Mut und Trost

Wir saßen in dem Hospiz zusammen, in welchem ich zur Zeit untergebracht bin,  und unterhielten uns, unter anderem auch über meine Krankheit. Ich erzählte ein bisschen, wie’s dazu gekommen war, wie sie weiter verlief und wieso ich jetzt hier gelandet war. Einer der Gesprächspartner bewunderte meine „Coolness“, wie er sich ausdrückte. Ich sah das zwar überhaupt nicht so, aber dann schlug er vor, ich sollte doch was schreiben, um Lesern oder Leserinnen ein bisschen Mut zu machen und eventuell ein bisschen  Trost zu spenden.

Nun eigne ich mich für solche Aufgaben normalerweise überhaupt nicht. In diesem Falle lockte sie trotzdem. Ich will’s also versuchen, auf meine Art, versteht sich, und unter der strikten Bedingung, dass Leserin und Leser stets wissen, wie individuell das alles ist, wie punktuell. Nichts als meine eigene, persönliche Erfahrung. Andere Menschen werden das ganz anders erleben oder erlebt haben. Keine Verallgemeinerung, bitte, keine generelle Sentenzen oder allgemeingültige Wahrheiten!

Wie ich ins Krankenhaus gebracht wurde, darüber habe ich schon geschrieben („Das Mädchen in der Rettung“, Alpenfeuilleton), und was mir danach durch den Kopf ging, darüber auch („Finstere Wochen“, Alpenfeuilleton). Hier möchte ich mehr über die physische Seite der Angelegenheit sprechen.

Primär war ich im Krankenhaus zwecks Behandlung, klar. Damit musste ich aber noch warten, bis sich mein Gesamtzustand ausreichend gebessert hatte. Aber irgendwann ging’s doch los mit der  Chemotherapie. Fachkundige — einigermaßen fachkundige — Bekannte, vor allem aber Familienmitglieder hatten da eher beschwichtigend geklungen: Lungenkrebs sei heute heilbar, einer erzählte von einem Fall, der noch Jahrzehnte fröhlich gelebt habe. Chemotherapien seien bei weitem nicht mehr jener Schrecken, den sie früher verbreitet hätten; da gab’s Mittel gegen Übelkeit und andere Nebenwirkungen.

Also schön. Vor der ersten Therapie hatte ich doch Angst. Ich hatte einen so genannten Port bekommen. Dabei handelt es sich um ein halbrundes Bällchen, das operativ in die Brust eingesetzt und mit einer Vene (glaube ich) verbunden wird. Für Infusionen genügt ein einziger kleiner Stich, dann wird eine Leitung mit einem Ventil angelegt. Die Infusionen brauchen nur noch angeschlossen zu werden Dazwischen baumelt der Nippel lose auf der Brust. Viel angenehmer als das Ventil am Handgelenk oder im Ellenbogen. So sieht der Fortschritt der Medizin aus.

Die erste Therapie also. Da liegt man dann am Bett und die Flüssigkeit tröpfelt in einen hinein. In der ersten  Sitzung bekam ich vorweg zwei, drei Fläschchen verabreicht, der Vorlauf, wie sie das nannten, gegen allerlei Nebenwirkungen, vor allem gegen die Übelkeit. Dann die eigentliche Chemo, zwei Flaschen. Das dauerte Stunden, von vor dem Mittagessen bis am Abend. Die Chemo selbst wurde streng dosiert abgegeben, mittels eines elektronischen Gerätes. Immerhin konnte ich während der Zeit lesen, sofern ich nicht vor mich hin dämmerte. In Anbetracht der Menge an Flüssigkeit, die da unablässig in den Körper rinnt, musste ich natürlich öfter aufs Klo. Das war möglich, ich lernte, vorsichtig aufzustehen, das stangenartige Gestell, an dem die Flasche hing, vorsichtig vor mir her schiebend dorthin zu tappen, wohin ich wollte. „Mein Exoskelett“, pflegte ich zu sagen. So konnte ich mich sogar, während die Infusion noch lief, an den Tisch setzen und zu Abend essen.

Nach den Chemos kam noch der Nachlauf, wie’s hieß, der dauerte noch einmal eine halbe Stunde oder mehr. Die Prozedur am nächsten Tag war nicht mehr ganz so lange, und am dritten Tage noch kürzer. Die Therapien nahmen immer drei Tage in Anspruch, und sie wurden alle drei Wochen verabreicht. Dazwischen durfte ich nach Hause. Nebenwirkungen spürte ich, wie schon gesagt, keine — außer dass ich ein paar Tage lang sehr matt war, viel schlief. Irgendwann, nach einiger Zeit,  begannen die Haare tatsächlich auszufallen, das aber in einer Art, dass ich vorübergehend aussah wie eine Witzfigur mit kahler Schädeldecke und seitlich senkrecht in die Höhe stehenden Büscheln. Interessanterweise machte mir das nicht das Geringste aus.

Damals war ich noch mobil, bewegte mich also selbstständig im Haus, ins Bad, ins Erdgeschoß zum Essen und so weiter. Vorsichtig musste ich schon sein, weil mein Gleichgewichtssinn beeinträchtigt war. Ich schwankte beim Gehen, eine unbedachte Drehung, besonders nach links hinten, konnte sofort zum Schwanken führen, womöglich zu einem Sturz. Aber ansonsten — nach einiger Zeit wagte ich mich wieder ins Freie, und einmal an einem sonnigen Sommertag, als die Begleiterin und Behüterin meines Lebens den Rasen mähte, sodass meine übliche Gartenrunde blockiert war, da machte ich mich kurz entschlossen auf zu einem kurzen Spaziergang außerhalb des Gartens. Und siehe da — es klappte recht gut! Von da an dehnte ich diese Gänge aus und kam schließlich sogar bis in den Wald, wo ich zufrieden auf einem Bankl in der Sonne sitzen konnte. Ich schlief gut, hatte keine Schmerzen, dafür aber Appetit, aß viel und mit Genuss. Das erstaunte meine Begleiterin und Behüterin am allermeisten.

So ging das etwas mehr als zwei Jahre. Im  Laufe der Zeit musste ich aber doch feststellen, wie ich nach jedem Durchgang von Chemotherapie ein bisschen schwächer wurde. Die früheren Reichweiten meiner Spaziergänge waren einfach nicht mehr zu schaffen. Und dann gab’s einen Zwischenfall. Begleiterin und Behüterin hatte mich im Dorfzentrum abgesetzt, weil ich einen Termin bei meiner Zahnärztin hatte. Ich stieg die breite Freitreppe hinauf, da rief mir von hinten unten jemand etwas zu. Unbedacht drehte ich mich um, und rums! verlor ich das Gleichgewicht. Es gab nichts zum Anhalten, und so rumpelte ich schwungvoll und schwer gegen die Begrenzungsmauer. Der Handlauf fing mich auf. Im ersten Schock spürte ich nichts, versicherte den Herbeigeeilten, es sei nichts geschehen, Davon war ich ja selbst überzeugt. Aber bis ich in der Praxis ankam, sahen die jungen Frauen sofort, dass da was nicht stimmte. Sie legten mich auf einen Zahnarztstuhl und riefen Rettung sowie Notarzt. Die kamen sehr rasch, Erstversorgung, dann ins Krankenhaus nach Hall. Röntgen, Ergebnis: zwei Rippen gebrochen.

Auch diese Episode ging vorüber, ohne allzu große Schmerzen und Kalamitäten. Wieder daheim, die Routine, fast ein Jahr lang. Ich hatte ein paar Wochen Pause mit den Therapien bekommen, am Ende dieser Periode sollte ich wieder einrücken für eine Kontrolle. CT war angesagt, Computertomographie. Bevor’s  so weit war, brach plötzlich die Gürtelrose aus. Die geplagte Begleiterin und Behüterin meines Lebens sah sich gezwwungen zu telefonieren, zum Doktor zu führen, Rettung zu organisieren. Augenklinik zunächst, aber als mich die junge Ärztin stationär aufnehmen wollte, bockte ich — gänzlich untypisch für mich. Die Ärmste war leicht verzweifelt. Sie schickte mich auf die Hautklinik und nahm mir das Versprechen ab, dort zu bleiben, wenn die das anordneten. Begleiterin und Behüterin hatte inzwischen desperat ihren Neffen erreicht, der befand sich in Ausbildung zum Anästhesisten. Und der wusch mir telefonisch ganz ordentlich den Kopf.

Also landete ich auf der Hautklinik. Ich muss sagen, dass mir die Gürtelrose keine großen Schmerzen verursache wie man das oft hört. Auch in dieser Beziehung kam ich also leicht davon, hatte schon wieder Glück. Nach ein paar Tagen überstellten sie mich in mein Stammkrankenhaus — „Hallo, auch wieder da? Sie gehören ja schon zum Inventar!“ — wo ich gesund gepflegt wurde.

Wieder nach Hause. Die Nachwirkungen der Gürtelrose spürte ich insofern, als ich sehr schnell ermüdete und viel schlief. Aber es schien aufwärts zu gehen. Doch dann, eines Nachmittags, nachdem wir uns angeregt mit Freunden unterhalten hatten, bekam ich ganz plötzlich Sprachschwierigkeiten. Wenn ich so plapperte, konnte ich etwas längere Wörter auf einmal nicht mehr aussprechen. Es kam nur unverständlicher Eintopf heraus. Was für ein Schock! Besonders für leidgeprüfte Begleiterin und Behüterin.

Sie musste schnell entscheiden, was tun. Notarzt, Rettung. Ab in die Neurologie, die brachten das rasch wieder in Ordnung. Inzwischen rückte der Termin für meine nächste Untersuchung heran. Sie ergab keine sehr hoffnungsvollen Ergebnisse. Die Doktoren boten mir eine letzte Chemotherapie an, etwas Neues, aber die Erfolgsaussichten seien gering, sagten sie, die Nebenwirkungen dafür umso beträchtlicher. Ich lehnte dankend ab, was sie durchaus verstanden. Somit war ich austherapiert. Der Rest war nur noch eine Frage der Zeit.

Was tun mit so einem wie mir? Daheim allein mit Begleiterin und Behüterin konnte ich nicht bleiben, dazu fehlten die Voraussetzungen, vor allem ihre Kraft und ihre Nerven. So waren wir beide froh, als das Hospiz ins Spiel kam. Dort bin ich jetzt, behütet wie’s besser gar nicht geht, und erhole mich mit der Hilfe dieser liebenswerten Leute langsam. Allzu lange kann meines Bleibens hier allerdings nicht sein.

Was sagt man zu so einer Geschichte? Natürlich bin ich bis dato leicht davongekommen und in der Hilfe, die ich von allen Seiten empfangen habe, war ich wohl außerordentlich privilegiert. Andererseits ist das Ende des Weges abgesteckt. In meinem jetzigen Zustand kann ich mir das gar nicht richtig vorstellen. Aber es ist so. Ich hoffe bloß, dass Angehörige und Ärzte mir die letzten Meter erleichtern, möglichst wenig Schmerzen und möglichst wenig Gedankenqualen. Aber das liegt dann nicht mehr in meiner Hand.