Deserteure als Opfer

Der werte Leser, die werte Leserin werden’s vielleicht auch mitbekommen haben: Da fand an unserer Universität hier in Innsbruck ein Symposium über Wehrmachtsdeserteure statt. Die erfreuen sich seit einiger Zeit ja erhöhter Aufmerksamkeit von Historikern, Schriftstellern, Filmemachern und Journalisten. Man denke bloß an die Deserteure im Vomper Loch. „Die Rehabilitation von Deserteuren als Nazi-Opfer“. so heißt es in der einschlägigen Meldung bei ORF News, „wurde erst vor wenigen Jahren vollzogen.“

Alles schön und gut. Ich möchte klarstellen, dass ich gegen Wehrmachtsdeserteure im Zweiten Weltkrieg nicht das Geringste einzuwenden habe. Besonders im letzten Kriegsjahr, also von Mitte 1944 bis Kriegsende. In diesem Zeitraum fiel nämlich eine Million Wehrmachtssoldaten – völlig sinnlos, wie vielen Beteiligten und auch Unbeteiligten durchaus klar war. Als mein Vater Ende 1944 oder Anfang 1945 einen Marschbefehl nach Ostpreußen erhielt, also mitten hinein in den Malstrom gigantischer Kesselschlachten, da erwog er selbst zu desertieren. Über die nötigen Verbindungen hätte er verfügt. Wenn er’s letztlich doch nicht tat, so nur aus Rücksicht auf seine Familie und seine Verlobte.

Jedes Verständnis also für Deserteure, die ja ebenfalls ein hohes Risiko eingingen. SS-Patrouillen machten kurzen Prozess, wie wir wissen. Das traf allerdings auch viele Soldaten, die gar nicht desertiert waren, sich bloß zur falschen Zeit am falschen Ort befanden.

Und damit sind wir bei unserem eigentlichen Thema. Denn wie sich gezeigt hat, läuft der Trend in die Richtung, Deserteure als Opfer der Nazis zu betrachten, womöglich sogar als Widerstandskämpfer! In Wien gibt’s inzwischen sogar schon ein Denkmal für solche Deserteure – „Opfer der NS-Militärjustiz“.

Nun sei keineswegs geleugnet, dass es solche auch gegeben hat. Aber gilt es für Deserteure ganz allgemein? Bedenken wir bitte eines: „Opfer der Nazis“ waren alle Soldaten (oder doch die allermeisten), ganz besonders im letzten Kriegsjahr, und diese Soldaten hatten womöglich mehr durchzustehen als die Deserteure. Womit ich, wie ebenfalls schon gesagt, letztere nicht abwerten, erstere aber ebenso wenig hochstilisieren will. Das wäre eingedenk des Geschehens in diesen schrecklichen Monaten geradezu lächerlich. Alle Soldaten waren Opfer, selbst jene, die heil davonkamen. Dass dies im Namen des Nationalsozialismus erfolgte, auf Anordnung einer realitätsfremden Führung, das spielte für den einzelnen draußen im Schützengraben höchstens eine untergeordnete Rolle.

Wovor heute allerdings gewarnt werden muss, das ist eine Glorifizierung von Deserteuren. Bevor wir in diese Tonart verfallen, sollten wir doch eines bedenken: Nicht jede Armee dient verbrecherischen Zwecken. Da braucht man ja bloß an die US-Truppen ab Juni 1944 in Europa denken, oder an die Soldaten in der britischen Armee. Die sind glücklicherweise nicht desertiert, schon gar nicht in großen Massen. Hätten sie das getan, dann wären wir im später so genannten Westen schön dagestanden. Und die Deserteure im Vomper Loch auch.

Ähnliches gilt auch heute noch. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Nicht auszuschließen, dass wir in Europa noch einmal einer Armee bedürfen. Was, wenn es dann prinzipiell toll wäre zu desertieren?