Gelesen / Just Read

Ich les’ ja dauernd, wenngleich nicht immer mit gleich bleibender Faszination. Und nicht jede Lektüre verdient eine ausführliche Besprechung. Deswegen sollen hier ein paar kurze Notizen zusammengefasst werden, eigentlich nur um der Vollständigkeit willen.

Ali Smith, Summer

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Ein weiterer Roman in der Jahreszeiten-Serie. Autumn wurde hier ja schon besprochen (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Summer bietet sich genau so dar: Es besteht eigentlich nur aus Dialog oder kurzem Monolog, fast ohne jeglichen Kommentar, seitenlang Stakkato, dabei von einer Gruppe von Charakteren zur anderen springend, ebenso von einer Zeitebene in die andere. Zunächst sorgt das für rasante Lektüre, aber mit der Zeit ermüdet der Leser – na ja, zumindest dieser Leser. Die Geschichte – sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann – interessiert nicht mehr, ebenso wenig die Charaktere (die man ohnehin dauernd verwechselt). Man darf annehmen, dass der Roman aufgrund seiner technischer Raffinesse literarisch hochwertig einzustufen ist. Soll sein. Wir wenden uns ergiebigeren Weidegründen zu.

Ali Smith, Summer (London: Hamish Hamilton / Penguin Random House, 2020).

Zu ihrem Roman Autumn:
Eine Frage der Wahrnehmung

Another novel in the Seasons series. Autumn has already been reviewed here (link at the end of the review). Summer presents itself in exactly the same way: It consists almost exclusively of dialogue or short monologue, mainly without any commentary, staccato pace for pages, jumping from one group of characters to another, likewise from one time level to another. At first this makes for fast-paced reading, but eventually the reader is getting tired – well, at least this reader is. The story – if there is any in the first place – is no longer of interest, nor are the characters (who we constantly confuse anyway). One may assume that the novel is of high literary quality due to its technical sophistication. Very well. We turn to more rewarding pastures.

Ali Smith, Summer (London: Hamish Hamilton / Penguin Random House, 2020).

About her novel Autumn:
Eine Frage der Wahrnehmung (with an English version)
Ian Bremmer, Us vs. Them

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 Ein weiterer Versuch, jene sozialen Umschichtungen zu verstehen, die Trump an die Macht gespült haben. In diesem Fall wird der Versuch begleitet von ausgiebigem Zahlenmaterial. Bremmer konstatiert vor allem Trennendes: Grenzen, Mauern. Als Ursachen diagnostiziert er den akuten oder doch drohenden Verlust von Arbeitsplätzen, einerseits aufgrund der Globalisierung, andererseits der Automatisierung. Schön. Aber was soll getan werden? Darauf weiß er auch keine überzeugende Antwort. Ganz abgesehen von dem Rätsel, wie so viele Menschen bei aller berechtigten Unzufriedenheit Donald Trump ein zweites Mal wählen konnten. Und womöglich ein drittes Mal wählen werden.

Bremmer, Ian, Us vs. Them: The Failure of Globalism (New York: Portfolio/Penguin, 2018).

Another attempt to understand the social shifts that swept Trump to power. In this case, the attempt is accompanied by extensive data. Bremmer emphasizes the divisions in our societies and he forecasts even more borders and walls. The causes are, according to his diagnosis. the acute or imminent loss of jobs, on the one hand due to globalisation, on the other to automation. Fine. But what should be done? Unfortunately, he doesn’t seem to have a convincing answer to that either. Not to mention the mystery of how so many people, despite all their justified dissatisfaction, could vote for Donald Trump a second time. And possibly will do so a third time.

Bremmer, Ian, Us vs. Them: The Failure of Globalism (New York: Portfolio/Penguin, 2018).
Martin Pollack, Galizien

Für jemanden wie mich ist das alte Galizien so was wie ein mythisches Land – die Heimat von Joseph Roth, Manés Sperber, Paul Celan, Rose Ausländer. Wen hab’ ich vergessen?

In diese versunkene Welt will uns Martin Pollack entführen. Zu recht spielen nicht bloß Schriftsteller eine Rolle; die Mehrheit der Bevölkerung, gleichgültig ob polnisch, ruthenisch (= ukrainisch), rumänisch, deutsch oder jüdisch war elendiglich arm. Dies trug auch zum Ruf des Landes in der Donaumonarchie bei: das Königreich Galizien und Lodomerien sowie das Herzogtum Bukowina. Hauptstadt letzterer war das berühmte Czernowitz, unter anderem Sitz einer angesehenen Universität.

Von alledem ist nichts geblieben. Grenzen wurden hin und her verschoben, schlimmer noch: mit ihnen auch Bevölkerungsgruppen. Die Juden wurden praktisch ausgerottet: von den Nazis, gewiss, doch unter tatkräftiger Mithilfe der Bevölkerung; das schreckliche Pogrom von Lemberg 1941 ist unrühmlich in die Geschichte eingegangen. Galizien zählt zu jener Region, welche der amerikanische Historiker Tymothy Snyder als Bloodlands beschrieben hat.

Davon ist bei Martin Pollack natürlich keine Rede. Wir bewegen uns in früheren Zeiten, obwohl es nie ganz klar ist, was der Autor in der Gegenwart selbst gesehen hat und was er aus der Vergangenheit berichtet. Wie bei einem Reiseführer nehmen die Beschreibungen von Bahnfahrten großen Raum ein – ohne Kartenskizzen jedoch praktisch unverständlich. Man müsste während der Lektüre dauernd einen großen Atlas auf den Knien balancieren, um mitzukommen. Warum Verlage heutzutage, in Zeiten des Desktop Publishing, nicht imstande sind, Kartenskizzen beizusteuern, ist und bleibt mir ein Rätsel. Kann es sein, dass unsere Verlagsstandards derart heruntergekommen sind?

Wie auch immer: Ein interessantes Buch für jemanden wie mich, der schon immer mehr über das legendäre Galizien wissen wollte; aber nicht das endgültige, das wirklich erhellende Buch. Auf das werden wir wohl noch warten müssen.

Martin Pollack, Galizien: Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina (Berlin: Insel Verlag, 2019).