Krieg in Europa

Der Text wurde knapp vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine verfasst, als sich niemand vorstellen konnte, dass es wirklich zum Krieg kommen würde. Deshalb habe ich ihn so lange zurück gehalten: Allzu sehr klingt er nach „Ich hab’s schon immer gewusst.“ So eine Pose möchte ich auf keinen Fall einnehmen!

Man hat mich gebeten, die gegenwärtige Lage in Europa zu analysieren. Dazu sehe ich mich nicht in der Lage. Zu dünn ist das, was ich weiß, ich hätte demzufolge nichts anderes zu bieten als Geschwurbel. Trotzdem kann ich der Verlockung nicht widerstehen, etwas von mir zu geben. Pundit’s disease, sagt man auf Englisch. Manische Kommentaritis. Um genau zu sein, möchte ich was erzählen. Das Thema – Krieg bzw. Frieden in Europa – das beschäftigt mich nämlich schon seit langem.

Fangen wir mit etwas an, was ich selbst erlebt habe. Es muss wohl Ende der achtziger Jahre gewesen sein, als das Ende des Kalten Krieges bereits absehbar war, jedoch vor dem Zerfall der Sowjetunion und somit auch des Warschauer Paktes (1991). Wir befanden uns auf einer der turnusmäßigen Truppenübungen unseres Milizbataillons, in diesem Falle im Rahmen der Abschlussübung der österreichischen Militärakademie im Raum ostwärts von Lienz (wie’s militärisch korrekt zu heißen hat). Es war ein heißer, sonniger Tag im Juni. Und da wurde der Einsatz von chemischen Waffen gespielt. Das gehörte zur ganz normalen Einsatzdoktrin des Warschauer Paktes.

Schön. Wir taten, wie ausgebildet: Schutzmaske, Regenschutz (aus reinem Plastik), Handschuhe. Ich begann sofort zu schwitzen in einer Art, wie ich’s noch nie erlebt hatte. Das Wasser rann mir den Rücken hinunter, durch die Arschfalte bis in die Stiefel. Ich verwende den derben Ausdruck absichtlich, denn es handelte sich um eine ziemlich derbe Erfahrung. Aufgrund meiner Ausbildung konnte ich mir die grausige Realität so eines Einsatzes ausmalen, zumindest in Ansätzen.

Gott sei Dank, schoss es mir durch den Kopf, das ist dir erspart geblieben!

Nicht lange danach ging der Kalte Krieg tatsächlich zu Ende (Gipfeltreffen vor Malta, 1989), die Sowjetunion zerfiel und damit auch der Warschauer Pakt (1991). Nun war das Frohlocken natürlich gewaltig, das Jubilieren und das Tirilieren. Die Friedensapostel hatten Hochkonjunktur: Man weiß schon, Friedensforscher mit ihrer schimmernden Wehr akademischer Institute und auf ihrem hohen moralischen Ross. Irgendjemand machte den euphorischen Vorschlag, Russland in die Nato aufzunehmen. Bei aller Freude über den Alb, der da von unseren Schultern gewichen war, hielt ich das denn doch für etwas übertrieben. Wenn ich mit meinem Nachbarn in Frieden leben will, wird es nicht nützen, ihn einzuladen, sein Wohnzimmer in meine Küche herein zu verlängern. Das kann bloß zu Konflikten führen. Voraussetzung (aber nicht Garantie) für ein friedliches Nebeneinander ist eine klare Abgrenzung: eine feste, dicke Mauer, wenn möglich schalldicht.

Friedensdividende, erschallte es aller Orten, Friedensdividende! Das Ende des Wettrüstens, der Abbau der Streitkräfte versprach, ungeheure Mittel für andere Zwecke freizusetzen. Und die wurden dringend benötigt: fürs Spitalswesen, für die Schulen, fürs soziale Netz. Doch trotz aller Abrüstung reichte das Geld noch immer nicht. Klar, hieß es, aufgeblähte Sozialleistungen, zu viele Krankenbetten. Wieder einmal konnte ich der Propaganda nicht folgen. Meiner bescheidenen Meinung nach war’s finanziell knapp geworden, seit die Finanzmärkte liberalisiert wurden. Da wurde den Oligarchen die Möglichkeit eingeräumt, das Vermögen der Volkswirtschaften abzuschöpfen und dem Zugriff des Staates zu entziehen. Dort stehen wir noch heute.

Wie auch immer: Es wurde abgerüstet. Vor allem die westeuropäischen Heere wurden drastisch zusammengestutzt, die Wehrpflicht abgeschafft. Mit all dem wollte man nichts mehr zu tun haben! In Österreich wurde das Milizsystem beendet, klar, hatte ja begonnen, zu viel zu kosten.

Friedensdividende.

Und da wurde es Ihrem Berichterstatter bei aller Bescheidenheit doch ein bisschen schwummrig. Woher nahmen die Leute die Sicherheit, dass sie nie wieder ein einsatzfähiges Militär brauchen würden? Glaubten sie wirklich den Schalmeientönen der Friedensschwadron, wonach es genüge, friedlich zu sein, um in Frieden zu leben?

Der Krieg ist integraler Bestandteil der europäischen Geschichte. Und damit auch der Gegenwart. Wenn man so was sagt, muss man nicht „für den Krieg“ sein. Ich bin’s jedenfalls nicht. Aber man muss mit Krieg rechnen. Und wenn man einen solchen wirklich verhindern will, muss man über zwei Qualitäten verfügen: Standfestigkeit – und Stärke. Letztere kostet was.