Sich zu zieren wär’ viel schlauer

Es muss wohl mehr als zehn Jahre her sein: Ich unterrichtete in „meiner“ fünften Klasse an der HTL; das „mein“ drückt hier natürlich keinen Besitzstand aus, vielmehr handelte es sich um Burschen, mit denen ich gut auskam und zu denen im Laufe der Jahre eine freundliche Beziehung entstanden war.

Wie auch immer – während der Stunde kamen plötzlich zwei der Klassenmitglieder in den Lehrsaal.

„Öha“, sagte ich, „wo kommt’s denn ihr her?“
„Wir waren beim Fachlehrer P–“
„Und wieso?“
„Wir planen ein Denkmal.“
„Ihr plants was?“
„Ein Denkmal. Für den Schlierenzauer.“

Der war ein Kind unserer Gemeinde und hatte in dieser Saison einen Titel errungen. Vielleicht sogar mehrere, keine Ahnung. Weltmeister und so.

Dass unsere Schule damit beauftragt wurde, lag auf der Hand. Nicht nur verfügte sie über eine richtige Schmiede, sondern in Person eben dieses Fachlehrers auch über künstlerische und kunsthandwerkliche Kompetenz.

Schön. Doch dürfte ein solches Maß an alpenländischer Muskel- und Schiverehrung wohl eines meiner donau-österreichischen Gene gereizt haben, vielleicht das Kaffeehaus-Gen oder – eng damit verbunden – das Wortspiel-Gen. Oder beide. Jedenfalls sprudelte es aus mir heraus, ohne dass ich mich besinnen konnte:

Sich zu zieren wär’ viel schlauer
als zu bau’n fürn Schlierenzauer!

Gynäkologie und Liebe

Anmerkungen zur Germanistik

Professor Alfred Doppler ist hundert Jahre alt geworden. Tatsächlich. Kein Konjunktiv (wäre heute…). Nein! Hundert Jahre.

Aus welchem Anlass eine Festschrift erschien, wie sich’s gehört. Den solcherart angestimmten Jubel möchte ich gewiss nicht stören, ganz im Gegenteil – auch ich war seinerzeit begeistert vom Herrn Professor, es ging ja kaum anders, wenn man ihn live erlebte in seinen Vorlesungen. Er kam 1971 nach Innsbruck, als ich eben erst begonnen hatte, Germanistik zu studieren. Wir waren beide also Anfänger, in einem gewissen Sinne. Das war mir damals aber nicht bewusst. Der Schwerpunkt seiner Vorlesungen wie auch seiner Forschung lag auf österreichischer Literatur, vor allem jener aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wenn er über Hugo von Hoffmansthal sprach, oder über Trakl – das war schon beeindruckend, mitreißend geradezu! Und wenn ich sage, dass ich mich später von diesem Enthusiasmus entfernt habe, kritisch geworden bin, weniger ihm selbst gegenüber als vielmehr grundsätzlich gegenüber der Germanistik, der Literaturwissenschaft – wenn ich das sage, so kommt ihm immer noch das Verdienst zu, solche Kritik ermöglicht, ja sogar angestiftet zu haben.

Zunächst aber noch eine andere Anmerkung, ihrerseits einigermaßen ernüchternd: Der Liste der von Professor Doppler betreuten Dissertationen am Ende der Festschrift entnehme ich, dass eine Kommilitonin von damals ihre Doktorarbeit erst 1983 abgeschlossen hat. Ihr Leid pflegte sie mir nämlich schon 1973 oder 1974 zu klagen. Zu jener Zeit saßen wir des öfteren in der Mensa beisammen, manchmal trafen wir uns auch im Katzung. Sie kam aus Südtirol, war deshalb gezwungen zu dissertieren, weil der österreichische Magister in Italien nicht anerkannt wurde. So geriet sie in die Fänge von Professor Doppler. Der erwies sich nicht gerade als angenehmer Doktorvater, niemals zufrieden, verlangte immer neue Änderungen und Zusätze. Meine Kollegin war oft genug den Tränen nahe. Zwar nehme ich nicht an, sie habe fast zehn Jahre lang ausschließlich an ihrer Doktorarbeit geschrieben; eher heiratete sie inzwischen – sie betrachtete sich damals schon als verlobt –, vielleicht begann sie auch zu arbeiten. Aber trotzdem: zehn Jahre! Was für ein Elend! Akademisches Elend.

Doch fand ich in besagter Festschrift noch etwas: Da schreibt ein gewisser Josef Bernhard nämlich über „Metaphysik im Wienerwald“. Ein alter Germanistik- und Doppler-Student weiß sofort, wer oder was gemeint ist: Ödön von Horváth natürlich und sein fast gleichnamiges Stück. Und dabei geht’s ebenso natürlich um die Sprache, genauer: um deren Abwesenheit, um die Stille. Es geht, um’s kurz zu machen, wieder einmal um die von Germanisten so heiß geliebte Pause bei Horváth.

„Das oft in großen Gefühlen verkitschte Geplapper der Figuren“, schreibt Josef Bernhard des weiteren, „komponiert in der Tonart des Bildungsjargons…“

Fast hätte ich einen Freudenschrei ausgestoßen, als ich das las, wie wenn man einen alten Freund trifft, den man Jahrzehnte nicht gesehen hat. Die Formulierung gibt nämlich eine jener germanistischen Binsenweisheiten wieder, welche wir im Schlaf hätten herunter beten können. Nur sind inzwischen fast fünfzig Jahre vergangen – ein halbes Jahrhundert! Ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber ich persönlich hab’ in dieser Zeit doch die eine oder andere Erfahrung gemacht. Zum Beispiel diese hier, in einem boat train von Victoria Station nach Folkestone:

Nicht weit von mir sitzen zwei Frauen, Mutter und Tochter, wie ich annehme, ganz unüberhörbar aus Innsbruck. Die jüngere weint und schluchzt herzzerreißend. Dazwischen hervor­gepresste Satz­brocken – es geht um Liebe, wie ich mitbekomme, um einen Mann, den sie in England zurücklässt. Die üblichen Phrasen des Trostes, der Beruhigung: Jeder muss seinen Weg gehen. Wer weiß, wozu’s gut ist.

Die Phrasen sind so banal, dass ich mich innerlich winde. Aufgrund meiner germanistischen Schulung hätte ich annehmen sollen, dass da gar keine echten Gefühle zum Ausdruck kamen. Man weiß ja, restringierter Sprachcode, Versatzstücke, die Sprachlosigkeit der Kleinbürger, Franz Xaver Kroetz. Aber der Schmerz dieser Frau war eindeutig echt, ganz und gar unübersehbar. Wahrscheinlich war er stärker und ehrlicher als meiner gewesen wäre, in derselben Lage, und zwar gerade deshalb, weil ich sofort einen gebildeten Dialog mit mir selbst begonnen hätte. Alles schon einmal gelesen! Ganz zu schweigen von den psychologischen Requisiten, die wir so nebenbei hatten mitgehen lassen, und die uns in Extremsituationen genau so mechanisch über die Lippen kamen wie der Frau da ihre abgedroschenen Phrasen. Lehrstück für einen Germanisten: Wenn sich jemand nicht so aus­drücken kann wie eine feine Dame im Theaterfoyer, dann heißt das noch lange nicht, er oder sie könne nicht fühlen, nicht erleben. Snobistische Oberschichtspräpotenz.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob konkrete Erfahrung überhaupt eine Rolle spielen soll im literaturwissenschaftlichen Diskurs. Ob Literatur nicht rein ästhetisch zu lesen sei. Ich kann da nicht mitreden. Für mich hat Literatur einen Bezug zur Wirklichkeit, sagt uns etwas über Menschen, über die Art, wie sie miteinander umgehen – oder aber es handelt sich nicht um Literatur. Auf keinen Fall um lesenswerte. Ausnahme: vereinzelte avantgardistische Werke wie zum Beispiel die „Karawane“ von Hugo Ball. Vielleicht spielte sie deshalb eine so prominente Rolle in der einschlägigen Vorlesung von Professor Doppler. Wenn er das Gedicht vortrug – ein Ereignis, eine Sternstunde!

Als ich die Uni hinter mir gelassen hatte, erlegte ich mir so was wie asketische Exerzitien auf: die Literaturwissenschaft aus meinem System heraus zu schwitzen, bis ich wieder zum neugierigen, staunenden, lernenden Lesen früherer Tage zurückgekehrt war. Oder mich zumindest angenähert hatte. Dankbar darf ich feststellen, dass es mir gelang.

Was die Germanistik betrifft – na ja. Ich glaube, es war Hans Weigel, der einmal gesagt hat: „Die Germanistik verhält sich zur Literatur so wie die Gynäkologie zur Liebe.“

Wolfgang Hackl, Johann Holzner und Wolfgang Wiesmüller, Hrsg., Ein Festgeschenk: Jubiläumsschrift für Alfred Doppler zum 100. Geburtstag (Innsbruck: innsbruck university press, 2021). Die zitierte Stelle findet sich auf S. 30.

Die zitierte Passage stammt aus meinem Buch Crossings: Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen, Band 2 (edition inkpen, Berlin: epubli, 2016), S. 32–33. Dem Herrn Professor hab’ ich übrigens selbst ein kleines literarisches Denkmal gesetzt, und zwar in der Erzählung „Chandos“ in dem Bändchen Im Kennedyhaus (edition inkpen 2015).

Von den Opfern der kommerziellen Musikindustrie

„ … jene Moderne, die es zwar gibt, die vom Publikum akzeptiert und geliebt würde, die jedoch von den Opfern der kommerziellen Musikindustrie als zu anstrengend, von den subventionierten Avantgardisten hingegen als zu simpel abgetan wird.“ So Alois Schöpf in seinem Brief an die Egerländer-Fans, erschienen im schoepfblog am 13. August 2021.

Danke schön, Herr Schöpf! Melde mich hiermit zur Stelle, und zwar als ein solches Opfer.

Wie ich schon öfter dargelegt habe, bin ich irgendwann um 1965 oder ‘66 der damals so genannten Beat-Musik verfallen und nie mehr davon losgekommen, bis heute nicht. Während ich dies schreibe, läuft Sounds of the Sixties mit Tony Blackburn auf meinem Computer, eine wöchentliche Sendung von BBC Radio 2. Eben jetzt: „Let’s Dance“ von Chris Montez. Tolle Musik, nach wie vor!

Das Entscheidende in unserem Zusammenhang ist hingegen dies: Ich bin Zeit meines Lebens nie über diese Musik hinausgewachsen. An erzieherischen Versuchen hat’s wahrlich nicht gefehlt, und zwar von Eltern und Professoren ebenso wie von mir selbst. Aber nichts hat gefruchtet. Ich erinnere mich, wie mich meine Mutter im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren in ein klassisches Konzert mitnahm. Es sei an der Zeit, meinte sie. Aber ich konnte der Musik nicht folgen, beim besten Willen nicht. Meine Gedanken begannen zu wandern, dieses und jenes ging mir im Kopf herum. Und all die Zeit war ich festgenagelt auf meinem Sitz. Ein quälender Zustand, wie man sich vielleicht vorstellen kann, verschlimmert noch durch das Orchester. Was die spielten, das war ich unfähig als durchgehendes Musikstück wahrzunehmen. Daheim auf meiner Couch wär’s bequemer gewesen, bei Gott! Vielleicht während eines meiner selbst zusammengestellten Tonbänder im Hintergrund lief.

Genau so geht’s mir bis heute. Noch schlimmer sind Opern. Da kommt nämlich noch dazu, was ich bloß als Gekreische empfinde.

Natürlich bin ich mir der Bildungslücke bewusst, die sich da auftut. Wenn’s nach meiner Mutter ging, gehörte ein Verständnis, wenn nicht gar eine Vorliebe für klassische Musik einfach dazu. Man versteht: bürgerliche Bildung, bürgerliche Lebensweise.

An Erziehung hätte es also nicht gefehlt. Wenn überhaupt bei jemandem, dann hätte bei mir jener Mechanismus funktionieren müssen, der Alois Schöpf offenbar vorschwebt, wenn er „die mit öffentlichen Geldern finanzierten Musikschulen und Musiklehrer“ rügt, „denen es offenbar nicht gelungen ist, ihren Schülern einen einigermaßen treffsicheren Musikgeschmack zu vermitteln.“

Wir wollen uns ein Schmunzeln verkneifen, wenn da prompt wieder Lehrern und Schulen die Verantwortung zugeschoben wird. Das musste ja kommen, so sicher wie’s Amen im Gebet.

Allerdings setzt diese Sichtweise einen geradezu zwingenden Ablauf voraus, wie in der Mechanik: Volkstümliche Vorlieben + (gute) Lehrer = treffsicherer Musikgeschmack (wie auch immer der ausschauen mag). Wenn’s nicht funktioniert, wo liegt dann der Fehler?

Erraten.

Eben deshalb hab’ ich mich eingangs sofort zur Stelle gemeldet. Selbst wenn ich nur ein Opfer der Musikindustrie wäre – ich liebe meine Musik aus den Sixties, dazu noch ein kleines Stückchen nach hinten, fünfziger Jahre, und ein bisschen nach vorne, frühe Siebziger. Aber das war’s. Was anderes hat mich niemals interessiert, nicht wirklich. Was die Blasmusik angeht, auch die gehobene, so war ich ihr für meinen Geschmack viel zu oft ausgesetzt, heute kann ich sie einfach nicht mehr hören. Geht nicht mehr. Einzige Ausnahme vielleicht: Glen Miller und seine Big Band. Swing. Aber auch da bitte nicht zu viel!

https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-alois-schopf-an-die-egerlander-fans/

Chilliwack

Wir hatten, bevor wir unser selbst gefasstes Tagesprogramm begannen, noch etwas zu fragen an der Rezeption des Hotels in Chilliwack, einer mittelgroßen Stadt nicht weit von Vancouver, Kanada. Doch die junge Frau wurde bereits von vier Männern belagert. Drei von ihnen waren groß, schlank und sportlich. Der vierte war klein mit einem Kugelbäuchlein, wirren Haaren, Bartstoppeln. Er fungierte als Sprecher der Gruppe. Er redete in einem schwer verständlichen accent, dafür aber mit dem Tempo einer Maschinenpistole. Ich tippte auf England, mehr oder weniger nördlich. Sehr gut im Erkennen von Dialektfärbungen bin ich allerdings nicht.

Trotzdem kam ich nicht umhin mitzubekommen, worum es ging. Die vier waren hier, um ein paar Tage lang zu angeln. Dazu hätte ein gemieteter Geländewagen vor der Tür stehen sollen, aber er stand nicht.

Wofür das Mädchen natürlich nichts konnte. Sie versprach, gleich zu telefonieren.

Als sich der Sprecher abwandte, redete ich ihn an.

„Sounds like a British accent to me?“
“Yeah.”
“Where from?”
“Midlands”, sagte er. “Coventry area. And you?”
„We’re from Austria.”
“Ah”, nuschelte er in seinem accent: “We don’t like your Verhofstadt
guy, you know.”

Ich stutzte. Dann begriff ich: Brexit, klar, er nahm das wohl persönlich. Guy Verhofstadt war ein belgischer Politiker, EU-Abgeordneter und Parlamentssprecher in Sachen Brexit, demzufolge medienprominent.

But he’s Belgian, lag es mir auf der Zunge. Aber da blitzte es mir: Der kleine Mann betrachtete uns allesamt bereits als Europäer!

Sein Gesicht hatte einen ratlosen Ausdruck angenommen, hilflos drehte er die Handflächen nach oben.

„They don’t understand us here.“

Daran wird er sich gewöhnen müssen, sagte Laura halblaut hinter mir.

Ich verschluckte mir jegliche Replik. Immerhin – so kam mir in den Sinn – immerhin musste man schon auch Verständnis aufbringen für diese Leute. Schließlich befanden wir uns in British Columbia!

Schüler-App

Lernsieg nennt sich anscheinend jene App, mittels welcher Schüler neuerdings – oder doch zumindest bald – ihre Lehrer und ihre Schule im Internet bewerten können. Es ist auch von der Lehrer-App die Rede. Was eine App ist, das möge man mich bitte schön nicht fragen.

Die Bewertung auf dieser App erfolgt natürlich anonym. Der Widerstand der Lehrergewerkschaft scheint nichts gefruchtet zu haben. Wozu anzumerken ist, dass rechtliche Einsprüche, womöglich gar Verbote in so einem Fall überhaupt nichts nützen. Irgendwer wird irgendwo immer so eine App installieren können. Da ist’s vielleicht besser, die Betreiber sind bekannt und in Österreich ansässig.

Ein paar Dinge, so denke ich, könnten aber doch bedacht werden – zusätzlich zu dem, was in den Medien bisher diskutiert wurde. Zunächst: Wenn sich Lehrer gegen eine solche Art der Beurteilung wehren, dann wird ihnen entgegengehalten, dass sie selbst ja ununterbrochen beurteilen. Warum sollten sie selbst ausgenommen sein?

Gute Frage, ja. Übersehen wird dabei, dass die Lehrer-App – so wie übrigens die rituelle Evaluierung an unseren Bildungseinrichtungen – ganz anders funktioniert als die Notengebung durch Lehrer. Erstens sind Lehrkräfte nicht anonym. Zweitens muss ihre Beurteilung nach sehr genauen, man könnte fast sagen: minutiösen Regeln erfolgen. Die sind in einer Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen festgelegt. Wenn jemand glaubt, eine Lehrkraft habe sich nicht an die Regeln gehalten, kann er oder sie sich dagegen wehren – man weiß ja, wer da am Werke war.

Das wäre demzufolge das Mindeste, was man von der so genannten Lehrer-App fordern dürfte: Wenn Lehrer schon namentlich an den Pranger gestellt werden, dann kann man von den Beurteilern doch wohl entsprechende Offenheit verlangen, oder?

Das gälte im Übrigen auch für jene Evaluierungen, welche an unseren Schulen inzwischen gang und gäbe sind (wenn nicht sogar vorgeschrieben). Man wird mir als ehemaligem, lang gedientem Lehrer vielleicht verzeihen, wenn ich nicht gar so viel davon halte. Das liegt an den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Und zwar, wohlgemerkt, mit vorwiegend guten bis sehr guten Beurteilungen. Das kam so: Im Zuge eines Lehrauftrages an einer Fachhochschule musste ich jedes Semester solche Evaluierungen über mich ergehen lassen. Zum Großteil fielen sie, wie gesagt, gut bis sehr gut aus, manchmal gab’s aber auch vernichtende. Wie konnte so was geschehen? Nun, die Antwort erwies sich als simpel: Da hatte es mit dieser Gruppe nicht funktioniert, die Stimmung war schlecht, missmutig vielleicht gar. So was kommt vor. Man darf ja nie vergessen, dass man es im realen Unterricht (also nicht in pädagogischen Idealvorstellungen) stets mit Gruppen, Klassen oder Jahrgängen zu tun hat. Die entwickeln aber ihre jeweils eigene Identität. Das ist etwas, was sich Außenstehende nur schwer vorstellen können und was Anfänger lernen müssen – meist mittels bitterer Erfahrung.

Also: Wenn die Stimmung in und mit einer Gruppe gut war, dann waren die Beurteilungen gut. Und wenn sie schlecht war – man kann sich’s vorstellen. Wohlgemerkt: Ich spreche hier von fortgeschrittenen Studenten, sechstes oder siebtes Semester. Nach einem oder einem halben Jahr würden sie als graduierte Akademiker draußen in der Realität über entsprechende Kompetenzen verfügen, über Verantwortung. Dessen ungeachtet waren sie nicht in der Lage, eine objektive Bewertung ihrer Lehrkraft vorzunehmen.

Solche Erfahrungen machten im Übrigen alle Kollegen, nicht nur ich. Weiblichen Lehrkräften gegenüber konnten die anonymen Beurteiler geradezu ausfällig werden. Aber selbst wenn nicht: Für mich war’s ernüchternd zu sehen, wie sogar die Beurteilung meiner fachlichen Kompetenz abhing vom Gefühl der Studierenden, von der Stimmung im Unterricht. Wobei ganz allgemein festgestellt werden konnte: Je weniger solche Studierenden im fraglichen Fach wussten oder konnten, desto schlechter schätzten sie die fachlichen Kenntnisse bzw. Fähigkeiten des Vortragenden ein – selbst dann, wenn sie selbst zu so einem Urteil gar nicht in der Lage waren. Dann erst recht.

Auch dies vermochten die Damen und Herren Diplomkandidaten nicht zu durchschauen. Was wir, die Lehrkräfte, taten, das war hingegen ganz simpel: playing to the galleries, wie man im Englischen sagt, wir passten uns also an, waren den Studenten zu Gefallen. Gerade so, dass wir’s mit unserer Berufsauffassung noch vereinbaren konnten, die Evaluierung am Ende des Semesters aber trotzdem passte. Die war durch und durch vorhersehbar: Input–Output. Steuerbar.

Eigentlich eine deprimierende Erkenntnis, wenn man’s einmal bei Lichte betrachtet. Denn die wichtigste Aufgabe eines Lehrers besteht ja nicht darin, zu gefallen, Beifall zu erheischen. Im Gegenteil: Eine gute Lehrkraft wird sich unter Umständen unbeliebt machen müssen. Sonst ist’s mit dem Lehren nicht allzu weit her.

Ändern wird das alles freilich nichts. Die Evaluierung ist so was wie eine sakrale Handlung geworden, wer was dagegen sagt, macht sich der Blasphemie schuldig. Und ihre Ergebnisse sind genau so sakrosankt.

Aber wenn dem so ist – warum nicht auch vice versa? Warum gehen Lehrer nicht her und konstruieren eine App, mittels welcher sie selbst – anonym, versteht sich – Schüler evaluieren können, die allerdings beim Namen genannt würden. Eine Schüler-App. Da wär’s dann endlich einmal möglich, das zu sagen, was man als Lehrkraft eigentlich immer schon sagen wollte. Das geht im Zuge der regulären Beurteilung nämlich nicht. Da könnte man endlich einmal offen aussprechen, um was für ein faules, verlogenes Individuum es sich im gegebenen Fall handelt. Oder um was für indolentes, aufsässiges Exemplar. Derlei Erscheinungsformen treten in der Schülerpopulation ab einem gewissen Alter ja mit schöner Regelmäßigkeit auf.

Und das steht dann im Netz, so wie die Beurteilung des Lehrers durch die Schüler, für jeden einsehbar, für immer. Das fände ich ausnahmsweise einmal fair.

Das Albtraum-Jahrhundert

Wenn’s um hochpolitische Dinge geht, noch dazu solche in fernen Ländern, sollte ein Schreiberling meines Kalibers besser das Maul halten, zumindest wenn er einen letzten Rest von Seriosität bewahren will. Daher folgen nun keineswegs Gescheitheiten zu den Vorgängen in Afghanistan. Ich möchte bloß vermelden – oder gestehen –, dass mir die Machtübernahme der Taliban dort Albträume verursacht. Besonders das Schicksal der Frauen. Obwohl’s auch vielen Männern dreckig gehen wird, mit Kerker, Verhör, Folter.

Wobei hier anzumerken ist, dass meine Vorstellungen im Wesentlichen aus einem Roman  stammen, also aus der fiction. Es handelt sich um A Thousand Splendid Suns (Tausend strahlende Sonnen) von Khaled Husseini, bekannter vielleicht für seinen Kite Runner (Drachenläufer). So meisterhaft der Roman geschrieben ist, so instruktiv wie fesselnd, möchte ich ihn doch nur bedingt empfehlen: zu schrecklich ist das, was da geschildert wird.

Albträume.

Dabei wissen wir alle, dass es nicht an sonstigen Albträumen mangeln würde, von den Rohingya in Myanmar über die Uiguren in China – oder die Demokraten in Hongkong – bis hin zu den Menschen in der so genannten Demokratischen Republik Kongo. Die Schmerzen, das Leid, die Qualen so vieler Menschen! Und das läuft quasi unter unseren Augen ab.

Nicht, dass ich glaubte, wir – der früher so genannte Westen – könne viel dagegen tun. Diese Zeiten sind vorbei. Im Gegenteil: Wir sollten uns rüsten (auch im wortwörtlichen Sinne), um uns selbst – den früher so genannten Westen – zu schützen. Dafür müsste man aber bei uns selbst an diesen Westen glauben, an die westlichen Werte. Wie steht’s damit?

Dabei sollten wir wahrlich wissen, wovon wir reden. Unsere eigene Geschichte, das 20. Jahrhundert liefern an sich schon Stoff genug für Albträume. Wir brauchen die Geschichte bloß an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Das beginnt – sagen wir – mit dem Zweiten Burenkrieg in Südafrika (1899–1902), als die Briten kein anderes Mittel wussten, als das Land zu verwüsten und die nicht kriegführende Bevölkerung in Lagern zusammen zu treiben, in denen dann sehr viele starben. Sogar einen Namen erfanden die Briten: Konzentrationslager. (Die waren zwar schlimm, aber bei weitem nicht so schlimm wie die deutschen später; außerdem regte sich alsbald heftiger Protest in Großbritannien selbst.)

Dann der Erste Weltkrieg. Dessen Grausamkeit, dessen sinnloses Hinschlachten von Hunderttausenden dürfte wohl bekannt sein: „Nutzt’s nix, schadt’s nix.“ Insgesamt an die 7,7 Millionen Menschen. Und dieser Krieg gebar quasi die Revolution im Russischen Reich. Die wird bei uns konsequent verharmlost, aber zunächst verursachte schon das Revolutionsjahr 1917 eine ganze Reihe von Katastrophen, von Hungersnöten bis hin zu blutrünstigen Bauernaufständen im ganzen Land. Die Zahl der Opfer? Nur noch grob zu schätzen.

Lenins so genannte Revolution war eigentlich ein Handstreich, ein Putsch. Was folgte, das wird bei uns ebenfalls zu selten erzählt: Erschießen, erschießen, erschießen, das war Lenins und ist aller seiner Jünger Kredo geblieben. Und auf den Putsch folgte der Bürgerkrieg (1918–1920): geschätzte 10 Millionen Opfer. Die Hungersnot in Russland: ca. 5 Millionen. Die Hungersnot in der Ukraine zwecks Kollektivierung sowie Vernichtung der so genannten Kulaken: manche sprechen von bis zu 11 Millionen Opfern! Durch den Terror sollen bis zu 15 Millionen umgekommen sein. Ausführlich hat darüber der englische Historiker Orlando Figes geschrieben: A People’s Tragedy (Die Tragödie eines Volkes) und Revolutionary Russia (Hundert Jahre Revolution).

Die Nazi-Herrschaft, der Zweite Weltkrieg. Insgesamt soll er an die 40 Millionen Menschen das Leben gekostet haben, die Opfer der Shoa mit eingeschlossen. Kann man sich das eigentlich vorstellen? Die Schicksale hinter diesen Zahlen? Denn jedes einzelne Opfer war doch ein Mensch mit einer Biographie, mit zerstörten Hoffnungen.

Doch wer geglaubt hatte, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei Friede eingekehrt, Wohlstand, Demokratie – nun, was hätten wohl koreanische Mütter dazu gesagt? Oder vietnamesische? Oder biafranische? Äthiopische, eritreische? Vor nicht allzu langer Zeit hat die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri den Opfern der italienischen Eroberung und Unterdrückung in Abessinien ein bewegendes Denkmal gesetzt: Alle, außer mir.

Und da soll man keine Albträume bekommen? Nicht bloß von Vergangenem, bitte schön – nein: Wie schaut eigentlich, mit albtraumhafter Schärfe und Unerbittlichkeit betrachtet, unsere Zukunft aus?

Summer’s Almost Gone

Gleichgesinnte Gleichaltrige – oder gleichaltrige Gleichgesinnte? – erinnern sich an das Lied der Doors: Summer’s Almost Gone  –

Morning found us calmly unaware
Noon burn gold into our hair
At night, we swim the laughin‘ sea

Während ich dies schreibe, sitze ich im Pullover an meinem Computer. Gestern Nachmittag war ich draußen, hab’ meine obligate Runde gedreht, bewehrt mit Anorak und Kappe. Und das im August! Ende des Monats, zugegeben, aber doch!

Der Sommer hat’s nicht gut gemeint mit uns, dieses Jahr. Zumindest nicht hier, wo ich lebe. Ich hab’ gewartet, gewartet, gewartet, aber er kam nicht. Nicht wirklich. Für mich ein deprimierender Sachverhalt. Ich bin nämlich ein Sommermensch. Ich mag’s gern heiß, im Unterschied zu den allermeisten meiner Tiroler Verwandten, Bekannten und Freunde. Nur im Sommer hab’ ich das Gefühl wirklich zu leben. Alles andere und ganz besonders der Winter hier bei uns, das ist eigentlich nur überleben.

Wie’s einem alten Menschen so geht, kommen mir Bilder aus früheren Tagen in den Sinn. Sommer, das hieß für uns: Die Fenster in unserem Zimmer wurden zwei, drei Monate lang nie geschlossen. Die Jalousien blieben herunter gelassen, wodurch der Raum halbdunkel dämmerte. Aber das spielte keine Rolle, wir hielten uns ohnehin nur zum Schlafen dort auf. Aufwachen, Aufstehen: herrlich warm! Frühstück auf der Terrasse. Klar, ja, wir waren privilegiert, eine solche zu haben, ebenso Zugang zum Garten unseres Wohnhauses. Das Privileg ergab sich keineswegs aus dem Gehalt oder gar dem Vermögen meiner Eltern, sondern lediglich aus der beruflichen Stellung meines Vaters. Was unseren Genuss nicht im Geringsten störte.

Frühstück also auf der Terrasse. Im Sommer spielte sich unser ganzes Leben im Freien ab, Terrasse oder Garten. Ich kann mich erinnern, wie ich einmal, auf eben dieser Terrasse spät des Abends beim Schein der elektrischen Lampe einen Aufsatz verfasste für ein Proseminar, über die Kurzgeschichte „Young Goodman Brown“ von Nathaniel Hawthorne. Die Sommernacht beflügelte mich, der Aufsatz gelang sehr gut.

In früheren Jahren schwang ich mich nach dem Frühstück aufs Fahrrad, die Schwimmhose eingewickelt in ein Handtuch am Gepäcksträger, und radelte ins Tivoli, das Freischwimmbad in Innsbruck. Dort verbrachte ich den größten Teil des Tages, zusammen mit Freunden und Schulkollegen. Etwas später dann, im entsprechenden Alter, saßen wir am Abend in einem Lokal zusammen. Leider war das Angebot an Gaststätten damals viel, viel dürftiger als heute. Vor allem die später so beliebten Schanigärten gab’s praktisch überhaupt nicht. Dafür war die Altstadt vollgeparkt mit Autos. Wir frequentierten die Milchbar in der Maria-Theresien-Straße, nicht weit von der Triumphpforte; später dann das Löwenhaus, nicht zuletzt deshalb, weil es den italienischen Welterfolg, die Pizza, bei uns einführte.

Es fällt mir schwer, die einzigartige Stimmung solcher Sommerabende in der Stadt angemessen zu beschreiben: wenn die Mauern der Häuser die während des Tages gespeicherte Hitze zurück strahlten; wenn die Straßen zur Ruhe kamen; wenn sich die ganze Stadt quasi zurücklehnte nach einem heißen, bunten Tag: Aaah…

Summer in the City. Gleichgesinnte Gleichaltrige werden sich auch daran erinnern:

Cool town, evening in the city
Dressing so fine and looking so pretty
Cool cat, looking for a kitty
Gonna look in every corner of the city…

Ja, Mädchen spielten auch eine Rolle. Da gab’s die ausgesprochenen Sommer- oder Ferienbekanntschaften, von vorneherein nicht auf Dauer ausgelegt, das wäre aus geographischen Gründen unmöglich gewesen. Manchmal wurde eine solche, nämlich Dauer, dennoch erhofft, zumindest von einem der beiden Teile. Dann gab’s Abschiedsschmerz und Wehmut. Und manchmal, ganz ganz selten, ergab sich trotz allem etwas Dauerhaftes.

In unserem winterfesten Winkel der Welt ist der Sommer eigentlich schon ab Mitte August vorbei. Wenn’s da einen Schlechtwettereinbruch gibt, dann kühlen Seen und Schwimmbäder so ab, dass es mit dem Baden vorbei ist. In der Früh besticht die kühle, klare Luft – kein Frühstück mehr auf der Terrasse –, die Berge leuchten scharf und kräftig auf die Stadt herunter. Nicht lange mehr, dann werden sie sich verfärben. Und dann kehren wir zurück zur Schule oder auf die Universität. Dann beginnt wieder der so genannte Ernst des Lebens.

Nichts dagegen einzuwenden. Doch der Sommer ist vorbei, ein anderes Leben, ein anderer Modus – alles nur noch Erinnerung, verweht, ein Traum.

Summer’s almost gone
Summer’s almost gone
We had some good times
But they’re gone
The winter’s comin‘ on
Summer’s almost gone…

Charlie Watts

Wieder ein wehmütiger Abschied – Charlie Watts, der Schlagzeuger der Rolling Stones, ist gestorben. Immerhin wurde er achtzig Jahre alt. Er war das unauffällige Bandmitglied, keine Skandale, keine Boulevard-Schlagzeilen. Sein eigentliches Interesse galt dem Jazz. Trotzdem begleitete er die Stones nicht nur durch ihre gesamte Karriere, er sorgte auch, wie das in englischen Nachrufen formuliert wurde, für den beat einer Generation, einer ganzen Epoche. Dem würde ich durchaus zustimmen.

Wer hätte gedacht, dass ein Rolling Stone sterben könnte?

Damals, in den sechziger Jahren, zählten die Stones zu jenen Bands, deren Mitglieder man herunterradeln konnte, ohne nachdenken zu müssen: Mick Jagger, Keith Richard, Brian Jones, Bill Wyman, Charlie Watts. Nicht, dass wir das auswendig gelernt hätten. Wir wussten es einfach.

Charlie Watts stieß 1963 zu den Rolling Stones, nachdem er Brian Jones kennen gelernt hatte. Das Ergebnis waren, seiner eigenen Aussage zufolge, „four decades of seeing Mick’s bum running around in front of me.”

Noch einmal davon gekommen

Wie ich sehe, bedauern sowohl Manfred A. Schmidt im schoepfblog als auch dessen Herausgeber und unser aller Chefredakteur Alois Schöpf, dass seinerzeit (1951) der Plan nicht aufging, Hugo von Hoffmansthals Jedermann durch einen Totentanz von Bertolt Brecht zu ersetzen. Meine spontane Reaktion: Glück gehabt! Da sind die Salzburger noch einmal davon gekommen.

Denn aus heutiger Sicht erscheinen Brecht’sche Stücke doch ziemlich klapprig. Das liegt daran, dass sie immer von oben – vom Intellekt her – geschrieben wurden. Seinerzeit mochte so was vielleicht interessant gewesen sein – vielleicht! –, heute ist es das nicht mehr. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hab’ vor ein paar Jahren eine Aufführung des Arturo Ui gesehen, im Duchess Theatre in London. In dieser Umgebung, nämlich den meisterhaft inszenierten und gespielten Stücken des West End, wirkte diese missglückte Parabel umso peinlicher. Was allerdings bloß ein Urteil bestätigte, welches ich mir viel früher schon gebildet hatte, anlässlich einer Inszenierung der Beggar’s Opera von John Gay im Barbican, ebenfalls in London. Die widerlegte quasi am lebenden Modell die ganze Theatertheorie unseres Heiligen Bert Brecht, der das Stück angeblich verbessert und quasi in die Gegenwart geholt habe. Inklusive Verfremdungseffekt: Der kommt bei Gay nämlich in einer so reinen, klaren und doch eleganten Weise vor, dass ich mich unwillkürlich fragen musste, ob Brecht die Idee nicht vielleicht von ihm bezog, chinesisches Geschwurbel hin oder her.

Die Zeit hat es nicht gut gemeint mit Brechts Stücken. Schaun Sie sich doch heute die x-te Produktion der Mutter Courage an! Das Problem bei Brecht ist, dass seine Stücke eine Theorie illustrieren, die von vorneherein feststeht. Man nehme etwa Der gute Mensch von Sezuan: sein bestes Stück, wie ich glaube, eben weil es nicht durch und durch dogmatisch daher kommt. Trotzdem gibt’s da die Figur des Fliegers Yang Sun, der die Heldin Shen Te nur deshalb heiratet, weil er ihr Geld haben will. Das entspricht voll und ganz der marxistischen Theorie: Im Kapitalismus ist Liebe unmöglich, es gibt bloß Prostitution. Aha, sagen Brecht-Jünger: Da sieht man’s! Im Kapitalismus… Dabei handelt es sich um einen geradezu klassischen Fall einer petitio principii: Das, was bewiesen werden soll, wird bereits als bewiesen vorausgesetzt.

Zurück nach Salzburg: Die Festspiele sind also noch einmal davon gekommen. Ein nicht unwesentlicher Verdienst kommt dabei Friedrich Torberg – zusammen mit Hans Weigel – zu. Dafür müssen sie sich heute posthum eine Menge Schelte gefallen lassen. Wenn ich sage, dass ich konträrer Meinung bin, dann stelle ich mich natürlich außerhalb jedes intellektuellen und kulturellen Konsensus. Darüber ausführlich zu diskutieren, dürfte hier aber nicht genug Platz sein. Wie wir wissen, hat Torberg von solch theoretischen Auseinandersetzungen ohnehin nicht viel gehalten. Er war immer fürs Konkrete: das Argument, die Wahrheit in Form der Anekdote. So auch hier (ich zitiere teilweise wörtlich):

Im Zuge seiner Emigration kam Brecht zunächst nach Wien, berichtet Torberg im ersten Band seiner Tante Jolesch. Und wie’s so der Brauch war, zog er mit heimischen Schriftstellern des Nachts durch die Kaffeehäuser. Die letzte Station fand sich im Café de’l Europe, weil es am längsten geöffnet hatte. Aus diesem Grunde mischten sich dort auch Angehörige des Nachtgeschäftes unter die Intellektuellen. Eines Nachts erwarb Brecht zu vorgerückter Stunde die Nachtausgabe einer Zeitung; sie berichtete von neuen Verhaftungen in Deutschland und nannte zahlreiche bekannte Namen. Dies veranlasste ihn zu der zornigen Bemerkung:

„Heutzutage ist es beinahe eine Schande nicht verhaftet zu sein!“

„Also“, meinte der neben ihm sitzende Strizzi verwundert, „das kann man sich richten.“

Ode an die Hoffnung

Amanda Gorman, The Hill We Climb

Die Zeremonie, die im Jänner 2021 auf die Angelobung von Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten folgte, zeichnete sich vor allem durch eines aus: den Auftritt der jungen Dichterin Amanda Gorman, die ihr langes Gedicht The Hill We Climb vortrug. Mir liegt es nun in gedruckter Form vor. Und da fangen die Schwierigkeiten schon an. Stumm gelesen wirken die Verse bei weitem nicht so stark wie beim mündlichen Vortrag. Das mag wohl auch daran liegen, dass sie oft wie Beschwörungen klingen – Beschwörungen einer besseren, einer gemeinsamen und einigen Zukunft. Das Gedicht klingt, kurz gesagt, wie eine Ode an die Hoffnung. Möge ihm, möge seiner Verfasserin Erfolg beschieden sein!

Amanda Gorman, The Hill We Climb: An Inaugural Poem for the Country, with a foreword by Oprah Winfrey (New York: Viking, 2021).

The ceremony that followed the January 2021 inauguration of Joe Biden as the 46th President of the United States was notable for one thing: the appearance of the young poet Amanda Gorman, who recited her long poem The Hill We Climb. I’m referring to the print version here. And that’s where the difficulties begin. Read silently, the verses don’t seem nearly as strong as they do when recited publicly. This may also be due to the fact that they often sound like incantations – incantations of a better, common and united future. In short, the poem sounds like an Ode to Hope. Well – let’s hope it will be successful, and the author just as much!

Amanda Gorman, The Hill We Climb: An Inaugural Poem for the Country, with a foreword by Oprah Winfrey (New York: Viking, 2021)
J. D. Salinger, Franny and Zooey

Von Hoffnung ist bei J. D. Salinger weniger die Rede. Berühmt ist er für seinen Adoleszenten-Roman The Catcher in the Rye. Die beiden zusammengehörenden Stücke „Franny“ und „Zooey“ bewegen sich im selben Milieu, sind im selben Ton gehalten, spielen dasselbe Thema noch einmal. Da schwadronieren bestenfalls halbreife Teenager seitenweise, stundenlang vor sich hin, voll von angelesenen Pseudoweisheiten oder, was noch schlimmer ist, von Pseudo-Gewissheiten. Wer den Catcher gelesen hat, kennt diesen Duktus zur Genüge. Dieser Leser hier gesteht denn auch, lange Passagen überblättert zu haben, ohne dass ihm zum Schluss Wesentliches entgangen wäre. Für einen Amerikanisten grenzt so ein Geständnis natürlich an Blasphemie. Weshalb andere ihre Langeweile lieber verbergen, nie und nimmer zugeben. Na ja – viel Vergnügen!

J. D. Salinger, Franny and Zooey (Boston, Mass.: Bantam Books, 1961).

There is less talk of hope in J. D. Salinger’s work. He is famous for his novel The Catcher in the Rye in which he immersed himself – and the reader – in the universe of an adolescent. The two related stories „Franny“ and „Zooey“ move in the same world; they are written in the same tone and play the same theme again. Barely half-baked teenagers rant on for hours on end, full of pseudo-wisdom or, what is even worse, pseudo-certainties. Anyone who has read The Catcher will be familiar with this style. This reader here confesses to having skimmed long passages without missing anything essential in the end. For a student of American literature, such a confession obviously borders on blasphemy. Which is why other students prefer to hide their boredom rather than ever, ever admitting it. Well – enjoy yourselves!

J. D. Salinger, Franny and Zooey (Boston, Mass.: Bantam Books, 1961).