Die Amis kommen

Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung

Tirol wurde bekanntlich von den Amerikanern befreit. Ab 28. April 1945 marschierten mehrere Divisionen der US Army von Norden her über Kufstein, Scharnitz und Reutte in Tirol ein. Am 4. Mai trafen sich Vorausabteilungen der 103. Infanteriedivision bei Sterzing mit Kräften der US Fifth Army, die von Italien herauf kamen. Der Krieg war vorbei. Die Amerikaner blieben noch bis Anfang Juli in Tirol, dann wurden sie von den Franzosen als Besatzungsmacht abgelöst.

Sowohl während der Kriegshandlungen als auch während der kurzen Besatzungszeit wurde fotografiert, von professionellen Armeefotografen ebenso wie von den GIs, den Soldaten. Und solche Bilder samt begleitenden Briefen bilden im Wesentlichen den Inhalt des vorliegenden Bandes. Wie’s scheint, fühlten sich die Amerikaner durchaus wohl bei uns, sie kamen sich vor wie auf Urlaub. Sorge bereiteten ihnen bloß ihre Punkte: Denn wie viele einer gesammelt hatte, darauf kam’s an, ob er aufs Abrüsten hoffen durfte, oder ob er eine Verlegung in den Pazifik fürchten musste, wo sich die Amerikaner auf die Invasion Japans vorbereiteten.

Ob man sehr viel Neues erfährt. wird davon abhängen, wie viel man schon weiß. Zu meiner Freude fand ich jene Episode erwähnt, welche mir einst mein Vater erzählt hatte: Zusammengekratzte deutsche Truppen hatten am Fernpass eine notdürftige Verteidigungsstellung bezogen. Als die US Armee zum Angriff ansetzte, tauchten ein paar Gebirgsjäger auf – Österreicher, wie sie betonten – und führten eine amerikanische Kampfgruppe auf Schleichwegen in den Rücken der Verteidiger. Das rettete zwar unzählige Menschenleben, stellte aber trotzdem Hochverrat dar – die Österreicher verschwanden wieder auf mysteriöse Weise, ihre Namen blieben lange Zeit unbekannt. Mein Vater wusste davon, weil er einen der Beteiligten persönlich kannte. Ein Held, wenn’s je einen gab.*

Man möge mir nachsehen, wenn mich Erinnerungen davontragen – keine persönlichen, sondern an das, was meine Eltern erzählt haben. Mit dem Buch hat das nichts mehr zu tun. Mein Vater hatte sich schwer verwundet von Ravensbrück bis nach Hause durchgeschlagen, wo sich seine Verlobte, meine Mutter, gegenüber deutschen Militärärzten durchsetzte und seine Entlassung in häusliche Pflege erwirkte. Sie brachte ihn in die Leutasch, wo er bei einer befreundeten Familie auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Von dort war sie in den ersten Maitagen 1945 unterwegs nach Hause, nach Innsbruck – zu Fuß, da keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. Hinter ihrem Rücken rumorte es im Norden, sie nahm an, da zöge ein Gewitter auf. In Wirklichkeit handelte es sich um amerikanische Artillerie.

In Reith bei Seefeld standen ihrer Erzählung zufolge die Bewohner mit verweinten Augen vor ihren Häusern. Soeben war eine Kolonne von KZ-Häftlingen durchgetrieben worden. Am Zirlerberg beobachtete sie die Limousinen deutscher Generäle, die auf der Flucht die Straße hinunter rasten. Die Adjutanten saßen auf den Kotflügeln. Etliche Fahrzeuge schafften die steile Abfahrt nicht und landeten im Wald. In Zirl wartete glücklicherweise einer der raren Busse nach Innsbruck. Er fuhr mit Holzgas.

Als die Amerikaner in Innsbruck einmarschiert waren und der Krieg vorbei war, da machten sie Quartier. Und wie es sich traf, beschlagnahmten sie die Wohnung, in der meine Mutter und meine Großmutter wohnten. Über diese eher schmerzliche Episode unserer Familiengeschichte habe ich in meinem Buch Affidavit geschrieben, ich möchte mich nicht wiederholen. Und ich verkneife mir auch weitere Erinnerungen, die mich bestürmen.

Zurück zu unserem Buch: Nicht viel Neues also für meinesgleichen. Das soll beileibe keine Kritik sein! Was mir in Erinnerung bleibt, das sind die Bilder von Fähnchen schwenkenden Kindern, von jubelnden Frauen und Männern am Straßenrand. Entlang des Markt- und des Burggrabens. Sie bejubeln einmarschierende Truppen. Amerikanische, dieses Mal. Sieben Jahre zuvor – –

Was sagt man bloß zu solchen Menschen? Volk begnadet für das Schnöde?

Wenn etwas stört an diesem Band, dann sind es manche Kommentare der Herausgeber. Diesen akademischen Jargon, der mehr verhüllt als erhellt, den hätte man sich gut und gerne sparen können. Dafür hätten militärische Fachausdrücke und Abkürzungen erklärt werden müssen, besonders jene der US Armee. Ein Pfc ist ein Private first class, also ein Gefreiter. T/3, T/4, T/5 sind Dienstgrade für Spezialisten, also auch für Photographen. Und I&R steht für Intelligence and Reconnaissance. Der I&R Platoon ist der Aufklärungszug.

Empfehlenswert? – Keine Frage, ein interessanter Bildband zum Schmökern.

* Inzwischen ist sein Name kein Geheimnis mehr, er wurde 1977 sogar von der Republik Österreich ausgezeichnet – völlig zu Recht, wie ich glaube. Ich hab’ den Mann persönlich gekannt, als Freund meines Vaters.
Peter Pirker und Matthias Breit, Schnappschüsse der Befreiung: Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945 (Innsbruck: Tyrolia Verlag, 2020).