Ohne Punkt und ohne Komma

Hugo Portisch, Aufregend war es immer

Als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war, da wirbelte die so genannte Habsburg-Affäre die österreichische Politik auf. Ansonsten bot sich selbige ja eher großkoalitionär-schläfrig dar. Nun wollte Otto Habsburg aber nach Österreich einreisen. Die geforderte Verzichtserklärung auf Thron und Besitzungen hatte er bereits abgegeben. Die ÖVP sah kein Problem mehr, die SPÖ hingegen schon. Der Streit eskalierte, es kam zu Demonstrationen – damals praktisch schon Alarmstufe Rot.

Meine Mutter stand eindeutig auf Seiten Habsburgs und der ÖVP. Sie deklarierte sich zwar nicht offen als Monarchistin, war’s im Grunde ihres Herzens dafür umso mehr. Und für die ÖVP trat sie sowieso ein. Das folgte konsequent aus ihrem Feindbild: „die Sozis“. Von denen gewann ich den Eindruck einer ungebildeten, leicht zu beeinflussenden Masse, die jeder eingängigen Parole folgen würde. Nur gut, dass diese Massen so weit weg waren: Linz, Kapfenberg, Wien. Nun, in der Habsburg-Affäre, warf meine Mutter der SPÖ schäbigen Parteiegoismus vor, sehr zum Schaden unseres Landes Österreich.

Hugo Portisch schildert in seiner Autobiographie Aufregend war es immer einen abweichenden Sachverhalt: Er war während jener Tage bei den Habsurgs in ihrem Domizil in Bayern eingeladen. Und da sprach der Hausherr von seinen Plänen: Er wollte das korrupte System der großen Koalition in Österreich mittels einer Volksbewegung ersetzen, die Verfassung ändern, sodass ein starker Mann das Land regieren würde. Man darf vermuten, dass er sich selbst in dieser Rolle sah. Auf Nachfragen von Hugo Portisch bekräftigte er seine Absichten ausdrücklich.

Mir erschien die Episode aus den oben angeführten Gründen bedeutend: Nachträglich stellte sich heraus, dass die Empörung der „Sozis“ durchaus berechtigt war, die SPÖ hatte recht gehabt, die ÖVP hingegen nicht – und meine Mutter ebenso wenig.

Und solche erstaunlichen Erkenntnisse erfährt der Leser bei der Lektüre des Buches von Hugo Portisch des öfteren – Ereignisse, die er oder sie zwar miterlebt hat, durchaus bewusst, die mittels der Hintergrundinformation nun aber ganz anders dastehen als damals. Wobei man Hugo Portisch eine Frage nicht ersparen kann: Warum hat er uns das nicht gesagt? Schließlich betrachtet er eben dies als seine Aufgabe, seinen Lebenszweck geradezu: Information. Aufklärung. Dieselbe Frage stellte sich mir, als ich eine andere Episode in seinem Buch las. Eingeladen beim Generalstab der Schweizer Armee wurden ihm die Offensivpläne des Warschauer Paktes gezeigt: die Vormarschrouten durch Österreich. Und das waren ziemlich viele. Neben den dicken roten Pfeilen entdeckte er gleichfarbige Kreise verschiedener Größe. Was das wohl sei? Vorgesehene Atombomben-Abwürfe, bekam er zur Antwort. Doch auch davon bekamen wir nichts zu hören oder zu lesen.

Trotzdem bietet sein Buch spannende, informative und insgesamt wohl auch vergnügliche Lektüre. Portisch zählt zu den großen Österreichern in der Zweiten Republik. Wir können froh sein, dass wir einen solchen Volkserzieher hatten. Und dementsprechend wäre er aus dieser Republik wohl nicht mehr wegzudenken, obwohl er keine Politik machte (außer beim Rundfunk-Volksbegehren), bloß darüber schrieb. Glücklicherweise tut er das nicht so, wie er im Fernsehen oder im Rundfunk seine Kommentare zu sprechen pflegte: Ohne Manuskript, stets mit seinem Enthusiasmus, der ansteckend wirkte, ob man’s wollte oder nicht. Als er selbiges im Bairischen Rundfunk vorführte, da gaben ihm die Hörer einen Spitznahmen: „Der ohne Punkt und ohne Komma.“

Empfehlenswert? – Ohne jeden Zweifel und ohne jede Einschränkung.

Hugo Portisch, Aufregend war es immer (Salzburg; Ecowin, 2020).