Vivat academia

Warum ich ausgerechnet jetzt über jene Zeiterscheinung nachdenke, welche ich kurz und bündig als Akademisierung bezeichne, das dürfte klar sein: wegen der Affäre um unsere ehemalige Ministerin Chrisitine Aschbacher. Trotzdem soll sie nicht im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen stehen. So deppert, wie sie sich verhalten hat – da verdient sie eigentlich gar keine Aufmerksamkeit.

Bloß ist ihre Gier nach akademischen Diplomen und Titeln gewiss keine Ausnahme. Aus eigener leidvoller Erfahrung als Betreuer von schriftlichen Arbeiten weiß ich davon wahrlich ein Lied zu singen. Denn es geht ja nicht nur um Diplomarbeiten oder Dissertationen. Nein – wie ich festgestellt habe, müssen inzwischen sogar Altenpflegerinnen, Radiologie-Assistenten oder -innen, Physiotherapeutinnen oder -therapeuten und weiß der Himmel wer noch aller im Zuge ihrer Ausbildung schriftliche Arbeiten verfassen, wobei auch noch auf das äußere Kostüm von Wissenschaftlichkeit bestanden wird, will sagen: auf Anmerkungen, Literaturverzeichnis und so weiter – manchmal fälschlich als kritischer Apparat bezeichnet.

Wozu?

Nun, die naheliegende Antwort lautet: Weil sie sich dann Bachelor nennen dürfen, ein akademischer Grad. Und dazu bedarf es eben einer schriftlichen Arbeit.

Wer sagt das?

Der Bologna-Prozess. Der schreibt ja auch die credits vor, die man hamstern muss.

Aber das sind nur die naheliegenden Antworten. Ich fürchte, die Sache mit der Akademisierung geht tiefer (wenn wir einmal bei diesem Ausdruck bleiben wollen). Angefangen hat’s schon viel, viel früher, nämlich mit dem Zug zur Matura. Mein Gott, wie wollten sie alle die Matura haben, ob geeignet oder nicht! Und welche psychologischen und pädagogischen Spitzfindigkeiten hätten wir da anwenden sollen, um einen widerspenstigen Knaben (in meinem Falle waren’s stets solche) mit ausgeklügelter List doch noch so weit zu bringen, selbst wenn er’s selbst ganz offensichtlich gar nicht wollte.

„Lass es“, pflegte ich in späteren Jahren zu sagen. „Such dir etwas, das du wirklich willst. Mittelmäßige Maturanten wird’s in Zukunft zum Saufuttern geben. Engagierte Praktiker werden mit Gold aufgewogen!“

Aber das wollte niemand hören. Meine Vorgesetzten schon gar nicht.

Doch sind wir übers Stadium der Matura inzwischen hinaus. Die hat praktisch jeder, der sie haben will, und sei’s in Form der Berufsreifeprüfung, die gefälligerweise so verwässert wurde, dass der Vorsatz „Berufs-“ in den Ohren jener wie Hohn klingt, welche selbige wirklich neben der Arbeit ablegen. Wie sich herausstellt, ist inzwischen genau jener Effekt eingetreten, vor dem stets gewarnt wurde: dass die Berufsmaturanten glauben, ihre Qualifikation sei nicht bloß formal, sondern auch inhaltlich gleichzusetzen mit der einer AHS- oder BHS-Reifeprüfung. Früher oder später sehen sie sich dann der rauen Wirklichkeit ausgesetzt – etwa auf einer Uni –, welche Enttäuschung!

Man kann nur hoffen, dass die Universitäten über kurz oder lang nicht auch dem Sog des fallenden Niveaus nachgeben müssen, so wie wir in der Schule.

Also: was früher die Matura war, das ist jetzt vielleicht schon der Bachelor. Um den zu erlangen, muss eine Arbeit geschrieben werden. Und so ergibt sich doch noch eine Antwort auf die Frage: Wozu?

Es würde sich um eine Aufgabe handeln, eine Probe, die zu bewältigen ist, um ans begehrte Ziel zu gelangen. Ein alter Germanist denkt sofort an eine aventuire, von denen Aspiranten einst etliche zu bestehen hatten, um in den erlesenen Kreis der Ritter aufgenommen zu werden. Parzival, zum Beispiel. Die Art des Abenteuers spielt da keine Rolle. Hauptsach’ dass. Ob das angehenden Alten- oder Krankenpflegerinnen bzw. -pflegern ein Trost ist, möchte ich nicht beurteilen.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Pseudo-Akademisierung von selbst in die Höhe schraubt. In meinen Tagen galten vierzig Seiten als Richtwert für eine Diplomarbeit (damals hießen die noch Hausarbeit). Heute, so berichtet man mir, geht das an hundert. Das wäre für uns beinahe eine Dissertation gewesen. Wie lang die heute sind, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Nun ist mir schon klar, dass dank Textverarbeitung das Verfassen solcher Arbeiten leichter geworden ist, besonders bei den Anmerkungen, die für uns an der Schreibmaschine wahre Teufelchen waren. Allerdings wird so aber auch das Stehlen leichter: copy and paste. Siehe oben.

Die eigentliche Frage ist jedoch: Was wird da geschrieben? Worüber? In solcher Ausführlichkeit? Ist es denn wirklich vorstellbar, dass immer mehr Kandidatinnen und Kandidaten immer mehr zu immer enger gesteckten Themen zu sagen haben? Man schaudert, wenn man sich versucht vorzustellen, was da in die Tastatur geklopft wird.

Und wird’s dann auch gelesen? Irgendwie wahrscheinlich schon, zumindest teilweise. Zweifel dürften trotzdem erlaubt sein. Vielleicht ist bereits, in Ergänzung zur Plagiats-Software, eine akademische Beurteilungssoftware in Entwicklung? Die würde das Problem nicht nur lösen, die würde es zugleich ermöglichen, noch mehr und noch längere Arbeiten zu vergeben. Je mehr aventuiren, desto mehr Ritter und Ritterfräulein.

Vivant professores!