Vergangenheit

Ist Ihnen, werter Leser, werte Leserin, ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie sehr sich die Bedeutung des Wortes Vergangenheit in unserem öffentlichen Diskurs verengt hat? Wenn jemand von der Vergangenheit spricht, dann denken wir sofort an die Zeit von 1938 bis 1945. Das ist die Vergangenheit, die nicht weiter verdrängt werden dürfe, heißt’s dann, die wir aufarbeiten müssten, die zu bewältigen wäre.

Ohne diesen Forderungen entgegen zu treten, möchte ich doch anmerken: Eine derartige Fixierung, eine derartige Verengung kann à la longue dem Anliegen nicht dienen. Unsere Geschichte geht weiter zurück als bloß bis zum Jahre 1938, vor allem aber sind seit 1945 mehr als 75 Jahre vergangen – mehr als drei Viertel eines Jahrhunderts! Die müssen doch sicherlich auch zu unserer Vergangenheit zählen? Und wenn uns das moralische Versagen jener sieben Jahre vorgehalten wird, so müssten doch auch unsere Leistungen, unsere Verdienste aus der langen Zeit danach berücksichtigt werden?

Wohlgemerkt: Ich möchte nicht zu jenen gezählt werden, für die’s irgendwann einmal genug sein müsse, die also, kurz gesagt, die Zeit von 1938 bis 1945 vergessen und begraben wollen. Ich halte das für eine vergebliche Hoffnung. Wenn man sich unsere, die österreichische Kultur als Rucksack vorstellt, den wir mit uns herumtragen, ganz gleichgültig, ob uns das passt oder nicht – wenn man sich unsere Kultur also so vorstellt, dann gleicht die Nazi-Periode einem oder vielleicht mehreren Steinen, die da mit verpackt sind. Wir schleppen sie mit, können gar nicht anders, leugnen hilft nichts. Da sind sie, im Rucksack. Aber sie sind nicht der einzige Inhalt. Da gibt’s noch mehr, viel mehr.

Doch ist dieser verengte Blick – ausnahmsweise wäre Fokussierung tatsächlich das passende Wort – doch ist diese Fokussierung nicht das einzig Seltsame in Verbindung mit unserer Vergangenheit. Genau so auffällig ist wohl die Erstarrung der Sichtweise, die Ossifizierung. Eine bestimmte Interpretation hat sich durchgesetzt, hat sich praktisch zum Dogma entwickelt, zu dem, was man einfach zu sagen hat. Bewusst wurde mir das, als ich das Nachwort zum maßgeblichen Werk Postwar des hoch gelobten britischen Historikers Tony Judt las. Dort findet sich nämlich folgender Absatz (die Übersetzung stammt von mir):

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Bemerkenswert ist diese Passage deshalb, weil sie meiner Zählung nach gleich drei schwere Fehler enthält.

Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässigen Verallgemeinerung.

Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Denn was kann Land hier anderes bedeuten als: Staat? Und Österreich als Staat kann schwerlich Hitlers „Komplize“ gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war es nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land. Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.

Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Zum einen hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; selbst das Regime in Nordkorea, selbst Saddam Husseins Regime im Irak, selbst der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann hätten sich diese Regimes niemals durchsetzen können. Und was zum anderen den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Man fragt sich, wie ein renommierter Historiker mit durchaus enzyklopädischem Wissen so was schreiben konnte. Möglicherweise hat er bloß das wiedergegeben, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern erzählt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–13. – Tony Judt ist 2010 verstorben.