Finstere Wochen

Eine kleine Trilogie

Das Mädchen in der Rettung

Der bisherige Tiefpunkt meiner Krankheitsgeschichte kam Anfang März 2020. Ich hatte mich schon länger nicht wohl gefühlt, litt unter Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen beim Gehen, in letzter Zeit war Übelkeit dazugekommen, manchmal musste ich mich plötzlich aus unerfindlichen Gründen heftig übergeben. Einmal geschah das mitten in der Nacht, und während ich mich panisch aus dem Bett stemmte und ins Bad tapste, kamen mir die Türstöcke grotesk verzogen, nach vorne oder hinten geneigt entgegen. Ich konnte nicht mehr essen, wurde schwach und schwächer, kam nicht mehr aus dem Bett.

Nun war es so, dass zu diesem Zeitpunkt mein Krebs bereits diagnostiziert war, ich hatte sogar schon einen Termin für die erste Chemotherapie im Krankenhaus. Jetzt riss der Begleiterin und Beschützerin meines Lebens aber die Geduld. Sie rief kurz entschlossen an und setzte meine Aufnahme durch, obwohl so was überhaupt nicht vorgesehen war. Besonders nicht an einem Sonntag. Aber da kennt man besagte Begleiterin und Beschützerin  schlecht.

Sie packte meine Tasche, ich musste also bloß noch ächzend aufstehen und mich anziehen. Das gelang mir mit Müh und Not, und schließlich saß ich am Ende unserer Erkerbank in der Küche und wartete auf die Rettung. (So sagt man bei uns; gemeint ist in diesem Falle der Krankenwagen samt Besatzung.) Und während ich dort saß, da schien sich eine ungeheure Schwäche in mir auszubreiten, sie floss quasi von oben nach unten, vom Kopf bis in die Füße. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich lange aufrecht halten konnte, selbst im Sitzen. Meine Lebenskraft schien mir durch die Füße aus dem Leib zu rinnen.

Es läutete an der Tür. Begleiterin und Beschützerin machte auf. Ein junger, kräftiger Mann in Rot-Kreuz-Montur kam herein, gefolgt von einem schlanken blonden Mädchen in derselben Kleidung. Der junge Mann erfasste die Lage mit einigen kurzen Blicken, stellte ein paar gezielte Fragen zur Transportfähigkeit. Die beiden verschwanden wieder. Aber alleine das selbstsichere, kompetente Auftreten des jungen Mannes hatte bewirkt, dass ich meinen Tiefpunkt überwunden hatte. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren?

Die beiden kamen mit einem Tragesessel zurück, setzten mich mit gut geübten Griffen behutsam in selbigen und trugen mich hinaus. Ihr Rettungsauto parkte in der engen Zufahrt. An den Zäunen nahm ich die neugierigen Gesichter der Nachbarn wahr. Die waren mir zu diesem Zeitpunkt aber zutiefst wurscht.

Geschickt hievten die beiden den Stuhl durch die geöffnete Hecklappe ins Fahrzeug und arretierten ihn. Begleiterin und Beschützerin steuerte noch meine Tasche bei, dann ging’s los. Das Mädchen saß mir gegenüber im Fahrgast- oder Laderaum, je nachdem. Sie hatte bemerkt, wie schlecht mir war, und ein Speibsackl bereit gelegt. Außerdem hatte sie offenbar beschlossen, mich durch Konversation abzulenken. Wir begannen, über die üblichen Dinge zu sprechen: Was sie machte, was ich gemacht hatte. Sie kam aus einem Ort im Wipptal, so stellte sich heraus, ausgebildete Kindergärtnerin, arbeitete in einem Hort in Innsbruck. Als sie hörte, wo ich unterrichtet hatte, da nannte sie den Namen ihres Freundes. Der war nämlich dort in die Schule gegangen. Ob ich mich erinnern könne? Ich konnte, allerdings nur ganz, ganz vage. Aber immerhin –

So überstand ich die Fahrt. Die beiden brachten mich wieder per Transportstuhl auf die Station, übergaben mich dem dortigen Personal und verabschiedeten sich. Ich konnte damals und kann auch jetzt kaum ausdrücken, welch tiefes Gefühl der Dankbarkeit mich erfasste. Die beiden waren die ersten in einer langen, langen Reihe von jungen Frauen und Männern, die sich derart aufmerksam um mich kümmerten. Ich hoffe, darüber bald ausführlicher zu schreiben. Im Falle der beiden Rot-Kreuz-Helfer war’s ja so, dass wahrscheinlich beide, auf jeden Fall aber das Mädchen ihre Freizeit opferten, um am Wochenende mit dem Rettungswagen Dienst zu schieben. Das alleine wäre schon bewundernswert gewesen. Und dann noch auf diese Art! Das Lächeln dieses Mädchens, ihr freundliches Gesicht – kann man beschreiben, was für lebensfrohe Wirkung die ausübten?

Finstere Wochen

Wie ich ins Krankenhaus gekommen bin, hab’ ich schon geschildert („Das Mädchen in der Rettung“). Nun saß ich also auf einem der hölzernen Klappsessel an der Aufnahme und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen: Größe messen, wiegen, Blutdruck und was derlei Scherze mehr sind. Schließlich fand ich mich doch in einem Zimmer wieder, alleine – ich hatte ein Einzelzimmer bekommen, warum ist mir nicht bekannt, zugestanden wär’s mir nicht.

Aber wie auch immer: Ich schaffte es ins Bett, und da lag ich nun, hing an irgendeiner Flasche und – schlief. Tatsächlich sollte das für die nächste Zeit meine Hauptbeschäftigung werden. Dank der Infusionen, möglicherweise auch noch anderer Medikamente (ich kann mich nicht erinnern) verbesserte sich mein Befinden schnell: wesentlich weniger Schwindel, die Übelkeit war auch weg. Ich konnte essen wie zuvor. Lediglich die Schwäche blieb, und die Müdigkeit. Aber ich hatte ja nichts zu tun. Ich schlief und erfreute mich meines Appetits.

Die Damen und Herren Doctores steckten mich ins CT, und da entdeckten sie die Ursache meines elenden Zustandes: Metastasen im Kopf. Das war nun doch ein bisschen ein Schock. Aber die Fachleute beruhigten mich: Keine große Affäre, ich würde Bestrahlungen bekommen, die Aussichten seien gut.

Also auch das noch, zu Krebs und Chemotherapie dazu. Aber schön. Ich ergab mich in mein Schicksal oder genauer: ich begab mich vertrauensvoll in die Hände der Ärztinnen und Ärzte. Sowohl mit Bestrahlungen als auch mit Chemotherapien sollte allerdings noch zugewartet werden. Zuerst müsse ich mich erholen, müsse sich mein Gesamtzustand verbessern, wie’s hieß.

Und so befand ich mich also in meinem Zimmer und hatte nichts weiter zu tun als eben dies: Zustand verbessern. Keine sehr schwierige Aufgabe. Es versteht sich von selbst, dass mir in diesen Tagen und Wochen so allerlei im Kopf herumging. Wenn ich erwartet hatte, es würde sich eine schmerzliche Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit entspinnen, mit meinen Taten und Missetaten, dann hatte ich mich allerdings getäuscht. Zu meiner Überraschung standen plötzlich zwei Felsbrocken in meinem Bewusstsein, keine Ahnung, woher sie kamen, früher hatte ich über derlei Dinge nie nachgedacht. Doch die Felsbrocken standen da, unbeweglich und undurchdringlich.

Der eine, kleinere, äußerte sich in einem erleichterten Seufzer: Gott sei Dank bin ich schon siebzig!

Gemeint war: Da konnte mir niemand mehr vorwerfen, ich stehle mich zu früh davon. Nicht einmal ich selbst. Andernfalls hätte ich mir nämlich Vorwürfe gemacht, dass ich zu wenig auf meine Gesundheit geachtet hätte, man weiß schon: Rauchen, zu wenig Sport, all das. In Tirol spielt derlei bekanntlich eine besonders wichtige Rolle, man muss fit sein, fit bleiben, das ist so was wie das Oberste Gebot, da gibt es kein Pardon. Der Stand der jeweils individuellen Fitness ist viel wichtiger als alle sonstigen Leistungen, und seien sie noch so herausragend. Selbst der Philosoph, der Musiker oder der Mediziner wird zunächst einmal nach seinen körperlichen Leistungen beurteilt – Berg-, Schi- und Radtouren –, weniger nach dem, was er oder sie eigentlich leistet. Unser Kollege Walter Klier hat das einmal unnachahmlich scharf gefasst: Der Tiroler (in diesem Falle schrieb er über die Innsbrucker, aber das macht keinen Unterschied) – der Tiroler oder die Tirolerin also sei „stets auf das Peinlichste um die eigene Leistungsfähigkeit besorgt und, mit einem unmerklich raschen Seitenblick, die der anderen.“

Dieser unmerklich rasche Seitenblick, der erscheint mir charakteristisch für das Leben hierzulande. Ich hätte ihn, wäre ich in jüngeren Jahren erkrankt, sehr empfindlich gespürt – schmerzhaft sogar. Das war mir erspart geblieben. Ich hatte mein Teil beigetragen, ich hatte genug Geld nach Hause gebracht – genauer natürlich: es war genug Geld auf mein Bankkonto und von dort auf unsere Sparbücher geflossen –, ich hatte genug geleistet. Von daher konnte mir niemand einen Vorwurf machen, nicht einmal ich selbst. Das war immerhin auch etwas wert.

Der große Block, das war hingegen mein Leben. Der stand in meinem Bewusstsein, mächtig und dräuend, vor allem aber: unbeweglich, unbewegbar. Mein Leben war gelebt, so wie ich’s gelebt hatte, da gab es nichts mehr zu rütteln, nichts mehr zu ändern. Selbst wenn ich gesund geblieben wäre: Was auch immer ich noch getan oder unterlassen hätte, es hätte nichts mehr geändert an diesem Leben. Es stand einfach da. Zwecklos, sich dagegen zu wehren.

Natürlich erhob sich die Frage, wie dieses Leben nun zu beurteilen sei. Gelungen? Verpfuscht? Nun, auch zu diesen Fragen stellte sich eine spontane Antwort ein, aus meinem Inneren heraus, ohne vorherige Abwägung, ohne Kalkulation. Die Antwort lautete: teils–teils. Ich hatte nichts Besonderes vorzuweisen, weder als Schriftsteller, geschweige denn als Lehrer. Allerdings hatte ich mir auch nichts besonders Schlimmes zuschulden kommen lassen. Ein Engel, ein Heiliger war ich natürlich nicht, aber wirklich böse, zerstörerisch gar? Nein, das auch nicht. Hoffte ich zumindest.

Ein klassischer Spießer also. Langweilig. Und tatsächlich leiden solch durchschnittliche Leben unter einem schlechten Ruf. Man denke bloß an unsere hehre Literatur. Vergessen wird dabei, dass selbst das durchschnittlichste, das unspektakulärste Leben erst gelebt werden muss. Jeden Tag in der Früh aufstehen. Das sagt sich so leicht, aber für einen Nacht- oder besser: Abendmenschen bedeutet das jeden Morgen eine kleine Qual. Die kann nicht weggeleugnet werden. Ein Arbeitsleben lang. Und am Abend rechtzeitig das Licht ausschalten, rechtzeitig schlafen. Als ich in Pension gehen durfte, zählte dies zu den größten Erleichterungen: nicht mehr so früh aufstehen zu müssen.

Und dann die Arbeit. Auch nicht immer ein Honiglecken. Die Vorgesetzten, die Kollegen. Die Kunden. Die Routine – die macht ja so unheimlich müde. Davon ist kaum jemals die Rede. Außerdem gibt’s noch die Familie, die Kinder. Was die Kopfzerbrechen bereiten können! Und nicht nur das: ausgesprochene Sorgen, Herzweh.

So banal das alles aus der erhabenen Sichtweise von Philosophen, Schriftstellern, Künstlern oder Historikern sein mag – für die Beteiligten ist es ernst, fürchterlich ernst, existenziell geradezu. Deshalb ist das Leben von uns Spießern auch keineswegs langweilig, wie das immer unterstellt wird. Oh nein! Ich kann von mir selbst sagen, dass mein Leben stets aufregend war, deshalb verging’s ja auch so schnell, immer irgendetwas zu erledigen, zu bewältigen, irgendwelche Probleme zu lösen. Ich hätt’ oft was drum gegeben, wenn es ein bisschen langsamer verlaufen wäre – ein bisschen langweiliger. Da hätt’ ich nichts dagegen gehabt.

Also: Jedes Leben muss erst gelebt werden, selbst das unansehnlichste, das spießigste. Doch wie gesagt: So einfach, wie man sich das vorstellt, ist es nicht, es bedarf ein gerüttelt Maß an Disziplin, ja sogar Anstrengung. Und deshalb kann jedes dieser Leben auch daneben gehen. Wir beobachten das hin und hin. Ehekrach, Scheidung. Der Mann, der anfängt zu saufen. Die Frau, die ihr Leben nicht bewältigt, lebt von der Fürsorge, wir sehen sie mit dem Buggy rauchend vorm Einkaufszentrum stehen. Auch sie trinkt zu viel. Wir schauen auf solche Leute hinunter; heimlich vielleicht, versteckt, aber doch. So ein bisschen zumindest. Dabei führen sie uns bloß vor Augen, wie’s ebenso gut (oder schlecht) hätte kommen können, wie’s jederzeit kommen kann. Man soll sich bloß nichts einbilden.

Andererseits dürfen wir das Spießige schon auch auf der Habenseite verbuchen. Von selber geht wie gesagt gar nichts. Na ja – jedenfalls hab’ ich mir mein geordnetes Leben selbst gut geschrieben. Und deshalb bin ich zu dem Ergebnis gekommen, es sei unterm Strich teils gut, teils weniger gut gelungen. An missglückten Episoden herrschte ja kein Mangel: Gelegenheiten, bei denen ich kläglich versagt hatte, das Falsche gesagt hatte, peinlich peinlich, sogar unnötig bös’ gewesen war, oder zumindest egoistisch. Solche Erinnerungen ließen mich in der Nacht hochfahren: Wie konntest du nur? Entsetzlich! Trösten konnte ich mich bloß mit der positiven Substanz meines Lebens. Die negativen Erinnerungen stachen allerdings hervor, sie stachen ins Fleisch. Das war nicht zu umgehen.

In diesem Zusammenhang stellte sich noch eine Erkenntnis ein: Wann immer ich mir vorzustellen versuchte, wie ich in einer gegebenen Situation hätte anders handeln sollen, mich anders entscheiden, und wie mein Leben dann vielleicht hätte ausschauen können – wann immer ich mich solchen Gedankenspielchen hingab, gelangte ich rasch zu der ernüchternden Einsicht, dass ich in so einem Falle hätte ein anderer Mensch sein müssen. So, wie mein Leben verlief, repräsentierte es meine Persönlichkeit. Anderes Leben? Andere Persönlichkeit, bitte. Woraus sich umgekehrt der zwingende Schluss ergab, mein Leben sei das Produkt meines Ich, meines Wesens.

Da steckt natürlich ein gerüttelt Maß an Fatalismus drin, und ich bin – wie gesagt, aufgrund spontaner Erkenntnis, aus dem Bauch heraus – geneigt, diesen Fatalismus zu teilen. Als ich jedoch der treuen Begleiterin und Behüterin meines Lebens gegenüber eine einschlägige Andeutung machte, da reagierte sie ungehalten. Und es stimmt schon: Sie gibt sich nicht so leicht zufrieden. Man sieht: Genügend Raum für individuelle Meinungen und Auffassungen!

Die Lebensabrechnung also: Teils–teils. Wie schon gesagt, stellte sich das Ergebnis dieser Abrechnung spontan ein, keineswegs aufgrund einer minutiösen Kalkulation. Dafür standen die Ergebnisse aber auch fest, konnten nicht durch Nachdenken, durch innerliche Argumentation verändert werden. Ich akzeptierte sie, sie wurden zur festen Grundlage meines Denkens, meiner Welt- und Selbstsicht; so sehr, dass ich nicht mehr darüber nachzudenken brauchte.

Womit ich mich anderen Dingen zuwenden konnte. Meiner Lage, zum Beispiel.

Unmittelbar nachdem ich ins Krankenhaus gekommen war, begann der erste Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie. Der war ziemlich streng, wie man sich vielleicht erinnern wird, kam praktisch einer Ausgangssperre gleich. Als ich mit der Rettung ein paar Mal nach Innsbruck gebracht wurde zu diversen Untersuchungen, da erschreckten mich die menschen- und autoleeren Straßen. Das ergab ein gespenstisches Bild.

Damals wussten wir noch sehr wenig über diese neue Krankheit. Selbst wenn man selbst nicht dazu neigte, der Panik zu verfallen, konnte man doch nur spekulieren. Im Krankenhaus galt nicht bloß Maskenpflicht – nicht im Zimmer, sehr wohl aber am Gang –, sondern auch Besuchsverbot. Strenges Besuchsverbot. Nicht einmal Taschen durften zugestellt werden, Pakete mit Wäsche zum Beispiel. Absolut nichts.

Für mich ergab sich folgende Aufgabe: Zunächst hatte ich mich mit meiner Krankheit herumzuschlagen, mit dem Krebs. Ich musste begreifen, was mit mir geschah, musste mich damit abfinden, es akzeptieren, wenn möglich. Musste meine Perspektive drauf einstellen, die Erwartungen, die Pläne. Das war an sich schon nicht leicht. Fachkundige Stimmen sagten mir, so ein Lungenkrebs sei heutzutage kein Todesurteil mehr, da könne man noch recht lange vergnügt leben. Eine dieser Stimmen war ein Neffe, der in Linz an der Radiologie arbeitete. Doch kamen die Stimmen auch aus anderen Zweigen unserer teilweise doch recht medizinischen Familie.

Das war tröstlich. Ich konnte diesbezüglich einigermaßen optimistisch sein. Sogar in Bezug auf die bevorstehenden Chemotherapien sprach man mir Mut zu – das sei heute längst nicht mehr so brutal wie früher, besonders der Übelkeit sei man Herr geworden, da sei also auch nicht so viel zu befürchten.

Ich war geneigt, diesen Stimmen zu glauben. Was meinen Krebs betraf, fühlte ich mich folglich eher zuversichtlich. Eine böse Krankheit, gewiss, und letztlich sicher letal, aber vorläufig sah ich mich noch darüber hinaus, sie einigermaßen zu bewältigen, ohne mir selbst und vor allem ohne anderen allzu sehr zur Last zu fallen.

Nun kam aber Corona dazu. Ich kam mir vor, als säße ich mit meinem Krebs-Problem in einer riesigen Hohlwelle, rund herum drehte sich ein weiteres Werkel, die Pandemie. Wie schon gesagt, wusste man damals nicht viel darüber. Äußerst ansteckend, klar, die Zahlen waren furchterregend. Gegenmittel? Impfung? Da machte man uns keine Hoffnung. Da war nichts in Sicht, das würde noch Jahre dauern. Bis dahin half nur Abstand halten, Hände waschen – in England lehrten sie die Kinder, dabei „Happy Birthday“ zu singen, damit sie lange genug am Waschbecken blieben – und vor allem Masken tragen. Aber das waren, wie mir völlig klar war, nur Notmaßnahmen.

Die Krankheit würde sich also ausbreiten, und auch für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich anstecken würde. Und je länger es mir gelang, diesen Zeitpunkt hinauszuschieben, desto näher würde er rücken, desto sicherer würde er kommen. Aufgrund meiner Erkrankung musste ich mit einem schweren Verlauf rechnen. Was man von einem solchen hörte, das ließ das Blut in den Adern gefrieren. Ich lebte, so gesehen, auf Abruf. Wie lange noch? Ein halbes Jahr? Ein Jahr? So weit wagte ich gar nicht voraus zu denken.

Ein Leben auf Abruf. Ich versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken, vor allem nicht über den Verlauf einer schweren Covid-Erkrankung. Da konnte ich nur auf ein mildes Schicksal hoffen. Im Übrigen galt es, vorläufig weiter zu leben, einen Tag nach dem anderen, eine Vorsichtsmaßnahme nach der anderen. Immerhin versuchte ich, meine Angelegenheiten soweit als möglich zu ordnen, für den Fall, dass das Ende plötzlich kommen sollte. All die Arbeiten, die ich am Computer erledigt hatte: Korrespondenz, Bank, Buchhaltung.

Wenn ich aus heutiger Sicht auf jene finsteren Wochen zurückblicke, dann spielt jedoch etwas anderes eine herausragende, eine übermächtige Rolle: das Krankenhauspersonal. Gemeint sind damit wirklich alle, vom Oberarzt über Krankenschwestern und Pfleger (warum sagen wir eigentlich nicht einfach Krankenbrüder?) bis hin zu den Damen, welche das Essen brachten oder Zimmer und Bad reinigten. Dass sie alle tüchtig waren, ihren Job professionell erledigten, das mochte man vielleicht noch als selbst­verständlich voraussetzen. Ich tat’s nicht. Ich war dankbar dafür. Aber das war ja noch gar nicht alles. Wenn ich mich bei den Leuten bedankte, dann antworteten sie stets: „Das ist unser Job.“

„Sicher“, gab ich zurück. „Aber man kann jeden Job so oder so machen.“

Und sie machten ihren Job eindeutig so: effizient, aufmerksam, mitdenkend, initiativ. Vor allem aber freundlich, immer freundlich, um nicht zu sagen: fröhlich. Und das ist jenes Quentchen, das man nicht bezahlen kann, das sich einfach ergeben muss, das dann aber so ungeheuer viel wert ist. Ich für meinen Teil kann nur schwer wiedergeben, was mir das Lachen, das Strahlen vor allem der Frauen bedeutet hat. Da kam immer so ein bisschen Sonnenschein ins Zimmer. Mehr noch: Sie vermittelten mir das Gefühl, nicht einfach bloß irgendein Patient zu sein, sondern eben ich, also eine Person mit einem Leben, mit Ängsten, aber auch mit Hoffnungen. Nicht, dass wir darüber gesprochen hätten. Es war bloß das Gefühl. Aber dieses Gefühl, das weiß ich heute genau, das hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass ich durch jene finsteren Wochen kam. Anders wäre die Selbstbehauptung viel, viel schwerer gefallen.

Ich will mich jetzt nicht in Dankbarkeitsbezeugungen ergehen. Die kosten ja nichts. Davon bekommt unser Krankenhauspersonal wahrlich genug, auch in der Öffentlichkeit. Ich möchte bloß einfügen, dass ich im gesamten Gesundheitssystem die gleichen Erfahrungen machte: andere Krankenhäuser, CT und MRI, nicht zu vergessen Ordinationen niedergelassener Ärzte – stets dieselbe Freundlichkeit und Menschlichkeit.

Aber wie schon gesagt: Vom Dank können diese Frauen und Männer nicht abbeißen. Ihre Löhne gehören erhöht. Das ist in unserer Gesellschaft der sichtbare und handfeste Beweis der Wertschätzung. Zusätzlich wäre freilich noch etwas wichtig, sollte in unserer Welt der Rationalisierung und Einsparung ja nicht vergessen werden: Es braucht ausreichend Personal, um die hohe Qualität der Betreuung zu erhalten. Wenn diese Leute unter Druck kommen, Zeitnot, Stress – ja dann, das ist leicht vorherzusehen, dann wird’s bald vorbei sein mit persönlicher Betreuung. Aber mehr Personal kostet mehr Geld. Da wird sich also erweisen, wo unsere Prioritäten in Wahrheit liegen. Dass insgesamt nicht genug Geld vorhanden wäre, das wird man ja schwerlich behaupten können.

Port und Nippel

Wie ich ins Krankenhaus gekommen war, darüber habe ich hier schon geschrieben („Das Mädchen in der Rettung“), ebenso was mir in der Folge durch den Kopf ging („Finstere Wochen“). Nun soll es um die physische Seite der Geschichte gehen.

Ich lag ja nicht zum Nachdenken in der Klinik, sondern zur Behandlung. Die ließ vorläufig aber noch auf sich warten, erst müsse sich mein Gesamtzustand verbessern, wie es hieß. Ich litt unter einem Tumor in der Lunge sowie unter Metastasen im Kleinhirn, von denen meine Beschwerden hauptsächlich herrührten. Was den Tumor betraf, so hatte man mir Mut gemacht. Mitglieder unserer doch ziemlich medizinischen Familie versicherten mir, so ein Tumor sei heute längst kein Todesurteil mehr, vielmehr gut heilbar. Ein Neffe, seines Zeichens Radiologieassistent in Linz, erzählte mir von dem Fall eines vierzigjährigen Mannes, der habe noch lange vergnügt weitergelebt. Und was die Chemotherapien betraf, so seien die längst nicht mehr die Bomben früherer Zeiten, vielmehr gebe es Mittel gegen die Nebenwirkungen, vor allem die notorische Übelkeit.

Da konnte ich also zuversichtlich sein. Trotzdem hatte ich Angst vor der ersten Verabreichung. Die begann am späten Vormittag mit zwei, drei kleineren Infusionen, dem Vorlauf, wie sich die Ärzte ausdrückten. Die eigentlich Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln. Bevor sie angeschlossen wurden, musste ich jedes Mal mein Geburtsdatum nennen. vermutlich beugte man so Verwechslungen vor.

Ich hatte vorweg einen so genannten Port eingesetzt bekommen. Dabei handelte es sich — laienhaft ausgedrückt — um ein halbrundes Kunststoffbällchen mit einer Membran am Boden. Die wurde, wenn ich das richtig verstanden hatte, mit einer Vene verbunden. Der Port wurde operativ unter der Haut eingesetzt, was den Vorteil hatte, dass er in der Folge nicht weiter störte. Für die Infusionen brauchte er bloß einmal angestochen und mit einer kurzen Leitung versehen zu werden — mein Nippel, wie ich mich auszudrücken pflegte. Was auch immer in der Folge in mich hineinfloss, brauchte nur noch angeschlossen zu werden. Sehr praktisch, wie ich fand, ein weiterer Fortschritt der Medizin. Der Port ist übrigens immer noch drin, ohne dass ich ihn spüre oder auch nur daran denke.

Die Chemotherapie bestand aus zwei großen Beuteln mit Flüssigkeit. Sie wurde durch ein elektronisches Dosiergerät verabreicht. Das dauerte mehrere Stunden. Glücklicherweise konnte ich dabei lesen, sofern ich nicht vor mich hin dämmerte. Ich lernte sogar, mit dem stangenartigen Gestell aufzustehen, an dem Flasche baumelte. So konnte ich, es vorsichtig vor mir her schiebend, selbstständig aufs Klo gehen, was in Anbetracht der Menge an Flüssigkeit, die in mich hinein tröpfelte, des öfteren notwendig  wurde. Ich konnte mich sogar zum Essen an den Tisch setzen, immer das stangenartige Gestell neben mir.

„Mein Exoskelett“, pflegte ich zu sagen.

Es wurde Abend, ehe die Infusionen zu Ende waren. Am nächsten Tag ging’s weiter, nicht mehr ganz so lange, und am darauffolgenden Tag ein weiteres Mal. Nebenwirkungen spürte ich keine. Selbst Geschmack und Appetit blieben mir erhalten. Die einzigen Folgen waren Müdigkeit und Mattigkeit. Aber die hielten vorerst nicht lange an.

Nach dem ersten Durchgang an Chemotherapie sollte ich am Kopf bestrahlt werden. Auch davor fürchtete ich mich, wie man vielleicht verstehen wird. Die Rettung führte mich nach Innsbruck. In der ersten Sitzung wurde lediglich mein Kopf genau vermessen, dann passte  man mir eine Maske an. Es handelte sich um lauwarmes durchbrochenes Kunststoffgewebe, das mir so ähnlich wie ein Waschlappen aufs Gesicht gelegt wurde. Es erkaltete und erstarrte eng  anliegend, wurde wohl auch vom Personal nachgeformt. Die Maske wurde mit Schienen versehen, welche in passende Gegenstücke am Gerät eingeschoben und arretiert wurden. So sollte garantiert sein, dass sich der Kopf stets in der gleichen Lage befand, und dass er sich nicht bewege konnte. Angenehm war das  nicht gerade, und ich hab‘ von Leuten gehört, die die Prozedur kaum oder gar nicht aushielten. Allerdings dauerte sie nicht allzu lange. Das Eigentümlichste war ein seltsamer Geruch, der sich entwickelte.

Eines Tages kam ich ambulant in die Strahlentherapie. Zu diesem Zwecke gab’s das so genannte Strahlentaxi, bezahlt von der Krankenkasse (tu felix Austria!). Ich hatte mir angewöhnt, mich daheim schon aller Dinge zu entledigen, die ich ablegen musste oder die ich sonst nicht brauchte. Dazu zählten auch die Zahnprothesen. Nun wurde aber wieder einmal ein Bluttest genommen, und nach kurzer Zeit erschien ein junger Doktor,  ziemlich erregt, wie mir schien.

„Lassen Sie sich sofort in Ihr Krankenhaus bringen,“ sagte er alarmiert.

„Was ist denn?“

„Die weißen Blutkörperchen. Die sind so niedrig, es besteht höchste Ansteckungsgefahr.“

Und als ich Einwände erheben wollte, befahl er nur: „Sofort. Dringend.“

Und so fand ich mich wenig später alleine in einem Zimmer im Krankenhaus wieder. Ich hatte absolut nichts bei mir. Kein Handy, nicht einmal alle Zähne. Dabei war es verboten, Pakete abzuliefern. Nichts, aber schon gar nichts durfte die Schwelle der Anstalt überqueren.

Was sollte nun werden?

Zum ersten Male verzweifelte ich. Als ich da am Tisch saß, da kamen mir die Tränen. Ich fühlte mich so hilflos, nackt beinahe. Der Oberarzt, der mich untersuchte, begriff meine Lage und setzte sich bei der Klinikleitung dafür ein, eine Ausnahme zu machen. Begleiterin und Behüterin, von ihm verständigt, durfte eine Tasche abgeben. Erst als die eingelangt war, fühlte ich mich sicherer. Sie hatte ein wahres Meisterwerk an Umsicht und Nichtt-Vergessen vollbracht.

In weiterer Folge gingen die Chemotherapien im dreiwöchigen Takt weiter. Dazwischen gab’s Perioden, da bekam ich so genannte Erhaltungstherapien, diese allerdings ambulant, ich musste also nicht im Krankenhaus bleiben, kam zu Mittag wieder heim. Diese Therapien hatten die unangenehme Eigenschaft, atemberaubende Rückenschmerzen zu verursachen. Nach dem ersten Auftreten wusste die Schwester aber Bescheid, brach die Infusion ab und verabreichte ein Schmerzmittel, welches sie schon vorbereitet hatte. Danach konnte die Therapie fortgesetzt werden. Trotzdem gestaltete sich die Fahrt zur Ambulanz jedesmal wie der Gang nach Canossa.

Das ging so bis weit ins dritte Jahr hinein. Da bekam ich ein paar Wochen Urlaub, sozusagen, ehe ich mich wieder zu einer Untersuchung zu melden hatte. Kurz bevor es soweit war, trat die Gürtelrose auf. nicht schmerzhaft, darf ich vermelden, aber doch. Also: Wieder einmal Rettung, Klinik, dieses Mal die Hautklinik in Innsbruck. Die junge Doktorin in der Ambulanz wollte mich stante pede einweisen. Aber ich bockte — völlig untypisch für mich. Ich hatte so fest damit gerechnet, am Abend wieder zu Hause zu sein!

Sie war leicht verzweifelt, wie mir schien. Begleiterin und Behüterin hatte inzwischen einen Neffen angerufen, der hatte  Dienst an der Anästhesie, und der wusch mir per Handy ganz gehörig den Kopf. Also ließ ich mich gehorsam (und voll der Reue) aufnehmen.

Auch diese Episode ging vorbei, dank sachkundiger und durchaus liebevoller Pflege. Ich durfte wieder heim. Zu diesem Zeitpunkt war ich, wenn auch nur unter größter Vorsicht, selbständig mobil. Ich konnte ins Bad oder aufs Klo gehen. Eines Tages tappte ich von dort zurück zu meinem Bett, da verlor ich plötzlich das Gleichgewicht und fiel hin. So — jetzt ging das Theater wieder los. Rettung, Notarzt, Krankenhaus, Röntgen. Glücklicherweise war nichts gebrochen, nur geprellt.

In meinem Krankenhaus, wo ich den Kontrolltermin hatte, steckten sie mich in den Computertomographen. Leider fielen die Ergebnisse enttäuschend aus. Der Tumor war nicht, wie das die Ärzte erhofft hatten, zurückgegangen, eher im Gegenteil, und die Metastasen offenbar auch. Sie boten mir eine weitere Chemotherapie an, eine andere Substanz diesmal, die versprach zwar nur geringe Erfolgsaussichten, dafür würde sie beträchtliche Nebenwirkungen verursachen. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte das einfach nicht mehr. Die Ärzte verstanden meinen Wunsch sehr gut, keinerlei Einwände oder Überredungsversuche. Somit war ich austherapiert.

Aber was tun mit jemandem wie mir? Der Oberarzt brachte das Hospiz ins Spiel, und zu seiner Überraschung war ich sofort einverstanden. Mir ging’s um die Sicherheit, vor allem aber um die längst überfällige Entlastung der Begleiterin und Behüterin meines Lebens. Was die in den vergangenen zweieinhalb Jahren mitgemacht hatte! Sie sollte endlich einmal etwas unbeschwerter leben können.

Na ja, und da stehen wir jetzt. Mir geht’s gut, danke sehr, Schlaf, Appetit, alles da. Vorläufig.

Ich hab das alles aufgeschrieben mit der Absicht, dem einen Leser oder der anderen Leserin vielleicht ein kleines bisschen Mut zu machen. Natürlich gilt das nur strikt individuell; punktuell, könnte man sagen. Aber es muss nicht immer so verheerend kommen, wie man’s sich vorstellt. Vielleicht spendet das sogar ein bisschen Trost?