Noch einmal davon gekommen

Wie ich sehe, bedauern sowohl Manfred A. Schmidt im schoepfblog als auch dessen Herausgeber und unser aller Chefredakteur Alois Schöpf, dass seinerzeit (1951) der Plan nicht aufging, Hugo von Hoffmansthals Jedermann durch einen Totentanz von Bertolt Brecht zu ersetzen. Meine spontane Reaktion: Glück gehabt! Da sind die Salzburger noch einmal davon gekommen.

Denn aus heutiger Sicht erscheinen Brecht’sche Stücke doch ziemlich klapprig. Das liegt daran, dass sie immer von oben – vom Intellekt her – geschrieben wurden. Seinerzeit mochte so was vielleicht interessant gewesen sein – vielleicht! –, heute ist es das nicht mehr. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hab’ vor ein paar Jahren eine Aufführung des Arturo Ui gesehen, im Duchess Theatre in London. In dieser Umgebung, nämlich den meisterhaft inszenierten und gespielten Stücken des West End, wirkte diese missglückte Parabel umso peinlicher. Was allerdings bloß ein Urteil bestätigte, welches ich mir viel früher schon gebildet hatte, anlässlich einer Inszenierung der Beggar’s Opera von John Gay im Barbican, ebenfalls in London. Die widerlegte quasi am lebenden Modell die ganze Theatertheorie unseres Heiligen Bert Brecht, der das Stück angeblich verbessert und quasi in die Gegenwart geholt habe. Inklusive Verfremdungseffekt: Der kommt bei Gay nämlich in einer so reinen, klaren und doch eleganten Weise vor, dass ich mich unwillkürlich fragen musste, ob Brecht die Idee nicht vielleicht von ihm bezog, chinesisches Geschwurbel hin oder her.

Die Zeit hat es nicht gut gemeint mit Brechts Stücken. Schaun Sie sich doch heute die x-te Produktion der Mutter Courage an! Das Problem bei Brecht ist, dass seine Stücke eine Theorie illustrieren, die von vorneherein feststeht. Man nehme etwa Der gute Mensch von Sezuan: sein bestes Stück, wie ich glaube, eben weil es nicht durch und durch dogmatisch daher kommt. Trotzdem gibt’s da die Figur des Fliegers Yang Sun, der die Heldin Shen Te nur deshalb heiratet, weil er ihr Geld haben will. Das entspricht voll und ganz der marxistischen Theorie: Im Kapitalismus ist Liebe unmöglich, es gibt bloß Prostitution. Aha, sagen Brecht-Jünger: Da sieht man’s! Im Kapitalismus… Dabei handelt es sich um einen geradezu klassischen Fall einer petitio principii: Das, was bewiesen werden soll, wird bereits als bewiesen vorausgesetzt.

Zurück nach Salzburg: Die Festspiele sind also noch einmal davon gekommen. Ein nicht unwesentlicher Verdienst kommt dabei Friedrich Torberg – zusammen mit Hans Weigel – zu. Dafür müssen sie sich heute posthum eine Menge Schelte gefallen lassen. Wenn ich sage, dass ich konträrer Meinung bin, dann stelle ich mich natürlich außerhalb jedes intellektuellen und kulturellen Konsensus. Darüber ausführlich zu diskutieren, dürfte hier aber nicht genug Platz sein. Wie wir wissen, hat Torberg von solch theoretischen Auseinandersetzungen ohnehin nicht viel gehalten. Er war immer fürs Konkrete: das Argument, die Wahrheit in Form der Anekdote. So auch hier (ich zitiere teilweise wörtlich):

Im Zuge seiner Emigration kam Brecht zunächst nach Wien, berichtet Torberg im ersten Band seiner Tante Jolesch. Und wie’s so der Brauch war, zog er mit heimischen Schriftstellern des Nachts durch die Kaffeehäuser. Die letzte Station fand sich im Café de’l Europe, weil es am längsten geöffnet hatte. Aus diesem Grunde mischten sich dort auch Angehörige des Nachtgeschäftes unter die Intellektuellen. Eines Nachts erwarb Brecht zu vorgerückter Stunde die Nachtausgabe einer Zeitung; sie berichtete von neuen Verhaftungen in Deutschland und nannte zahlreiche bekannte Namen. Dies veranlasste ihn zu der zornigen Bemerkung:

„Heutzutage ist es beinahe eine Schande nicht verhaftet zu sein!“

„Also“, meinte der neben ihm sitzende Strizzi verwundert, „das kann man sich richten.“