You can talk to the barrel of my gun

[for an English version see below]

J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Das Buch kam 2016 heraus, im Sommer jenes Jahres führte es die eine oder andere Bestseller-Liste an. Der Grund war klar: Das war jenes Jahr, in dem Donald Trump überraschend zum Präsidenten der USA gewählt wurde, und der Titel versprach eine Antwort – oder doch zumindest Teil-Antwort – auf die Frage, wer ihm wohl so ergeben folgte, und aus welchen Gründen.

Vance stammt aus einer so genannten Hillbilly-Familie. Ob sie typisch ist oder nicht, das muss dahingestellt bleiben. Die Hillbillies sind nicht bloß Hinterwäldler, wie der Begriff vielleicht übersetzt werden könnte; ursprünglich handelte es sich vielmehr um die Bewohner der bewaldeten Täler in den südlichen Appalachen und den Ozark Mountains. Diese Täler heißen im lokalen Dialekt übrigens holler, abgeleitet von hollow. Es sind die Nachfahren nordirisch-protestantischer Einwanderer, weswegen sie sich selbst als Scots-Irish bezeichnen. In den hollers hatte sich eine eigene Kultur entwickelt. Da lebte viel von der frontier fort: vor allem wohl das Prinzip der Selbstjustiz, und zwar mittels blanker Gewalt. Familienehre geht über alles. Wenn einer deine Mutter beleidigt – und sei’s nur durch das alltägliche Schimpfwort „son of a bitch“ – dann gibt’s nur eins: zuschlagen; unter Umständen bis zum Totschlag. Ein Bruder der Großmutter zwang einst einen Mann, der eine anzügliche Bemerkung über ihre Unterhosen gemacht hatte, ein Exemplar selbiger zu verspeisen – wortwörtlich. Und diese Großmutter beendet später einen Streit mit ihrer Tochter kurz und bündig: „you can talk to the barrel of my gun“.

Doch hat diese Kultur auch Schwächen, und je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher treten sie zutage. Vor allem dann, wenn die Kultur verpflanzt wird: Ab den dreißiger Jahren ziehen immer mehr Hillbillies nach Norden, wo riesige Industriewerke Arbeitsplätze bieten, gut bezahlte noch dazu. Eine regelrechte Migration entwickelt sich, der Hillbilly Highway. Die Familie von J. D. Vance kommt so von Jackson, Kentucky nach Middletown, Ohio, Standort der Armco Stahlwerke. Zwar bildet sich auch dort so etwas wie eine Hillbilly-Diaspora, aber es ist doch nicht dasselbe wie in den hollers. Die Migranten trauern ihrer Heimat nach, kehren zu Besuchen zurück, so oft es nur geht.

Die Industriewerke bieten gut bezahlte Arbeitsplätze fürs Leben, außerdem fördern sie die Kommunen, sponsern dieses und jenes – ein Verhältnis, wie es sich im Laufe der Jahrzehnte in wechselhaftem Schicksal und heftigen Arbeitskämpfen herausgebildet hat. Bloß ändert sich das seit den siebziger Jahren immer deutlicher, immer rascher. Die Löhne sinken, Arbeitsverhältnisse werden prekär, schließlich werden Betriebe geschlossen, wandern ab. Arbeitslosigkeit macht sich breit, ohne Hoffnung auf baldige Besserung.

Die Kultur der Hillbillies hat dem, glaubt man der Schilderung von J. D. Vance, wenig entgegenzusetzen. Die Großeltern, Mamaw (die mit dem barrel) und Papaw, lassen sich zwar nicht scheiden, leben aber getrennt, hauptsächlich wegen seines (inzwischen überwundenen) Trinkens mit anschließender Gewalttätigkeit. Ihre Tochter, die Mutter von J. D. – mom – schafft es nicht, eine funktionierende Familie aufzubauen und zu erhalten. Die Partner gehen ein und aus, dem Jungen erscheint es wie durch eine Drehtür: revolving door Dads. Sie verfällt ebenfalls dem Alkohol, später nimmt sie Drogen. Und dann neigt auch sie dazu, gewalttätig zu werden.

Die einzigen, die sich der Kinder annehmen und ihnen eine gewisse Stabilität gewähren, sind Mamaw und Papaw. Besonders Mamaw bemüht sich, die Familie zusammen zu halten, sie zu schützen. Später meint ein Bekannter, J. D. brauche sich nicht vor den Ausbildnern im berüchtigten boot camp der Marineinfanterie zu fürchten: die seien zwar mean, aber nicht so mean wie Mamaw.

Vance betont immer wieder, wie wichtig dieser Rückhalt durch seine Großeltern gewesen sei – nur so konnte er die High School einigermaßen anständig abschließen und nach einer vierjährigen Militärdienstzeit an die state university gehen, von wo aus er einen Platz in Harvard ergattert. Seine Geschichte ist somit auch eine amerikanische Erfolgsstory. Leider muss ich gestehen, dass ich diese, besonders gegen Ende, nur mäßig interessant fand. Denn wenn’s einer trotz aller Hindernisse schafft, Applaus Applaus! – dann folgt daraus doch, dass es so viele andere nicht geschafft haben, nicht schaffen. Ich kann mir nicht helfen, aber mich interessieren diese Vielen, nicht die Handvoll Erfolgreicher im Rampenlicht.

Vance kritisiert die Arbeitsmoral der Hillbillies. Er beobachtet gleichzeitig die berühmt-berüchtigte poverty trap: Wie also der Zustand eintritt, in dem ein Wohlfahrtsempfänger besser dran ist, wenn er nicht arbeitet, sondern weiterhin Unterstützung erhält. Wenn der Staat eingreift, so schreibt er einmal, so schade das mehr als es nützt. Vance setzt auf individuelle Anstrengung. Für ihn, eingedenk seiner Geschichte, mag das verständlich sein, aber dass es allgemein nicht ausreicht, dafür liefert sein eigenes Buch ausreichend Belege. Trotzdem wirkt es ernüchternd – und zwar zu Recht: Was kann getan werden? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Die Verhaltensweisen von Menschen zu ändern, ihre Kultur, braucht es nicht bloß materielle Impulse – ordentliche Arbeitsplätze zum Beispiel – sondern wahrscheinlich auch viel Zeit, viel Geduld.

Womit wir bei der leidigen Trump-Frage wären. Wie gibt’s das, dass diese verarmten Hillbillies einen verwöhnten Multimillionärs-Erben wählen? Wie gibt’s das, dass diese Leute, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, einer Partei treu sind, die von Eigenverantwortung schwafelt? (Ganz allgemein, so hab’ ich früher einmal gelesen, gewinnen die Republikaner in jenen Bundesstaaten am meisten Stimmen, in denen die meisten Sozialhilfen ausbezahlt werden.) Vance liefert zwar auch keine Antwort, immerhin aber ein paar Hinweise. Wenn seine Hillbillies Obama abgelehnt hätten, so schreibt er einmal, habe das keineswegs am Rassismus gelegen; vielmehr habe Obama, der selbst Vorurteil und Benachteiligung überwinden musste, vor Augen geführt, was möglich wäre und wo sie, die Hillbillies, ständig scheitern, versagen. Ein Erbe – reiner Glücksfall! –, ein Macho, foul-mouthed, der musste ihnen viel mehr zusagen.

Empfehlenswert? – Bin mir nicht sicher. Ich hab’ das Buch zweimal gelesen, das letzte Mal sehr intensiv, aber irgendwie bin ich immer noch verwirrt. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist die Besprechung deshalb so lange geworden.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016)
J. D. Vance, Hillbilly Elegy

Published in 2016, the book topped a couple of bestseller lists during the summer of that year. The reason was obvious: that was the year Donald Trump was unexpectedly elected president of the USA, and the title promised an answer – or at least a partial answer – to the puzzling question of who his devoted followers might be and what might motivate them.

Vance comes from a so-called hillbilly family; impossible to say whether they are typical or not. Originally hillbillies were the inhabitants of the wooded valleys in the southern Appalachians and the Ozark Mountains. These valleys, by the way, are called holler in the local vernacular, derived from hollow. The locals are descendants of Northern Irish Protestant immigrants, which is why they call themselves Scots-Irish. In the hollers, they developed their own specific culture. In a way, the frontier lived on: above all, the principle of self-administered justice, often by means of sheer violence. Family honour is paramount. If someone insults your mother – even if it’s only indirectly by an everyday insult like “son of a bitch” – there’s only one thing to do: beat him up, even if it ends in manslaughter. Vance’s grandmother’s brother once forced a man who had made a lewd remark about her pants to eat one of them – literally. And grandmother later ends an argument with her daughter quite brusquely: „you can talk to the barrel of my gun“.

However, this culture also has its weaknesses, and the more time passes, the more they make themselves felt. Especially when the culture is transplanted: from the 1930s onwards, more and more Hillbillies are moving north where huge industrial plants offer jobs, and well-paid ones at that. A veritable migration develops, the Hillbilly Highway. J. D. Vance’s family move from Jackson, Kentucky to Middletown, Ohio, the site of the Armco steelworks. Although something like a hillbilly diaspora is forming there, it is not the same as in the hollers. The migrants never get over the loss of their native lands, returning for visits as often as they can.

The industrial plants offer well-paid jobs for life, and they also support the communities, sponsor this and that – a relationship that has developed through decades of changing fortunes and fierce labour disputes. But in the 1970s, things start to change more and more rapidly and more and more profoundly. Wages are falling, jobs become precarious, and finally companies are closing down and moving away. The number of unemployed keeps growing, with no hope of improvement in the near future.

If one believes J. D. Vance’s account, the Hillbillies’ culture is helpless in the face of such challenges. His grandparents, Mamaw (the one with the barrel) and Papaw, have not divorced but live separately, mainly due to his drinking (given up in the meantime), invariably followed by bouts of domestic violence. Their daughter, J. D.’s mother – mom – fails to build and maintain a functioning family. Her partners come and go; to the boy, they seem like “revolving door Dads”. Mom also succumbs to alcohol, later she turns to drugs. And then she too tends to become violent.

The only ones who take care of the children and grant them some stability are Mamaw and Papaw. Mamaw in particular tries to keep the family together and to protect them. Later, an acquaintance tells J. D. not to be afraid of the instructors at the notorious Marines boot camp: they are mean, he says, but not as mean as his Mamaw.

Vance emphasises repeatedly how important the support by his grandparents was – the main reason why he managed to graduate from high school with a decent degree and, after four years of military service, go to state university, from where he manages to get a place at Harvard Law School. His is thus an American success story. Unfortunately, I have to admit that I found it only moderately interesting, especially towards the end. After all, when someone succeeds despite all those obstacles, applause applause! – then it follows that so many others have not made it and are still not making it. I can’t help but I have to confess that I’m only interested in the majority, not the handful of successful people in the limelight.

Vance criticises the work ethics of these hillbillies. At the same time he observes the infamous ‘poverty trap’ first hand: when people are better off receiving support rather than doing paid work. When the state intervenes, he concludes, it does more harm than good. Vance puts his trust in individual effort. For him, with his background and personal history, this may be understandable; however, his own book provides ample evidence that it isn’t enough. Nevertheless, what he says has a sobering effect – and rightly so: What can be done? In the end, the question remains unanswered. Changing people’s behaviour, their culture, requires not only material impulses – decent jobs for example – but probably also a lot of time, a lot of patience.

Which brings us to the vexed Trump question. How can it be that these impoverished hillbillies elect a spoiled multimillionaire heir? How is it that these people who can’t get a grip on their own lives are loyal to a party that is prattling on about personal responsibility? (I seem to have read somewhere that generally speaking, the Republican Party does best in those states where most social support is paid out). Vance doesn’t provide an answer either, but at least he gives a few clues. If his Hillbillies rejected Obama, he writes at one point, it was by no means a question of race; rather, Obama, who himself had to overcome prejudice and disadvantage, showed what was possible and how they, the Hillbillies, were constantly failing. An heir – pure luck! –, a macho, foul-mouthed: not surprisingly, such a man appealed to them much more.

Recommended? – I’m not sure. Having read the book twice, the second time very intensely, I’m still confused. And I can’t even say exactly why. That’s probably the reason why the review is so long.

J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (New York: HarperCollins, 2016).