weise, wie diese Herrschaft organisiert wird. Sie wissen schon: Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Abwählbarkeit der Regierenden und so weiter.

Der Einzelne kam da bestenfalls indirekt vor, indem er oder sie nämlich von den Grundrechten profitierte, von der Rechtsstaatlichkeit schlechthin. Ansonsten hatte er oder sie sich den Gesetzen, den Anordnungen demokratisch gewählter Regierungen zu unterwerfen, und zwar unabhängig davon, ob ihr oder ihm das passte. Auch diese Disziplin, dieser Gehorsam gehören zu den demokratischen Tugenden, anders würde eine Demokratie niemals funktionieren.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich diese Auffassung verständlicherweise verändert; sie musste sich ändern, könnte man geradezu sagen. Das lag eben an den ruhigen, durchwegs erfolgreichen und somit weitgehend problemlosen (oder -armen) Zeiten, durch die wir segelten. Je ruhiger, desto weniger wichtig erschien die staatliche Instanz und damit die Notwendigkeit von Disziplin, von Gehorsam. Und je weniger wichtig sie erschienen, desto mehr trat das Individuum in den Vordergrund. Sichtbares Zeichen waren zunächst die Volksbegehren, die ab den siebziger Jahren ständig zunahmen und an Bedeutung gewannen. Inzwischen sind wir aber schon so weit, dass erregte Demonstranten erbost ihr Recht einfordern, keine Maske zu tragen und andere nächtens im Gasthaus oder tagsüber im Bus nach Belieben anzustecken. Und wir nehmen das als gegeben hin: In einer liberalen Demokratie, heißt es dann, Gefahr für eben diese…

Da stehen wir heute. Nun bläst uns aber plötzlich Wind ins Gesicht. Die strikt individualistische Ego-Demokratie schrammt an der Wirklichkeit: Wir sehen uns einer Bedrohung gegenüber, die quasi von außen kommt, in diesem Falle von der Natur  – genau so wie übrigens die Klimakrise. Seit 1945 sind wir noch nie in einer derartigen Lage gewesen, sie ist also völlig neu. Daher wohl das Gefühl, wir befänden uns an einer Wende (obwohl es auch aus anderen Quellen gespeist wird). Und die Frage ist natürlich, wie die Ego-Demokratie damit fertig wird – wenn überhaupt.

Gelesen

Vor kurzem haben wir hier über den Roman Eva schläft der römischen Autorin Francesca Melandri gesprochen. Inzwischen hab’ ich einen weiteren gelesen, nämlich Alle, außer mir (italienisch Sangue giusto), erschienen 2017.

Es gibt Parallelen zwischen den beiden Werken: allen voran wohl der Stil, auch dieses Mal wieder geradeheraus und zielsicher, ohne jegliche Schnörkel, Pirouetten oder sonstige Attitüden (lediglich die deutsche Übersetzung könnte in diesem Falle kritisiert werden). Die Geschichte, die da erzählt wird, steht stets im Vordergrund. Das macht diesen Roman genau so fesselnd wie den früheren.

Außerdem handelt es sich wieder um eine Familiengeschichte, wenngleich mit einer interessanten Variante. Und auch dieses Mal ist das Schicksal der Familie verwoben mit Geschichte, mit Politik. Es geht um Abessinien, wie’s damals hieß, also um Äthiopien, und im Besonderen um den Krieg (1935–36), mit welchem das faschistische Italien seine Herrschaft in dem Lande errichtete. Und beides, Krieg samt anschließender Herrschaft, zeichneten sich durch schockierende Brutalität von Seiten der Italiener aus – dass sie Giftgas einsetzten, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein, aber das war noch lange nicht alles.

Francesca Melandri schildert solche Grausamkeiten, solche Massaker kaltblütig und anschaulich – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Mir scheint, sie tut das in der Absicht, ihre Landsleute zum Hinschauen zu zwingen, zum Wahrnehmen. Inwieweit das in Italien bereits erfolgte, oder inwieweit das schockierend wirkt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der pater familias im Roman, Attilio Profeti, scheint seine Taten jedenfalls weitgehend vergessen zu haben, zumindest nach außen hin. Seine Lebensgeschichte steht im Zentrum der Erzählung.

Natürlich kommt noch mehr zur Sprache: das Rom der Gegenwart zum Beispiel; Liebe in ihren verschiedenen Formen, geglückt oder vergeblich; die geradezu atemberaubende Korruption von Politik und Verwaltung; sowie Migration, illegal wie legal. Insofern handelt es sich um eine Erzählung der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit.

Empfehlenswert? – Ja, keine Frage. Packend geschrieben, und man lernt eine Menge (sofern einem daran gelegen ist).

Francesca Melandri, Alle, außer mir, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen (München: btb Verlag, 2020).

Besprechung Eva schläft

Mensch, gehn mir die Konträren auf die Nerven!

Man soll nicht emotional werden, immer schön sachlich und ruhig argumentieren. Einverstanden. Trotzdem – einmal, so hat Peter Michael Lingens einst im profil geschrieben, einmal hat selbst der Chefredakteur das Recht, ins Blatt zu kotzen. Da ich weder Chefredakteur bin noch für eine Zeitschrift wie’s profil schreibe, wird’s hier nicht ganz so schlimm werden. Aber immerhin –

Ich bin gewiss kein Facebook-Junkie, aber einmal am Tag schau’ ich doch hinein, um zu sehen, was es Neues gibt. Vor allem interessiert mich, was Bekannte, Verwandte, Freunde etc. gepostet haben; und da wiederum besonders ihre Bilder von Wanderungen, Reisen, sonstigen Unternehmungen. Ziemlich unschuldig, also.

Leider gibt’s unter diesen Bekannten, Verwandten, Freunden etc. auch einige wenige, die sich dem Konträren verschrieben haben. Von denen bekomm’ ich jeden Tag mindestens einen Link zu einer Seite, die jetzt endlich die Wahrheit ans Licht bringt, die Fakten; oder ein Video mit derselben Mission.

An sich wär’ das nicht schlimm. Es kann (und soll) jeder seine Meinung sagen. Zu teilen brauch’ ich sie ja nicht, ebenso wenig wie sie die meine. Aber so kommen diese Konträren ja nicht daher. Die knallen mir ihre Funde ins Gesicht, im Ton unerschütterlicher Gewissheit: Da sind endlich die Tatsachen, die Wahrheit, wir kennen sie, du kennst sie nicht und die dumpfe Masse ebenso wenig. Wir (die Konträren) – und nur wir! – besitzen die Einsicht, durchschauen die bösen Ränke. Am schlimmsten wird’s, wenn sie uns leicht süffisant von oben herab fühlen lassen, wie naiv und autoritätsgläubig alle andern doch sind.

Letzthin bekam ich von einem Bekannten auf Facebook ein Video zugespielt, mit dem enthusiastischen Kommentar: Endlich die Fakten! Manchmal, nur manchmal gebe ich einer Schwäche nach und schau mir das an. In diesem Falle begann der Video-Mann – das Licht der Welt, möchte man glauben – seinen Vortrag, indem er sich vorstellte: Inhaber einer Werbeagentur, Journalist.

Wie bitte?

Im zweiten Satz war bereits von einer „neuen Weltordnung“ die Rede. Da wurde ich denn doch stutzig und forschte weiter. Und was, glauben Sie, entdeckten meine leidgeprüften Augen? Rechte Szene, FPÖ, markige Sprüche hart an der Grenze. Früher war da anscheinend auch was mit Wiederbetätigung.

Nun ist schon klar: Dieser Herr könnte durchaus Recht haben. Das hat mit der politischen Einstellung nichts zu tun. Die Frage ist bloß, ob wir ihm das glauben. Meine Wenigkeit bleibt jedenfalls skeptisch, sehr sogar; und das ist kein Vor-Urteil, bitte schön, sondern ein Nach-Urteil, gefällt eingedenk all der Dinge, welche rechts außen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon verzapft wurden.

Was mich freilich mehr beschäftigt: Wie konnte mein Bekannter mir dieses Video samt enthusiastischem Kommentar schicken? Hat er nicht nachgeschaut? Kritisch hinterfragt? Gerade darauf ist er doch so stolz! Aber es ist schon seltsam, nicht wahr, wie die Erkenntnisse und die Zahlen von konventionellen Wissenschaftlern als Propaganda oder gar Lüge beiseite gewischt werden, jene von Konträren hingegen felsenfest geglaubt.

Und das, selbst wenn es sich um eher fragwürdige „Experten“ handelt. Einer, der mir als anerkannter Mediziner und Wissenschaftler angepriesen wurde, erwies sich tatsächlich als solcher – bloß brillierte er auf einem ganz bestimmten Gebiet, nämlich der Sportmedizin.

Sport!

Darüber hinaus vertreibt er Anti-Ageing-Mittel, verspricht sogar Unsterblichkeit (nicht gleich, zugegeben, aber doch bald). In seiner Heimat, den USA, hätte man früher wahrscheinlich von snake oil-Medizin gesprochen.

Ein anderer Experte entpuppt sich als Gynäkologe, ein weiterer als Zahnarzt. Na ja, vielleicht könnte letzterer dem Corona-Virus wenigstens die Zähne ziehen?

Es gibt keine Pandemie, las ich jüngst in einem Kommentar: alles nur Hysterie, Panikmache, klarerweise zu finsteren Zwecken. Komisch: Die ganze Welt von Brasilien über die USA, Großbritannien und Europa bis nach Russland ringt mit dem, was die WHO als Pandemie definiert hat – nur unser Kommentator an seinem Bildschirm hier in seiner Wohnung in Innsbruck, der weiß es besser. Besser als die ganze Welt!

Aber wie schon gesagt: Möglich wär’s. Möglich wär’ allerdings so ziemlich alles, theoretisch zumindest. Die Frage muss daher sein: Für wie wahrscheinlich halten wir’s? Darauf  mögen die Leserin, der Leser selbst eine Antwort finden.

Und wie ebenfalls schon gesagt: Jeder, jede kann seine oder ihre Meinung haben und selbige auch sagen. Kein Problem. Bloß verschone man mich bitte mit der Heuchelei, Meinungen so zu präsentieren, als handle es sich um Tatsachen, samt all der zugehörigen Besserwisserei und süffisanten Herablassung.

Das nervt!

Gelesen / Just read

Damals, als wir so hitzig über den Vietnam-Krieg diskutierten, da dachten wir nie an die Soldaten der anderen Seite: jene in der NVA, der nordvietnamesischen Armee; die einfachen Soldaten, meine ich, die armen Frontschweine. Enthusiastische Studenten nahmen wahrscheinlich an, sie erfüllten allesamt glücklich ihre Pflicht, mit anti-imperialistischen und proletarischen Parolen auf den Lippen. Das so was Blödsinn sein musste, kam uns, ehrlich gestanden, nicht in den Sinn. Aber Krieg ist Krieg, immer, und besonders auf der untersten Ebene: bei den grunts, wie die Amerikaner zu sagen pflegten.

Ich wurde zum ersten Mal aufmerksam auf die andere Seite dank einer Bemerkung in dem Buch 80 Tage in der Hölle der italienischen Reporterin Oriana Fallaci. Da erwähnt sie nämlich das Tagebuch eines nordvietnamesischen Soldaten, in welchem die erbärmlichen Bedingungen deutlich wurden, unter denen diese Männer und Frauen lebten und kämpften. Man sollte ja nicht vergessen – obwohl wir auch dies taten –, dass der Krieg von den Nordvietnamesen zum Teil völlig konventionell geführt wurde, mit Regimentern und Divisionen, die gegen amerikanische Feuerkraft anrannten – zumeist erfolglos. Alleine bei der vergeblichen Belagerung von Khe Sanh (Jänner–Juli 1968) sollen bis zu 10.000 Nordvietnamesen gefallen oder verwundet worden sein (die Angaben variieren ganz gewaltig). Aber das hielt die nordvietnamesische Führung nicht davon ab, genau so weiter zu machen. Ein bisschen erinnert das an den Ersten Weltkrieg. General Giap, so scheint’s, war doch nicht ganz das militärische Genie, als welches ihn skandierende Studenten priesen.

Das bleibende Dokument dieser nordvietnamesischen Soldaten, besonders in der westlichen Aufmerksamkeit, dürfte der Roman The Sorrow of War von Bao Ninh sein. Er ist 1991 in Hanoi erschienen. Der Autor wurde 1952 geboren – meine Generation. Seine Erfahrungen sind freilich total anders. In seiner Erzählung geht es nämlich nicht bloß um den Krieg, um das, was er als Frontsoldat erlebt und durchgemacht hat, es geht ebenso um sein Leben – und seine Liebe – davor und danach. Alles, aber schon gar alles ist belastet durch das Leiden des Krieges (so der deutsche Titel). Zu sagen, der Erzähler sei traumatisiert, greift zu kurz. Er hat den Krieg zwar überlebt, als einziger seiner Einheit, aber dieser Krieg hat sein Leben nachhaltig zerstört.

Von Politik, von Ideologie ist praktisch nie die Rede. Ob sie vom Autor absichtlich ausgeklammert wurde oder ob dies die Wirklichkeit in Hanoi widerspiegelt, das wissen wir nicht. Bemerkenswert ist immerhin, dass der Roman überhaupt erscheinen durfte; denn ein heroisches Bild zeichnet er gewiss nicht. Aber wie auch immer – entscheidend ist vor allem, dass der Schrecken des Krieges hier hauptsächlich nachher wirkt, in der Erinnerung, in Albträumen, im Alkoholismus. Das kennen wir von amerikanischen Veteranen nur zu gut. Arme Schweine alle zusammen.

Empfehlenswert? – Unbedingt.

In our heated debates about the Vietnam War long ago we never thought of the soldiers on the other side: those in the NVA, the North Vietnamese Army; I’m talking about the ordinary soldiers, the riflemen in their foxholes. Enthusiastic students probably assumed that they were all happy to do their duty, chanting anti-imperialist and proletarian slogans. Quite honestly, it never occurred to us that this had to be nonsense. War, after all, is war, always the same, especially at the lowest level: the grunts, as the Americans used to say.

I first became aware of the other side thanks to a remark in the book Nothing and Amen by the Italian reporter Oriana Fallaci. She mentions the diary of a North Vietnamese soldier highlighting the pitiful conditions in which these men and women were living and fighting. It should not be forgotten – although of course we did – that on the North Vietnamese side the war was partly fought in a completely conventional way with regiments and divisions attacking American firepower – mostly unsuccessfully. In the futile siege of Khe Sanh alone, January–July 1968, up to 10,000 North Vietnamese are said to have been killed or wounded (the figures vary enormously). But that did not stop the North Vietnamese leadership from continuing in exactly the same vein. It evokes faint memories of World War I. General Giap, it seems, was not quite the military genius that students chanting Communist slogans made him out to be.

The lasting memorial for these North Vietnamese soldiers, especially from a Western perspective, could be The Sorrow of War, a novel by Bao Ninh. It was published in Hanoi in 1991. The author was born in 1952: my generation, although his experiences were, of course, totally different. His story is not just about the war, about what he experienced and what he suffered as a front-line soldier; it is also about his life – and his love – before and after. Everything, absolutely everything is overshadowed by the Sorrow of War. To say that the narrator is traumatised might be an understatement. He may have survived the war as the only one of his unit, but his life has been destroyed permanently.

There is practically no mention of politics or ideology. We do not know whether the author deliberately excludes these aspects or whether this reflects life in Hanoi. What is remarkable, however, is that the novel was allowed to appear at all; for it certainly does not paint a heroic picture. In any case, the most impressive aspect may be that the horror of war is mainly felt in retrospect: through memories, nightmares, alcoholism. American veterans have displayed the same symptoms, as we know only too well. Poor bastards all of them.

Recommended? – Absolutely.

Bao Ninh, The Sorrow of War: A Novel, English version by Frank Palmos (London: Secker & Warburg, 1994). Ich hab’ die Minerva Taschenbuchausgabe aus demselben Jahr verwendet. Deutsch: Die Leiden des Krieges (Halle/Saale: Mitteldeutscher Verlag, 2014).

Gelesen

Francesca Melandris Roman Eva schläft erschien bereits 2010; taufrisch ist er also nicht mehr. Ob er hier bei uns gelesen wurde, beachtet, diskutiert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich im Web gefunden habe, das ist eine Rezension von Helmuth Schönauer. No na, ist man fast versucht zu sagen, denn was hat unser Meisterrezensent eigentlich nicht gelesen und besprochen? Die Lektüre- und Besprechungsleistung, die er in seinem Berufsleben hingelegt hat, müsste eigentlich rekordverdächtig sein. Mir ringt sie mundoffenstehende Bewunderung ab.

Aber darum soll’s hier natürlich nicht gehen. Das Bemerkenswerte an dem Roman ist der Umstand, dass er von einer Italienerin verfasst wurde, dass er jedoch von Südtirol handelt. Den Rahmen bildet eine Zugfahrt durch die gesamte Länge des italienischen Stiefels. Die Kapitelüberschriften sind zur Hälfte denn auch Kilometerangaben, zur anderen Hälfte Jahreszahlen, denn die Erzählung verquickt eine Familiengeschichte mit Politik, mit Historie. Das reicht vom Ende des Ersten Weltkriegs über Italienisierung, Abessinienkrieg, Option, Zweiten Weltkrieg und Nazi-Herrschaft bis herauf zu den Bumsern und schließlich zur Streitbeilegungserklärung.

Solche halb historischen, halb privaten Romane bringen freilich eine Gefahr mit sich: Dass die Charaktere nur noch Repräsentanten sind für geschichtliche oder politische oder auch soziologische Phänomene, nach der Methode: „So eine Figur brauchen wir auch noch“, also hinein damit und kräftig umgerührt. Fernsehserien werden auf diese Art und Weise produziert – und Melandri hat derlei Drehbücher geschrieben.

Kann ihr Roman mehr bieten? Handelt es sich wirklich um einen Roman, nicht nur um illustrierte Geschichte? Nun, meine spontane Reaktion wäre zu sagen: Ja, er ist mehr. Ich möchte aber vorsichtig sein. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich ein endgültiges, haltbares Urteil erst nach einiger Zeit herausbildet. Vorläufig werde ich mich also meiner Stimme enthalten. Was man aber zweifellos sagen kann, ist dies: Melandri schreibt mitreißend, das Buch ist spannend zu lesen von Anfang bis zum Ende, ohne die geringste Verschnörkelung und Affektiertheit, wie sie bei einem solchen Thema in der österreichischen Literatur leider zu befürchten wären.

Was die Familiengeschichte betrifft, handelt sie von einer ärmlichen deutschsprachigen Familie – man ist versucht, sie im Raum Bruneck anzusiedeln. Im Mittelpunkt steht Gerda, die sich als Köchin in einer feindseligen Umwelt durchschlagen muss. Ihr uneheliches Kind ist Eva, also jene, die schläft, und die zugleich als Erzählerin der ganzen Geschichte fungiert. Die Bahnfahrt dient dazu, nach langen, langen Jahren ihren Stiefvater wiederzusehen, ein letztes Mal vor seinem Tod – denn dieser kalabresische Carabiniere war ihr eigentlicher Vater, liebend und geliebt.

Mehr braucht hier nicht verraten zu werden. Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Einer kurzen Anmerkung entnehme ich, dass sie 15 Jahre in Südtirol/Alto Adige gelebt habe. Was sie weiß, was sie recherchiert hat, das erscheint mir erstaunlich treffsicher. Wenn irgendwelche Details benörgelt werden, so sind sie völlig irrelevant. Das Thema an sich, die Perspektive – die dürften doch höchst bemerkenswert sein, eine bewundernswerte Leistung in diesen Zeiten des wieder aufkommenden Nationalismus.

Empfehlenswert? – Ganz ohne Zweifel: Ja. Wie schon gesagt, ein Buch, das man frisst, nur ungern niederlegt, ehe man zum Schluss gelangt.

Francesca Melandri, Eva schläft, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (Berlin: Verlag Klaus Wagenbach,  Taschenbuch 7. Aufl. 2020). Erstmals erschienen 2010.

Besprechung Alle, außer mir