Lebensgeschichten

Letzte Zeugen erinnern, hg. von Heinrich Gritsch

Ein eigenartiges Buch: Da macht sich jemand aus dem Tiroler Oberland auf und spricht mit älteren Menschen über ihr Leben, ihre Erlebnisse. Und daraus macht er ein Buch, welches im Eigenverlag erscheint. Ist’s die Mühe wert? Ich meine nicht nur die Mühe des Machens, sondern auch des Lesens?

Zugegeben, wir erfahren nichts drastisch Neues, nichts Sensationelles. Aber genau das ist doch der Wert so eines Buches: Die durchschnittlichen, die „normalen“ Menschen kommen zu Wort. Denn so unspektakulär ihr Leben verlaufen mag, so steckt doch jede Menge Sorge, Leid, Trauer drin. Und natürlich Arbeit. Das sollte man niemals vergessen, besonders wenn man die Welt aus der erhabenen Sichtweise der Literatur oder der Geschichtsschreibung betrachtet.

Natürlich ergibt sich aus dieser Normalität eine gewisse Monotonie. Die Lebensgeschichten ähneln einander. Das resultiert unter anderem auch aus den Zeitläuften, wie’s manchmal heißt. Die Nazi-Zeit, der Krieg. Die Erzähler räumen durchaus ein, von den Nazis angetan gewesen zu sein. Mehr gesteht aber niemand ein, und selbst das eher verschämt. Richtige Nazis waren immer die anderen. Nicht, dass selbiges hier als Vorwurf erhoben werden soll. Aus damaliger Sicht, aus der Sicht dieser Menschen war die Anziehungskraft der Nazis nicht nur verständlich, sondern beinahe schon zwingend. Das vergisst man heute allzu leicht. Was danach geschah, wohin das führte, das konnten die Menschen damals nicht wissen.

So ist dem Herausgeber zu seiner Idee und seiner Beharrlichkeit nur zu gratulieren. Eigenverlag hin oder her, das Buch ist professionell gestaltet; auch das verdient Anerkennung.

Empfehlenswert? – Ja, eindeutig. Die Mühe lohnt sich, ist im Übrigen nicht übermäßig groß.

Letzte Zeugen erinnern, hrsg. von Heinrich Gritsch (Silz: Eigenverlag, 2. Aufl. 2018).