Ich hân mîn impfung

Der eine oder die andere wird sich vielleicht noch aus Schulzeiten erinnern: „Ich hân mîn lêhen“, jubelte Walther von der Vogelweide vor nunmehr 800 Jahren, als ihm endlich ein solches zuteil wurde. Worum es sich genau handelte, das weiß man heute nicht mehr. Er brauche nicht mehr zu betteln, freute er sich, und im Winter würde er keine kalten Füße mehr haben.

„Ich hân mîn impfung“, war ich versucht zu frohlocken, als es endlich so weit war. Dieser Tage habe ich nämlich die erste Dosis der Corona-Impfung verabreicht bekommen. AstraZeneca. Die diversen Impfstoffe haben’s ja bis an unsere Küchentische geschafft: Wir reden über Biontech/Pfizer, Moderna oder Johnson & Johnson, wie wir früher über Fußballmannschaften diskutiert haben. Hätt’ sich vor einem Jahr auch niemand träumen lassen.

Mir wurde also AstraZeneca verabreicht. Das gilt ein bisschen als zweite Klasse, nicht wahr, Prolojauckerl. Wer was Besseres ist – oder zu sein glaubt –, lässt sich auch was Besseres spritzen. In meinem Fall ergab sich das folgendermaßen: Wir hatten uns für die Impfung angemeldet, kaum das möglich war. Bei unserem Hausarzt, dem praktischen Arzt in einer Gemeinde in der Umgebung von Innsbruck. Wie sich herausstellte, hatten mich die fürsorglichen Damen dort bereits auf ihre Liste gesetzt. Wann’s so weit sein würde, das konnte jedoch niemand sagen. Da ich wohl zur Gruppe der Hochrisiko-Patienten zu zählen war, rechnete ich mit einem baldigen Termin.

Aber dann – geschah nichts. Die Zeit verging. Zunächst hörte ich vereinzelt von Bekannten oder Verwandten, die geimpft worden seien. Meist handelte es sich um Hau-Ruck-Aktionen, wenn irgendwo Impfstoff übrig blieb. Dann erfolgten die Impfungen regulär, an den Impfstraßen, in Krankenhäusern oder sogar Arztpraxen. Schließlich hatte ich schon den Eindruck, alle in meinem Bekanntenkreis seien schon geimpft, und zwar mit BionTech/Pfizer oder Moderna – alle, außer mir. Dabei waren viele dieser Bekannten oder Verwandten jünger als ich, und gesund!

Trotzdem beschloss ich, nicht unzufrieden zu sein. Ich konnte mich ja nur zu gut daran erinnern, wie das vor einem Jahr ausgeschaut hatte. Da befand ich mich im Krankenhaus, es ging mir nicht besonders gut, und ich musste versuchen, mich mit meiner Krankheit abzufinden. Das wäre unter normalen Umständen schon schwer genug gewesen, nun kam aber noch die Corona-Pandemie dazu. Der erste Lockdown (wie’s unnötig Englisch heißt), die erste Ausgangssperre wurde verhängt, kurz nachdem ich ins Krankenhaus gekommen war. Das schuf eine gespenstische Stimmung. Wir hatten ja keine Ahnung, was da ablief, was kommen würde, die Prognosen klangen äußerst bedrohlich. Impfung? Da machte man uns keine Hoffnung. Das würde Jahre dauern. Bis dahin konnten wir bloß Masken tragen und Abstand halten.

Ich rechnete mir nur ganz geringe Chancen aus. Aufgrund meiner Krankheit würde mich das Corona-Virus umbringen, wenn es mich befiel. Da machte ich mir keine Illusionen. Und wie schaute es mit der Wahrscheinlichkeit aus, einer solchen Infektion zu entgehen? Nun, dachte ich, je länger desto schlechter. Wenn das Monate so ging, ein Jahr, zwei Jahre – dann musste ich das Virus doch irgendwann einmal aufschnappen, oder?

Das hieß, ich musste nicht bloß mit meiner Krankheit fertig werden, ich hatte mich auch auf einen engen Zeithorizont einzustellen.

Und jetzt, ein Jahr später, habe ich meine Impfung! Na ja, nicht die ganze, nur den ersten Schuss, aber der soll auch schon wirken, so ein bisschen, er sollte meine Chancen verbessern.

Als mich unser Doktor anrief und die Impfung anbot, da zögerte ich kurz: Sollte ich Glücksspiel betreiben und drauf setzen, dass ich in Innsbruck bald einen besseren Impfstoff bekäme?

Ich entschied mich dagegen. Nicht bloß, weil ich kein Spieler bin. Ich hatte so lange auf diesen Moment gewartet, ich würde ihn nicht vorbei gehen lassen! Außerdem hielt ich die Zweifel am AstraZeneca-Impfstoff für übertrieben. Vor allem aber – siehe oben –, vor allem aber konnte ich’s immer noch nicht fassen, dass es überhaupt irgendeinen Impfstoff gab. So rasch! Ein Wunder!

Und dafür sollten wir ausnahmsweise einmal dankbar sein. Vor allem natürlich den Wissenschaftlern samt all ihren Assistenten und Gehilfen – immer beide Geschlechter mitgedacht, bitte schön, denn die -innen dürften da letztlich in der Mehrheit sein!

Und wir sollten ausnahmsweise auch einmal dankbar sein, in einem Staat zu leben, der für die Durchführung der Impfung sorgt – auch wenn’s derzeit nicht so läuft, wie’s sollte. Diese Kritik kam auch in mir selbst auf. Trotzdem: Vom ersten Forschungsauftrag über die gewaltigen Mittel, die da zugeschossen wurden, bis hin zur Infrastruktur, immer war’s unser Staat, der diesen Erfolg mit ermöglichte.

Also – ich hab’ meine Impfung! Sofern das bei Ihnen noch nicht der Fall ist, wünsche ich Ihnen, dass er möglichst bald eintritt. Übrigens: Nebenwirkungen hab’ ich bisher keine verspürt, außer dass ich einen Tag lang ausgiebig geschlafen habe.