Gelesen / Just Read

Paul Chaim Eisenberg, Das ABC vom Glück

Jüdische Weisheit für jede Lebenslage, verspricht der Untertitel des Buches von Paul Chaim Eisenberg, dem früheren, inzwischen pensionierten Oberrabbiner in Wien. Und jüdische Weisheit, das wird wahrscheinlich bloß so gehen: in Form von Anekdoten, von Aphorismen. Bei Eisenberg sind sie noch dazu alphabetisch angeordnet, von A wie „Ainleitung“ (damit selbige wirklich am Anfang stehen kann) bis Z wie 36 Zadikim (die berühmten 36 Gerechten, die’s in jeder Generation geben soll). Schlagen wir das Buch willkürlich auf, sagen wir beim Buchstaben P wie Purim-Fest. Das Kapitel wird – wie könnte es anders sein – mit einer Anekdote abgeschlossen:

Vor kurzem (berichtet Chaim Eisenberg) war ich kurz vor dem Purim-Fest in Israel und lernte dort einen Mann kennen, der mir erzählte, dass er sich vor dem Purim-Fest sehr fürchtet und nie in die Synagoge geht.

„Wieso?“, fragte ich ihn. „Purim ist doch ein lustiges Fest.“

Und er antwortete: „Ich wurde in einem der Kriege in Israel verwundet. Gott sei Dank sind meine physischen Schmerzen geheilt. Aber ich habe noch immer eine Heidenangst, wenn ich Schüsse oder Detonationen höre. Dann verstecke ich mich in meinem Zimmer und halte mir die Ohren zu.“

Das Purim-Fest, so klärt uns Eisenberg auf, sei vergleichbar mit unseren Silvesterfeiern; es würden Böller geworfen und Raketen geschossen.

Ein Buch der Anekdoten also und ja, auch der Witze. Ohne die geht’s nicht. Da wollte – zum Beispiel – ein sehr reicher Jude sein ganzes Vermögen seinem einzigen Sohn vererben. Der eröffnete ihm jedoch, dass er sich taufen lasse. Dem völlig verzweifelten Vater erschien eines Nachts Gott (ich zitiere weitgehend wörtlich):

„Das ist gut, dass du mir erscheinst“, sagte der Mann zum Ewigen, „denn ich habe große Probleme. Ich habe mein ganzes Vermögen meinem Sohn ins Testament geschrieben, aber jetzt will er sich auf einmal taufen lassen und Christ werden, und das ist für mich schwer auszuhalten.“

Darauf sagte ihm der liebe Gott: „Das verstehe ich gut, denn ich habe das gleiche Problem gehabt. Mein Sohn ist auch Christ geworden.“

„Was rätst du mir also zu tun?“

„Mach es so wie ich“, antwortete der Ewige, „schreib ein neues Testament.“

Eisenberg, Chaim, Das ABC vom Glück: Jüdische Weisheit für jede Lebenslage (Wien: Brandstätter, 2019).
Levitsky & Ziblatt, How Democracies Die

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2018 erschienen, also halbwegs während der Amtszeit von Donald Trump. Denn um den geht’s letztlich natürlich, auch wenn er nicht immer beim Namen genannt wird. Die Autoren haben sich schon längere Zeit damit beschäftigt, wie Demokratien zugrunde gehen können. Zwei Aspekte sollen hier herausgegriffen werden. Da ist zum einen der Mangel an dem, was die Autoren als „mutual tolerance and forbearance“ bezeichnen: Die gegenseitige Achtung der politischen Kontrahenten sowie Selbstbeschränkung in der Ausübung von Macht. Man darf, kurz gesagt, nicht alles tun, was man tun könnte. Voraussetzung dafür sind freilich Manieren, letztlich wohl eine gewisse Moral. Tatsächlich bestätigen Levitsky und Ziblatt, was wir schon lange vermutet haben: Wie wichtig Manieren für das Funktionieren einer Demokratie sind. Woraus folgt: Wer keine Manieren hat, ist kein Demokrat.

The book was published in 2018, halfway through Donald Trump’s term in the White House. Because that’s who it is all about, of course, even if he isn’t always mentioned by name. The authors have been researching for some time how democracies can collapse. Two aspects will be singled out here: First, there is a lack of what the authors call “mutual tolerance and forbearance”: mutual respect between political opponents and self-restraint in the exercise of power. In short, one may not do everything one could do. The prerequisite for this is, of course, manners, and ultimately a certain morality. In fact, Levitsky and Ziblatt confirm what we have long suspected: How important manners are for the working of a democracy. It follows that anyone who has no manners can’t really be a democrat.

Levitsky, Steven, and Daniel Ziblatt, How Democracies Die: What History Reveals About Our Future (London: Penguin Random House UK, 2018).
Naomi Klein, No Is Not Enough

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Getreu jenem Thema, mit dem sie ursprünglich zu Prominenz gelangte, sieht Naomi Klein in Trump und seinem öffentlichen Auftreten vor allem den brand. Was das genau ist, das hab’ ich, um einmal ganz ehrlich zu sein, noch immer nicht richtig begriffen. In diesem Buch erweckt die Autorin den Eindruck, es handle sich um den Namen einer Firma, die selbst nichts produziert. Der Kunde, die Kundin kauft bloß den Namen. Der sei allerdings verbunden mit einem Stil, ja mehr noch: mit einem Lebensgefühl, mit einer Identität. Ob das so zutrifft, das traue ich mich nicht zu beurteilen. Und was diese Sichtweise bei der Analyse des Phänomens Trump bringt, das scheint mir auch nicht so richtig klar zu werden. Allerdings geht’s nicht ausschließlich um ihn. Naomi Klein malt apokalyptische Bilder von den Folgen des Klimawandels. US-amerikanischen Konventionen folgend, endet sie mit einer optimistischen Note: Treffen von Aktivistinnen und Aktivisten, allgemeines Einander-Verstehen und Sich-Mögen. Schön. War sicher ein beflügelndes Erlebnis. Aber wie lange hält das Gefühl vor? Welche Spuren hinterlässt es in unserer Wirklichkeit?

True to the subject that brought her to prominence in the first place, Naomi Klein sees Trump and his public behaviour above all as a brand. To be honest, I still haven’t really grasped the concept. In this book, the author gives the impression that it is the name of a company that does not produce anything itself. The customer merely buys the name because it is connected with a certain style, or even more: with a certain attitude to life, with an identity. I do not dare judge whether this is true. And how such a view could help with the analysis of the Trump phenomenon isn’t really clear to me either. However, this book is not exclusively about him. Naomi Klein paints apocalyptic pictures of the consequences of climate change. Following US-American conventions, she ends on an optimistic note: meetings of activists with lots of mutual understanding and loads of sympathy. Very nice. Must have been an inspiring experience. But how long do such feelings last? What traces do they leave behind in the real world?

Naomi Klein, No Is Not Enough: Defeating the New Shock Politics (London: Penguin Random House UK, 2018).