Zweimal langweilig

Was ich in den folgenden Zeilen begehen werde, ist Blasphemie, Gotteslästerung. In diesem Falle handelt es sich allerdings um literarische Götter, quasi, um höchst Verehrenswürdige. Und die sollte man nicht lästern. Denn wenn mir ein literarisches Werk nicht gefällt, wenn es mich langweilt, dann handelt es sich um meine eigene, rein subjektive Wahrnehmung, und außerdem kann man mir vorwerfen, ich verstünde die fraglichen Werke eben nicht, mir mangle es an Sensibilität, es fehle an literarischem Wissen, an kultureller Raffinesse – was auch immer.

Dem steht in meinem Kopf freilich ein Ausspruch entgegen, den mein Vater getätigt hat, als er wieder einmal spät abends von einem Konzert heim kam, in welches er unsere Mutter pflichtschuldigst begleitet hatte. Ächzend ließ er sich in seinen Fernsehsessel fallen:

„Lieber unterhalt’ ich mich auf meinem Niveau, als dass ich mich auf einem höheren langweil’.“

Womit wir jenes Spannungsfeld definiert haben, in welchem sich die folgenden Zeilen bewegen: Kulturelle Raffinesse versus Ehrlichkeit. Auf welcher Seite stehen Sie?

Die Ehrlichkeit gebietet mir von meinem Versuch zu berichten, im Alter noch einmal den Wilhelm Meister von Johann Wolfgang Goethe zu lesen. Einmal hatte ich’s ja schon getan, pflichtgemäß, im Zuge meines Studiums. Allerdings handelte es sich bloß um typische Leselisten-Lektüre: hastig, im Falle des Wilhelm Meister höchst lückenhaft, stets mögliche Prüfungsfragen im Hinterkopf. So kann man literarische Werke nicht wirklich aufnehmen. Das hab’ ich später sehr drastisch erfahren, als ich englische und amerikanische Romane wieder las. Was für ein Erlebnis, was für eine Epiphanie!

Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Wiederlesen auch bei Werken auszahlt, die mich seinerzeit bereits beeindruckt hatten. Nun, nach Jahrzehnten, kamen sie mir oft wie völlig neue Bücher vor, als hätte ich sie noch nie gelesen. Und sie waren genau so beeindruckend, wenn nicht mehr! So ging’s mir, um nur ein Beispiel zu nennen, mit John Steinbecks East of Eden. Wiederlesen kann bloß empfohlen werden.

„In meinem Alter“, soll ein greiser französischer Philosoph einmal gesagt haben, „in meinem Alter liest man nicht mehr, man liest wieder.“

Und so hab’ ich mir gedacht, vielleicht gibt der Goethe jetzt mehr her. Vielleicht hab’ ich inzwischen die Lebenserfahrung, um ihn besser zu verstehen, sowie die Muße, mich in seine Erzählung fallen zu lassen, mich von ihr fortragen zu lassen, wie man das von einem guten Roman erwartet.

Leider hat’s nicht funktioniert. Goethe ist einfach zu deutsch. Die Geschichte wirkt hölzern, stets schimmert der tiefe Sinn durch, er belastet alles, was da vorgeführt wird. Mit den Charakteren zu fühlen gelingt auch nicht. Zu papieren. Und schließlich konnte sich Goethe schon damals sein andauerndes Gescheiteln nicht verkneifen. Dauernd muss er uns zeigen, was er doch alles weiß, muss er uns mit seinen Meinungen im Ohr liegen. Derlei bemängelten im Übrigen schon Zeitgenossen. Schade – wir hätten gerne mehr über das Leben im späten 18. Jahrhundert erfahren.

Paul Auster hingegen lebt, werkt und schreibt in der Gegenwart. Er wurde 1947 in Newark (New Jersey) geboren, heute wohnt er als erfolgreicher, rundum gepriesener Autor in New York. Was er mit Goethe teilt, ist der Sockel literarischer Bewunderung, um nicht zu sagen Anbetung, auf dem sie beide stehen.  Unter Connaisseurs genießt Auster absoluten Kultstatus. Der Grund: Er schreibt so wunderschön kompliziert. Was bedeutet, dass meine Kritik wahrscheinlich als das Quaken eines unbedarften Sumpffrosches abgetan wird.

Mag ja sein. Aber man braucht bloß eines seiner Bücher aufzuschlagen – in unserem Falle die New York Trilogy –, mit dem Lesen zu beginnen, und schon erfasst einen Langeweile, nichts als Langeweile. Natürlich erkennt selbst der Sumpffrosch, wie hintergründig das alles ist, wie vielschichtig. Es wird ihm oft genug unter die Nase gerieben, danke. Es ist alles so literarisch! So fürchterlich künstlerisch – und damit eben auch künstlich, gekünstelt.

Und so geht das weiter und weiter. In aller Bescheidenheit und Demut gestehe ich, dass ich die Seiten nur überflogen habe. Mir mangelt es inzwischen an Zeit, an Lebenszeit, um sie mit reinem Papiergeraschel zu vergeuden. Und mir ist der Wille zum Heucheln vergangen.

Lieber unterhalt’ ich mich auf meinem Niveau…

Johann Wolfgang Goethe,, Wilhelm Meisters Wanderjahre, Goethes Werke Band VIII (München: C. H. Beck, 1998). Erstmals erschienen 1795/96.

Paul Auster, The New York Trilogy: City of Glass, Ghosts, The Locked Room (London: Faber and Faber, paperback edn. 2011). First publ. 1987.