Schau ma amal

Radek Knapp, Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien

Die Frage, wie uns Außenstehende sehen, wäre eigentlich von höchster Bedeutung, sie sollte immer und immer wieder gestellt werden, die Antworten sollten unsere Aufmerksamkeit genießen. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Wir reagieren schnell beleidgt, verbitten uns gefälligst jegliche Einmischung.

Letztere wird man Radek Knapp schwerlich vorwerfen können. Dazu ist der geborene Pole einfach zu österreichisch. Nicht nur lebt er schon längere Zeit bei uns, er dürfte außerdem so gut integriert sein wie kaum jemand – inklusive literaturgeschichtlicher Kenntnisse, schreiberischer Fähigkeiten sowie bodenständigen Humors bis hin zum berühmten Schmäh, auf den wir so stolz sind. So ist auf jeden Fall sichergestellt, dass Knapps Beobachtungen amüsant ausfallen: ein Panoptikum liebenswerter und manchmal auch weniger liebenswerter Vertreter unserer Spezies.

„Geh bodn“, wird er mürrisch empfangen, als er am Südbahnhof, eben dem Zug aus Warschau entstiegen, ein Beißl betritt, um sich einen Kaffe zu gönnen. Er begreift, dass er sein Deutsch neu lernen muss. Und das ist nur eine der vielen Überraschungen, die das Land für ihn bereit hält. Tatsächlich geht’s immer auch darum: sein Großvater hatte ihm solche versprochen, als er dem Enkel riet, nach Österreich zu gehen, obwohl der das nicht vorhatte, nichts mit Österreich verband, welches ihm bloß als Kaffeefleck auf der Landkarte erschien.

Seine Fortschritte beweist ein zweiter Besuch im selben Beißl. Als er dieses Mal ein „Krügerl“ bestellt, eilt der Kellner dienstfertig davon. Und auf die Frage, ob’s sonst noch was sein dürfe, kann er mit tiefer Befriedigung antworten:

„Schau ma mal, dann wer ma sehen.“

Dieser Satz zieht sich als Leitmotiv durchs ganze Buch, und man wird dem Autor eine gewisse Treffsicherheit nicht absprechen können – es könnte sich ohne weiteres um ein Motto dieses Landes handeln (wenngleich natürlich nicht ums einzige). Der Überraschungen erlebt er genug, sie nehmen kein Ende. Und so dankt er schließlich seinem Großvater dafür, dass er ihm seinerzeit diesen etwas entlegenen Winkel der Welt empfohlen hat.

Empfehlenswert? – Ja, schon, sofern man sich nicht mehr erwartet als Amüsement.

Radek Knapp, Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien: Notizen eines Möchtegern-Österreichers (Wien: Amalthea, 2020).