Lämmchen

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?

Germanisten ist der Roman bekannt aus der Literaturgeschichte. Dort wurde er mit dem Etikett „Neue Sachlichkeit“ versehen und ins entsprechende Regal gestellt. Erleichtertes Aufatmen. Dieses Etikett ist ja so wichtig, weil solcherart Dozenten, Studenten, Kritiker gleich wissen, was zum Werk zu sagen ist, außerdem ist es samt Autor gut aufgeräumt. Und nichts hassen solche Leute mehr, als wenn nicht aufgeräumt ist.

Hans Fallada wurde 1893 geboren. Ab 1921 veröffentlichte er Romane, 1932 erschien sein größter Erfolg, Kleiner Mann – was nun? Das Buch erwies sich als Bestseller, weltweit sowie dauerhaft. Einen ähnlichen Erfolg erzielte der Roman Jeder stirbt für sich allein, erschienen 1947. Die Nazi-Herrschaft verbrachte Fallada zurückgezogen in seinem Haus auf dem Lande in der Nähe von Berlin. Er starb 1947.

Also, Neue Sachlichkeit, will heißen: Zwischenkriegszeit, Weimarer Republik, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. Das bildet in der Tat den Hintergrund zu diesem Roman. Außerdem natürlich die erstarkenden Nazis. Man darf nicht vergessen, wann das Werk erschien. Fallada wusste nicht, was kommen würde, im Unterschied zu den Heerscharen von Schreibenden, die heute glauben, sich da bedienen zu müssen.

Vor diesem Hintergrund heiraten zwei naive junge Leute, Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen. In der Folge versuchen sie, so etwas wie ein bürgerliches Leben aufzubauen (strenge Leute würden sagen: kleinbürgerlich.) Nicht zuletzt natürlich für das Kind, das gleich einmal kommt. Doch ihre Bemühungen drohen andauernd zu scheitern. Pinneberg verdient zu wenig für eine einigermaßen ordentliche Wohnung. Sie müssen nehmen, was sie bekommen, manchmal handelt es sich um abenteuerliche Absteigen. Zunächst hat Pinneberg zwar Arbeit, aber seine Stellung ist äußerst prekär, er hängt ab von den Launen seiner Kollegen und Vorgesetzten. Die Betriebsleitung nutzt die missliche Lage ihrer Angestellten aus, um sie brutal und immer noch brutaler anzutreiben.

Doch die beiden geben nicht auf. Lämmchen erweist sich als stark – viel stärker, als man es ihr zugetraut hätte. Sie entwickelt nicht nur Fähigkeiten, über die sie beim Eintritt in die Ehe noch gar nicht verfügt hatte, sie hält zudem die Familie eisern zusammen, mit jener Stärke, die Frauen offenbar öfter zu eigen ist als Männern.

Sicher, es gibt auch helfende Menschen entlang des Weges, wie etwa den zwielichtigen Gefährten von Pinnebergs Mutter oder einen Kollegen, der wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Nudistenverein in Schwierigkeiten kommt. Insgesamt ist das Szenario aber trostlos, der Leser leidet mit den beiden Hauptfiguren und ihrem verzweifelten Bemühen, eine wenn auch noch so bescheidene Existenz aufzubauen. Das Unrecht schreit aus jeder Seite, es quält fast bis zur Unerträglichkeit.

Zumindest ging’s mir so. Als Empfehlung dient das wahrscheinlich nicht – auf den ersten Blick. Ich halte den Roman trotzdem für lesenswert, auch heute noch – oder gerade heute. Wir haben geglaubt, wir hätten dafür gesorgt, dass es so niemals mehr sein könne, dass so was nie mehr passiert.

Und jetzt?

Empfehlenswert? – Siehe oben. Und wenn’s nur wegen der wunderbaren Figur des Lämmchens wäre.

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun? Roman, ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Carsten Gansel (Berlin: Aufbau Verlag, 2016).