Charles Dickens, Bleak House

[for an English version see below]

Die Pflicht-Literatur ist mir zum Hals heraus gehängt: Was man unbedingt gelesen haben sollte. Sie wissen schon, reading circle und so. Wobei da nicht bloß die fiction Schuld war. Da gab’s ebenso politische Aufsätze aus den USA. Aktuell, keine Frage, sicherlich auch fürchterlich gescheit, aber trotzdem –

All das ist mir also gründlich zum Hals heraus gehängt. Und so kehrte ich in meiner Not zu einem Lese-Erlebnis früherer Tage zurück: zu Charles Dickens und seinem Roman Bleak House (auf Deutsch manchmal Bleakhaus). Er zählt zu den bedeutenderen Werken des Autors, erschienen 1852–53, zwischen David Copperfield und Hard Times (Harte Zeiten). Der Roman erscheint wegen etlicher Dinge bemerkenswert, unter anderem (wie ich glaube) wegen jener drastischen Anfangsszene mit Nebel und Schlamm in London:

Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights. Fog creeping into the cabooses of collier-brigs, fog lying out on the yards, and hovering in the rigging of great ships; fog drooping on the gunwales of barges and small boats. Fog in the eyes and throats of ancient Greenwich pensioners, wheezing by the firesides of their wards; fog in the stem and bowl of the afternoon pipe of the wrathful skipper, down in his close cabin; fog cruelly pinching the toes and fingers of his shivering little ‘prentice boy on deck.

Vor allem aber wegen des Umstandes, dass zwei Erzähler auftreten: Einerseits ein typisch viktorianischer allwissender Er-Erzähler, andererseits aber eine Ich-Erzählerin in der Person der Esther Summerson, die infolgedessen auch als Hauptperson fungiert. Die ungewöhnliche Konstellation könnte natürlich zu Bruchstellen führen, zu stilistischen Holpersteinen, was bei Dickens aber nie der Fall ist. Der Leser scheint völlig glatt, völlig natürlich vom einen in den anderen Modus zu gleiten. Na ja – zumindest dieser Leser. Irgendwo hab’ ich einmal gelesen, Dickens habe die weibliche Erzählerin unter dem Einfluss von Charlotte Brontës Jane Eyre (erschienen 1847) eingeführt. Ob’s stimmt, ist eine andere Frage.

Eine weitere Eigenart der Geschichte manifestiert sich im wichtigsten Thema: das englische Gerichtssystem; genauer: das equity law. Anhand unserer Begriffe ist das nur sehr schwer zu erklären, in unsere Verhältnisse zu übersetzen. Es handelt sich jedenfalls um Zivilrecht (als Gegensatz zum Strafrecht). Abgehandelt wurde es unter anderem im Court of Chancery. Obwohl das altertümliche System längst nicht mehr existiert, gibt’s heute noch die Chancery Lane in London, einschließlich gleichnamiger Underground-Station an der Central Line. Diese Chancery spielt nun eine tragende Rolle in Bleak House; es war sogar schon von einer eigenen Person die Rede. Wer sich dort auf ein Verfahren einlässt, der ist laut Charles Dickens rettungslos verloren: Er oder sie wird immer tiefer hineingezerrt in einen bodenlosen Sumpf von Tagsatzungen, mysteriösen Verfahrensbestimmungen, Einsprüchen und Vertagungen. Er wird zusehends ärmer dabei, hoffnungslos, krank. Ein Ende ist nicht in Sicht – es sei denn, die Mittel einer Erbschaft seien restlos aufgebraucht. Dann verlieren Richter und Anwälte schlagartig jegliches Interesse. Wer einmal Bleak House gelesen hat, so denke ich, der wird der juridischen Zunft nie mehr so entgegentreten wie zuvor.

Doch geht’s natürlich nicht nur um Chancery. Da gibt’s die bei Dickens üblichen Mysterien um Herkunft, vergangene Fehltritte und deren späte Folgen gemäß der viktorianischen Moral, und es geht um Liebesgeschichten. So hingeschrieben, klingt das ziemlich banal, aber unter der Feder von Charles Dickens ist’s das Gegenteil. Indem die weibliche Heldin, Esther Summerson, zugleich als Erzählerin dient, bleibt ihr dieses Mal die herablassend-sentimentale Behandlung erspart. Ansonsten geraten solche weibliche Heldinnen bei Dickens allzu gern zu engelhaften Wesen von einer Tugend und einer Sentimentalität, die kaum noch zu ertragen ist. Nicht umsonst hat Oscar Wilde von einer solchen Figur, nämlich von Nell in The Old Curiosity Shop, gesagt: ‘One must have a heart of stone to read the death of little Nell without laughing.” Die Ich-Erzählerin in Bleak House wirkt da wesentlich vielschichtiger, vielleicht sogar widersprüchlicher – kurz also: menschlicher.

Gibt man die Handlung eines Dickens-Romans in dürren Worten wieder, wirkt sie unglaubwürdig, klischeehaft, sentimental. Wenn man ihn dann liest, verhält es sich ganz anders. Das liegt zunächst einmal am schriftstellerischen Genie des Autors. Ich verwende den Ausdruck ansonsten nie, er ist zu vage und gleichzeitig zu devot, aber im Falle von Dickens scheint er mir doch angebracht. Ich kann nicht umhin, immer wieder in Bewunderung zu zerschmelzen, wenn ich sehe, wie er ganz einfach mittels Dialogs vermag, Figuren zu charakterisieren. Solche Dialoge könnte ich endlos lesen, selbst wenn sie die Handlung eigentlich gar nicht voranbringen. Man denkt zum Beispiel an Mr. Skimpole, einen von Dickens’ gloriosen Pharisäern, wenn er beteuert, nichts weiter als ein unschuldiges Kind zu sein, folglich nicht verantwortlich für sein Verhalten in der wirklichen Welt, von der er nichts zu verstehen vorgibt. Mehr noch: Der sich und anderen einredet, mit seiner Hilflosigkeit, seiner Hilfsbedürftigkeit (man muss ihm dauernd Geld leihen) erweise er den Mitmenschen sogar einen Dienst.

Solcher skurrilen Figuren gibt’s noch mehr in Dickens’ Romanen, in Bleak House vielleicht sogar besonders viele. Und etliche davon bleiben in Erinnerung: Mr. George, der trooper (ehemaliger Kavallerie-Soldat) etwa, Mr. and Mrs. Snagsby, Mr. Guppy, Caddy Jellyby – und so weiter, und so fort. In der zweiten Hälfte des Romans spielt ein Mord eine Rolle, was Dickens Gelegenheit gibt, einen Inspektor einzuführen, Mr. Buckett. Er kommt von Scotland Yard, damals eine relativ neue Einrichtung. Es wurde gesagt, es handle sich um den ersten literarischen Kriminalbeamten.

Jedem Leser, jeder Leserin wird wohl eine andere von diesen Figuren besonders stark in Erinnerung bleiben. In meinem Falle ist’s Mrs. Bagnet, die Frau eines ehemaligen Kameraden von Mr. George. Bewehrt mit Koffer und Regenschirm ist sie dem Regiment kreuz und quer durchs britische Empire gefolgt und hat dabei gelernt, mit praktisch jeder Situation fertig zu werden. Sie ist resolut, packt an, zeigt sich nicht leicht beeindruckt. Ihre drei Kinder heißen je nach Geburtsort bzw. -garnison Quebec, Malta und Woolwich (das Arsenal im Osten von London).

Eine weitere Figur heißt Krook – nicht zufällig, versteht sich (a crook ist ein unehrlicher Mensch). Im Laufe der Handlung muss er das Zeitliche segnen, und dazu bedient sich Dickens einer sonderbaren Methode, nämlich der spontaneous human combustion, der spontanen menschlichen Selbstentzündung. Wissenschaftlich war diese Vorstellung schon damals verpönt, doch hielten sich zähe Mythen. Dickens verteidigte später seine Schilderung mit Hinweisen auf angebliche Augenzeugenberichte, absolut unbestechlich, versteht sich. Es scheint, als habe er tatsächlich selbst daran geglaubt. Das ist umso verwunderlicher, als er ansonsten auf Seiten des Realismus, der vernünftigen Argumentation, des gesunden Menschenverstandes stand, somit auch auf Seiten der Wissenschaft.

Aber wie dem auch sei: Bleak House bringt uns ein anregendes Panorama von Figuren, ebenso wie eine umfassende, vernichtende Satire des Justizwesens. Und, wie schon gesagt, noch einiges mehr, vor allem auch düstere Seiten. Trotzdem – lohnt es sich, so einen viktorianischen Roman heute noch einmal zu lesen? Kann er uns überhaupt noch was sagen? Nun – aus dem, was ich hier geschrieben habe, wird man meine Antwort leicht erraten können. Warum dem so ist, wie das über Jahrhunderte hinweg funktioniert, das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Charles Dickens, Bleak House (London: Penguin Books, 1994). 1st publ.1852–53.
Charles Dickens, Bleak House

For some time, I had grown increasingly tired of books I felt I had to read: you know, reading circle and all that. But it wasn’t just fiction that wore me down. There were also political essays from the USA. Up-to-date, no question, terribly clever without doubt, and yet –

Yes, I was thoroughly fed up with all that. And so, in my distress, I returned to a reading experience of earlier days: to Charles Dickens and his novel Bleak House. It is one of the author’s more important pieces of work, published 1852–53, between David Copperfield and Hard Times. It is remarkable for a number of things, including (I believe) this memorable opening scene of fog and mud in London:

Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights. Fog creeping into the cabooses of collier-brigs, fog lying out on the yards, and hovering in the rigging of great ships; fog drooping on the gunwales of barges and small boats. Fog in the eyes and throats of ancient Greenwich pensioners, wheezing by the firesides of their wards; fog in the stem and bowl of the afternoon pipe of the wrathful skipper, down in his close cabin; fog cruelly pinching the toes and fingers of his shivering little ‘prentice boy on deck.

Most remarkably, however, the novel features two narrators: on the one hand, a typically Victorian omniscient narrator; on the other hand, a first-person narrator with the voice of Esther Summerson, who consequently is also the main character. The unusual constellation could of course lead to cracks in the narrative, to stylistic stumbling blocks, but with Dickens this is not the case. The reader seems to shift between modes smoothly, completely naturally as it were. Well – this reader at any rate. Somewhere I think I have read that Dickens introduced this female narrator under the influence of Charlotte Brontë’s Jane Eyre (published in 1847). Whether it’s true is another question.

Another peculiarity of the story manifests itself in its most important theme: the English court system; more precisely: equity law. This is rather difficult to explain to foreigners – and to English people as well, I suspect. In any case, we are talking about civil law (as opposed to criminal law). It was dealt with, among other places, in the Court of Chancery. Although the ancient system has long since ceased to exist, there still is Chancery Lane in London, as well as the eponymous underground station on the Central Line. Chancery plays a major part in Bleak House; somewhere I have even read the idea that it amounted to a character in its own right. According to Charles Dickens, anyone who gets involved with this court is hopelessly lost: he or she is dragged deeper and deeper into a bottomless swamp of hearings, mysterious procedural rules, objections and adjournments. He or she becomes visibly poorer, desperate, sick. There is no end in sight – unless the funds of an inheritance are completely exhausted. Then judges and lawyers immediately lose all interest. Anyone who has read Bleak House, I am sure, will never again view the legal profession as innocently as before.

But it’s not all about chancery, of course. There are the usual Dickensian mysteries of origin, past missteps and their late consequences according to Victorian morals, and there are of course love stories. This may sound trite, but coming from Charles Dickens’s pen it is anything but. By having the female heroine, Esther Summerson, also serve as narrator, she is spared the condescendingly sentimental treatment of other heroines. All too often these are represented as angelic beings of virtue and sentimentality that is close to unbearable. Not for nothing did Oscar Wilde observe of one such character, namely of Nell in The Old Curiosity Shop, ‘One must have a heart of stone to read the death of little Nell without laughing.’ The first-person narrator in Bleak House comes across as much more complex, perhaps even contradictory – in short: as more human.

If the plot of a Dickens novel is rendered in scant words, it sounds implausible, clichéd, sentimental. But when you read it, it is quite different. First of all, this is due to the author’s genius as a writer. Usually I avoid such terms as they are too vague and at the same time too submissive, but in the case of Dickens they do seem appropriate. One can’t help but admire the way he characterises persons through dialogue alone. I love to read such passages even if they don’t actually advance the plot. One thinks, for example, of Mr. Skimpole, one of Dickens’ glorious hypocrites, who professes to be nothing more than an innocent child, not responsible for his actions in the real world of which he pretends to understand nothing. What’s more, he convinces himself and others that his helplessness, his need for support (people have to keep lending him money), is actually a service to his fellow human beings.

There are many more such characters in Dickens’s novels, and perhaps most so in Bleak House. And quite a few of them stick in the reader’s mind: Mr. George, the trooper (ex-cavalry man) for example, Mr. and Mrs. Snagsby, Mr. Guppy, Caddy Jellyby – and so on, and so forth. In the second half of the novel a murder occurs, which gives Dickens the opportunity to introduce an inspector, Mr. Buckett. He comes from Scotland Yard, a relatively new institution at the time. It has been said that he is the first detective in fiction.

Each reader will probably remember a different character. In my case, it’s Mrs. Bagnet, the wife of a former brother-in-arms of Mr. George’s. Armoured with her suitcase and her umbrella, she used to follow the regiment across the British Empire and has learned to cope with practically any situation. She is resolute, hands-on and not easily overawed. Her three children are called Quebec, Malta and Woolwich (the arsenal in east London), according to where they were born.

Another character is called Krook – not coincidentally, of course. In the course of the plot it becomes necessary for him to pass away. Dickens chooses a strange method, spontaneous human combustion. Scientifically the idea had been discredited even at that time, but myths persisted tenaciously. Dickens later defended his story by references to alleged eyewitness accounts, absolutely incontrovertible of course. It seems that he actually believed in spontaneous combustion himself. This is all the more astonishing as he was normally on the side of realism, of reasoned argument, of common sense, and thus also on the side of science.

In any case Bleak House offers a stimulating panorama of characters as well as a profound and scathing satire of the justice system. And a lot more, as already mentioned, not least an acknowledgment of the darker side of life. Still – is it worth going back to a Victorian novel again? What can it still tell us – if anything?

Well, from what I have written here, the answer can easily be guessed. Why this should be, how this has worked across the centuries – this will probably remain a mystery forever.

Charles Dickens, Bleak House (London: Penguin Books, 1994). 1st publ.1852–53.