Alan Sokal, Beyond the Hoax

[for an English version see below]

Was ein hoax ist, das weiß ich ziemlich genau, allerdings nur auf Englisch; im Deutschen gibt’s kein entsprechendes Wort, nur Annäherungen, die mehr oder weniger gut passen. Der Autor, Alan Sokal, verwendet selbst mehrfach den Ausdruck parody, und mir scheint, das kommt dem Sachverhalt tatsächlich am nächsten. Wir wollen uns daher dieses Wortes bedienen.

Sokals Parodie wirbelte im Jahre 1996 einigen Staub auf. Zumindest bekam ich das als Konsument englischer Medien so mit. Der Physiker hatte nämlich Phrasen, Klischees, hochgestochene Formulierungen von Vertretern soziologischer Schulen – Postrukturalismus, Postmodernismus, Feminismus und so weiter – zusammengetragen und zu einem Aufsatz zusammengebaut, der wie eine wissenschaftliche Arbeit aussah, der jedoch nichts weiter war als eben dies: eine Parodie. Sokal reichte seine Arbeit beim Journal Social Text ein, und siehe da: Sie wurde angenommen und gedruckt. Er sah sich in der Folge genötigt, den Scherz selbst zu entlarven.

Besonders in England war die Schadenfreude groß. (Das Wort schadenfreude ist bekanntlich in die englische Sprache eingegangen, sicher kein Zufall.) Da wurden diese kontinentalen Soziologen mit ihrem hochtrabenden Jargon endlich einmal vorgeführt! Ich möchte gestehen, dass ich diese Schadenfreude teilte. Ich musste mich nämlich selbst mit solchen Leuten in meinem Bekanntenkreis herumschlagen.

Das vorliegende Buch nimmt diesen hoax wieder auf. Der berühmte Aufsatz steht am Anfang, nun aber ausführlich kommentiert und erklärt. Um ehrlich zu sein: Selbst diese Erklärungen sind mir noch zu kompliziert, vom ursprünglichen Text ganz zu schweigen: selbst jetzt, mit all den Erläuterungen, ist es mir unmöglich, die Parodie zu verstehen, geschweige denn zu goutieren. Und das gilt gleichermaßen für den Rest des Buches. Ich kann’s wohl lesen, aber verstehen?

Der Leser, die Leserin verdienen es trotzdem, dass ich zu erklären versuche, worum’s geht. Es handelt sich, ganz kurz und laienhaft gesagt, um den uralten Streit, ob wir mit unseren Sinnen die physische Realität um uns wahrnehmen und sinnvolle, objektive Aussagen darüber tätigen können – oder ob das alles nur eine Projektion, eine Konstruktion unseres Hirns, unseres Denkens ist. In diesem Falle wäre es unmöglich, objektive Aussagen zu treffen. Es ist alles in unserem Kopf. Und genau das ist der Kern des Streites: Für unsere -isten gibt’s logischerweise keine objektive Wahrheit, weder in der Naturauffassung, geschweige denn in kulturellen oder gesellschaftlichen Belangen. Alle Modelle sind gleichberechtigt, „Narrative“ wie’s heute heißt (wiederum unnötig hochgestochen, „Erzählung“ würde genügen).

Der Streit geht bis auf Platon zurück, wenn nicht weiter. Davon lebt die philosophische Disziplin der Epistemologie. Entschieden wurde er nie. Und meiner bescheidenen Ansicht nach wäre das schlicht unmöglich: Denn um zu beurteilen, wie unser Erkenntnisapparat und unser Denkapparat funktionieren, stehen uns ausschließlich diese zur Verfügung. Das heißt, wir entkommen niemals deren Eigenheiten und deren Beschränkungen.

„Du kannst dich noch so genau im Spiegel mustern, von oben bis unten, von links nach rechts, es wird doch immer Partien geben, die du nicht sehen kannst“, hat mir einmal jemand gesagt. Und genau in derselben Lage befinden wir uns in punkto Erkenntnistheorie. Im Falle der Spiegelbetrachtung wird das Problem gelöst, indem jemand anderer die Inspektion vornimmt. Der oder die sieht alle Stellen. Aber im Falle der Epistemologie gibt’s keine Anderen – denn das dürften dann ja keine menschliche Wesen sein. Also sind wir in unseren Beschränkungen gefangen, eingekerkert könnte man sagen.

Genau!, hör’ ich die Vertreter von Poststrukturalismus, Postmodernismus und aller sonstigen Post-Ismen triumphieren. Aber so hab ich’s nicht gemeint. Keinem von diesen Vertretern ist es jemals gelungen, mich zu überzeugen, so scharfsinnig ihre Argumente auch sein mochten. Ich war und blieb naiver Realist, bis heute. Insofern stimme ich Alan Sokal zu (obwohl er gewiss nicht naiv ist), immer vorausgesetzt ich kann ihn gerade verstehen. Das gilt am ehesten für jene Gebiete, auf denen ich mich ein bisschen auskenne: Religion, Kultur. Aber wie schon gesagt, entschieden ist die Auseinandersetzung damit nicht, weit davon entfernt.

Eine Einschränkung gibt’s allerdings schon: Wenn diese Ismen in der politischen Praxis anfangen, Unheil zu stiften. So wie zum Beispiel jetzt in Sachen Corona, Pandemie und Impfen. Unsere Sichtweise mag eine Konstruktion sein, okay, doch fragt sich, wie man ein Intensivbett mit einem um sein Leben ringenden Patienten konstruieren könnte. Oder besser noch: dekonstruieren? Unserer Sichtweise zufolge schaden Masken- und Impfgegner sehr vielen Menschen – und das ist auf jeden Fall unzulässig. Sag’ ich. Alan Sokal vermutlich auch. Viele andere hingegen nicht, wie wir wissen.

Empfehlenswert? – Ich zögere. Für Durchschnittsleser wie mich eine sehr, sehr schwere Lektüre, nur in kleinen Dosen genießbar, oder aber fragmentarisch, und das trotz aller Bemühungen des Autors, einfach und klar zu schreiben.

Alan Sokal, Beyond the Hoax: Science, Philosophy and Culture (Oxford: Oxford University Press, 2008).
Alan Sokal, Beyond the Hoax

I know quite well what a hoax is, although it’s not all that easy to explain. The author, Alan Sokal himself, uses the term parody several times, and it seems to me that this comes fairly close.

Sokal’s parody kicked up some dust in 1996. At least that’s what I noticed following English media. The physicist had collected phrases, clichés, highfalutin formulations from representatives of sociological schools – poststructuralism, postmodernism, feminism and so on – and assembled them into an essay that looked like a scientific paper but was nothing more than just that: a parody. Sokal submitted his paper to the journal Social Text, and lo and behold, it was accepted and printed. He subsequently felt compelled to debunk the hoax himself.

There was much schadenfreude, especially in England. (schadenfreude has famously entered the English language, surely not by accident). Those continental sociologists with their pompous jargon were finally shown up! I want to confess that I shared this schadenfreude. I had to deal with such people myself among friends and acquaintances.

This book takes up the hoax again. The original essay stands at the beginning, but now commented on and explained in detail. To be honest, even these explanations are too complicated for me. Not to mention the original text: even now, with all the explanations, it is impossible for me to understand the parody, let alone appreciate it. And that applies equally to the rest of the book. I can read it, but do I understand it?

The reader deserves at least an attempt at an explanation of what it’s all about. It is, very briefly and naively, about the age-old dispute as to whether we can perceive the physical reality around us with our senses and make meaningful, objective statements about it – or whether it is all just a projection, a ‘construction’ in our brain, our thinking. In that case, it would be impossible to make objective statements. It’s all in our heads. And that is precisely the core of the dispute: For our -ists, there’s logically no objective truth, neither in the conception of nature, let alone in cultural or social matters. All models are equally valid, ‘narratives’ as they are called today.

The dispute goes back as far as Plato, if not further. It has never been settled. And in my humble opinion, that would simply be impossible: because in order to find out how our cognitive system and our reason function, only these very tools are available to us. That means we can never hope to escape their characteristics and their limitations.

Someone once said to me, „No matter how closely you look at yourself in the mirror, from top to bottom, from left to right, there will always be parts you can’t see.” We find ourselves in exactly the same situation when it comes to epistemology. In the case of looking at mirrors, the problem is solved by having someone else do the inspection. He or she sees all the spots. But in the case of epistemology, there are no others – because they couldn’t be human beings. We are trapped in our limitations; imprisoned, you might say.

Exactly!, I hear the representatives of post-structuralism, post-modernism and all other post-isms triumph. But that’s not what I mean. None of these representatives has ever succeeded in convincing me, however astute their arguments may be. I’ve always been a naïve realist, even today. In this respect, I agree with Alan Sokal, always provided I’m able to understand the relevant passages. This is especially true in those fields where I know a little bit: religion, culture. But as I said before, the debate is not decisive, far from it.

There is, however, one exception: when these -isms start to cause mischief in our daily lives. As, for example, they do at present with Corona, pandemic and vaccination. Our majority view may be a construction, okay, but how could you ‘construct’ an intensive care unit with a patient fighting for his life? Or better still, how could you ‘deconstruct’ it? According to our view, opponents of wearing masks and getting vaccinated are harming a lot of people – and that is inadmissible no matter what you yourself may believe. At least that’s what I say. Alan Sokal probably does too. Many others, however, do not, as we know.

Recommended? – Well, I hesitate. For an average reader like myself the book makes incredibly difficult reading, to be consumed only in small doses or else fragmentarily, notwithstanding the author’s efforts to write simply and clearly.

Alan Sokal, Beyond the Hoax: Science, Philosophy and Culture (Oxford: Oxford University Press, 2008).