Emma Peel im Karzer

Letzten September ist Diana Rigg verstorben, im Alter von 82 Jahren. Dame Diana Rigg, müsste es eigentlich heißen, DBE: Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire. Sie war eine großartige Schauspielerin in zahllosen Bühnen- und Filmrollen, nicht zuletzt als Shakespeare-Darstellerin. Leider hab’ ich sie nie auf der Bühne gesehen, im Unterschied zu Freunden, die sehr wohl das beneidenswerte Privileg genossen, ich glaube bei einer Freilichtaufführung im Regent’s Park.

Nein. Warum ich mit quasi freundschaftlicher Wehmut an Diana Rigg denke, das ist wegen ihrer Darstellung der Emma Peel in der Fernsehserie The Avengers, bei uns bekannt als Schirm, Charme und Melone. Verkürzt hieß das bei uns bloß Schirm Charme, im Laufe der Zeit verballhornt zu Schrimm Schramm. Das änderte freilich nichts an der Bedeutung dieser Serie für uns Teenager. Diana Rigg wirkte von 1965 bis 1968 mit, immer an der Seite von Patrick Macnee, der den Erz-Gentleman John Steed verkörperte.

Wir durchlebten die sechziger Jahre. Es dürfte heute nur sehr schwer zu beschreiben sein, was die bedeuteten. Ich war damals im delikaten Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Als mir ein Klassenkollege zum ersten Mal eine Schallplatte lieh, eine 45er, wie’s damals hieß, weil sie mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen war – als ich also diese Schallplatte daheim auflegte, in der Musiktruhe meiner Eltern, und als ich Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hörte, da trat ich in eine neue Welt ein: eine bunte Welt voll aufregender Klänge, eine moderne Welt, eine jugendliche Welt. Kurz darauf hörte ich „Paint it black“ von den Rolling Stones. Ich verfiel dieser Musik und bin ihr bis heute verfallen geblieben.

Und diese neue Welt, diese Modernität – zu der gehörten eben auch Emma Peel und John Steed. Emma Peel trug immer die neuesten Klamotten, nicht zuletzt atemberaubend kurze Kleider. Außer es ging dem Höhepunkt der jeweiligen Folge zu: Dann hatte sie ebenso sensationelle Hosenanzüge an, auch sie damals aufregend neu. „Nahkampfanzug“, pflegten wir zu sagen. Denn dann kam Emmas Karate zum Einsatz.

Wenn man sich die Folgen heute ansieht, dann staunt man einerseits, wie kostensparend sie gemacht wurden, besonders die ersten Staffeln. Schwarz-weiß, versteht sich, aber was anderes gab’s ohnehin nicht in unseren Fernsehern. Andererseits waren die Episoden ungeheuer spannend. Besonders natürlich, wenn Emma Peel in Bedrängnis geriet. Trotzdem gingen sie immer gut aus – klar, sonst hätt’s ja keine Fortsetzung gegeben –, außerdem waren sie insgesamt nicht ganz ernst gemeint. Da traten exzentrische englische Typen auf, die irgendein verschrobenes Hobby bis zum Exzess, bis zur angestrebten Weltherrschaft verfolgten. Genau dieser Humor sprach uns an: cool!

Als Teenager im Stadium des hormonellen Irreseins lasen wir das Bravo. Eigentlich muss es heißen: wir lasen nur das Bravo. Ob das heute noch ein Begriff ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir brauchten es für die Nachrichten aus der Londoner Musikszene. Alles andere interessierte uns höchstens am Rande. Nun brachte dieses Bravo aber eine riesige Emma Peel zum Ausschneiden, verteilt auf mehrere Folgen. Zufällig bin ich im Web jüngst wieder darauf gestoßen (und um ehrlich zu sein, bildete eben dies den Anstoß für meine Erinnerungen).

Wir sammelten die Teile, setzten sie zusammen und klebten die übermannsgroße Figur an die ansonsten leere Rückwand unseres Klassenzimmers.

Die Reaktionen der werten Lehrkräfte fielen unterschiedlich aus.

„Da brauch ich keine Brillen mehr“, sagte der Physik- und Mathematiklehrer anerkennend. Trotzdem ließ er uns das Bild wieder abnehmen. Er hatte Angst vor den Vorgesetzten.

Ähnlich reagierte die Philosophie- und Psychologieprofessorin. Sie trug selbst den Vornamen Emma. Auch sie bat uns, bei aller Sympathie, das Bild abzunehmen. Andere Herrschaften reagierten nicht so gelassen, manche fassten Emma Peel als Provokation auf. Und da kam es zu Wortwechseln, bei denen ich mich – mehr als fünfzig Jahre später sei’s gestanden – unrühmlich hervortat. Das führte in weiterer Folge zu einer Disziplinarkonferenz, ich bekam einen Karzer aufgebrummt. Der war allerdings nicht in einem Verließ im Keller abzusitzen, sondern bloß wie eine längere Schulhaft (die’s damals sehr wohl noch gab). Wie lange, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Emma Peel war zwar nicht der direkte Grund, aber doch immerhin der indirekte. Man wird verstehen, dass mich mit ihr, mit ihrer Darstellerin Diana Rigg seit damals so eine Art Spezialverhältnis verband – ganz einseitig, versteht sich, und aus weiter Ferne.

Quizfrage an Alters- und Gesinnungsgenossen: Welches Auto fuhr Emma Peel?

Abbildung: http://www.lagarden.de/starschnitt/1967/1967.html