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Wer ist das?

Nein, das ist keine hübsche Muslimin. Das Sujet ist durch und durch «westlich». Es handelt sich um ein Modefoto aus den sechziger Jahren!

Quelle:
http://www.60er-jahre-mode.de/60er-jahre-kleidung/

(27. April 2017)

Free Trade

We must not put any obstacles in the way of free trade. Of course it has its disadvantages too. It may disrupt local agriculture. People will suffer. Wages go down, they’ll lose their jobs. But we have to have free trade. It’s of the utmost importance.

(18 April 2017)

What does Donald Trump say…

… to a cruise missile?

«You’re fired!»

(10. April 2017)

Fantasy

«Few British politicians are liars, but most of them are living a lie – or, if not an outright lie, then at least a bizarre fantasy. They behave as though they imagine that Britain’s place in the world has not changed and that the capacity of Her Majesty’s Government to influence both the lives of Britons and the world beyond Britain’s shores is now as great as it ever was.»

Anthony King, Who Governs Britain?
(London: Penguin Books, 2015), p. 277.

(3 April 2017)

Chuck Berry

Oh dear – another one. Just read the news that Chuck Berry has died, aged 90.
What a great artist! Troubled history, true, but his music! He made Rhythm & Blues popular, didn’t he? The father of Rock’n’Roll.
And, of course, of the duck walk!
How many of his songs have become all-time greats? You don’t have to think hard: Roll Over Beethoven; Rock and Roll Music; Johnny B. Goode; Sweet Little Sixteen; Maybellene; Carol; Little Queenie; Mephis, Tennessee; School Days… You name them.
My favourite’s always been You Never Can Tell. If you can sit still through this song, you’re dead.

I once heard it performed live by Bill Wyman and the combo he had put together after leaving the Rolling Stones. And this reminds us – what would the Stones have been without Chuck Berry? And the Beatles?

(18 March 2017)

Beim Friseur und auf Facebook

Beide Episoden, die hier geschildert werden, spielten sich im Dezember 2016 ab, also knapp nach dem überraschenden Ausgang der endgültigen Bundespräsidenten-Wahl. Sie werden wiedergegeben, weil sie weiter gehende Bedeutung zu transportieren scheinen.
Die erste spielt, wie der Titel schon suggeriert, in einem Friseursalon und wurde mir erzählt, stammt also ausnahmsweise nicht aus erster Hand. Eine Frau äußerte sich wenn schon nicht lautstark, so doch hörbar zum Ausgang besagter Wahl.
Na ja, proklamierte sie, immerhin haben wir nur ganz knapp verloren.
Das sei nicht ganz richtig, fühlte sich meine Gewährsfrau bemüßigt zu korrigieren. Der größte Vorsprung, der je bei einer Stichwahl erzielt worden sei.
Ja, klar, fuhr die Frau fort, wir sind immer die Dummen. Keine Bildung. Die Verlierer.
Und darin steckte nun mehr als nur ein Körnchen Sprengstoff: Denn in der öffentlichen Diskussion ist es wirklich so weit gekommen. Eine grüne Politikerin meinte im Laufe des langen Wahlkampfjahres, man müsse das Schulsystem verbessern, denn wenn die Menschen besser gebildet wären, dann würden sie nicht mehr FPÖ wählen. Und von den „Globalisierungsverlierern“ ist auch immer die Rede.
Szenenwechsel. – Etwa um jene Zeit stieß ich bei Facebook auf eine Meldung, wonach die österreichische Delegation bei den europäischen Lehrlingsmeisterschaften in Schweden ordentlich abgeräumt habe, eine ganze Menge Gold-, Silber- und Bronzemedaillen.
„Gratulation“, schrieb ich spontan, „wichtiger als alle Schneerutscher zusammen.“
Eine der namentlich genannten Medaillengewinnerinnen bedankte sich höflich. Eine andere Dame postete:
„Ja – und wichtiger als Liedchen trällern.“
Was in der damaligen Situation unmissverständlich war: Rainhard Fendrich vor allem, der sein Lied „I am from Austria“ für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt hatte. Aber natürlich auch andere Sänger und Sängerinnen. In der aufgeheizten Atmosphäre wurde Sympathie für Lehrlinge bereits als politisches Statement gewertet.
Was ich durchaus verstehen konnte. Nicht bloß hatte die Gruppe der Lehrlinge praktisch geschlossen für den FPÖ-Kandidaten gestimmt. Es konnte ebenso gut der Eindruck entstanden sein, dessen Gegner sei vorwiegend von Liedermachern und anderen Künstlern unterstützt worden. Das stimmte natürlich nicht – aber aus der Luft gegriffen war’s auch nicht.
Wie viel wissen wir eigentlich noch über die produktive Seite unserer Wirtschaft? Wie viel wissen wir davon, wie das geht: etwas herstellen? Wie kompliziert das ist, was man dazu alles können und wissen muss? Und wie man auf dem höchsten Stand bleibt, wie man sich in der globalen Konkurrenz behauptet?
Gespräch in einem Restaurant. Teilnehmer, neben meiner Wenigkeit und einigen anderen, auch eine „Bildungsexpertin“: Neue Mittelschule, Pädagogische Hochschule und so.
Das geht doch nicht, ereifert sie sich, dass man sich mit zehn Jahren entscheiden muss. Fürs ganze Leben!
Aber das ist doch ohnehin nicht der Fall, wende ich ein. Mit vierzehn steht eine neuerliche Entscheidung an. Da stehen alle Möglichkeiten offen. Immerhin – sage ich – immerhin kommen nach wie vor mehr als die Hälfte aller Maturanten und Maturantinnen über die Hauptschule zur Reifeprüfung.
Sie sieht mich einen Augenblick verblüfft an. Ihr Verrechnungsapparat arbeitet.
Ja ja, sagt sie dann. Berufsbildende Schulen halt.
Zurück zu unseren Lehrlingen. Ihre Erfolge sind wirklich zehnmal wichtiger für unser Land als alle sportlichen Siege zusammengenommen: für unseren Wohlstand, für unsere Zukunft. Aber in den Nachrichten tauchen sie nicht auf. Kein pompöser Empfang in der Heimatgemeinde, wenn sie heimkommen.

(5. März 2017)

Gestern Abend im Kellertheater…

… stand Thomas Bernhards Am Ziel auf dem Spielplan. Zu meiner Überraschung erschien auch eine Gruppe junger Männer. Einer von ihnen sprach mich an: ein ehemaliger Fachschüler, ich hatte ihn selbst noch unterrichtet. Nun war er Abendschüler an einer Höheren Technischen Lehranstalt, stand knapp vor dem ersten Teil der Reifeprüfung, welcher Deutsch, Englisch und Mathematik umfassen sollte.
Wie kommt’s denn ihr hierher?
Die Deutsch-Professorin…
In der Pause ging ich hinaus Luft schnappen, die jungen Männer rauchten. Sie waren ratlos. Ich fühlte mich bemüßigt, ein wenig zu trösten, vielleicht auch aufzuklären.
Wenn ihr das nicht versteht, sagte ich, dann machts euch nichts draus. Niemand versteht das. Das ist der Witz der Sache: da gibt’s nichts zu verstehen.
Wenn ihr euch langweilt – das tun alle in dem Theater. Das Stück ist langweilig. Erstens, weil’s um 30 oder 40 Prozent zu lang ist. Das sind alle Bernhard-Stücke. Eigentlich sind das Einakter, man müsste sie zusammenstreichen. Bloß wären sie dann nicht mehr abendfüllend. Man müsste zwei davon bringen. Aber das geht auch nicht, weil alle seine Stücke gleich langweilig sind.
Und warum? Weil Thomas Bernhard das so will. Zweitens. Thomas Bernhard ist der Dichter der Langeweile. Im doppelten Sinne.
Aber – sagte ich – ihr müsst euch noch was klarmachen: Was da auf der Bühne geschieht, diese ewige Maulerei, alles schäbig, alles sinnlos – das hat nichts mit euch zu tun. Mit eurem Leben. Eurer Arbeit. Da stellt ein snobistischer Oberschichts-Schreiber snobistische Oberschichts-Figuren auf die Bühne, für ein snobistisches Oberschichts-Publikum, Salzburger Festspiele und so. Natürlich erkennen die sich wieder in diesen langweiligen Stücken. Aber langweilen tun sie sich trotzdem. Eine einzige Oberschichts-Wichserei.
Und warum sind Sie dann hier, fragte der ehemalige Schüler.
Na ja, ich wollte Eleonore Bürcher sehen. Das ist eine exzellente Schauspielerin, ich kenne sie schon seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, nicht persönlich, bloß von der Bühne, und heute brilliert sie ja so richtig. Ohne sie wär’ das Stück noch viel langweiliger. Und außerdem – man kann nur schimpfen, wenn man gesehen oder gelesen hat, oder? Das verlangt meine Professionalität.
Aber sagts das nicht eurer Frau Professor, fügte ich hinzu. Die wird vielleicht nicht einverstanden sein.
Allerdings, nickten die jungen Männer.

(2. März 2017)

Freedom

The other night I zapped into what appeared to be a documentary on the late Johnny Cash, illustrious American country singer. A long-haired middle aged man on a couch, presumably one of Cash’s biographers, was relating an incident that must have taken place in the late sixties, at the height of anti-war protests.
Johnny Cash was standing on the stage in his trademark black suit, in front of a massive audience of country music lovers.
“This is a free country”, he proclaimed. “If anyone wants to tear down the American flag and burn it, they are free to do so.”
Boo! Boo! went the audience, disappointed and angered by their idol’s apparent betrayal.
“But fortunately”, he continued unruffled by their reaction, “we also have the right to carry a gun. This is a free country. If you do nasty things to our flag, I’ll shoot you.”
Cheering, whistling, applause. –
You can’t top that, it seems to me, for a definition of what freedom means in essence.

(21 February 2017)

Lohnabhängige

Lohnabhängige sind auf ihren Lohn angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie haben sonst nichts. Sie müssen Lebenszeit und körperliche oder geistige Arbeit verkaufen.
Zweifellos können Lohnabhängige Vermögen besitzen. Sie mögen dann auch Einkommen aus diesem Vermögen beziehen (Rendite). Aber es wird nicht ausreichen, um davon auf Dauer leben zu können.
Es ist natürlich wahr, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt Lohnempfänger im obersten Einkommenssegment gibt, die derart gigantische Summen verdienen – Hunderte Millionen im Jahr –, dass sie sich von der Lohnabhängigkeit befreien können oder schon befreit haben. Aber das heißt bloß, dass sie nicht mehr lohnabhängig sind, selbst wenn sie Lohn beziehen.
Die Masse der Lohnbezieher – wahrscheinlich 95 oder 99 Prozent – sind hingegen lohnabhängig. Und das bedeutet:
(1) Sie sind darauf angewiesen, dass sie arbeiten können, um überhaupt Lohn zu beziehen. Es muss also genügend Arbeitsplätze geben.
(2) Sie sind darauf angewiesen, dass sie für ihre Arbeit einen angemessenen Lohn bekommen, von dem sie einigermaßen anständig leben können. Und sie sind darauf angewiesen, dass sie sich dafür nicht zu Tode schinden müssen, also auf einigermaßen anständige Arbeitsbedingungen.
(3) Sie sind auf Ersatzzahlungen angewiesen für Zeiträume, in denen sie nicht arbeiten können. Das kann Krankheit sein, Arbeitslosigkeit, Kindererziehung, aber natürlich auch das Alter. Was auch immer sich Lohnabhängige ersparen mögen, es wird niemals ausreichen, solche Zeiträume zu überbrücken.
(4) Sie sind auf den Zugang zu einer gut funktionierenden Infrastruktur angewiesen. Das beginnt beim Verkehr – Straßen, öffentliche Verkehrsmittel – und reicht über Wasser, Strom, Müllentsorgung bis hin zum Schulwesen sowie, last but not least, zur Gesundheitsversorgung vom praktischen Arzt bis zum Krankenhaus.–
Banal? Mag sein. Aber Hand aufs Herz: Wann war Ihnen das zum letzten Mal so richtig bewusst?
Wichtig ist das deshalb, weil es sozialer Politik genau darum gehen muss, um die Lebensqualität der Lohnabhängigen. In erster Linie. Ohne Wenn und Aber.

(20. Februar 2017)

So was taugt mir

Montag Vormittag, Ecke Boznerplatz / Wilhelm-Greil-Straße. Ich steh’ da am Fußgänger­übergang, warte bis die Ampel grün wird, nicht gerade bester Stimmung wegen dem mise­rablen Winter in Innsbruck, Sie wissen schon: gefrorener dreckiger Schnee am Straßenrand, auf den Gehsteigen eine dünne braune Schicht von Salzmatsch. Außerdem ist es kalt. Ich hab meine Mütze über die Ohren gezogen und den Kragen des Anoraks hoch geschlagen.
Neben mir steht ein junger Mann asiatischen Aussehens, kleines Ziegenbärtchen unterm Kinn. Und er ist, wie ich bemerke, im Hemd. Ich schau noch einmal: ja wirklich, weißes Hemd, drunter nichts.
„Brrr“, mach’ ich.
Er lacht.
„I hab kahn langen Weg“, sagt er in gepflegtem Innsbruckerisch ohne den geringsten Akzent. Klingt angeboren. Oder zumindest seit frühesten Kindesbeinen.
„Trotzdem. So was geht nur, wenn ma jung is.“
„Oder wenn ma lei schnell a Jausn holt.“
Wir lachen beide, überqueren die Straße gemeinsam bei Grün.
„Schönen Tag noch“, sagt er.
„Tschau!“
Und während ich weitergehe, erwärmt ein Lächeln mein Gesicht. Ja, ich muss grinsen. So was taugt mir, macht mich ganz vergnügt!

(30. Januar 2017)

Pity

What a pity Erich Honecker is dead. He could have taught Donald Trump a thing or two about border control.

(26 January 2017)

Honestly —

Can you top this?

Women’s March, London, 22 January 2017

(23 January 2017)

Der fünfundvierzigste Präsident

Während diese Zeilen geschrieben werden, legt Donald Trump in Washington, D. C. seinen Amtseid ab. Vor neun Monaten hätte man so was nicht geglaubt, und wenn, dann wär’s schlicht und einfach als Katastrophe eingestuft worden.
Not so anymore, wie’s im Englischen heißt. Mit dem Erfolg kam – nun ja, vielleicht nicht gerade Respekt, aber doch Anerkennung, und sei sie noch so widerwillig. Irgendwas muss dran sein an dem Mann, wenn ihn so viele wählen.
Ja. Es fragt sich nur, was.
Die inauguration, die Amtseinführung wird selbstverständlich begleitet vom Geschnatter der Kommentatoren. Daran haben wir uns nachgerade gewöhnt. Trotzdem sollten wir’s nicht verharmlosen: Denn erstens mögen wir zwar gerne die Meinung von Leuten anhören, die nachweislich gescheit, weise, oder vielleicht nur besonders gelehrt sind auf einem bestimmten Gebiet. Aber leider heißt das nicht, es sei jeder schon gescheit, weise oder gelehrt, bloß weil er oder sie öffentlich eine Meinung von sich gibt. Tatsächlich betreiben Meinungsjournalisten allzu häufig – ich würd’ sagen: in 97 Prozent der Fälle – eben diese Form von Mimikry.
Zweitens bedeutet das unablässige weltumspannende Geschnatter: Es wird alles zerredet. Eingeebnet. Zerkaut, bis immer nur das ewig Selbe übrig bleibt – fader, mittelmäßiger Einheitsbrei.
So auch im Falle von Donald Trump, fünfundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Heute Vormittag hat jemand auf BBC Radio Four gemeint: Als Ronald Reagan angelobt wurde, da habe man auch über diesen zweitklassigen Schauspieler gespottet, der sich angeblich selbst gern als Cowboy-Figur aus einem seiner B-Movies sah.
Das stimmt zum Teil, wie ich mich sehr gut erinnern kann: Er wurde verspottet. Doch selbst jemand, der den republikanischen Präsidenten so zwiespältig beurteilte wie meine Wenigkeit, musste sofort darauf hinweisen, dass der Spott sein Ziel verfehlte, wirkungslos und dumm: Denn Reagan hatte zwei Amtsperioden als Gouverneur von Kalifornien hinter sich (1967–1975).
Und Donald Trump?
Gewiss, gewiss – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Das dürfte wohl mit ein Grund dafür gewesen sein, warum ihn so viele Amerikaner wählten. Und damit verbindet sich die Hoffnung, er werde das Land ebenso erfolgreich managen. Wie ich festgestellt habe, gibt es auch hierzulande eine Denkschule, welche Geschäftsleute prinzipiell für die idealen politischen Führer hält.
Na ja. Jetzt wird man ja sehen.
Wobei vielleicht bedacht werden sollte, dass ich mich an keinen Präsidenten erinnern kann, der unter einem vergleichbaren Verdachtsgewölk angetreten wäre. Also: Man wird sehen.
Unsere Kommentatoren schnattern indessen weiter: Es habe im Laufe der US-amerikanischen Geschichte schon eine Menge skurriler Figuren im Weißen Haus gegeben. Und auch dies ist wahr: Da soll im 19. Jahrhundert einer die Angewohnheit gehabt haben, sein kleines Geschäft kurzerhand aus einem Fenster der Residenz zu verrichten. Ein anderer war so sehr dem Alkohol zugetan, dass ihm hinterrücks die Auszeichnung zuteil wurde: „Hero of Many a Well-Fought Bottle“. Etliche Präsidenten im 19. Jahrhundert zeichneten sich vor allem durch eines aus: nämlich nichts. Sie hinterließen weder ein nennenswertes Erbe im Land noch Spuren in einschlägigen Geschichtsbüchern.
Donald Trump könnte gut hinein passen in diese Galerie. Bloß waren das ganz andere Zeiten! Die überragende Bedeutung des Präsidentenamtes entwickelte sich erst im 20. Jahrhundert, primär in Folge zunehmender internationaler Verflechtung der Vereinigten Staaten, zum Teil auch aufgrund der Weltwirtschaftskrise – eine Katastrophe von noch nie da gewesenem und nicht vorhergesehenem Ausmaß. Der Kalte Krieg mit seiner Mutually Assured Destruction – also mit dem berühmten Kästchen samt Rotem Knopf – trieb diese Entwicklung auf die Spitze.
Trotzdem, oder vielleicht eben deshalb: Wie viel Unheil kann ein amerikanischer Präsident nun wirklich anrichten? Ist er nicht eingebunden in vielfältige institutionelle Beschränkungen, Notwendigkeiten, Rücksichten? Hat das nicht gerade der Vorgänger, Barack Obama, schmerzlich erfahren müssen?
Mag sein, ja. Andererseits – denken wir an George W. Bush (43. Präsident der USA). Der wird wohl der dümmste Anwärter gewesen sein, welcher im Laufe des 20. Jahrhunderts vor dem Kapitol angelobt wurde. Und was hat er angerichtet, er und sein Vice-President Dick Cheney? In Afghanistan, im Irak, im ganzen Nahen Osten? „Mission accomplished“. Erinnern Sie sich? Dem hat sein Amt auch nicht auf wunderbare Weise Umsicht, Einsicht, Voraussicht geschenkt. Eher im Gegenteil.
Oder Richard Nixon. Den kannte man schon von früher, lange vor seinem Amtsantritt, als Tricky Dick. Und – wie hat’s geendet?
Sehr verwirrend, ich geb’s zu. Vielleicht haben all die Kommentatoren ja Recht, wenn sie weder sich selbst noch ihr Publikum mit allzu viel lästigem Wissen, mit allzu vielen Details (Fakten) belasten. In Wirklichkeit kann niemand, aber schon überhaupt niemand mit Sicherheit sagen, was in den nächsten vier oder gar acht Jahren geschehen wird. Aber wenn wir einmal versuchen, mit kühlem Kopf zu urteilen, aufgrund unserer eigenen Erfahrung während unserer Lebenszeit, dann werden wir doch sagen müssen:
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich Präsident Trump im Amt nicht plötzlich auf wunderbare Weise ändern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird diese extrem populistisch-demagogische Episode folglich in Tränen enden. Es fragt sich bloß, wessen Tränen, und wie heftig sie fließen werden.

Literatur:
Bill Bryson, „Hail to the Chief“, in Notes from a Big Country (London: Black Swan, 1999), pp. 99–103.

(20. Januar 2017)

Den Blick schärfen

Wir müssen unsere Optik neu justieren, scheint mir; den Blick schärfen. („Fokussieren“, heißt’s modischerweise, aber das gefällt mir ganz und gar nicht.) Es geht darum, die anstehenden Probleme klar zu erkennen und – derzeit anscheinend noch schwieriger – eindeutig zu benennen.
Eines davon ist die Steuerflucht. Die hat inzwischen Ausmaße angenommen, die nicht nur fiskalisch von Bedeutung sind.

Das hat auch politische Konsequenzen. Schließlich wird unserer Politik dauernd das Schuldenmachen vorgeworfen. Daraus folgt das Diktat des Sparens. Die öffentliche Hand kommt in Verruf. In Wirklichkeit geht’s nicht nur um die Ausgaben. Es geht ebenso um die Einnahmen, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden – und das heißt letztlich: uns. Wir werden bestohlen.
Und das ist noch gar nicht alles. Da ist ebenso die Gleichheit. Okay, okay – absolute Gleichheit wollen wir alle nicht, Gleichmacherei, wie’s dann heißt. Aber wenn die Ungleichheit ein gewisses Maß übersteigt, dann gerät auch wieder unser politisches System in Gefahr: die Demokratie. Und auch in diesem Zustand sind wir bereits, wahrscheinlich sogar schon seit einiger Zeit. Thomas Picketty hat darauf aufmerksam gemacht.

Unwillkürlich fragt man sich, wie’s so weit kommen konnte – nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten wir doch, all diese Probleme gelöst zu haben. Heute leben wir längst in einer anderen Zeit. Heute beherrscht uns die Wirtschaftsdiktatur, der Ökonomismus, und der fußt unnachgiebig und unbarmherzig auf der Ideologie des Neo-Liberalismus. Auch diesen Tatsachen müssen wir lernen ins Auge zu sehen: der Diktatur samt ihrer Ideologie.
Und was folgt daraus? – Nun, das müssen wir uns erst wieder ausdenken, von Neuem. Aber so was geht nicht, ohne klar zu sehen. Hier muss folglich der erste Schritt getan werden. Wir müssen uns bewusst werden.

Die EU-Graphik ist entnommen: Julia Freidl, „So können wir die Multis zum Steuerzahlen zwingen“, Kontrast Blog <kontrast-blog.at /wie-die-eu-steuersuempfe-trocken-legen-will/> [accessed 23. November 2016]. Die beiden Kurven stammen aus Emmanuel Saez, „Striking It Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States (Updated with 2012 preliminary estimates)“, UC Berkely (September 2013). Vgl. weiters Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).

(10. Januar 2017)

Was ist los in Österreich?

Über Armin Thurnhers Buch «Ach, Österreich!»

In meinem nun doch nicht mehr ausgesprochen kurzen Leben ist es mir nur ganz, ganz selten passiert, dass ich den Kauf eines Buches bereut habe, dass mich das Geld geärgert hat, welches ich dafür ausgab. Beim jüngsten Werk des Wiener Journalisten und Falter-Herausgebers Armin Thurnher, Ach, Österreich!, war es sehr wohl der Fall.
Ich griff bei einem meiner Streifzüge durch hiesige Buchhandlungen nach dem Bändchen, durchaus begierig, voll Vorfreude. In diesen, für Österreicher wie mich verwirrenden – und oft genug deprimierenden – Zeiten müsste die ausführliche Analyse eines nicht bloß erfahrenen, sondern vor allem standfesten Journalisten eigentlich gut tun. Wir bräuchten so was dringender denn je.
Leider zeigt sich, dass Thurnher auch nicht viel mehr zu bieten hat als österreichischen Essay-Stil. Der stellt einen Fluch eigener Art dar: der – offenbar unwiderstehliche – Zwang zur brillanten Formulierung, nur ja nichts einfach ausdrücken, was mittels endlos verschachtelter Sätze und geistreicher Anspielungen verschlüsselt werden kann. Da steht dann alles gleichberechtigt nebeneinander, nichts ist klar, nichts ist eindeutig, das Paradox als Gipfel intellektueller Scharfsichtigkeit (bloß dass sie nach dem hundertfünfunddreißigsten Paradoxon halt doch nicht mehr ganz so gestochen scharf wirkt), woraus zwingend der Eindruck entsteht, dass ohnehin nichts zu machen sei: Oh, du lieber Augustin! Therapeutischer Nihilismus, wurde das in der Wiener Medizinischen Schule einst genannt. Etwas weniger geschwollen ausgedrückt, haben wir’s mit nichts anderem zu tun als schlicht und einfach – dem Raunzen.
Alles sei gespalten, meint Thurnher ziemlich am Anfang seiner Ausführungen, die Welt, Europa und natürlich Österreich: Ein Spalt tue sich auf

zwischen Österreichs liberalem Westen [wie bitte?] und reaktionärem Osten, zwischen Stadt Wien und Umland. Die Konservativen sind in sich ebenso gespalten wie die Sozialdemokraten. Noch nie hatten wir, scheint es jedenfalls, derart gespaltene Gesellschaften wie heute. Das Einzige, was nicht gespalten scheint, ist mein Kaminholz für den Winter. Ich gehe jetzt Holz spalten. (S. 12)

Na ja. Einmal geht so was ja durch. Aber ein ganzes Buch lang?
Da überrascht’s gar nicht so sehr, wenn inmitten all der funkelnden Brillanz doch auch so manches Katzengold zu finden ist – zumindest für einen kritisch geschulten Blick. Dreißig Jahre nach der leidigen Waldheim-Affäre scheint Thurnher noch immer nicht zu sehen – oder zugeben zu wollen –, dass dem Mann seinerzeit Unrecht geschah: ein klassischer Sündenbock. Das ändert natürlich nichts an dem braunen Spülicht, der damals zum Vorschein kam, noch sagt es etwas darüber aus, wie der eine oder die andere diesen Herrn zu beurteilen wünschte. Die Tatsache bleibt bestehen. Und sie bildet einen garstigen Schmutzfleck auf der Weste jener österreichischen Intellektuellen, welche sich in Sachen Vergangenheitsbewältigung hervortaten, deren Weste infolgedessen strahlend weiß sein müsste. Eben dies forderte ja ihr eigener unerbittlich moralischer Anspruch. Seit damals, so müssen wir folgern, hat auch die Bewältigung ihre Vergangenheit.
„ … bis dahin galt die so genannte Opferthese, die besagt, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen“, erinnert sich Thurnher. Ein weiteres Klischee, über welches man längst nicht mehr nachdenkt. Denn Österreich (der Staat) war in der Tat das erste Opfer der nationalsozialistischen Expansion. Die Lebenslüge bestand (besteht) darin, dass sich nach dem Krieg alle Österreicher als Opfer hinstellten. Das stimmte nun wirklich nicht. Aber Staat ist nicht gleich Staatsbürger. Zu schwierig für einen österreichischen Essayisten?
Man mag einwenden, das seien doch Kleinigkeiten. Witzige Formulierungen – wer wollte da pedantisch nörgeln? Schließlich befinden wir uns doch in Wien, im Kaffeehaus! Manchmal ein bisschen oberflächlich, zugegeben, aber es handelt sich doch um Journalismus, nicht wahr, um ein Essay, einen Versuch, um ein österreichisches Essay noch dazu! Hauptsach’, es ist geistreich. Darüber hinaus – na gehn S’, was Genaues weiß ma’ doch eh nit!
Erinnern wir uns – ich kaufte das Buch, weil ich Hilfe suchte: Hilfe beim Versuch, ein bisschen besser zu verstehen, was da in Österreich derzeit so abläuft. Statt dessen entlässt mich Thurnher nach hundertsiebzig Seiten funkelnder Formulierungen noch ratloser (und folglich noch niedergeschlagener) als zuvor! Keine Antwort auf meine Frage, welche er im Übrigen selbst stellt in seinem Buch, wenngleich bloß rhetorisch: Was ist los in Österreich? Notgedrungen richte ich dieselbe Frage an ihn selbst: Was ist los mit Ihnen, Herr Thurnher? Was ist los mit den Journalisten in Österreich, mit den so genannten Intellektuellen (wer immer damit genau gemeint sein mag)?
Die Schärfe meiner Frage resultiert aus einer weiteren Erfahrung. In meinem ganzen Leben, so hab’ ich eingangs gesagt, habe ich mich nur selten geärgert, ein Buch gekauft zu haben, und zwar selbst dann, wenn ich mit dem Inhalt alles andere als einverstanden war. Das Geld war’s allemal wert. Bis auf ein weiteres Mal, vor nicht allzu langer Zeit: Peter Filzmaiers Der Zug der Lemminge. Dass es sich gleichfalls um ein österreichisches Buch handelt, mag ein Zufall sein – oder auch nicht. Den Autor wird man jedenfalls aus dem Fernsehen und aus diversen Zeitungen kennen, oder genauer: Man wird ihn unmöglich nicht kennen können. Worum’s in seinem Buch geht, verrät der Untertitel: „Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen großen Schritt weiter.“
Das ist ja auch so wunderbar witzig, nicht wahr, ein Wortspiel. Bloß offenbart sich solcherart gleich ein weiterer klassischer Fall von Therapeutischem Nihilismus. Filzmaiers „Lösungsangebote“ am Ende seines Buches erschöpfen sich in so sinnvollen Forderungen wie „Demokratie reformieren“ oder – ganz besonders originell – „Politik besser machen“. Danke, da wär’ ich selber nie draufgekommen.
Und Armin Thurnher? Oh, der weiß sehr wohl, was es bräuchte:

Die Entmachtung des neoliberalen Denkkollektivs, eine Wiedereinführung der Humboldtschen Universität, die Neuerfindung von Sozialismus und Kapitalismus, die Entpanzerung von Interessensvertretungen und die Neugestaltung der Sozialpartnerschaft. (S. 170)

Ja, genau. So weit war ich auch schon. Wenn ich mir ein Buch kauf’, dann möchte ich ein bisschen mehr erfahren. Eine Antwort auf die Frage Wie? Eine brennende Frage, quälend geradezu. Wenigstens den Ansatz einer Antwort, den Schimmer einer Idee, nur eine ganz, ganz klitzekleine?
Aber nein.

Österreich, ein Reiterstandbild? Ach, Welt! Du wirst auch mit diesem Bild fertig. Wie ich mit diesem Buch. (S. 171)

Also: Was ist los in Österreich? Was ist los mit den Journalisten, den so genannten Intellektuellen, dem so genannten Geistesleben? Was ist los, zwischen Lemmingen und Holzspalten?


Armin Thurnher, Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik (Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2016).
Peter Filzmaier, Der Zug der Lemminge: Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen großen Schritt weiter (Salzburg: Ecowin Verlag, 2010).

(8. Dezember 2016)

YABBA DABBA DOO!

 (4. Dezember 2016)

FlashMob und der Tag der Rache
singen-fuer-van-der-bellen

Wissen Sie, was ein FlashMob ist? – Ich auch nicht genau. Obwohl ich selbst Teil eines solchen war, letzten Mittwoch (30. November 2016). Es ging darum, für Van der Bellen zu singen. Solches geschah schon seit einiger Zeit regelmäßig, jeden Sonntag Abend im Treibhaus. Inzwischen hatte ein solcher FlashMob anscheinend auch in der Altstadt gesungen, beim Christkindlmarkt, was wiederum den Landesparteiobmann der Tiroler Freiheitlichen auf den Plan rief, den Herrn Markus Abwerzger: Der sandte nämlich eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft.
So weit, so lächerlich. Aber diese hinterhältige Methode der Freiheitlichen, sich mit hämischem Grinsen über alle Regeln des Anstands, des demokratischen Umgangs hinwegzusetzen, dem Gegner gleichzeitig aber dauernd ebendies zu unterstellen, ihn deswegen anzugreifen und anzuzeigen – das reichte mir einfach. Wenn schon Staatsanwaltschaft, dann wollte ich dabei sein.
Also auf zum FlashMob, zum ersten Mal. Und wenn’s eine politische Demonstration gewesen sein sollte, dann für mich persönlich auch die erste. In diesem Falle taten wir aber wirklich nichts weiter als singen. Oder besser gesagt, die anderen sangen, ich steuerte höchst schamhaft mein Krächzen bei. Was niemanden störte, nicht einmal die musikalischen Mädchen, die vor mir standen. Im Gegenteil: Wir lachten. Es wurde überhaupt viel gelacht, sehr fröhlich. Mein Kompliment all den jungen Leuten!
Ehe es so richtig los ging mit dem Singen, als wir noch planlos herumstanden, einzeln, in Paaren oder in Grüppchen, da machte ein älterer Herr neben mir ein bekanntes Gesicht am Rande der kleinen Menge aus.
„Das ist der Königshofer“, sagte er zu seinem Gesprächspartner.
Der Königshofer?
Vage Erinnerungen: FPÖ, womöglich gar Abgeordneter zum Nationalrat. Aber dann gab’s irgendetwas, Querelen, aus der Partei ausgeschlossen, warum genau? Einer aus der endlosen Reihe von Einzelfällen.
Der Herr neben mir rief ihm etwas zu: „Sie sind nicht eingeladen!“, oder so. Was mir ziemlich seltsam vorkam. Schließlich standen wir am Fuße der Annasäule, in der Maria-Theresien-Straße. Da konnte wohl jeder vorbeikommen, oder?
Ein kurzer Wortwechsel entspann sich. Den konnte ich nicht verstehen. Herr Königshofer reagierte böse, der Herr neben mir lachte. Königshofer wandte sich zum Gehen.
„Der Tag der Rache kommt noch“, rief er zornig, „merkt’s euch das!“

(3. Dezember 2016)

 Leonard Cohen

Just heard the news on BBC Radio 4 that Leonard Cohen has died, aged 82. Feels as if a piece of my life had gone – another one. And I’m sure many people will feel the same.
Very hard to describe the sensation in more detail. Popular lyrics – well, to begin with one has to remember that popular lyrics are inextricably linked to the tune to which they are sung. In fact, we never read the words, we always hum them, even if only silently.
(This is also true for Bob Dylan’s lyrics, by the way. Hope he is going to sing at the Nobel prize ceremony.)
The lyrics-cum-music, then: there is an intricate relationship between the singer and his or her audience. It’s not really a dialogue, of course. Singers can do whatever they think they have to do artistically. Still, they have to remain comprehensible; easily so, indeed, without any need for explanations or interpretations. If  we don’t understand them, we stop listening.
So it’s not exactly one-way traffic either. It seems that by expressing their thoughts and emotions, popular singers also speak for us. And in doing so, they influence what we feel and think, in a tiny little way (absolutely no brainwashing, of course): some of the lines stay with us; we use them to explain situations we encounter in our lives, to make them more comprehensible. We also use them to communicate with like-minded spirits.
To be honest, we ought to include something else: memory. You hear one of those songs and you remember: places, people (boys / girls), encounters, emotions, atmosphere. Yes, popular lyrics can be experienced.
That’s what popular music has done for us – not all of it, needless to say, but quite a lot and certainly the top of the crop. And Leonard Cohen has to be counted among the best, no doubt (at least, not for me).
Not surprisingly, I have also written about such things in my Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen (in German), and especially about Leonard Cohen. An extract can be seen here >>

(11 November 2016)

Bob Dylan – Nobelpreis

Ich hab’s gefordert, nachweislich sogar: In Crossings, dem soeben erschienen 2. Band meiner „Bekenntnisse eines Anglophilen“, findet sich folgende Episode (S. 140):

… traf ich mich an einem Samstag mit Tante Esther in der Cafeteria der Tate Gallery zum Lunch. Diskret wies sie mich auf einen Nachbartisch hin. Dort saß eine Frau mittleren Alters, zwischen 30 und 40, auffällig herausgeputzt mit einem kurzen grünen Kleid im Charleston-Stil und mit einem kecken Hütchen samt Feder; das Gesicht kunstvoll geschminkt – das musste Stunden gedauert haben –, dunkel­roter Lippen­stift.
„Eleanor Rigby“, sagte Esther.
Worauf ich blitzartig Mehreres begriff: Zum ersten, dass es John Len­non und Paul McCartney, dass es die Beatles wirk­lich, unbestreitbar und unum­kehrbar zu modernen Klassikern geschafft hatten. Klassiker der Lyrik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihnen hätte der Nobel­preis gebührt, viel mehr als so manchen anderen, ihnen und Bob Dylan.

Was ich sonst noch begriffen hab’, gehört nicht hierher. Und natürlich hat Dylan den Preis nicht wegen meiner Forderung erhalten. Auch nicht trotz. Sondern einfach, in den Worten des Meisters höchstselbst,

For the wheel’s still in spin
And there’s no tellin‘ who
That it’s namin’…

(30. Oktober 2016)

Schau mir in die Augen

Der erkenntnistheoretische Wert öffentlicher Verkehrsmittel wird wahrscheinlich unterschätzt. Vor ein paar Tagen saß ich wieder einmal im Bus, dieses Mal Richtung Innsbruck. Es war ein sonniger Herbstnachmittag. Eine Gruppe von Frauen stieg zu, ganz offensichtlich auf dem Rückweg von einer Bergwanderung. Zwei von ihnen kamen direkt hinter mir zu sitzen. Unbeabsichtigt wurde ich Zeuge ihrer Unterhaltung.
Sie habe gestern eine Diskussion gesehen, erzählte die eine, im deutschen Fernsehen. Da ging’s um den Burka. Und diese grüne Abgeordnete – also die habe den Burka doch glatt verteidigt. Alles, was schön und recht ist. Aber da waren so junge Leute, die sind ihr schon richtig gekommen. Wir wollen den Leuten in die Augen schauen, haben sie gesagt, das ist einfach unsere Kultur!
Zustimmung von der anderen Dame.
Unwillkürlich schaute ich mich um. Und – blickte ich in offen strahlende heimische Augen?
Mitnichten. Beide Damen trugen dunkle Sonnenbrillen.
Als ich in der Stadt ausstieg, da sah ich nur noch Sonnebrillen: mindestens die Hälfte, eher schon zwei Drittel aller Augenpaare waren solcher Art versteckt und folglich unsichtbar.
Vielleicht, so schoss es mir durch den Kopf, vielleicht sollten wir neben der Burka- und Nikab-Debatte auch eine solche über Armani und Gucci führen?

(24. September 2016)

Kurioser Ausritt

Wie ich sehe, geht Hans Rauscher im Standard ganz ordentlich ins Gericht mit den Österreichern: „Nichts wissen (wollen), aber dagegen sein“, lautet der Titel seiner Kolumne (16. September 2016).
Sein Unmut gilt der Tatsache, dass eine Mehrheit von Landsleuten nicht bloß CETA und TTIP ablehnen, also die prospektiven Freihandelsabkommen mit Kanada beziehungsweise den USA, sonder auch dem Freihandel allgemein skeptisch gegenüberstehen. Da kann bloß Ignoranz am Werke sein. Dass die Schulen auch gleich ihr Fett abbekommen, wieder einmal, das versteht sich beinahe von selbst.
Aber selbst auf die Gefahr hin, meinerseits als Ignorant gebrandmarkt zu werden, möchte ich doch in aller Bescheidenheit anmerken: Es ist keineswegs so, dass nur die wirtschaftswissenschaftlichen Armutschkerln gegen, die Eingeweihten hingegen für Abkommen wie TTIP sind. Denn da gibt es zum Beispiel einen gewissen Herrn Joseph Stiglitz. Und der steht diesen neuen „Partnerschaften“ (TPP, das pazifische Freihandelsabkommen, zählt auch dazu) mehr als skeptisch gegenüber.[1] Und Joseph Stiglitz ist immerhin Träger des so genannten Wirtschafts-Nobelpreises.
Man muss nicht seiner Meinung sein, klar. Aber nichts wissen? Nichts wissen wollen? Das wird man ihm schwerlich vorwerfen können. Wenn doch, dann würd’ ich gern einmal eine Live-Diskussion zwischen ihm und dem Herrn Rauscher sehen, auf YouTube vielleicht. Dann würde man ja sehen, wer da wie viel weiß.
Ähnliches gilt für den Freihandel. Sicher, Handel kann Vorteile bringen. Dazu braucht er eine gewisse Freiheit. Aber der Freihandel als Prinzip? Wie jedes Dogma wirkt sich auch dieses nachteilig aus, wenn es rechtgläubig-stur verwirklicht werden soll. Geeignete Kontrollen sind nicht nur besser, sonder unabdingbar. Auch das ist nicht auf meinem österreichischen nicht-wissen-wollenden Mist gewachsen; solche Meinungen finden sich gleichfalls in der internationalen Literatur.[2]
Den wichtigsten Einwand gegen CETA und TTIP erwähnt der Herr Rauscher überhaupt nicht. Dieser Einwand richtet sich gegen internationale Schiedsverfahren (ISDS = Investor-State Dispute Settlement). Sie bewegen sich außerhalb jeden rechtsstaatlichen Systems und verhöhnen in punkto Unabhängigkeit und Objektivität jede rechtsstaatliche Prozessordnung. Trotzdem sollen sie die Entscheidungsfreiheit demokratisch gewählter Parlamente drastisch beschneiden, auf nationaler Ebene ebenso wie auf europäischer. (So viel zur Freiheit im Freihandel.) Wie man hört, sind solche Schiedsverfahren in den USA bereits zum big business geworden. Insidern zufolge sei eben dies der Grund, warum amerikanische Unterhändler darauf bestehen. Wie auch immer – der Erklärungsbedarf dürfte bitteschön wohl bei jenen liegen, die so was unterschreiben wollen, und nicht bei den Skeptikern!
Was mich persönlich betrifft, kommt Hans Rauchers emotionaler Ausritt umso überraschender, als ich während der letzten paar Wochen seine Kolumnen mit großer Zustimmung gelesen habe, und das nicht bloß wegen seiner Linie – er ist für Alexander Van der Bellen, gegen Norbert Hofer und die FPÖ – sondern vor allem wegen der Art, wie er argumentiert hat. Das ist in der jetzigen Lage ja wichtiger als je zuvor, vielleicht das Wichtigste überhaupt.
Warum also plötzlich dieser Ausreißer? Noch dazu bei einem Wirtschaftsthema? Was stimmt da nicht?

[1] vgl. z. B. Joseph Stiglitz, „Investor Protection: The Secret Corporate Takeover“, Social Europe Journal (14 May 2015), <http://www.socialeurope.eu/2015/05/investor-protection-the-secret-corporate-takeover> [accessed 14 May 2015].

[2] Siehe z. B. James K. Galbraith, The Predator State: How Conservatives Abandoned the Free Market and Why Liberals Should Too, ebook (New York: Free Press, 2008), chapter 6: “There Is No Such Thing as Free Trade”.

 (16. September 2016)

Wenn man nur noch hoffen kann

Am Mittwoch (24. August 2016) fuhr ich um elf Uhr am Abend mit dem Bus von Innsbruck heim ins Stubaital. Der Bus war ziemlich voll. Hinter mir saß eine Gruppe türkischer Mädchen und Burschen und unterhielten sich genau so, wie das junge Menschen zu tun pflegen. (Gemeint ist natürlich: Burschen und Mädchen türkischer Abstammung; sie waren bestimmt Österreicher, und sie mögen mir die Verkürzung verzeihen.) Ansonsten merkte ich von den Fahrgästen nichts. Vorläufig.
Ich hatte mich in Innsbruck mit einem Freund getroffen, zugleich Kollege vom schriftstellerischen Fach. Wir hatten uns über alles Mögliche und Unmögliche unterhalten, wie das so geht in einem angeregten Gespräch. Über Politik leider auch, ganz zum Schluss, das ist dieser Tage einfach nicht zu vermeiden. In vielen Dingen sind wir nie einer Meinung gewesen, im Wesentlichen aber schon, weswegen ich schon vor Jahren beobachtet habe, dass unsere Diskussionen früher oder später – in der Regel eher früher – beim so genannten Kellnerpunkt nach Friedrich Torberg enden: Wenn also selbst der zufällig vorbei kommende Kellner nur noch zustimmend nicken kann: „Ja, da haben’s Recht.“ Wir – mein Freund und ich – konnten uns letztlich nämlich stets darauf einigen, nicht einig zu sein.
Bei unseren letzten Gesprächen wollte sich dieser Kellnerpunkt aber nicht mehr einstellen. Mein Freund nimmt die Entwicklung in Österreich, ja selbst in Europa gelassen: Europa sei halt hysterisch, die muslimische Welt ständig beleidigt.
„Ich schau mir an, was kommt“, sagt er.
Ich wünsche, ich könnte auch so gelassen sein.
Im Bus machten sich nach etwa einer Viertel Stunde zwei Stimmen bemerkbar, weiter hinten. Zwei Männer, Einheimische – unverkennbar der Dialekt – etwas übers mittlere Alter hinaus, sagen wir: in den Fünfzigern. Sie hatten miteinander geredet, seit der zweite zugestiegen war, aber bis jetzt nicht so, dass sie aufgefallen wären. Nun wurden sie immer lauter.
Sie sprachen von Neubauten, die irgendwo – ich konnte nicht verstehen wo – errichtet wurden.
Lauter Ausländer.
Klar. Die brauchen hier einen Wohnsitz, damit sie demonstrieren können.
Ja, genau! – Lachen.
Zuständ’ – die Polizei…
Die dürfen nicht mehr.
Die trauen sich nicht mehr. So weit sind wir. Die haben selber Angst.
Also wenn ich bei der Polizei wär‘ – nicht lang herum tun –
Über den Haufen schießen –
Ich würd’ die abknallen, dass nichts mehr übrig bleibt –
Sie beruhigten sich wieder, ich schnappte bloß noch was auf von „den Grünen“.
Man ist geneigt zu lächeln. Eine Angewohnheit von früher. Primitive Menschen, klar, die hat’s immer schon gegeben. Da kann man nix machen.
Aber früher hätten sie wählen können, was sie wollten – am ehesten ÖVP, hier in Tirol, denn diese Typen wählen ja immer, was gerade am populärsten ist. Oder am stärksten, das beeindruckt sie wahrscheinlich noch mehr. Und wenn’s nur das Auftreten ist, das Mundwerk. Bloß hätt’ das früher nichts ausgemacht. Was auch immer sie wählten, ÖVP oder SPÖ, beide Parteien würden ihrer Hitzigkeit nicht nachgeben. Keine Gefahr.
Und selbst wenn sie FPÖ gewählt hätten, was aus lokalen Gründen auch nicht unwahrscheinlich war (Hochburg von jeher, mit allem was dazugehört) – selbst dann spielte das keine große Rolle, denn die FPÖ pflegte nicht stark genug zu sein, um eine Gefahr darzustellen.
Aber jetzt? Gibt es eine Garantie, dass die Straches und die Hofers sich an die Umgangsformen unserer Demokratie halten werden? Dass sie die Hitzigkeit zügeln? Dass sie sich, wenn sie einmal an der Macht sind, so drastisch ändern? Dass sie dann nicht tun werden, was sie tun können?
Seien wir uns doch ehrlich – es gibt keine Garantie. Nicht die geringste. Man kann nur hoffen.
Und da fällt mir neuerlich Friedrich Torberg ein, beziehungsweise die Tante Jolesch. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihren berühmten Ausspruch abwandle: „Gott soll einen behüten vor allem, was man nur noch hoffen kann!“

(29. August 2016)

 A Story from Central Europe…

… for my English friends

Just back from a short trip through the Baltic states – Estonia, Latvia, and Lithuania. The trip took us from Tallinn to Riga and then, via Kaunas, to Vilnius. Although there are a few traces of former Soviet rule left, the three countries seem to be doing quite well economically, firmly in the ‘west’, as it were, and very much part of Europe. Needless to say, you can still feel people’s pride in their independence, hard won only 25 years ago.
From a Western European standpoint, the three countries may normally be too small to register on the radar. Estonia covers an area of about 45,000 km² (17,500 sq mi) with a population of about 1.3m. The corresponding figures for Latvia are 64,500 km² (25,000 sq mi) with not quite 2m inhabitants; and for Lithuania, 65,300 km² (25,200 sq mi) with close to 3m inhabitants. Taken together, the three countries cover about 174,800 km² (67,700 sq mi), populated by 6.3m people. In comparison, Scotland has an area of about 78,000 km² (30,000 sq mi) with a population of 5.3m.
Travelling through the region you cannot fail to realize what a bad hand these people were dealt in the 20th century. Although the histories of the three countries are far from identical – particularly that of Lithuania –, by the 19th century they all found themselves part of the Russian empire. After the revolutions of 1917, and later the German defeat in World War I, they sought independence. Gaining it, however, took two years (1918–1920) of confused and at times fierce fighting. In the end, the three states were established and internationally recognized more or less in their present borders with the exception of Lithuania, which lost part of its territory in the south to Poland, including the traditional capital Vilnius.
Viewed from a loftier position – for example, the French or British Foreign Office – the young countries formed part of a cordon sanitaire in front of Russia or, as it was subsequently called, the Soviet Union. The whole belt was made up of new and comparatively small nation states, all of them products of the shake-up following WWI. (The majority descended from the vanished Austro-Hungarian Empire.) The problem was, however, that this motley collection of sovereign countries was bound to quibble amongst themselves, mainly due to the intractable interspersion of nationalities in the region; while, on the other hand, it would constitute a precarious power vacuum in the absence of regional alliances. There were attempts to develop a system of treaties but they never materialized.
As long as both the Soviet Union and Germany hardly played any part on the European stage, such a deficiency may have gone unnoted. This changed from the early 1930s onwards when both the Soviet Union and Germany had recovered. The Baltic states were sold down the river in August 1939, when Ribbentrop and Molotov met in Berlin to forge their notorious non-aggression pact. In a secret protocol, they divided Eastern Central Europe between the two powers. Of the Baltic states, Estonia and Latvia would fall into the Soviet sphere of influence; a few months later, Lithuania was added to the Soviet spoils.
At the beginning, the Soviets only forced the countries into a sort of uneasy co-operation, gaining the right to establish military bases in the process. In June 1940, however, the Red Army occupied the territories and Soviet governments were established who duly asked for incorporation into the Soviet Union as Soviet Republics.
That was, of course, at the high point of Stalinism and all its horrors. Hundreds of thousands of Estonians, Latvians and Lithuanians were incarcerated, executed, or sent to labour camps in far away Siberia. The Soviet takeover meant more than just an occupation – a fundamental shake-up of the economic and social order, indeed of the whole civilization.
No wonder that a year later, when the Wehrmacht drove the Red Army back, many inhabitants welcomed the Germans as liberators. If they hoped for a re-establishment of their sovereign states, however, they were disappointed. Most of the Baltic came under the administration of what was called the ‘Reichskommissariat Ostland’. The Nazis annihilated almost all of the Jews in the area – and there were quite a lot of them, Vilnius having been an acknowledged Jewish centre for a long time. An Austrian-born SS officer, Hans Murer, played a notorious part in the operation, earning himself the sobriquet of the ‘Butcher of Vilnius’. It has to be acknowledged, however, that the Nazis were actively supported by a number of local volunteers.
Late in 1944, the Red Army was back, and during the following winter the region again came under Soviet rule, this time with even more devastating consequences. And this time, the Soviets were here to stay – forever, as most of the world believed, on both sides of the Iron Curtain. I can very well remember that by the mid-1980s, the plight of the three Baltic nations was all but forgotten due to the Western perception of a solid Soviet ‘bloc’ in Eastern Europe. Even those of us who went to the Soviet Union to see with their own eyes could never hope to get a clear perception of the sheer misery of life: politically, economically, culturally, ecologically, personally. Still, even then the Baltic republics were rumoured to be somehow ‘better’, desired postings for members of the nomenklatura. A certain difference must have survived, somehow; but that must have meant that native Estonians, Latvians and Lithuanians suffered even more severely from the harsh regime.
In the second half of the 1980s things changed sufficiently to rekindle the hope that independence might be restored. However, the struggle proved to be prolonged and, at times, violent. It lasted, roughly, from 1989 to 1991. For the most part, it took the form of non-violent protest – the so-called ‘Singing Revolution’. Its climax came when no less than 2 million people joined hands to form a human chain stretching for more than 600 km (420 miles) from the centre of Tallinn via Riga all the way to Vilnius – the ‘Baltic Way’, as it has come to be known. Even so, in spite of Gorbachev’s ostensibly liberal course, the Soviets did not want to let go of territories which they regarded as part of their own state (in contrast to allied countries such as East Germany). Troops were moved in, there were confrontations and fatalities. Eventually, the Baltic states declared their independence, starting with Lithuania. Pressure from abroad helped to muffle the response by the Red Army. All the same, it took the failed military coup in Moscow, 18–21 August 1991, and Boris Yeltsin’s subsequent ascendancy to put an end to the conflict. The three Baltic states were internationally acknowledged as independent sovereign states.
But that does not mean the matter had been settled once and for all. Walking around the old centre of Vilnius we came across an enormous mobile crane blocking one of the small squares. Our guide went to enquire from the workers what was going on and came back with their flippant answer: ‘Putin says he wants to be back. We’re making preparations.’ Which shows that even if people in the region do not talk about it openly – not usually, at any rate – their precarious situation must constantly be on their minds. It is not just that these states are so small; it is also that they share a long border with Russia and, further south, with Byelorussia – not to mention the territory of Kaliningrad, the former East Prussia, now an integral part of the Russian Federation. The situation is exacerbated by substantial Russian minorities in the region, most prominently perhaps in Latvia where Russians make up more than a quarter of the population. Narva, a town in the north-east of Estonia and on the border to Russia, is said to be inhabited almost exclusively by Russians. There is also said to be considerable residual resentment among the Russian population owing to the fact that so many of them have lost their privileged status. In any case, it would be easy – all too easy – for Russia to exploit alleged grievances in order to destabilize one or all of the states, and even demand the cessation of certain territories.
There are signs that the Russian government has never really accepted the loss of the Baltic. It may be that they are just biding their time. The war in eastern Ukraine and the annexation of Crimea must serve as a dire warning. And indeed, Latvia in particular reports constant violations of its airspace by Russian planes who do not show the least respect for the country’s sovereignty. The situation has deteriorated so far that while we were there, NATO was holding military exercises in the region – we heard and saw one plane practising in the sky above the venerated Hill of the Crosses in Lithuania – and has promised to station troops there permanently.
The Baltic states are indeed members of NATO even though their own armed forces are negligible – not surprisingly, given their size and limited resources. They are also in the EU, all of them having introduced the Euro by now. Economically speaking, they seem to be quite successful with Estonia in particular ranking as a model student when it comes to economic reforms and European standards. They seem to be staunch Europeans, and well they might be as NATO plus Europe form their sole guarantee for the future. It is true of course that the EU itself has no troops, so that protection can only be provided by NATO. Poland has made this point quite forcefully. But Polish nationalists may delude themselves (nothing new, one is tempted to quip) if they think they could count on NATO when Europe does not stand behind them. There’s always the question of mourir pour Dantzig as it was asked by French citizens unwilling to go to war in 1939. Mourir pour Narva? Prospects are not promising. About a year ago I read about a survey according to which 60 per cent of Germans were against going to war over the security of states like Estonia, Latvia or Lithuania.
Be that as it may, the fate of the Baltic states since 1918 offers a prime lesson in European politics; its failure much more than its success. However high small countries may value their independence, especially if it is new and hard gained as in the Baltic, they simply cannot go it alone. They depend on the solidarity of other Europeans – and that means in the last analysis, on a workable European Union. And make no mistake: most European states are small, measured by contemporary standards.

(3 August 2016)

Another nail in the coffin

So Britain is out. These lines are being written only a few days after the fateful vote, and although at this stage we know the result, nobody can as yet fathom the consequences. This provides the media with ample opportunity for speculation, debates, opinions – exactly what they delight in. More important things are being overlooked, as always in such a situation: a broader view, for example, or a somewhat longer perspective, not necessarily long-term (because in the long term we’re all dead, as John Maynard Keynes once famously observed), but certainly in the medium term.
There can be no doubt that Britain’s leaving is a blow to the European Union. In fact, it is made even more severe by the state the EU is in at present. A couple of years ago it could have been argued that while the question of ‘in or out’ may be vital to the United Kingdom, it was of only limited consequence to the European Union. Not so anymore.
It is hardly necessary to recount the setbacks the EU has suffered during the last few years: the Euro crisis in the wake of a global depression; the Greek bailout; the failure to stop Russian expansion in the Ukraine; the muddled response to the flow of refugees across the Mediterranean and, even more dramatically, through Greece and the Balkans in the summer of 2015. In none of these cases did the EU seem to be able to meet the challenge swiftly, let alone resolutely.
To a large extent, this must be put down to faults in the way the EU is organized – structural weaknesses in the ‘European edifice’, as it were. At present, the EU can only be as strong as its member states allow it to be, on a case to case basis. Its weakness is therefore very much the fault of these member states.
This is where the most serious crisis of all can be identified on the European continent. It is the crisis brought about by the alarming resurgence of nationalist sentiment throughout the Union (and beyond – what we’re hearing from Russia gives just as much cause for alarm). In Europe, if nowhere else, nationalism necessarily poses a serious threat. For one thing, it is the stuff that demagogues thrive on: the perfect concoction for another bout of  mass mobilization and mass hysteria. After all, nationalism seems to be so wonderfully intoxicating; one cannot help but wonder if it may not even cause addiction.
On the other hand, the danger is rooted in European reality. And again, we can discern two reasons for this: first, there is hardly any European state big enough to carry sufficient weight in the modern world, i.e. on a global scale. It is true of course that campaigners for the ‘Leave’ vote in the British referendum took pride in the fact that the UK had the fifth largest economy in the world. Surely, they argued, we must be able to go it alone? But the German economy is even larger (fourth) and the French only marginally smaller (sixth). Would they all be better off on their own?
Even if that were the case, it would definitely not apply to the vast majority of European countries. Left to their own devices, they would not enjoy greater independence but would become helpless victims of powers far beyond their own influence. Russia comes to mind instantly, with the United States a close second and, never to be forgotten, big financial players, ‘the markets’ as the saying goes, or big corporations some of whose budgets dwarf those of the smaller nation states in Europe. All these powers would have to jockey for position on a continent made up of numerous small, ostensibly ‘sovereign’ countries. Anyone can work out for themselves what this would entail.
However – and secondly – the situation in Europe is such that there can never be any pure nation state. With very few exceptions (if any) all continental countries contain different nationalities to a lesser or greater extent. In some cases, this may create considerable centrifugal forces as can be witnessed in the United Kingdom right now. In other cases, there are ethnic minorities to be considered. In Eastern Central and Southeast Europe, nationalities and ethnic minorities are inextricably interspersed, making any clear-cut ‘national’ solution essentially unobtainable: an inexhaustible source of conflict which can lead, in the worst case, to ethnic cleansing or even genocide. The sorry tale of Yugoslavia’s break-up in the nineties should serve as a dire warning not just of what is possible, but also of how easily and how quickly the hitherto unthinkable may come about.
Nationalist parties are on the rise all over Europe: from Hungary to Slovakia to Poland, from Austria to Germany to France and the Netherlands. What is more, the nationalist mode of thinking and arguing is gaining ground everywhere, taking over more and more time and space in what is called the public debate. Great Britain is a good case in point. The opposition of we, the British, versus them on the continent has become accepted to the extent that it is simply taken for granted even by well-informed and otherwise thoughtful commentators. For an observer from the continent, this is either laughable as the implied uniformity of ‘them’ simply does not exist, or it is deeply disappointing considering the astonishing lack of insight and reflection displayed in such utterances. In any case, the opposition is silly. But there it is, gaining ground and conviction.
The nationalist mode of reasoning, we have said, is a constant threat to Europe, united or not. It is the Ebola virus of European politics. It is destructive, lethal even; and it seems to be exceedingly contagious, all but impossible to contain. It lies at the heart of all the other problems bedevilling the EU: member states are acting in what they perceive, quite narrowly, to be their own ‘national interest’.
Europe can only thrive if it has a supranational structure in place which is able to override national interest. Without such a structure, there cannot be any stability. This is borne out not only by demography, but also by experience. The long fruitful period of peace (if only relative) before 1914 rested on what was then called the Concert of Europe, i.e. the informal co-operation of the major powers in and adjacent to Europe plus, of course, the supra-national edifice of the Austro-Hungarian Empire (for all that was worth – that’s an altogether different question). After 1945, the division of the continent and the ensuing confrontation imposed a rigid discipline on the nation states on either side of the Iron Curtain.
Since the end of the Cold War, Europe has been called upon to assume responsibility for its affairs: nobody else to blame. One would have expected that it would look to its own experience for guidance. Unfortunately, while these words are being written in the summer of 2016, it seems that we have slipped farther back than ever in our short history of unification.
It has to be said that Britain has contributed to this setback, rather than working against it. The result of the referendum in itself may only be another nail in the coffin of European unity; but it is not the only one, and the nails keep being hammered in. The British – or rather, the majority who voted for ‘Brexit’ – have succumbed to the nationalist virus; and thus, they are assisting in its spread. They may have voted in the hope of getting away from it all, of putting their country in some kind of quarantine. But in all likelihood, such hopes are bound to be vain. If Europe fails, Britain will suffer. That should have been another lesson taught by experience.

(27 June 2016)

 

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