Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent

Dem einen oder der anderen wird Philip Blom vielleicht aus dem Radio bekannt sein; auf Ö1 moderiert er nämlich die Diskussionssendung Punkt Eins. 1970 geboren, kam der gebürtige Hamburger im Zuge seines Studiums (Philosophie, Geschichte und Judaistik) nach Wien. In weiterer Folge studierte er in Oxford, wo er seinen Ph. D. erwarb, seinen Doktortitel. Er ist in Englisch genau so gewandt wie auf Deutsch, schreibt seine Bücher in ersterer Sprache und übersetzt sie selbst in zweitere. Als Journalist hat er im Independent, in der Financial Times, im Times Literary Supplement, nicht zuletzt im Guardian geschrieben. Bei so einer Aufzählung überkommt mich Bewunderung, blanke Bewunderung. Ganz offensichtlich kann Philipp Blom Dinge, die ich immer gerne gekonnt hätte.

Als ich ihn das erste Mal bei Punkt Eins hörte, da ärgerte ich mich über diesen bundesdeutschen Sprecher bei unserem ureigensten Staatsfunk. Hat man da wirklich keinen anderen gefunden? Nun, da ich um die Talente des Herrn Blom weiß, bin ich froh, dass man ihn an die Angel bekam und an Land zog. Möge er uns lange erhalten bleiben.

Der taumelnde Kontinent beschäftigt sich mit Europa im Zeitraum von 1900 bis 1914. Gegliedert ist es nach Jahren – jedes Jahr ein Kapitel. Zugleich widmet sich jedes Kapitel einem Thema; es handelt sich also um eine Kreuzung aus Chronologie und Aufriss. Nicht, dass dies der Darstellung schaden würde; sie erfordert zwar häufige Rückblenden und Überschneidungen, aber die wären auf jeden Fall unvermeidlich. Es geht ja – so könnte man sagen – um den Versuch einer Totaldarstellung jener Jahre.

Das Schwergewicht liegt auf gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen, nicht so sehr auf machtpolitischen. Und hier, im gesellschaftlichen Bereich, spielt die Psychologie eine herausragende Rolle, ebenso wie künstlerisch kreative Menschen, also Schriftsteller, Maler, Komponisten. Leider ergibt sich aus eben diesen beiden Komponenten das Problem, welches ich mit dem Buch habe: Denn zum einen ist es für mich keineswegs so selbstverständlich wie für den Autor, dass Schriftsteller und Künstler die geeignetsten Zeugen einer Epoche seien. Blom scheint sie für ungeheuer feine, weitreichende und aussagekräftige Seismographen zu halten: Was immer sie sagen oder tun, es spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeit wider, gesellschaftliche Strömungen. Aber trifft das wirklich zu? Könnte es nicht so sein, dass wir den Aussagen oder Handlungen solcher Menschen – womit auch ihr Schaffen gemeint ist – erst jetzt, a posteriori, solche Qualitäten zuschreiben? Mit dieser Methode könnte alles, was irgendein mehr oder minder bedeutender Mensch je produziert hat, als repräsentativ oder gar prophetisch gedeutet werden.

Dazu kommt noch das Gewicht, welches der Autor der Psychologie beimisst. Das Motiv von der Angst des Mannes durchzieht das gesamte Buch: Angst vor der demographischen Entwicklung, Angst vor der metaphorischen Entmannung durch den technischen Fortschritt, Angst nicht zuletzt vor den Frauen, die eben damals begannen, auf Selbständigkeit zu pochen, auf ihre Rechte. Das klingt einleuchtend – aber war es wirklich so?

Man kommt nicht umhin, die damalige Zeit, die Belle Époque, mit unserer eigenen zu vergleichen. Dieses unbekümmerte, ahnungslose Tanzen auf dem Vulkan, zum Beispiel. So vieles, was damals grundgelegt wurde, kam erst später zur Anwendung. Aber das wird wohl Gegenstand des Folgebandes sein, Die zerrissenen Jahre, welcher die Zwischenkriegszeit abdeckt.

Ich lege das Buch mit gemischten Gefühlen weg. Ausführlich, keine Frage, detailreich, der Mann ist halt einfach gescheit, da beißt die Maus keinen Faden ab; und doch, und doch – irgendwie kann mich das Unternehmen nicht restlos überzeugen. Tut mir leid.

Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent: Europa 1900–1914 (München: dtv, 2020). Ursprüngl. erschienen 2008 als The Vertigo Years bei Weidenfels & Nicholson.

(schoepfblog 04 01 2022)