Pilgerreise in die Sowjetunion

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland

Im Herbst und Winter 1926 bereiste Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung die damalige Sowjetunion. Die Reise führte ihn von Lemberg in der Ukraine über Moskau und Leningrad bis nach Astrachan am Unterlauf der Wolga. Seit den großen Revolutionen waren gerade einmal neun Jahre vergangen, die Wunden des Bürgerkriegs lagen offen zutage. Noch galt im Lande die Neue Ökonomische Politik, wenngleich sie sich bereits dem Ende zuneigte. Stalin zog die Fäden in der Partei und im Staate, wir wissen heute, was er im Sinn hatte. Joseph Roth wusste es nicht.

Reisen in die Sowjetunion glichen Pilgerfahrten, so eine Art Hadsch für westeuropäische Intellektuelle. Das Sowjetsystem vereinigte große Hoffnungen auf sich: ein radikaler Neuanfang, so glaubte man – wollte man glauben –, alles würde anders werden, die Befreiung des Menschen, weltweiter Friede. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschien das nur zu verständlich.

Manche ließen sich vom Augenschein bestärken, verschlossen die Augen vor der Realität (oder kehrten ihr überhaupt den Rücken, so wie Brecht). Roth reiste wohl auch mit der Absicht in die Sowjetunion, begeistert zu sein. Es finden sich genug Beobachtungen, genug Passagen, die davon zeugen. Das geht so weit, dass er sogar von der Religionsfreiheit schwärmt; Gott lebe in der Sowjetunion wie Gott in Frankreich, meint er einmal.

Man braucht aber nicht weit zu lesen, bis man merkt, dass da etwas nicht stimmt – in der beobachteten Realität nicht, und ebenso wenig in Roths Reportagen. Für mich war’s interessant festzustellen, dass Roth unter anderem die Schäbigkeit, die Trost- und Freudlosigkeit des Lebens, des Alltags bemängelt. Eben dies hat mich mehr als fünfzig Jahre später nämlich ebenfalls bedrückt: keine Freundlichkeit, kein Lächeln, keine Fröhlichkeit. Das ist natürlich schrecklich oberflächlich, klar, aber ich glaubte – ebenso wie Joseph Roth –, dass sich da eine tiefer liegende Malaise manifestierte. Woher sie kam, welcher Art sie war, das konnte ich ebenso wenig wie Roth einfach und schlüssig benennen.

Ein Pilger also, den der Augenschein nicht zu überzeugen vermochte, ganz im Gegenteil. (Der berühmteste dieser Spezies dürfte André Gide gewesen sein.) Roth sei als überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und kehre als „Royalist“ in den Westen zurück, meinte Walter Benjamin, der den Autor in Moskau traf. Wie’s scheint, wandte sich Roth in der Folge von der Utopie ab und der Vergangenheit zu, wie er sie nicht lange danach im Radetzkymarsch (erschienen 1932) verarbeiten sollte.

Empfehlenswert? – Also, bei aller Wertschätzung für Joseph Roth, ich würde doch zögern. Es braucht wohl das Interesse eines Spezialisten, sei’s für Joseph Roth, sei’s für die seinerzeitige Auseinandersetzung rund um Kommunismus und Sowjetunion.

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, hg. und mit einem Nachwort von Jan Bürger (München: C. H. Beck textura, 2015).