You can talk to the barrel of my gun

[for an English version see below]

J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Das Buch kam 2016 heraus, im Sommer jenes Jahres führte es die eine oder andere Bestseller-Liste an. Der Grund war klar: Das war jenes Jahr, in dem Donald Trump überraschend zum Präsidenten der USA gewählt wurde, und der Titel versprach eine Antwort – oder doch zumindest Teil-Antwort – auf die Frage, wer ihm wohl so ergeben folgte, und aus welchen Gründen.

Vance stammt aus einer so genannten Hillbilly-Familie. Ob sie typisch ist oder nicht, das muss dahingestellt bleiben. Die Hillbillies sind nicht bloß Hinterwäldler, wie der Begriff vielleicht übersetzt werden könnte; ursprünglich handelte es sich vielmehr um die Bewohner der bewaldeten Täler in den südlichen Appalachen und den Ozark Mountains. Diese Täler heißen im lokalen Dialekt übrigens holler, abgeleitet von hollow. Es sind die Nachfahren nordirisch-protestantischer Einwanderer, weswegen sie sich selbst als Scots-Irish bezeichnen. In den hollers hatte sich eine eigene Kultur entwickelt. Da lebte viel von der frontier fort: vor allem wohl das Prinzip der Selbstjustiz, und zwar mittels blanker Gewalt. Familienehre geht über alles. Wenn einer deine Mutter beleidigt – und sei’s nur durch das alltägliche Schimpfwort „son of a bitch“ – dann gibt’s nur eins: zuschlagen; unter Umständen bis zum Totschlag. Ein Bruder der Großmutter zwang einst einen Mann, der eine anzügliche Bemerkung über ihre Unterhosen gemacht hatte, ein Exemplar selbiger zu verspeisen – wortwörtlich. Und diese Großmutter beendet später einen Streit mit ihrer Tochter kurz und bündig: „you can talk to the barrel of my gun“.

Doch hat diese Kultur auch Schwächen, und je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher treten sie zutage. Vor allem dann, wenn die Kultur verpflanzt wird: Ab den dreißiger Jahren ziehen immer mehr Hillbillies nach Norden, wo riesige Industriewerke Arbeitsplätze bieten, gut bezahlte noch dazu. Eine regelrechte Migration entwickelt sich, der Hillbilly Highway. Die Familie von J. D. Vance kommt so von Jackson, Kentucky nach Middletown, Ohio, Standort der Armco Stahlwerke. Zwar bildet sich auch dort so etwas wie eine Hillbilly-Diaspora, aber es ist doch nicht dasselbe wie in den hollers. Die Migranten trauern ihrer Heimat nach, kehren zu Besuchen zurück, so oft es nur geht.

Die Industriewerke bieten gut bezahlte Arbeitsplätze fürs Leben, außerdem fördern sie die Kommunen, sponsern dieses und jenes – ein Verhältnis, wie es sich im Laufe der Jahrzehnte in wechselhaftem Schicksal und heftigen Arbeitskämpfen herausgebildet hat. Bloß ändert sich das seit den siebziger Jahren immer deutlicher, immer rascher. Die Löhne sinken, Arbeitsverhältnisse werden prekär, schließlich werden Betriebe geschlossen, wandern ab. Arbeitslosigkeit macht sich breit, ohne Hoffnung auf baldige Besserung.

Die Kultur der Hillbillies hat dem, glaubt man der Schilderung von J. D. Vance, wenig entgegenzusetzen. Die Großeltern, Mamaw (die mit dem barrel) und Papaw, lassen sich zwar nicht scheiden, leben aber getrennt, hauptsächlich wegen seines (inzwischen überwundenen) Trinkens mit anschließender Gewalttätigkeit. Ihre Tochter, die Mutter von J. D. – mom – schafft es nicht, eine funktionierende Familie aufzubauen und zu erhalten. Die Partner gehen ein und aus, dem Jungen erscheint es wie durch eine Drehtür: revolving door Dads. Sie verfällt ebenfalls dem Alkohol, später nimmt sie Drogen. Und dann neigt auch sie dazu, gewalttätig zu werden.

Die einzigen, die sich der Kinder annehmen und ihnen eine gewisse Stabilität gewähren, sind Mamaw und Papaw. Besonders Mamaw bemüht sich, die Familie zusammen zu halten, sie zu schützen. Später meint ein Bekannter, J. D. brauche sich nicht vor den Ausbildnern im berüchtigten boot camp der Marineinfanterie zu fürchten: die seien zwar mean, aber nicht so mean wie Mamaw.

Vance betont immer wieder, wie wichtig dieser Rückhalt durch seine Großeltern gewesen sei – nur so konnte er die High School einigermaßen anständig abschließen und nach einer vierjährigen Militärdienstzeit an die state university gehen, von wo aus er einen Platz in Harvard ergattert. Seine Geschichte ist somit auch eine amerikanische Erfolgsstory. Leider muss ich gestehen, dass ich diese, besonders gegen Ende, nur mäßig interessant fand. Denn wenn’s einer trotz aller Hindernisse schafft, Applaus Applaus! – dann folgt daraus doch, dass es so viele andere nicht geschafft haben, nicht schaffen. Ich kann mir nicht helfen, aber mich interessieren diese Vielen, nicht die Handvoll Erfolgreicher im Rampenlicht.

Vance kritisiert die Arbeitsmoral der Hillbillies. Er beobachtet gleichzeitig die berühmt-berüchtigte poverty trap: Wie also der Zustand eintritt, in dem ein Wohlfahrtsempfänger besser dran ist, wenn er nicht arbeitet, sondern weiterhin Unterstützung erhält. Wenn der Staat eingreift, so schreibt er einmal, so schade das mehr als es nützt. Vance setzt auf individuelle Anstrengung. Für ihn, eingedenk seiner Geschichte, mag das verständlich sein, aber dass es allgemein nicht ausreicht, dafür liefert sein eigenes Buch ausreichend Belege. Trotzdem wirkt es ernüchternd – und zwar zu Recht: Was kann getan werden? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Die Verhaltensweisen von Menschen zu ändern, ihre Kultur, braucht es nicht bloß materielle Impulse – ordentliche Arbeitsplätze zum Beispiel – sondern wahrscheinlich auch viel Zeit, viel Geduld.

Womit wir bei der leidigen Trump-Frage wären. Wie gibt’s das, dass diese verarmten Hillbillies einen verwöhnten Multimillionärs-Erben wählen? Wie gibt’s das, dass diese Leute, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, einer Partei treu sind, die von Eigenverantwortung schwafelt? (Ganz allgemein, so hab’ ich früher einmal gelesen, gewinnen die Republikaner in jenen Bundesstaaten am meisten Stimmen, in denen die meisten Sozialhilfen ausbezahlt werden.) Vance liefert zwar auch keine Antwort, immerhin aber ein paar Hinweise. Wenn seine Hillbillies Obama abgelehnt hätten, so schreibt er einmal, habe das keineswegs am Rassismus gelegen; vielmehr habe Obama, der selbst Vorurteil und Benachteiligung überwinden musste, vor Augen geführt, was möglich wäre und wo sie, die Hillbillies, ständig scheitern, versagen. Ein Erbe – reiner Glücksfall! –, ein Macho, foul-mouthed, der musste ihnen viel mehr zusagen.

Empfehlenswert? – Bin mir nicht sicher. Ich hab’ das Buch zweimal gelesen, das letzte Mal sehr intensiv, aber irgendwie bin ich immer noch verwirrt. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist die Besprechung deshalb so lange geworden.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016)
J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Published in 2016, the book topped a couple of bestseller lists during the summer of that year. The reason was obvious: that was the year Donald Trump was unexpectedly elected president of the USA, and the title promised an answer – or at least a partial answer – to the puzzling question of who his devoted followers might be and what might motivate them.

Vance comes from a so-called hillbilly family; impossible to say whether they are typical or not. Originally hillbillies were the inhabitants of the wooded valleys in the southern Appalachians and the Ozark Mountains. These valleys, by the way, are called holler in the local vernacular, derived from hollow. The locals are descendants of Northern Irish Protestant immigrants, which is why they call themselves Scots-Irish. In the hollers, they developed their own specific culture. In a way, the frontier lived on: above all, the principle of self-administered justice, often by means of sheer violence. Family honour is paramount. If someone insults your mother – even if it’s only indirectly by an everyday insult like “son of a bitch” – there’s only one thing to do: beat him up, even if it ends in manslaughter. Vance’s grandmother’s brother once forced a man who had made a lewd remark about her pants to eat one of them – literally. And grandmother later ends an argument with her daughter quite brusquely: „you can talk to the barrel of my gun“.

However, this culture also has its weaknesses, and the more time passes, the more they make themselves felt. Especially when the culture is transplanted: from the 1930s onwards, more and more Hillbillies are moving north where huge industrial plants offer jobs, and well-paid ones at that. A veritable migration develops, the Hillbilly Highway. J. D. Vance’s family move from Jackson, Kentucky to Middletown, Ohio, the site of the Armco steelworks. Although something like a hillbilly diaspora is forming there, it is not the same as in the hollers. The migrants never get over the loss of their native lands, returning for visits as often as they can.

The industrial plants offer well-paid jobs for life, and they also support the communities, sponsor this and that – a relationship that has developed through decades of changing fortunes and fierce labour disputes. But in the 1970s, things start to change more and more rapidly and more and more profoundly. Wages are falling, jobs become precarious, and finally companies are closing down and moving away. The number of unemployed keeps growing, with no hope of improvement in the near future.

If one believes J. D. Vance’s account, the Hillbillies’ culture is helpless in the face of such challenges. His grandparents, Mamaw (the one with the barrel) and Papaw, have not divorced but live separately, mainly due to his drinking (given up in the meantime), invariably followed by bouts of domestic violence. Their daughter, J. D.’s mother – mom – fails to build and maintain a functioning family. Her partners come and go; to the boy, they seem like “revolving door Dads”. Mom also succumbs to alcohol, later she turns to drugs. And then she too tends to become violent.

The only ones who take care of the children and grant them some stability are Mamaw and Papaw. Mamaw in particular tries to keep the family together and to protect them. Later, an acquaintance tells J. D. not to be afraid of the instructors at the notorious Marines boot camp: they are mean, he says, but not as mean as his Mamaw.

Vance emphasises repeatedly how important the support by his grandparents was – the main reason why he managed to graduate from high school with a decent degree and, after four years of military service, go to state university, from where he manages to get a place at Harvard Law School. His is thus an American success story. Unfortunately, I have to admit that I found it only moderately interesting, especially towards the end. After all, when someone succeeds despite all those obstacles, applause applause! – then it follows that so many others have not made it and are still not making it. I can’t help but I have to confess that I’m only interested in the majority, not the handful of successful people in the limelight.

Vance criticises the work ethics of these hillbillies. At the same time he observes the infamous ‘poverty trap’ first hand: when people are better off receiving support rather than doing paid work. When the state intervenes, he concludes, it does more harm than good. Vance puts his trust in individual effort. For him, with his background and personal history, this may be understandable; however, his own book provides ample evidence that it isn’t enough. Nevertheless, what he says has a sobering effect – and rightly so: What can be done? In the end, the question remains unanswered. Changing people’s behaviour, their culture, requires not only material impulses – decent jobs for example – but probably also a lot of time, a lot of patience.

Which brings us to the vexed Trump question. How can it be that these impoverished hillbillies elect a spoiled multimillionaire heir? How is it that these people who can’t get a grip on their own lives are loyal to a party that is prattling on about personal responsibility? (I seem to have read somewhere that generally speaking, the Republican Party does best in those states where most social support is paid out). Vance doesn’t provide an answer either, but at least he gives a few clues. If his Hillbillies rejected Obama, he writes at one point, it was by no means a question of race; rather, Obama, who himself had to overcome prejudice and disadvantage, showed what was possible and how they, the Hillbillies, were constantly failing. An heir – pure luck! –, a macho, foul-mouthed: not surprisingly, such a man appealed to them much more.

Recommended? – I’m not sure. Having read the book twice, the second time very intensely, I’m still confused. And I can’t even say exactly why. That’s probably the reason why the review is so long.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016).

 

Pilgerreise in die Sowjetunion

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland

Im Herbst und Winter 1926 bereiste Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung die damalige Sowjetunion. Die Reise führte ihn von Lemberg in der Ukraine über Moskau und Leningrad bis nach Astrachan am Unterlauf der Wolga. Seit den großen Revolutionen waren gerade einmal neun Jahre vergangen, die Wunden des Bürgerkriegs lagen offen zutage. Noch galt im Lande die Neue Ökonomische Politik, wenngleich sie sich bereits dem Ende zuneigte. Stalin zog die Fäden in der Partei und im Staate, wir wissen heute, was er im Sinn hatte. Joseph Roth wusste es nicht.

Reisen in die Sowjetunion glichen Pilgerfahrten, so eine Art Hadsch für westeuropäische Intellektuelle. Das Sowjetsystem vereinigte große Hoffnungen auf sich: ein radikaler Neuanfang, so glaubte man – wollte man glauben –, alles würde anders werden, die Befreiung des Menschen, weltweiter Friede. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschien das nur zu verständlich.

Manche ließen sich vom Augenschein bestärken, verschlossen die Augen vor der Realität (oder kehrten ihr überhaupt den Rücken, so wie Brecht). Roth reiste wohl auch mit der Absicht in die Sowjetunion, begeistert zu sein. Es finden sich genug Beobachtungen, genug Passagen, die davon zeugen. Das geht so weit, dass er sogar von der Religionsfreiheit schwärmt; Gott lebe in der Sowjetunion wie Gott in Frankreich, meint er einmal.

Man braucht aber nicht weit zu lesen, bis man merkt, dass da etwas nicht stimmt – in der beobachteten Realität nicht, und ebenso wenig in Roths Reportagen. Für mich war’s interessant festzustellen, dass Roth unter anderem die Schäbigkeit, die Trost- und Freudlosigkeit des Lebens, des Alltags bemängelt. Eben dies hat mich mehr als fünfzig Jahre später nämlich ebenfalls bedrückt: keine Freundlichkeit, kein Lächeln, keine Fröhlichkeit. Das ist natürlich schrecklich oberflächlich, klar, aber ich glaubte – ebenso wie Joseph Roth –, dass sich da eine tiefer liegende Malaise manifestierte. Woher sie kam, welcher Art sie war, das konnte ich ebenso wenig wie Roth einfach und schlüssig benennen.

Ein Pilger also, den der Augenschein nicht zu überzeugen vermochte, ganz im Gegenteil. (Der berühmteste dieser Spezies dürfte André Gide gewesen sein.) Roth sei als überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und kehre als „Royalist“ in den Westen zurück, meinte Walter Benjamin, der den Autor in Moskau traf. Wie’s scheint, wandte sich Roth in der Folge von der Utopie ab und der Vergangenheit zu, wie er sie nicht lange danach im Radetzkymarsch (erschienen 1932) verarbeiten sollte.

Empfehlenswert? – Also, bei aller Wertschätzung für Joseph Roth, ich würde doch zögern. Es braucht wohl das Interesse eines Spezialisten, sei’s für Joseph Roth, sei’s für die seinerzeitige Auseinandersetzung rund um Kommunismus und Sowjetunion.

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, hg. und mit einem Nachwort von Jan Bürger (München: C. H. Beck textura, 2015).

Glauben

Es ist schon einige Zeit her, da ging’s mir gar nicht gut, und so fand ich mich in der Ordination eines Facharztes wieder. Der stellte mir zu Beginn der Untersuchung eine Menge Fragen, wie das so üblich ist.

„Ich glaub’ schon“, antwortete ich auf eine davon.

„Glauben tut man in der Kirche“, schnappte er zurück.

Na ja.

Bloß wiederholte sich das einige Male, und da riss mir in meinem angeschlagenen Zustand denn doch die Geduld.

„Hören S’ auf“, fuhr ich ihn ungewöhnlich heftig an, „vom Glauben versteh’ ich mehr wie Sie.“

Was ihn trotz seines forschen Auftretens stutzen ließ; mein Tonfall vermutlich mehr als meine Worte.

Aber es stimmte schon: Übers Glauben hatte ich sicher mehr nachgedacht als er. Als Autor eines einschlägigen Buches (Nicht zu glauben, 2006) wird man hierzulande ja dauernd in Diskussionen verstrickt. Und da kommt ein Argument so sicher wie’s Amen im Gebet:

„Sie glauben doch auch. Alle glauben wir.“

Gemeint ist damit der Glaube an die Wissenschaft. Wenn die Physik sagt, Materie bestehe aus Molekülen und die wieder aus sausenden Atomen, dann müssen wir das glauben. Wissen tun’s die wenigsten unter uns.

Und gemeint ist damit weiters: Wenn wir an sausende Atome glauben, dann können wir genau so gut an die Dreifaltigkeit glauben, an die Transsubstantiation, oder an den Papst und die Bischöfe und die Unauflöslichkeit der Ehe, kurz: an die ganze katholische Theologie.

Letzteres ist natürlich eine intellektuelle Abkürzung, ein Kurz-Schluss, das ist leicht zu sehen. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Glauben an sich. Übersehen wird da – geflissentlich? –, dass wir das Wort glauben in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Ich hab’ bisher mindestens vier ausgemacht.

Erstens der Glaube im religiösen Sinne: Der verlangt von uns, auch noch das Unwahrscheinlichste zu glauben, selbst wenn’s nicht die geringste Evidenz gibt. Man spricht vom sacrificium intellectus.

Dann gibt’s zweitens den Glauben, den wir der Naturwissenschaft entgegenbringen, der Technik und der Medizin. In diesem Falle ist der Glaube jedoch gut abgesichert durch Erfahrungswerte. Wir haben gelernt, dass die Voraussagen in solchen Disziplinen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eintreffen. Unser tägliches Leben baut darauf auf: Wir leben im dritten Stock eines Wohnhauses, welches normalerweise nicht zusammenbricht; wir fahren mit dem Bus; wir überqueren in selbigem eine Brücke – und so weiter, und so fort. In all diesen Fällen steht der Glaube keineswegs im Widerspruch zur Vernunft, ganz im Gegenteil: Es wäre ausgesprochen unvernünftig, nicht zu glauben!

Im Alltag bestätigt sich das auf eine weitere Weise: Denn unser Zusammenleben beruht ebenfalls auf sehr viel Glauben. Wenn ich jemanden anrufe und ein Treffen um drei Uhr nachmittags im Café Katzung ausmache (natürlich vor oder nach Corona), dann glauben wir einander. Warum? Ganz einfach: aufgrund unserer Erfahrung, nicht nur miteinander, sondern mit so vielen anderen Menschen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

Wie vernünftig dieser Glaube ist, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Irgendwo im Hinterkopf, ganz klein und ganz versteckt, kalkulieren wir trotz allem die Möglichkeit ein, dass etwas schief gehen könnte, ja sogar – im Falle eines bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Menschen – die Möglichkeit einer Unehrlichkeit. Die mag uns vielleicht überraschen, aber erschüttern wird sie uns nicht. Und warum? Aufgrund der Erfahrung.

Aktuell handelt es sich um eben diese Art des Glaubens, wenn wir uns mit Konträren streiten: welchen Quellen, welchen Autoritäten wir glauben sollen, und welchen nicht.

Um die Aufzählung zu vervollständigen, seien zwei weitere Bedeutungen des Wortes glauben angeführt: Nämlich drittens als Vermutung – „Ich glaub’, ich hab’ mir einen Schnupfen geholt.“ In diesem Sinne hab’ ich das Wort bei unserem Herrn Doktor verwendet. Viertens gibt es noch den Glauben an Werte. Ich glaub’ zum Beispiel, dass Menschen einander helfen oder sich zumindest das Leben nicht schwerer machen sollen, als es ohnehin schon ist. Das ist keinesfalls selbstverständlich: siehe unsere Wirtschaftsliberalen. Begründen kann ich meinen Glauben letztlich nicht – es gibt keinen Beweis, höchstens Indizien.

Inzwischen waren die Untersuchungen an ihr Ende gekommen.

„So“, sagte der Herr Doktor, „jetzt schicken wir Sie noch zum CT, dann sehen wir weiter.“

„Glauben S’?“, lag es mir auf der Zunge zu fragen.

Aber das hab’ ich mir dann doch verbissen.

 

Das Empire auf dem Rückzug

[for an English version see below]

Jan Morris, Farewell the Trumpets

Fast hätt‘ ich’s vergessen – ich schulde ja noch den dritten Teil jenes Triptychons, welches Jan Morris gemalt hat, wenngleich mit Worten: jene Empire-Trilogie, deren ersten beiden Teile hier schon vorgestellt wurden (Links am Ende des Beitrags). Dieser letzte Teil führt uns vom großen Jubiläumsjahr 1897 bis zum Begräbnis Winston Churchills im Jahre 1965.

Nach dem Spektakel anlässlich des 60jährigen Regierungsjubiläums der Königin Viktoria – zugleich Empress of India –, verloren die Briten nach Ansicht von Jan Morris ihren Enthusiasmus fürs Empire. Einerseits stellten humanistische Strömungen daheim den Kolonialismus in Frage; andererseits erschütterten dramatische Ereignisse das Selbstvertrauen der Kolonialherren. Da war zunächst einmal der Zweite Burenkrieg (1899–1902), der beinahe verloren ging, und dann natürlich der Erste Weltkrieg. Der stellte die angebliche Überlegenheit der europäischen Zivilisation in Frage.

Ironischerweise erreichte das Empire eben damals, nach dem Ersten Weltkrieg, seine größte Ausdehnung. Das lag an den Mandatsgebieten, welche Großbritannien im Auftrag des Völkerbundes verwaltete. Dazu gehörte auch Palästina, welches sich freilich zu einem Stachel im Fleisch der Briten entwickeln sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich eben hier, wie sehr der Wille zum Empire geschwunden war: Das Gebiet wurde letztlich aufgegeben, einfach so, um die Lösung der vertrackten Probleme sollten sich andere kümmern.

Das war 1947/48 – eben jene Zeit, welche tatsächlich das Ende des Empires brachte, und zwar ganz wortwörtlich, indem der indische Subkontinent unabhängig wurde, the Indian Empire. Unblutig ging der Prozess freilich nicht vonstatten, wie Briten bis heute behaupten; die Spaltung zwischen Hindus und Moslems forderte vielmehr hunderttausende, wenn nicht Millionen Opfer. Nicht ganz unblutig verlief außerdem der Rückzug aus anderen Kolonien: Malaya zum Beispiel, oder Kenia. Als ich im Alter von sechzehn Jahren zum ersten Mal in England war, sahen wir in den Abendnachrichten Bilder von den Kämpfen im Krater von Aden – so ziemlich der letzte Außenposten east of Suez, sieht man einmal von Rhodesien ab, welches die britische Außenpolitik noch lange belasten sollte.

Das Begräbnis Churchills hab’ ich selbst mitverfolgt, live im Fernsehen. Ein passender Schlusspunkt? Ja, ich denke schon. Noch im Zweiten Weltkrieg hat jemand gesagt, seine Mentalität entspreche der eines Leutnants bei den Husaren. Man denkt sofort an die Schlacht von Omdurman (1898), wo er an der letzten großen Kavallerieattacke der britischen Armee teilgenommen hatte. Die weite, vielfältige Welt der Briten, die wurde mit ihm wohl wirklich zu Grabe getragen. Trotzdem sind ihre Spuren bis heute gegenwärtig – man gehe bloß in jede beliebige Dorfkirche und studiere die Inschriften an den Wänden sowie auf den Grabplatten am Boden. Vor allem aber hat das Empire meiner Beobachtung zufolge tiefe Spuren in der britischen Mentalität hinterlassen. Brexit hat das neuerlich zu Tage gefördert: Dabei geht’s nicht um sentimentale Nostalgie für vergangene Größe, nein – es handelt sich um das Gefühl des British exceptionalism, die tiefsitzende Überzeugung, die Briten seien etwas Besonderes.

Jan Morris ist im November 2020 verstorben, 94 Jahre alt. Ich glaube, sie hat diesen exceptionalism geteilt. Eine gewisse Nostalgie für die Tage, als ein Viertel der Weltkarte rot eingefärbt war, kann sie auf keinen Fall verleugnen (und will’s auch nicht). Politisch korrekt ist sie nicht – im Gegenteil, in diesen ikonoklastischen Tagen könnte sie leicht selbst zur Zielscheibe werden.

Ihr Leben – nun, das ist eine andere Geschichte, für die hier vielleicht später einmal Platz sein wird. Ich hab’ – wie schon einmal erzählt – Jan Morris persönlich erlebt, und zwar beim Literaturfestival Ways With Words in Dartington. Der Auftritt blieb mir in Erinnerung, einfach deshalb, weil da eine so beeindruckende Persönlichkeit sprach.

Empfehlenswert? – Na ja, man muss schon spezielles Interesse für englische Geschichte mitbringen. Ist das der Fall, dann: ja, durchaus.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume?
Das Empire am Höhepunkt
Jan Morris, Farewell the Trumpets

Almost forgot – I still owe the reader Part Three of the triptych painted by Jan Morris, albeit with words: the Empire Trilogy, the first two parts of which have already been introduced here (links at the end of the article). This last part takes us from the great Jubilee of 1897 up to Winston Churchill’s funeral in 1965.

In 1897, Queen Victoria had been on the throne for sixty years. During that time, she had also acquired the title of Empress of India. But according to Jan Morris, British enthusiasm for the Empire began to wane after the Diamond Jubilee celebrations. On the one hand, humanist voices at home started to undermine the colonialist mindset; on the other hand, dramatic events shook the colonial rulers’ confidence. First, there was the Second Boer War (1899-1902), which was almost lost, and then, of course, the Great War, which challenged the supposed superiority of European civilisation.

Ironically, it was precisely then, after the Great War, that the Empire reached its greatest expansion. This was due to the mandated territories that Great Britain administered on behalf of the League of Nations. They included Palestine, which was to become a thorn in the flesh of the Empire. After the Second World War, it became obvious how weak British Imperialism had become: the whole region was eventually abandoned, just like that, the solution to the intricate problems left to others.

That was 1947/48 – the time that literally brought the end of the Empire as the Indian subcontinent became independent: the Indian Empire. The process was not bloodless, as the British like to believe; the separation of Hindus and Muslims claimed hundreds of thousands, if not millions of lives. The withdrawal from other colonies was not entirely peaceful either: Malaya, for example, or Kenya. When I was in England for the first time, at the age of sixteen, we saw pictures of the fighting in the crater of Aden in the evening news – pretty much the last outpost east of Suez, apart perhaps from Rhodesia, which was to weigh heavily on British foreign policy for a long time to come.

I watched Churchill’s funeral live on television. A fitting ending? Yes, I think so. As late as the Second World War, someone remarked that Churchill still thought like a lieutenant in the Hussars. One immediately thinks of the Battle of Omdurman (1898), where he had taken part in the last decisive cavalry charge by the British Army. The wide and varied world of the British, it seems, was really laid to rest with him. Nevertheless, its traces are present even today – just visit any village church and study the inscriptions on the walls and on the gravestones on the floor. But above all, I seem to have observed, the Empire has left deep traces in the British mentality. Brexit has brought them to light again: It hasn’t been inspired by sentimental nostalgia for past greatness, no – but even today, it’s driven by a sense of British exceptionalism: the deep-seated conviction that the British are special.

Jan Morris passed away in November 2020, aged 94. I think she shared that exceptionalism. She can’t deny a certain nostalgia for the days when a quarter of the world’s map was coloured red (and I don’t think she’d want to). Politically correct? Definitely not – on the contrary, in these iconoclastic days she could easily become a target herself.

Her life – well, that’s another story for which there may be time later. As mentioned before, I saw and heard Jan Morris personally at the Ways With Words literary festival in Dartington. I remember her vividly, simply because she was such an impressive person.

Recommended? – Well, you have to have a special interest in English history. If that is the case: then yes, by all means.

Jan Morris, Farewell the Trumpets: An Imperial Retreat (London: Faber and Faber, paperback edn. 2012). First publ. 1978.

The British Empire, I Presume? 
Das Empire am Höhepunkt

Ein raues Leben

Alfons Petzold, Das rauhe Leben

Alfons Petzold (1892–1923) war das, was man als Arbeiterdichter zu bezeichnen pflegte. In seinem Falle traf das sogar in doppeltem Sinne zu: Nicht bloß schrieb er über das Los der Arbeiter im Wien der Jahrhundertwende (vom 19. zum 20. Jahrhundert), er hatte dieses Los selbst geteilt. Eben davon handelt der autobiographische Roman Das rauhe Leben.

Als ungelernter Hilfsarbeiter durchläuft Petzold viele Arbeitsplätze, verrichtet die verschiedensten Arbeiten. Manche sind unerträglich hart oder gesundheitsschädigend, manche sind skurril – so, etwa, wenn er sich neben einem Hund vor einen schweren Karren spannt. Dazwischen erlebt er regelmäßig Perioden der Arbeitslosigkeit und damit Armut. Einmal führt sie ihn zu Obdachlosen, die im Wiener Kanalsystem übernachten und sich von Abfall ernähren – oder gar von erlegten Ratten.

Doch geht’s im Rauhen Leben nicht ausschließlich ums Elend. Da ist auch die Mutter, mit der Petzold eine enge Beziehung verbindet. Ebenso geht’s ums Lesen, die Literatur, es geht um „Höheres“. Politisch findet Petzold nach kurzen Irrwegen zur Sozialdemokratie, der er bis an sein Lebensende treu bleiben sollte.

Petzold schildert die Welt der Arbeiter, der Armen gleichsam von innen, als einer von ihnen. Deshalb ist seine Schilderung so anschaulich, so berührend – aber auch vielfältiger, widersprüchlicher, als es eine Theorie zulassen würde. Er schreibt in einem überraschend klaren Stil: glasklar, ist man versucht zu sagen. Das erinnert an Traditionen der englischsprachigen Literatur. Es macht die Lektüre heute umso spannender. Ähnliches gilt im Übrigen auch für seine Lyrik, die den Großteil seines Werks ausmacht und die ihm wichtiger war als die Prosa. Petzold könnte eine willkommene Ergänzung zu den literarischen Größen jener Zeit darstellen, zu Schnitzler, Zweig, Rilke, Hofmannsthal. Wir lernen eine Menge über das Leben im legendären „Wien der Jahrhundertwende“, dieses Mal allerdings von unten gesehen, von der schmutzigen Unterseite her. Was wir da erfahren, das lässt uns die Kämpfe der Sozialdemokratie erst richtig verstehen: um den Acht-Stunden-Tag zum Beispiel, um die Gesetze zur Lehrlingsausbildung, um Kranken- und Unfallsversicherung.

Und heute? Wir haben geglaubt, die Missstände, welche Petzold schildert, seien behoben, die Ungerechtigkeiten beseitigt, die Unmenschlichkeit gezähmt. Geglaubt, ja – in den siebziger Jahren zum Beispiel, als ich auf der Uni meine Diplomarbeit über Alfons Petzold schrieb. Seither hab’ ich beobachtet, wie die böse alte Zeit Stückchen für Stückchen zurückkehrt. Und immer öfter kam mir Alfons Petzold in den Sinn, und Das rauhe Leben.

Empfehlenswert? – Unbedingt. Buchausgaben sind, wie ich festgestellt habe, wieder erhältlich.

Alfons Petzold, Das rauhe Leben: Roman eines Menschen (Graz: Das Bergland-Buch, 1932). Das Exemplar ist von meiner Großmutter auf mich gekommen. – Eine Neuausgabe erschien 2019 beim Verlag Hofenberg, Berlin. Es dürfte sich allerdings um book on demand handeln, demnach um keinen Verlag im klassischen Sinne.

Wenn die Fahne weht…

Fünf Millionen Euro würden ausgegeben, versprach Bildungsminister Heinz Faßmann im Fernsehen, um Corona-Tests für unsere Schüler anzuschaffen. Die könnten schnell und einfach daheim durchgeführt werden und würden so einen normalen Schulbetrieb ermöglichen.

Verpflichtend?

Nein, beteuerte der Herr Minister eilig, daran sei nicht gedacht.

Und würde das kontrolliert werden, ob die Schüler die Tests durchgeführt haben?

Nein. Reine Freiwilligkeit.

Meine bessere Hälfte heulte ebenso auf wie Ihr werter Berichterstatter. Fünf Millionen für ein Spielzeug!

Denn genau dazu würden die Tests degenerieren. Natürlich.

Es fragt sich, wie man auf solche Ideen kommen kann. Und da sieht man schnell, dass es wieder einmal um die Freiheit geht, die dieser Tage unablässig beschworen wird, sei’s in Diskussionen, sei’s als Parole auf Demonstrationen.

Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Es handelt sich ganz eindeutig um das, was ich als Fahnenwort bezeichne. Ein solches braucht bloß geschwungen zu werden, schon reiht sich alles ein, schon denkt alles im Gleichschritt.

„Wenn die Fahne weht“, pflegte Konrad Lorenz ein ukrainisches Sprichwort zu zitieren, „ist das Hirn in der Trompete.“

In der Tat, ja. Keine Widerrede! Und zwar selbst dann nicht, wenn dieses Fahnenwort in unserer Wirklichkeit, in unserem Alltag eigentlich schädlich wirkt, so wie eben jetzt die Freiheit in unserem Ringen mit der Pandemie.

Aber das hilft alles nichts – wir haben’s mit einem Dogma zu tun. Mit einer Ideologie. Damit hätten wir im Laufe des 20. Jahrhunderts eigentlich genügend Erfahrung sammeln können. Eine Ideologie, so haben wir gelernt, geht zunächst von bestimmten Annahmen aus, die mögen mehr oder weniger realistisch sein (meistens weniger); daraus wird dann ein komplettes Gedankengebäude konstruiert, aus dem heraus schließlich Anweisungen erteilt werden. Bloß haben sich diese Anweisungen inzwischen so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt, dass sie sich in der Praxis kontraproduktiv auswirken. Aber die Ideologen können das nicht mehr ändern: Dazu müssten sie ihre Ideologie aufgeben, ihre Dogmen, und dann wären sie nicht mehr das, was sie sind und was sie sein wollen: dogmatische Ideologen.

Im 20. Jahrhundert haben wir derlei an den Bolschewisten in der Sowjetunion beobachtet. Die konnten bis zum Schluss nicht von der Planwirtschaft abgehen, obwohl sie so offensichtlich nicht funktionierte. Andererseits kann ich mich selbst noch an die Alten Krieger aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, die das mörderische Verhalten der Nazis in der Ukraine beklagten; das habe die Deutschen den Sieg gekostet. (Gut so, dachte ich bei mir.) Dabei konnten die Nazis gar nicht anders! Hätten sie die Bevölkerung in den besetzten Teilen der Sowjetunion wirklich „befreit“, mit Respekt behandelt, zu Verbündeten gemacht, dann wären sie keine Nazis gewesen. Wären sie keine Nazis gewesen, hätten sie die Ukraine nicht erobert. Wahrscheinlich hätten sie von vorneherein gar keinen Krieg angefangen.

Weit hergeholt? – Mag sein. Aber das waren eben jene Beispiele, anhand derer ich gelernt habe, was das ist: das Diktat eines Dogmas.

Beide, Bolschewisten und Nazis, saßen in der Falle ihrer eigenen Ideologie. Und so ähnlich – wenngleich natürlich bei weitem nicht so drastisch! – geht es uns heute mit unserem Liberalismus, mit dem Dogma der Freiheit. In der gegenwärtigen Lage behindert es uns, so wie eben jetzt bei den Selbsttests der Schüler.

Wenn die Fahne weht…

Warum zum Teufel soll ein demokratischer Rechtsstaat nicht anschaffen dürfen? Gesetze erlassen? Verpflichten? Strafen aussprechen? Wenn wir ihm diese Kompetenz nicht mehr zugestehen, dann schaffen wir ihn ab. Wenn wir ihn abschaffen, dann gibt’s auch keine Demokratie mehr. Was an ihre Stelle tritt, das haben wir im 20. Jahrhunderts ebenfalls schon gesehen (siehe oben).

Roosevelt und sein New Deal

[for an English version see below]

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

Unter dem New Deal versteht man üblicherweise jene Maßnahmen, welche Präsident Franklin Delano Roosevelt und seine Administration ab ihrem Amtsantritt im Jahre 1933 ergriffen, um der wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe Herr zu werden, die durch den Wall Street crash 1929 und die folgende Wirtschaftskrise ausgelöst worden war. Und gerade die soziale Erschütterung nahm wirklich katastrophale Ausmaße an: Millionen um Millionen von Arbeitslosen, bis zu einem Drittel aller Arbeitskräfte, welche ohne Unterstützung versuchten mussten, irgendwie zu überleben. Vielen gelang es nicht – sie verhungerten, und das im angeblich reichsten Land der Welt!

Hier versuchte die Roosevelt-Regierung also gegenzusteuern, und zwar mittels eines ganzen Bündels von Maßnahmen. Viele davon wurden von eigens dafür ins Leben gerufenen Körperschaften durchgeführt, wegen ihrer Namen alphabetical agencies genannt: FERA, CCC, WPA, TVA. Nicht alle stießen auf Gegenliebe. Was am meisten erregte, das war die massive Ausweitung der Regierungszuständigkeiten, der Regierungsaktivitäten. Da wurde, wie könnte es anders sein, das Höchstgericht bemüht, und allzu häufig fiel es den Reformbestrebungen in den Arm. Aufhalten konnte es den New Deal letztlich aber doch nicht.

Wozu noch zu sagen wäre, dass Roosevelt selbst offenbar alles andere als ein selbstbewusster, selbstsicherer politischer Führer gewesen zu sein scheint. Zumindest erweckt die Darstellung von William D. Leuchtenburg diesen Eindruck. Er zögerte oft lange, ließ nichts von seiner eigenen Absicht oder Vorliebe erkennen, sei es aus Taktik, sei es, weil er selbst gar nicht sicher war.

Das tat seiner Popularität allerdings keinen Abbruch. Seine fireside chats im Rundfunk sind legendär. Er wurde 1936 wiedergewählt, dann wieder 1940. Letzteres stellte nicht nur eine Sensation dar, sondern einen Tabubruch: „No man is good three times“, hieß es im Wahlkampf. Dessen ungeachtet wurde er 1944 noch ein weiteres Mal gewählt – das liegt allerdings jenseits der Zeitspanne, mit welcher sich das gegenständliche Buch beschäftigt.

Aufrgund seiner Popularität beherrschten die Demokraten nicht nur das House of Representatives, sondern auch den Senat. Das machte den New Deal erst möglich. Allerdings lag dessen Denken, dessen Ansatz so sehr in der Luft – oder vielleicht auch auf der Straße –, dass selbst Republikaner den Präsidenten unterstützten.

Ganz besiegen konnten die Agencies des New Deal weder die Wirtschaftskrise noch die Arbeitslosigkeit, selbst wenn sich die Lage in den USA natürlich drastisch verbesserte. Das wird von forschen Wirtschaftsliberalen heute ins Treffen geführt, um zu zeigen, dass staatliche Interventionen in die Wirtschaft grundsätzlich nichts bringen, vielmehr schaden. Andererseits kann ebenso gut argumentiert werden, dass die New Dealers zu wenig getan hätten. Roosevelt scheute vor konsquentem deficit spending zurück, träumte stets von einem ausgeglichenen Budget.

Wirklich beendet wurden Krise samt Arbeitslosigkeit erst durch den Krieg, besonders durch die rasante Aufrüstung seit dem Kriegseintritt der USA (1941). Auch dies wird als Argument gegen die Interventionen des New Deal herangezogen. Aber was ist ein Krieg, was ist Aufrüstung anderes als ein gigantisches Regierungsprogramm? Was da plötzlich möglich wird an deficit spending, an Wirtschaftsplanung, an Preiskontrollen! Dass viel von dem solcherart Produzierten anschließend verpulvert wird (im wahrsten Sinne des Wortes), das dürfte sich in diesem Falle sogar positiv auswirken. Man erinnert sich an den Vorschlag von Keynes, in einer Krise Geld in alten Bergwerken zu vergraben und Arbeitskräfte dafür zu bezahlen, es wieder auszubuddeln.

Eine deprimierende Erkenntnis bleibt: der unglaublich kleinliche, schäbige Geiz der Reichen, die zwar die Rettung der Wirtschaft in den ersten Tagen der Roosevelt-Amtszeit 1933 dankbar entgegennahmen (three days to save capitalism), dann aber nicht bereit waren, auch nur einen lausigen dime beizusteuern, wenn’s ums Elend der Menschen ging. Ganz im Gegenteil beklagten sie die Eingriffe des New Deal mit den pseudo-philosophischen Phrasen von Freiheit und Liberalismus und so. Das kennen wir heute ja bis zum Übelwerden.

Trotz aller Widersprüche, trotz allen Stückwerks stellte der New Deal eine fundamentale Wende in der Geschichte der Vereingten Staaten dar (und nicht nur dort): Eine völlig neue Sicht von der Rolle des Staates, von seiner Verantwortung. Er war nun bis zu einem bestimmten Maße für die Wirtschaft verantwortlich, vor allem aber konnte er nicht mehr zuschauen, wie es Massen seiner Bürger miserabel erging. Im Prinzip hat sich diese Anschauung bis heute erhalten, obwohl ab etwa 1980 versucht wird, sie zu untergraben. Für uns ist in diesem Zusammenhang noch etwas zu bedenken: Das positive Bild, welches wir nach 1945 von den USA hatten, die Leichtigkeit, mit der die Amerikaner unsere hearts and minds gewannen (und die Heftigkeit, mit der sie uns manchmal enttäuschten) – all das war und ist bloß denkbar aufgrund des New Deal, aufgrund des breit gestreuten Wohlstandes, den er ermöglichte. Das war das Bild, das wir von den Vereinigten Staaten hatten. Insofern gewann der New Deal fast schon globale Bedeutung – na ja, nicht ganz, aber sicher im damals so genannten Westen – und Franklin Delano Roosevelt käme so gesehen beinahe weltgeschichtliche Bedeutung zu.

Empfehlenswert? – Na ja. Man muss schon Interesse an den Details haben, am Hin und Her der politischen und juridschen Prozesse. Ist das der Fall, dann Ja.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).
William D. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal

When Franklin D. Roosevelt assumed office in 1933, he and his administration took urgent steps to counter the severe economic and social crisis triggered by the Wall Street crash four years earlier. That was the beginning of a policy that would become known as the New Deal. The social crisis had indeed taken on disastrous proportions: millions upon millions of unemployed, up to a third of the workforce, and they had to survive without much support, if any. Many did not – they starved, quite literally, in what was supposed to be the richest country in the world.

The Roosevelt administration tried to alleviate the crisis by a whole bundle of measures. Many of these were carried out by specially created bodies known as the alphabetical agencies because of their acronyms: FERA, CCC, WPA, TVA. Not all of them met with approval. The massive expansion of government responsibilities and activities met fierce criticism. Inevitably, the dispute went to the Supreme Court, which did indeed slow down the march of the progressives. In the long run, however, it could not stop the New Deal.

It has to be said that Roosevelt himself seems to have been anything but a self-confident, self-assured political leader. At least, that’s the way William D. Leuchtenburg portrays the man. Roosevelt tended to procrastinate for long periods, hiding his own intentions and preferences partly for reasons of tactics but also because he himself was still vacillating.

None of this diminished his popularity. His fireside chats on the radio have become legendary. He was re-elected in 1936, then again in 1940, which was not only a sensation but definitely broke a taboo: „No man is good three times“, was his opponent’s campaign slogan. Nevertheless, he was elected yet another time in 1944 – but this is beyond the time span covered in this book.

Due to Roosevelt’s popularity, the Democrats dominated not only the House of Representatives but also the Senate, which was another precondition for the success of the New Deal. However, its thinking, its approach seemed to be in the air – or maybe on the streets – so that even Republicans began to support the president.

Not even the agencies of the New Deal were able to completely overcome the economic crisis or the ensuing unemployment, even if the overall situation improved drastically. Brash economic liberals have used the evidence ever since to argue that economic intervention by government is not just useless but downright damaging. On the other hand, it can just as well be argued that the New Dealers did too little. Roosevelt shied away from determined deficit spending, persistently chasing the dream of a balanced budget.

Economic crisis and unemployment were only really ended by the war, especially by rapid rearmament when the USA were drawn into the conflict (1941). This is used as another argument against the central planning by the New Dealers. But then war and rearmament are nothing if not gigantic bouts of government spending. The fact that a lot of it quite literally goes up in smoke might even have a positive effect in this case. One is reminded of Keynes’s proposal to bury money in old mines in a crisis and pay workers to dig it up again.

There is another lesson that endures, although it is rather depressing: the incredibly petty, shabby stinginess of the rich, who gratefully accepted emergency measures for the economy in the first days of the Roosevelt administration in 1933 (“three days to save capitalism”), but then were not prepared to contribute even a lousy dime when it came to alleviating the misery of the masses. On the contrary, they lamented the interventions by the New Deal with pseudo-philosophical phrases of freedom and liberalism and the like. Today, we’re bombarded by such phrases ad nauseam.

Despite all the contradictions and despite all the patchwork, the New Deal represented a fundamental turning point in the history of the United States (and not only there): a completely new view of the role of government, of its responsibility. Suddenly it was even responsible for the economy to a certain extent, but above all it could no longer stand by while masses of its citizens were suffering. In principle, this view has survived until today, although attempts to undermine it have been going on since around 1980. Austrians of my generation should remember one more thing: the way we admired the United States after 1945, the ease with which Americans won our hearts and minds (and the vehemence with which they sometimes disappointed us) – all this has only been possible because of the New Deal, because of the widespread prosperity it engendered. That was the image of the United States we had in mind. In this respect, the New Deal almost gained global significance – well, not quite, but certainly in what was then called the West – and consequently, Franklin Delano Roosevelt may come close to world-historical significance.

Recommended? – Well. Obviously you have to be interested in the details of the New Deal, in the hither and thither of political and legal processes. But if this is the case, then: yes.

William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932–1940 (New York: Harper Perennial, 2009).

Die Anfänge des jüdischen Staates

Tom Segev, Die ersten Israelis

Selbst hier bei uns gab’s seinerzeit so etwas wie einen Israel-Mythos, besonders nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Schon die Gründung des Staates (1948), der Unabhängigkeitskrieg – das alles wurde verstanden als eine Art Wunder, ein Sieg gegen übermächtige Gegner und Umstände, erzielt von einem Staatswesen europäischer Machart, jedoch mit reiner Tugendhaftigkeit. Wir glaubten das, und zwar aus einem einfachen Grund: weil wir’s glauben wollten. Wir hätten wissen müssen, dass es so nicht sein konnte.

Inzwischen hat sich viel getan, wir haben sehr viel Wasser in unseren Wein gegeben, und an unseren Idealismus erinnern wir uns nicht gar so gerne. Der israelische Historiker Tom Segev ist den damaligen Hoffnungen und Enttäuschungen nachgegangen, sechzig Jahre nach der Staatsgründung, nun aber mit Zugang zu Archiven sowie zum Tagebuch des Gründervaters und ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Was er zu berichten hat, ist trotz aller zeitlichen Distanz ein weiteres Mal ernüchternd.

Mit der Ausrufung des souveränen Staates Israel ergab sich sofort und unausweichlich das Problem der arabischen Menschen auf dem neuen Staatsgebiet. Wer sich modernen, sozialistisch inspirierten Gleichheits- und Integrationswillen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Von Anfang an wünschten die führenden Politiker nur eines: dass die Araber verschwinden mögen. In der Vision eines jüdischen Staates konnten sie bloß stören. Kein Wunder, dass kräftig nachgeholfen wurde, um den Wunsch zu erfüllen, auch mit brutalen Mitteln. Trotzdem blieben viele und bildeten eine beträchtliche Minderheit im Lande – ein schwelender Konflikt bis heute.

Nach Ende des Unabhängigkeitskrieges kamen unzählige Einwanderer ins Land. Zunächst wurden sie eifrig angelockt: Israel brauchte dringend Menschen. Doch führte die Masseneinwanderung zu neuen Problemen. Die Neuankömmlinge wurden in Lager gesteckt, ihre Lebensbedingungen spotteten jeder Beschreibung, von Willkommen keine Spur. Das galt besonders für die zahlreichen Einwanderer aus Nordafrika. Hier tat sich eine tiefe kulturelle Kluft auf – wenn nicht gar eine rassistische. Die Aschkenasim, also die europäischen Juden, betrachteten diese Sephardim, wie sie zunächst behelfsmäßig bezeichnet wurden, mit äußerstem Misstrauen, ja sogar Furcht: Denn Israel sollte ein aufgeklärter, sozialer (wenn nicht gar sozialistischer) Staat werden. Wie Tom Segev in seinem Werk über das Jahr 1967 gezeigt hat, sorgten diese Mizrachim – so wurden sie zwanzig Jahre später genannt – immer noch für Spannungen, Ängste, Konflikte.

Weitere Konflikte kamen nach der Staatsgründung hinzu, so etwa mit aggressiven Zionisten, aber auch mit Gewerkschaftern. Dass Israel exponiert war, gefährdet, das war uns allen bewusst; nicht aber, dass es so exponiert war, dass seine Existenz noch lange nicht gesichert erschien, und zwar nicht nur aufgrund äußerer Bedrohung, sondern auch im Bewusstsein seiner Bürger. Ebenso wenig war uns bewusst, wie rücksichtslos, wie machiavellistisch seine führenden Politiker oft dachten.

Es ist mir nicht bekannt, wie Tom Segevs Buch in Israel aufgenommen wurde: Hat man sich an derlei Enthüllungen, an die Entmythisierung inzwischen gewöhnt? Oder erregte es Anstoß, Skandal? Er selbst würde so was wohl aushalten, in Anbetracht jener Werke, die er zuvor schon geschrieben hat und die ihm nationale ebenso wie internationale Anerkennung einbrachten. Dazu zählen etwa das bereits erwähnte 1967 sowie Simon Wiesenthal: Die Biographie (siehe Link am Ende des Beitrags).

Empfehlenswert? – Nun, die Untersuchung ist ziemlich detailliert ausgefallen, für Leser oder Leserinnen hierorts vielleicht ein bisschen zu detailliert, aber trotzdem: Ja, sofern man sich fürs Thema interessiert.

Gelesen: Der Nazi-Jäger

Segev, Tom, Die ersten Israelis: Die Anfänge des jüdischen Staates (München: Siedler Verlag, 2008).

Happy Brexmas

Eben dies wünschte mir einer meiner anglophonen Bekannten zu Weihnachten: „Happy Brexmas!“

Englischer Humor.

Wie die allermeisten Menschen meiner britischen Verwandt- oder Bekanntschaft ist er das, was man als remainer bezeichnet: also jemand, der bei der Volksabstimmung 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hat. Dass ich fast ausschließlich solche Menschen kenne, ist kein Zufall. Die Einstellung zur EU hängt stark von sozialen Faktoren ab, ebenso von regionalen.

Aber darüber ist in den letzten Jahren ausführlich, vielleicht sogar schon erschöpfend geschrieben worden. Inzwischen haben wir’s mit vollzogenen Tatsachen zu tun. Und da stellt sich eine neue Frage: Wie wird sich dieser Brexit wohl konkret auswirken?

Zwei Schulen stehen sich diesbezüglich in der britischen Politik gegenüber. Die eine, selbstsicher vertreten von Boris Johnson himself, von prominenten Kabinettsmitgliedern sowie einem Kreis strammer Tories, sieht Großbritannien befreit von den „Fesseln“ der Europäischen Union (der Ausdruck ist tatsächlich gefallen). Das Vereinigte Königreich habe endlich seine Souveränität zurück erlangt, es könne nun handeln wie es wolle und mit wem es wolle, da winke eine goldene Zukunft, endlich würden die herrlichen Zeiten von früher mit ihrem Wohlstand, ihrem nationalen Stolz wiederkehren. Welche Zeiten da genau gemeint sind, das wurde bisher allerdings nicht gesagt. Sunlit uplands hat Jacob Rees-Mogg, enger Vertrauter von Boris Johnson, im House of Commons versprochen: „lichte Höhen“. (Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass es sich um eine ausgediente Sowjet-Parole handelt.)

Auf der anderen Seite waren und sind sich Experten aller möglichen Provenienz darin einig, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich wirtschaftliche Nachteile bringen werde. Nur über ihre Dimension wird noch diskutiert. Und die „Fesseln“ der EU, die erweisen sich als billiger Propaganda-Schmäh. Ich hab’ das selbst miterlebt – oder besser: mitgehört, im Radio –, und vor etwa einem Jahr hat der Schriftsteller Ian McEwan diese Masche im Guardian empört angeprangert:

Johnson habe den Briten nach dem Brexit eine bessere Sozialpolitik versprochen, der Norden Englands werde endlich besser unterstützt werden, neue Technologien würden das Land zum Blühen bringen. Bloß – so McEwan – wäre kein einziges dieser Vorhaben von der EU behindert worden, sofern es konservative Regierungen ab 2010 ernsthaft hätten betreiben wollen.

Was werden die Briten machen, wenn sie in Brüssel keine Sündenböcke mehr haben?

Aber wie wird’s nun wirklich weitergehen? Welche der beiden Prognosen wird sich als richtig erweisen? Immerhin treten jene mit der rosigen Sicht der Zukunft derart selbstsicher auf, derart unbeirrt, dass sich der Laie kein definitives Urteil zutraut. Da müssen wir also weiter warten. Wenigstens haben wir es nun nicht mehr mit Spekulationen zu tun, sondern mit der Wirklichkeit. Wer Recht hat, das sollte sich über kurz oder lang anhand der Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten erweisen. Das Nationalgefühl, welches dabei möglicherweise ramponiert wird, das wollen wir vorläufig außer Acht lassen.

Wir am Kontinent können uns in dieser Hinsicht zurück lehnen und beobachten. Meine englischen Freunde werden das nicht so entspannt sehen, die sind direkt betroffen: Arbeitsplätze, Inflation – man kennt das.

Happy Brexmas!

Jacob Rees-Mogg, “‘Broad, sunlit uplands’ await the UK”.

Ian McEwan, “Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country's history, is done”, Guardian, 1 February 2020.

Auch das ist London

for an English version see below

Ben Judah, This Is London

Das Buch beginnt, indem Ben Judah, der Autor, am Busbahnhof nahe der Victoria Station in London Ankömmlinge aus Osteuropa beobachtet. Genau das ist das Thema seines Buches. Er folgt ihnen in ihre miserablen, überfüllten Unterkünfte, für die sie natürlich Wucherpreise zahlen; und er folgt jenen, die kein Dach überm Kopf haben und in den Fußgängerpassagen unter Hyde Park Corner übernachten. Diese Lokalität werden selbst Touristen kennen, man kommt dort auf dem Weg vom Buckingham Palace zum Hyde Park vorbei. Ich kann mich jedenfalls gut erinnern. Die Obdachlosen sind mir allerdings nicht aufgefallen, vermutlich weil ich am helllichten Tag dort war, da gab’s nur ein paar buskers, Straßenmusikanten.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass mir noch weitere Schauplätze bekannt waren, so zum Beispiel die Gegend um Shepherd’s Bush Market; von Elephant & Castle nach Camberwell Green (die Busfahrt hab’ ich selbst schon beschrieben), Catford Bridge – und so weiter. Das Entscheidende ist aber: Ben Judahs London hab’ ich nie bewusst gesehen, im besten Falle flüchtig, aus den Augenwinkeln, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Typisch.

Wie’s scheint, ist es dieses Nicht-Sehen, welches einen beträchtlichen Teil sozialer Problematik ausmacht. „Fremde Welt nebenan“, habe ich einst eine Besprechung von Henry Mayhews Monumentalwerk London Labour and the London Poor überschrieben. Eine ähnliche Wirkung mochten wohl die Romane von Charles Dickens erzielen. Zusammen mit Friedrich Engels trugen sie bei zu einer langsamen – sehr langsamen! – Wandlung des Bewusstseins im Laufe des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts leistete der Amerikaner Jack London mit People of the Abyss seinen Beitrag, ebenso natürlich die Ragged-Trousered Philanthropists von Robert Tressell. In derselben Tradition stehen etliche Reportagen George Orwells; am bekanntesten The Road to Wigan Pier.

Ben Judah blickt also auf eine ansehnliche Ahnenreihe zurück. Das Problem ist nur: Die Missstände von damals, die wurden behoben, wir haben den Autoren also Aufmerksamkeit geschenkt, die Sache ist abgehakt.

Aber heute? Welche Wirkung wird Ben Judah erzielen – wenn überhaupt? Im Informationszeitalter ist es ungeheuer schwer, Spuren im Denken und Fühlen des Publikums zu hinterlassen – dazu gibt’s einfach zu viel Information. Dazu kommt, wie so oft, der vertrackte Konnex zwischen sozialem Elend und Einwanderung. Die Menschen, über die Ben Judah schreibt, kommen mehrheitlich aus Osteuropa, völlig legal dank der EU. Der Effekt ist derselbe wie bei früheren Einwanderungswellen: unhygienische Massenunterkünfte; Hungerlöhne, mit denen Einheimische unterboten werden. Beliebt machen sich die Neuankömmlinge solcher Art nicht. Besserung wird’s keine geben, solange sich Löhne und Lebensqualität in den Herkunftsländern nicht westeuropäischen Standards nähern.

Empfehlenswert? – Im Prinzip ja, ausreichendes Interesse an London, an England sowie an sozialen Problemen vorausgesetzt.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).
Ben Judah, This Is London

The book begins with author Ben Judah observing arrivals from Eastern Europe at Victoria Coach Station in London. And this is exactly what the book is about. He follows them into their miserable, overcrowded lodgings, for which they have to pay exorbitant prices; and he follows those who have no roof over their heads and spend the night in pedestrian passages such as those beneath Hyde Park Corner. Even tourists will know the place as it lies on the way from Buckingham Palace to Hyde Park. Anyway, I can remember it well. But I didn’t notice the homeless, probably because I was there in broad daylight. There were only a few buskers.

To my surprise I found that there are other places in the book that I know, for example the area around Shepherd’s Bush Market; the bus ride from Elephant & Castle to Camberwell Green (which I have described myself in my book Crossings), Catford Bridge – and so on. But I have never seen Ben Judah’s London, or at best fleetingly, out of the corner of my eye as it were, without giving it much attention.

Typical.

It seems that it is this not-seeing which constitutes a considerable part of the social problem. „Foreign world next door“, I once called a review of Henry Mayhew’s monumental work London Labour and the London Poor. His book, I argued, tried to make that world visible. Charles Dickens’s novels probably had a similar effect. Together with Friedrich Engels these two contributed to a slow – very slow! – transformation of consciousness in the course of the 19th century. In the early years of the 20th century, the American Jack London contributed his People of the Abyss, as did, of course, Robert Tressell with his Ragged-Trousered Philanthropists. Several pieces by George Orwell are in the same tradition, most famously The Road to Wigan Pier.

Ben Judah looks back on a long line of respectable ancestors. There’s a hitch, however: haven’t the most urgent problems of the past been solved, we ask ourselves. We’ve paid proper attention to the authors and therefore, the matter should be settled, shouldn’t it?

Which begs the question what Ben Judah’s book can achieve –  if anything at all. In the information age it is extremely difficult to leave traces in the thinking and feeling of the audience –  there is simply too much news. In addition, there is always the intricate connection between social misery and immigration. The majority of the people Ben Judah writes about come from Eastern Europe, completely legally thanks to the EU. Still, the effect is the same as with previous waves of immigration: overcrowded unhygienic housing; starvation wages undercutting the locals, foreign languages and exotic manners in the shops and in the pub. New arrivals of this kind are never popular. And no improvement is in sight as long as wages and the quality of life in the countries of origin do not approach Western European standards.

Recommended? –  Basically yes, provided there is sufficient interest in London, England, and social questions.

Ben Judah, This Is London: Life and Death in the World City (London: Picador, 2016).