Ein raues Leben

Alfons Petzold, Das rauhe Leben

Alfons Petzold (1892–1923) war das, was man als Arbeiterdichter zu bezeichnen pflegte. In seinem Falle traf das sogar in doppeltem Sinne zu: Nicht bloß schrieb er über das Los der Arbeiter im Wien der Jahrhundertwende (vom 19. zum 20. Jahrhundert), er hatte dieses Los selbst geteilt. Eben davon handelt der autobiographische Roman Das rauhe Leben.

Als ungelernter Hilfsarbeiter durchläuft Petzold viele Arbeitsplätze, verrichtet die verschiedensten Arbeiten. Manche sind unerträglich hart oder gesundheitsschädigend, manche sind skurril – so, etwa, wenn er sich neben einem Hund vor einen schweren Karren spannt. Dazwischen erlebt er regelmäßig Perioden der Arbeitslosigkeit und damit Armut. Einmal führt sie ihn zu Obdachlosen, die im Wiener Kanalsystem übernachten und sich von Abfall ernähren – oder gar von erlegten Ratten.

Doch geht’s im Rauhen Leben nicht ausschließlich ums Elend. Da ist auch die Mutter, mit der Petzold eine enge Beziehung verbindet. Ebenso geht’s ums Lesen, die Literatur, es geht um „Höheres“. Politisch findet Petzold nach kurzen Irrwegen zur Sozialdemokratie, der er bis an sein Lebensende treu bleiben sollte.

Petzold schildert die Welt der Arbeiter, der Armen gleichsam von innen, als einer von ihnen. Deshalb ist seine Schilderung so anschaulich, so berührend – aber auch vielfältiger, widersprüchlicher, als es eine Theorie zulassen würde. Er schreibt in einem überraschend klaren Stil: glasklar, ist man versucht zu sagen. Das erinnert an Traditionen der englischsprachigen Literatur. Es macht die Lektüre heute umso spannender. Ähnliches gilt im Übrigen auch für seine Lyrik, die den Großteil seines Werks ausmacht und die ihm wichtiger war als die Prosa. Petzold könnte eine willkommene Ergänzung zu den literarischen Größen jener Zeit darstellen, zu Schnitzler, Zweig, Rilke, Hofmannsthal. Wir lernen eine Menge über das Leben im legendären „Wien der Jahrhundertwende“, dieses Mal allerdings von unten gesehen, von der schmutzigen Unterseite her. Was wir da erfahren, das lässt uns die Kämpfe der Sozialdemokratie erst richtig verstehen: um den Acht-Stunden-Tag zum Beispiel, um die Gesetze zur Lehrlingsausbildung, um Kranken- und Unfallsversicherung.

Und heute? Wir haben geglaubt, die Missstände, welche Petzold schildert, seien behoben, die Ungerechtigkeiten beseitigt, die Unmenschlichkeit gezähmt. Geglaubt, ja – in den siebziger Jahren zum Beispiel, als ich auf der Uni meine Diplomarbeit über Alfons Petzold schrieb. Seither hab’ ich beobachtet, wie die böse alte Zeit Stückchen für Stückchen zurückkehrt. Und immer öfter kam mir Alfons Petzold in den Sinn, und Das rauhe Leben.

Empfehlenswert? – Unbedingt. Buchausgaben sind, wie ich festgestellt habe, wieder erhältlich.

Alfons Petzold, Das rauhe Leben: Roman eines Menschen (Graz: Das Bergland-Buch, 1932). Das Exemplar ist von meiner Großmutter auf mich gekommen. – Eine Neuausgabe erschien 2019 beim Verlag Hofenberg, Berlin. Es dürfte sich allerdings um book on demand handeln, demnach um keinen Verlag im klassischen Sinne.