Der Gott, der keiner war

Richard Crossman, ed., The God That Failed

Es handelt sich um eine – inzwischen legendäre – Sammlung von sechs längeren Aufsätzen bekannter Schriftsteller: Arthur Koestler, Ignazio Silone, Richard Wright, André Gide, Louis Fischer und Stephen Spender. Herausgegeben wurde der Band von Richard Crossman, einem jener Gelehrten-Journalisten-Politiker, wie sie in Großbritannien gar nicht so selten auftreten. Erschienen ist er 1949 (der Zeitpunkt ist von Bedeutung).

Was die sechs Schriftsteller gemeinsam haben, das ist der Umstand, dass sie irgendwann in der Zwischenkriegszeit der kommunistischen Partei beigetreten waren – und dass alle wieder austraten. Ihre Gründe für diesen Schritt, die Geschichte ihrer Beziehung zur Partei, die bilden den Inhalt ihrer Bekenntnisse und somit auch das Thema des Buches.

Es würde zu weit führen, hier auf jeden einzelnen einzugehen, obwohl sie das natürlich verdienten. Ich möchte bloß erwähnen, was hervorsticht – zumindest in meinen Augen. Arthur Köstler ist vor allem bekannt für seinen Roman Darkness at Noon (dt.: Sonnenfinsternis), ein wichtiges Dokument dissidenter Literatur. Ignazio Silone überraschte mich mit dem Bekenntnis, hochrangiger Funktionär der Kommunistischen Partei Italiens gewesen zu sein. Seite an Seite mit Palmiro Togliatti nahm er an Sitzungen der Komintern-Führung teil, einmal widersprach er sogar Stalin höchstselbst. Von Richard Wright hatte ich bislang noch nichts gehört – stopp: nichts im Zusammenhang mit Politik und Kommunismus. Es handelt sich um einen afro-amerikanischen Dichter aus Chicago. Über André Gide haben wir hier bereits geschrieben (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Louis Fischer war ein Star-Reporter, und Stephen Spender eine Größe im literarischen Leben Londons. Er taucht im Dunstkreis von George Orwell auf.

Letzterer verweist zugleich auf die Bedeutung dieses Buches zur damaligen Zeit (obwohl er selbst nichts beigesteuert hat). Das war ja genau die Zeit, als Nineteen Eighty-Four erschien (der Titel ergibt sich bekanntlich aus dem Erscheinungsjahr 1948), nicht lange davor war Animal Farm herausgekommen. Man könnte argumentieren, dieser neu entdeckte Anti-Kommunismus sei opportunistisch gewesen: Europa stand am Anfang des Kalten Krieges, der eine Neubewertung der Sowjetunion geradezu erzwang. Bis dahin bewunderte man sowohl die UdSSR als auch den Kommunismus im allgemeinen, wobei sich Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller ganz besonders hervortaten – die berühmten fellow travellers, die bereit waren, „ein Stück Wegs“ mit den Kommunisten zu gehen, sofern sie nicht überhaupt der Partei beitraten. Diese Sympathie für den Kommunismus gab’s seit der Revolution, mit steigender Häufigkeit jedoch während der Dreißiger Jahre und schließlich im Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetunion nicht bloß Verbündeter der USA und des Vereinigten Königreiches war, sondern bei weitem der stärkste und wichtigste Teil der Allianz. Es war letztlich die Rote Armee, welche die Wehrmacht besiegte: nicht ausschließlich, aber doch wesentlich.

Von Anfang an hatte es aber auch kritische Stimmen gegeben. Wir haben hier bereits Joseph Roth kennen gelernt (Verknüpfung am Ende des Beitrags); die anderen Autoren im vorliegenden Band gehören ebenfalls dazu. Sie sprechen allesamt von den Gründen, aus welchen sie sich zum Kommunismus hingezogen fühlten. Dann aber, und womöglich noch ausführlicher, von den Gründen, aus denen sie zu Kritikern wurden, Apostaten, Dissidenten (wie man später sagte). Der heutige Leser kann mehrere Motive unterscheiden. Zunächst kam die Konfrontation mit der sowjetischen Wirklichkeit. Die spielte zum Beispiel für André Gide eine entscheidende Rolle. Wozu man freilich anmerken sollte, dass es selbst dann, wenn jemand mit eigenen Augen sah, einer intellektuellen Leistung bedurfte, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen und nicht, wie das so viele taten, das Gesehene mittels goodthink zurechtzubiegen.

Ein zweiter Anlass zum Ausscheren bot die Orthodoxie der Kommunistischen Partei, der Druck, gläubig nachzubeten, was jeweils als neueste Parteilinie galt, keinen Widerspruch, ja nicht einmal Zweifel zu äußern. Wenn einmal der Verzicht aufs eigenständige Denken geleistet ist, meint Richard Crossman in der Einleitung, dann werde der Geist zum Sklaven eines höheren unbestrittenen Zieles. „Die Wahrheit zu verleugnen ist eine Dienstleistung.“ Und deshalb sei es zwecklos, mit einem Kommunisten zu diskutieren. Westlichen Intellektuellen musste dieser quasi-religiöse Gehorsam schwer fallen. Stephen Spender verweist in diesem Zusammenhang auf die Tradition der dissenters, der protestantischen Nonkonformisten, die er in sich selbst verspüre. Durchaus möglich, dass da etwas dran ist. Ignazio Silone berichtet von einer Sitzung der Komintern-Spitze, bei der es um englische Gewerkschaftsangelegenheiten ging. Es wurde vorgeschlagen, die einzelnen Sektionen der KP sollten sich scheinbar der geforderten Linie unterwerfen, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil tun.

„Aber das wäre eine Lüge!“, unterbrach der englische Vertreter den Redner.

Diesen Einwand, so erinnert sich Silone, „begrüßte ein unbefangenes, herzliches, endloses Gelächter, wie es die düsteren Büros der Kommunistischen Internationale vielleicht noch nie gehört hatten. Es verbreitete sich in Windeseile durch ganz Moskau, denn man hatte die unglaublich komische Antwort des Engländers sofort an Stalin und alle wichtigen Staatsbehörden durchtelephoniert.“

Mich erinnert das an etwas, was Manés Sperber einmal erzählt hat. Im Auftrag der Kommunistischen Partei ging er um 1934 nach England. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass die meisten Genossen, die er dort traf, nicht davon zu überzeugen waren, „dass der Zweck die Mittel in jedem Falle rechtfertige.“

Three cheers!

Schließlich wirkten auch die Starre des Parteiapparats, die Bürokratie, die kleinlichen Fehden und Intrigen abstoßend. Als Richard Wright in Chicago seine Zweifel erkennen ließ, flog er aus dem Demonstrationszug zum 1. Mai – und zwar wortwörtlich, sehr unsanft.

Es ist heute nicht leicht nachzuvollziehen, welchen Einschnitt die Trennung von der Kommunistischen Partei bedeutete. Da war einerseits die Hoffnung, der feste Glaube, sie – und nur sie – könne eine Besserung bewirken, gerade angesichts des Versagens der wirtschaftlichen und politischen Ordnung in den dreißiger Jahren. Dazu kamen noch der Spanische Bürgerkrieg und die Bedrohung durch den Faschismus. Wo, wenn nicht bei den Kommunisten, waren noch Widerstandswille, Kampfbereitschaft, Entschlossenheit und Mut zu finden?

Dann gab’s den religiösen Aspekt. Auch er ist heute nicht mehr leicht nachzuvollziehen. (Oder doch – bei den Querdenkern, QAnon und so?) Schon Gide schilderte seine Entdeckung des Kommunismus wie eine religiöse Erweckung:

Meine Bekehrung hat etwas Religiöses. Mein ganzes Sein, all mein Sinnen und Trachten ist auf ein einziges Ziel gerichtet; jeder Gedanke, selbst der unfreiwilligste, lenkt mich darauf hin. Die Sowjetunion scheint mir den Weg zur Erlösung aus dem jammervollen Elend zu weisen, in dem sich die heutige Welt befindet. Alles bestärkt mich in dieser Überzeugung. Die erbärmlichen Argumente meiner Gegner können mich niemals umstimmen, sie empören mich. Und wenn der Sieg der Sowjetunion von meinem Leben abhinge, gern und auf der Stelle gäbe ich es dahin.

Und dann das intellektuelle Marschieren im Gleichschritt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich jemand, der da mitgemacht hatte, der praktisch seinen Verstand geopfert hatte, fürchterlich schwer tat, wieder zu sich selbst zu finden. Sein enormes Opfer wäre dann ja umsonst gewesen. Und seine Vergehen, taktische Lügen im Dienste der Sache, die stünden plötzlich da wie Todsünden.

Für jene, welche den Schritt nicht vollzogen, welche also bei der Partei blieben, stellten die Abtrünnigen verständlicherweise Verräter dar. Man dürfe dem Gegner keine Munition liefern, hieß es immer. Schwer abzuschätzen, wie viel zur Bewachung dieses imaginären Munitionsdepots gelogen wurde – und Schlimmeres. Aber eben dies taten die Dissidenten: Sie lieferten den Gegnern Argumente, ob sie wollten oder nicht.

Das zog sich fort den ganzen Weltkrieg hindurch. Der Schock des Nichtangriffspaktes vom August 1939 verflog rasch. Mit Juni 1941 war die Welt wieder in Ordnung. Für die nächsten vier Jahre genoss die Sowjetunion hohes Ansehen in Großbritannien und den USA, und zwar in jeder Hinsicht. Hier lag mit ein Grund, warum sie so viele Spione rekrutieren konnte.

Die Dissidenten waren so gesehen mutige Vorkämpfer, Schrittmacher. Man denke bloß an George Orwell und welche Schwierigkeiten er hatte, Animal Farm zu veröffentlichen. Doch der Prozess kam in Gang, und Der Gott, der keiner war stellte eine wichtige Etappe dar. In der Folge hatte der Kommunismus zwar in der breiten Bevölkerung ausgedient, nicht aber in intellektuellen Kreisen. Da flammte er in den sechziger und siebziger Jahren sogar noch einmal auf. Selbst in den achtziger Jahren hab’ ich das zu spüren bekommen, als die Drucker einer kleinen Regionalzeitung einen meiner Artikel nicht drucken wollten, weil ich dem damaligen Antifa-Star Alfred Hrdlicka sein fortdauerndes Bekenntnis zum Bolschewismus vorwarf.

Empfehlenswert? – Man muss sich schon für’s Thema interessieren: Zeitgeschichte, Ideologiekritik. Ist das der Fall, dann Ja.

Richard Crossman, ed., The God That Failed (Harper Colophon Books, New York: Harper & Row, 1963). First publ. 1949. – Dt. Ausgabe Ein Gott, der keiner war (Zürich: Europa Verlag, 2005). e-book. 
Leider ist die digitale Version nicht zu empfehlen, sie strotz von Fehlern, zum Teil scheint der Text schlampig gescannt worden zu sein. Deutschsprachige Print-Ausgaben sind erhältlich, nicht alle ausgesprochen preisgünstig.

Zu André Gide: Bekehrung und Enttäuschung

Zu Joseph Roth: Pilgerreise in die Sowjetunion

Weichensteller

Im Standard ging ein Autor jüngst dem Konzept der Tragic Choice nach (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Der Anlass waren natürlich jene Beschränkungen, welche zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassen wurden und werden, die dabei aber notwendigerweise unsere Grund- und Freiheitsrechte beschneiden. Ist so was unter Umständen zulässig? Manche – darunter auch der Verfasser dieser Zeilen – sagen Ja, andere bestreiten dies vehement.

Näher will ich darauf nicht eingehen. Ich hab’ mich bloß gefragt, wozu man da jetzt einen weiteren englischen Begriff braucht. Es handelt sich nämlich um nichts anderes als ein gutes altes Dilemma. Klingt doch auch schön, oder? In unserem speziellen Fall spricht man anscheinend vom Trolley-Problem (a trolley car ist in den USA eine Straßenbahn) oder, noch verständlicher, vom Weichenstellerfall. Das bezieht sich auf jenes Gedankenexperiment, mit welchem das Dilemma gerne dargestellt wird: Ein Straßenbahnzug rast auf eine Gruppe Gleisarbeiter zu. Die einzige Rettung besteht darin, dass rasch eine Weiche gestellt wird – zu einem anderen Gleis, auf dem indes ein einzelner Mann steht. Wie soll sich der Weichensteller entscheiden?

Ich hatte, ganz ehrlich gestanden, weder von diesem Weichenstellerfall noch von Tragic Choice jemals etwas gehört, die Begriffe waren mir völlig neu. Die zugrunde liegende Zwickmühle war es hingegen nicht. Mit der hatte ich mich auf meine naive Weise schon viel früher herum geschlagen.

Reisen wir zurück in den Herbst 1977. Der „deutsche Herbst“, wie sich viele erinnern werden. Der Herbst der Terroristen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und so weiter, die RAF, wie sie sich selbst nannten, die Rote Armee Fraktion. Sie entführten Menschen, ermordeten andere, und deshalb saßen führende Mitglieder im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim. In studentischen Kreisen tobten geradezu Diskussionen über Berechtigung oder Nicht-Berechtigung terroristischer Gewalt, und die verschnörkelten Umwege, auf denen die Argumentation endlich zu dem Schluss gelangte, die Gewalt sei doch irgendwie berechtigt – diese verschnörkelten Umwege kamen beinahe schon Kunstwerken gleich.

Dann wurde die Lufthansa-Maschine Landshut entführt. Die Entführer richteten den Flugkapitän eiskalt hin, Genickschuss. 90 Passagiere befanden sich in der Maschine, Menschen wie du und ich. Die zermürbende Odyssee endete schließlich am Flughafen von Mogadischu. Die Spannung wurde nachgerade unerträglich. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober wurden die Geiseln von einer deutschen Spezialeinheit befreit – welch ein Triumph, welche Erleichterung!

Die Nachricht erreichte uns in der Früh – na ja, mich zumindest, andere mögen die Nacht an den Radiogeräten ausgeharrt haben – zusammen mit einer weiteren: Die Häftlinge in Stammheim hatten noch in derselben Nacht Selbstmord begangen.

Mensch, und jetzt liefen die studentischen Diskussionen erst so richtig heiß! Die vorherrschende Meinung sprach natürlich von „Staatsmord“. Aber immerhin muss es auch Gegenstimmen gegeben haben, anders wäre es nicht zu derart hitzigen Debatten gekommen. Und mit welcher Spitzfindigkeit da argumentiert wurde! Notgedrungen, muss hinzugefügt werden, denn an Fakten hatten wir nur das, was in den Zeitungen stand oder was im Fernsehen berichtet wurde. Dass die Studenten der „kapitalistischen Monopolpresse“ misstrauten, das verstand sich von selbst.

Genau an diesem Punkt setzten meine eigenen Überlegungen an. Wissen – so reimte ich mir das zusammen – wirklich wissen können wir’s nicht und werden’s vielleicht niemals. Aber was, wenn die Frage falsch gestellt ist?

Versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Polizeioffiziers oder vielleicht auch eines verantwortlichen Politikers. Ganz egal, wie Sie politisch denken, ist die Situation doch klar: Dieser eine Versuch, die Gefangenen mittels Entführung frei zu pressen, ist missglückt. Aber der nächste kommt bestimmt, damit müssen Sie aufgrund der bisherigen Ereignisse eindeutig rechnen. Wer garantiert Ihnen, dass die nächste Entführung genau so triumphal endet? Da stehen Menschenleben auf dem Spiel, eine ganze Menge, lauter normale Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Auf der anderen Seite vier Leute, die Verbrechen begangen haben, Morde, und die nach einer Freipressung selbstverständlich weitere begehen würden – da machten sie ja kein Hehl draus, das gehörte zu ihrem politischen Programm, daraus zogen sie Selbstbestätigung und Selbstachtung. Solange die im Gefängnis saßen, würden die Entführungen, Erpressungen und Morde niemals aufhören, ganz egal, um welches Gefängnis es sich handelte, und ganz egal, wie die Haftbedingungen gestaltet wären.

So – und jetzt sind Sie dran. Was tun Sie?

Natürlich – so überlegte ich – natürlich dürfen Häftlinge in einem westlichen Rechtsstaat nicht gefoltert, geschweige denn hingerichtet werden. Absolutes Tabu, daran darf nicht gerüttelt werden, keine Ausnahmen!

Andererseits –

Ich glaube, ich hätte mich damals – wäre ich in die Lage gekommen, dies zu tun – für die radikale Variante entschieden. Alles andere hätte meinem moralischen Instinkt widersprochen. Philosophische Spekulationen stellte ich keine an, die betrachte ich bis heute eher skeptisch.

In besagtem Standard-Artikel wird eine Autorität zitiert, welche das Dilemma folgendermaßen löst: Die notwendige, aber gesetzeswidrige Tat wird von jemandem begangen, der bereit ist, die Strafe auf sich zu nehmen. So würde die Bedrohung aus der Welt geschafft, ohne dass der Rechtsgrundsatz verletzt wird.

Klingt gut. Aber wie schaut so was im wirklichen Leben aus?

Konstantin Lager, „Die Covid-Pandemie ist eine tickende Bombe für Grund- und Freiheitsrechte“, derStandard (23. März 2021).

Ich hân mîn impfung

Der eine oder die andere wird sich vielleicht noch aus Schulzeiten erinnern: „Ich hân mîn lêhen“, jubelte Walther von der Vogelweide vor nunmehr 800 Jahren, als ihm endlich ein solches zuteil wurde. Worum es sich genau handelte, das weiß man heute nicht mehr. Er brauche nicht mehr zu betteln, freute er sich, und im Winter würde er keine kalten Füße mehr haben.

„Ich hân mîn impfung“, war ich versucht zu frohlocken, als es endlich so weit war. Dieser Tage habe ich nämlich die erste Dosis der Corona-Impfung verabreicht bekommen. AstraZeneca. Die diversen Impfstoffe haben’s ja bis an unsere Küchentische geschafft: Wir reden über Biontech/Pfizer, Moderna oder Johnson & Johnson, wie wir früher über Fußballmannschaften diskutiert haben. Hätt’ sich vor einem Jahr auch niemand träumen lassen.

Mir wurde also AstraZeneca verabreicht. Das gilt ein bisschen als zweite Klasse, nicht wahr, Prolojauckerl. Wer was Besseres ist – oder zu sein glaubt –, lässt sich auch was Besseres spritzen. In meinem Fall ergab sich das folgendermaßen: Wir hatten uns für die Impfung angemeldet, kaum das möglich war. Bei unserem Hausarzt, dem praktischen Arzt in einer Gemeinde in der Umgebung von Innsbruck. Wie sich herausstellte, hatten mich die fürsorglichen Damen dort bereits auf ihre Liste gesetzt. Wann’s so weit sein würde, das konnte jedoch niemand sagen. Da ich wohl zur Gruppe der Hochrisiko-Patienten zu zählen war, rechnete ich mit einem baldigen Termin.

Aber dann – geschah nichts. Die Zeit verging. Zunächst hörte ich vereinzelt von Bekannten oder Verwandten, die geimpft worden seien. Meist handelte es sich um Hau-Ruck-Aktionen, wenn irgendwo Impfstoff übrig blieb. Dann erfolgten die Impfungen regulär, an den Impfstraßen, in Krankenhäusern oder sogar Arztpraxen. Schließlich hatte ich schon den Eindruck, alle in meinem Bekanntenkreis seien schon geimpft, und zwar mit BionTech/Pfizer oder Moderna – alle, außer mir. Dabei waren viele dieser Bekannten oder Verwandten jünger als ich, und gesund!

Trotzdem beschloss ich, nicht unzufrieden zu sein. Ich konnte mich ja nur zu gut daran erinnern, wie das vor einem Jahr ausgeschaut hatte. Da befand ich mich im Krankenhaus, es ging mir nicht besonders gut, und ich musste versuchen, mich mit meiner Krankheit abzufinden. Das wäre unter normalen Umständen schon schwer genug gewesen, nun kam aber noch die Corona-Pandemie dazu. Der erste Lockdown (wie’s unnötig Englisch heißt), die erste Ausgangssperre wurde verhängt, kurz nachdem ich ins Krankenhaus gekommen war. Das schuf eine gespenstische Stimmung. Wir hatten ja keine Ahnung, was da ablief, was kommen würde, die Prognosen klangen äußerst bedrohlich. Impfung? Da machte man uns keine Hoffnung. Das würde Jahre dauern. Bis dahin konnten wir bloß Masken tragen und Abstand halten.

Ich rechnete mir nur ganz geringe Chancen aus. Aufgrund meiner Krankheit würde mich das Corona-Virus umbringen, wenn es mich befiel. Da machte ich mir keine Illusionen. Und wie schaute es mit der Wahrscheinlichkeit aus, einer solchen Infektion zu entgehen? Nun, dachte ich, je länger desto schlechter. Wenn das Monate so ging, ein Jahr, zwei Jahre – dann musste ich das Virus doch irgendwann einmal aufschnappen, oder?

Das hieß, ich musste nicht bloß mit meiner Krankheit fertig werden, ich hatte mich auch auf einen engen Zeithorizont einzustellen.

Und jetzt, ein Jahr später, habe ich meine Impfung! Na ja, nicht die ganze, nur den ersten Schuss, aber der soll auch schon wirken, so ein bisschen, er sollte meine Chancen verbessern.

Als mich unser Doktor anrief und die Impfung anbot, da zögerte ich kurz: Sollte ich Glücksspiel betreiben und drauf setzen, dass ich in Innsbruck bald einen besseren Impfstoff bekäme?

Ich entschied mich dagegen. Nicht bloß, weil ich kein Spieler bin. Ich hatte so lange auf diesen Moment gewartet, ich würde ihn nicht vorbei gehen lassen! Außerdem hielt ich die Zweifel am AstraZeneca-Impfstoff für übertrieben. Vor allem aber – siehe oben –, vor allem aber konnte ich’s immer noch nicht fassen, dass es überhaupt irgendeinen Impfstoff gab. So rasch! Ein Wunder!

Und dafür sollten wir ausnahmsweise einmal dankbar sein. Vor allem natürlich den Wissenschaftlern samt all ihren Assistenten und Gehilfen – immer beide Geschlechter mitgedacht, bitte schön, denn die -innen dürften da letztlich in der Mehrheit sein!

Und wir sollten ausnahmsweise auch einmal dankbar sein, in einem Staat zu leben, der für die Durchführung der Impfung sorgt – auch wenn’s derzeit nicht so läuft, wie’s sollte. Diese Kritik kam auch in mir selbst auf. Trotzdem: Vom ersten Forschungsauftrag über die gewaltigen Mittel, die da zugeschossen wurden, bis hin zur Infrastruktur, immer war’s unser Staat, der diesen Erfolg mit ermöglichte.

Also – ich hab’ meine Impfung! Sofern das bei Ihnen noch nicht der Fall ist, wünsche ich Ihnen, dass er möglichst bald eintritt. Übrigens: Nebenwirkungen hab’ ich bisher keine verspürt, außer dass ich einen Tag lang ausgiebig geschlafen habe.

Emma Peel im Karzer

Letzten September ist Diana Rigg verstorben, im Alter von 82 Jahren. Dame Diana Rigg, müsste es eigentlich heißen, DBE: Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire. Sie war eine großartige Schauspielerin in zahllosen Bühnen- und Filmrollen, nicht zuletzt als Shakespeare-Darstellerin. Leider hab’ ich sie nie auf der Bühne gesehen, im Unterschied zu Freunden, die sehr wohl das beneidenswerte Privileg genossen, ich glaube bei einer Freilichtaufführung im Regent’s Park.

Nein. Warum ich mit quasi freundschaftlicher Wehmut an Diana Rigg denke, das ist wegen ihrer Darstellung der Emma Peel in der Fernsehserie The Avengers, bei uns bekannt als Schirm, Charme und Melone. Verkürzt hieß das bei uns bloß Schirm Charme, im Laufe der Zeit verballhornt zu Schrimm Schramm. Das änderte freilich nichts an der Bedeutung dieser Serie für uns Teenager. Diana Rigg wirkte von 1965 bis 1968 mit, immer an der Seite von Patrick Macnee, der den Erz-Gentleman John Steed verkörperte.

Wir durchlebten die sechziger Jahre. Es dürfte heute nur sehr schwer zu beschreiben sein, was die bedeuteten. Ich war damals im delikaten Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Als mir ein Klassenkollege zum ersten Mal eine Schallplatte lieh, eine 45er, wie’s damals hieß, weil sie mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen war – als ich also diese Schallplatte daheim auflegte, in der Musiktruhe meiner Eltern, und als ich Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hörte, da trat ich in eine neue Welt ein: eine bunte Welt voll aufregender Klänge, eine moderne Welt, eine jugendliche Welt. Kurz darauf hörte ich „Paint it black“ von den Rolling Stones. Ich verfiel dieser Musik und bin ihr bis heute verfallen geblieben.

Und diese neue Welt, diese Modernität – zu der gehörten eben auch Emma Peel und John Steed. Emma Peel trug immer die neuesten Klamotten, nicht zuletzt atemberaubend kurze Kleider. Außer es ging dem Höhepunkt der jeweiligen Folge zu: Dann hatte sie ebenso sensationelle Hosenanzüge an, auch sie damals aufregend neu. „Nahkampfanzug“, pflegten wir zu sagen. Denn dann kam Emmas Karate zum Einsatz.

Wenn man sich die Folgen heute ansieht, dann staunt man einerseits, wie kostensparend sie gemacht wurden, besonders die ersten Staffeln. Schwarz-weiß, versteht sich, aber was anderes gab’s ohnehin nicht in unseren Fernsehern. Andererseits waren die Episoden ungeheuer spannend. Besonders natürlich, wenn Emma Peel in Bedrängnis geriet. Trotzdem gingen sie immer gut aus – klar, sonst hätt’s ja keine Fortsetzung gegeben –, außerdem waren sie insgesamt nicht ganz ernst gemeint. Da traten exzentrische englische Typen auf, die irgendein verschrobenes Hobby bis zum Exzess, bis zur angestrebten Weltherrschaft verfolgten. Genau dieser Humor sprach uns an: cool!

Als Teenager im Stadium des hormonellen Irreseins lasen wir das Bravo. Eigentlich muss es heißen: wir lasen nur das Bravo. Ob das heute noch ein Begriff ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir brauchten es für die Nachrichten aus der Londoner Musikszene. Alles andere interessierte uns höchstens am Rande. Nun brachte dieses Bravo aber eine riesige Emma Peel zum Ausschneiden, verteilt auf mehrere Folgen. Zufällig bin ich im Web jüngst wieder darauf gestoßen (und um ehrlich zu sein, bildete eben dies den Anstoß für meine Erinnerungen).

Wir sammelten die Teile, setzten sie zusammen und klebten die übermannsgroße Figur an die ansonsten leere Rückwand unseres Klassenzimmers.

Die Reaktionen der werten Lehrkräfte fielen unterschiedlich aus.

„Da brauch ich keine Brillen mehr“, sagte der Physik- und Mathematiklehrer anerkennend. Trotzdem ließ er uns das Bild wieder abnehmen. Er hatte Angst vor den Vorgesetzten.

Ähnlich reagierte die Philosophie- und Psychologieprofessorin. Sie trug selbst den Vornamen Emma. Auch sie bat uns, bei aller Sympathie, das Bild abzunehmen. Andere Herrschaften reagierten nicht so gelassen, manche fassten Emma Peel als Provokation auf. Und da kam es zu Wortwechseln, bei denen ich mich – mehr als fünfzig Jahre später sei’s gestanden – unrühmlich hervortat. Das führte in weiterer Folge zu einer Disziplinarkonferenz, ich bekam einen Karzer aufgebrummt. Der war allerdings nicht in einem Verließ im Keller abzusitzen, sondern bloß wie eine längere Schulhaft (die’s damals sehr wohl noch gab). Wie lange, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Emma Peel war zwar nicht der direkte Grund, aber doch immerhin der indirekte. Man wird verstehen, dass mich mit ihr, mit ihrer Darstellerin Diana Rigg seit damals so eine Art Spezialverhältnis verband – ganz einseitig, versteht sich, und aus weiter Ferne.

Quizfrage an Alters- und Gesinnungsgenossen: Welches Auto fuhr Emma Peel?

Abbildung: http://www.lagarden.de/starschnitt/1967/1967.html

Schau ma amal

Radek Knapp, Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien

Die Frage, wie uns Außenstehende sehen, wäre eigentlich von höchster Bedeutung, sie sollte immer und immer wieder gestellt werden, die Antworten sollten unsere Aufmerksamkeit genießen. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Wir reagieren schnell beleidgt, verbitten uns gefälligst jegliche Einmischung.

Letztere wird man Radek Knapp schwerlich vorwerfen können. Dazu ist der geborene Pole einfach zu österreichisch. Nicht nur lebt er schon längere Zeit bei uns, er dürfte außerdem so gut integriert sein wie kaum jemand – inklusive literaturgeschichtlicher Kenntnisse, schreiberischer Fähigkeiten sowie bodenständigen Humors bis hin zum berühmten Schmäh, auf den wir so stolz sind. So ist auf jeden Fall sichergestellt, dass Knapps Beobachtungen amüsant ausfallen: ein Panoptikum liebenswerter und manchmal auch weniger liebenswerter Vertreter unserer Spezies.

„Geh bodn“, wird er mürrisch empfangen, als er am Südbahnhof, eben dem Zug aus Warschau entstiegen, ein Beißl betritt, um sich einen Kaffe zu gönnen. Er begreift, dass er sein Deutsch neu lernen muss. Und das ist nur eine der vielen Überraschungen, die das Land für ihn bereit hält. Tatsächlich geht’s immer auch darum: sein Großvater hatte ihm solche versprochen, als er dem Enkel riet, nach Österreich zu gehen, obwohl der das nicht vorhatte, nichts mit Österreich verband, welches ihm bloß als Kaffeefleck auf der Landkarte erschien.

Seine Fortschritte beweist ein zweiter Besuch im selben Beißl. Als er dieses Mal ein „Krügerl“ bestellt, eilt der Kellner dienstfertig davon. Und auf die Frage, ob’s sonst noch was sein dürfe, kann er mit tiefer Befriedigung antworten:

„Schau ma mal, dann wer ma sehen.“

Dieser Satz zieht sich als Leitmotiv durchs ganze Buch, und man wird dem Autor eine gewisse Treffsicherheit nicht absprechen können – es könnte sich ohne weiteres um ein Motto dieses Landes handeln (wenngleich natürlich nicht ums einzige). Der Überraschungen erlebt er genug, sie nehmen kein Ende. Und so dankt er schließlich seinem Großvater dafür, dass er ihm seinerzeit diesen etwas entlegenen Winkel der Welt empfohlen hat.

Empfehlenswert? – Ja, schon, sofern man sich nicht mehr erwartet als Amüsement.

Radek Knapp, Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien: Notizen eines Möchtegern-Österreichers (Wien: Amalthea, 2020).

 

World-beating

Der britische Bildungsminister Gavin Williamson hat in einem Fernsehinterview damit geprahlt, dass britische Bürger als erste in der Welt in den Genuss einer Corona-Impfung gekommen seien.

Und warum?

Na ja, meinte er, wir haben einfach die besten Wissenschaftler und die beste Aufsichtsbehörde. Viel besser als jene in Frankreich, in Belgien oder in den Vereinigten Staaten. Und das, so setzte er hinzu, überrasche ihn nicht, denn Großbritannien sei einfach ein besseres Land als jedes einzelne von denen.

Falls Sie nicht glauben, ein Regierungsmitglied in einem zivilisierten westlichen Staat könne so was von sich geben, hier das Original: „Well I just reckon we’ve got the very best people in this country and we’ve obviously got the best medical regulators. Much better than the French have, much better than the Belgians have, much better than the Americans have. That doesn’t surprise me at all because we’re a much better country than every single one of them, aren’t we.“

Hat er das ernst gemeint?

Ich neige dazu, selbiges anzunehmen. Erstens dürfte subtiler Humor nicht gerade eine Stärke der derzeitigen Regierungsmannschaft um Boris Johnson darstellen. Zweitens scheinen ihm die Ereignisse recht zu geben. Bei der Beschaffung und Verteilung von Corona-Impfstoffen hat sich die EU wahrlich nicht mit Ruhm beckleckert, das Vereinigte Königreich war schneller, wohl auch geschickter.

Aber heißt das wirklich, die Briten seien insgesamt besser? Einfach so? Ich beobachte britische Angelegenheiten nun seit fast 50 Jahren und ich darf Ihnen versichern: Eine ungetrübte Erfolgsgeschichte war das nicht!

Trotzdem ist der Herr nicht allein mit seinen Ansichten. Wir erinnern uns, wie der gegenwärtige Premierminister Boris Johnson höchstpersönlich mit einem world-beating Track-and-Trace-System geprahlt hat. Inzwischen wissen wir, dass das Vereinigte Königreich eher von der Welt geschlagen wurde, was die Bekämpfung der Pandemie betrifft  – beaten by the world (fast doppelt so viele Corona-Tote pro 100.000 EW wie Österreich).

Ich beobachte den Trend zur nationalen Angeberei nun schon seit gut zwanzig Jahren. Das erste Mal kam er mir anlässlich eines geführten Stadtrundganges zu Bewusstsein, bei welchem der guide es nicht lassen konnte, mit the oldest this und the largest that zu prahlen. Mich berührte das peinlich, weil es so un-britisch war. Früher wäre es tief unter der Würde eines Briten gelegen, derlei von sich zu geben. Es verstand sich von selbst.

Tony Blair beschloss im Jahre 2007 seine Abschiedsrede als Premierminister mit den Sätzen: „The British are special. The world knows it. In our innermost thoughts we know it. This is the greatest nation on earth.“

The greatest nation on earth? Wie will er das wissen? Wieviele Nationen kennt er gut genug, um so ein Urteil zu fällen? Oder gibt’s vielleicht eine heimliche Hitparade, nur Regierungsoberhäuptern zugänglich? Aber nach welchen Kriterien wird die Reihung dort vorgenommen?

Man fragt sich, wie ein gebildeter Mann so was von sich geben kann.

Immerhin muss man ihm zugestehen, dass er sich, wenn schon nicht unbedingt in guter, so doch in zahlreicher Gesellschaft befindet. British exceptionalism, benennt man das Phänomen mittlerweile.

Von einer vagen Erinnerung an die Industrielle Revolution mag der Glaube vieler Briten stammen, die moderne Welt erfunden oder erschaffen zu haben. Inzwischen gibt’s wahrscheinlich schon eine kleine Bibliothek von Büchern mit Untertiteln wie How Britain Made oder How Britain Shaped oder How Britain Invented the Modern World.

Hand in Hand damit geht eine Denkweise, die den Briten selbst gar nicht mehr aufzufallen scheint: Wenn was toll ist auf ihren Inseln, dann nehmen sie automatisch an, es müsse weltweit Spitze sein: world-beating. Ich erinnere mich an einen Aufsatz über die Konservative Partei (ich glaube, im New Statesman), in welchem der Autor allen Ernstes die Tories als „the most vicious party in the world“ bezeichnete. Na ja – allzu viel dürfte er nicht gewusst haben von dieser Welt, oder?

Was mich beunruhigt an der neuen Liebe der Briten zum Prahlen, zur one-upmanship, das sind die Gründe, die dahinterstecken mögen. Warum tun sie das? Warum glauben sie auf einmal, so was nötig zu haben?

Josh Halliday, “Gavin Williamson: UK is 'a much better country than every single one of them'”, The Guardian, 3 December 2020 <https://www.theguardian.com/society/2020/dec/03/gavin-williamson-britains-a-much-better-country-than-all-of-them [accessed 3 December 2020].

“Coronavirus: UK to have 'world-beating' tracing system”, BBC News Politics, 20 May 2020 <https://www.bbc.com/news/av/uk-politics-52745202> [accessed 25 December 2020].

Reuters Staff, „Tony Blair’s Farewell Speech“, Reuters, 10 May 2007 <https://www.reuters.com/article/uk-britain-blair-speech/tony-blairs-farewell-speech-idUKL1054376720070510> [accessed 25 December 2020].

Bekehrung und Enttäuschung

[for an English version see below]

André Gide, Return from the U.S.S.R.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1936 bereiste André Gide die Sowjetunion – auf Einladung, versteht sich. Er zählte damals bereits zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Zeit, seine Worte hatten Gewicht in den Kreisen Intellektueller. Und wie so viele von ihnen hegte er große Sympathie für die Sowjetunion, für die Kommunistischen Partei sowie für deren Ideologie. Die Entdeckung dieser Ideologie hatte er einmal in der Sprache religiöser Bekehrung beschrieben: Die Sowjetunion, so meinte er, zeige „den Weg zur Erlösung vom beklagenswerten Zustand der heutigen Welt.“ Allerdings erkannte er auch die Notwendigkeit, mit eigenen Augen zu sehen. Er reiste mit der Absicht, sein ursprüngliches Urteil bestätigt zu finden, und dieses Bemühen ist durch das ganze Buch hindurch zu verspüren.

Tatsächlich fing’s ermutigend an. Kurz nach seiner Ankunft nahm er an den Begräbnisfeierlichkeiten für Maxim Gorki auf dem Roten Platz in Moskau teil. Er hielt eine Rede vom Dach des Lenin-Mausoleums herunter, wo sonst nur Stalin und die oberste Parteispitze zu sehen waren.

Trotzdem erwies es sich schwierig, die Begeisterung aufrecht zu erhalten – und je länger er sich in der Sowjetunion aufhielt, je mehr er hörte und sah, desto schwieriger. Da ähnelte seine Erfahrung also der von Joseph Roth zehn Jahre früher. Davon war hier erst kürzlich die Rede (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Zu Gides Zeit beherrschte Stalin bereits Partei und Land mit unerbittlicher, unberechenbarer, böswilliger Strenge. Zwischen Roths und Gides Besuch lag der Holodor, die Hungersnot in der Ukraine, die Millionen von Opfern gekostet hatte. Außerdem herrschte der Stalin’sche Terror mit NKWD, Ljubljanka und Gulag. Der Große Terror, die Jeschowschtschina, begann noch im gleichen Jahr. Wieder sollten Millionen zu Opfern werden.

Selbst wenn Gide keine Details kannte, nicht hinter die Kulissen schauen konnte, er sah doch klar, wie der Hase lief. Er bemerkte den Kult um die Person Stalins, der geradezu  kindische Formen annehmen konnte, zumindest in den Augen eines westlichen Beobachters. Er bemerkte die unerbittliche Unterdrückung jeder abweichenden Meinung – so sehr, dass niemand auf die Idee zu kommen schien, eine solche überhaupt zu haben. Und er war sich durchaus klar, mit welchen Methoden dieser Konformismus erzwungen wurde, was mit jenen geschah, welche zu widersprechen wagten. Gerade dieser Aspekt musste ihn, den französischen Dichter, natürlich besonders abstoßen.

Darin lag auch eine gehörige Portion Enttäuschung. Die Sowjetunion galt ja als große Hoffnung: Alles sollte anders werden, nicht nur für die Arbeiter, sondern für die gesamte Menschheit, und nicht zuletzt für deren Literatur, für die Kultur. Aber im eisernen Griff der Stalin’schen Diktatur erschienen die höchst bedroht, bis hin zu ihrer Existenz.

André Gide sah und notierte das alles, so sehr es ihn schmerzte. Was sollte er berichten, so fragt er einmal verzweifelt, wenn er nach Paris zurückkommt? Kritik an der Sowjetunion galt als Verrat an der Sache. Man durfte dem Gegner keine Munition liefern!

Gide entschloss sich dazu, auch seine negativen Eindrücke wiederzugeben. In intellektuellen Kreisen löste das einen veritablen Skandal aus. Es war der Beginn jenes Weges, welcher ihn zum Gegner der kommunistischen Partei machte, zum scharfen Kritiker der kommunistischen Ideologie werden ließ.

Noch war’s aber nicht so weit. Noch beeilte er sich am Ende seines Berichtes zu beteuern: „Die Sowjetunion hat noch nicht aufgehört, uns Neues zu lehren und uns in Erstaunen zu versetzen.“

André Gide, Return from the U.S.S.R. (New York: Fabri Press, 2011). e-book. Urspr. erschienen 1936.

Pilgerreise in die Sowjetunion
André Gide, Return from the U.S.S.R.

In the second half of the year 1936, André Gide visited the Soviet Union – by invitation, of course. He was one of the most important writers of his time, his words carrying weight in intellectual circles. And like so many intellectuals, he had great sympathy for the Soviet Union, for the Communist Party and for its ideology. He had once described the discovery of that ideology in terms of religious conversion: The Soviet Union, he thought, showed „the way to salvation from the deplorable state of the world today.“ However, he also acknowledged the need to see with his own eyes. He travelled with the intention of finding his original judgement confirmed, and this intention is felt throughout the book.

In fact, the journey started quite encouragingly. Shortly after his arrival, he attended the funeral celebrations for Maxim Gorky in Moscow’s Red Square. He gave a speech from the top of Lenin’s mausoleum where usually only Stalin and the top party leadership could be seen.

Nevertheless, it proved difficult to maintain his enthusiasm – and the longer he stayed in the Soviet Union, the more he heard and saw, the more difficult it became. In this respect his experience was similar to that of Joseph Roth ten years earlier; this has been discussed here recently (link at the end of the article). In Gide’s time, however, Stalin ruled party and country with relentless, unpredictable and vicious harshness. Between Roth’s visit and Gide’s lay the Holodor, the famine in the Ukraine that had cost millions of victims. In addition, Stalin’s terror prevailed complete with NKVD, Ljubljanka and GULAG. The Great Terror, the Yezhovschina, was about to be unleashed later that year. Again millions would become its victims.

Even if Gide didn’t know the details, even if he couldn’t look behind the scenes, he saw clearly which way the wind was blowing. He experienced the personality cult surrounding Stalin, which could take on childish forms, at least in the eyes of a Western observer. He noticed the unremitting suppression of any dissenting opinion – so much so that no one seemed to even think of having one. And he was well aware of the methods used to enforce this conformism: what happened to those who dared to dissent. This aspect must have particularly repelled him, the French poet.

There was also a good deal of disappointment in this. The Soviet Union was considered a great hope: everything was supposed to be different, not only for the workers, but for all of humanity, and not least for literature, for culture in general. But in the iron grip of Stalin’s tyranny, these seemed severely threatened, even to the point of their very existence.

André Gide saw and noted all this, much as it pained him. What should he report, he once asks himself in despair, when he returns to Paris? Criticism of the Soviet Union was considered a betrayal of the cause. One must not supply the enemy with ammunition!

Gide decided to report his negative impressions all the same. This caused a veritable scandal in intellectual circles. It was the beginning of the path that took him out of the communist party and made him a harsh critic of communist ideology.

But he had not yet reached that point. At the end of his report, he hastened to affirm: „The Soviet Union has not yet finished instructing and astonishing us.”

André Gide, Return from the U.S.S.R. (New York: Fabri Press, 2011). e-book. First published 1936.

Pilgerreise in die Sowjetunion

You can talk to the barrel of my gun

[for an English version see below]

J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Das Buch kam 2016 heraus, im Sommer jenes Jahres führte es die eine oder andere Bestseller-Liste an. Der Grund war klar: Das war jenes Jahr, in dem Donald Trump überraschend zum Präsidenten der USA gewählt wurde, und der Titel versprach eine Antwort – oder doch zumindest Teil-Antwort – auf die Frage, wer ihm wohl so ergeben folgte, und aus welchen Gründen.

Vance stammt aus einer so genannten Hillbilly-Familie. Ob sie typisch ist oder nicht, das muss dahingestellt bleiben. Die Hillbillies sind nicht bloß Hinterwäldler, wie der Begriff vielleicht übersetzt werden könnte; ursprünglich handelte es sich vielmehr um die Bewohner der bewaldeten Täler in den südlichen Appalachen und den Ozark Mountains. Diese Täler heißen im lokalen Dialekt übrigens holler, abgeleitet von hollow. Es sind die Nachfahren nordirisch-protestantischer Einwanderer, weswegen sie sich selbst als Scots-Irish bezeichnen. In den hollers hatte sich eine eigene Kultur entwickelt. Da lebte viel von der frontier fort: vor allem wohl das Prinzip der Selbstjustiz, und zwar mittels blanker Gewalt. Familienehre geht über alles. Wenn einer deine Mutter beleidigt – und sei’s nur durch das alltägliche Schimpfwort „son of a bitch“ – dann gibt’s nur eins: zuschlagen; unter Umständen bis zum Totschlag. Ein Bruder der Großmutter zwang einst einen Mann, der eine anzügliche Bemerkung über ihre Unterhosen gemacht hatte, ein Exemplar selbiger zu verspeisen – wortwörtlich. Und diese Großmutter beendet später einen Streit mit ihrer Tochter kurz und bündig: „you can talk to the barrel of my gun“.

Doch hat diese Kultur auch Schwächen, und je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher treten sie zutage. Vor allem dann, wenn die Kultur verpflanzt wird: Ab den dreißiger Jahren ziehen immer mehr Hillbillies nach Norden, wo riesige Industriewerke Arbeitsplätze bieten, gut bezahlte noch dazu. Eine regelrechte Migration entwickelt sich, der Hillbilly Highway. Die Familie von J. D. Vance kommt so von Jackson, Kentucky nach Middletown, Ohio, Standort der Armco Stahlwerke. Zwar bildet sich auch dort so etwas wie eine Hillbilly-Diaspora, aber es ist doch nicht dasselbe wie in den hollers. Die Migranten trauern ihrer Heimat nach, kehren zu Besuchen zurück, so oft es nur geht.

Die Industriewerke bieten gut bezahlte Arbeitsplätze fürs Leben, außerdem fördern sie die Kommunen, sponsern dieses und jenes – ein Verhältnis, wie es sich im Laufe der Jahrzehnte in wechselhaftem Schicksal und heftigen Arbeitskämpfen herausgebildet hat. Bloß ändert sich das seit den siebziger Jahren immer deutlicher, immer rascher. Die Löhne sinken, Arbeitsverhältnisse werden prekär, schließlich werden Betriebe geschlossen, wandern ab. Arbeitslosigkeit macht sich breit, ohne Hoffnung auf baldige Besserung.

Die Kultur der Hillbillies hat dem, glaubt man der Schilderung von J. D. Vance, wenig entgegenzusetzen. Die Großeltern, Mamaw (die mit dem barrel) und Papaw, lassen sich zwar nicht scheiden, leben aber getrennt, hauptsächlich wegen seines (inzwischen überwundenen) Trinkens mit anschließender Gewalttätigkeit. Ihre Tochter, die Mutter von J. D. – mom – schafft es nicht, eine funktionierende Familie aufzubauen und zu erhalten. Die Partner gehen ein und aus, dem Jungen erscheint es wie durch eine Drehtür: revolving door Dads. Sie verfällt ebenfalls dem Alkohol, später nimmt sie Drogen. Und dann neigt auch sie dazu, gewalttätig zu werden.

Die einzigen, die sich der Kinder annehmen und ihnen eine gewisse Stabilität gewähren, sind Mamaw und Papaw. Besonders Mamaw bemüht sich, die Familie zusammen zu halten, sie zu schützen. Später meint ein Bekannter, J. D. brauche sich nicht vor den Ausbildnern im berüchtigten boot camp der Marineinfanterie zu fürchten: die seien zwar mean, aber nicht so mean wie Mamaw.

Vance betont immer wieder, wie wichtig dieser Rückhalt durch seine Großeltern gewesen sei – nur so konnte er die High School einigermaßen anständig abschließen und nach einer vierjährigen Militärdienstzeit an die state university gehen, von wo aus er einen Platz in Harvard ergattert. Seine Geschichte ist somit auch eine amerikanische Erfolgsstory. Leider muss ich gestehen, dass ich diese, besonders gegen Ende, nur mäßig interessant fand. Denn wenn’s einer trotz aller Hindernisse schafft, Applaus Applaus! – dann folgt daraus doch, dass es so viele andere nicht geschafft haben, nicht schaffen. Ich kann mir nicht helfen, aber mich interessieren diese Vielen, nicht die Handvoll Erfolgreicher im Rampenlicht.

Vance kritisiert die Arbeitsmoral der Hillbillies. Er beobachtet gleichzeitig die berühmt-berüchtigte poverty trap: Wie also der Zustand eintritt, in dem ein Wohlfahrtsempfänger besser dran ist, wenn er nicht arbeitet, sondern weiterhin Unterstützung erhält. Wenn der Staat eingreift, so schreibt er einmal, so schade das mehr als es nützt. Vance setzt auf individuelle Anstrengung. Für ihn, eingedenk seiner Geschichte, mag das verständlich sein, aber dass es allgemein nicht ausreicht, dafür liefert sein eigenes Buch ausreichend Belege. Trotzdem wirkt es ernüchternd – und zwar zu Recht: Was kann getan werden? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Die Verhaltensweisen von Menschen zu ändern, ihre Kultur, braucht es nicht bloß materielle Impulse – ordentliche Arbeitsplätze zum Beispiel – sondern wahrscheinlich auch viel Zeit, viel Geduld.

Womit wir bei der leidigen Trump-Frage wären. Wie gibt’s das, dass diese verarmten Hillbillies einen verwöhnten Multimillionärs-Erben wählen? Wie gibt’s das, dass diese Leute, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, einer Partei treu sind, die von Eigenverantwortung schwafelt? (Ganz allgemein, so hab’ ich früher einmal gelesen, gewinnen die Republikaner in jenen Bundesstaaten am meisten Stimmen, in denen die meisten Sozialhilfen ausbezahlt werden.) Vance liefert zwar auch keine Antwort, immerhin aber ein paar Hinweise. Wenn seine Hillbillies Obama abgelehnt hätten, so schreibt er einmal, habe das keineswegs am Rassismus gelegen; vielmehr habe Obama, der selbst Vorurteil und Benachteiligung überwinden musste, vor Augen geführt, was möglich wäre und wo sie, die Hillbillies, ständig scheitern, versagen. Ein Erbe – reiner Glücksfall! –, ein Macho, foul-mouthed, der musste ihnen viel mehr zusagen.

Empfehlenswert? – Bin mir nicht sicher. Ich hab’ das Buch zweimal gelesen, das letzte Mal sehr intensiv, aber irgendwie bin ich immer noch verwirrt. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist die Besprechung deshalb so lange geworden.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016)
J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Published in 2016, the book topped a couple of bestseller lists during the summer of that year. The reason was obvious: that was the year Donald Trump was unexpectedly elected president of the USA, and the title promised an answer – or at least a partial answer – to the puzzling question of who his devoted followers might be and what might motivate them.

Vance comes from a so-called hillbilly family; impossible to say whether they are typical or not. Originally hillbillies were the inhabitants of the wooded valleys in the southern Appalachians and the Ozark Mountains. These valleys, by the way, are called holler in the local vernacular, derived from hollow. The locals are descendants of Northern Irish Protestant immigrants, which is why they call themselves Scots-Irish. In the hollers, they developed their own specific culture. In a way, the frontier lived on: above all, the principle of self-administered justice, often by means of sheer violence. Family honour is paramount. If someone insults your mother – even if it’s only indirectly by an everyday insult like “son of a bitch” – there’s only one thing to do: beat him up, even if it ends in manslaughter. Vance’s grandmother’s brother once forced a man who had made a lewd remark about her pants to eat one of them – literally. And grandmother later ends an argument with her daughter quite brusquely: „you can talk to the barrel of my gun“.

However, this culture also has its weaknesses, and the more time passes, the more they make themselves felt. Especially when the culture is transplanted: from the 1930s onwards, more and more Hillbillies are moving north where huge industrial plants offer jobs, and well-paid ones at that. A veritable migration develops, the Hillbilly Highway. J. D. Vance’s family move from Jackson, Kentucky to Middletown, Ohio, the site of the Armco steelworks. Although something like a hillbilly diaspora is forming there, it is not the same as in the hollers. The migrants never get over the loss of their native lands, returning for visits as often as they can.

The industrial plants offer well-paid jobs for life, and they also support the communities, sponsor this and that – a relationship that has developed through decades of changing fortunes and fierce labour disputes. But in the 1970s, things start to change more and more rapidly and more and more profoundly. Wages are falling, jobs become precarious, and finally companies are closing down and moving away. The number of unemployed keeps growing, with no hope of improvement in the near future.

If one believes J. D. Vance’s account, the Hillbillies’ culture is helpless in the face of such challenges. His grandparents, Mamaw (the one with the barrel) and Papaw, have not divorced but live separately, mainly due to his drinking (given up in the meantime), invariably followed by bouts of domestic violence. Their daughter, J. D.’s mother – mom – fails to build and maintain a functioning family. Her partners come and go; to the boy, they seem like “revolving door Dads”. Mom also succumbs to alcohol, later she turns to drugs. And then she too tends to become violent.

The only ones who take care of the children and grant them some stability are Mamaw and Papaw. Mamaw in particular tries to keep the family together and to protect them. Later, an acquaintance tells J. D. not to be afraid of the instructors at the notorious Marines boot camp: they are mean, he says, but not as mean as his Mamaw.

Vance emphasises repeatedly how important the support by his grandparents was – the main reason why he managed to graduate from high school with a decent degree and, after four years of military service, go to state university, from where he manages to get a place at Harvard Law School. His is thus an American success story. Unfortunately, I have to admit that I found it only moderately interesting, especially towards the end. After all, when someone succeeds despite all those obstacles, applause applause! – then it follows that so many others have not made it and are still not making it. I can’t help but I have to confess that I’m only interested in the majority, not the handful of successful people in the limelight.

Vance criticises the work ethics of these hillbillies. At the same time he observes the infamous ‘poverty trap’ first hand: when people are better off receiving support rather than doing paid work. When the state intervenes, he concludes, it does more harm than good. Vance puts his trust in individual effort. For him, with his background and personal history, this may be understandable; however, his own book provides ample evidence that it isn’t enough. Nevertheless, what he says has a sobering effect – and rightly so: What can be done? In the end, the question remains unanswered. Changing people’s behaviour, their culture, requires not only material impulses – decent jobs for example – but probably also a lot of time, a lot of patience.

Which brings us to the vexed Trump question. How can it be that these impoverished hillbillies elect a spoiled multimillionaire heir? How is it that these people who can’t get a grip on their own lives are loyal to a party that is prattling on about personal responsibility? (I seem to have read somewhere that generally speaking, the Republican Party does best in those states where most social support is paid out). Vance doesn’t provide an answer either, but at least he gives a few clues. If his Hillbillies rejected Obama, he writes at one point, it was by no means a question of race; rather, Obama, who himself had to overcome prejudice and disadvantage, showed what was possible and how they, the Hillbillies, were constantly failing. An heir – pure luck! –, a macho, foul-mouthed: not surprisingly, such a man appealed to them much more.

Recommended? – I’m not sure. Having read the book twice, the second time very intensely, I’m still confused. And I can’t even say exactly why. That’s probably the reason why the review is so long.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016).

 

Pilgerreise in die Sowjetunion

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland

Im Herbst und Winter 1926 bereiste Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung die damalige Sowjetunion. Die Reise führte ihn von Lemberg in der Ukraine über Moskau und Leningrad bis nach Astrachan am Unterlauf der Wolga. Seit den großen Revolutionen waren gerade einmal neun Jahre vergangen, die Wunden des Bürgerkriegs lagen offen zutage. Noch galt im Lande die Neue Ökonomische Politik, wenngleich sie sich bereits dem Ende zuneigte. Stalin zog die Fäden in der Partei und im Staate, wir wissen heute, was er im Sinn hatte. Joseph Roth wusste es nicht.

Reisen in die Sowjetunion glichen Pilgerfahrten, so eine Art Hadsch für westeuropäische Intellektuelle. Das Sowjetsystem vereinigte große Hoffnungen auf sich: ein radikaler Neuanfang, so glaubte man – wollte man glauben –, alles würde anders werden, die Befreiung des Menschen, weltweiter Friede. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschien das nur zu verständlich.

Manche ließen sich vom Augenschein bestärken, verschlossen die Augen vor der Realität (oder kehrten ihr überhaupt den Rücken, so wie Brecht). Roth reiste wohl auch mit der Absicht in die Sowjetunion, begeistert zu sein. Es finden sich genug Beobachtungen, genug Passagen, die davon zeugen. Das geht so weit, dass er sogar von der Religionsfreiheit schwärmt; Gott lebe in der Sowjetunion wie Gott in Frankreich, meint er einmal.

Man braucht aber nicht weit zu lesen, bis man merkt, dass da etwas nicht stimmt – in der beobachteten Realität nicht, und ebenso wenig in Roths Reportagen. Für mich war’s interessant festzustellen, dass Roth unter anderem die Schäbigkeit, die Trost- und Freudlosigkeit des Lebens, des Alltags bemängelt. Eben dies hat mich mehr als fünfzig Jahre später nämlich ebenfalls bedrückt: keine Freundlichkeit, kein Lächeln, keine Fröhlichkeit. Das ist natürlich schrecklich oberflächlich, klar, aber ich glaubte – ebenso wie Joseph Roth –, dass sich da eine tiefer liegende Malaise manifestierte. Woher sie kam, welcher Art sie war, das konnte ich ebenso wenig wie Roth einfach und schlüssig benennen.

Ein Pilger also, den der Augenschein nicht zu überzeugen vermochte, ganz im Gegenteil. (Der berühmteste dieser Spezies dürfte André Gide gewesen sein.) Roth sei als überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und kehre als „Royalist“ in den Westen zurück, meinte Walter Benjamin, der den Autor in Moskau traf. Wie’s scheint, wandte sich Roth in der Folge von der Utopie ab und der Vergangenheit zu, wie er sie nicht lange danach im Radetzkymarsch (erschienen 1932) verarbeiten sollte.

Empfehlenswert? – Also, bei aller Wertschätzung für Joseph Roth, ich würde doch zögern. Es braucht wohl das Interesse eines Spezialisten, sei’s für Joseph Roth, sei’s für die seinerzeitige Auseinandersetzung rund um Kommunismus und Sowjetunion.

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, hg. und mit einem Nachwort von Jan Bürger (München: C. H. Beck textura, 2015).

Glauben

Es ist schon einige Zeit her, da ging’s mir gar nicht gut, und so fand ich mich in der Ordination eines Facharztes wieder. Der stellte mir zu Beginn der Untersuchung eine Menge Fragen, wie das so üblich ist.

„Ich glaub’ schon“, antwortete ich auf eine davon.

„Glauben tut man in der Kirche“, schnappte er zurück.

Na ja.

Bloß wiederholte sich das einige Male, und da riss mir in meinem angeschlagenen Zustand denn doch die Geduld.

„Hören S’ auf“, fuhr ich ihn ungewöhnlich heftig an, „vom Glauben versteh’ ich mehr wie Sie.“

Was ihn trotz seines forschen Auftretens stutzen ließ; mein Tonfall vermutlich mehr als meine Worte.

Aber es stimmte schon: Übers Glauben hatte ich sicher mehr nachgedacht als er. Als Autor eines einschlägigen Buches (Nicht zu glauben, 2006) wird man hierzulande ja dauernd in Diskussionen verstrickt. Und da kommt ein Argument so sicher wie’s Amen im Gebet:

„Sie glauben doch auch. Alle glauben wir.“

Gemeint ist damit der Glaube an die Wissenschaft. Wenn die Physik sagt, Materie bestehe aus Molekülen und die wieder aus sausenden Atomen, dann müssen wir das glauben. Wissen tun’s die wenigsten unter uns.

Und gemeint ist damit weiters: Wenn wir an sausende Atome glauben, dann können wir genau so gut an die Dreifaltigkeit glauben, an die Transsubstantiation, oder an den Papst und die Bischöfe und die Unauflöslichkeit der Ehe, kurz: an die ganze katholische Theologie.

Letzteres ist natürlich eine intellektuelle Abkürzung, ein Kurz-Schluss, das ist leicht zu sehen. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Glauben an sich. Übersehen wird da – geflissentlich? –, dass wir das Wort glauben in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Ich hab’ bisher mindestens vier ausgemacht.

Erstens der Glaube im religiösen Sinne: Der verlangt von uns, auch noch das Unwahrscheinlichste zu glauben, selbst wenn’s nicht die geringste Evidenz gibt. Man spricht vom sacrificium intellectus.

Dann gibt’s zweitens den Glauben, den wir der Naturwissenschaft entgegenbringen, der Technik und der Medizin. In diesem Falle ist der Glaube jedoch gut abgesichert durch Erfahrungswerte. Wir haben gelernt, dass die Voraussagen in solchen Disziplinen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eintreffen. Unser tägliches Leben baut darauf auf: Wir leben im dritten Stock eines Wohnhauses, welches normalerweise nicht zusammenbricht; wir fahren mit dem Bus; wir überqueren in selbigem eine Brücke – und so weiter, und so fort. In all diesen Fällen steht der Glaube keineswegs im Widerspruch zur Vernunft, ganz im Gegenteil: Es wäre ausgesprochen unvernünftig, nicht zu glauben!

Im Alltag bestätigt sich das auf eine weitere Weise: Denn unser Zusammenleben beruht ebenfalls auf sehr viel Glauben. Wenn ich jemanden anrufe und ein Treffen um drei Uhr nachmittags im Café Katzung ausmache (natürlich vor oder nach Corona), dann glauben wir einander. Warum? Ganz einfach: aufgrund unserer Erfahrung, nicht nur miteinander, sondern mit so vielen anderen Menschen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

Wie vernünftig dieser Glaube ist, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Irgendwo im Hinterkopf, ganz klein und ganz versteckt, kalkulieren wir trotz allem die Möglichkeit ein, dass etwas schief gehen könnte, ja sogar – im Falle eines bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Menschen – die Möglichkeit einer Unehrlichkeit. Die mag uns vielleicht überraschen, aber erschüttern wird sie uns nicht. Und warum? Aufgrund der Erfahrung.

Aktuell handelt es sich um eben diese Art des Glaubens, wenn wir uns mit Konträren streiten: welchen Quellen, welchen Autoritäten wir glauben sollen, und welchen nicht.

Um die Aufzählung zu vervollständigen, seien zwei weitere Bedeutungen des Wortes glauben angeführt: Nämlich drittens als Vermutung – „Ich glaub’, ich hab’ mir einen Schnupfen geholt.“ In diesem Sinne hab’ ich das Wort bei unserem Herrn Doktor verwendet. Viertens gibt es noch den Glauben an Werte. Ich glaub’ zum Beispiel, dass Menschen einander helfen oder sich zumindest das Leben nicht schwerer machen sollen, als es ohnehin schon ist. Das ist keinesfalls selbstverständlich: siehe unsere Wirtschaftsliberalen. Begründen kann ich meinen Glauben letztlich nicht – es gibt keinen Beweis, höchstens Indizien.

Inzwischen waren die Untersuchungen an ihr Ende gekommen.

„So“, sagte der Herr Doktor, „jetzt schicken wir Sie noch zum CT, dann sehen wir weiter.“

„Glauben S’?“, lag es mir auf der Zunge zu fragen.

Aber das hab’ ich mir dann doch verbissen.