Wenn die Fahne weht…

Fünf Millionen Euro würden ausgegeben, versprach Bildungsminister Heinz Faßmann im Fernsehen, um Corona-Tests für unsere Schüler anzuschaffen. Die könnten schnell und einfach daheim durchgeführt werden und würden so einen normalen Schulbetrieb ermöglichen.

Verpflichtend?

Nein, beteuerte der Herr Minister eilig, daran sei nicht gedacht.

Und würde das kontrolliert werden, ob die Schüler die Tests durchgeführt haben?

Nein. Reine Freiwilligkeit.

Meine bessere Hälfte heulte ebenso auf wie Ihr werter Berichterstatter. Fünf Millionen für ein Spielzeug!

Denn genau dazu würden die Tests degenerieren. Natürlich.

Es fragt sich, wie man auf solche Ideen kommen kann. Und da sieht man schnell, dass es wieder einmal um die Freiheit geht, die dieser Tage unablässig beschworen wird, sei’s in Diskussionen, sei’s als Parole auf Demonstrationen.

Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Es handelt sich ganz eindeutig um das, was ich als Fahnenwort bezeichne. Ein solches braucht bloß geschwungen zu werden, schon reiht sich alles ein, schon denkt alles im Gleichschritt.

„Wenn die Fahne weht“, pflegte Konrad Lorenz ein ukrainisches Sprichwort zu zitieren, „ist das Hirn in der Trompete.“

In der Tat, ja. Keine Widerrede! Und zwar selbst dann nicht, wenn dieses Fahnenwort in unserer Wirklichkeit, in unserem Alltag eigentlich schädlich wirkt, so wie eben jetzt die Freiheit in unserem Ringen mit der Pandemie.

Aber das hilft alles nichts – wir haben’s mit einem Dogma zu tun. Mit einer Ideologie. Damit hätten wir im Laufe des 20. Jahrhunderts eigentlich genügend Erfahrung sammeln können. Eine Ideologie, so haben wir gelernt, geht zunächst von bestimmten Annahmen aus, die mögen mehr oder weniger realistisch sein (meistens weniger); daraus wird dann ein komplettes Gedankengebäude konstruiert, aus dem heraus schließlich Anweisungen erteilt werden. Bloß haben sich diese Anweisungen inzwischen so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt, dass sie sich in der Praxis kontraproduktiv auswirken. Aber die Ideologen können das nicht mehr ändern: Dazu müssten sie ihre Ideologie aufgeben, ihre Dogmen, und dann wären sie nicht mehr das, was sie sind und was sie sein wollen: dogmatische Ideologen.

Im 20. Jahrhundert haben wir derlei an den Bolschewisten in der Sowjetunion beobachtet. Die konnten bis zum Schluss nicht von der Planwirtschaft abgehen, obwohl sie so offensichtlich nicht funktionierte. Andererseits kann ich mich selbst noch an die Alten Krieger aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, die das mörderische Verhalten der Nazis in der Ukraine beklagten; das habe die Deutschen den Sieg gekostet. (Gut so, dachte ich bei mir.) Dabei konnten die Nazis gar nicht anders! Hätten sie die Bevölkerung in den besetzten Teilen der Sowjetunion wirklich „befreit“, mit Respekt behandelt, zu Verbündeten gemacht, dann wären sie keine Nazis gewesen. Wären sie keine Nazis gewesen, hätten sie die Ukraine nicht erobert. Wahrscheinlich hätten sie von vorneherein gar keinen Krieg angefangen.

Weit hergeholt? – Mag sein. Aber das waren eben jene Beispiele, anhand derer ich gelernt habe, was das ist: das Diktat eines Dogmas.

Beide, Bolschewisten und Nazis, saßen in der Falle ihrer eigenen Ideologie. Und so ähnlich – wenngleich natürlich bei weitem nicht so drastisch! – geht es uns heute mit unserem Liberalismus, mit dem Dogma der Freiheit. In der gegenwärtigen Lage behindert es uns, so wie eben jetzt bei den Selbsttests der Schüler.

Wenn die Fahne weht…

Warum zum Teufel soll ein demokratischer Rechtsstaat nicht anschaffen dürfen? Gesetze erlassen? Verpflichten? Strafen aussprechen? Wenn wir ihm diese Kompetenz nicht mehr zugestehen, dann schaffen wir ihn ab. Wenn wir ihn abschaffen, dann gibt’s auch keine Demokratie mehr. Was an ihre Stelle tritt, das haben wir im 20. Jahrhunderts ebenfalls schon gesehen (siehe oben).