Sich zu zieren wär’ viel schlauer

Es muss wohl mehr als zehn Jahre her sein: Ich unterrichtete in „meiner“ fünften Klasse an der HTL; das „mein“ drückt hier natürlich keinen Besitzstand aus, vielmehr handelte es sich um Burschen, mit denen ich gut auskam und zu denen im Laufe der Jahre eine freundliche Beziehung entstanden war.

Wie auch immer – während der Stunde kamen plötzlich zwei der Klassenmitglieder in den Lehrsaal.

„Öha“, sagte ich, „wo kommt’s denn ihr her?“
„Wir waren beim Fachlehrer P–“
„Und wieso?“
„Wir planen ein Denkmal.“
„Ihr plants was?“
„Ein Denkmal. Für den Schlierenzauer.“

Der war ein Kind unserer Gemeinde und hatte in dieser Saison einen Titel errungen. Vielleicht sogar mehrere, keine Ahnung. Weltmeister und so.

Dass unsere Schule damit beauftragt wurde, lag auf der Hand. Nicht nur verfügte sie über eine richtige Schmiede, sondern in Person eben dieses Fachlehrers auch über künstlerische und kunsthandwerkliche Kompetenz.

Schön. Doch dürfte ein solches Maß an alpenländischer Muskel- und Schiverehrung wohl eines meiner donau-österreichischen Gene gereizt haben, vielleicht das Kaffeehaus-Gen oder – eng damit verbunden – das Wortspiel-Gen. Oder beide. Jedenfalls sprudelte es aus mir heraus, ohne dass ich mich besinnen konnte:

Sich zu zieren wär’ viel schlauer
als zu bau’n fürn Schlierenzauer!

Literarische Korrespondenz: Susanne Preglau an H.W. Valerian. Betrifft: Schlierenzauer! – schoepfblog

Beitrags-Autor:Susanne Preglau
schoepfblog.at 29. September 2021

Sehr geehrter Herr Valerian,

„es muss wohl mehr als 10 Jahre her sein“, wovon Sie in Ihren Notizen im schoepfblog erzählen.
Also ca. im Jahr 2011 oder früher.
Als Sie in der HTL in Fulpmes – denn das ist der Wohnort des „Kinds unserer Gemeinde“ Gregor Schlierenzauer – unterrichtet haben.

Erlauben Sie mir eine Zwischenbemerkung:
Sie berichten von den Burschen, mit denen eine freundliche Beziehung entstanden war. Gab es vor ca. 10 Jahren noch kein einziges Mädchen, das sich damals für eine technische höhere Ausbildung interessiert hat? Hat sich niemand an Ihrer Schule dafür eingesetzt, das zu ändern? Wie ist die Situation an dieser Schule heute?

Ich hoffe doch sehr, dass sich da etwas geändert hat.

Die Burschen hatten also ein Denkmal geplant. Mit Stolz auf das „Kind der Gemeinde“. Und das sehr zu Recht.

Sie schreiben: „Er hatte in dieser Saison einen Titel errungen. Vielleicht sogar mehrere, keine Ahnung (sic!), Weltmeister oder so ähnlich.“

Ich habe in Wikipedia recherchiert:
Gregor Schlierenzauer, geb. 1990, Wohnort Fulpmes hat im Laufe seiner Karriere große Erfolge als Schispringer erzielt:

4 Olympia Medaillen (davon 1x Gold 2010-2014)
12 WM Medaillen (davon 6x Gold 2007-2017)
5 Skiflug WM Medaillen (davon 4x Gold 2008-2012)
53 Weltcupsiege (Rekord an Weltcupsiegen im Einzelspringen)
2x Weltcup Gesamtsieger (zwischen 2008 und 2013)
3x Skiflug Weltcup Gesamtsieger (zwischen 2008 und 2013)
2x Vierschanzen Tourneesieger (in den Jahren 2011-2013)

2007 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

In den letzten Jahren hat er, nach mehreren schweren Verletzungen, keine Erfolge mehr gehabt und ist am 21. September 2021 zurückgetreten und hat seine Karriere beendet. Traurig genug! Und Sie schreiben ausgerechnet 2 Tage später am 23.9. Ihre „Notizen“, in denen Sie dem dereinst Erfolgreichen und jetzt Glücklosen nachtreten.

Ich hoffe sehr, dass durch die Zusammenarbeit Ihrer Schüler mit dem „Fachlehrer P“ damals etwas „Künstlerisches“ entstanden ist, das dem „Kind der Gemeinde“ zur Ehre gereichen kann.

https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-susanne-preglau-an-h-w-valerian-betrifft-schlierenzauer/
[heruntergeladen 29. September 2021]
Von Schülerinnen und Denkmälern

Zu Susanne Preglaus literarischer Korrespondenz an H. W. Valerian. Betrifft: Schlierenzauer

Keine Sorge, ich hab’ nicht die Absicht, eine literarische Auseinandersetzung ad infinitum fortzuführen. Bei Susanne Preglau möchte ich mich in erster Linie bedanken, dass sie es der Mühe wert gefunden hat, zu meinem Beitrag Stellung zu nehmen. Jede Reaktion freut einen Kommentator, selbst kritische – wenigstens zeigt sich, dass man gelesen wird, dass man also noch lebt, intellektuell gesprochen.

Allerdings richtet Susanne Preglau auch ein paar Fragen an mich, und da gebietet mir die Höflichkeit zu antworten, und sei’s nur ganz kurz. Also, zur Sache: Zunächst wird mein fehlendes Gendern bekrittelt. Ob’s nicht auch Mädchen an unserer Schule gegeben habe?

Es hat, es hat. Allerdings nur vereinzelt: so weit ich mich erinnern kann, niemals mehr als zwei oder drei gleichzeitig. Die Ironie dabei: jene Mädchen, die sich an unsere HTL wagten, die erwiesen sich in den allermeisten Fällen als top of the class – nicht nur schulisch, sondern ebenso im Sinne ihrer Autorität gegenüber den Mitschülern. Mit diesen Mädchen zu arbeiten war angenehmer als mit den Burschen. Das Stereotyp, wonach Metallbearbeitung nichts sei für Mädchen, das erwies sich immer und immer wieder als falsch. Dementsprechend bemühten wir uns, mehr Mädchen für unsere Schule zu gewinnen, aber leider – vergebens. Da wirkte das Stereotyp einfach zu stark.

Aber wie dem auch sei: In der Klasse, von welcher ich geschrieben habe, befand sich jedenfalls kein Mädchen. Rein männlich. Die feministischen Jagdhunde dürfen wieder an die Leine genommen werden.

Des weiteren führt Susanne Preglau all die Medaillen und Titel an, die Gregor Schlierenzauer errungen habe. Schön. Der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass mir das damals ebenso wurscht war wie heute. Sportliche Leistungen verdienen meiner Ansicht nach prinzipiell keine Denkmäler, niemals, und Sportler dementsprechend auch nicht. Denkmäler gebühren jenen, die was Nützliches beigetragen haben zur Entwicklung der Menschheit, oder zu ihrem Wohlbefinden. Und ja, Sie haben vollkommen recht: Feldherrn gehören da auch nicht dazu.

Noch ein paar kleine Anmerkungen seien mir gestattet: Damals, als die Schüler in den Lehrsaal kamen und mir von den Denkmal-Plänen erzählten, da fiel mir Andi Goldberger ein. Der war ja auch in den Himmel hinauf gelobt worden, doch leider erwies sich sein Verhalten in der Folge keineswegs als sonderlich bewunderns- oder nachahmenswert. Gregor Schlierenzauer war noch sehr jung – knapp zwanzig, wenn ich das recht im Kopf habe. Der hatte seine Karriere noch vor sich. Wie würde sie verlaufen? Und dann sein Leben, ein langes, langes Leben (wollen wir hoffen): Was würde, was könnte da noch alles passieren? Würde er stets seinem Ruf gerecht werden, seiner denkmalischen Vorbildwirkung? Waren da Enttäuschungen nicht gleichsam eingebaut?

Denkmäler, so würde ich glauben, Denkmäler baut man normalerweise nachher, nicht vorher!