Als Arbeiterin in den Putilow-Werken

Lili Körber, Eine Frau erlebt den Roten Alltag

Von Lili Körber war hier schon des öfteren die Rede, und zwar – wie ich ebenfalls schon gesagt habe – mit Absicht. Ich befinde mich nämlich auf so einer Art Werbefeldzug für diese weitgehend vergessene österreichische Schriftstellerin. Sowohl als solche, als auch als selbständige, herausfordernde Frau hätte sie wahrlich Besseres verdient.

Wir sind im Zuge dieser Kampagne bereits ihren Werken Die Ehe der Ruth Gompertz; Begegnungen im Fernen Osten; sowie Eine Österreicherin erlebt den Anschluss begegnet. Den Roten Alltag hat Lili Körber allerdings schon früher erlebt, nämlich während eines längeren Aufenthaltes in der – damals noch relativ jungen – Sowjetunion 1930. Im Zuge dieses Aufenthaltes verdingte sich Lili Körber zwei Monate lang als ungelernte Arbeiterin in den legendären Putilow-Werken in Leningrad.

Diese Putilow-Werke spielten und spielen – unter dem Namen Kirowwerke – eine bedeutende Rolle in der Geschichte der russischen Industrialisierung. Ursprünglich ein wichtiger Maschinenbau-Betrieb, entwickelten sich die Werke zu einem ebenso wichtigen Rüstungskonzern. Ein Streik der Belegschaft geriet zu einem Meilenstein auf dem Weg zur Februarrevolution 1917. Die Arbeiterinnen, denen Lili Körber begegnet, zählen somit quasi zur proletarischen Elite.

Aber warum? Warum trat Lili Körber in diese Werke ein? Noch dazu als einfache Arbeiterin? Zum Zwecke der Recherche an der Basis? Glaubt man ihr – als Verfasserin des Tagebuches, als welches sich das Buch darbietet – glaubt man also der Tagbuch-Erzählerin Lili Körber, so ist dies keineswegs der einzige, vielleicht nicht einmal der wichtigste Grund. Der heißt vielmehr Ralph und ist ein amerikanischer „Spez“, also ein Spezialist, welcher beim Aufbau der sowjetischen Industrie helfen soll. Später wird er versetzt und entschwindet. Zu diesem Zeitpunkt schwärmt selbige Erzählerin aber schon für einen Arbeiter im Betrieb. Auch diese Schwärmerei bleibt allerdings unerfüllt.

Das heißt nicht, Lili Körbers Bericht sei wertlos. Ganz im Gegenteil! Es ist diese ständige Vermischung, dieses Ineinanderfließen von Privatem und Politischem, von Gefühl und Verstand, welche Körbers Schilderungen so anschaulich machen, so nachvollziehbar für normale Menschen wie du und ich (aber wahrscheinlich nicht für stramme Leninisten). Wir erfahren viel über die Arbeitsbedingungen in den Putilow-Werken, über Lilis Mitarbeiterinnen, ihre Sorgen, aber auch ihre freundliche Hilfsbereitschaft. So sehr sich Lili bemüht, zu einer russischen Arbeiterin zu werden, mit ihrer Kollegenschaft in proletarischer Solidarität zu verschmelzen, sie bleibt letztlich doch die westliche Intellektuelle. Dafür sorgen allerdings auch ein paar Eskapaden ihrerseits. Finanziell, so stellt sie fest, bräuchte sie überhaupt nicht zu arbeiten, denn was sie durch ihren Journalismus verdient, übertrifft den Arbeiterlohn bei weitem: ein Paradoxon, das ihr schon damals auffiel und das auch unsereins immer wieder beschäftigt haben dürfte.

Wir lernen aber auch einiges über das Privatleben dieser Menschen, zusammengepfercht in den einzelnen Zimmern früherer Wohnungen; über die Freizeitgestaltung, etwa in Form von Betriebsausflügen zu diversen Sehenswürdigkeiten, unter anderem zum Schloss Peterhof, der ehemaligen Sommerresidenz des Zaren. Bildung, Weiterbildung spielt ganz allgemein eine große Rolle in der Freizeit und im Betrieb. Man merkt den Arbeiterinnen den Stolz über ihre neu gewonnene Stellung an: als respektierte Mitarbeiter und nicht mehr als ausgebeutete Leibeigene. Aus diesem Grunde verspüren sie wohl jene Verantwortung, aus der heraus der Betrieb am Laufen gehalten wird. Es gibt auch gegenseitige Kontrolle, wie Lili selbst erfahren muss, und in schweren Fällen gibt es Belegschaftsgerichte – letztere mit allen unleidlichen Begleiterscheinungen wie etwa parteiischer Bevorzugung. Auch darüber berichtet Lili Körber, immer im selben Tonfall. So auch von der Verhaftung eines Wohnungsgenossen durch die GPU. Zu ihrer Enttäuschung fällt die allerdings höflich und zivilisiert aus. Sie hätte gern Spektakuläreres gesehen.

Aus heutiger Sicht sucht man natürlich ständig Hinweise auf den Stalin’schen Terror, auf Bespitzelung, Angst, Unterdrückung. Solche findet man aber nicht. Verschwiegen? Es besteht kein Zweifel, dass Lili Körber der Sowjetunion mit großer Sympathie begegnete. Das mochte ihre Sichtweise wohl gelenkt haben. Man täte ihr aber unrecht, wenn man sie zur Apologetin degradierte. Das verbietet ihr undogmatischer, auf den Einzelfall, auf den einzelnen Menschen gerichteter Blick. Historisch gesehen, bewegte sie sich in einem Zwischenabschnitt: Die Neue Ökonomische Politik war soeben zu Ende gegangen, womit sich Stalin mit seiner bürokratischen Diktatur langsam, aber unerbittlich etablieren konnte; doch bis zum Einsetzen der Kollektivierung samt ihrer Schrecken waren es noch ein paar Jahre. Da kann man sehr wohl den Enthusiasmus für das soziale Experiment verstehen, welches damals ja auch die Wirklichkeit in der Sowjetunion prägte.

Wie sehr sich das in den folgenden Jahren ändern sollte, geradezu ins Gegenteil verkehren, daran erinnert uns, die Leser unserer Zeit, ein Besuch, den die Tagebuchschreiberin einem „Abortarium“ abstattet, also einer Abtreibungsklinik. Abtreibung war damals in der Sowjetunion nicht bloß erlaubt, sondern weitgehend entstigmatisiert. Nicht viel später trat genau das Gegenteil ein, da standen schwere Strafen darauf. Das war einer der vielen Punkte, die linientreue Kommunisten nicht bloß verdauen, sondern unter Selbstverleugnung aktiv verteidigen mussten.

Besagte journalistische Honorare gestatten es der Erzählerin schließlich sogar, die Heimreise per Flugzeug anzutreten – im Jahre 1930! Eine westliche Intellektuelle, in der Tat. Doch scheint mir Lili Körbers Bericht vom roten Alltag eben deshalb bemerkenswert, bis heute: eine westliche Frau; in den Putilow-Werken; voll Interesse, eine undogmatische und daher schwer zu täuschende Beobachterin, die ständig und ganz automatisch das Persönliche mit dem Allgemeinen, das Private mit dem Öffentlichen vermengt. Nicht bloß ist so ein Bericht immer noch lesenswert – eigentlich: ein Lesevergnügen –, man wünscht sich unwillkürlich, wir hätten heute ein paar solcher Lili Körbers. Leider ist ihr Buch nur schwer aufzutreiben. Neu aufgelegt wurde es nicht mehr – nur die Verleger-Branche mag wissen, warum. (Wahrscheinlich weiß sie’s nicht). Mit unwahrscheinlichem Glück habe ich ein antiquarisches Exemplar zu einem erschwinglichen Preis ergattert. Aber wär’ das nicht eine lohnende Aufgabe fürs Literaturhaus und dergleichen gut gefütterte Institutionen? Endlich dafür zu sorgen, dass diese Österreicherin, diese selbstbewusste Frau und brillante Schriftstellerin, wieder ein bisschen ins literarische Bewusstsein dringt?

Lili Körber, Eine Frau erlebt den roten Alltag: Ein Tagebuch-Roman aus den Putilowwerken (Berlin: Rowohlt, 1932).
(Alpenfeuilleton)
Abtreibung in der Sowjetunion

Ich habe den Besuch der Autorin in einem „Abortarium“ erwähnt, also in einer Abtreibungsklinik, sowie die freizügigen Gesetze, die diesbezüglich in der Sowjetunion damals noch herrschten, was sich freilich im Laufe der dreißiger Jahre drastisch geändert habe. Und da fällt mir, unabweislich wie immer, eine Anekdote ein. Überliefert wurde sie, wie könnte es anders sein, von Friedrich Torberg. Und wieder einmal kann ich’s mir einfach nicht verkneifen, sie wiederzugeben.

Was ich hier berichte, beziehe ich aus den Erben der Tante Jolesch, genauer aus dem Kapitel „Der Zwischenrufer Epstein und andere Originale“. Dieser Herr Epstein hatte es sich zum Hobby gemacht, kommunistische Vortragende durch scharfsinnige Einwände bei ihrer Lobpreisung der Sowjetunion außer Schritt zu bringen. Das ganze spielt sich in den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ab, und zwar bezeichnender Weise anlässlich von Veranstaltungen so genannter „Bert-Brecht-Clubs“.

Eines Abends, so Torberg (ich zitiere wörtlich), entwickelte sich im Anschluss an einen Vortrag über das sowjetische Eherecht eine besonders lebhafte Diskussion. Die oppositionellen Wortmeldungen liefen fast durchweg darauf hinaus, dass die sowjetische Wirklichkeit sich immer weiter von ihren ursprünglichen Idealen entfernte, dass alles, was einen jungen Menschen einmal zum Kommunismus hingezogen hätte, längst beim Teufel wäre – die sowjetischen Ehegesetze überträfen die kapitalistischen bei weitem an bürgerlicher Strenge, freie Liebe begegne puritanischen Hindernissen, auf Abtreibung stünden strenge Strafen, und dergleichen mehr. Die Fragen an den verzweifelten Diskussionsleiter bezogen sich alsbald auch auf aktuellere Anlässe, vor allem auf das Schicksal der deutschen Kommunisten, die sich in die Sowjetunion gerettet hätten und dort von den stalinistischen Säuberungswellen verschluckt worden waren – was mit der Schauspielerin Carola Neher geschehen sei, wollte jemand wissen, ein andrer fragte nach Zenzi Mühsam, der sechzigjährigen Witwe des von den Nazi ermordeten Dichters Erich Mühsam, der Vorsitzende versuchte den Fragesteller zu überhören, aber der ließ sich nicht abschütteln: „Ich will wissen, warum die Zenzi Mühsam verhaftet wurde!“ insistierte er, und in das verlegene Schweigen auf dem Podium ertönte Epsteins Zwischenruf:
„Vielleicht hat sie abgetrieben.“

Friedrich Torberg, Die Erben der Tante Jolesch (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1981), S. 47–48.