Neues vom Tourismus

Ein Après-Ski-Lokal fliegt mit mehr als 3,5 Millionen Euro „nicht ordnungsgemäß versteuerten“ Beträgen auf (wie’s etwas umständlich, aber zweifellos korrekt heißt).

Das ist natürlich ein Einzelfall.

Weitergehende Schlüsse, Verallgemeinerungen gar verkneifen wir uns. Wir haben ja keine diesbezüglichen Daten oder Fakten. Ein Einzelfall also, wieder einmal, und natürlich gilt die unschuldigste aller Unschuldsvermutungen. Die Leserin, der Leser werden sich ohnehin ihren eigenen Reim drauf machen, wie ich annehme. Besonders, wenn sie selbst und höchstpersönlich in einem Tourismus- oder Gastronomiebetrieb gearbeitet haben, und das dürfte hierzulande gar nicht so selten der Fall sein.

3,5 Millionen Euro!

Versuchen wir einmal, uns das vorzustellen: Selbst wenn Sie gar nicht so schlecht verdienen, sind das immer noch an die zweitausend Monatsbezüge. Zweitausend! Da müssten Sie – halten Sie sich bitte fest – da müssten Sie an die 160 oder 170 Jahre arbeiten, um das zu verdienen. Oder noch länger.

Doch dann erfragen wir eben dieser Tage, wie schlecht es den Herrschaften aus der Hotellerie und dem Gastgewerbe geht. Sie finden nämlich keine Arbeitskräfte. Diese Jammerei dauert nun auch schon einige Zeit an. Interessant nur, dass die naheliegende Lösung nie erwähnt wird: höhere Löhne, bessere Bedingungen. Dabei wär’ das ein Marktgesetz. Wenn’s drum geht, Leute zu entlassen oder ihnen immer weniger zu zahlen, dann kommt man uns ja auch mit diesen Gesetzen. Nur jetzt, wo sie ausnahmsweise einmal zugunsten der Angestellten wirken, da will man nichts davon wissen. Schon seltsam, oder?

Aber dann gibt’s auch dafür ein Argument aus der wirtschaftlichen Propagandaküche: Das könne man sich nicht leisten, heißt es, da gäb’s keine Beherbergungsbetriebe mehr und keine Gastronomie.

Die können also nur existieren, wenn sie ihren Angestellten Hungerlöhne zahlen?

Vor neunzig Jahren hat der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt darauf eine ganz klare Antwort gefunden: “No business which depends for existence on paying less than living wages to its workers has any right to continue in this country.”

Noch Fragen?

Aber natürlich – so läuft das nicht in Österreich. Es wird folglich ein Weg gefunden werden, wie man dem Tourismus seine billigen Arbeitskräfte zuführen kann. Gerade jetzt, in der türkisen Ära. Wozu gibt’s schließlich den Pöbel? Also: Machen Sie sich bloß keine Sorgen!

Rekordverdächtiger Schwarzgeldfund rund um Salzburger Après-Ski-Lokal

Köche und Kellner wieder händeringend gesucht

Kleine Bonmots zur Tagesschau

Ein paar „kleine Bonmots zur Tagesschau“, wie sich ein Schulkollege seinerzeit auszudrücken pflegte.

Schlagzeile in der Tiroler Tageszeitung:

„Neunjähriger Scooter-Fahrer nach Kollision in Zirl mit Pkw verletzt“

Da scheint ein neunjähriger Scooter-Fahrer in Zirl mit irgendetwas kollidiert zu sein und wurde dann mit einem Pkw verletzt. Ziemlich grausam und brutal, finde ich, und ganz sicher eine Straftat. Aber davon steht im Artikel nichts.

Wie ich des weiteren sehe, ist nach dem Spiel unserer Fußball-Nationalmannschaft gegen Mazedonien im Rahmen der Europameisterschaft allseits von einem „historischen Sieg“ die Rede. Ich weiß gar nicht, wie viele solcher Schlagzeilen ich schon gelesen habe.

Ich frag’ mich, was da „historisch“ sein könnte. Hat Österreich noch nie ein Spiel bei einer internationalen Meisterschaft gewonnen? Das dürfte wohl auszuschließen sein. Ist der Sieg so bedeutend, dass er in die Geschichte eingehen wird? So wie zum Beispiel der „i wer’ narrisch“-Sieg in Cordoba? Schwer zu glauben. Ist Nord-Mazedonien ein überlegener Gegner, gegen den wir normalerweise verlieren? Das ist unmöglich, weil’s den Staat noch nicht so lange gibt, infolgedessen auch seine Nationalmannschaft nicht.

Was also dann?

Das Stichwort Cordoba erinnert mich an Hans Krankl, und der erinnert mich an den berühmten Sager: „Wir müssen gewinnen. Alles andere ist primär.“

Das wird immer hämisch angeführt, als Beweis, wie ignorant der Mann doch sei. Aber da erlaube ich mir, Protest einzulegen, obwohl ich sonst nicht das Geringste übrig habe für Fußballer, Profisportler oder, ums zu gestehen, für Sportler im Allgemeinen. Sport, so pflege ich zu sagen, ist die Rache des Neandertalers am Homo sapiens.

Aber in diesem Falle: Hat Krankl da nicht eine profunde Weisheit ausgesprochen? Wandelt er da nicht auf den Spuren unseres Nationaldichters und Nationalphilosophen Johann Nepomuk Nestroy?

„Unwichtiges zuerst“, soll Friedrich Torberg einmal gesagt haben. Der war übrigens nicht nur Schriftsteller, sondern in seiner Jugend ebenfalls Sportler, Spitzensportler sogar. Später sollte er bekennen, dass ihn seine Erfolge beim Wasserball mit größerem Stolz erfüllten als jene auf literarischem Parkett.

„Alles andere ist primär.“

Das könnte tatsächlich von Nestroy stammen! Was nicht nur Hans Krankl ein gerüttelt Maß an Volkswitz attestieren würde, sondern auch beweisen, wie tief Nestroys Denkweise bei uns in Österreich verwurzelt ist.

Und wenn ich so weit gekommen bin mit meinen Überlegungen, dann fällt mir unweigerlich Toni Polster ein, der einmal auf die Frage, ob er sich als Fußball-Legende fühle, antwortete:

„Lieber eine Legende als ein Denkmal. Weil da scheißen die Tauben drauf.“

Während seiner Zeit in Deutschland war er einmal in langwierige Transfer-Verhandlungen verstrickt. Fragen Sie mich ja nicht, von welchem Verein zu welchem. Jedenfalls fragte ihn ein deutscher Reporter wahrscheinlich zum hundertsten Male nach dem Stand selbiger Verhandlungen.

Toni Polster antwortete, der Fragen ganz offensichtlich müde: „Es spießt sich derzeit daran, dass die andere Seite zu viel bezahlen will.“

Der Reporter stutzte, kurze Pause, dann: „Det is’n Scherz, wa?“

„Kleiner Vifzack!“

Neunjähriger Scooter-Fahrer nach Kollision in Zirl mit Pkw verletzt

Anna Dengel

Ingeborg Schödl, Anna Dengel

Anna Dengel wurde 1892 in Steeg im hinteren Lechtal geboren. Ihr Vater betrieb einen gut gehenden Paramentenhandel – also mit liturgischen Textilien. Die Familie zog etwas später nach Hall in Tirol.

Das wäre an sich nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist jedoch das junge Mädchen, das sich damals in den Kopf setzt, Medizin zu studieren. In unseren Breiten war so was unerhört, also geht sie nach Cork in Irland und promoviert dort. Ihr Ziel ist jedoch, als Ärztin in Entwicklungsländern – damals den Kolonien – zu dienen. Das wäre von großer Bedeutung, weil sich Frauen dort oft nur von ihresgleichen behandeln lassen. Ärztinnen gab’s aber kaum, und selbst Ordensschwestern durften bei gynäkologischen Angelegenheiten nicht helfen. Das verbot die katholische Kirche. Im Besonderen galt das für Geburtshilfe.

Allen widrigen Umständen zum Trotz gelang es Anna Dengel, eine medizinische Organisation aufzubauen: Krankenhäuser, Ausbildungsstätten. Irgendwann fiel sogar das kirchliche Verbot und so konnte sie ihren Traum verwirklichen, einen Orden zu gründen und selbst Klosterschwester zu werden. Wie’s scheint, blieb sie dennoch mit beiden Beinen fest am Boden – ganz Lechtalerisch, bin ich beinahe versucht zu sagen. In der Biographie von Ingeborg Schödl kommt sie durchaus auch eigenwillig rüber, mit Ecken und Kanten. Das macht sie sympathisch. Von der berühmteren Mutter Theresa unterschied sie sich handfest: Ihr ging es ums Heilen, ums Helfen – Mutter Theresa primär ums Seelenheil.

Ingeborg Schödl hat eine anschauliche, unprätentiöse Biographie dieser bemerkenswerten Frau vorgelegt. Ihre ungeheure Zähigkeit wird Anna Dengel wohl auch ihrem Glauben verdankt haben, keine Frage. Was in Erinnerung bleibt, das sind jedoch ihre weltlichen Erfolge in der Krankenpflege. Dafür gebührt ihr zweifelsohne Bewunderung, bis heute.

Empfehlenswert? – Auf jeden Fall!

Ingeborg Schödl, Anna Dengel: Das Unmögliche wagen. Ärztin, Missionarin, Ordensgründerin. (Innsbruck: Tyrolia, 2019).

First Lady

[for an English version see below]

Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama wurde 1964 in der South Side von Chicago geboren. Ihre Familie könnte man vielleicht als kleinbürgerlich beschreiben (wenn einem an solchen Kategorien gelegen ist). Wichtig war wohl, dass ihre Eltern ein strenges Regime führten, sich selbst und die Kinder nicht schonten. Sie alle wussten, dass sie in ihrer Umgebung, in der amerikanischen Gesellschaft allgemein benachteiligt wurden. Bloß durfte das niemals als Entschuldigung dienen. Man hatte eben umso härter zu arbeiten.

So schaffte es Michelle in eine gute High School, dann nach Princeton, schließlich an die Harvard Law School. Sie wurde Anwältin, betätigte sich aber hauptsächlich im Non-profit-Bereich. 1989 lernte sie Barack Obama kennen. Die beiden heirateten drei Jahre später und hatten zwei Töchter.

Michelle unterstützte ihren Mann bei seinen politischen Vorhaben, besonders natürlich im Präsidentschaftswahlkampf von 2008. Sie tat sich als Rednerin hervor – ehrlich, authentisch und inspirierend. Von der Politik hielt sie allerdings nicht gar so viel, ihre Sorge galt dem Schutz der Familie. Außerdem betrachtete sie sich als eigenständige Persönlichkeit, entwickelte ihre eigenen Programme – die erste Präsidentengattin seit Eleanor Roosevelt, die mehr war als nur Gattin. Sie hatte stets Sorge, ob sie wohl genug zurück gebe.

In vielerlei Hinsicht wurde sie zum Vorbild, zum Idol: als professionelle, selbstbewusste Frau – sogar in Fragen der Mode. Und bei all dem war sie schwarz, stand fest zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zugehörigkeit.

Wie’s weiter ging, wissen wir: Zweite Amtszeit mit enthusiastischer populärer Zustimmung und großer Mehrheit an Wahlmännern. Nur leider hielten die Republikaner die Mehrheit im Kongress, und deshalb waren Obama die Flügel gestutzt. Nach ihm kam’s zum großen Absturz – wie so was passieren konnte, das gibt bis heute Rätsel auf. Wir hatten gedacht, mit den Obamas im Weißen Haus sei ein für allemal Licht, Aufklärung, Hoffnung eingekehrt.

Denkste.

Peter Slevins Biographie, bereits 2015 erschienen, scheint Michelles Leben und Erfolge sachlich und objektiv zu schildern – genau wissen wir das als Außenseiter natürlich nicht. Zu sagen, Michelle Obama sei eine interessante Persönlichkeit unserer Zeit, dürfte eine Untertreibung darstellen. Eher vielleicht eine Ikone? Irgendwie hab’ ich das Gefühl, dass ja.

Empfehlenswert? – Durchaus. Die Autobiographie kenne ich noch nicht, erst dann wird sich wohl ein endgültiges Urteil fällen lassen.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).
Peter Slevin, Michelle Obama

Michelle Obama was born in 1964 on the South Side of Chicago. Her family could perhaps be described as petit bourgeois (if one is keen on such labels). It was more important that her parents ran a strict regime, not sparing themselves nor their children. They all knew that they were disadvantaged in their environment, in American society in general. But that was never allowed as an excuse. They just had to work harder.

Michelle made it to a good high school, then to Princeton, finally to Harvard Law School. She became a lawyer, but worked mainly in the non-profit sector. In 1989, she met Barack Obama. They married three years later and had two daughters.

Michelle supported her husband in his political career, especially of course in the 2008 presidential campaign. She excelled as a speaker – honest, authentic and inspiring. She didn’t think much of politics, however, and was more concerned with family life. In addition, she always saw herself as an independent personality, developing her own programmes – the first presidential wife since Eleanor Roosevelt who was more than just a consort.

In many ways she has become a role model, an idol: as a professional woman, but also as a fashion icon. There, too, she showed courage without emphasising the aspect too much. And in all this, she was black, and she stood by her heritage.

We know what happened then: Second term with enthusiastic popular support and a impressive majority of electoral votes. Unfortunately, the Republicans held the majority in Congress, so Obama’s wings were clipped. After him, there was a big crash – how that could come about is still a mystery. We thought that with the Obamas in the White House, light, enlightenment and hope had come once and for all.

Not so.

Peter Slevin’s biography, published in 2015, seems to describe Michelle’s life and successes in a factual and objective way – for outsiders, of course, it’s hard to tell. To say Michelle Obama is an interesting personality is an understatement. More like an icon, perhaps? Could be, yes.

Recommended? – By all means. Final judgment must be reserved, however, until I have read the autobiography.

Peter Slevin, Michelle Obama: A Life (New York: Vintage Books, 2016).

Vornehmes Schweigen

zu Marcel Loosers schoepfblog-Beitrag vom 22. Mai

„Vornehmes Schweigen“ unter den Autoren des schoepfblog nimmt Marcel Looser als „halber Österreicher“ von der Schweiz aus wahr; und in Anbetracht der Tiefen, welche österreichische Politik derzeit erreicht hat, darf das wohl zu Recht erstaunen. Seine Intervention ist so gesehen höchst willkommen, und das nicht obwohl, sondern eben deswegen, weil sie von außen kommt.

Doch möchte ich über dieses Schweigen etwas später sprechen. Zunächst sehe ich mich bemüßigt, ein oder zwei Dinge zurecht zu rücken. Da ist erstens einmal Loosers Kritik am österreichischen Parlament. Er bemängelt die „Voraussehbarkeit der einzelnen Voten im Parlament“, die Parteizugehörigkeit der Redner oder Rednerinnen lasse sich mit geschlossenen Augen erkennen, die Argumente seien immer dieselben.

Damit hat er ohne Zweifel recht. In Österreich wird die Erstarrung üblicherweise auf den Klubzwang zurückgeführt, der zwar auch seine Gründe haben mag, in der Praxis aber das Parlament – genauer: den Nationalrat – zu einer dumpfen Abstimmungsmaschinerie degradiert. Bloß ist das keine temporäre Entartung, sondern teil unserer politischen Wirklichkeit seit 1945. Und deshalb ist es auch naiv zu beklagen, dass in diesem Parlament nicht miteinander geredet, nicht um die besten Lösungen gerungen werde. Selbst der Bezug auf die französische Wortwurzel (parler) kann darin nichts ändern (vor der Wortwurzelei sollten wir uns allgemein hüten). Miteinander geredet, um Lösungen gerungen wurde im Parlament nie, dazu ist es schlicht und einfach nicht gemacht. Es handelt sich um eine Institution der Macht, und das war immer so, schon in prä-republikanischen Zeiten.

Heute funktioniert die parlamentarische Demokratie in der Art, dass die Wahlen dessen Zusammensetzung festlegen. Die Bekanntgabe des Endergebnisses ist der spannendste Moment in seiner Sitzungsperiode. Daraus ergibt sich jene Konstellation, aus welcher eine oder mehrere Parteien die Regierung bilden. Sofern diese Parteien über eine sichere Mehrheit verfügen, ist die Sache für die nächsten vier oder fünf Jahre gelaufen. Dem Parlament kommt dann nur noch in Ausnahmefällen Bedeutung zu: so wie etwa unter unserer Expertenregierung im Jahre 2019 oder als die Konservativen im britischen Unterhaus zwischen 2017 und 2019 eine Minderheitsregierung bildeten.

Dies verweist bereits darauf, dass wir’s hier keineswegs mit einer spezifisch österreichischen Eigenheit zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Wir stehen vor einem strukturellen Problem aller Parlamente in westlichen Demokratien. (Strukturell, sagt man heute; ich ziehe das Wort inhärent vor.) Das eiserne Mauern der Republikaner unter Donald Trump unterstreicht dies nur allzu deutlich. In ihrem Falle führte es dazu, dass die Legislative nahezu machtlos war gegenüber den Exzessen des Präsidenten. Die checks and balances funktionierten nicht mehr. Für einen alt gedienten Beobachter kam das nicht bloß überraschend, es war furchterregend.

An dieser Stelle kommt die zweite Beanstandung Marcel Loosers ins Spiel. Er stößt sich an Armin Wolf und seiner Interview-Technik in der ZiB2. Er spiele die Rolle des Scharfrichters, meint er, habe den Kanzler öffentlich abgekanzelt.

Auch in dieser Hinsicht gebe ich ihm durchaus recht. Bloß scheint er zu übersehen, dass Wolf und seinesgleichen eine unverzichtbare Rolle spielen, eben deshalb, weil die Gewaltenteilung beeinträchtigt ist. Es geht um die Kontrolle. So ungustiös die Art solcher Journalisten sein mag – was, bitte schön, sollten sie sonst tun? Wer Politiker heutzutage höflich fragt, wer ihnen höflich zuhört, der ertrinkt in einem zähflüssigen Redeschwall ohne Atempausen, damit die Zeit, welche fürs Interview zur Verfügung steht, rasch vorbei geht. Zu glauben, der Zuseher könne selbst „relevante Informationen“ entnehmen, könne selbst urteilen, ist wiederum naiv – denn er bekommt ja gar keine relevanten Informationen, nur spin, nur Propaganda. Sofern es in einer Demokratie ganz wesentlich um Fakten geht, müssen sie den schwafelnden Politkern extrahiert werden wie schmerzende Zähne.

Ich hab’ das selbst oft genug mitgehört, auch in diesem Falle allerdings nicht so sehr in Österreich, sondern im britischen Rundfunk. Dort gab’s bis vor kurzem den berühmt-berüchtigten John Humphreys, der in seinen Today-Interviews auf BBC Radio Four Politiker grillte, bis man manchmal tatsächlich begann, Mitleid mit seinen Opfern zu empfinden. Das Problem, welches ich mit ihm hatte – und mit Armin Wolf immer noch habe – ist (a) die Legitimation, und (b) die Frage der Maßstäbe. Journalisten sind demokratisch nicht legitimiert. Wer hat sie gewählt, und sei’s bloß indirekt? In wessen Namen sprechen sie? Und vor allem: Da sie so streng richten, zwingt sich die Frage nach ihren Kriterien auf. Aber die legen sie niemals dar. Sie vermitteln den Eindruck moralischer Überlegenheit ohne den allergeringsten Nachweis einer solchen zu erbringen. Das, so denke ich, ist ebenfalls ein inhärentes Problem, in diesem Falle des investigativen Journalismus.

Womit wir schließlich beim „vornehmen Schweigen“ im schoepfblog gelandet wären. Ich kann mich natürlich nicht für meine Kollegen aus dem Kommentariat äußern, nur für mich selbst. Und ich habe mich, ehrlich gestanden, angesprochen gefühlt. Dass sich die österreichische Politik derzeit in Tiefen bewegt, die eigentlich inakzeptabel sein sollten, das steht für mich außer Zweifel: vor allem aufgrund der Geringschätzung des Verfassungsgerichtshofes. Dementsprechend sollte ein Aufschrei durchs Land fegen, sollte Empörung aus jedem Zeitungsblatt, aus jeder Nachrichtensendung tönen. Und aus jedem Kommentar, aus jeder Glosse. Wenn das nicht der Fall ist, so steht der Effekt der Gewöhnung zu befürchten. Die könnte sich früher oder später letal auswirken.

 Trotzdem halte ich das Schweigen der schoepfblog-Autoren nicht bloß für angebracht, sondern tatsächlich für vornehm. Denn was könnten wir sagen? Wir kennen ja keine Details, keine Hintergründe. Die sind den Journalisten in Wien bekannt, mit ihren persönlichen Kontakten, mit ihren Gesprächen im Kaffeehaus. Darüber sollen sie uns informieren, da haben sie den Nachrichten etwas hinzu zu fügen, da können sie Ereignisse erklären, besser verständlich machen. Wenn ich mich entschließe, mein vornehmes Schweigen zu brechen, was kommt dabei heraus? Machen wir uns nichts vor: Ich könnte höchstens im Kaffeesud lesen.

Aber das heißt doch bloß, dass ich eben kein tagespolitischer Glossist bin. Ganz offensichtlich liegen meine Aufgaben woanders: Im möglichst klaren, ruhigen Denken und Argumentieren zum Beispiel, und somit in der einen oder anderen Korrektur, so wie hier; im Nachdenken über grundsätzliche Phänomene; sowie in der Rückkoppelung gesellschaftlicher Erscheinungen an individuelle Erfahrung – und umgekehrt. So gesehen, werden wir noch einige Zeit schweigen müssen, ehe gesicherte, sinnvolle Aussagen getroffen werden können über das, was vor unseren entsetzten österreichischen Augen derzeit abläuft.

Marcel Looser, Die «Elite» Österreichs aus der Sicht eines Schweizers, schoepfblog, 22. Mai 2021. 

Über das Problem journalistischer Maßstäbe habe ich schon einmal geschrieben: „Nach welchen Maßstäben?“, Aus der Stille (28. Jänner 2018).

Ein Leben ohne Theater

„Wie können wir ohne Theater überhaupt leben?“, stellt Doron Rabinovici die angebliche Gretchenfrage im Standard und bittet Leser – pardon: User – um ihre Beiträge. Meine Reaktion möge auf diesem Wege erfolgen und gnädig zur Kenntnis genommen werden.

Tatsächlich kann ich mir ein Leben ohne Theater durchaus vorstellen; aber vorstellen kann man sich bekanntlich sehr viel. So ein Leben wäre allerdings ziemlich schmerzhaft. Mein literarisches Dasein war von Anfang an eng verwoben mit Theaterbesuchen. Die dürften sogar noch vor dem Lesen, vor der fiction gekommen sein. Eine Aufführung, an die ich mich erinnern kann, fand im – damals eben erst wieder eröffneten – Tiroler Landestheater statt: Beckett oder die Ehre Gottes von Jean Anouilh. Ich war ganz weg. Etwas später diente ich in Zwölfaxing bei Schwechat einen Teil meines Präsenzdienstes ab. Wiener Bekannte nahmen mich am Wochenende mit ins Theater – Komödien meistens, in der Josefstadt, den Kammerspielen oder ähnlichen Etablissements. Das begründete meine Liebe, und die hat lebenslang angehalten. Zur Zeit strahlt der ORF solche Aufzeichnungen wieder aus, und dafür sei ihm ehrlich und herzlich gedankt. Über die so unterschätzte Kunst der Komödie, des Lustspiels wird vielleicht ein andermal Gelegenheit sein zu reden.

Aber natürlich geht’s nicht nur um Komödien. Ich bin schließlich durch die germanistische Mangel gedreht worden. Auch in dieser Sphäre hat’s zutiefst bewegende Erlebnisse gegeben (und dabei red’ ich gar nicht von England, von London oder von Stratford). Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Nora in der Josefstadt, ebenso an eine Glasmenagerie, vor allem aber an Der Schwierige von Hugo von Hofmannsthal mit Helmuth Lohner in der Titelrolle. Da knisterte die Spannung im Zuschauerraum, und das nicht etwa wegen einer sensationellen Inszenierung, sondern ausschließlich wegen des Textes, des gesprochenen Wortes, das aber mit exquisiter Schauspielkunst.

Ein denkwürdiges Ereignis.

Leider scheinen die in immer weitere Entfernung zu rücken. Wenn man heute ins Theater gehen will, dann mag das Programm wohl interessante Stücke versprechen, man wird aber gut beraten sein, Kritiken zu studieren, und zwar sehr genau, zwischen den Zeilen lesend, denn offen wird’s ja nie ausgesprochen, wenn eine Inszenierung Mist ist. Und letzteres kommt immer häufiger vor. Dafür garantiert das Regietheater. Es besteht darin, dass irgendein Nebochant ohne die geringste schreiberische Begabung glaubt, jedem beliebigen Stück seine Duftmarke aufdrücken zu müssen. Was dabei herauskommt. ist immer dasselbe: Zerstückelte Handlung, Deklamationen im Schreiton, unmotiviertes Herumgetrample auf der Bühne. Jedes, aber auch gar jedes Drama kann so zerstört werden – und es wird. Schau’n Sie sich bloß um, geht ja zur Zeit dank live stream: Schillers Kabale und Liebe am Tiroler Landestheater zum Beispiel; eine preisgekrönte Maria Stuart von einer Berliner Bühne; oder der Lumpazivagabundus in der Josefstadt. Letztere Inszenierung kommt einer mutwilligen Sachbeschädigung gleich, angesichts welcher man sich anfängt die Frage zu stellen, ob man dagegen nicht doch rechtlich vorgehen sollte.

Für mich bedeutet das die resignierende Einsicht, dass meine Theaterzeiten wohl vorbei sein dürften. Zu alt. Wenn ich je wieder ins Theater komm’, hier oder in Wien, werde ich mir die Aufführungen sehr sorgfältig aussuchen müssen. Wenn freilich selbst die Josefstadt glaubt, auf den kruden Karren des Schmieren… äh, pardon, des Regietheaters aufspringen zu müssen, dann wird die Wahl ziemlich beschränkt. Also bleibt in Zukunft bloß die Hoffnung auf alte ORF-Aufzeichnungen.

Wie immer kann ich nicht glauben, ich sei außerordentlich. Ganz im Gegenteil. Deshalb nehme ich an, dass viele, viele andere genau so denken. Ein Leben ohne Theater? Die Entscheidung liegt nicht bei uns. Die nimmt uns das zeitgenössische Theater selbst ab.

Links:

"Ein Leben ohne Theater?", derStandard (27. Mai 2021).
"Wie wichtig ist uns Theater?", derStandard (5. Mai 2021).

Corrigendum

Die unter den Verdacht der mutwilligen Sachbeschädigung gestellte Inszenierung von Lumpazivagabundus stammt nicht, wie fälschlich behauptet, aus der Josefstadt, sondern vom Landestheater Linz. Ich bedaure den Irrtum und entschuldige mich in aller Form bei den Josefstädtern!

Die Amis kommen

Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung

Tirol wurde bekanntlich von den Amerikanern befreit. Ab 28. April 1945 marschierten mehrere Divisionen der US Army von Norden her über Kufstein, Scharnitz und Reutte in Tirol ein. Am 4. Mai trafen sich Vorausabteilungen der 103. Infanteriedivision bei Sterzing mit Kräften der US Fifth Army, die von Italien herauf kamen. Der Krieg war vorbei. Die Amerikaner blieben noch bis Anfang Juli in Tirol, dann wurden sie von den Franzosen als Besatzungsmacht abgelöst.

Sowohl während der Kriegshandlungen als auch während der kurzen Besatzungszeit wurde fotografiert, von professionellen Armeefotografen ebenso wie von den GIs, den Soldaten. Und solche Bilder samt begleitenden Briefen bilden im Wesentlichen den Inhalt des vorliegenden Bandes. Wie’s scheint, fühlten sich die Amerikaner durchaus wohl bei uns, sie kamen sich vor wie auf Urlaub. Sorge bereiteten ihnen bloß ihre Punkte: Denn wie viele einer gesammelt hatte, darauf kam’s an, ob er aufs Abrüsten hoffen durfte, oder ob er eine Verlegung in den Pazifik fürchten musste, wo sich die Amerikaner auf die Invasion Japans vorbereiteten.

Ob man sehr viel Neues erfährt. wird davon abhängen, wie viel man schon weiß. Zu meiner Freude fand ich jene Episode erwähnt, welche mir einst mein Vater erzählt hatte: Zusammengekratzte deutsche Truppen hatten am Fernpass eine notdürftige Verteidigungsstellung bezogen. Als die US Armee zum Angriff ansetzte, tauchten ein paar Gebirgsjäger auf – Österreicher, wie sie betonten – und führten eine amerikanische Kampfgruppe auf Schleichwegen in den Rücken der Verteidiger. Das rettete zwar unzählige Menschenleben, stellte aber trotzdem Hochverrat dar – die Österreicher verschwanden wieder auf mysteriöse Weise, ihre Namen blieben lange Zeit unbekannt. Mein Vater wusste davon, weil er einen der Beteiligten persönlich kannte. Ein Held, wenn’s je einen gab.*

Man möge mir nachsehen, wenn mich Erinnerungen davontragen – keine persönlichen, sondern an das, was meine Eltern erzählt haben. Mit dem Buch hat das nichts mehr zu tun. Mein Vater hatte sich schwer verwundet von Ravensbrück bis nach Hause durchgeschlagen, wo sich seine Verlobte, meine Mutter, gegenüber deutschen Militärärzten durchsetzte und seine Entlassung in häusliche Pflege erwirkte. Sie brachte ihn in die Leutasch, wo er bei einer befreundeten Familie auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Von dort war sie in den ersten Maitagen 1945 unterwegs nach Hause, nach Innsbruck – zu Fuß, da keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. Hinter ihrem Rücken rumorte es im Norden, sie nahm an, da zöge ein Gewitter auf. In Wirklichkeit handelte es sich um amerikanische Artillerie.

In Reith bei Seefeld standen ihrer Erzählung zufolge die Bewohner mit verweinten Augen vor ihren Häusern. Soeben war eine Kolonne von KZ-Häftlingen durchgetrieben worden. Am Zirlerberg beobachtete sie die Limousinen deutscher Generäle, die auf der Flucht die Straße hinunter rasten. Die Adjutanten saßen auf den Kotflügeln. Etliche Fahrzeuge schafften die steile Abfahrt nicht und landeten im Wald. In Zirl wartete glücklicherweise einer der raren Busse nach Innsbruck. Er fuhr mit Holzgas.

Als die Amerikaner in Innsbruck einmarschiert waren und der Krieg vorbei war, da machten sie Quartier. Und wie es sich traf, beschlagnahmten sie die Wohnung, in der meine Mutter und meine Großmutter wohnten. Über diese eher schmerzliche Episode unserer Familiengeschichte habe ich in meinem Buch Affidavit geschrieben, ich möchte mich nicht wiederholen. Und ich verkneife mir auch weitere Erinnerungen, die mich bestürmen.

Zurück zu unserem Buch: Nicht viel Neues also für meinesgleichen. Das soll beileibe keine Kritik sein! Was mir in Erinnerung bleibt, das sind die Bilder von Fähnchen schwenkenden Kindern, von jubelnden Frauen und Männern am Straßenrand. Entlang des Markt- und des Burggrabens. Sie bejubeln einmarschierende Truppen. Amerikanische, dieses Mal. Sieben Jahre zuvor – –

Was sagt man bloß zu solchen Menschen? Volk begnadet für das Schnöde?

Wenn etwas stört an diesem Band, dann sind es manche Kommentare der Herausgeber. Diesen akademischen Jargon, der mehr verhüllt als erhellt, den hätte man sich gut und gerne sparen können. Dafür hätten militärische Fachausdrücke und Abkürzungen erklärt werden müssen, besonders jene der US Armee. Ein Pfc ist ein Private first class, also ein Gefreiter. T/3, T/4, T/5 sind Dienstgrade für Spezialisten, also auch für Photographen. Und I&R steht für Intelligence and Reconnaissance. Der I&R Platoon ist der Aufklärungszug.

Empfehlenswert? – Keine Frage, ein interessanter Bildband zum Schmökern.

* Inzwischen ist sein Name kein Geheimnis mehr, er wurde 1977 sogar von der Republik Österreich ausgezeichnet – völlig zu Recht, wie ich glaube. Ich hab’ den Mann persönlich gekannt, als Freund meines Vaters.
Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung: Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945 (Innsbruck: Tyrolia Verlag, 2020).

Da saß ich auf meinem Bankl

Da saß ich im Sonnenschein auf meinem Bankl, neben dem Spazierweg am Rande unseres Wohnortes. Eine junge Frau kam sportlichen Schrittes des Wegs.

„Hallo“, grüßte ich sie, wie’s halt so üblich ist.

Sie blieb stehen. Groß, schlank, kurzes meliertes Haar, schmales Gesicht.

„Jetzt wär’ ich fast nicht weiter gekommen“, sagte sie. Sie sprach mit leiser, sanfter Stimme.

„Warum denn?“

„Da ist abgesperrt. Ich musste drüber klettern.“

„Ach ja, stimmt! Das ist die Quarantäne.“

Sie sah mich verwundert an.

Hatte sie nichts gehört davon? Es stand doch in der Zeitung, war im Radio verlautbart worden, im Lokalfernsehen. Oder wusste sie nicht, was eine Quarantäne ist?

„Ja,“ beteuerte ich. „Es kann jeder rein, aber wer das Dorf verlässt, braucht einen negativen Corona-Test.“

„Ich auch? Ich geh ja nur spazieren.“

„Wie’s scheint, Sie auch.“

„Ich hab’s nicht so mit dem Testen.“

„Aber das ist doch ganz einfach!“

Und das stimmte, keine Schönfärberei. Seit Neuestem gab’s einen Container auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt, da brauchte man sich nicht einmal anzumelden, und selbst wenn viele Leute dort waren, ging’s schnell. Schnell und problemlos.

„Ich mag’s nicht, wenn man da an mir herum tut.“

„Aber um Sie geht’s doch gar nicht.“

Sie sah mich zweifelnd an.

„Es geht um die anderen. Um die Ansteckung. Nicht ihre – von denen. Sie selbst können krank werden, so viel Sie wollen.“

Sie erwiderte nichts. Schaute mich ein paar Augenblicke stumm an, dann wandte sie sich grußlos ab, ging weiter. –

Was mich an eine weitere Begebenheit erinnert, ebenfalls erst kürzlich. Da bekam ich übers Web wieder einmal die triumphierende Meldung einer Bekannten: Eine Karte Österreichs, auf der in verschiedenen Farben angezeigt wurde, wie viel Prozent im jeweiligen Bundesland eben nicht mit dem Corona-Virus infiziert seien. In Tirol waren’s angeblich 99,82. Die Betonung liegt auf angeblich. (Wenn man nachrechnet, stimmen diese Zahlen ja nie.) Normalerweise enthalte ich mich in solchen Fällen einer Antwort. Nicht, weil ich’s besser wüsste, ganz im Gegenteil, sondern weil ich mich nicht in sinnlose Debatten verstricken lasse. Dieses Mal rutschte mir aber doch eine Replik heraus.

„Komisch“, schrieb ich, „dass ich so viele aus dem winzig kleinen Rest kenne!“

Und auch das stimmte. Bekannte, Verwandte, ehemalige Kollegen. Schwager samt Familie. Die waren sogar bei uns zu Besuch gewesen, die Symptome zeigten sich erst danach, glücklicherweise nichts passiert. Ein ehemaliger Kollege, genau so alt wie ich, samt Frau. Die hat’s etwas ärger erwischt, wie sie uns erzählten, als wir ihnen später auf einem Spaziergang begegneten. Er kam noch immer ziemlich wackelig daher. Und dabei habe ich noch gar nicht vom medizinischen Teil unserer Familie geredet. Ein Verwandter klaubte den Virus in einem Krankenhaus in Linz auf, er arbeitet dort als Assistent in der Radiologie. In diesem Falle musste er allerdings auf der Corona-Station aushelfen. Ihn hat’s recht arg erwischt, hoffentlich ohne Spätfolgen.

Ein anderer ist Arzt, er durchläuft an einem Bezirkskrankenhaus in Tirol das, was man früher den Turnus genannt hat. Da hatte er ebenfalls auf der Corona-Station Dienst zu tun. Einmal rief er mich am Abend an, als er nach einer langen Schicht nach Hause kam.

„Mensch“, stöhnte er hörbar erschöpft. „24 Stunden. Und immer der Schutzanzug.“

Zufällig wusste ich aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt. Wie einem der Schweiß in der Arschfalte zusammenrinnt, ganz wortwörtlich.

„Was manche Leut’ mitmachen!“, sagte er verzweifelt. „Tieren gibt man da wenigstens den Gnadenschuss, oder?“

Die Freiheit ist das höchste Gut

Da fühlte sich eine Nachrichtensprecherin bemüßigt, einen Beitrag mit eben diesen Worten einzuleiten: „Die Freiheit ist das höchste Gut“.

Mir wackelten die Ohren.

Wie kann man so was sagen? Gut, die Dame ist bloß Sprecherin, da muss man nicht weiß Gott wie gebildet sein, weder geschichtlich noch politisch oder philosophisch. Obwohl – als Journalistin empfindet sie sich ja doch. Und dann – vor Hunderttausenden, womöglich einer Million Zusehern? Da würde man sich doch ein bisschen mehr Umsicht erwarten, ein bisschen Nachdenklichkeit.

Wobei ihr immerhin zugute gehalten werden kann, dass sie bloß das sagt, was alle denken; nach-denken im wörtlichen Sinne (sie denken das nach, was andere ihnen vorsagen). Wir leben in einer Umwelt, in der solche Ansichten zur Selbstverständlichkeit gehören. Ähnliches gilt für die Segnungen der Globalisierung oder das nutzbringende Wirken von Konkurrenz. Um von der verborgenen Wohltätigkeit eiskalt geraffter Milliarden erst gar nicht zu reden.

Trotzdem wackeln einem die Ohren, wenn man das so auf die Nase geknallt bekommt: „Die Freiheit ist das höchste Gut.“

Echt jetzt?

Man versuche einmal, sich das konkret vorzustellen. Schauen Sie sich doch um in Ihrem Leben, werte Leserin, werter Leser: Wohnung, Heizung, Einkommen – alles sekundär? Die Freiheit ist das höchste Gut? Ergo müssten wir um der Freiheit willen bereit sein, all das frohen Herzens aufzugeben?

Rechtssprechung, Gesundheitswesen, soziales Netz, wenn’s einmal nicht so gut läuft? Nichts da. Die Freiheit, meine Lieben, die ist das höchste Gut.

Und da hab’ ich noch gar nicht von Dingen geredet, die bei uns selbstverständlich geworden sind: Friede zum Beispiel. Sagen Sie das mit dem höchsten Gut doch einmal den ausgebombten, gehetzten Bewohnern von Aleppo! Oder aber die materielle Lebensgrundlage, die primitivste meine ich. Sagen Sie das doch einmal einer verzweifelten afro-amerikanischen Mutter im Ghetto einer amerikanischen Großstadt. Freiheit hat die wahrlich genug!

Wir wollen nicht weiter auf solchen Dingen herumreiten. Es dürfte ausreichend klar geworden sein: Die Freiheit allein ist nicht das höchste Gut. Sie kann es nicht sein. Der Satz ist in dieser Form Unsinn.

Aber was?, höre ich fragen. Soll die Freiheit nichts wert sein? Was ist mit den Märtyrern, die ihr Leben für die Freiheit geopfert haben?

Na ja. Besagte Freiheitshelden müsste man uns erst einmal nennen, damit wir uns ihre Motive genauer ansehen können. Grundsätzlich lässt sich sagen: So lange Freiheit nicht gegeben ist, so lange um sie gekämpft wird, mag sie wirklich als höchst erstrebenswert gelten. Daher auch unsere Helden, unsere Märtyrer. Allerdings muss nationale Freiheit nicht automatisch individuelle Freiheit mit sich bringen. Es kann auch das Gegenteil eintreten.

Außerdem ist es, solange man noch um die Freiheit kämpft, nicht nötig, genauer  nachzufragen. Das kommt erst, wenn der Sieg errungen ist. Denn dann erweist sich, dass die Freiheit eigentlich hohl ist. Jawohl, hohl!

Was mach’ ich mit ihr? Die vormaligen Kampfgefährten gehen getrennte Wege: nationalistisch, konservativ, sozialistisch. Das ist unausweichlich. Meine Generation hat das sehr anschaulich an der polnischen Solidarnosc studieren können. Bis heute kommen praktisch alle führenden Politiker des Landes aus der Bewegung, vom liberalen Donald Tusk (Ministerpräsident 2007–2014, danach Präsident des Europäischen Rates) bis hin zum katholisch-nationalkonservativen Jaroslaw Kaczynski (Ministerpräsident 2006–2007, Vorsitzender der derzeitigen Regierungspartei PiS, dzt. Vize-Ministerpräsident).

Einfach nur „frei“ geht nicht. Wer so was vorgaukelt, der tut dies mit Absicht – mit böser Absicht, dürfen wir getrost annehmen. Wer von Freiheit redet, muss dazu sagen, was er damit anfangen will. Tut er’s nicht – so wie die heutigen Liberalen –, dann sollten wir ihn dazu zwingen.

So, wie wir leben – das gründet sich auf eine Vielzahl von „Gütern“: Wohlstand, soziale Absicherung, Fairness, Gleichheit (vor dem Gesetz zum Beispiel). Und so weiter. Man kann argumentieren, dass unser Lebensstandard nur in einem freien Staatswesen möglich sei, und ich werde dem nicht widersprechen. Es wird nur vergessen, dass er nicht durch die Freiheit an sich herbeigeführt wurde.

„Die politische Freiheit ist wie die Luft“, soll unser doppelter Staatsgründer Dr. Karl Renner einmal gesagt haben. „Man kann nicht von ihr leben, aber noch weniger ohne sie.“

Ich persönlich hätte das umgedreht: Man kann vielleicht nicht ohne Freiheit leben, aber von ihr ganz gewiss nicht. Doch mit derlei Kleinigkeiten wollen wir uns nicht aufhalten. Vielmehr soll noch eine letzte Frage beantwortet werden: Welches ist nun das höchste Gut?

Meine zögernde, vorsichtige Antwort: Wenn’s so etwas überhaupt gibt, dann wahrscheinlich die Lebensqualität. Die dürfte letztlich das Entscheidende sein. Bloß ist sie kein Gut an sich. Sie bedarf eines gut ausgewogenen Zusammenspiels verschiedener Güter, und das Gewicht dieser Güter wird sich ständig verändern. Ich hab’ in diesem Zusammenhang einmal vom „Parlament der Werte“ gesprochen. Die Freiheit gehört da zweifellos dazu. Aber die absolute Dominanz eines einzelnen Gutes – ganz egal welches – kann nur zur Verminderung der Lebensqualität führen.

Und deshalb wackle ich mit den Ohren, wenn eine Nachrichtensprecherin… Na ja, Sie wissen schon. Jetzt wissen Sie’s.

Happy Birthday, Bob Dylan

Eighty today. Who would have thought, way back then?

Newport festival, 1965

Thank you for inspiring me in my young days – and for the rest of my life. Your songs have always been with me.

My favourite song?

Don’t know – Mr. Tambourine Man; Like a Rolling Stone; but also, of course, Blowin’ in the Wind, and Don’t Ask Twice.

And more.