Der Gott, der keiner war

Richard Crossman, ed., The God That Failed

Es handelt sich um eine – inzwischen legendäre – Sammlung von sechs längeren Aufsätzen bekannter Schriftsteller: Arthur Koestler, Ignazio Silone, Richard Wright, André Gide, Louis Fischer und Stephen Spender. Herausgegeben wurde der Band von Richard Crossman, einem jener Gelehrten-Journalisten-Politiker, wie sie in Großbritannien gar nicht so selten auftreten. Erschienen ist er 1949 (der Zeitpunkt ist von Bedeutung).

Was die sechs Schriftsteller gemeinsam haben, das ist der Umstand, dass sie irgendwann in der Zwischenkriegszeit der kommunistischen Partei beigetreten waren – und dass alle wieder austraten. Ihre Gründe für diesen Schritt, die Geschichte ihrer Beziehung zur Partei, die bilden den Inhalt ihrer Bekenntnisse und somit auch das Thema des Buches.

Es würde zu weit führen, hier auf jeden einzelnen einzugehen, obwohl sie das natürlich verdienten. Ich möchte bloß erwähnen, was hervorsticht – zumindest in meinen Augen. Arthur Köstler ist vor allem bekannt für seinen Roman Darkness at Noon (dt.: Sonnenfinsternis), ein wichtiges Dokument dissidenter Literatur. Ignazio Silone überraschte mich mit dem Bekenntnis, hochrangiger Funktionär der Kommunistischen Partei Italiens gewesen zu sein. Seite an Seite mit Palmiro Togliatti nahm er an Sitzungen der Komintern-Führung teil, einmal widersprach er sogar Stalin höchstselbst. Von Richard Wright hatte ich bislang noch nichts gehört – stopp: nichts im Zusammenhang mit Politik und Kommunismus. Es handelt sich um einen afro-amerikanischen Dichter aus Chicago. Über André Gide haben wir hier bereits geschrieben (Verknüpfung am Ende des Beitrags). Louis Fischer war ein Star-Reporter, und Stephen Spender eine Größe im literarischen Leben Londons. Er taucht im Dunstkreis von George Orwell auf.

Letzterer verweist zugleich auf die Bedeutung dieses Buches zur damaligen Zeit (obwohl er selbst nichts beigesteuert hat). Das war ja genau die Zeit, als Nineteen Eighty-Four erschien (der Titel ergibt sich bekanntlich aus dem Erscheinungsjahr 1948), nicht lange davor war Animal Farm herausgekommen. Man könnte argumentieren, dieser neu entdeckte Anti-Kommunismus sei opportunistisch gewesen: Europa stand am Anfang des Kalten Krieges, der eine Neubewertung der Sowjetunion geradezu erzwang. Bis dahin bewunderte man sowohl die UdSSR als auch den Kommunismus im allgemeinen, wobei sich Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller ganz besonders hervortaten – die berühmten fellow travellers, die bereit waren, „ein Stück Wegs“ mit den Kommunisten zu gehen, sofern sie nicht überhaupt der Partei beitraten. Diese Sympathie für den Kommunismus gab’s seit der Revolution, mit steigender Häufigkeit jedoch während der Dreißiger Jahre und schließlich im Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetunion nicht bloß Verbündeter der USA und des Vereinigten Königreiches war, sondern bei weitem der stärkste und wichtigste Teil der Allianz. Es war letztlich die Rote Armee, welche die Wehrmacht besiegte: nicht ausschließlich, aber doch wesentlich.

Von Anfang an hatte es aber auch kritische Stimmen gegeben. Wir haben hier bereits Joseph Roth kennen gelernt (Verknüpfung am Ende des Beitrags); die anderen Autoren im vorliegenden Band gehören ebenfalls dazu. Sie sprechen allesamt von den Gründen, aus welchen sie sich zum Kommunismus hingezogen fühlten. Dann aber, und womöglich noch ausführlicher, von den Gründen, aus denen sie zu Kritikern wurden, Apostaten, Dissidenten (wie man später sagte). Der heutige Leser kann mehrere Motive unterscheiden. Zunächst kam die Konfrontation mit der sowjetischen Wirklichkeit. Die spielte zum Beispiel für André Gide eine entscheidende Rolle. Wozu man freilich anmerken sollte, dass es selbst dann, wenn jemand mit eigenen Augen sah, einer intellektuellen Leistung bedurfte, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen und nicht, wie das so viele taten, das Gesehene mittels goodthink zurechtzubiegen.

Ein zweiter Anlass zum Ausscheren bot die Orthodoxie der Kommunistischen Partei, der Druck, gläubig nachzubeten, was jeweils als neueste Parteilinie galt, keinen Widerspruch, ja nicht einmal Zweifel zu äußern. Wenn einmal der Verzicht aufs eigenständige Denken geleistet ist, meint Richard Crossman in der Einleitung, dann werde der Geist zum Sklaven eines höheren unbestrittenen Zieles. „Die Wahrheit zu verleugnen ist eine Dienstleistung.“ Und deshalb sei es zwecklos, mit einem Kommunisten zu diskutieren. Westlichen Intellektuellen musste dieser quasi-religiöse Gehorsam schwer fallen. Stephen Spender verweist in diesem Zusammenhang auf die Tradition der dissenters, der protestantischen Nonkonformisten, die er in sich selbst verspüre. Durchaus möglich, dass da etwas dran ist. Ignazio Silone berichtet von einer Sitzung der Komintern-Spitze, bei der es um englische Gewerkschaftsangelegenheiten ging. Es wurde vorgeschlagen, die einzelnen Sektionen der KP sollten sich scheinbar der geforderten Linie unterwerfen, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil tun.

„Aber das wäre eine Lüge!“, unterbrach der englische Vertreter den Redner.

Diesen Einwand, so erinnert sich Silone, „begrüßte ein unbefangenes, herzliches, endloses Gelächter, wie es die düsteren Büros der Kommunistischen Internationale vielleicht noch nie gehört hatten. Es verbreitete sich in Windeseile durch ganz Moskau, denn man hatte die unglaublich komische Antwort des Engländers sofort an Stalin und alle wichtigen Staatsbehörden durchtelephoniert.“

Mich erinnert das an etwas, was Manés Sperber einmal erzählt hat. Im Auftrag der Kommunistischen Partei ging er um 1934 nach England. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass die meisten Genossen, die er dort traf, nicht davon zu überzeugen waren, „dass der Zweck die Mittel in jedem Falle rechtfertige.“

Three cheers!

Schließlich wirkten auch die Starre des Parteiapparats, die Bürokratie, die kleinlichen Fehden und Intrigen abstoßend. Als Richard Wright in Chicago seine Zweifel erkennen ließ, flog er aus dem Demonstrationszug zum 1. Mai – und zwar wortwörtlich, sehr unsanft.

Es ist heute nicht leicht nachzuvollziehen, welchen Einschnitt die Trennung von der Kommunistischen Partei bedeutete. Da war einerseits die Hoffnung, der feste Glaube, sie – und nur sie – könne eine Besserung bewirken, gerade angesichts des Versagens der wirtschaftlichen und politischen Ordnung in den dreißiger Jahren. Dazu kamen noch der Spanische Bürgerkrieg und die Bedrohung durch den Faschismus. Wo, wenn nicht bei den Kommunisten, waren noch Widerstandswille, Kampfbereitschaft, Entschlossenheit und Mut zu finden?

Dann gab’s den religiösen Aspekt. Auch er ist heute nicht mehr leicht nachzuvollziehen. (Oder doch – bei den Querdenkern, QAnon und so?) Schon Gide schilderte seine Entdeckung des Kommunismus wie eine religiöse Erweckung:

Meine Bekehrung hat etwas Religiöses. Mein ganzes Sein, all mein Sinnen und Trachten ist auf ein einziges Ziel gerichtet; jeder Gedanke, selbst der unfreiwilligste, lenkt mich darauf hin. Die Sowjetunion scheint mir den Weg zur Erlösung aus dem jammervollen Elend zu weisen, in dem sich die heutige Welt befindet. Alles bestärkt mich in dieser Überzeugung. Die erbärmlichen Argumente meiner Gegner können mich niemals umstimmen, sie empören mich. Und wenn der Sieg der Sowjetunion von meinem Leben abhinge, gern und auf der Stelle gäbe ich es dahin.

Und dann das intellektuelle Marschieren im Gleichschritt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich jemand, der da mitgemacht hatte, der praktisch seinen Verstand geopfert hatte, fürchterlich schwer tat, wieder zu sich selbst zu finden. Sein enormes Opfer wäre dann ja umsonst gewesen. Und seine Vergehen, taktische Lügen im Dienste der Sache, die stünden plötzlich da wie Todsünden.

Für jene, welche den Schritt nicht vollzogen, welche also bei der Partei blieben, stellten die Abtrünnigen verständlicherweise Verräter dar. Man dürfe dem Gegner keine Munition liefern, hieß es immer. Schwer abzuschätzen, wie viel zur Bewachung dieses imaginären Munitionsdepots gelogen wurde – und Schlimmeres. Aber eben dies taten die Dissidenten: Sie lieferten den Gegnern Argumente, ob sie wollten oder nicht.

Das zog sich fort den ganzen Weltkrieg hindurch. Der Schock des Nichtangriffspaktes vom August 1939 verflog rasch. Mit Juni 1941 war die Welt wieder in Ordnung. Für die nächsten vier Jahre genoss die Sowjetunion hohes Ansehen in Großbritannien und den USA, und zwar in jeder Hinsicht. Hier lag mit ein Grund, warum sie so viele Spione rekrutieren konnte.

Die Dissidenten waren so gesehen mutige Vorkämpfer, Schrittmacher. Man denke bloß an George Orwell und welche Schwierigkeiten er hatte, Animal Farm zu veröffentlichen. Doch der Prozess kam in Gang, und Der Gott, der keiner war stellte eine wichtige Etappe dar. In der Folge hatte der Kommunismus zwar in der breiten Bevölkerung ausgedient, nicht aber in intellektuellen Kreisen. Da flammte er in den sechziger und siebziger Jahren sogar noch einmal auf. Selbst in den achtziger Jahren hab’ ich das zu spüren bekommen, als die Drucker einer kleinen Regionalzeitung einen meiner Artikel nicht drucken wollten, weil ich dem damaligen Antifa-Star Alfred Hrdlicka sein fortdauerndes Bekenntnis zum Bolschewismus vorwarf.

Empfehlenswert? – Man muss sich schon für’s Thema interessieren: Zeitgeschichte, Ideologiekritik. Ist das der Fall, dann Ja.

Richard Crossman, ed., The God That Failed (Harper Colophon Books, New York: Harper & Row, 1963). First publ. 1949. – Dt. Ausgabe Ein Gott, der keiner war (Zürich: Europa Verlag, 2005). e-book. 
Leider ist die digitale Version nicht zu empfehlen, sie strotz von Fehlern, zum Teil scheint der Text schlampig gescannt worden zu sein. Deutschsprachige Print-Ausgaben sind erhältlich, nicht alle ausgesprochen preisgünstig.

Zu André Gide: Bekehrung und Enttäuschung

Zu Joseph Roth: Pilgerreise in die Sowjetunion