Erbsünde

Da gibt’s einen aus meinem Bekanntenkreis, der schickt mir auf Facebook immer so Zitate und Links. Natürlich handelt es sich um einen Querkopf (pardon, -denker). Normalerweise beachte ich das Zeug nicht mehr, seit ich draufgekommen bin, wie sehr jede Nachforschung, jede Quellenverifizierung im Sumpf abstruser Behauptungen und Quacksalber endet.

Dieses Mal war’s ein Link zu einem Artikel, den er mir unter die Nase rieb, und aus einer Laune heraus verfolgte ich den doch. Als Autor stellte sich ein gewisser Jared Taylor heraus (mehr über ihn später), der Erscheinungsort ist eine Website namens Unz Review (auch dazu später mehr), und der Titel des Artikels lautet „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?“. Wozu man vielleicht sagen sollte, dass in der US-amerikanischen Debatte die „original sin“, die Erbsünde quasi als terminus technicus für die Sklaverei steht.

Ich fang’ an zu lesen und schon stolpere ich über diese Aussage: „ … the idea is that slavery was a uniquely horrible thing that defines the United States and will stain whites forever”: die Sklaverei würde demzufolge als schreckliche Sache betrachtet, welche einzigartig dastehe, welche die Vereinigten Staaten definiere und die Weißen auf immer beflecke.

Und das machte mich stutzen. Die Lesart war mir nämlich neu. Normalerweise denkt man bei der original sin etwa an die Unabhängigkeitserklärung, wo’s bekanntlich heißt, es sei “self-evident … that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with cer­tain un­alienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.” Aber als das geschrieben wurde (1776), da waren eben nicht alle Menschen gleich, vielen wurden ihre unveräußerlichen Rechte vorenthalten, und – was besonders schwer wiegt – daran sollte sich in den neu zu gründenden Vereinigten Staaten auch nichts ändern. Nicht vorgesehen. In der Verfassung von 1787 kommt das Wort Sklaverei zwar nicht vor, an mehreren Stellen wird jedoch eindeutig Bezug darauf genommen, ihre Existenz somit anerkannt und akzeptiert.

Und das war nun wirklich eine Art Sünde. Als original kann man sie bezeichnen, nicht bloß weil sie am Anfang stand, sondern weil sie die Vereinigten Staaten auch weiterhin belasten sollte, sich immer wieder regte und für Turbulenzen sorgte, und zwar in Form eines alles durchdringenden und scheinbar nicht ausrottbaren Rassismus. In diesem Sinne hat zum Beispiel der Schriftsteller und Nobelpreisträger William Faulkner den Begriff verwendet. Heute, nach George Floyd und mit Black Lives Matter, braucht man über die Omnipräsenz nicht weiter zu diskutieren.

Aber davon, dass „die Weißen“ für immer „befleckt“ wären, kann natürlich keine Rede sein und ist’s meines Wissens nie gewesen – zumindest nicht im main stream der Debatte. Was der Herr Taylor hier vorführt, ist ein uralter Trick: Er formt das Ziel seiner Polemik so um, dass es leicht zu treffen und zu demontieren ist. Er stellt Pappkameraden auf, wie man beim Militär gesagt hat.

Der Rest des Artikels zählt auf, wo und wann die Sklaverei seit jeher und überall gang und gäbe war und wie sie anderswo womöglich noch grausamer ausfiel als in den USA. Er zeigt sozusagen mit dem Finger. Aber das hat mit der ursprünglichen These nichts zu tun. Ich kann dem Vorwurf der Korruption nicht dadurch begegnen, dass ich aufzähle, wo sie sonst noch praktiziert wird. Korruption bleibt Korruption, zumindest unseren eigenen Standards zufolge. Genau so verhält es sich mit Sklaverei und Rassismus.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und Verfassung wurden im Zeitalter der Aufklärung verfasst, sind von ihrem Geiste durchtränkt, wären ohne ihr Gedankengut überhaupt nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund war die Akzeptanz der Sklaverei eigentlich nicht zu entschuldigen, zumindest aber – wenn man pragmatisch denkt – höchst problematisch. Da spielt’s keine Rolle, wo es sie sonst noch gegeben haben mochte. Die führenden Amerikaner sahen sich selbst ja anders, höher stehend – eben aufgeklärt. Sie versagten in diesem Punkt vor ihren eigenen Ansprüchen.

Womit wir zur Frage kommen, wer so einen Artikel verfasst, an welchem Ort, und zu welchem Zwecke. Um’s kurz zu machen: laut Wikepedia propagiert Unz Review „antisemitism, Holocaust denial, conspiracy theories, and white supremacist material.“ Der Autor, Jared Taylor, ist als white supremacist und „wissenschaftlicher Rassist“ bekannt. So weit so schlecht, aber dennoch: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich frag’ mich bloß, warum mir mein Bekannter dauernd solchen Schmarrn schickt. Überprüft er seine eigenen Zitate, seine eigenen Quellen nicht? Wo er doch so stolz ist auf sein querköpfiges Denken?

Jared Taylor, „Wait, Slavery Is OUR ‘Original Sin’?”, Unz Review (July 26, 2021) <https://www.unz.com/ jtaylor/wait-slavery-is-our-original-sin> [accessed 1 August 2021].