Zwischen den Kriegen

Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre 1918–1938

Äußerlich betrachtet, ist dieses Buch genau so aufgebaut wie sein Vorgänger (Der taumelnde Kontinent): die Kapitel werden von den Jahren gebildet, oder soll man’s umgekehrt sagen? Tatsächlich ist es so, dass jedes Jahres-Kapitel einem Thema gewidmet ist, die Erörterung reicht folglich zurück in die Vergangenheit und eilt voraus in die Zukunft. Aber wie dem auch sei: Im Innern gestaltet sich dieser Band anders als der vorhergehende. Da gilt es nämlich viel mehr Ereignisse zu behandeln als in der gemächlicheren Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, und so bleibt weniger Raum für die Kultur. Die spielte beim Ablauf des Geschehens nämlich bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Der großen, weltbewegenden Ereignisse gab es wahrlich genug: Im ehemaligen Russischen Reich die Revolution, dann Bürgerkrieg, gefolgt von Zwangskollektivierung samt Hungersnot in unvorstellbaren Ausmaßen – der so genannte Holodor. Anschließend die Stalin’schen Säuberungen, der Große Terror, wiederum mit Millionen von Opfern.

Im Westen zunächst scheinbare Stabilisierung, Normalisierung, aber nur bis zur Weltwirtschaftskrise ab 1929. Danach schien alles auf den Kopf gestellt, nichts war mehr, wie’s sein sollte. Rechtsgerichtete diktatorische Bewegungen machten sich breit, in Italien der Faschismus Mussolinis ab 1922, in Deutschland der Nationalsozialismus Hitlers, der 1933 an die Macht kam. Der Spanische Bürgerkrieg (1936–39), das Schreckensregime von General Franco. Es gab aber noch mehr solcher faschistischer oder proto-faschistischer Regimes, nicht zuletzt das klerikal-ständestaatliche in Österreich. Tatsächlich schien es eine Zeit lang so, als habe die Demokratie ausgedient.

Wohin das alles führte, das wissen wir. Darüber schreibt Philipp Blom nicht, es liegt jenseits der von ihm gewählten Zeitspanne. Auch in diesem Band versucht er, psychologische Erklärungen für das Verhalten der Menschen zu finden: der Schock des Ersten Weltkriegs, Verunsicherung und Angst angesichts rasender Modernisierung. Ohne Zweifel trifft das zu, aber ob’s als Erklärung ausreicht, das ist eine andere Frage.

Selbst wenn man sich in der hier behandelten Epoche einigermaßen auskennt, bringt Blom doch eine geraffte, komprimierte Darstellung, die nützlich sein kann. So zum Beispiel, wenn er von den kommunistischen Sympathisanten im Westen spricht, den „fellow travellers“: George Bernard Shaw zum Beispiel, der nach einer sorgsam inszenierten Reise durch die verwüstete Ukraine erklärte, es gebe gar keine Hungersnot und als Beweis ein opulentes Mahl anführte, das er genossen habe. Solch krasser Fehlleistungen haben sich allzu viele westliche Intellektuelle allzu oft schuldig gemacht. „Nützliche Idioten“ wurden sie in Moskau genannt. Aber wie Blom richtig anmerkt, war das historische Gedächtnis des 20. Jahrhunderts nicht dazu angetan, derlei Entgleisungen lange in Erinnerung zu behalten. Sie wurden, auf gut Deutsch, vergessen. Vielleicht – so schießt es mir durch den Kopf – vielleicht sollten wir damit anfangen, die verdrängte Vergangenheit der linken Intelligenz ebenfalls aufzuarbeiten?

 Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre 1918–1938 (München: dtv, 2016).